Wenn Liebe nicht genug ist

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Aber ohne sich davon wirklich beeindrucken zu lassen, füllte er erneut die Gabel und führte sie zu ihrem Mund. Artig ließ sich Susan füttern. Thomas hatte ja auch recht, wenn sie wieder zu Kräften kommen wollte, musste sie essen, auch wenn sie zurzeit gar keinen Appetit hatte. Als der Teller zur Hälfte geleert war, lehnte sie sich zufrieden zurück und hob abwehrend die Hände. Mit einem Lachen sagte sie: „Stopp. Bitte keinen weiteren Bissen mehr, sonst platze ich.“
Thomas blickte auf den halb leeren Teller und stimmte in ihr Lachen mit ein. Er war dermaßen in Gedanken versunken gewesen, dass er gar nicht bemerkt hatte, dass er sie unentwegt gefüttert hatte.
„Entschuldigung“, stammelte er und stand wie von der Tarantel gestochen auf.
Susan griff nach seiner Hand und drückte sie sanft.
Sie blickte ihm direkt in seine blaugrauen Augen, die sie unsicher ansahen und sagte:
„Ist schon in Ordnung. Es ist sehr nett von Ihnen, dass Sie sich so um mich kümmern. Ich weiß das wirklich sehr zu schätzen. Normalerweise habe ich niemanden, der sich so fürsorglich um mich kümmert.“
Susan wirkte traurig und verletzlich und er unterdrückte den Drang, ihr mit der Hand sanft über die Wange zu streicheln. Thomas versuchte die Gedanken, die ihn überkamen, mit einem Kopfschütteln wegzubekommen und sich wieder auf die Unterhaltung zu konzentrieren. Er war überrascht über sich selbst, dass er dermaßen heftig auf diese Frau reagierte. Das war sonst so gar nicht seine Art. Seit seiner Trennung vor etlichen Jahren von Michelle hatte er wenig Interesse an Frauen gehabt. Sein Vater hatte ihm damals die Leviten gelesen, weil er es gewagt hatte, mit einer Frau auszugehen, die lediglich als kleine Kassiererin in einem Supermarkt gearbeitet hatte. Das wäre unter seiner Würde und er würde den Namen der Familie in den Schmutz ziehen, wenn er die Beziehung weiter verfolgen würde, so sein Vater. Nur widerwillig hatte Thomas damals auf seinen Vater gehört und die Beziehung beendet. Danach kam es zum Streit zwischen ihm und seinem Vater und seither hatten sie kein einziges Wort mehr miteinander gewechselt. Seitdem war eine lange Zeit vergangen und er hatte bis vor einem halben Jahr keine Frau mehr an seiner Seite gehabt. Sein Problem war, dass die Frauen entweder nur hinter seinem Geld und seinem Titel her waren oder dass die Frauen für ihn einfach nicht intelligent genug waren. Er hatte hohe Ansprüche und war nicht bereit, davon abzurücken. Thomas hatte es satt, Kompromisse einzugehen. Er war auf der Suche nach seiner Traumfrau: sexy, erfolgreich, intelligent und standesgemäß. Das war, aus seiner Sicht, ja wohl auch nicht zu viel verlangt.
Seit knapp sechs Monaten nun traf er sich regelmäßig mit Marianne Summerset. Seine Mutter hatte die erste Verabredung arrangiert und da Thomas ihr nur schwer etwas abschlagen konnte, hatte er eingewilligt. Seine Mutter hegte den Wunsch, dass er endlich eine Frau fand, die er auch heiraten konnte und wollte. Aus ihrer Sicht war Lady Marianne Summerset genau die Richtige für ihn und sie würde es sehr begrüßen, wenn er sich mit Marianne verloben würde. Thomas musste sich eingestehen, dass Marianne seinem Ideal schon verdammt nahekam und er trug sich schon seit Längerem mit dem Gedanken, sie um ihre Hand zu bitten. Heute sollte der große Tag sein. Den Ring trug er bereits in seiner Hosentasche und er hatte den entsprechenden Rahmen organisiert, um Marianne um ihre Hand zu bitten.
