Irrlichter und Spöckenkieker

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Sie erinnerte sich daran, wie sie ihren Großvater einmal nach Dunsum begleitet hatte. Er hatte Ersatzteile für den alten Lanz besorgen müssen. Das Dorf lag nur wenige Kilometer von Oldsum entfernt, doch für Stine hatte die Fahrt dorthin eine kleine Weltreise bedeutet.
»Utersum ist so weit, den Weg schaffe ich mit dem Fahrrad nie.«
Das Mädchen blickte den Pfarrer verzweifelt an, in ihren Augen schimmerten Tränen.
»Stine, Utersum ist nicht aus der Welt. Du kannst den Bus nehmen, dann bist du in einer Stunde in Oldsum. Bauer Clausen hat sicher nichts dagegen, wenn du sonntags nach Hause fährst.«
Seine Stimme klang warm und behutsam, offensichtlich hatte er Mitleid mit dem Mädchen. Leise sprach er weiter:
»Schau, der Clausenhof ist ein moderner Betrieb, du wirst dort keine schwere Arbeit verrichten müssen. Und eine Menge Knechte und Mägde gibt es auch. Sie werden dir zur Hand gehen.«
Doch Stine hörte ihm nicht zu. Stumm stand sie am Fenster und starrte auf die endlosen Wiesen und Felder ihres Großvaters. Das alles würde irgendwann einmal ihr gehören.
Ihr Großvater war einer der reichsten Bauern auf der Insel, und wenn sie sein Erbe antreten würde, wäre sie die begehrteste Jungbäuerin auf Föhr.
Aber taugte sie überhaupt zur Bäuerin?
Sie kümmerte sich zwar gerne um die Tiere des Hofes und konnte hervorragend kochen, doch ihre große Leidenschaft war das Schreiben.
»Aus dir wird einmal eine berühmte Schriftstellerin«, hatte ihre Lehrerin einmal gesagt.
Stine lächelte und dachte an die vielen kleinen Geschichten und Gedichte, die sie in ihrem Nachtkästchen versteckt hielt. Die Geschichten erzählten von Zwergen und Prinzessinnen und von ihrer Sehnsucht in fremde Länder zu reisen.
Stine drehte sich um und schaute zur Tür, die sich plötzlich öffnete. Meta kam ins Zimmer, sah fragend von einem zum anderen und wandte sich schließlich an den Pfarrer.
»Ole sagt, du willst meine Ziehtochter nach Utersum bringen?«
Pfarrer Harms blickte zuerst die Bäuerin an und sah sich dann nach Stine um, die immer noch stumm am Fenster stand.
»Ole meinte …«, stotterte er hilflos.
Meta räusperte sich und machte einen Schritt auf ihre Enkelin zu. Der Pfarrer ahnte, dass sich Unheil ankündigte. Er wäre einer Auseinandersetzung mit der Bäuerin gerne aus dem Weg gegangen, aber dafür war es nun zu spät.
»Wann Stine den Knudtsenhof verlässt, bestimme immer noch ich«, sagte Meta schneidend. Ihre Stimme duldete offenbar keinen Widerspruch.
»Das sind Familienangelegenheiten und gehen niemanden etwas an. Auch dich nicht, Pfarrer. Ich werde das mit Ole besprechen.«
Die Augen der Bäuerin funkelten böse, unwillkürlich ballte sie ihre Hände zu Fäusten. Der alte Harms nutzte die Gelegenheit um hastig den Raum zu verlassen. Er kannte Meta, sie war ein gutmütiger Mensch, aber wenn sie zornig wurde, ging man ihr am besten aus dem Weg.
Meta nahm ihre Enkelin in den Arm und strich ihr beruhigend über das Haar.
»Kannst du dir vorstellen nach Utersum zu gehen, Stine?«, fragte Meta. Behutsam nahm sie Stines Gesicht in beide Hände und fuhr fort:
»Ich kenne den alten Clausen, er ist ein anständiger Kerl, und sein Hof ist ordentlich und sauber. Dort wirst du zur Hauswirtschafterin ausgebildet. Eine vernünftige Ausbildung ist notwendig, wenn man einen Bauernhof leiten will. Und das wirst du doch einmal.«
Stine schaute ihre Großmutter traurig an. Sie spürte einen quälenden Stich in ihrem Herzen. Nie hätte sie daran gedacht einmal eine solche Entscheidung treffen zu müssen.
