Die 40 bekanntesten archäologischen Stätten entlang der Via Agrippa in Deutschland, Luxemburg und Frankreich

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So wurde das antike Köln zu einer Stadt römischen Rechts „befördert“, was sie natürlich zu einem begehrten Anziehungspunkt im kalten Norden machte und ihr einen sagenhaften Aufschwung in den nächsten Jahrzehnten und folgenden zwei Jahrhunderten bescherte.
Stellen wir uns nun vor, ein Händler kommt im späten 2. Jh. mit seiner Ladung den Rhein hinauf, um von CCAA über die Via Agrippa in die Eifel zu gelangen. CCAA ist mittlerweile zur Hauptstadt der römischen Provinz Germania Inferior aufgestiegen und zählt 20.000 Einwohner. Von Weitem schon muss der Händler die mächtige Stadtmauer mit ihren zahlreichen Türmen und Toren gesehen haben, und vorgelagert die längliche Insel – die heute überbaut und nicht mehr sichtbar ist – auf der drei nagelneue große horrea (Lagerhallen) standen. Hier würde er an einem der Holzkais vor Anker gehen und überschüssige Ware verkaufen, bevor er die restliche Menge auf einen großen Ochsenkarren umladen ließ, der ihn auf dem Landwege – über die Via Agrippa – weiter in die Eifel bringen würde. Die Reste dieser Lagerhallen sind heute in einer Ausgrabung unter der Kirche Groß Sankt Martin zu besichtigen. Sie überlagern ältere Gebäudefundamente und ein Becken aus dem 1. Jh., die vermuten lassen, dass sich hier eine Art Sportanlage befunden haben könnte, bis das Areal wahrscheinlich im Zuge einer Hafenvergrößerung umstrukturiert und die Lagerhallen erbaut wurden.
Abb. 6 Der Römerturm in der Zeughausgasse ist das am besten erhaltene Stück der römischen Stadtmauer von Köln.
Nachdem unser Händler seine Geschäfte abgeschlossen und seine Waren umgeladen hatte, betrat er die Stadt durch eines der drei rheinseitigen Tore. Die im Durchschnitt 2,40 m dicke und 8 m hohe Stadtmauer mit ihren 19 Türmen muss sehr beeindruckend gewesen sein. Heute noch kann man an einigen Stellen Reste dieser Befestigungsanlage sehen. Am besten erhalten und gleichzeitig einzigartig in seiner künstlerischen Gestaltung ist der sog. Römerturm (Abb. 6), der die nordwestliche Ecke der ca. 4 km langen Stadtmauer bildete. Er befindet sich heute an der Zeughausstraße 13 und fällt sofort durch sein mehrfarbiges Natursteinmosaik auf. Die Tatsache, dass die Römer ihre Wehrtürme über die eigentliche Funktion hinaus auch noch künstlerisch verzierten, unterstrich ihre Macht und den Wohlstand der Stadt.
Eines der beeindruckendsten Gebäude, das sich gleich hinter der rheinseitigen Stadtmauer befand, war der Sitz des Stadthalters, das Praetorium, dessen mächtige Grundmauern heute unter der Budengasse 2 zu besichtigen sind. Wer hier vorgeladen wurde, hatte gewiss weiche Knie. Der Praetor (Stadthalter) hatte die militärische und zivile Obergewalt über die gesamte Provinz und unterstand direkt dem Kaiser. Diese Macht drückte sich auch in seiner Wohn- und Amtsresidenz aus. Der vorbeiziehende Händler dürfte zum Ende des 2. Jhs. eine Weile gebraucht haben, bis er das zu diesem Zeitpunkt vier insulae (Häuserblocks) umfassende Gebäude passiert hatte. Zu solch palastartigen Ausmaßen hatte der Stadthalter Didius Iulianus das Gebäude um das Jahr 183/184 n. Chr. ausbauen lassen.
