Skeleton Tree

- -
- 100%
- +
«Ist doch egal! Es funktioniert nicht!» Er warf mir einen wütenden Blick zu, als hätte ich den Batterien den Saft entzogen. «Alles Schrott hier. Ein Kocher ohne Streichhölzer.» Er schleuderte den Campingkocher ebenfalls durch die Hütte. «Eine Kerze, die man nicht anzünden kann.» Zack, weg war sie, die Kerze in ihrer kleinen Laterne. Dann verschränkte er die Arme, ließ sich aufs Bett fallen und schmollte wie ein Zweijähriger.
Ich war ebenfalls sauer und wünschte, wir hätten das Walkie-Talkie nie gefunden und die Hütte auch nicht. Es war schlimmer, wenn man sich große Hoffnungen machte und enttäuscht wurde. Doch ich hob die Dinge auf, die Frank zerschlagen hatte. Um die Einzelteile des Funkgeräts einzusammeln, musste ich unters Bett kriechen.
«Lass das», sagte Frank. «Das ist Zeitverschwendung.»
«Irgendwo könnten Ersatzbatterien sein», sagte ich.
Frank schnaubte. «Und Ersatzstreichhölzer, was?»
«Warum denn nicht?» Ich kroch rückwärts unter dem Bett hervor. «Wenn der Typ einen Kocher hatte, muss er auch Streichhölzer gehabt haben.»
«Schau im anderen Zimmer nach», sagte Frank.
Selbstverständlich gab es kein anderes Zimmer, und Frank wollte mich nur wieder ärgern. Darin war er ziemlich gut. Doch ich glaubte fest daran, dass es noch eine Streichholzschachtel gab und wahrscheinlich auch eine frische Batterie. Deshalb stellte ich den wackeligen Stuhl aufs Bett und lugte über den Rand des Regalbretts.
«Irgendetwas ist dort», sagte ich. «Ein paar Sachen, glaube ich.»
Das Erste war ein Buch, ein altes Taschenbuch mit losen Seiten. Rabenjäger Kaetil von Daniel J. Chesterson. Auf dem Titelbild war ein unglaublicher Muskelprotz abgebildet; er war in Tierfelle gekleidet und hatte einen Raben mit einer schwarzen Kapuze auf der Schulter, dessen Krallen mit silbernen Dornen versehen waren. Ich las den Text auf der Rückseite laut vor:
Kaetil wird als Baby zum Sterben an einem Berghang ausgesetzt, doch er wird von Raben gerettet. Nachdem sie ihn lehren, wie ein Raubvogel zu jagen und wie ein Greifvogel zu denken, kennt er nur ein Ziel: Er will den Mann mit den gelben Augen finden – den Mann, der seinen Vater getötet hat.
«Hört sich gut an», sagte Frank. «Was ist da oben noch?»
Ich schaute noch einmal genau hin. Ganz hinten auf dem Regal stand eine orangefarbene Kunststoffkiste. Frank riss sie mir aus der Hand und löste die kleinen Riegel. «Ein Haufen Mist», sagte er und kippte alles auf die Matratze.
Ich stieg vom Stuhl und nahm die Sachen in die Hand. Die Kiste enthielt eine vollständige Überlebensausrüstung: eine Rettungsdecke aus glänzender Folie, eine Trillerpfeife mit eingebautem Kompass, einen kleinen Spiegel mit einem Loch in der Mitte und ein Metallröhrchen in der Größe eines Kulis, das ich hochhob, um es Frank zu zeigen.
«Ja, und?», fragte er.
«Das ist eine Leuchtpistole», sagte ich.
«Glaubst du, das wüsste ich nicht?» Er war so zornig, dass er richtiggehend hässlich aussah. «Es gibt nichts, was du weißt und ich nicht.»
«Aber hier ist auch noch ein Leuchtsignal.» Ich hielt es hoch, einen kleinen roten Zylinder.