Sie dachte an ihren Großvater, er hatte sich in letzter Zeit sehr abweisend ihr gegenüber verhalten. An manchen Tagen sprach er kaum ein Wort mit ihr. Oft musste sie mit anhören wie er der Großmutter heftige Vorwürfe machte und immer wieder von einem Fluch sprach, der über dem Knudtsenhof liegen solle. Sie wusste, wie gerne er Bürgermeister geworden wäre. Stine fühlte, dass ihr Großvater sie für dieses Unglück verantwortlich machte, obwohl er seinen Vorwurf nie öffentlich aussprach. Trotz allem liebte Stine ihre Großeltern über alles, und der Gedanke an eine Trennung schmerzte sie.
»Großmutter, ich kann mir einfach nicht
vorstellen, woanders zu leben. Hier ist mein Zuhause. Aber wenn es denn sein soll. Du denkst auch, ich sollte nach Utersum gehen, nicht wahr?«
Stine griff nach Metas Hand, ihre Augen füllten sich mit Tränen. Insgeheim hoffte sie ihre Großmutter würde einfach nur sagen: »Bleib hier …«
Doch Meta seufzte, und während sie in ihrer Schürze nach einem Taschentuch suchte, entgegnete sie kleinlaut:
»Pfarrer Harms hat wohl Recht, Ruhe wirst du hier in Oldsum nicht finden. Wäre deine Mutter damals rechtzeitig gegangen, vielleicht …«, Meta biss sich auf die Lippen und blickte ihre Enkelin erschrocken an. Seit Jahren wurde über Rieke Knudtsen kein Wort verloren. Alle Familienmitglieder hielten sich an diese unausgesprochene Regel.
Der Bauer hatte seine einzige Tochter an dem verhängnisvollen Tag ihres Unfalls aus seinem Leben und damit auch aus seinem Gedächtnis gestrichen. Hasserfüllt vernichtete er alles, was in seinem Haus an Rieke erinnerte. Meta konnte sich lange nicht erklären, warum Ole so verbittert war. Riekes Spinnereien konnten alleine nicht der Grund dafür sein. Inzwischen aber ahnte sie, welch große Schuld der Bauer mit sich herumtrug.
Stine beobachtete ihre Großmutter und sah, wie aufgewühlt sie war.
»Erzähl mir von meiner Mutter«, bat sie.
Meta schluckte und holte tief Luft.
»Ach, deine Mutter verhielt sich manchmal auch ein wenig sonderbar. Großvater konnte das einfach nicht verstehen, das weißt du ja. Es wäre besser gewesen, deine Mutter wäre mit dir und deinem Vater aufs Festland gezogen. Weg von der Insel und diesen üblen Anfeindungen. Aber sie wollte nicht. Na ja, dann hatte sie kurz darauf diesen schrecklichen Unfall.«
Stine horchte auf. Es war das erste Mal, dass Großmutter von ihrer Tochter Rieke erzählte. Stine hatte sich häufig gewundert, dass es keine Erinnerungsstücke von ihrer Mutter im Haus gab.
»Warum war meine Mutter sonderbar? Sah sie auch diese weiße Frau? Bitte, Großmutter sag es mir.«
Stine bebte am ganzen Körper. Konnte es sein, dass es noch jemanden gab, der diese seltsamen Erscheinungen hatte? War es möglich, dass auch ihre Mutter von Träumen geplagt wurde?
»Ja, deine Mutter erzählte häufig von einer Frau in einem weißen Kleid. Ich habe ihr oft gesagt, dass diese Frau ihr Schutzengel sei und ihr nichts Böses will, aber Rieke dachte, sie sei krank. Wir Knudtsen-Frauen haben eine besondere Gabe.«, fuhr die Großmutter fort. »Wir träumen manchmal Dinge, die wir nicht sofort verstehen. Du solltest diesen Träumen nicht zu viel Bedeutung geben, dann wirst du gut damit leben können.«
Stine schaute bedrückt aus dem Fenster. Sie war völlig durcheinander. Die weiße Frau, die wirren Träume, die ihr den Schlaf raubten, all das nannte Großmutter »eine besondere Gabe«.
