Irrlichter und Spöckenkieker

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Doch so sehr sie sich auch bemühte, sie konnte weder ihren Körper noch ihre Gedanken kontrollieren.
»Verzeiht mir …« wollte sie sagen, doch aus ihrer Kehle kam nur lautes Gekrächtze. Pfarrer Harms zuckte zusammen, faltete die Hände zum Gebet und ließ seinen Blick hilflos zum Altar wandern. Er stammelte unverständliche Worte und bekreuzigte sich immer wieder.
Inzwischen waren die Menschen in der St. Laurentii Kirche auf das seltsame Verhalten der Stine Knudtsen aufmerksam geworden.
Während Bauer Knudtsen polternd von der Bank aufsprang, flüchteten Stines Mitschüler unter Gekreische in den hinteren Bereich der Kirche. Zusammengedrängt standen sie dort und schauten das Mädchen an, das am ganzen Körper zitterte.
»Sie ist eine Hexe«, wisperte Gerrit Mattes und machte ein bedeutungsvolles Gesicht. Die Mitschüler warfen ihr bewundernde Blicke zu. Viele von ihnen dachten in diesem Augenblick das Gleiche, doch wohl niemand hätte sich getraut diesen Verdacht laut auszusprechen.
»Vielleicht ist ihr schlecht«, wandte Lina leise ein. Einige Mädchen kicherten und ahmten Stines Verhalten nach. Sie zuckten mit den Schultern und verdrehten dabei ihre Augen.
Meta Knudtsen war inzwischen hastig die Stufen zum Altar hinaufgelaufen, doch sie konnte ihrer Enkeltochter nicht mehr helfen. Stine bekam von all dem nichts mehr mit, sie war bewusstlos geworden.
Wochenlang sprach man im Dorf von diesem Ereignis.
Niemand konnte erklären, was an dem Sonntag in der kleinen Dorfkirche von Süderende geschehen war. So kam es, dass nach und nach die wildesten Gerüchte verbreitet wurden.
»Stines Urgroßvater hatte den bösen Blick, das vererbt sich. Er trieb sich manchmal wochenlang im Wald herum und lebte mit wilden Tieren zusammen.«
Der Küster aus Süderende flüsterte hinter vorgehaltener Hand, was er gerade von dem Viehhändler aus Dunsum erfahren hatte. Doch seine Frau schüttelte missbilligend den Kopf.
»Schweig still, wir haben hier auf der Insel gar keine wilden Tiere, du Dösbattel. Oles Mutter konnte Kranke heilen, sie hat meinem Vater oft geholfen, wenn ihn sein Rheumatismus plagte.«
»Die Knudtsen-Frauen sind alle etwas spinnert im Kopf«, mischte sich der Küster Rickmers in das Gespräch ein.
»Das wächst sich irgendwann raus.«
Er schwang sich auf sein Fahrrad und radelte eilig zum Friedhof hinüber.
»Stine tut mir Leid«, murmelte Fenja Nansen, während sie dem Küster hinterher schaute. »Sie kann doch nichts dafür. Das Mädchen hat es nicht leicht.«
»Spökenkiekerei, alles nur Spökenkiekerei …«
Schuster Nansen sah seine Frau missbilligend an, zog seinen Hut tief ins Gesicht und machte sich auf den Weg ins Wirtshaus. »Spinner, alles Spinner …«, brummte er und drängte sich rücksichtslos durch die Menschenmenge.
Während sich die kleine Versammlung auf dem Oldsumer Dorfplatz zögernd auflöste, beschloss die alte Hebamme Trientje noch einen Abstecher zum Knudtsenhof zu machen. Das Thema war zu wichtig, als dass sie sich auf reine Vermutungen verlassen könnte. Sie wollte von niemandem anders als von Meta Knudtsen hören, was sich bei der Konfirmation tatsächlich zugetragen hatte.
