Irrlichter und Spöckenkieker

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Als Bürgermeister ging er korrekt und untadelig seinen Geschäften nach, aber privat machten die meisten Oldsumer am liebsten einen großen Bogen um ihn. Aufbrausend und jähzornig sollte er sein, erzählte man sich. So war es auch keine Seltenheit, dass ihm im Suff schon mal die Hand ausrutschte.
»Großmutter!«
Die Küchentür wurde mit Schwung geöffnet, Stine lief ihrer Großmutter entgegen und fiel ihr um den Hals.
»Mein Mädchen, ich bin so froh, dich zu sehen.«
Metas Augen füllten sich mit Tränen, so gerührt war sie. Genau fünf Monate waren vergangen, es war ein grauer Herbsttag, als Stine mit einem kleinen Koffer den Knudtsenhof verließ.
»Dünn bist du geworden. Kind, du musst viel mehr essen.«
Prüfend schaute die Bäuerin ihre Enkelin an. Durch den dünnen Stoff des bunten Sommerkleides erahnte man die schlanke Figur des Mädchens. Stine war schon als Kind sehr zart gebaut, und es fiel Meta oft schwer, gut sitzende Kleider für sie zu bekommen. Stine lachte, die Fürsorge ihrer Großmutter tat ihr gut.
»Großmutter, mach dir keine Sorgen, ich werde schon nicht verhungern. Schau mal, wen ich mitgebracht habe. Das ist Jan!«
Lachend nahm sie den jungen Mann an die Hand und sah ihre Großmutter strahlend an.
Es ist lange her, dass sie so glücklich aussah, dachte Meta, während sie Jan Nansen die Hand reichte.
Es wurde ein entspannter Nachmittag. Stine erzählte von ihrem Leben auf dem Clausenhof und betonte, wie viel Freude ihr die Arbeit in der Küche bereitete. Sie tauschte mit Meta Kochrezepte aus und berichtete über die Geburt der Ferkel.
Stine registrierte sehr wohl, dass der Platz ihres Großvaters am Kaffeetisch unbesetzt blieb, aber sie erwähnte es mit keinem Wort. Durchs Fenster sah sie ihn auf dem Hof mit den Knechten reden. Mit düsterer Mine gab er seine Anweisungen. Kein Lächeln, kein freundliches Wort hatte er für seine Leute übrig. Was kann einen Menschen nur so verändern, dachte das Mädchen. Er war einmal der liebevollste Großvater, den ein Kind sich wünschen konnte. Immer war er für seine Enkeltochter da. Wie glücklich war Ole, als die kleine Stine endlich seinen Namen tragen durfte. War er heute immer noch glücklich darüber? Stine wusste es nicht …
Der Nachmittag verflog viel zu schnell, es wurde bereits dämmerig, als Stine und Jan mit ihren Fahrrädern nach Utersum aufbrachen. Es lag noch ein gutes Stück Weg vor ihnen, und sie wollten auf keinen Fall zu spät auf dem Clausenhof ankommen, da Jan anschließend ja wieder zurück nach Oldsum musste. Aber er hatte Meta versprochen, Stine zuerst wohlbehalten in Utersum abzuliefern. Die jungen Leute waren guter Dinge, und Meta nahm ihnen das Versprechen ab, bald wiederzukommen.
13
Jan trat kräftig in die Pedale. Stine hatte große Mühe das Tempo zu halten.
»Mensch Jan, ich kann nicht mehr«, rief sie ihm lachend zu. »Können wir eine Pause machen?«
Sie sprang vom Rad und ließ sich atemlos ins Gras fallen. Sekunden später war Jan neben ihr und beugte sich lächelnd über das Mädchen.
»Du hast wohl keine Puste mehr? Das müssen wir aber noch üben«, sagte er mit einem Schmunzeln auf den Lippen.
Stine sah in seine braunen Augen, sein Mund war ganz nah. Ihr Herz klopfte, was sollte sie tun, wenn Jan sie jetzt küsste? Sollte sie schreien, ihn wegstoßen, oder sollte sie einfach nur stillhalten?
»Du musst dich für einen Mann interessant machen«, hatte die Großmutter zu ihr gesagt.