Müde von der langen Reise und erschlagen von so viel Protz war bestimmt jedem Reisenden nach einer Erfrischung zumute. Für diese musste er wahrscheinlich nicht einmal ein Gasthaus aufsuchen, zumindest, wenn er nur etwas trinken wollte. CCAA war bestens versorgt mit frischem Quellwasser und die Stadt war durchzogen von einem dichten Netz an Wasserleitungen und Brunnen. Der Händler hatte schon befürchtet, schmuddeliges Rheinwasser trinken zu müssen, aber dieses Wasser aus einem öffentlichen Brunnen war klar und schmeckte hervorragend. Die Römer liebten das Wasser und waren sehr wählerisch, was Herkunft und Qualität desselben anging. Immerhin hatte man eine fast 100 km lange Wasserleitung bis in die Eifel gebaut, um das dort entspringende Quellwasser bis in die Provinzhauptstadt zu leiten. Und nicht nur das Frischwasser war sauber, nirgendwo sah oder roch man stinkende Rinnsale mit Fäkalien. Das lag daran, dass in CCAA im wahrsten Sinne alles im Fluss war. Wie auch das Frischwasser wurde das Abwasser über ein gut vernetztes unterirdisches Kanalsystem aus der Stadt geleitet. Was damals gut verborgen war, ist heute direkt von der Ausgrabung des Praetoriums aus begehbar, ein kleineres Teilstück ist auch über Tage hinter dem Praetorium am Theodor-Burauen-Platz ausgestellt. Der 1,20 m breite und bis zu 2,50 m hohe Kanal leitete die Abwässer in den Rhein. Die großzügigen Maße erleichterten die Wartung und Reinigung – entsprechende Zugänge sind ebenfalls noch sichtbar – machten diese aber sicherlich nicht zu einer beliebteren Aufgabe. Bei dem Gedanken, dass das gesamte Abwasser der Stadt in den Fluss geleitet wurde, kann man verstehen, dass sich ein Flussreisender auf frisches Quellwasser freute.
Nach erledigten Geschäften und einer Übernachtung gelangte unser Händler durch das südwestliche Stadttor auf die Via Agrippa, das sich auf der heutigen Clemensstraße 3 befunden hat und leider nicht mehr sichtbar ist. Wer sich dennoch ein Bild von Aussehen und Ausmaßen der römischen Stadttore in Köln machen will, sollte sich zum Dom begeben, genauer gesagt ins Dom-Parkhaus, denn hier sind die Reste des nördlichen Stadttores von CCAA konserviert (Abb. 7). Darüber, auf der nördlichen Domplatte, wurde ein Seitendurchgang des Tores wieder aufgestellt. Während das Tor zur Agrippa-Straße nur zwei Durchgänge hatte, hatte dieses hier drei, ein großes in der Mitte für Fuhrwerke und zwei Seitendurchgänge für Fußgänger. Allein die Höhe des mittleren Durchganges betrug ca. 8 m. Stellt man sich nun noch einen Überbau und zwei Türme vor, begreift man, welche Ausmaße ein solches Tor gehabt haben muss. Etwas bescheidener, da nicht an einer der Hauptachsen der Stadt gelegen, war das Tor, welches unser Händler nahm. Dennoch hat ihn beim Anblick der riesigen Bögen und ihrer verschließbaren Holztüren sowie der dicken Mauern mit Sicherheit das flaue Gefühl beschlichen, einen mit allen Mitteln gesicherten Ort zu verlassen.
Direkt hinter dem Tor schloss sich ein Gräberfeld an, das sich über mehrere Kilometer entlang des Weges – heute die Luxemburger Straße – hinzog. Unterschiedliche Grabsteine und Mausoleen säumten die Straße, die besonders aufwendigen waren mit bemalten Reliefs verziert. Einige waren rechteckig, andere hatten Giebel wie ein richtiges Haus – ein recht unterhaltsames Ensemble für den Durchreisenden, so makaber es klingt. Denn auf so einer römischen Gräberstraße hieß es: Auffallen um jeden Preis. Dazu muss man wissen, dass es für Menschen, die in der römischen Kultur lebten, sehr wichtig war, dass sich andere Menschen an die eigene Existenz auch über den Tod hinaus erinnerten. So konnte man sich durch das Verfassen von Büchern oder, wenn man über das nötige Kleingeld verfügte, durch Schenkungen von Gebäuden an eine Stadt in Erinnerung halten. Das letzte Denkmal, das man sich setzen konnte, war das Grabmonument. Daher befinden sich die römischen Friedhöfe direkt an den Ausfallstraßen der Siedlungen. Je wohlhabender der Bürger war, desto prominenter, d. h. näher an der Straße, desto größer und prächtiger konnte er sein Grabmonument errichten. Mehrere solch eindrucksvoller Grabsteine sind im Römisch-Germanischen Museum in Köln zu sehen.
Abb. 7 Der Seitenbogen des römischen Nordtores, wiederaufgestellt vor dem Kölner Dom.