Trientje lebte seit Ewigkeiten in Oldsum in einem kleinen Tagelöhner-Haus. Der Bauer Ennen hatte ihr diese Hütte kostenlos zur Verfügung gestellt. Als Gegenleistung versorgte Trientje ihn manchmal mit selbstgebrautem Kräuterschnaps. Die Hebamme soll in jungen Jahren eine bildschöne Frau gewesen sein, erzählte man sich auf der Insel. Heute war allerdings nichts mehr davon zu sehen. In alten, abgewetzten Kleidern und mit ungepflegten, strähnigen Haaren ging sie ihrem Gewerbe nach.
Keiner kannte ihr genaues Alter. Niemand wusste woher sie kam. Sie war einfach da …
Mit ihrem schäbigen Hebammenkoffer marschierte sie von Hof zu Hof und half, mehr oder weniger professionell, kleinen Erdenbürgern auf die Welt.
Nicht immer war sie bei den jungen Bäuerinnen gerne gesehen. Trientje nahm es mit der Hygiene manchmal nicht sehr genau, so kam es durchaus vor, dass das Neugeborene nach der Geburt einfach erst einmal in die wallenden Röcke der Hebamme gewickelt wurde. Noch heute lacht jeder in Oldsum über den Jungbauern Wilko Brons, der die alte Hebamme bei Nacht und Nebel mit der Mistgabel vom Hof jagte. Damit die junge Mutter sich von der Entbindung erholen konnte, hatte Trientje dem neugeborenen Hoferben kurzerhand Alkohol eingeflößt, um ihn auf diese Weise zur Ruhe zu bringen. Trientje ließ sich jedoch von gelegentlichen Unannehmlichkeiten nicht vergraulen, sie wusste genau, dass ihre Dienste immer wieder gebraucht wurden.
HebH
Meta kam gerade aus dem Hühnerstall, als sie die Hebamme über den Hof schlurfen sah. Seufzend ging sie ihr entgegen, sie ahnte was dieser Besuch bedeutete.
»Hallo Trientje«, sagte Meta mit demonstrativer Gleichgültigkeit, während sie den Korb mit den frischen Eiern neben sich auf die Erde stellte.
»Dich treibt wohl die Neugierde her, nicht wahr?«
Trientje wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn und ließ sich stöhnend auf einen Holzstapel sinken.
Ohne weiter auf Metas Frage einzugehen, kramte sie ein in Zeitungspapier verpacktes Butterbrot aus ihrer Tasche und biss herzhaft hinein.
»Wenn es nicht bald regnet, gibt es keine gute Ernte. Eure Gerste steht gar nicht gut.«
Meta Knudtsen holte tief Luft und fiel der Alten ungeduldig ins Wort.
»Du hast doch nicht den weiten Weg hierher gemacht, um mit mir über unsere Gerste zu reden?«
Trientje rümpfte die Nase und wickelte die Reste des Brotes wieder in die Zeitung. Erst nachdem sie das Päckchen umständlich zurück in die Tasche gestopft hatte, sah sie Meta aufmerksam an und fragte scheinheilig:
»Wie geht es eigentlich Stine, wird sie die Konfirmation nachholen? Wenn du mich fragst …«
Wütend stampfte Meta mit dem Fuß auf und sagte schneidend:
»Dich fragt aber niemand, schließlich geht dich Stine auch nichts an.«
Doch die Hebamme ließ sich nicht beirren, sie wusste, die Gelegenheit etwas von Meta zu erfahren, würde so schnell nicht wiederkommen. Sie musste die Gunst der Stunde nutzen.
»Mädchen in diesem Alter neigen manchmal zur Hysterie«, meinte Trientje besänftigend, und riet Meta Knudtsen bei der Erziehung ihrer Enkelin strengere Seiten aufzuziehen.
»Du hast das Kind viel zu sehr verwöhnt«, urteilte sie und hob beschwörend die Hände.
»Bring Stine doch mal zum Hinrichsen, sag ihm einen schönen Gruß von mir, er soll sich das Mädchen mal ansehen. Schaden kann es nicht. Er hätte sicher auch deine Tochter Rieke auf den rechten Weg gebracht.«
Meta Knudtsen lief ein Schauer über den Rücken, hasserfüllt sah sie die alte Frau an. Sie wusste sehr genau warum Hinrichsen sich das Mädchen ansehen sollte. Man sagte dem alten Schmied nach, er könne arme Menschenseelen von Dämonen befreien. Doch Meta war ganz sicher, Stine war weder von Dämonen besessen noch war sie hysterisch.
