Der lebende Leichnam. Drama in sechs Akten (zwölf Bildern)

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Erster Akt
Erstes Bild
Die Handlung spielt in Moskau, in Protasows Wohnung. Die Szene stellt ein kleines Speisezimmer vorErster AuftrittAnna Pawlowna, eine korpulente, grauhaarige Dame, sitzt im Korsett allein am TeetischZweiter AuftrittAnna Pawlowna und die Kinderfrau, die mit einer Teekanne hereinkommtKinderfrau: Kann ich bei Ihnen etwas heißes Wasser bekommen?
Anna Pawlowna: Jawohl. Was macht der kleine Mascha?
Kinderfrau: Er ist sehr unruhig. Es ist recht übel, daß die gnädige Frau ihn selbst nährt. Sie hat so ihren Kummer, und das Kind leidet darunter. Was muß das für eine Milch geben, wenn die gnädige Frau bei Nacht nicht schläft, sondern immerzu weint.
Anna Pawlowna: Aber ich denke, sie hat sich jetzt beruhigt?
Kinderfrau: Gott bewahre! Es zieht einem das Herz zusammen, wenn man sie ansieht! Sie hat da etwas geschrieben und dabei immerzu geweint.
Dritter AuftrittAnna Pawlowna, die Kinderfrau und Sascha, welche eintrittSascha (zur Kinderfrau): Lisa sucht Sie.
Kinderfrau: Ich geh schon, ich geh schon. (Ab.)
Vierter AuftrittAnna Pawlowna und SaschaAnna Pawlowna: Die Kinderfrau sagt, sie weint immerzu. Daß sie sich immer noch nicht beruhigen kann!
Sascha: Nein, Mama, über Sie muß man sich wirklich wundern. Sie soll sich von ihrem Manne, dem Vater ihres Kindes, lossagen, und Sie verlangen, sie solle dabei ruhig sein!
Anna Pawlowna: Daß sie dabei ruhig sein soll, verlange ich nicht. Aber was geschehen ist, das ist geschehen. Wenn ich als Mutter es nicht nur zugelassen habe, sondern mich sogar darüber freue, daß meine Tochter sich von diesem Manne lossagt, so muß er das doch wohl verdienen. Nicht grämen sollte sie sich, sondern sich freuen, daß sie von einem so schlechten Subjekte, von einem solchen Goldmenschen frei kommt.
Sascha: Mama, warum reden Sie so? Sie wissen ja doch, daß das nicht wahr ist. Er ist kein schlechter, sondern im Gegenteil ein vortrefflicher, ganz vortrefflicher Mensch, trotz seiner Schwächen.
Anna Pawlowna: Na ja, ein vortrefflicher Mensch! Sobald er nur Geld in die Hände bekommt, sei es eigenes oder fremdes …
Sascha: Mama, er hat nie fremdes Geld genommen.
Anna Pawlowna: Ganz egal, das Geld seiner Frau.
Sascha: Aber er hat ja doch sein ganzes Vermögen seiner Frau hingegeben.
Anna Pawlowna: Warum hätte er es ihr auch nicht hingeben sollen, da er ja wußte, daß er sonst doch alles durchbringen würde.
Sascha: Ob er es nun durchbringt oder nicht, ich weiß nur, daß man sich von seinem Manne nicht scheiden lassen darf, und am wenigsten von einem solchen wie Fedja.
Anna Pawlowna: Nach deiner Meinung muß man damit warten, bis er alles durchgebracht hat und seine Zigeunerliebsten ins Haus bringt?
Sascha: Er hat keine Liebsten.
Anna Pawlowna: Das ist eben das Malheur, daß er euch alle irgendwomit behext hat. Nur mich nicht; ich durchschaue ihn, und er weiß das. An Lisas Stelle würde ich mich nicht erst jetzt von ihm losmachen, sondern ich hätte es schon vor einem Jahre getan.
Sascha: Wie Sie das nur so leichten Herzens sagen können!
Anna Pawlowna: Nein, nicht leichten Herzens. Mir als Mutter ist es ein Schmerz, meine Tochter als geschiedene Frau zu sehen. Glaube mir, daß mir das ein großer Schmerz ist. Aber es ist doch immer noch besser, als daß sie ihr junges Leben zugrunde richtet. Nein, ich danke Gott, daß sie sich jetzt entschlossen hat, und daß nun alles zu Ende ist.