»Wenn du dich jedem Kerl an den Hals wirfst, nimmt dich später keiner mehr.«
Das wollte Stine auf keinen Fall riskieren, aber wie macht man sich für einen Mann interessant? Sollte sie sich doch besser wehren und weglaufen? Würde Jan das interessant finden? All diese Gedanken schossen Stine durch den Kopf, während sie ihr Spiegelbild in seinen Augen betrachtete. Eine Weile lag sie ganz ruhig neben ihm im Gras, dann hob sie langsam ihre Hand und strich zart über seine Stirn und die Wangen. Zum Schreien hatte sie keine Lust, und zum Weglaufen schon gar nicht, aber zum Küssen …
Unvermittelt richtete Jan sich auf und reichte ihr die Hand. Er fuhr mit den Händen durch seine Haare und zupfte einige Grashalme von seiner braunen Cordhose.
»Komm, wir müssen uns beeilen, es ist schon dunkel, ich habe kein Licht an meinem Fahrrad.«
Stine sah enttäuscht zu, wie Jan hastig auf sein Fahrrad stieg. Warum hatte er es plötzlich so eilig? Hatte sie falsch reagiert? Hätte sie doch weglaufen sollen? Sicher fand Jan sie gar nicht interessant, sonst hätte er sie bestimmt geküsst. Sie stieg auf ihr Rad und fuhr rasch, ohne sich nach dem Jungen umzusehen, den sandigen Feldweg entlang. Sie wollte so schnell wie möglich zurück nach Utersum. Erst, als in der Ferne die ersten Lichter des Dorfes zu sehen waren, verlangsamte sie ihre Fahrt. Es war kühl geworden, und ein eisiger Wind trieb Stine Tränen in die Augen.
Ob es wirklich der Wind war, das wusste wohl nur das Mädchen.
Obwohl sie seit den Ereignissen des vergangenen Abends völlig durcheinander war, wenn sie an Jan dachte, schlief sie tief und traumlos.
Irgendetwas war mit ihr geschehen.
War das Liebe, was sie empfand, wenn sie an Jan Nansen dachte? Liebte Jan sie auch? Aber warum hatte er sie nicht geküsst? Ihre Großmutter hatte ihr erklärt, dass man zwar aus Liebe heiraten könne, aber manchmal auch solche Dinge wie »Sicherheit, Vernunft oder Verpflichtung« für eine Ehe wichtig wären.
»Die Liebe macht halt nicht satt«, sagte Meta oft bedrückt.
Stine war ganz sicher, wenn sie einmal heiraten würde, dann nur aus Liebe.
Ob ihre Großmutter ihr erklären konnte, wie man wahre Liebe erkennt?
Großmutter mit ihrer Lebenserfahrung wird das wissen, Stine war ganz sicher.
14
Es war ein Morgen wie aus dem Bilderbuch. Die Luft war erfüllt von Vogelgezwitscher, die Fliederbüsche standen in voller Blüte, und der Frühling zeigte sich von seiner schönsten Seite.
Stine hatte das schöne Wetter genutzt und alle Fenster des Hofes einer gründlichen Reinigung unterzogen. Nun stand sie auf dem Hof und betrachtete stolz ihr Werk.
»Jetzt mach mal eine Pause, wie wäre es mit einem Tee? Ich habe in der Küche Gebäck gesehen.«
Bauer Clausen kraulte dem Hofhund das Fell und gesellte sich zu Stine. In letzter Zeit machte ihm sein Rücken oft zu schaffen. Ein altes Ischias-Leiden quälte ihn und ließ die Feldarbeit zur Last werden. So nutzte er gerne die kleinen Pausen, um sich auszuruhen und seinen Rücken für kurze Zeit zu entlasten.
»Morgen nimmst du dir einen Tag frei. Die Hausarbeit kann ruhig mal warten. Sie läuft nicht weg.«
Der alte Marten Clausen wusste Stines Arbeit auf seinem Hof zu schätzen. Das Mädchen war fleißig, und er bewunderte ihre Kochkunst. Aus wenigen Zutaten zauberte sie die köstlichsten Gerichte. Den Clausenhof hatte sie in kurzer Zeit in ein wahres Schmuckstück verwandelt.
