50 weitere archäologische Stätten in Deutschland - die man kennen sollte

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Literatur
E. Schuldt, F 12 Groß Görnow, in: J. Herrmann (Hrsg.), Archäologie in der Deutschen Demokratischen Republik (1989) S. 597.
Der „Große Steintanz“ – so wird ein Steinkreis aus Menhiren inmitten des Tarnower Forstes unweit des Ortes Boitin genannt. Große Monolithe ragen hier als geheimnisvolle steinerne Zeugnisse der Frühgeschichte der Menschheit empor.
07TARNOW – BOITIN: EIN MECKLENBURG-VORPOMMERISCHES STONEHENGE?
Mecklenburg-Vorpommern
Boitin, ein dünn besiedeltes kleines Örtchen, reicht mit seiner Geschichte bis in das 13. Jh. zurück. Jedoch muss man von der Dorfkirche aus nur 2 km in nordwestliche Richtung gehen, um tief in die Vorgeschichte einzutauchen und um sich von dem „Steintanz“ faszinieren zu lassen.
Ausgrabungen
Die früheste Erwähnung dieser vorgeschichtlichen Steinsetzungen fällt in das Jahr 1767. Bei den Bewohnern der Region waren sie jedoch tief im kollektiven Gedächtnis verankert, wenn auch mit sehr unterschiedlichen Interpretationen. Diese reichten von einem Kult- oder Opferplatz bis zu einem Versammlungs- oder Gerichtsort. Archäologische Untersuchungen sollten aber erst durch den Prähistoriker Robert Beltz (1854–1941) im Jahr 1929 stattfinden, der seinerzeit am Landesmuseum in Schwerin beschäftigt war.
Funde und Befunde
Die Situation stellt sich so dar. Im Tarnower Wald konnten seinerzeit insgesamt vier Steinkreise festgestellt werden (Abb. 13). Davon lagen drei eng beieinander: Sie tragen den Namen „Großer Steintanz“; etwas nüchterner werden sie als Steinkreis I bis III bezeichnet. Etwa 150 m südlich davon findet sich die vierte Steinsetzung, die als „Kleiner Steintanz“ bezeichnet bzw. analog zum „Großen Steintanz“ als Steinkreis IV in der Literatur geführt wird. Die Steine – sie können als Menhire bezeichnet werden – erreichen eine Höhe von etwa 1,60 m. In ihrem Durchmesser variieren sie. Der kleinste hat einen Durchmesser von 8 m, zwei liegen im Bereich von 13 m und es gibt einen Kreis mit etwa 11 m Durchmesser. Aus diesen Größenunterschieden ergeben sich auch Differenzen bei der Anzahl der Steinsetzungen. Die größeren Kreise bestehen aus jeweils neun Findlingen, der kleinere aus sieben. Darüber hinaus soll ein weiterer Steinkreis bestanden haben, der heute nicht mehr vorhanden ist.
Abb. 13 Tarnow-Boitin. Steinkreis mitten im Wald.
Im „Großen Steintanz“ zeigt ein Menhir, der den Namen „Brautlade“ trägt, eine Besonderheit. Er weist insgesamt 13 rechteckige Löcher auf, von denen allerdings nur 11 zu sehen sind. Sie werden gerne mit einer lokalen Sage verbunden, sind aber neuzeitlich und für den Befund nicht relevant.
Besonders der „Große Steintanz“ ist interpretationsfähig. Folgt man den Ergebnissen der Untersuchungen von Beltz, der innerhalb eines Steinkreises eine Urne und zwei Brandstellen mit Steinpackungen ans Tageslicht beförderte, so handelt es sich hier um Einfassungen von Gräbern aus dem 6. bis 5. Jh. v. Chr. Horst Keiling sieht diese Steinsetzungen sogar in einem nord- und mitteleuropäischen Grabkontext.
Es haben sich aber auch andere Deutungen gefunden. Einige Forscher glauben nämlich, beide Steintänze würden zusammen einen Kalender bilden. Bei dieser Argumentation bleibt aber offenbar der verlorene fünfte Steinkreis unberücksichtigt.
So unsicher wie die Deutung ist auch die Datierung. In der Forschung gibt es Ansätze, die weitaus früher sind als die Gräber. Diese werden dann als Nachnutzung gedeutet.