Sascha: Vielleicht ist es doch noch nicht zu Ende.
Anna Pawlowna: Ach was! Wenn er nur erst in die Scheidung einwilligt.
Sascha: Was soll daraus Gutes hervorgehen?
Anna Pawlowna: Nun, sie ist noch jung und kann noch glücklich werden.
Sascha: Ach, Mama, es ist schrecklich, was Sie da sagen; Lisa kann doch keinen andern liebgewinnen.
Anna Pawlowna: Warum sollte sie das nicht können? Wenn sie erst frei sein wird? Es gibt Männer, die tausendmal besser sind als euer Fedja, und die sich glücklich schätzen werden, Lisa zur Frau zu bekommen.
Sascha: Mama, es ist nicht recht von Ihnen, so zu reden. Ich weiß, Sie denken dabei an Viktor Karenin.
Anna Pawlowna: Warum soll ich nicht an ihn denken? Er liebt sie schon zehn Jahre lang, und sie liebt ihn.
Sascha: Sie liebt ihn, aber nicht so wie ihren Mann. Das ist eine Jugendfreundschaft.
Anna Pawlowna: Diese Jugendfreundschaften kennt man! Wenn nur erst die Hindernisse beseitigt sind.
Fünfter AuftrittAnna Pawlowna und Sascha. Das Stubenmädchen kommt hereinAnna Pawlowna: Was willst du?
Stubenmädchen: Die gnädige Frau hat den Hausknecht mit einem Briefe zu Viktor Michailowitsch geschickt.
Anna Pawlowna: Welche gnädige Frau?
Stubenmädchen: Jelisaweta Andrejewna, unsere gnädige Frau.
Anna Pawlowna: Nun, und?
Stubenmädchen: Viktor Michailowitsch hat sagen lassen, er werde sogleich selbst herkommen.
Anna Pawlowna (erstaunt): Eben erst haben wir von ihm gesprochen. Ich verstehe nur nicht, warum sie ihn hat rufen lassen. (Zu Sascha:) Weißt du es nicht?
Sascha: Vielleicht weiß ich es, vielleicht aber auch nicht.
Anna Pawlowna: Immer Geheimnisse.
Sascha: Lisa kommt gleich; die wird es Ihnen sagen.
Anna Pawlowna (kopfschüttelnd zu dem Stubenmädchen): Der Samowar muß wieder in Glut gesetzt werden. Nimm ihn mit, Dunjascha! (Das Stubenmädchen nimmt den Samowar und geht hinaus.)
Sechster AuftrittAnna Pawlowna und SaschaAnna Pawlowna (zu Sascha, die aufgestanden ist und hinausgehen will): Es ist gekommen, wie ich gesagt habe. Sofort hat sie ihn rufen lassen.
Sascha: Vielleicht hat sie ihn in ganz anderer Absicht rufen lassen.
Anna Pawlowna: In welcher Absicht denn?
Sascha: Jetzt, in diesem Augenblicke, ist Karenin ihr ebenso gleichgültig wie jeder andere.
Anna Pawlowna: Nun, du wirst ja sehen. Ich kenne sie doch. Sie läßt ihn rufen, um sich von ihm trösten zu lassen.
Sascha: Ach, Mama, wie wenig kennen Sie sie, wenn Sie denken können …
Anna Pawlowna: Du wirst ja sehen. Ich freue mich sehr; sehr freue ich mich.
Sascha: Wir werden ja sehen. (Sie geht, vor sich hinsingend, ab.)
Siebenter AuftrittAnna Pawlowna alleinAnna Pawlowna (schüttelt den Kopf und murmelt): Sehr schön; lassen wir sie nur gewähren. Sehr schön; lassen wir sie nur gewähren. Ja …
Achter AuftrittAnna Pawlowna und das Stubenmädchen, welches eintrittStubenmädchen: Viktor Michailowitsch ist gekommen.
Anna Pawlowna: Nun schön; bitte ihn hereinzukommen und sage es der gnädigen Frau. (Das Stubenmädchen geht hinaus.)
Neunter AuftrittAnna Pawlowna und Viktor KareninViktor Karenin (tritt ein und begrüßt Anna Pawlowna): Jelisaweta Andrejewna hat mir einen Brief geschickt mit der Aufforderung herzukommen. Ich hatte sowieso die Absicht, heute abend bei Ihnen vorzusprechen, und habe mich daher sehr gefreut … Befindet sich Jelisaweta Andrejewna wohl?