Sie wollte diese besondere Gabe nicht … Sie wollte einfach so leben, wie viele andere Mädchen …
Stine dachte an die schlaflosen Nächte, die sie frierend in ihrem dünnen Nachthemd auf dem Schemel am Fenster verbrachte. Ununterbrochen spielte ihr kleines Transistorradio Schlager von Lale Andersen und Peter Alexander. Immer wieder, die ganze Nacht …
Die Angst einzuschlafen und von wilden Träumen geplagt zu werden, war übergroß.
Doch Stine musste schon bald erkennen, dass die »weiße Frau« sich durch diese Aktivitäten nicht vertreiben ließ.
Irgendwann war sie wieder da …
Die Sonne war inzwischen hinter den Dächern des alten Kapitänshauses verschwunden, und die Lindenbäume an der Hauptstraße warfen lange Schatten auf das Kopfsteinpflaster. In der kleinen Stube war es längst dämmerig geworden. Nur schemenhaft konnte Stine ihre Großmutter erkennen, die in dem alten Lehnstuhl am Ofen saß. Es war völlig still im Raum, nur ab und zu hörte man von draußen das laute Gelächter der Gäste. Das Festmahl hatte seinen Höhepunkt noch nicht erreicht. Ein Schlachtfest auf dem Knudtsenhof war selten vor Anbruch des neuen Tages zu Ende. Stine dachte an ihre Mutter. Ob sie diese Veranstaltungen wohl auch so verabscheut hatte? Sie konnte sich kaum an ihre Mutter erinnern, und dennoch fühlte sie gerade jetzt eine tiefe Verbundenheit.
»Nun, wie hast du dich entschieden? Wirst du nach Utersum gehen?«
Metas Stimme klang müde, sie erhob sich schwerfällig und wärmte ihre Hände an den heißen Ofenplatten.
»Aber eines solltest du wissen, Stine. Egal wie du dich entscheiden wirst, gegen deinen Willen wird dich niemand wegschicken, auch der Bauer nicht.«
Stine ging langsam auf ihre Großmutter zu und strich ihr zärtlich über die runzeligen Wangen. Leise flüsterte sie:
»Ich werde dich sehr vermissen.«
11
Die ersten Tulpen und Narzissen öffneten ihre Blütenkelche, und die goldgelben Rapsfelder leuchteten mit der Frühlingssonne um die Wette. Das Milchvieh wurde von den Knechten auf die Weiden getrieben, und im Gemüsegarten erntete die Küchenhilfe die ersten Salatköpfe.
Stine stand am Fenster ihrer kleinen Kammer und sah zum Deich herüber. Wenn sie die Küchenarbeit erledigt hatte, würde sie einen langen Spaziergang machen. Nach den endlos scheinenden, düsteren Wintermonaten brauchte sie unbedingt frische Luft. Rasch schüttelte sie ihr Bettzeug auf und räumte ihre Kleider in den alten Wandschrank. Sie sah sich um. Groß war ihre Stube nicht, aber zweckmäßig und ordentlich eingerichtet. Die geblümten Tapeten an den Wänden gaben dem Raum etwas Behagliches. Mit einigen Grünpflanzen und hübschen Bildern hatte Stine sich ein gemütliches kleines Reich geschaffen. Seit fünf Monate war sie nun auf dem Clausenhof und fühlte sich inzwischen sehr wohl. Ihre anfängliche Scheu und Zurückhaltung hatte sie längst abgelegt, der Bauer war höflich und behandelte sie sehr zuvorkommend.
»Stine, komm doch einmal her …«
Stine erschrak, die Stimme des Bauern klang erregt und ungeduldig. So schnell sie konnte, lief sie die schmale Holzstiege hinunter durch die Milchkammer nach draußen. Vor dem Schweinestall standen der Bauer und zwei seiner Knechte und unterhielten sich lebhaft.