Literatur
J. Groht, Menhire in Deutschland (2013) S. 183–186;
M. Kuckenburg, Kultstätten und Opferplätze in Deutschland (2007) S. 145;
H. Keiling, D 3 Boitin, in: J. Hermann (Hrsg.), Archäologie in der Deutschen Demokratischen Republik (1989) S. 495–497.
Inmitten der idyllischen Mecklenburgischen Schweiz liegt das Städtchen Teterow. Der Teterower See lädt heute Freizeitsegler und Wassersportbegeisterte zur Erholung ein, bietet aber auch mit der Burgwallinsel für Geschichtsbegeisterte einen Anziehungspunkt.
08TETEROW – INSELBURG ALS HAUPTSITZ EINES SLAWISCHEN STAMMES
Mecklenburg-Vorpommern
In der Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns spielen die Slawen eine wichtige Rolle. Ihre befestigten Siedlungen, von denen heute überwiegend Reste der gewaltigen Wallanlagen vorhanden sind, zeugen davon.
Ausgrabungsgeschichte
Die Erforschung der Burgwallinsel setzte bereits im 19. Jh. ein. Auslöser dafür war eine Regulierung der Pene, bei der Friedrich Lisch im Vorgelände der Insel zahlreiche Pfähle beobachten konnte. Diese gehörten zu Brücken, die die Insel mit dem Festland verbanden. Zu den Verdiensten Lischs gehörte es, die Reste mit einer slawischen Burg zu verbinden und sie zeitlich einzuordnen. Weitere archäologische Untersuchungen erfolgten in den 1920er-Jahren und schließlich 1955–1953. Auf deren Grundlage lässt sich ein recht genaues Bild von der Anlage machen.
Geschichtlicher Überblick
Die schriftlichen Quellen erlauben nur sehr begrenzte Aussagen zur Geschichte des Ortes als slawische Befestigung. Wir haben durch Saxo Grammaticus lediglich die Aussage, der dänische König Waldemar I. habe im Jahr 1171 die Burg erobert und gibt damit den Hinweis darauf, die Inselburg als Hauptort der Zirzipanen, eines slawischen Volkes, anzusehen. Neben seiner Funktion als Herrschersitz und Fluchtburg ist davon auszugehen, dass sich hier ein Heiligtum des Gottes Svantovit befand. Die Eroberung durch die Dänen sollte wohl auch das Nutzungsende bedeuten. Der Beginn der Anlage lässt sich nur archäologisch ermitteln. Die Funde weisen auf das 9. Jh. hin.
Funde und Befunde
Die Wallanlage benötigte natürlich einen Zugang, der in Friedenszeiten gut zu nutzten war. Aufgrund der Ausgrabungen und Beobachtungen, begonnen mit den Untersuchungen von Lisch, ergaben sich zwei Brückenbauwerke. Die bedeutendere von beiden besaß eine Länge von etwa 750 m und überspannte eine Flachwasserzone, während die andere lediglich 70 m lang war, dafür aber über tieferes Wasser führte, also tiefer gegründet werden musste. Bei den Ausgrabungen konnten Teile der langen Brücke gut erhalten freigelegt werden. Es zeigte sich, dass sie zwei Bauphasen besaß, von der die erste in das 9. Jh. datiert, die zweite in das 11. Jh. Dazwischen wurden beide Brücken mehrfach repariert. Die letztgenannten Arbeiten werden mit kriegerischen Auseinandersetzungen in Verbindung gebracht.
Abb. 14 Teterow. Hauptwall der slawischen Burganlage.
Die Befestigungsanlage nimmt nur einen kleinen Teil im Norden der langgestreckten Insel ein. Sie gliedert sich in Vor- und Hauptburg. Dabei ist die Hauptburg mit einer Innenfläche von etwa 5.000 m2 recht klein. Besonders die seewärtigen Wälle sind noch heute sehr gut erhalten (Abb. 14–15). An manchen Stellen beträgt der Unterschied vom Wasserspiegel bis zur Wallkrone etwa 10 m. Eine Palisade bildete mit Sicherheit den oberen Abschluss der Befestigung, sodass eine Gesamthöhe von vielleicht 15 m erreicht wurde. Bei den Forschungsarbeiten ließ sich feststellen, dass der Wall drei Bauphasen besaß. Die erste bestand aus einer Holz-Erde-Konstruktion, die erneuert werden musste, weil das Holz verrottete und der Wall nachgab. Von der Konstruktion her folgten wohl die späteren Befestigungen jener der ersten Bauphase. Der Unterschied bestand lediglich in der Größe: Die Wälle wurden breiter und höher. Der Raumbedarf für die neuen Befestigungen ging zu Lasten des Innenraums, der reduziert wurde.