Anna Pawlowna: Sie befindet sich wohl; aber das Kindchen ist ein bißchen unruhig. Sie wird gleich kommen. (In traurigem Tone:) Ja, ja, es ist eine schwere Zeit. Sie wissen ja wohl alles?
Karenin: Allerdings. Ich war ja vorgestern hier, als sein Brief ankam. Aber ist denn das wirklich unwiderruflich beschlossen?
Anna Pawlowna: Aber selbstverständlich. Das alles noch einmal durchzumachen wäre doch schrecklich.
Karenin: Ein solcher Trennungsschnitt will doch zehnmal überlegt sein. Ins lebendige Fleisch zu schneiden, das ist doch eine schwere Aufgabe.
Anna Pawlowna: Natürlich ist es eine schwere Aufgabe. Aber die Ehe der beiden war ja schon längst halb zerschnitten. Und daher war die vollständige Trennung weniger schwer, als es scheint. Er sieht selbst ein, daß nach allem Geschehenen seine Rückkehr ein Ding der Unmöglichkeit ist.
Karenin: Wieso?
Anna Pawlowna: Aber wie können Sie das nur für möglich halten nach all den garstigen Dingen, die er begangen hat, und nachdem er geschworen hat, dergleichen werde nicht wieder vorkommen, und wenn es doch vorkäme, so verzichte er auf alle seine Rechte als Ehemann und gebe ihr ihre volle Freiheit wieder …
Karenin: Ja, aber was will die Freiheit einer Frau besagen, die durch die Ehe gebunden ist?
Anna Pawlowna: Es soll die Scheidung erfolgen. Er hat ihr die Scheidung versprochen, und wir werden darauf bestehen.
Karenin: Ja, aber Jelisaweta Andrejewna hat ihn so geliebt …
Anna Pawlowna: Ach, ihre Liebe ist so harten Prüfungen ausgesetzt gewesen, daß von ihr kaum etwas übriggeblieben ist. Es fallen ihm Trunksucht, Hintergehung und Untreue zur Last. Kann man denn einen solchen Mann lieben?!
Karenin: Der Liebe ist alles möglich.
Anna Pawlowna: Sie reden von Liebe; aber wie kann man denn einen solchen Waschlappen lieben, auf den gar kein Verlaß ist? Was hat er noch jetzt eben für einen Streich begangen! (Sie sieht sich nach der Tür um und beeilt sich mit ihrer Erzählung.) Der ganze Haushalt ist ruiniert, alles versetzt, kein bares Geld vorhanden. Da schickt ihm sein Onkel endlich zweitausend Rubel, um die Zinsen der Schulden zu bezahlen. Er entfernt sich mit diesem Gelde und ist verschwunden. Seine Frau sitzt mit dem kranken Kinde da und wartet; endlich erhält sie einen Brief, sie möchte ihm Wäsche und andere Sachen seines persönlichen Bedarfes schicken.
Karenin: Ja, ja, ich weiß.
Zehnter AuftrittAnna Pawlowna, Karenin. Lisa und Sascha treten einAnna Pawlowna: Nun, siehst du, Viktor Michailowitsch ist auf deine Aufforderung erschienen.
Karenin: Ja, ich wurde ein wenig aufgehalten. (Er begrüßt die Schwestern.)
Lisa: Ich bin Ihnen sehr dankbar. Ich habe an Sie eine große Bitte. Und ich kann mich damit an niemand wenden als an Sie.
Karenin: Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht.
Lisa: Sie wissen ja doch wohl alles?
Karenin: Ja, ich weiß es.
Anna Pawlowna: Ich werde euch also allein lassen. (Zu Sascha:) Komm, wir wollen die beiden allein lassen. (Sie geht mit Sascha hinaus.)
Elfter AuftrittLisa und KareninLisa: Ja, er hat mir einen Brief geschrieben, er betrachte alles zwischen uns als beendet. Ich (sie drängt die Tränen zurück) fühlte mich so gekränkt, so … nun, mit einem Worte, ich war mit der Trennung einverstanden … und antwortete ihm, ich nähme seine Absage an.
Karenin: Und jetzt bereuen Sie das?
Lisa: Ja, ich bin zu der Empfindung gelangt, daß das von meiner Seite schlecht gehandelt war, daß ich es nicht tun kann. Ich will lieber alles erdulden, als mich von ihm trennen. Nun, kurz gesagt, händigen Sie ihm diesen Brief ein! Bitte, Viktor, händigen Sie ihm diesen Brief ein, und sagen Sie ihm … und bringen Sie ihn her!