»Was ist denn los?«, fragte sie und sah die Männer neugierig an.
»Unsere beste Zuchtsau hat heute Nacht zwölf Ferkel geworfen. Was sagst du nun?«
Bauer Clausen strahlte übers ganze Gesicht und klopfte sich vor Freude auf die Schenkel.
»Stine, koch uns heute mal etwas Feines, das haben wir uns redlich verdient«, schlug er vor. Die beiden Knechte nickten zustimmend, bevor sie wieder an die Stallarbeit gingen.
»Die Ferkelpreise sind so gut wie schon lange nicht mehr, das wird ein gutes Jahr«, sagte Clausen und führte das Mädchen in den Schweinestall. Grunzend und zufrieden lag die Sau im Stroh und beobachtete wachsam jeden Schritt ihrer neugeborenen Ferkel. Stine betrachtete lächelnd die rosafarbenen, quiekenden Ferkelchen. Ihr Großvater nahm sie selten mit in den Stall. Er war der Meinung, sie sei in der Küche besser aufgehoben.
»Eine Bäuerin gehört an den Herd«, hatte er stets zu seiner Frau gesagt, und Meta war es nur Recht gewesen. Sie zeigte wenig Interesse an der Viehwirtschaft und beschäftigte sich lieber im Haus oder im Garten. Stine jedoch liebte Tiere über alles, oft unternahm sie mit dem Hofhund endlose Spaziergänge.
»In der nächsten Woche wird es noch weitere Ferkel geben.«
Marten Clausen zeigte auf eine Sau, die ihre mächtige Leibesfülle gerade schwerfällig zum Futtertrog schob.
Stine besprach mit dem Bauern noch kurz seine Termine für diesen Tag, dann ging sie zurück in die Küche. Während sie Kartoffeln schälte und die Hühner in den Backofen schob, war sie in Gedanken beim Knudtsenhof. Ihr Großvater hatte nach ihrem Umzug eine Küchenhilfe einstellen müssen. Der Großmutter fiel es immer schwerer, die alltägliche Arbeit in der Küche und im Garten zu erledigen. Ihre Gelenke hatten sich durch das Rheuma teilweise stark verformt, und an manchen Tagen war es ihr nicht möglich auch nur einen Finger zu bewegen. Doch niemand hörte die alte Bäuerin je klagen.
Stine war völlig in Gedanken versunken, erst als es laut an der Küchentür klopfte, hob sie den Kopf und lauschte.
»Herein! Wer ist denn da?«
Die Tür öffnete sich einen Spalt und ein junger Mann betrat schüchtern die Küche.
»Jan, was machst du denn hier?«
Überrascht ließ Stine das Messer in den Ausguss fallen und trat einen Schritt auf den Burschen zu.
»Woher weißt du überhaupt, dass ich hier bin?«
Jan Nansen stieg eine leichte Röte ins Gesicht, als er Stine die Hand gab.
»Die Hebamme Trientje hat es mir erzählt, und da dachte ich, du würdest dich über einen Besuch sicher freuen.«
Stine musste lachen, es gab eben nichts, was die alte Trientje nicht wusste.
»Ja, ich freue mich auch. Wenn du zum Mittagessen bleibst, können wir später einen Spaziergang machen. Was hältst du davon?«
Jan nickte, und die leichte Röte auf seinen Wangen verwandelte sich in ein zartes Purpurrot.
Stine tat es inzwischen längst Leid, dass sie damals so unwirsch reagiert hatte, als der junge Mann sie zum Feuerwehrfest eingeladen hatte. Sie konnte sich zwar immer noch nicht vorstellen an einem öffentlichen Fest teilzunehmen, aber trotzdem hätte sie freundlicher zu Jan sein können. Sie mochte den Jungen, der anders war als die jungen Burschen im Dorf. Seine zurückhaltende Art berührte ihr Herz auf eine seltsame Art und Weise.
Verstohlen blickte Stine zur Seite, als sie einige Zeit später zusammen mit dem Jungen den Weg zum Deich hinauf schritt. Jan hatte seine Mütze tief ins Gesicht gezogen und den Blick auf den Boden gerichtet.