Thomas versuchte sich wieder auf die Unterhaltung zu konzentrieren und er sagte schließlich: „Sie können so lange bleiben, wie Sie möchten.“
Mit diesen Worten stand er auf und entzog ihr seine Hand.
„Ich muss gehen. Ich habe heute noch eine wichtige Verabredung.“
Thomas lächelte Susan an und ging dann aus dem Zimmer. Nachdenklich blickte sie ihm nach.
Seltsamerweise störte sie der Gedanke, dass er jetzt noch fortging, um sich zu amüsieren. Es schoss ihr durch den Kopf, dass sie ihn sehr gerne begleitet hätte. Müde schloss sie die Augen und dachte noch lange an den Mann, der sie „gerettet“ hatte.
Thomas ging nach unten in die Eingangshalle und sagte zu Miranda: „Rufen Sie bitte George. Er soll den Bentley vorfahren. Ich möchte noch ins Casino.“
Miranda nickte und eilte davon.
Weil es schon wieder regnete, griff Thomas nach seinem Trenchcoat und warf ihn sich über die Schultern. Als George mit dem Bentley vorfuhr, sprintete Thomas aus dem Haus und sprang durch die geöffnete Wagentür in das Innere des Autos. Immer noch kreisten seine Gedanken um Susan. Dabei sollte er mit seinen Gedanken bei Marianne sein. Es dauerte etwa eine halbe Stunde, ehe er am Casino ankam. Marianne erwartete ihn bereits ungeduldig in der Eingangshalle. Überschwänglich begrüßte sie Thomas und küsste ihn links und rechts auf die Wange.
„Hallo, Darling. Ich dachte schon, du lässt mich hier ewig warten.“
Marianne sah ihn vorwurfsvoll aus ihren blauen Augen an.
„Hallo Marianne. Es tut mir leid, aber ich wurde aufgehalten“, sagte er entschuldigend.
Unbemerkt musterte er Marianne. Sie sah umwerfend aus. Sie trug ein silbernes, über und über mit Pailletten besetztes, langes Abendkleid, das sich sanft um ihre weiblichen Kurven schmiegte. Ihr blondes, langes Haar trug Marianne offen und es fiel ihr in weichen Locken über die Schultern. In der Hand trug sie eine silberne Abendhandtasche. Thomas reichte ihr galant den Arm und führte sie in das Casino. Heute war der Abend, an dem er ihr den Heiratsantrag machen wollte. Er hatte schließlich lange genug damit gewartet. Mit seinen siebenunddreißig Jahren fand er, war es auch endlich an der Zeit, sesshaft zu werden und die Frau an seiner Seite zu heiraten. Seine Mutter würde hocherfreut sein, wenn sie die freudige Nachricht bekam. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.
Ein Bediensteter führte sie im Restaurant zu einem der kleinen Tische. Auf dem Tisch brannte eine weiße Kerze und verbreitete in dem leicht abgedunkelten Raum ein intimes Licht. Höflich rückte der Kellner den Stuhl für Marianne zurecht. Marianne setzte sich und legte ihre Handtasche neben sich auf den Tisch. Thomas nahm ihr gegenüber Platz.
„Marianne, Schätzchen, ich muss mit dir sprechen.“
Er nahm ihre Hand und blickte ihr dabei tief in die Augen. Als der Kellner die bestellten Gläser mit prickelndem Champagner brachte, unterbrach er sich und wartete, bis die Getränke serviert waren und der Kellner sich wieder entfernt hatte. Marianne sah ihn neugierig an.
„Ich hoffe, es geht um etwas Positives.“
Marianne lachte leise und sah Thomas forschend an. Thomas räusperte sich.
„Marianne, wie du weißt, war ich anfangs nicht davon begeistert, durch ein arrangiertes Treffen eine Frau kennenzulernen. Aber da meiner Mutter so viel daran lag, konnte ich ihr das auch nicht ausschlagen. Als sie mir dann dich vorstellte, habe ich meine Meinung grundlegend geändert. Niemals im Leben hätte ich gedacht, dass sie mir eine dermaßen hübsche, intelligente und sexy Frau wie dich vorstellen würde. Seit unserem ersten Treffen sind mittlerweile sechs Monate vergangen und ich denke, es ist an der Zeit für den nächsten Schritt.“ Thomas machte eine kleine Pause und zog Mariannes Hand näher zu sich. Marianne holte tief Luft und sah gespannt in Thomas’ Gesicht.