Der Zugang zur Burg erfolgte über zwei Tore, von denen das östliche zum Seeufer führte. Vom anderen Mauerdurchlass haben sich keine Spuren erhalten.
Die Innenbebauung konzentrierte sich im Wesentlichen entlang der Wälle. Die Spuren von Wohnbebauung insgesamt werden als recht dürftig bezeichnet.
Die Vorburg war mit 1,2 ha deutlich größer. Nach Süden trennte ein großer Wall diesen Bereich von der restlichen Insel ab. Eine Toranlage befand sich in deren Mitte. Aber auch zu den Seeseiten war eine Befestigung vorhanden, die dem Gelände folgte. Schuldt spricht hier von Mauern. Nicht ganz unerwartet dürfte es sein, auch bei diesen Verteidigungsanlagen drei Phasen vorzufinden. Besiedlungsspuren ließen sich ebenfalls feststellen, doch spricht vieles dafür, hier neben dem Sitz des Stammesoberhauptes auch eine Fluchtburg annehmen zu können.
Abb. 15 Teterow. Rekonstruktion der Burganlage.
Literatur
E. Schuldt, F 19 Teterow, in: J. Herrmann (Hrsg.), Archäologie in der Deutschen Demokratischen Republik (1989) S. 608–610.
„Gewaltiger Schatzfund aus der Bronzezeit“ – so hätte im Mai 1913 eine Schlagzeile lauten können. Was damals Dank der Umsicht aller Beteiligten erforscht und ausgestellt werden konnte, galt gut 30 Jahre später als im Krieg zerstört, um dann im Moskauer Puschkin-Museum wieder „ausgegraben“ zu werden.
09EBERSWALDE – EIN SCHATZFUND AUS DER BRONZEZEIT: AUSGEGRABEN, GERAUBT UND WIEDERGEFUNDEN
Brandenburg/Berlin
Zu Beginn des 20. Jhs. war Eberswalde ein Städtchen, das seine wirtschaftlichen Grundlagen als Luftkurort und als Standort im Bereich der Metallverarbeitung gefunden hatte. Im Umland befanden sich Dörfer mit vergleichbarer Industrie, die im Laufe der Zeit eingemeindet wurden. Im heutigen Ortsteil Finow machten Arbeiter im Mai 1913 eine Entdeckung, durch die Eberswalde berühmt werden sollte.
Entdeckung und Geschichte des Schatzes
Im 19. Jh. war es üblich, dass Arbeiter in Betriebswohnungen lebten. So standen sie jederzeit mit ihrer Arbeitskraft zur Verfügung und – was wesentlich wichtiger war – Arbeits- und Mietvertrag waren miteinander gekoppelt. So hatten auch die Eigentümer der „Kupfer- und Messinghütte“, einem lokalen Industrieunternehmen, beschlossen, eine Siedlung anzulegen. Im Laufe der Bauarbeiten stieß man 1913 in einer Tiefe von nur einem Meter auf ein bauchiges Tongefäß mit einer Höhe von 22,5 cm und einem Durchmesser von 23 cm. Dieses war sorgfältig mit einem flachen Deckel verschlossen und bei näherer Nachschau fand man darin Objekte aus Gold. Dank ehrlicher Arbeiter und einer umsichtigen Betriebsführung konnte der Schatz für die Wissenschaft gerettet werden. Carl Schuchhardt, Direktor der Vorgeschichtlichen Abteilung der Königlichen Museen zu Berlin, nahm den Fund entgegen und brachte ihn nach Berlin. Dort sollte er erforscht und ausgestellt werden. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach wurden die kostbaren Exponate aus den Berliner Museen ausgelagert, was aber nicht alle Objekte vor der Vernichtung bewahrte. Auch der Fund von Eberswalde galt neben vielen anderen – so etwa der weltberühmte Schatz des Priamos – als kriegszerstört. Aber nicht alle wollten dieser Version glauben, vor allem, als 1987 die ersten Hinweise auf die Existenz des Priamos-Schatzes gefunden, aber von offizieller russischer Seite geleugnet wurden. Investigativer Journalismus brachte dann auch den Eberswalder Schatzfund im Jahr 2004 wieder im Puschkin-Museum, Moskau, ans Tageslicht und wird bis heute dort verwahrt. Politische Auseinandersetzungen über die Rückgabe des Schatzes ziehen sich seitdem durch die Geschichte und eigentlich wäre damit das Kapitel zu einer bedeutenden archäologischen Stätte Deutschlands abgeschlossen. Allerdings gibt es zwei Orte, wo man die Funde als Kopien besichtigen kann: im Museum von Eberswalde (siehe S. 36) und im Neuen Museum zu Berlin.