»Gibt es Neuigkeiten in Oldsum?«, wollte Stine wissen.
Sie blieb stehen, um ein wenig auszuruhen. Der Weg zum Deich hinauf war steil. Kräftig blies ihr der frische Wind ins Gesicht und nahm ihr den Atem.
»Ich mache in Wyk eine Ausbildung zum Bäcker. Wusstest du das?«
Aufmerksam beobachtete Jan die Wirkung seiner Worte. Stine war überrascht, hob ruckartig den Kopf und schaute ihn verblüfft an. Jeder in Oldsum rechnete damit, dass Jan einmal das Schusterhandwerk erlernen würde, um dann irgendwann den Betrieb seines Vaters zu übernehmen. Es musste schon einen triftigen Grund dafür geben, dass er sich nun anders entschieden hatte.
»Du willst Bäcker werden? Wie kommt das denn?«, fragte Stine neugierig. »Wer übernimmt dann euren Schusterbetrieb?«
Verlegen schaute Jan das Mädchen an und ließ anschließend den Blick über die grasende Schafherde schweifen. Schließlich antwortete er stockend.
»Du kennst doch meinen Vater, mit ihm werde ich nicht zusammenarbeiten. Das würde niemals gut gehen.«
Stine nickte bekümmert, Jan tat ihr Leid. Es war ein offenes Geheimnis, dass der alte Nansen nicht gerade ein liebevoller Vater war. Körperliche Züchtigung gehörte zum Alltag in der Familie des Schusters. Das musste auch seine Frau erfahren, als sie einmal nach einem Einkaufstag den Bus verpasste und erst zwei Stunden später als gewöhnlich nach Hause kam. Tagelang konnte man den Handabdruck des Schusters auf ihrer rechten Wange erkennen. Stine seufzte, es war sicher nicht einfach, einen Tyrannen zum Vater zu haben.
»Gibt es noch mehr Neuigkeiten in Oldsum?«
Jan runzelte nachdenklich die Stirn. Doch dann schien ihm noch etwas einzufallen.
»Ich kümmere mich nicht so sehr um das Getratsche im Dorf, aber der alte Rickmers ist tot, habe ich gehört.«
»Der Küster von Süderende? War er krank?«
Kurz vor ihrer Abreise nach Utersum, hatte Stine Rickmers noch in Oldsum getroffen. Sie hatte sich von ihm verabschiedet, dass es ihm nicht gut ging, hatte sie nicht bemerkt.
Jan schüttelte den Kopf.
»Mein Vater sagt, er habe sich zu Tode gesoffen.«
Stine zuckte mit den Schultern und drehte sich um. Mit ausgestreckter Hand deutete sie auf das Dorf unterhalb des Deiches. Die verwinkelten, reetgedeckten Häuser waren ausnahmslos in Ost-West Richtung gebaut worden, das gab dem Ort den Anschein einer gewissen Ordnung.
»Sieht hübsch aus, nicht? Weiß du, warum die Häuser so gebaut wurden?«, fragte Stine und sah Jan an. Als dieser den Kopf schüttelte, fuhr sie fort:
»Ich glaube, die Häuser wurden früher in Windrichtung gebaut, damit sie den Stürmen keine Angriffsfläche bieten. Darum sind auch alle Bäume auf der Insel irgendwie schief.«
Stine musste lachen, sie genoss den Nachmittag in vollen Zügen. Noch vor einigen Monaten hatte sie gedacht, ihre kleine Welt würde einstürzen. Jetzt wusste sie, es war genau die richtige Entscheidung gewesen Oldsum zu verlassen und hier in Utersum einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Bauer Clausen war ein angenehmer Zeitgenosse. Er behandelte sie fast wie eine Tochter. Dafür war sie sehr dankbar und vergalt ihm seine Fürsorge mit Fleiß und Zuverlässigkeit. Manchmal, wenn sie wieder einmal nachts nicht schlafen konnte, dachte sie an ihre Großeltern. Besonders das schroffe Verhalten ihres Großvaters machte sie unendlich traurig. Bei ihrer Abreise nach Utersum hatte er nicht ein Wort mit ihr gesprochen. Es schien ihn auch jetzt nicht zu interessieren, wie es ihr ging oder wie sie mit der Arbeit auf dem Clausenhof zurechtkam.