Eines dieser Gräber – allerdings aus spätantiker Zeit, vielleicht aus dem 3. oder 4. Jh. – ist noch direkt an der Agrippastraße unter dem Wohnhaus in der Kaulardstraße 2 in Hürth-Efferen zu sehen. Leider ist es nicht von außen erhalten, sodass man über einen Überbau und dessen Verzierung nur mutmaßen kann. Dafür kann man durch einen steinernen Gang in die zum großen Teil erhaltene Grabkammer mit zwei Sarkophagen gelangen. Ihre Deckel sind nur noch etwa zur Hälfte vorhanden, was einen darüber spekulieren lässt, welche Kraft oder auch Hartnäckigkeit diesen soliden Stein zerstört haben mag. Deutlich sind am Eingang der Kammer noch Teile einer Türeinfassung sowie ein Loch, wo der Türriegel angebracht war, zu sehen. Für eine Besichtigung wendet man sich an die Stadtverwaltung Hürth.
Nun verlassen wir endgültig den Raum der Großstadt und begeben uns in die Provinz!
Literatur:
Fischer, T./Trier. M.: Das römische Köln. Der historische Stadtführer. Köln 2014.
Grewe, K.: Der Römerkanal-Wanderweg. Ein archäologischer Reiseführer. Düren 2005. 159 – 177.
Horn, H.G.: Agrippa Straße. Von Köln bis Dahlem in 4 Etappen und 8 Exkursen. Köln 2014. 35 – 70.
Schiffer, T.: Auf Römerwegen durch die Eifel. Rheinbach 2012. 67 – 72.
Ein mehrfach beschrifteter Meilenstein und ein Eintrag in der Tabula Peutingeriana weisen Tolbiacum als Station an der Via Agrippa aus. Vor Antritt der letzten Wegetappe ins antike Köln konnte man sich hier in der öffentlichen Therme gebührend auf einen gepflegten Auftritt in der Metropole vorbereiten.
02 ZÜLPICH – TOLBIACUM: EIN MORDENDER KAISER UND EIN ENTSPANNENDES BAD AM WEGESRAND
DEUTSCHLAND Nordrhein-WestfalenWer denkt, dass ein Reisender auf der Via Agrippa jenseits der großen Städte tagelang ohne Versorgung und Annehmlichkeiten seinen holprigen Weg durch Wald und Flur bestreiten musste, irrt sich. Für die Römer gehörte zu einer guten Infrastruktur auch eine gute Ausstattung: Raststätten, Übernachtungsmöglichkeiten und Pferdewechselplätze in regelmäßigen Abständen waren das Minimum.
Das Straßendorf (vicus) Tolbiacum hatte noch mehr zu bieten. Es gehörte gerade noch zum Verwaltungsbereich von CCAA und war vielleicht im Zuge von Agrippas Straßenbaumaßnahmen als wichtiger Kreuzungspunkt zwischen den Fernstraßen nach Trier, Reims, Xanten, Köln, Bonn und Jülich zu einer größeren Siedlung mit Wegestation ausgebaut worden. Im 2. Jh. wurde der kleine Ort mit einer öffentlichen Thermenanlage ausgestattet, die natürlich auch für Reisende zugänglich war. Was konnte es Schöneres geben, als nach einem Tagesmarsch oder einer langen Fahrt den erschöpften Leib in heißem Wasser zu laben und sich den Dreck, der vielleicht bei nassem Wetter von der Straße hochgespritzt war, von der Haut zu schaben? Wie auch die aufwändigeren Verwandten in den großen Städten verfügte das hiesige Bad über alle Elemente einer typischen römischen Thermenanlage. Man zog sich im apodyterium um, absolvierte dann Kaltbad (frigidarium), Warmbad (tepidarium) und Heißbad (cadarium) und konnte sich in einem zentralen Gymnastikhof (palaestra) sportlich betätigen (Abb. 8). Da sich in Tolbiacum mehrere Fernstraßen trafen, war der Ort belebt mit Durchreisenden, und wo konnte man besser neue Kontakte knüpfen und sich beim Schwitzen oder Wässern unterhalten als hier? Die Thermen waren für die Römer das, was für unsereinen der Stammtisch ist. Man reinigte sich hier nicht nur, sondern man kam zusammen und unterhielt sich, machte Geschäfte. Man kann sich durchaus vorstellen, dass zwei Geschäftsleute aus verschiedenen Provinzen sich hier im caldarium kennenlernten und spontan auf einen Handel einigten.
Heute sind die Reste dieser Thermenanlage im Zülpicher Museum für Badekultur zu besichtigen. Besonders die didaktische und mediale Aufbereitung der Ausgrabung lässt die erhaltenen Beckenreste, Heizungsschächte und Mauern zum Leben erwachen.