Funde
Bei der Bergung des Fundes ließ sich noch feststellen, dass es sich um einen Depotfund handelte, der möglicherweise von einem Kaufmann niedergelegt wurde. Alternativ wird aber vorgeschlagen, es sei der Besitz eines Angehörigen der Oberschicht gewesen (Abb. 16).
Zu dem Fund gehören 81 Teile aus Gold mit einem Gesamtgewicht von 2,543 kg. Würde es sich hier um Feingold (999er Gold) handeln, so betrüge der Marktwert im August 2015 gut 100.000 EUR, jedoch ist der reine Goldwert etwas niedriger anzusetzen. Eine Analyse des Goldbarrens (siehe unten) zeigte eine Zusammensetzung von 80 Prozent Gold und 18 Prozent Silber. Der Wert liegt daher bei etwa 66.000 EUR.
Es fanden sich in dem Tongefäß acht goldene Schalen ganz unterschiedlicher Form, deren Wandungen hauchdünn getrieben waren. In ihrer Größe reichen sie in der Höhe von 5,5 bis 7,5 cm und erreichen einen Durchmesser von 7,5 bis 12,5 cm. Sie enthielten ihrerseits insgesamt 73 Goldgegenstände. Bei diesen Objekten handelt es sich um Halsringe, Armbänder und Spangen. Den weitaus größten Anteil hatten aber Armspiralen mit 60 Exemplaren und Doppelspiralen, von denen 55 Stück vorhanden waren. Die Spiralen lassen sich im Grunde einfach als gebogener Golddraht bezeichnen. Zusätzlich fanden sich noch ein Goldbarren und mehrere kleinere Goldstücke (Abb. 17).
Abb. 16 Eberswalder Goldschatz.
Abb. 17 Eberswalde. Das örtliche Museum zeigt Kopien der Funde aus dem Schatz.
Die Fundstücke zeigen eine große handwerkliche Kunstfertigkeit. Die großen Schalen sind dafür das beste Beispiel. Die Treibarbeit bedurfte vieler Erfahrung; ein Schlag zu viel und die ganze Mühe war umsonst. Auch das sorgfältig ausgeführte ornamentale Dekor, mit Punzen ausgeführt, zeigt das Können des bronzezeitlichen Goldschmieds.
Die wissenschaftlichen Untersuchungen durch die Archäologen ergab für den Schatzfund eine Entstehungszeit in der späten Bronzezeit. Dabei rückt vor allem das 9. Jh. v. Chr. in das Zentrum.
Das Museum befindet sich im ältesten Fachwerkhaus der Stadt, das sicher für das Jahr 1623 belegt ist. In den letzten Jahren erfolgten Umbauarbeiten, um das Gebäude barrierefrei zu gestalten. Heute besitzt das Haus eine Ausstellungsfläche von 700 m2.
Die Sammlungen thematisieren Stadt- und Regionalgeschichte. Schwerpunktmäßig geht es um Industriegeschichte des 18. Jhs. und der Forstwirtschaft im frühen 19. Jh.
Bedeutend ist natürlich der Schatzfund von Eberswalde, der den Besucher in seinen Bann zieht. In einer großen Wandvitrine sind die „Goldfunde“ mit ausführlichen Beschriftungen eindrucksvoll präsentiert. Selbst das Tongefäß findet sich hier als Kopie. Die Repliken in Eberswalde zeichnen sich die durch ihre handwerkliche Anfertigung aus. Daneben gibt es viele Kopien, die im Gegensatz dazu als Galvanoplastiken hergestellt wurden.