„Marianne, willst du meine Frau werden?“
Marianne nickte erfreut und strahlte Thomas an. Ohne darüber nachzudenken antwortete sie kurzerhand: „Ja, ich möchte gerne deine Frau werden.“
Thomas beugte sich über den Tisch und küsste sie flüchtig auf den Mund. Dann griff er in die Tasche seines Smokings und holte ein kleines, dunkelblaues Schmuckkästchen aus Samt heraus. Er öffnete es und zog einen wunderhübschen Diamantring heraus, den er Marianne an den linken Ringfinger steckte.
„Das ist ein altes Familienerbstück und wird von Generation zu Generation weitergegeben. Es ist der Verlobungsring meiner Großmutter.“
Thomas nahm ihre Hand und küsste sie formvollendet und sah ihr dabei tief in die Augen.
Eigentlich hätte er ebenfalls überglücklich sein müssen, aber in seiner Bauchgegend hatte er ein seltsames Gefühl. Er konnte nicht genau definieren, was es war und warum er sich nicht wirklich freuen konnte, aber er hatte große Mühe nicht ständig an Susan zu denken, die in seinem Gästezimmer ihre Krankheit auskurierte. Warum zum Teufel ging ihm diese Frau einfach nicht mehr aus dem Kopf? Er hatte soeben Marianne einen Heiratsantrag gemacht und dennoch kreisten seine Gedanken weder um eine bevorstehende Hochzeit, noch um die hübsche Marianne. Nein, seine Gedanken drehten sich einzig und alleine um Susan. Wundervolle, fremde Susan. Thomas schüttelte über sich selbst den Kopf und versuchte, sich wieder auf Marianne zu konzentrieren, die immer noch freudestrahlend vor ihm saß und entzückt den Brillantring musterte.
Marianne, Susan, Marianne, Susan. Er dachte, er wurde schön langsam verrückt. Ungeduldig fuhr er sich mit der Hand durch das Haar und kratzte sich am Kopf. Er hoffte inständig, dass Marianne nicht bemerkte, in welchem Dilemma er sich momentan befand.
Thomas und Marianne gingen nach dem Dinner noch in das große Casino, um ein wenig ihr Glück zu versuchen. Nach ein paar Stunden in ausgelassener Stimmung brachte Thomas Marianne nach Hause und verabschiedete sie höflich vor der Tür.
„Kommst du noch mit hoch?“
„Nein, Marianne. Ich muss morgen ganz früh raus. Ich habe einen wichtigen Kundentermin.“
Traurig und enttäuscht sah Marianne ihren Verlobten an und zog eine Schnute.
„Marianne, wenn du so dreinschaust, fällt es mir verdammt schwer zu gehen.“
Thomas blickte sie vorwurfsvoll an und drückte ihr schließlich zum Abschied einen Kuss auf die Lippen.
„Das ist auch Sinn und Zweck der Sache“, sagte sie mit einem breiten Grinsen.
„Ein anderes Mal. O. k.?“
Thomas küsste sie erneut und ging dann zurück zu seinem Wagen. George hielt ihm die Tür zum Fond des Bentley auf und Thomas stieg ein und setzte sich auf die Rückbank. Marianne beobachtete das Auto, wie es in der Dunkelheit verschwand, ehe sie nachdenklich den Schlüssel ins Schloss steckte und die Haustür aufsperrte.
Kapitel 2
Thomas stand am nächsten Morgen im Besprechungsraum seines Büros und besprach mit seinen Angestellten den Tagesablauf. Er schrieb gerade ein paar Daten auf ein Flipchart und erklärte, was zu tun war, aber in Gedanken war er nicht bei der Sache. Ständig musste er an Susan denken, die immer noch krank daheim in seinem Bett lag. Nein! Er korrigierte sich gedanklich, sie lag nicht in seinem Bett. Sie lag in einem seiner Betten, so musste es richtig heißen. Bei dem Gedanken daran, dass sie jemals in seinem Bett liegen könnte, wurde ihm ganz heiß und er kam ins Stottern.