»Das könnte dir so passen«, herrschte sie Trientje an.
»Mit Stine ist alles in Ordnung, verschwinde von meinem Hof, und lass dich hier nie wieder blicken, altes Tratschweib!«
Trientje schaute Meta erschrocken an. So zornig hatte sie die Bäuerin noch nie erlebt.
»Ja ja, bist wohl mit dem falschen Fuß aufgestanden …«, murmelte sie, griff hastig nach ihrer Tasche und machte sich aus dem Staub.
Verärgert sah Meta der Alten nach. Ständig muss sie ihre Nase in die Angelegenheiten anderer Leute stecken, dachte Meta und schloss geräuschvoll die Tür zum Garten.
Die Bäuerin verabscheute nichts so sehr, wie die Tratscherei der Insulaner. Es gab kaum etwas, was man vor ihnen geheim halten konnte. Dass jede Neuigkeit unverzüglich ihre Runde machte, dafür sorgte schon die Hebamme.
»Gottes Zorn soll dich treffen«, flüsterte die Bäuerin und ging langsam zur Scheune hinüber. Eine innere Stimme sagte ihr, dass Trientje ihrer gerechten Strafe nicht entgehen würde. Meta wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie Recht sie haben sollte.
Nur allmählich beruhigte die Bäuerin sich, die Sorgen um ihre Enkeltochter raubten ihr allmählich den Verstand. Seit Wochen plagte sie das Rheuma, und nachts konnte sie vor Schmerzen kaum schlafen. Die tägliche Arbeit auf dem Hof wurde immer beschwerlicher. Der Bauer dachte bereits darüber nach, eine zusätzliche Magd einzustellen. Meta und Ole hatten das Rentenalter längst erreicht, aber noch war nicht daran zu denken, sich auf das Altenteil zurückzuziehen. Stine war mit ihren siebzehn Jahren noch viel zu jung, um sich um den Knudtsenhof zu kümmern.
Und ein gestandener Bauernsohn, der ihrer Enkelin dabei zur Seite stehen würde, war auch nicht in Sicht.
»Stine steckt ihre Nase immer nur in Bücher«, sagte Ole oft verbittert, wenn er sich mal wieder mit einigen Bauern am Stammtisch im Wirtshaus traf.
»So wird sie nie einen Mann kriegen, jedenfalls keinen, der mal euren Hof bewirtschaften kann.«
Der alte Hinrichsen sprach das aus, was dem Bauern schon seit Wochen durch den Kopf ging.
Meta drehte sich noch einmal nach Trientje um, doch die war längst hinter den Holunderbüschen verschwunden. Seufzend nahm sie den Eierkorb und ging durch die Scheune ins Haus.
Stine stand in der Küche am Tisch und füllte heiße Erdbeerkonfitüre in Gläser, die sie anschließend sorgfältig mit einem Deckel verschloss. Sie trug eine grün karierte Kittelschürze auf der bereits unzählige rote Marmeladenspritzer zu sehen waren.
»Was war das für ein Geschrei im Garten?«, fragte sie, indem sie sich zu ihrer Großmutter umwandte. Meta schüttelte den Kopf und legte die Eier in eine Schale.
»Ach, das war Trientje«, murmelte die Bäuerin und ließ sich stöhnend auf die Ofenbank sinken.
»Was wollte die Hebamme denn von dir? Habt ihr euch gestritten? Ich sah sie mit fliegenden Röcken davon laufen. Was war los?«
»Du kennst Trientje doch. Sie ist und bleibt ein Tratschweib, und ich kann dieses Geschwätz nun mal nicht ab. Das habe ich ihr ganz deutlich gesagt. Daraufhin ist sie wütend geworden und hat das Weite gesucht.«
Meta erhob sich schwerfällig und ging zum Spülstein hinüber.