«Wen interessiert das?», rief Frank mit überschnappender Stimme, wischte über die Matratze und fegte die Trillerpfeife auf den Boden. «Du Schwachkopf. Meinst du, du kannst rausgehen und ein Leuchtsignal abschießen und dann kommt jemand und rettet uns?»
«Warum nicht?»
«Weil DA KEINER IST!»
Ich versuchte, es nicht an mich heranzulassen. «So verlassen ist die Welt nun auch nicht», sagte ich. «Es gibt Schiffe und Flugzeuge und so, und jemand wird vorbeikommen. Vermutlich suchen sie uns bereits.»
«Red keinen Quatsch», sagte Frank. «Es wird Wochen dauern, bis sie überhaupt merken, dass das Boot vermisst wird. Und sie haben keine Ahnung, wo sie suchen sollen. Wir reden von Tausenden von Meilen, und sie können nicht jeden Zentimeter absuchen. Das würde ewig dauern.»
«Und was willst du jetzt machen?», fragte ich.
«Und was willste jetzt machen?», äffte er mich nach. «Ich will sterben, das will ich.»
Wie ein Butler stand ich mit dem Leuchtsignal und der kleinen Pistole vor ihm. Allmählich konnte ich Frank nicht mehr ertragen. Ich ließ die Sachen aufs Bett fallen und ging nach draußen.
Der Rabe schrie mich an.
Er hatte den toten Vogel aus dem Gebüsch gezerrt und beugte sich über ihn. In seinem Schnabel steckten schwarze Federchen. Er streckte den Kopf vor, plusterte sich auf und kreischte mich an.
Ich fand ihn ziemlich grausam, einen kleinen Kannibalen, der seinen toten Gefährten anfraß. Der Boden war mit roten Isolationsfetzen übersät, die er aus dem Draht gerissen hatte. Da er mich offensichtlich warnte, ja nicht näherzukommen, hob ich die Hände und ging um ihn herum. «Okay», sagte ich. Er wirbelte den Kopf herum, um mich mit seinen schwarzen Augen zu beobachten.
Auf der linken Seite verlief der Wildpfad, der vom Strand hier hochführte. Auf der rechten Seite führte ein weiterer Weg ins Gebüsch. Die Zweige trafen sich beinahe in der Mitte, doch der Weg war oft benutzt worden, das konnte man sehen. Eine Furche hatte sich in die Erde gegraben.
Ich ging auf dem Pfad in den Wald hinein und schlängelte mich durch die Bäume. Er führte mich zu der schmalen Felsspitze, die ich vom Strand aus gesehen hatte, und während die Brandung immer lauter wurde, gelangte ich zu einer kleinen Wiese, die an drei Seiten vom Meer umgeben war. Gelbe Gräser wiegten sich im Wind, und ein einsamer Baum setzte sich schwarz und hager gegen die Wolken ab. Stürme hatten seinen Stamm zu einem gedrehten Strick und seine Äste zu spinnenartigen Fingern verformt. Schwarz vom Alter und so gut wie entnadelt, wirkte er wie ein verkrüppeltes altes Weib, eine Hexe, die in flatternde Moosfetzen gekleidet war.
Als ich gegen die blendende untergehende Sonne die Augen zukniff, entdeckte ich vier Holzkisten in den Astbeugen.
Sie waren aus Zedernholz gezimmert und sahen fast so alt aus wie der Baum. Die Flechten auf dem Holz, das allmählich auseinanderfiel, schimmerten silbern in der Sonne. Zwei Kisten waren bereits aufgeplatzt, die kurzen Seiten waren eingebrochen. Drinnen erkannte ich Schenkelknochen und Rippen und eine runde Schädeldecke. Es handelte sich um Särge.
Im roten Schein des Sonnenuntergangs lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Ich dachte an die Skelette, die in ihren einzelnen Kisten wie Astronauten in einem Raumschiff schliefen. Langsam wich ich über den langen Schatten zurück, den der Baum aufs Gras warf. Dann drehte ich mich um und rannte zur Hütte.