„Ähm … ja, also Sie wissen alle, worauf wir uns heute konzentrieren müssen. Viel Erfolg und gute Geschäfte.“
Er klappte den Deckel seiner Aktenmappe zu und marschierte mit der Mappe unter dem Arm so schnell er konnte aus dem Besprechungsraum. Einige neugierige Blicke folgten ihm. Als Thomas draußen war, hörte er wie einige Mitarbeiter zu tuscheln begannen. Instinktiv wusste er, dass er Thema der Unterhaltung war. Wütend über sich selbst und sein unprofessionelles Verhalten stapfte er in sein Büro und schloss die Tür mit einem lauten Knall. Verdammter Mist. Wieso zum Teufel konnte er nur noch an diese Frau denken? Er hatte das Gefühl, sich eben völlig zum Affen gemacht zu haben und das alles nur wegen dieser Frau. Dabei sollten seine Gedanken um Marianne und die bevorstehende Hochzeit kreisen und nicht um eine fremde Frau, die er kaum kannte. Wie sollte das erst werden wenn er für Susan für die Werbekampagne arbeiten würde? Thomas bemerkte, wie seine Gedanken erneut um Susan kreisten; er versuchte, sich wieder auf seine Arbeit zu konzentrieren. Er musste noch den Kunden kontaktieren, mit dem er am Vortag die Golfpartie gehabt hätte, die ins sprichwörtliche Wasser gefallen war. Er seufzte laut und kramte nach seinem Terminkalender.
Susan erwachte am nächsten Morgen und fühlte sich wie gerädert. Sie hatte geschlafen wie ein Murmeltier, dennoch fühlte sie sich, als hätte sie kein Auge zugetan. Ständig schwirrte Sir Thomas Stanton III. in ihrem Kopf herum. Vorsichtig streckte sie Arme und Beine aus und wartete auf die Reaktion ihres Körpers auf diese Bewegung. Ein leicht schummriges Gefühl machte sich in ihrem Kopf breit und sie griff im Zeitlupentempo nach dem Glas Wasser, das auf dem Nachttisch stand. Susan trank das Glas in einem Zug leer. Danach fühlte sie sich bereits etwas besser. Vorsichtig stand sie auf und sah sich in dem großen, freundlich eingerichteten Gästezimmer um. Neben dem großen, breiten Bett, das aus massivem dunklem Holz gefertigt war, stand ein kleiner, passender Nachttisch. Gegenüber dem Bett befand sich die Tür zum Badezimmer. Links neben der Tür hing ein großer Spiegel in einem wunderschönen, reichlich verzierten, goldenen Rahmen. Darunter befand sich ein kleiner Konsolentisch, auf dem eine geblümte Stehlampe stand. Der Raum war mit einem dicken, beigen Teppich ausgelegt und die Wände waren mit einer geschmackvollen Tapete verkleidet. An der Wand rechts von ihr befanden sich ein offener Kamin und die Tür, die auf die Galerie führte. An der Wand gegenüber waren ein massiver Kleiderschrank und ein großes Fenster. Susan ging zu dem Kleiderschrank und öffnete ihn in der Hoffnung, dort ihre Kleidung zu finden, aber der Schrank war leer. Suchend sah sie sich in dem Raum um, aber sie konnte ihre Kleidung nirgends entdecken. Also ging sie ins Badezimmer, um sich frisch zu machen. Als sie damit fertig war, blickte Susan an sich herunter und stellte fest, dass sie nur mit dem kurzen Hemd bekleidet schwerlich das Haus verlassen konnte. Sie musste die Haushälterin ausfindig machen, denn die wusste mit Sicherheit, wo sich ihre Kleidung befand. Susan durchquerte das Gästezimmer und öffnete vorsichtig die Tür und spähte hinaus. Es war niemand zu sehen. Leise ging sie auf nackten Füßen über die Galerie zur Treppe. Sie stieg die Treppe hinab und sah sich im Erdgeschoss um. Susan stand in der großen Eingangshalle, von wo aus die