»Trientje sollte gut auf sich aufpassen, ich habe von ihr geträumt. In meinem Traum trug sie ein schwarzes Gewand und hatte ein Kreuz in der Hand.«
Die letzten Worte hatte das Mädchen sehr leise gesprochen, doch Meta hatte sehr wohl verstanden, was Stine gerade sagte. Erschrocken sah die Bäuerin ihre Enkelin an. Es war das erste Mal, dass Stine von einem solchen Traum erzählte. Noch schien das Mädchen nicht zu ahnen, was dieses Erlebnis bedeuten konnte. Tief in ihrem Inneren spürte Meta, dass die Zeit gekommen war.
Sie musste auf der Hut sein, Stine durfte nicht das gleiche Schicksal erleiden wie Rieke, ihre einzige Tochter.
Meta dachte daran als sie sich vor vielen Jahren verzweifelt ihrer Mutter anvertraute. Die alte Beeke Ahrends hatte sehr abweisend reagiert.
»Ich will davon nichts hören«, hatte sie barsch gesagt.
»Das ist Spökenkiekerei, reiß dich zusammen und denk an deine Familie. Diese Träume werden dich dein Leben lang begleiten. Sei klug und behalte diese Erscheinungen für dich. Wenn du stark genug bist, wirst du damit zurechtkommen. Befolge die Gebote des Herrn und sei deinem Mann eine gute Ehefrau, dann wird alles gut.«
Meta hatte sich stets daran gehalten. Sie tat ihre Pflicht, fragte nicht und sorgte für ihre Familie. Tapfer, wie es sich für eine Knudtsen-Bäuerin gehörte versuchte sie mit diesen seltsamen Träumen und Erscheinungen umzugehen. Nie wieder kam ein Wort der Klage über ihre Lippen.
Stine füllte die restlichen Gläser mit der dampfenden Konfitüre und wandte sich an Meta.
»Pfarrer Harms hat mich gebeten, frische Blumen auf den Altar zu stellen, darf ich einige von den weißen Margeriten pflücken?«
Meta nickte beiläufig, sie war mit ihren Gedanken ganz woanders.
Der Tag der Konfirmation hatte alles verändert, nichts war mehr so, wie es einmal war.
Gnadenlos hatte das Schicksal zugeschlagen und die Ordnung einer angesehenen Familie zerstört. Die Leute im Dorf tuschelten und zeigten mit dem Finger auf Stine.
Sie habe den Satan im Leib, wurde gesagt, und hinter geschlossenen Türen war von Teufelsaustreibung die Rede. Meta versuchte verzweifelt, das Mädchen zu schützen, aber es gelang ihr kaum. Hilflos musste sie mit ansehen wie ihre Familie langsam am Hass der Dorfbewohner zerbrach.
»Was ist mit Stine los? Warum rennt sie schon wieder in die Kirche? Ich sah sie gerade auf dem Weg nach Süderende.«
Der Bauer kam in die Küche, schlüpfte in seine Pantoffeln und sah seine Frau fragend an. Sein Blick verriet Unbehagen, und Meta ahnte, dass er die Antwort eigentlich gar nicht hören wollte.
»Stine bringt Blumen in die Kirche. Pfarrer Harms hat sie darum gebeten. Das Mädchen wird langsam erwachsen, das ist für so eine junge Deern nicht einfach. Aber davon verstehen Mannsleute nichts.«
Meta richtete das Abendbrot und ging nicht näher auf Oles Fragen ein. Wieder einmal blieb der Bauer mit seinen Ängsten und Sorgen allein. Er spürte deutlich, dass sich seine Frau immer weiter von ihm entfernte, doch was sollte er tun? Er hatte nie gelernt sich seinen Problemen zu stellen. Manchmal, wenn die Erinnerungen an jenen grauen Novembertag übermächtig wurden, dachte er daran sein Gewissen zu erleichtern. Aber dann fand er nicht die richtigen Worte und schwieg. Noch ließen sich die Erinnerungen, wenigstens für eine Weile mit Köm verdrängen.