Der Rabe stand immer noch auf der Erde und riss jetzt an dem Draht, der den Kadaver umschlang. Und wieder hob er den Kopf und breitete das Gefieder aus. Er öffnete den Schnabel so weit, dass ich die Zunge sehen konnte – einen kleinen orangen Pfeil. Der Rabe gab einen seltsamen Laut von sich, der in seiner Brust rasselte, als wollte er sprechen.
Er war groß genug, um bedrohlich zu erscheinen, und ich überlegte, wie ich um ihn herumgehen sollte, doch da kam Frank auf dem Wildpfad vom Sandstrand herauf. In diesem Augenblick schwang sich der Rabe in die Luft und flog zwischen die Bäume.
Frank war sauer. «Wo warst du?», fragte er.
«Da hinten.» Ich zeigte auf den anderen Weg. «Da steht ein Baum mit Särgen in den Ästen. Die Skelette liegen noch drin.»
Er sah mich zweifelnd an. «Zeig es mir», sagte er.
«Es ist fast dunkel», erwiderte ich.
«Na und?» Er warf sein Haar zur Seite. «Du hast doch nicht etwa Schiss?»
Ich hasste sein gemeines Grinsen. In der Tat, die Skelette hatten mir Angst gemacht, doch das würde ich nicht zugeben. «Dann komm», sagte ich.
Als wir endlich wieder auf der Wiese standen, war die Sonne untergegangen. Hinter den Waldgebieten ragte ein zerklüfteter Berg wie ein kauernder Riese auf, während die Skelette unter einem dunkelroten Himmel unbemerkt in ihren Kisten ruhten.
Als Frank zu dem Baum ging, befürchtete ich plötzlich, er würde einen Ast abbrechen und auf die Skelette einschlagen.
Doch er war ehrfürchtig und ernst und umrundete den Baum zweimal, ohne etwas zu sagen. Er schlurfte wie bei einem Beerdigungszug. Schließlich blieb er mit den Händen an den Hüften stehen und blickte zu den Särgen hoch. Der höchste war so klein, dass ein Kind darin liegen musste. Weiter unten war ein Sarg aufgebrochen, aus dem Kleidungsfetzen wie Spinnweben heraushingen. Ich sah das Skelett ausgestreckt liegen, den Schädel zu einer Seite geneigt, als würde es aufs Meer hinausschauen.
Frank ging noch näher heran, doch ich rührte mich nicht vom Fleck. Als er es merkte, lachte er. «Du hast wirklich Schiss», sagte er.
«Nein», erwiderte ich. «Es ist eben unheimlich.»
«Wieso?», fragte Frank. «Es ist nur ein Friedhof. Die Landschaft besteht aus so vielen Felsen und Steinen, dass die Indigenen ihre Toten auf diese Weise begruben. Das sind nur alte Knochen.»
«Früher waren es Menschen.»
«Und?» Frank warf den Kopf zurück. «Jeder muss sterben. Ich möchte lieber in einen Baum gesteckt als in der Erde begraben werden. Wer will schon von Würmern gefressen werden?»
«Wer will von Vögeln angeknabbert werden?»
Frank zuckte auf seine nervige Art mit den Schultern. Dann ging er geradewegs zu dem Baum, legte die Hand auf die schwarze Rinde und strich über den Stamm.
«Was für ein Baum ist das?», fragte ich.
Frank blickte nach oben durch die Äste. Er sah mich an und ging weg. «Das ist ein Skeleton Tree. Ein Skelettbaum, du Penner.»
Der Wind ebbte ab und das Meer beruhigte sich. Die Wellen wogten mit einem Hauch an die Küste, und eine Möwe schrie auf ihrem Heimweg. Es waren Klänge, die ich kaum noch wahrnahm, Hintergrundgeräusche wie der Verkehr in der Stadt. Deshalb hörte ich recht deutlich das leise Scharren und Schaben im Baum. Bei der leichten Brise würden Äste nicht knacken. Es war ein Schürfen auf Holz, etwas Kratzendes.
Als ich mich umdrehte, um Frank zu folgen, fiel mir etwas Merkwürdiges auf. Im Schatten des offenen Sarges konnte ich die klaffenden Augen des Skeletts sehen. Es hatte den Kopf gedreht, um zu mir hinabzuschauen.