Karenin (verwundert): Ja, aber wie soll ich das machen?
Lisa: Sagen Sie ihm, ich bäte ihn, alles zu vergessen und zurückzukehren. Ich könnte ihm ja den Brief einfach zuschicken; aber ich kenne ihn: die erste Regung würde, wie immer, eine gute sein; aber dann macht sich irgendein fremder Einfluß geltend, und er wird anderen Sinnes und tut nicht das, was er in Wahrheit will.
Karenin: Ich werde tun, was ich kann.
Lisa: Sie wundern sich wohl, daß ich gerade Sie bitte?
Karenin: Nein … übrigens, um die Wahrheit zu sagen: ja, ich wundere mich …
Lisa: Aber Sie sind mir nicht böse?
Karenin: Als ob ich Ihnen überhaupt böse sein könnte.
Lisa: Ich habe Sie deswegen gebeten, weil ich weiß, daß Sie ihm zugetan sind.
Karenin: Sowohl ihm als auch Ihnen. Das wissen Sie. Ich bin ihm nicht um seinetwillen zugetan, sondern um Ihretwillen. Und ich bin Ihnen dankbar für das Vertrauen, das Sie mir schenken. Ich werde tun, was ich kann.
Lisa: Das weiß ich. Ich werde Ihnen alles sagen: ich bin heute bei Afremow gewesen, um zu erfahren, wo er sich jetzt aufhält. Es wurde mir gesagt, er habe sich zu den Zigeunern begeben. Und gerade das ist es, was ich fürchte. Diese Verlockung fürchte ich. Ich weiß, daß, wenn man ihn nicht rechtzeitig zurückhält, er sich verlocken und hinreißen läßt. Darum muß das geschehen. Also Sie werden hinfahren?
Karenin: Selbstverständlich, sofort.
Lisa: Fahren Sie hin, machen Sie ihn ausfindig, und sagen Sie ihm, daß alles vergessen ist und ich ihn erwarte.
Karenin (steht auf): Aber wo soll ich ihn suchen?
Lisa: Er ist bei den Zigeunern. Ich bin selbst dort gewesen. Ich war an der Haustür und wollte ihm den Brief hineinschicken; aber dann besann ich mich anders und beschloß, Sie zu bitten … Hier ist die Adresse. Sagen Sie ihm also, er möchte zurückkehren; es sei nichts geschehen; alles sei vergessen. Tun Sie das aus Liebe zu ihm und aus Freundschaft gegen uns.
Karenin: Ich werde alles tun, was ich kann. (Er verbeugt sich und geht hinaus.)
Zwölfter AuftrittLisa alleinLisa: Ich kann es nicht, ich kann es nicht. Ich will lieber alles erdulden als … ich kann es nicht.
Dreizehnter AuftrittLisa, Sascha, welche eintrittSascha: Nun, wie ists? Hast du ihn hingeschickt?
Lisa (nickt bejahend mit dem Kopfe).
Sascha: Und er hat sich dazu bereitfinden lassen?
Lisa: Natürlich.
Sascha: Warum hast du gerade ihn geschickt? Das ist mir unbegreiflich.
Lisa: Wen hätte ich sonst schicken sollen?
Sascha: Aber du weißt doch, daß er in dich verliebt ist?
Lisa: Das gehört alles der Vergangenheit an und ist vorüber. Aber wen hätte ich denn deiner Meinung nach sonst darum bitten sollen? Wie denkst du darüber: wird er zurückkehren?
Sascha: Ich bin davon überzeugt; denn …
Vierzehnter AuftrittLisa, Sascha. Anna Pawlowna, welche eintritt. (Sascha verstummt.)Anna Pawlowna: Nun? Wo ist Viktor Michailowitsch?
Lisa: Er ist weggefahren.
Anna Pawlowna: Wieso weggefahren?
Lisa: Ich habe ihn gebeten, mir eine Bitte zu erfüllen.
Anna Pawlowna: Was für eine Bitte? Das ist wohl wieder ein Geheimnis?
Lisa: Ein Geheimnis ist es nicht: ich habe ihn einfach gebeten, einen Brief an Fedja persönlich zu bestellen.
Anna Pawlowna: An Fedja? An Fjodor Wasiljewitsch?