Doch wer weiß wie lange noch …
9
Als an einem Sonntag im August, der Schuster Nansen zum Bürgermeister von Oldsum gewählt wurde, brach für Ole Knudtsen eine Welt zusammen. Seit Jahren hatte er dafür gekämpft, einmal dieses Amt bekleiden zu können. Und die Aussichten waren sehr gut gewesen, jeder im Ort hätte ihm seine Stimme gegeben, wenn …
»Du weißt, wem ich das zu verdanken habe«, sagte er zu Meta und sah sie unglücklich an.
»Bürgermeister von Oldsum zu werden, das war mein Lebenstraum.«
Der Bauer sackte förmlich in sich zusammen. Mit hängenden Schultern hockte er auf der Ofenbank und starrte in die knisternde Glut des Feuers.
»Du kannst doch Stine nicht für deine Niederlage verantwortlich machen. Sicher gibt es auch noch andere Gründe. Du hast dich auch sehr verändert. «
Meta war verzweifelt über den Zustand ihres Mannes. Noch nie hatte sie den Bauern so niedergeschlagen gesehen. Gerade seine Willensstärke und die unendliche Lebenskraft, die er ausstrahlte, hatte sie stets so geliebt. Doch er war in den letzten Jahren ein anderer geworden. Unhöflich und taktlos ging er mit seinen Mitmenschen um. Viele seiner früheren Freunde gingen ihm mittlerweile aus dem Weg.
»Stine bringt nur Unglück über unsere Familie, denkst du, ich weiß nicht, was die Leute über uns reden. Es ist allein ihre Schuld.«
Oles Stimme überschlug sich, er stieß seine Frau zur Seite und stürmte aus dem Haus.
»Sie ist doch noch ein Kind«, flüsterte Meta.
Die Bäuerin fand in dieser Nacht keine Ruhe. Stundenlang kniete sie vor dem Altar in der Wohnstube und murmelte unverständliche Worte vor sich hin.
Stine nahm die Veränderung, die in dem Bauern vorging wahr, und zog sich immer tiefer in sich selbst zurück. Der Gedanke, ihrem Großvater seinen Lebenstraum zerstört zu haben, war unerträglich für sie. Würde Ole ihr das je verzeihen?
Doch was sollte sie tun? Stine spürte, die »weiße Frau« nahm immer mehr Raum in ihrem Leben ein. Seit diesem verheerenden Zwischenfall während der Konfirmation mied Stine den Anblick eines Kreuzes. Aber sie spürte instinktiv, dass nicht das Kreuz der Auslöser für ihre nächtlichen Träume war.
Eine unbändige Wut stieg in ihr auf. Wer war diese »weiße Frau«, die offenbar ihr Leben zerstören wollte?
Aber sie war sicher, mit aller Kraft würde sie sich dagegen zu wehren wissen …
Nach wie vor ging Stine zur Schule und half ihrer Großmutter im Haushalt. Sie ging den Knechten bei der Heuernte zur Hand und kümmerte sich um den Gemüsegarten. Doch ihr Lachen und ihre Fröhlichkeit fand sie nicht wieder.
Aus einem heiteren, aufgeschlossenen Mädchen war eine in sich gekehrte, junge Frau geworden, die den Menschen aus dem Wege ging. Die Schuldgefühle ihrem Großvater gegenüber ließen sie nicht zur Ruhe kommen.
Es brach Meta das Herz, mit ansehen zu müssen, wie ihre Enkelin immer schwermütiger wurde.
»Stine sollte von hier weggehen«, sagte der Pfarrer eines Tages zu Ole Knudtsen, als die Männer sich im Wirtshaus trafen.
»Wenn du einverstanden bist, höre ich mich einmal um. Stine ist ein fleißiges Mädchen, eine Anstellung für sie zu finden, dürfte nicht schwierig sein.«
Ole sah den Pfarrer nachdenklich an, dann nickte er.
»Du hast wohl recht«, sagte er einsilbig und trank sein Glas in einem Zug leer. Zögernd stand er von seinem Stuhl auf und stützte sich schwankend mit den Händen auf der Tischplatte ab. Mit glasigen Augen starrte er den Pfarrer an.