Abb. 8 Durch die Hypokaustenheizung wurden Becken und Fußböden von unten mit heißer Luft erwärmt. Zülpicher Museum für Badekultur.
Wenig nördlich der Thermen auf einem Verkehrskreisel auf der Römerallee, die den schnurgeraden Verlauf der Agrippastraße nachvollzieht, ist heute die Kopie eines römischen Meilensteins zu sehen, der die Entfernung nach Köln mit 30 Leugen (35,2 km) angibt, eine gute Tagesreise. Noch interessanter sind die drei weiteren Inschriften mit den Namen der jeweils amtierenden Kaiser. Leider ist die erste Inschrift nicht mehr lesbar, denn es war üblich, die Namen von Kaisern auf öffentlichen Inschriften zu tilgen, wenn sie zum Staatsfeind erklärt worden waren, z. B. durch einen siegreichen Nachfolger.
Die zweite Inschrift ist Kaiser Licinius geweiht, die dritte Kaiser Konstantin und seinen Söhnen. Beide Männer hatten zwischen 308 und 324 n. Chr. gemeinsam das Römische Reich regiert, zerstritten sich aber und Konstantin ließ seinen Konkurrenten schließlich umbringen. Dementsprechend hat man versucht, die erste an Licinius gerichtete Inschrift zu tilgen, allerdings blieb sie für uns zu entziffern. Getilgt wurde auch in der zweiten Inschrift der Name Crispus, Konstantins Sohn, den sein Vater wegen Verrats ebenfalls hatte ermorden lassen.
Literatur:
Horn, H.G.: So badeten die Römer. Rund um die Thermen von Zülpich. Zülpich 2008.
Was verängstigte Reisende für das Werk von barbarischen Germanenhorden halten mögen, kann die Boten und Händler, die regelmäßig die Eifel auf der Via Agrippa durchqueren, nicht schrecken. Hier wird Kalk für das Imperium gebrannt!
03 IVERSHEIM – STINKENDER RAUCH ZIEHT ÜBER DIE VIA
DEUTSCHLAND Nordrhein-WestfalenTief im Wald der Eifel auf der Höhe von Mechernich war es durchaus möglich, dass dem Reisenden des 2. und 3. Jhs. der Gestank von verbranntem Holz, Asche und nicht organischen Stoffen in die Nase drang, oder dass entfernte Rauchsäulen zwischen den Hügeln aufstiegen. Die Rede ist nicht von Brandschatzung, sondern von einem der größten Kalkabbaugebiete nördlich der Alpen, der 25 km langen Sötenicher Kalkgrube. Kalk- und Dolomitgestein wurde hier für die Kalkherstellung in Massen abgebaut, Spuren von antiken Steinbrüchen gibt es zu Hauf und auch mehrere Kalkbrennereien wurden entdeckt, eine davon in Iversheim, das ca. 10 km östlich der Via Agrippa liegt (Abb. 9).
Die 30 m lange Anlage am Hang der Erft, heute am Kalkarer Weg nahe den Gleisen gelegen, bestand aus vier, später sechs 4 m hohen Brennöfen, in denen bei einer Temperatur von bis zu 1.050 Grad Dolomit zu Kalk verbrannt wurde, welcher zur Herstellung von Mörtel diente. Dieser war auf den Baustellen der Provinz heiß begehrt, denn der nierdergermanische Limes musste mit Kastellen befestigt werden. Auch Straßen mussten gebaut und nach den ersten Germaneneinfällen um 270 n. Chr. Häuser und Abwehranlagen wiederaufgebaut und verstärkt werden.