Museum Eberswalde
Steinstraße 3
16225 Eberswalde
Tel.: 03334 - 64520
https://eberswalde.de/Museum.1711.0.html
Literatur
A. Hänsel, Der Schatz von Eberswalde im Ränkespiel von Wissenschaft und Politik: zum hundertjährigen Jubiläum des größten bronzezeitlichen Goldfundes von deutschem Boden, Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz 49 (2013);
J. Petrasch, Eberswalde und die Württembergische Metallwarenfabrik. Geschichte der galvanoplastischen Kopien. Goldenes Sakralgerät der Bronzezeit: Bericht über das Kolloquium vom 17. bis 20. Mai 2001, Anzeiger des Germanischen Nationalmuseums (2003) S. 101–104;
E. Probst, Deutschland in der Bronzezeit (1999) S. 351. 334 Abb. 44.
Der Ort Lossow – heute ein Teil der Stadt Frankfurt a. d. Oder – stellt sich noch immer als typisches brandenburgisches Dorf dar. Doch beherbergt es eine eindrucksvolle Wallanlage, die über zwei Jahrtausende hinweg den Menschen der Region nicht nur Schutz vor Feinden bot, sondern auch religiöses Zentrum war.
10FRANKFURT (ODER) – LOSSOW: EINE STARKE BEFESTIGUNG ÜBER JAHRTAUSENDE
Brandenburg/Berlin
Lossow, kaum mehr als Flecken, ist heute ein Teil von Frankfurt (Oder), von dem es ca. 7 km südlich liegt. Im Laufe der Geschichte immer wieder geplündert und zerstört, bietet der Ort eine ländliche Idylle. Doch mit der „Schwedenschanze“ besitzt er das bedeutendste Bodendenkmal Brandenburgs.
Ausgrabungen
Mit dem Bau der Eisenbahnlinie von Berlin nach Breslau im Jahr 1844 begann die Erforschung der Wallanlage, die im Volksmund als „Schwedenschanze“ bekannt war und mit Ereignissen aus dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) in Verbindung gebracht wurde. Bei der Anlage der Trasse stieß man erstmals auf archäologische Funde. Aber von systematischen Forschungen konnte man erst ab 1898 sprechen. Diese fanden zunächst unter der Federführung des Historischen Vereins in Frankfurt statt. Dann wurden sie aber von 1909 bis 1919 durch das Völkerkundemuseum in Berlin fortgesetzt, obwohl der Erste Weltkrieg ab 1914 die personellen Ressourcen des Deutschen Reiches schwer belastete. Erst 1926 konnten die Untersuchungen wieder aufgenommen werden, die aber auch nicht abschließend waren, wie weitere Grabungen 1968, 1980 bis 1984 und 2009 belegen.
Funde und Befunde
Die Wallanlage (Abb. 18) befindet sich etwa 7 km südlich von Frankfurt und etwa 1,5 km östlich von Lossow. Aufgrund ihrer Lage war sie gut geschützt: Im Osten findet sich die „Steile Wand“ und nach Süden hin liegt ein steiles Tal, sodass nur im Norden und Westen eine Befestigung angelegt werden musste. Vom Grundriss her handelt es sich um ein unregelmäßiges Viereck mit den Maßen von 240 x 200 m. Der umschließende Wall war als Holz-Erde-Mauer angelegt, der etwa 4 bis 6 m hoch war. Das umschlossene Areal weist eine Fläche von 4,8 ha auf; das entspricht fast jener von sechs Fußballfeldern. Bezieht man es auf die Fläche der heutigen Ortschaft, so macht sie knapp 7 Prozent aus. Die Stelle, an der sich die Befestigung befindet, wurde erstmals im 12. Jh. v. Chr. besiedelt. Etwa zwei Jahrhunderte später entstand die erste Befestigung. Im Laufe der Ausgrabungen konnten die Archäologen ausreichend Holzmaterial finden, um eine Altersbestimmung mit der C14-Methode durchzuführen, die eine Datierung für den Wall in die Zeit von 1115 bis 955 v. Chr. ergab. Auch das Innere brachte spannende Ergebnisse. Es zeigte sich nämlich bei den Ausgrabungen, dass hier während der Bronzezeit eine prosperierende Siedlung war, in der wohl ca. 1.800 Menschen lebten und ihren Lebensunterhalt mit der Herstellung von Keramik und Bronzeverarbeitung verdienten.
Abb. 18 Frankfurt (Oder). Wallanlage in Lossow.