beeindruckende, breite Treppe auf die Galerie führte. Links neben dem Eingang führte eine doppelte Flügeltür, die offen stand, in einen großzügigen Wohnsalon. Susan betrat den riesigen Raum und sah sich um. Vor dem offenen Kamin standen ein großer, mit dunkelrotem Samt bezogener Ohrensessel und eine schwere Ledercouch. Davor befand sich ein Couchtisch aus Glas und auf dem Boden lag ein dicker, geknüpfter Orientteppich. Es roch leicht nach Rauch und alten Büchern. Susan drehte sich um und entdeckte ein riesiges Bücherregal, das die Wand neben der Flügeltür vollständig einnahm und bis zur Decke reichte. Eine fahrbare Treppe war an dem Regal montiert und diente als Aufstiegshilfe, um an die obersten Regale und Bücher zu gelangen. Susan sah sich weiter um. Unter den beiden großen Fenstern stand ein massives, mit Messing beschlagenes Sideboard aus dunklem Teakholz. Darauf standen einige saubere Gläser. Sie vermutete, dass sich in dem Sideboard eine Bar verbarg. Susan wandte sich um, durchquerte die Eingangshalle und suchte weiter nach der Haushälterin. Schließlich erreichte sie die Küche, aus der unüberhörbare Geräusche kamen. Susan klopfte an die Tür und trat ein.
„Guten Morgen“, sagte sie freundlich.
Miranda drehte sich zu Susan um und machte einen höflichen Knicks.
„Guten Morgen, Miss Walsh.“
„Wissen Sie vielleicht, wo sich meine Kleidung befindet?“
Miranda nickte.
„Die sind in der Waschküche. Ich sehe sofort nach, ob Ihre Sachen schon trocken sind.“
Wieder machte sie einen Knicks und eilte durch eine weitere Tür davon. Susan blieb zurück und wartete auf die Rückkehr der Haushälterin. Wenige Augenblicke später kam Miranda zurück. In ihrer Hand hielt sie einen Kleiderbügel aus Holz, auf dem Susans Kleider hingen. Susan wollte ihn ihr aus der Hand nehmen, aber Miranda ließ es nicht zu.
„Kommen Sie, ich helfe Ihnen.“
Miranda ging voraus. Höflich hielt sie Susan die Küchentür auf und ließ sie vorgehen. Miranda folgte ihr die Treppe hinauf in das Gästezimmer. Dort legte sie die Kleidung sorgfältig auf das Bett und wartete darauf, dass sie Susan behilflich sein konnte. Susan setzte sich mit einem leisen Seufzen auf das Bett und sagte schließlich: „Danke, Miranda. Ich brauche keine Hilfe. Aber können Sie mir vielleicht erklären, warum Sir Thomas und sein Vater nicht mehr miteinander sprechen?“
Miranda sah sich verstohlen um und flüsterte hinter vorgehaltener Hand.
„Miss Walsh, eigentlich steht es mir nicht zu, darüber zu sprechen.“
Sie rückte noch etwas näher zu Susan und setzte dann leise fort.
„Sir Thomas Stanton hatte vor ein paar Jahren eine, sagen wir einmal, nicht standesgemäße Geliebte. Damit war Sir Christian Stanton überhaupt nicht einverstanden. Deswegen kam es zu einem Streit und die beiden Herrschaften haben seither kein Wort mehr miteinander gewechselt.“
Susan nickte nachdenklich. So etwas in der Richtung hatte sie sich schon gedacht. Allerdings verstand sie nicht ganz, warum so eine Lappalie Vater und Sohn derart entzweit hatte. Aus ihrer Sicht hätte man so eine Sache doch auch friedlich klären können. Aber was wusste sie schon über die Bedeutung einer nicht-standesgemäßen Freundin in einer Adelsfamilie. Sie selbst stammte aus einer reichen Unternehmerfamilie und obwohl unter ihren frühen Vorfahren auch Adelige waren, war sie bodenständig erzogen worden. Susan schüttelte den Kopf und machte sich dann daran, in ihre Klamotten zu schlüpfen.