Lisa: Ja, an Fedja.
Anna Pawlowna: Ich dachte, zwischen euch beiden wären alle Beziehungen abgebrochen?
Lisa: Ich kann mich nicht von ihm trennen.
Anna Pawlowna: Also soll die ganze Geschichte wieder von vorn anfangen?
Lisa: Ich wollte mich von ihm lossagen und habe mir alle Mühe gegeben; aber ich kann es nicht. Ich will alles tun, was Sie wollen, wenn ich mich nur nicht von ihm zu trennen brauche.
Anna Pawlowna: Dann möchtest du ihn also wohl wieder zurückholen?
Lisa: Ja.
Anna Pawlowna: Und du willst dieses schändliche Subjekt wieder zu dir ins Haus lassen?
Lisa: Mama, ich bitte Sie, von meinem Manne nicht in solchen Ausdrücken zu reden.
Anna Pawlowna: Dein Mann ist er gewesen.
Lisa: Nein, er ist auch jetzt noch mein Mann.
Anna Pawlowna: Ein Verschwender, ein Trunkenbold, ein Liedrian ist er, und du kannst dich nicht von ihm trennen?
Lisa: Warum quälen Sie mich? Es ist mir so schon schwer genug ums Herz, und Sie scheinen mein Leid absichtlich noch vergrößern zu wollen.
Anna Pawlowna: Ich quäle dich! Nun, dann will ich abreisen. Das kann ich nicht mit ansehen.
Lisa (schweigt).
Anna Pawlowna: Ich sehe, daß ihr das wollt, und daß ich euch im Wege bin. Ich kann nicht hier bleiben. Ich verstehe euch gar nicht. Immer etwas Neues. Erst beschließt du, dich von ihm zu trennen; dann berufst du auf einmal einen Mann her, der in dich verliebt ist …
Lisa: Das ist nicht der Fall.
Anna Pawlowna: Karenin hat dir einen Heiratsantrag gemacht, und nun schickst du ihn zu deinem Manne, um diesen holen zu lassen. Was stellt das vor? Willst du deinen Mann eifersüchtig machen?
Lisa: Mama, es ist schrecklich, wie Sie da reden. Gönnen Sie mir Ruhe!
Anna Pawlowna: Nun, dann jage deine Mutter aus dem Hause und laß deinen liederlichen Mann herein! Aber ich werde das nicht abwarten. Lebt wohl; Gott sei mit euch; meinetwegen macht, was ihr wollt! (Sie geht hinaus und schlägt die Tür heftig zu.)
Fünfzehnter AuftrittLisa und SaschaLisa (läßt sich auf einen Stuhl sinken): Das fehlte noch!
Sascha: Nun, das ist nicht so schlimm. Es wird noch alles gut werden. Mama werden wir schon wieder beruhigen.
Sechzehnter AuftrittLisa, Sascha und Anna Pawlowna, welche durchs Zimmer gehtAnna Pawlowna: Dunjascha, meinen Koffer!
Sascha: Mama! So hören Sie doch! (Sie eilt ihr nach und zwinkert dabei ihrer Schwester zu.)
VorhangZweites Bild
Ein Zimmer bei den ZigeunernErster AuftrittDer Chor singt ein Lied. Fedja liegt rücklings in Hemdsärmeln auf dem Sofa. Afremow sitzt dem Vorsänger gegenüber rittlings auf einem Stuhl. Ein Offizier sitzt an einem Tische, auf welchem Champagnerflaschen und Gläser stehen. Ebendort sitzt ein Musiker, der sich Notizen machtAfremow: Fedja, schläfst du?
Fedja (richtet sich auf): Schwatzt nicht! Jetzt: „Nicht der Abendstern”!
Ein Zigeuner: Das geht nicht, Fjodor Wasiljewitsch. Jetzt soll Mascha erst allein singen.
Fedja: Na, gut! Aber dann: „Nicht der Abendstern”! (Er legt sich wieder hin.)
Der Offizier: „Die Schicksalsstunde”!
Der Zigeuner: Einverstanden?
Afremow: Meinetwegen.
Der Offizier (zu dem Musiker): Nun, haben Sie es sich aufgeschrieben?
Der Musiker: Das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Jedesmal klingt es anders. Und was ist das manchmal für eine Tonart! So gleich dieses hier. (Er ruft eine Zigeunerin herbei und fragt sie.) Stimmt das so? (Er singt.)