Um 800 v. Chr. vollzog sich in der Region ein Wandel, sicher beeinflusst von der Einführung eines neuen Werkstoffes, des Eisens. Eine Untergruppe der „Lausitzer Kultur“ schuf hier ein religiöses Zentrum, in dem Kult- und Opferhandlungen stattfanden. Dies spiegelte sich vor allem in den zahlreichen Opferschächten wider, die alle in die frühe Eisenzeit datiert werden. In einigen dieser 3 bis 7,5 m tiefen Schächte fanden sich auch menschliche Skelette neben anderen Opfertieren. Die Archäologen konnten aus den Befunden erschließen, dass sowohl die menschlichen als auch tierischen Opfer vor der Deponierung in den Gruben zerstückelt wurden.
Im 6. Jh. v. Chr. wurde die Wallanlage aufgeben. Die Siedlungskontinuität wurde unterbrochen. Erst mit der slawischen Landnahme im 6./7. Jh. n. Chr. wurde der Platz wieder besetzt und fortifikatorisch genutzt. Für rund 200 Jahre war die ganze Fläche in Nutzung. Eine Brandkatastrophe im 9. oder 10. Jh. zerstörte die „Burganlage“. In der Folge entstand ein kleiner Abschnittswall; nur noch das südöstliche Gelände war besiedelt. Über den Bevölkerungsrückgang kann man spekulieren.
Literatur
E. Probst, Deutschland in der Bronzezeit (1999) S. 373;
S. Griesa, C 10 Lossow, in: J. Herrmann (Hrsg.), Archäologie in der Deutschen Demokratischen Republik (1989) S. 444–446.
Germanisches Leben hautnah – das lässt sich in der Mark Brandenburg, inmitten des reizvollen Naturparks Dahme-Heideseen erfahren. An Ort und Stelle rekonstruierte Häuser geben tiefe Einblicke in den Alltag unserer Vorfahren.
11KLEIN KÖRIS – EIN WIEDER ERSTANDENES GERMANISCHES DORF
Brandenburg/Berlin
Das germanische Dorf Klein Köris stellt in mancherlei Hinsicht eine Ausnahme dar. Hervorzuheben sind vor allem zwei Faktoren: einmal handelt es sich um die Größe der freigelegten Fläche, zum anderen um den Umstand, dass die Befunde sehr gute Ansätze zur Rekonstruktion boten (Abb. 19).
Ausgrabungen
Am Anfang stand einmal mehr der Zufall. Bei Erdarbeiten stieß man im Jahr 1976 auf die ersten Spuren aus der Vergangenheit. Glücklicherweise wurden diese sofort als bedeutsam interpretiert, sodass die Archäologen ungestört ihrer Arbeit nachgehen konnten. In den folgenden 19 Jahren wurden etwa 75 Prozent der Siedlung freigelegt. Das, was die Ausgrabungsstätte auszeichnete, war der hervorragende Erhaltungszustand der Funde aus Holz, was bei vielen anderen Ausgrabungen nicht der Fall ist. Dies war dem hohen Grundwasserstand geschuldet.
Funde und Befunde
Das Dorf, zwischen dem 2. und 5. Jh. n. Chr. bewohnt, weist sehr unterschiedliche Bauten auf. Aber nicht alle Häuser bestanden gleichzeitig. Allein schon das Baumaterial Holz ist nicht für die Ewigkeit gedacht, sodass Baufälliges aufgegeben und durch Neubauten ersetzt wurde.
Die Archäologen konnten große, ebenerdige Häuser beobachten, die Wohnung und Stall miteinander verbanden; diese bezeichnet man auch als Langhäuser. Die Interpretation war recht einfach, weil im Wohnteil Herdstellen und ein solider Lehmfußboden vorhanden waren.
Neben diesen ebenerdigen Gebäuden gab es noch Grubenhäuser. Der Name erklärt sich aus der Tatsache, dass die Fußböden unterhalb des damaligen Laufniveaus lagen, also eingetieft waren. Diese Grubenhäuser dienten handwerklichen Zwecken, etwa der Textilherstellung.
Abb. 19 Klein Köris. Rekonstruierte Bauten des germanischen Dorfes.
Das Dorf, dessen germanischen Namen wir nicht kennen, gehörte gewiss nicht zu den ärmsten. Man kann sogar davon ausgehen, dass ein Feinschmied sein Auskommen fand. Darüber hinaus entdeckten die Archäologen eine Reihe von Gegenständen, die als Importgüter bezeichnet werden können, also durch Handel oder Tausch ihren Weg ins Märkische fanden.