Die Betreiber dieser Brennerei waren keineswegs Privatleute, sondern Legionäre, wie aus zwölf Weihesteinen hervorgeht, die in dieser und den nahegelegenen Brennereien gefunden wurden. Auf den ersten Blick ist die Vorstellung, dass Soldaten einen Brennofen betreiben, etwas merkwürdig, doch in Anbetracht der Tatsache, dass gerade in den Provinzen die Legionäre den größten Teil der Infrastruktur errichteten, weil es nicht genügend Personal gab, nicht unbedingt verwunderlich. Die Weihesteine sind an verschiedene Götter gerichtet, z. B. passenderweise an Minerva, die u. a. für das Handwerk zuständig war. Ihnen ist zu entnehmen, dass in der Brennerei Legionäre der 30. Legion Ulpia Victrix aus Xanten und der ersten Legion Minervia aus Bonn gearbeitet haben. Auch ein Legionär der dritten Legion Cyranaica, die in Arabien stationiert war, war – vielleicht als Experte – vor Ort. Die Arbeit war hart und erfolgte in Schichten. Zwei Öfen brannten gleichzeitig. Es dauerte ca. eine Woche, bis der Kalkstein in einem Ofen durchgebrannt war. Noch einmal zwei Tage, um ihn aus dem Ofen herauszuholen. Dann wurde er verladen – vermutlich auf Schiffe, die ihn über die damals noch tiefere und breitere Erft abtransportierten. Gleichzeitig musste massenweise Brennholz für die Öfen geschlagen werden, nicht zu vergessen Kalkstein geschlagen – direkt über der Brennerei befand sich ein Steinbruch. Dieser musste erst zur Brennerei hinuntergeschleift und dann noch in kleine Brocken, die in den Ofen passten, gebrochen werden. Eine nicht ganz ungefährliche Arbeit, bei der man durchaus die schützende Hand der Götter gebrauchen konnte.
Abb. 9 Zwei von ursprünglich sechs Brennöfen in der Kalkbrennerei Iversheim.
Drei der insgesamt sechs Brennöfen sind in einem Schutzbau zu besichtigen. Einer davon wurde nicht geleert und ermöglicht es somit, gebrannte Kalkreste zu sehen. Vor dem Schutzbau, am Eingang, steht ein weiterer Ofen, der für ein wagemutiges Experiment wieder funktionstüchtig gemacht wurde. Um herauszufinden, wie die Öfen genau funktionierten, haben die Archäologen dem Befund getreu und ohne moderne Hilfsmittel eine Woche lang Kalk in diesem Ofen gebrannt und bewiesen, dass die Öfen arbeiteten – ganz ohne die Kenntnis der einzelnen chemischen Zusammenhänge.
Literatur:
Sölter, W.: Römische Kalkbrenner im Rheinland. Rheinische Kunststätten. Köln 2005.
Wie in der nahe gelegenen Kalkbrennerei Iversheim wurden auch hier Soldaten der ersten Legion Minervia aus Bonn stationiert – diesmal in einer Straßenmeistererei. In dieser urigen Hügellandschaft, wo auch die römische Wasserleitung nach Köln entspringt, befindet sich das lange gesuchte Marcomagus.
04 NETTERSHEIM – MARCOMAGUS: MATRONEN WACHEN ÜBER JUNGE SOLDATEN, MEDUSA ÜBER DAS WASSER FÜR KÖLN
DEUTSCHLAND Nordrhein-WestfalenDurchhaltevermögen war denjenigen zu wünschen, die zu Fuß und möglicherweise noch schwer beladen auf der Via Agrippa unterwegs waren, denn hier kurz vor der Straßenstation Marcomagus wandte sich die Straße das Urfttal hoch und runter (Abb. 10). Immerhin mangelte es nicht an quellreinem Wasser, mit dem man sich erfrischen und Kraft für den nächsten Anstieg sammeln konnte.
Zum ersten Mal kreuzte die Straße den Bach Urft ganz in der Nähe einer der Quellen für die Eifelwasserleitung nach Köln. Den sog. „Grünen Pütz“, das Quellbecken der Leitung, und die sich daran anschließende Wasserleitung kann man heute besichtigen. Hier beginnt auch der Römerkanal-Wanderweg, auf dem man entlang der antiken Wasserleitung bis nach Köln wandern kann. Die rekonstruierte Brunnenstube ist ein in Stein eingefasstes rechteckiges Becken. Der von links kommende, mit Steinplatten abgedeckte 80 m lange Sickerkanal war wasserdurchlässig gebaut und sammelte – wie der Name schon sagt – das Sickerwasser, um es in das Sammelbecken zu führen. Dort wurde es von einem Schwellstein zunächst aufgehalten und so beruhigt, bevor es rechts durch die halbrund überwölbte Wasserleitung seinen Weg nach Köln aufnahm. So wurde das ankommende Wasser von Sand- und Schmutzpartikeln gereinigt, die sich vor der Schwelle absetzten. Der halbrunde Abschluss der Einfassung wurde von zwei Medusenhäuptern verziert, die mit ihren grimmigen Mondgesichtern die Quelle vor Zerstörung oder Verunreinigung schützen sollten.