„Danke, Miranda“, sagte sie und Miranda verabschiedete sich mit einem Knicks, ehe sie das Gästezimmer verließ.
Susan schlüpfte in ihre Jeans und war erstaunt darüber, wie weich diese war. Noch nie in ihrem ganzen Leben hatte sie es geschafft, ihre Jeans so weich zu bekommen. Verwundert fuhr sie mit der flachen Hand über den weichen Stoff. Es fühlte sich an, als ob man mit den Fingerspitzen über einen Pfirsich streichelte. Danach schlüpfte sie in ihre weiße Bluse und schnupperte genießerisch an dem frischen Duft. Die Bluse war offensichtlich gewaschen, gebügelt und gestärkt worden. Susan fühlte sich wie im siebten Himmel oder wie in einem Luxushotel. Sie sah sich suchend im Raum um. Schuhe. Wo waren ihre Schuhe? Susan bückte sich und fand ihre Schuhe schließlich unter dem Bett, wo Miranda sie feinsäuberlich mit Zeitungspapier ausgestopft und zum Trocknen hingestellt hatte. Mit einem Lächeln im Gesicht entfernte Susan das Zeitungspapier und schlüpfte in ihre Schuhe. Sie wollte Sir Stanton nicht länger zur Last fallen und sich auf den Heimweg machen. Susan fühlte sich zwar immer noch schwach und wackelig, aber sie konnte von ihm nicht verlangen, sie, als quasi Fremde, länger bei sich aufzunehmen als unbedingt nötig. Susan hatte Thomas’ Gastfreundschaft schon viel zu sehr strapaziert. Daher griff sie nach ihrer Tasche, die auf einem der Bettpfosten hing. Mit der Hand strich sie die Bettdecke glatt und machte sich dann auf den Weg nach unten. Gerade als sie die Villa verlassen wollte und ihre Hand auf die Türklinke legte, hörte sie einen Schlüssel im Schloss klimpern und einen Augenblick später trat Sir Thomas Stanton durch die Tür. Überrascht sah er Susan an.
„Was tun Sie hier?“, entfuhr es ihm.
„Ich gehe nach Hause“, antwortete Susan trotzig und sie reckte ihr Kinn kämpferisch in die Höhe.
„Sie gehen nirgendwo hin!“, sagte er energisch und verschloss die Tür hinter sich.
Susan holte entrüstet Luft und wollte eben zu einer Antwort ansetzen, als er erklärend und etwas sanfter hinzufügte:
„Ich habe Dr. Lexington mein Wort gegeben, dass sie die verordnete Bettruhe einhalten und sich auskurieren werden.“
Thomas griff nach ihrer Schulter und schob sie sanft Richtung Treppe.
„Und ich pflege mein Wort zu halten.“
Mit diesen Worten griff er nach ihrer Hand und zog sie mit sich die Treppe hinauf. Susan wollte protestieren, ließ es aber dann doch lieber bleiben. Sein Gesichtsausdruck verriet ihr, dass sie besser nicht widersprach. Amüsiert beobachtete sie ihn von der Seite, wie er verbissen versuchte, sich auf die Treppe zu konzentrieren. Als sie das Gästezimmer erreicht hatten, öffnete er die Tür und zog sie hinein. Sachte schloss er die Tür hinter ihnen und sah ihr tief in die Augen. Susan schluckte hart, denn sein intensiver Blick machte sie nervös und sie bemerkte, wie ihre Knie weich wurden. Mit der Zungenspitze fuhr sie sich nervös über die trockenen Lippen. Unaufhörlich beobachtete Thomas jede Regung in Susans Gesicht und sie bemerkte, dass er schneller atmete als normal. Thomas machte einen Schritt auf sie zu und sie dachte schon, er wollte sie küssen, aber im nächsten Moment ließ er abrupt ihre Hand los, machte auf dem Absatz kehrt und ging zum Fenster. Susan musste sich am Bettpfosten festhalten, um nicht umzukippen. Ihre Knie zitterten und ihr Herz pochte bis zum Hals. Sie beobachtete, wie Thomas sich nervös mit einer Hand durch sein blondes Haar fuhr. Er stand am Fenster und starrte unentwegt hinaus. Nach einer gefühlten Ewigkeit ergriff er das Wort.