5

Der Rabe
Selbst jetzt, Wochen später, erschauere ich bei dem Gedanken an die Skelette.
Ich hatte Albträume von dem Versuch, es zu begreifen. Wieso liegen Särge in einem Baum? Hatte der Tsunami sie vielleicht dorthin geschleudert? Wurden die Menschen lebendig in Kisten gesteckt und dem Tod überlassen? Waren sie selbst dort hochgeklettert?
Oder Frank hat recht. Vielleicht stand einst vor langer Zeit ein Dorf am Sandstrand, und der Baum ist nur ein Friedhof in einem Land mit vielen Felsen und wenig Erde. Möglicherweise wurden die bedeutendsten Menschen in den Zweigen dieses Skelettbaums zur Ruhe gebettet. Das ergibt mehr Sinn.
Aber ich werde die Vorstellung nicht los, dass die Skelette nachts herabsteigen. Ich habe es bildlich vor mir gesehen, wie sie die Sargdeckel öffnen, in die Dämmerung hinausblicken und herunterklettern, um durch den Wald zu rennen.
Was ist das für ein Geräusch hinter mir? Wenn ich mich jetzt umdrehe, werde ich dann sehen, wie sich die Gerippe wieder auf ihre Plätze begeben? Ich kann mir vorstellen, wie ein Skelett seine langen Knochen über den Kistenrand schwingt und sich wie ein Kampfpilot in sein Cockpit in den Sarg zwängt.
Ich werde froh sein, hier wegzukommen. Aber die Skelette werde ich sicher niemals vergessen.
Sie werden bis an mein Lebensende in meinen Träumen vorkommen.

Das wusste ich schon am ersten Tag, als Frank mich am Skelettbaum allein ließ. Er ging, ohne Bescheid zu sagen, und als ich mich umschaute, war er bereits auf der anderen Seite der Lichtung und kurz vorm Waldrand. «Warte auf mich!», rief ich.
Er ging lachend weiter.
Ich rannte los und taumelte durchs Gras. Als Frank über seine Schulter blickte und mich sah, fing er ebenfalls an zu rennen und verschwand im schwarzen Schlund des Wildpfads.
Die Vorstellung, dass er ebenfalls Angst hatte oder sich zumindest ein bisschen fürchtete, gefiel mir. Doch das stimmte gar nicht, Frank plante nur voraus. Die Skelette waren ihm ganz egal, und er war nur vorausgelaufen, um das einzige Bett in Beschlag zu nehmen.
Als ich endlich in der Hütte ankam, hatte er sich bereits auf der Schaumstoffmatratze ausgebreitet und die orange Kiste mitsamt Inhalt auf den Boden geworfen.
Das gab mir einen Stich, aber da war nichts zu machen. Es gelang mir, die Tür zu schließen und festzudrücken, doch der alte Holzriegel war kaputt. Wegen des verbretterten Fensters war es in der Hütte schwarz wie in einem Grab, und ich musste mich zu der Ecke vortasten, wo ich mich auf den nackten Boden legte. Ich schlief sofort ein, wurde aber gleich wieder aufgeschreckt. Draußen bewegte sich etwas.
«Hast du das gehört?», fragte ich. «Frank! Hast du das gehört?»
Obwohl er im Halbschlaf war, wurde er sofort wütend. «Was soll ich gehört haben?», fragte er barsch.
«Dieses Geräusch.»
«Welches Geräusch?»
Da war es wieder, ein leises Kratzen. «Da!»
«Das ist nichts», sagte Frank. «Schlaf jetzt.»
«Ich glaube, da draußen ist etwas», sagte ich.
«Da draußen ist immer etwas», sagte Frank. «Das ist so im Wald.»
Das Bett knarrte, als er sich auf die Seite wälzte. Für ihn war die Sache erledigt. Ich legte mich wieder auf den Boden, aber ich konnte unmöglich einschlafen. Stocksteif und mucksmäuschenstill lag ich da und lauschte angestrengt. Doch nichts rührte sich.