Oberhalb der Quelleinfassung gab es zwei Trassen, die zur Urftbrücke in Marcomagus führten, wahrscheinlich waren es Einbahnstraßen in entgegengesetzter Richtung. Die steile Trasse bis zur Hochfläche kann man heute direkt vom Parkplatz am Grünen Pütz über die Serpentine Rosenthal nachvollziehen und dabei im Wald ausgefahrene römische Fahrrinnen, eine Wasserrinne sowie links des Weges kurz vor der Kuppe einen überwachsenen Steinbruch sehen. Dieser ist heute kaum mehr als eine tiefe Grube – aus dem die Römer vielleicht Steine für die Straßenbefestigung gewannen.
Abb. 10 Flucht der Via Agrippa Richtung Norden, im Vordergrund das spätantike Kastell an der Urft, dahinter am Hang der vicus Marcomagus.
Nach ca. 4 km ab der Quellfassung konnte man nun endlich im Straßendorf Marcomagus rasten und sich stärken. Diese Station an der Via Agrippa ist auch auf der Tabula Peutingeriana verzeichnet und bis vor wenigen Jahren ging man davon aus, dass es sich hierbei um das nur wenige Kilometer entfernte Marmagen handeln müsse. Ausgrabungen und der nachgewiesene Trassenverlauf belegen jedoch eine Wegestation an dieser Stelle. Zwischen der Anhöhe „Görresburg“, dem angrenzenden weiten Hang „Alte Gasse“ und dem „Steinrütsch“ im Tal an der Urft ist ein archäologischer Landschaftspark angelegt, der ausgewählte Reste des antiken Dorfes sichtbar macht.
Von Norden kommend, erblickte man im 2. Jh. auf der Höhe einen steinernen Tempelbezirk mit drei Gebäuden, unter dem sich am Hang bis hinunter zur Urft längliche auf Steinfundamenten gebaute Fachwerkhäuser dicht aneinanderreihten, die sog. Streifenhäuser. Unten im Tal erreichte man schließlich die Wegestation, hier hat es vermutlich eine Unterkunft und eine Straßenmeisterei gegeben.
Diese wurde von Soldaten aus der Bonner Legion I Minervia betrieben, die auch in der Iversheimer Kalkbrennerei arbeiteten. Sie waren hier als beneficiarii consularis eingesetzt, d. h. Unteroffiziere, die für Dienste im Gemeinwesen und Verwaltungsdienst eingeteilt waren. Sie waren in Marcomagus wahrscheinlich für die Überwachung des Urftüberganges und zur Instandhaltung der Straße im umliegenden Gebiet stationiert. Gut kann man sich vorstellen, dass sie den strapazierten Straßenbelag mit Steinen aus dem nahegelegenen Steinbruch ausbessern mussten. Diese Wegestation wurde, wahrscheinlich nachdem sie bei den Frankeneinfällen im 3. Jh. zerstört worden war, Anfang des 4. Jhs. erneuert und zu einem steinernen Kastell ausgebaut, das man fortan durchqueren musste, um auf die andere Seite des Flusses zu gelangen. Die Grundmauern dieses Kastells wurden rekonstruiert und können heute wieder durchquert werden.
Abb. 11 Matronenheiligtum des vicus Marcomagus auf der „Görresburg“.
Vier der beneficiarii haben in dem oben gelegenen Tempelbezirk den sog. Aufanischen Matronen Weihesteine mit Inschriften geschenkt, deren Kopien heute rund um das Heiligtum aufgestellt sind (Abb. 11). Diese meist zu dritt dargestellten Muttergottheiten mit großen Hauben als Haartracht sind wahrscheinlich keltischen Ursprungs und wurden besonders im Rheinland verehrt, aber auch weiter südlich in Gallien, wo man ganz ähnliche Darstellungen entlang der Via Agrippa finden kann. Der Beiname „Aufanisch“ ist nicht geklärt. Ein Hauptheiligtum der Matronen befand sich vermutlich in Bonn. Man kann sich also gut vorstellen, dass die Bonner Legionäre den hier schon seit dem 1. Jh. vorhandenen Kultplatz ausgebaut und nach dem Ende ihres Dienstes dort Weihesteine für ihre Gottheiten aufgestellt haben, um ihnen für eine glücklich verlaufene Dienstzeit zu danken.
Literatur:
Grewe. K.: Der Römerkanal-Wanderweg. Ein archäologischer Reiseführer. Düren 2005. 66 – 69.
Horn, H.G.: Agrippa Straße. Von Köln bis Dahlem in 4 Etappen und 8 Exkursen. Köln 2014. 188 – 200.