»Bring Stine weg von hier, damit in Oldsum endlich wieder Ruhe einkehrt«, sagte er mit brüchiger Stimme und griff nach seiner Jacke. Unsicher, mit schlurfenden Schritten, ging er zur Tür und verließ das Wirtshaus, ohne sich von dem Pfarrer zu verabschieden.
10
Es regnete in Strömen, und ein frischer Wind fegte die letzten Blätter von den Zweigen der knorrigen Eichen am Rande des Dorfteiches. Nach dem heißen, trockenen Sommer setzten die Herbststürme bereits in den letzten Oktobertagen ein. Die Zuckerrüben waren gerade geerntet, als bereits der erste Schnee fiel. Die Menschen auf Föhr bereiteten sich auf einen langen, harten Winter vor.
Stine Knudtsen vergrub ihre Hände tief in die Taschen ihrer Wolljacke. Es war leichtsinnig, keine Handschuhe anzuziehen, dachte sie und beschleunigte ihre Schritte. Sie wollte unbedingt noch vor dem Dunkelwerden zu Hause sein, da heute auf dem Knudtsenhof Schlachtfest war und sie ihrer Großmutter bei den Vorbereitungen helfen musste. Stine liebte die Arbeit in der Küche, doch der Gedanke an die vielen Gäste, die sich zum Essen angesagt hatten, bereitete ihr Unbehagen. Meistens löste sie das Problem auf ihre Weise. Sie half ihrer Großmutter die Speisen zu servieren, nahm aber an der anschließenden Mahlzeit nicht teil. Genau so werde ich es heute machen, dachte sie und beschleunigte ihre Schritte.
»Warum so eilig? Warte doch mal …«
Stine drehte sich überrascht um. Sie war tief in Gedanken versunken und hatte gar nicht bemerkt, dass ihr jemand folgte. Jan Nansen, der Sohn des Bürgermeisters, blieb ganz in ihrer Nähe stehen und klopfte den Schnee von seinem Mantel. In seinen blonden, vom Wind zerzausten Haaren schimmerten die Schneeflocken wie kleine Kristalle.
Stine war ebenfalls stehen geblieben und sah fasziniert in seine Augen. Ihr Herz begann ungestüm zu klopfen - ein Gefühl, das Stine nicht kannte.
Sie hatte den jungen Mann schon einige Male in Oldsum gesehen, doch er war ihr nie besonders aufgefallen.
Stine war es gewohnt, von den Jungen des Dorfes beschimpft und verhöhnt zu werden, aber Jan verhielt sich anders. Sein Blick war offen und freundlich. Schüchtern schaute er sie mit warmen, braunen Augen an.
»Was willst du, ich habe es eilig«, sagte Stine und wollte schon ihren Heimweg fortsetzen. Sie war sehr vorsichtig geworden, denn schon zu oft hatte sie sich in einem Menschen getäuscht.
Jan legte seine Hand auf ihren Arm.
»Bleib doch mal stehen, ich will dich etwas fragen«, sagte er und lächelte.
»Am nächsten Sonntag ist das Feuerwehrfest, hast du Lust mit mir dorthin zu gehen?«
Stine sah den Burschen entgeistert an, einen Augenblick dachte sie, nicht richtig gehört zu haben.
»Du willst mit mir zum Feuerwehrfest gehen?«
Jan drehte verlegen seine Handschuhe in den Händen und nickte. Offensichtlich hatte es ihn sehr viel Überwindung gekostet, Stine anzusprechen.
»Warum sollten wir nicht zum Fest gehen?«, fragte er verunsichert.
»Oder gehst du schon mit einem anderen?«
Stine lächelte und schüttelte den Kopf. Die Idee mit irgendjemandem auf ein Fest zu gehen, kam ihr so absurd vor, dass sie lachen musste.
»Du glaubst doch nicht, dass dein Vater damit einverstanden ist. Weißt du, was man im Dorf über mich erzählt? Anscheinend weißt du es nicht, sonst hättest du mich nicht gefragt. Nein, nein schlag dir das aus dem Kopf, und such dir eine andere.«
Stine schlug fröstelnd den Mantelkragen hoch und wandte sich ab. Es wurde bereits dämmerig, ihre Großmutter würde längst auf sie warten. Sie ließ den jungen Mann einfach stehen und stapfte mit großen Schritten auf den Knudtsenhof zu.