«Frank? Schläfst du?»
Er stöhnte. «Ja, Chris, ich schlafe.»
Ich versuchte, einen freundlichen Ton anzuschlagen. «Glaubst du, wir kommen wieder nach Hause?»
Er schwieg.
«Ich glaube, ja. Wetten, dass andauernd Boote vorbeifahren? Und Wasserflugzeuge natürlich auch. Vielleicht sehen wir morgen schon eins.»
Frank lag still auf dem Bett.
«Wir können uns mit dem Ausschauhalten abwechseln», schlug ich vor. «Wenn wir ein Boot oder ein Flugzeug sehen, können wir die Leuchtpistole abfeuern.»
Er grunzte nicht einmal.
«Oder wir nehmen das Leuchtsignal und machen damit Feuer. Hey, warum nicht?», sagte ich. «Ein Feuer würde uns warmhalten und wäre gleichzeitig ein Signal. Ich meine, wenn du kein Feuer mit …»
«Ich weiß, wie man Feuer macht», sagte Frank. «Das habe ich dir schon mal gesagt, du Penner. Und jetzt halt die Klappe und schlaf.»
Eine Weile lag ich schweigend unterhalb von ihm. Dann sagte ich: «Frank? Nur …»
«Schnauze!»
«Sag mir nur noch eine Sache», sagte ich. «Willst du hier in der Hütte bleiben? Oder willst du weiter nach Norden gehen?»
Keine Antwort.
«Frank, was willst du tun?»
«Schlafen», sagte er. Und das tat er dann auch. Kurz darauf schnarchte er leise, und das Geräusch tröstete mich.
Der Morgen kam in grauen Lichtstreifen durch das verbretterte Fenster, den Türrahmen und durch schmale Ritzen in den Hüttenwänden. Es war kalt und unbequem, und ich stand stöhnend vom Boden auf. Frank war wach und räkelte sich auf dem Schaumstoffpolster. Seine Jacke diente als Zudecke. Er beobachtete mich auf dem Weg zur Tür.
«Wo willst du hin?», fragte er.
«Ausschau nach Schiffen halten.»
«Halte Ausschau nach Wasser», entgegnete er. «Das ist wichtiger. Oder such was zu essen.» Er warf die Jacke beiseite und setzte sich hin. «Hol Seetang.»
Ich hatte etwas dagegen, derart herumkommandiert zu werden. «Hol’s dir selbst», sagte ich.
«Na gut, Chrissy», sagte er mit gespielter Geduld. «Eigentlich wollte ich Muscheln oder so etwas sammeln. Aber wenn du das lieber tun willst, meinetwegen.»
Er wusste genau, wie er mich ärgern konnte. Er benutzte genau den richtigen Ton und die richtigen Wörter, und er wusste natürlich, dass ich keine Ahnung von Muscheln hatte. «Vergiss es», sagte ich.
Als ich gegen die Tür drückte, um rauszukommen, fiel sie mit ihrem letzten Scharnier krachend auf den Boden. Schon wieder blickte der Rabe von dem Kadaver seines toten Freundes zu mir auf. Er war ebenso überrumpelt wie ich, flatterte hoch und sauste über meinen Kopf hinweg aufs Dach der Hütte, wo er von einem Bein aufs andere trat. Sein Rückengefieder war zerzaust und unordentlich, und er wirkte auf mich wie ein besorgter kleiner Mann. Als ich mich über den toten Vogel beugte, quäkte er traurig. Und als ich ihn hochhob, heulte er auf.
«Alles gut», sagte ich zu dem Raben.
Obwohl der tote Vogel so groß war, wog er fast nichts. Er fühlte sich hart und hohl an, vertrocknet wie ein alter Flaschenkürbis. Während ich ihn hielt, kam Frank aus der Hütte. Sein Haar war stachelig und wirr wie das Gefieder des Raben, und als er mich sah, schnitt er eine Grimasse. «Der wimmelt sicher von Läusen», sagte er.