»Es ist ganz schön kalt hier«, unterbrach Jan ihre Gedanken und zog seine Mütze noch tiefer über die Ohren.
Inzwischen waren sie auf der Deichkrone angekommen. Der Sturm peitschte ihnen die salzige Meeresluft ins Gesicht. Stine breitete ihre Arme aus und ließ ihren Blick über die unendliche Weite des Meeres schweifen. Das Sonnenlicht spiegelte sich tausendfach im Wasser. Aufgepeitscht durch den Wind rollten die Wellen mit ihren weißen Gischtkronen an den Strand. In der Ferne glitt ein Segelschiff hinaus in die offene See. Stine sah es kleiner und kleiner werden, bis es genau dort, wo Wasser und Himmel sich vereinten ganz plötzlich verschwand.
»Ich kann mir einfach nicht vorstellen woanders zu leben, als hier auf der Insel«, murmelte sie. »Geht es dir auch so?«
Das Rauschen und Tosen der Nordseewellen machten es Jan fast unmöglich Stines Worte zu verstehen.
»Als ich noch zur Schule ging, wollte ich unbedingt auf dem Festland leben, aber jetzt …«
Er beendete den Satz nicht, doch Stine wusste genau, was er meinte. Sie ergriff die Hand des Jungen und stand ganz still an seiner Seite. Beider Augen wanderten über die Dünenlandschaft. Stine genoss mit allen Sinnen den Wind, der ihre Haut zum Prickeln brachte.
Erst Stunden später, als die Sonne im Meer versank und so den Abend ankündigte, machten die Beiden sich auf den Heimweg.
Der wunderschöne Nachmittag am Meer ging Stine nicht aus dem Kopf. Sie kuschelte sich in die weichen Daunenkissen und schloss die Augen.
Jan würde sie bald wieder besuchen, sie freute sich schon heute darauf.
Und dennoch machte sie sich große Sorgen. Jan wusste, was die Oldsumer ihr vorwarfen. Er hatte dieses Thema zwar nicht zur Sprache gebracht, aber es konnte ihm nicht verborgen geblieben sein, welche Abneigung ihr von den Dorfbewohnern entgegen gebracht wurde. Noch war es ihm vielleicht egal, aber irgendwann würde es ihn stören, und er würde sich zurückziehen. Stine fürchtete, dass ihre Freundschaft zu Jan beendet sein würde, noch ehe sie wirklich angefangen hatte.
Kurz vor Mitternacht fiel sie in einen unruhigen Schlaf.
Es ist kühl im Zimmer. Durch das offene Fenster höre ich das
Rascheln der Baumkronen im Wind. Im Haus ist es still und friedlich.
Jetzt höre ich eine Stimme. Nur ganz leise …
»Geh zu deiner Großmutter und frage sie nach dem Tagebuch«,
sagt diese Stimme.
»Du musst Trientje suchen, such nach der Hebamme …«
Es regnete in Strömen, als Stine am nächsten Morgen die Eier aus dem Hühnerstall holte. In der Küche duftete es nach frisch aufgebrühtem Kaffee, und auf dem offenen Feuer brutzelte der Speck in der Pfanne. Bauer Clausen stellte seine Gummistiefel in der Melkkammer ab und setzte sich fluchend an den Tisch.
»Himmel noch einmal, muss es unbedingt heute regnen. Die Weide am Godel braucht dringend einen neuen Zaun. Gestern sind drei Schafe ausgebrochen. Der alte Mattes brachte sie mir heute Morgen zurück. Das eine Schaf blutet stark. Ich muss mir das später mal genau anschauen. Aber erst wird gefrühstückt.«
Stine hörte nicht zu. Während sie dem Bauern Kaffee einschenkte, dachte sie an die vergangene Nacht. Wieder einmal war ihr die weißgekleidete Frau erschienen. Sie hatte mit ihr gesprochen, doch an ihre Worte konnte Stine sich nur noch vage erinnern.