„Bitte bleiben Sie“, sagte er leise und ohne sich umzudrehen.
Susan atmete tief durch und versuchte, ihr wild pochendes Herz zu beruhigen. Wieso lag ihm soviel daran, dass sie blieb? Sie hatte keine Ahnung, aber sie wollte es herausfinden.
Schließlich sagte sie etwas zögerlich:
„In Ordnung. Wenn Sie darauf bestehen, dann bleibe ich. Ich könnte ohnehin noch etwas Pflege und Fürsorge gebrauchen.“
Susan lächelte zaghaft, während sie ihre Tasche zurück an den Bettpfosten hängte.
Thomas drehte sich zu ihr um und sah sie besorgt an. Sie wirkte in ihrer weißen Bluse blass und zerbrechlich. Er trat auf Susan zu und reichte ihr die Hand, die sie dankbar drückte.
„Danke, Susan.“
Er schien unschlüssig, ob er noch etwas sagen sollte. Susan wartete geduldig, während Thomas immer noch ihre Hand festhielt. Sie spürte die Wärme seiner Hand in ihrer. Erneut sah er sie intensiv an und ihr wurde schon wieder schummerig. Sie wusste nicht, ob es von ihrem Gesundheitszustand oder von Thomas’ Anwesenheit herrührte, aber sie hatte das Gefühl, sich hinlegen zu müssen, denn sie begann bereits leicht zu schwanken. Thomas schien es bemerkt zu haben und er legte fürsorglich einen Arm um ihre Schultern, um sie zu stützen. Bei der plötzlichen Berührung zuckte sie zusammen. Thomas ignorierte es und drückte sie sanft auf das Bett.
„Sie legen sich sofort ins Bett und ruhen sich aus.“
Thomas sah sie ernst und besorgt an.
„Mit so einer Infektion ist nicht zu spaßen. Sie gehören ins Bett und damit basta.“
Susan nickte erneut und machte sich gedankenverloren daran, ihre Bluse aufzuknöpfen. Thomas räusperte sich und wandte sich abrupt von Susan ab. Erschrocken ließ Susan die Hände sinken.
„Ich gehe jetzt besser und lasse Sie alleine.“
Thomas verließ beinahe fluchtartig das Gästezimmer. Vor der Tür blieb Thomas einen Moment stehen und fluchte leise. Er hatte das Gefühl, dass er in Susans Nähe nicht mehr Herr seiner Sinne war. Als sie begonnen hatte, ihre Bluse aufzuknöpfen, hätte er sie ihr am liebsten vom Leib gerissen und sie bis zur Besinnungslosigkeit geküsst. In ihrer Nähe konnte er den Blick nicht von ihr wenden und die schmutzigsten Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Dabei kannte er diese Frau doch gar nicht. Zugegeben, sie war äußerst attraktiv und als Inhaberin einer Werbeagentur war sie erfolgreich und mit Sicherheit auch nicht dumm, aber er war im Begriff, Marianne zu heiraten. Thomas hatte keine Ahnung, was bloß mit ihm los war. Er zwang sich, seine Gedanken auf Marianne zu lenken. Ja, Marianne. Seine Verlobte Marianne.
Thomas fand, dass sich das seltsam anfühlte, und er schnaubte verächtlich. Mit einem Blick auf seine Armbanduhr sprintete er die Treppe hinunter und machte sich auf den Weg zurück in sein Büro. Um elf hatte er einen Termin mit Dexter Bowles, einem seiner wichtigsten Kunden.
Susan ließ sich erleichtert und erschöpft in die Kissen sinken. Die paar Minuten auf den Beinen hatten sie mehr angestrengt, als sie zugeben wollte und sie musste sich eingestehen, dass sie wirklich noch nicht fit war. Sie fühlte sich, als ob sie Fieber hätte und in ihrer Kehle brannte es. Susan schenkte sich ein Glas Wasser ein und trank es gierig. Plötzlich klopfte es an der Tür und Miranda trat ein und brachte ihr ein Tablett mit Frühstück. Sie stellte das Tablett auf das Bett.