Die Zigeunerin: Ja, ganz richtig. Wundervoll.
Fedja (sich aufrichtend): Er wird es nicht aufschreiben können, und wenn er es aufschreibt und in einer Oper anbringt, so wird er alles verhunzen. Na, Mascha, dann mal los mit der „Schicksalsstunde”! Nimm die Gitarre! (Er steht auf, setzt sich vor sie hin und sieht ihr in die Augen.)
Mascha (singt).
Fedja: Gut gemacht! Bravo, Mascha! Na, aber jetzt: „Nicht der Abendstern”!
Afremow: Nein, warte mal! Erst mein Lied, mein Begräbnislied!
Der Offizier: Wieso denn Begräbnislied?
Afremow: Deswegen: wenn ich sterbe … du verstehst, ich werde sterben und im Sarge liegen, und dann werden die Zigeuner kommen … verstehst du? Das werde ich vorher meiner Frau zur Pflicht machen. Und wenn sie dann anstimmen: „Komm, mein Freund”, dann werde ich aus dem Sarge herausspringen, – verstehst du?! (Zu dem Musiker:) Das schreib einmal auf! Na, nun vorwärts! (Die Zigeuner singen.)
Afremow: Nun, was sagt ihr dazu? Jetzt: „Ihr meine braven Burschen”! (Die Zigeuner singen.)
Afremow (steht auf und macht ein paar Fechterbewegungen). (Die Zigeuner applaudieren ihm lächelnd und fahren fort zu singen.)
Afremow (setzt sich hin). (Das Lied ist zu Ende.)
Die Zigeuner: Bravo, Michail Andrejewitsch! Sie sind ein echter Zigeuner!
Fedja: Na, jetzt aber: „Nicht der Abendstern”! (Die Zigeuner singen.)
Fedja: Das ist mal ein Lied! Das ist mal ein Lied! Wundervoll! An das, was hier ausgesprochen wird, reicht keine Wirklichkeit heran! Ach, wie schön! Und warum kann der Mensch in ein solches Entzücken geraten, wenn es ihm doch nicht möglich ist, in diesem Zustande zu verharren?
Der Musiker (macht sich Notizen): Ja, es ist sehr originell.
Fedja: Nicht originell, sondern echt.
Afremow: Na … nun erholt euch! (Er nimmt die Gitarre und setzt sich zu Katja.)
Der Musiker: Im Grunde ist alles ganz einfach; nur der Rhythmus, der Rhythmus!
Fedja (macht ihm eine geringschätzige Handbewegung, geht zu Mascha und setzt sich neben sie auf das Sofa): Ach Mascha, Mascha, wie du mein ganzes Inneres umkehrst!
Mascha: Nun, und um was habe ich Sie gebeten?
Fedja: Um was? Um Geld? (Er nimmt welches aus der Hosentasche.) Na, schön; da, nimm!
Mascha (lacht, nimmt das Geld und steckt es in den Busen).
Fedja (zu den Zigeunern): Da soll ein Mensch daraus klug werden! Mir schließt sie den Himmel auf, und sie selbst bittet um ein Trinkgeld. Du verstehst ja nicht das geringste von dem, was du selbst tust.
Mascha: Wie sollte ich es nicht verstehen? Ich verstehe, daß ich, wenn ich jemanden liebe, mir für ihn mehr Mühe gebe und besser singe.
Fedja: Und mich liebst du?
Mascha: Gewiß tue ich das.
Fedja: Das ist herrlich! (Er küßt sie.) (Die Zigeuner und Zigeunerinnen gehen hinaus. Es bleiben nur die Paare zurück.)
Zweiter AuftrittFedja mit Mascha, Afremow mit Katja, der Offizier mit Sascha. Der Musiker schreibt. Ein Zigeuner klimpert auf der Gitarre einen WalzerFedja: Ich bin ja aber verheiratet. Und dir wird es der Chor nicht erlauben.
Mascha: Der Chor ist eine gute Sache; aber das Herz bleibt doch immer das Herz. Wenn ich einen liebe, so liebe ich ihn, und wenn mir einer zuwider ist, dann ist er mir zuwider.
Fedja: Ach mir ist so wohl! Ist dir auch wohl?
Mascha: Natürlich ist mir wohl. Wenn wir nette Gäste hier haben, sind auch wir vergnügt.