Von einem Tagebuch hatte sie gesprochen. Und von Trientje …
Stine wusste nichts von einem Tagebuch und konnte sich nicht erklären, warum sie ihre Großmutter danach fragen sollte. Sie schüttelte den Kopf und schob die wirren Gedanken beiseite. Sie verstand das alles nicht, sicher hatte der Traum keine Bedeutung für die Wirklichkeit. Sie beschloss, die vergangene Nacht so schnell wie möglich zu vergessen.
Das Mädchen konnte zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, wie wichtig diese Botschaft einmal für die Knudtsen-Familie sein sollte.
12
Meta sah in ihrer weißen Bluse um Jahre jünger aus. Die grauen Haare hatte sie zu einem kunstvollen Knoten aufgesteckt, und es umgab sie ein lieblicher Veilchenduft.
Die Bäuerin bewahrte stets ein kleines Fläschchen dieses Veilchenparfüms in ihrem Nachtschränkchen auf. Nur wenn ein besonderer Anlass ins Haus stand, tupfte sie sich einige Tropfen des Duftwassers hinters Ohr.
Der Kaffeetisch war liebevoll mit dem besten Porzellan gedeckt, und in der Küche stand ein köstlicher Apfelkuchen für die Gäste bereit. Doch Metas Freude über das Wiedersehen mit ihrer Enkelin war getrübt. Nachdenklich stand die Bäuerin am Fenster und blickte zum Stall hinüber.
Immer wieder hatte sie den Bauern gebeten, wenigstens für kurze Zeit an der Kaffeerunde teilzunehmen, doch alle Mühe war vergeblich.
»Sag Stine, ich habe keine Zeit. Die Arbeit wartet nicht.«
Schroff hatte der Bauer sich abgewandt und war zum Kuhstall hinübergegangen.
»Lass mir meine Ruhe«, herrschte Ole seine Frau an, die ihm gefolgt war um ihn umzustimmen.
»Ich will niemanden sehen …«, knurrte er und warf die Stalltür endgültig ins Schloss.
Für Meta war diese Reaktion unbegreiflich. Ole war stur wie ein Ochse, nichts konnte ihn dazu bringen, Stine und Jan zu begrüßen. Dabei war es das erste Mal, dass ihre Enkeltochter einen Freund mit nach Hause brachte.
Stine war immer eine Einzelgängerin gewesen. Ihr eigenartiges Verhalten und ihre reservierte Art wirkte auf die Menschen in ihrer Umgebung abschreckend.
Umso mehr freute Meta sich, als sie hörte ihre Enkelin habe sich mit Jan Nansen angefreundet. Der Bauer jedoch war alles andere als begeistert, er konnte es dem alten Nansen immer noch nicht verzeihen, dass er ihm im letzten Jahr den Bürgermeisterposten vor der Nase weggeschnappt hatte.
»Der Nansen ist ein Halunke«, schimpfte er, als seine Frau ihm von dem bevorstehenden Besuch erzählte.
»Und sein Sprössling wird nicht besser sein. So was holst du in unser Haus?«
Meta wusste nicht mehr weiter, seit Riekes Tod benahm sich der Bauer immer merkwürdiger. Zunächst konnte man glauben, der Tod seiner einzigen Tochter habe ihn derart aus der Bahn geworfen, aber inzwischen zweifelte Meta daran, dass Riekes Unfall den Bauern so verändert hatte. Manchmal in der Nacht, wenn sie vor dem Altar in der Wohnstube ein Gebet sprach, sah sie Bilder vor ihrem inneren Auge, die sie zutiefst erschreckten. Dann ergriff sie wieder ihre große Sorge um Stine und die Angst, dem Mädchen könnte ein ähnliches Schicksal widerfahren wie ihrer Tochter Rieke.
Meta dachte an Jan Nansen. Sie kannte den jungen Mann nur flüchtig, aber im Dorf hörte man nichts Nachteiliges über ihn. Er war ein netter Junge, wohlerzogen und höflich, was sicherlich seiner Mutter zu verdanken war. Jans Vater hatte in Oldsum einen zweifelhaften Ruf.