Ich ließ ihn fallen. Frank beförderte den Kadaver erneut mit Tritten ins Gebüsch. Der Rabe auf dem Dach kreischte, doch Frank schenkte ihm keine Beachtung. «Im Wald wirst du keinen Seetang finden», sagte er und ging an mir vorbei.
Der Rabe auf dem Dach murrte und gurrte. Ich sah den toten Raben mit dem Schnabel nach unten im Gebüsch liegen, holte einen Stock und zog ihn wieder hervor. Dann hob ich in Moos und Erde kratzend ein kleines Grab aus.
Die Schreie des Raben wurden lauter. Er schwang den Kopf und zerschlitzte mit dem Schnabel die Plastikabdeckung. Er jammerte. Ich erinnerte mich daran, wie ich auf dem großen, am Hang gelegenen Friedhof am Grab meines Vaters gestanden und meine Mutter neben mir geweint hatte. So wie ich mich da gefühlt hatte, dieses Geräusch machte der Rabe.
Schließlich legte ich den toten Vogel sanft in das flache Grab und wollte ihn zudecken, als mir der Skeleton Tree einfiel. Wer will schon von Würmern gefressen werden, hatte Frank gesagt. Ein Rabe ganz bestimmt nicht. Ich hob den Vogel hoch und trug ihn nach unten zur Landspitze. Der Rabe schwang sich vom Dach, um mir zu folgen, und als ich die Lichtung erreichte, saß er bereits auf der Spitze des Skelettbaums. Für ihn war der Baum nur ein Ort, von wo er Meer und Land überschauen konnte. Die Skelette bedeuteten einem Raben nichts, er hatte keine Angst vor dem Tod und alten Knochen.
An diesem Tag war es windstill, und es fühlte sich an, als ginge der Sommer zu Ende. Weit oben tüpfelten Wölkchen den Himmel, der heute wässrig-blau war, und die uralten Särge wirkten wie kleine Boote, die auf einem großen weiten Ozean schwammen.
Unter dem aufmerksamen Blick des Raben nahm ich den roten Draht ab und hängte ihn mir in einer Schlaufe um den Hals. Schockiert stellte ich fest, dass er tief ins Gefieder und in den Körper des Vogels eingeschnitten hatte. Doch die Flügel fielen auseinander, und ich empfand es so, als hätte ich den Raben befreit. Dann streckte ich die Arme so weit wie möglich nach oben und legte das arme tote Ding in eine Astbeuge.
Ich wollte eigentlich nicht in die Kisten schauen, doch das Flattern von zerschlissenem Stoff erregte meine Aufmerksamkeit, und plötzlich blickte ich geradewegs durch den weggefaulten Boden eines Sargs auf dasselbe Skelett, das in der vergangenen Nacht auf mich herabgesehen hatte.
Moosfetzen klebten an seinem Kopf, und der Schädel war erneut zum Himmel hin ausgerichtet. Der Wind hat ihn gedreht, redete ich mir ein. Aber es war überhaupt nicht windig gewesen.
Ich rannte zum Ende der Landspitze. Die Flut stieg so hoch, dass der Seetang größtenteils überschwemmt war, doch ich fand ein paar Stücke brauner Meeresalgen, die zwischen die Felsen geworfen worden waren. Ich riss die langen Blätter ab und ging damit zurück, ohne einen weiteren Blick auf den Skelettbaum zu werfen.
Frank kehrte unmittelbar nach mir mit einem alten Eimer zurück, den er nun in der Mitte der Hütte auf den Boden stellte. Dann ging er in die Hocke und versuchte, mit zwei Stöcken aus dem verstreuten Brennholz Feuer zu machen. Ich spähte in den Eimer, der eine sich windende Masse von Kreaturen à la Frankenstein – halb Pflanze, halb Tier – enthielt. «Was ist das denn?», fragte ich angewidert.
«Rate mal», sagte Frank.