Die meisten Gäste saßen schon an der langen Tafel in der guten Stube, als Stine über die Diele in die Vorratskammer ging. Sie zog den Mantel aus und hing ihn zum Trocknen an den Räucherofen. Mit einigen Griffen richtete sie ihr Haar und zog trockene Schuhe an. Unbemerkt schlich sie an der Stubentür vorbei in die Küche. Mit hochrotem Kopf stand Meta Knudtsen am Kohlenherd und rührte in einem Kessel mit Wurstsuppe. Der Schweiß rann ihr in Strömen von der Stirn. Die Temperaturen in der Küche waren unerträglich.
Sie warf Stine einen vorwurfsvollen Blick zu.
»Jetzt bin ich mit der Arbeit fast fertig, warum kommst du so spät? Das Essen muss serviert werde. Bitte beeil dich.«
Stine dachte an Jan Nansen, immerhin war er der Grund für ihre Verspätung. Doch ihre Unterhaltung mit dem jungen Nansen, und die Einladung zum Feuerwehrfest erwähnte sie nicht.
»Ich bin aufgehalten worden, tut mir Leid, Großmutter.«
Stine griff nach einer Wurstplatte und verschwand durch die Tür.
Ein verlegenes Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie die Platte in der Stube auf den Tisch stellte. Sie fühlte sich in Gesellschaft einfach nicht wohl und wartete sehnsüchtig darauf, wieder in die Küche flüchten zu können. Aber sie wusste auch, was man von einer Knudtsen-Enkelin erwartete und kam ihren Pflichten als Gastgeberin aufmerksam nach.
Schließlich war ein Schlachtfest bei einem der reichsten Bauern von Oldsum immer ein besonderer Anlass, gut zu essen und auch zu trinken. Der Tisch war beladen mit Köstlichkeiten, die von Meta und den benachbarten Bäuerinnen hervorragend zubereitet worden waren. Dem Brauch gemäß, floss Bier und Schnaps in Strömen.
»Guten Tag Stine, lass die Arbeit mal einen Moment ruhen. Ich möchte mit dir etwas besprechen.«
Pfarrer Harms erhob sich umständlich von seinem Stuhl und winkte das Mädchen zu sich heran. Stine schaute beunruhigt zuerst auf den Pfarrer und dann zu ihrem Großvater hinüber, der aufmerksam den Kopf hob und den Pfarrer durchdringend ansah. Doch dieser nickte nur beschwichtigend, während er Stine ins angrenzende Zimmer schob.
»Stine, ich mache es kurz. In einigen Wochen wirst du die Schule beenden und dich auf ein Leben als Bäuerin vorbereiten. Schließlich willst du ja einmal den Hof deines Großvaters übernehmen. Kurz und gut - ich habe eine Anstellung in Utersum für dich gefunden. Dem Bauern Clausen ist vor einiger Zeit die Frau gestorben, und nun sucht er jemanden, der ihm den Haushalt führt. Dort wirst du lernen wie man einen Hof bewirtschaftet. Kochen und Backen kannst du ja schon recht gut, sagt deine Großmutter. Du wirst es bestimmt gut bei Marten Clausen haben und solltest diesen Schritt als eine Möglichkeit annehmen, etwas dazuzulernen.«
Stine stand wie angewurzelt am Kamin und starrte den Pfarrer an.
»Ich soll weg …«, stotterte sie fassungslos.
Pfarrer Harms legte tröstend einen Arm um Stines Schulter.
»Du fühlst dich doch hier nicht wohl, die Leute in Oldsum werden dich nie in Ruhe lassen. Es ist das Beste für dich, glaube mir. In einigen Jahren, wenn du alt genug bist den Hof zu übernehmen, kommst du zurück.«
Stine war blass geworden, ihr Blick wanderte zum Fenster hinaus über das grüne Marschland. Hier war sie zu Hause, nur hier kannte sie jeden Baum und jeden Strauch. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, jemals von hier wegzugehen.