Dritter AuftrittEin Zigeuner tritt einDer Zigeuner (zu Fedja): Ein Herr fragt nach Ihnen.
Fedja: Was für ein Herr?
Der Zigeuner: Ich kenne ihn nicht. Er ist gut gekleidet. Trägt einen Zobelpelz.
Fedja: Ein vornehmer Herr? Na, gut, ruf ihn her!
Vierter AuftrittDieselben ohne den ZigeunerAfremow: Wer mag dich denn hier aufsuchen?
Fedja: Weiß der Teufel! Wer kann etwas von mir wollen?
Fünfter AuftrittDieselben. Karenin tritt ein und sieht sich ringsumFedja: Ah, Viktor! Na, dich hätte ich hier nicht zu sehen erwartet! Leg ab! Welcher Wind hat dich hierher geweht? Na, setz dich! Hör mal das Lied „Nicht der Abendstern” mit an.
Karenin: Je voudrais vous parler sans témoins.
Fedja: Worüber?
Karenin: Je viens des chez vous. Votre femme m'a chargé de cette lettre, et puis …
Fedja (nimmt den Brief hin, liest ihn und macht ein finsteres Gesicht; dann lächelt er wieder freundlich): Hör mal, Karenin, du weißt gewiß, was in diesem Briefe steht?..
Karenin: Ja; und ich möchte dir sagen …
Fedja: Warte mal, warte mal! Bitte, glaube nicht, daß ich betrunken bin und meine Worte unzurechnungsfähig sind, ich will sagen, daß ich nicht zurechnungsfähig bin. Ich bin betrunken; aber in dieser Sache sehe ich ganz klar. Nun also, was ist dir aufgetragen zu sagen?
Karenin: Es ist mir aufgetragen, dich aufzusuchen und dir zu sagen, daß … sie … dich erwartet. Sie bittet dich, alles zu vergessen und zurückzukehren.
Fedja (hört schweigend zu und sieht ihm in die Augen): Ich verstehe aber nicht, warum gerade du …?
Karenin: Jelisaweta Andrejewna ließ mich rufen und bat mich …
Fedja: So …
Karenin: Aber ich bitte dich nicht sowohl im Namen deiner Frau als in meinem eigenen Namen: komm mit nach Hause!
Fedja: Du bist besser als ich. Was rede ich da für Unsinn! Besser als ich zu sein, das ist nicht schwer. Ich bin ein Taugenichts; aber du bist ein guter, ein sehr guter Mensch. Und gerade deswegen werde ich meinen Entschluß nicht ändern. Und nicht allein deswegen. Ich kann es einfach nicht und will es nicht … Na, sag selbst: wie könnte ich so hinfahren?
Karenin: Komm jetzt mit mir in meine Wohnung. Ich werde ihr sagen, daß du zurückkehren wirst, und morgen …
Fedja: Und morgen was? Ich werde immer ich bleiben, und sie immer sie. (Er tritt an den Tisch und trinkt.) Das Beste ist, den Zahn mit einem Male auszuziehen. Ich habe ihr ja gesagt, wenn ich wieder mein Wort nicht hielte, dann solle sie sich von mir lossagen. Ich habe mein Wort nicht gehalten, und nun ist alles zu Ende.
Karenin: Für dich, aber nicht für sie.
Fedja: Es ist erstaunlich, wieviel Mühe du dir gibst, daß unsere Ehe nicht zerstört werde.
Karenin (will etwas erwidern. Mascha tritt hinzu).
Fedja (läßt ihn nicht zu Worte kommen): Hör mal zu, wie sie das „Flachslied” singt. Mascha! (Die Zigeuner sammeln sich.)
Mascha (flüsternd): Wie redet man ihn an?
Fedja (lacht): Sage zu ihm: Herr Viktor Michailowitsch. (Die Zigeuner singen.)
Karenin (hört zerstreut zu; dann erkundigt er sich, wieviel er geben soll).
Fedja: Na, gib fünfundzwanzig Rubel!
Karenin (gibt das Geld).
Fedja: Das war wundervoll. Jetzt das „Flachslied”. (Die Zigeuner singen.)
Fedja (blickt sich um): Karenin hat sich davongemacht. Na, hol ihn der Teufel! (Die Zigeuner zerstreuen sich.)
Sechster AuftrittFedja und MaschaFedja (setzt sich mit Mascha hin): Weißt du, wer das ist?
Mascha: Ich habe seinen Namen gehört.