Ich hatte keine Ahnung. Als ich den Eimer schüttelte, erbebten die Kreaturen. Frank hatte gesagt, er wolle Muscheln sammeln, doch Muscheln waren das nicht. Auf gedrungenen Stummelkörpern saßen knollenförmige Köpfe, die Ähnlichkeiten mit Klauen hatten. Sie zuckten und ruckten auf eine Art und Weise, die ich nicht normal fand. Ich dachte an die Atomkraftwerke, die von dem Tsunami zerstört worden waren. «Sind das Mutanten?», fragte ich.
Frank schnaubte. Er rieb die Stöckchen so schnell aneinander, dass seine Hände wie ein verschwommener Fleck wirkten, doch erneut gab es weder Flammen noch Rauch. Und wie beim letzten Mal verlor er schließlich die Geduld und warf die Hölzer weg. «Scheiße!», rief er. «Dann essen wir sie eben roh.»
«Aber was ist es denn nun?», fragte ich.
Er hätte mich am liebsten angeschrien. «Entenmuscheln, du Idiot!» Dann schnappte er sich den Eimer, doch als er einen Blick hineinwarf, hätte ich beinahe gelacht, weil er aussah, als würde er gleich reinkotzen. «Sie klammern sich draußen auf See an Gegenstände», erklärte er. «Meistens sind sie bereits tot, wenn man sie findet. Ich habe noch nie eine gegessen.»
«Und was ist mit den Muscheln?», fragte ich.
«Hochwasser, Mann.»
Ich hatte noch nie Muscheln ausgegraben, aber sogar ich wusste, dass das nicht ging, wenn der Strand überschwemmt war. Frank holte eine Entenmuschel aus dem Eimer und hielt die Klaue zwischen seinen Fingern, während sie sich wand wie eine Made.
Ihre braune Haut war runzlig wie ein Elefantenrüssel. Mit einem leisen reißenden Geräusch zog Frank sie ab. Das Fleisch, das darunter hervorkam, war gelb. Frank verzog das Gesicht, steckte das Ding in den Mund und biss den fleischigen Kopf ab. Die Klaue warf er in den Eimer. Dann wischte er sich mit der Hand über den Mund.
«Nicht schlecht.»
Ich lachte. Seine saure, angewiderte Miene sprach Bände.
«Nein, echt», sagte er.
Dann mussten wir beide lachen, und der gelbe Schleim der Entenmuschel warf in seinem Mund Blasen. Es war unglaublich eklig, aber zum ersten Mal hatten wir gemeinsam ein bisschen Spaß.
Er aß eine zweite und dritte, bevor ich selbst eine probierte. Die Muschel schmeckte salzig und nahrhaft, und ich fand es scheußlich, dass sie noch lebte. Ich musste würgen, als sie durch meine Kehle glitt. Doch der Geschmack war gar nicht so schlecht.
Frank sah zu, wie ich sie herunterschluckte. «Und?»
«Ich habe schon schlimmere Sachen gegessen», antwortete ich. «Als kleiner Junge habe ich mal Hundeköttel gegessen.»
Frank lachte. «Ich habe Glas gegessen.»
«Echt? Was ist passiert?», fragte ich.
«Ich weiß es nicht mehr genau», sagte Frank. «Aber es war unheimlich. Meine Mutter ist ausgeflippt und hat die Notrufnummer gewählt. Die Ärzte haben mir Watte zu essen gegeben.»
«Wieso?»
«Um das Glas zu polstern, glaube ich.» Frank zuckte mit den Schultern. «Ich habe geweint, das weiß ich noch.»
Kaum vorstellbar, dass Frank weinte. Er wollte weitererzählen, doch dann hielt er inne, als hätte er schon zu viel gesagt. Wir aßen weiter Entenmuscheln und leerten den ganzen Eimer, während wir zusammen alberten und lachten. Ich legte vier Entenmuscheln in meiner Hand zurecht wie Finger. Frank ließ zwei von seinem Kopf baumeln wie Fangarme von Aliens. In dieser kleinen Hütte und in dieser einsamen Umgebung waren wir glücklich.
«Hey, Frank?», sagte ich.