Bunte Vorhänge und Tischtücher gaben der großen Wohnküche eine gemütliche Ausstrahlung. Handtücher und Bettzeug wurden stets gebügelt, und zu den Mahlzeiten standen frische Blumen auf dem Tisch.
»Ach Bauer was soll ich denn mit einem freien Tag anfangen? Meine Großeltern habe ich gerade erst besucht«, Stine strich eine Haarsträhne aus der Stirn und fuhr fort:
»Wenn du nichts dagegen hast, bleibe ich lieber hier. Morgen werde ich ein neues Kuchenrezept ausprobieren, mit Zuckerstreuseln, das wird dir gefallen.«
Bei ihrem Einkaufsbummel vor einigen Tagen hatte Stine in der Gemeindebücherei ein Sachbuch über Traumdeutung entdeckt und nun brannte sie darauf dieses Buch baldmöglichst zu lesen. Es war schon eine Weile her, dass die »weiße Frau« ihr im Traum erschienen war und Stine hoffte mit aller Kraft, dass es so bleiben möge. Wenn sie nachts träumte, dann meistens von Jan, der ihr Leben momentan ganz schön durcheinander brachte. Vielleicht hatte die Liebe, mit ihrer unendlichen Kraft einen bösen Zauber gebrochen? Stine seufzte, so etwas gab es wohl nur im Märchen.
Clausen schüttelte den Kopf. So ein junges Ding wusste nichts mit einem freien Tag anzufangen? In seiner Jugend war das anders. Jede freie Minute hatte er als junger Bursche auf dem Fußballplatz verbracht. Ein berühmter Fußballspieler wollte er werden, doch dann war sein Vater gestorben und er hatte den Hof übernehmen müssen. So zerplatzen Träume …
»Ja, wie du willst«, sagte Marten und begleitete Stine in die Küche. Während das Mädchen einen großen Kessel Wasser auf die Herdplatte stellte, machte Clausen es sich im Sessel bequem und stopfte seine Pfeife. Gerade als der Nachrichtensprecher im Radio berichtete, dass Winston Churchill aus gesundheitlichen Gründen als Premierminister zurückgetreten war, schlug der Hofhund an. Wütend riss er an der Kette. Die Gänse, die gerade noch friedlich auf der Wiese nach Futter suchten, stoben laut schnatternd auseinander und suchten das Weite.
»Was ist denn da draußen los?«
Der Bauer legte die Zeitung zur Seite und eilte auf den Hof. Mit lautem Getöse und großer Geschwindigkeit näherte sich ein Motorrad und kam erst kurz vor dem Dielentor zum Stehen. Eine hochgewachsene Gestalt in schwarzer Lederkluft stieg von dem Gefährt und reichte dem Bauern die Hand.
»Da staunst du was? Das ist eine Hercules, die Maschine habe ich gerade gekauft. Sieh sie dir nur genau an, ist das nicht ein Schmuckstück? Willst du vielleicht mal eine Probefahrt machen?«
Mit dröhnender Stimme begrüßte der Mann Marten Clausen. Dann drehte er sich um und sah überrascht zu dem Mädchen hinüber, das dem Bauern nach draußen gefolgt war. Das anzügliche Grinsen im sonnengebräunten Gesicht des Viehhändlers ließ seine Gedanken erahnen. In seinen Augen glitzerte es verdächtig. Er konnte kaum den Blick von Stine lassen.
Clausen betrachtete neugierig das Motorrad und brummte:
»Du musst ja viel Geld haben, dass du dir so was leisten kannst, Kruskopp.«
Missmutig runzelte der Bauer die Stirn. Er hatte Zeit seines Lebens sparen müssen, um über die Runden zu kommen, für solche Spielereien hatte er absolut nichts übrig.
»Dein Viehtransporter reicht dir wohl nicht mehr, oder? Jetzt muss auch noch ein Motorrad her. Damit kommt man bei den Deerns bestimmt gut an, stimmt`s?«
Der Viehhändler hatte indessen sein Motorrad abgestellt und ging lächelnd auf Stine zu. Ohne auf Clausens Bemerkung einzugehen griff er ihr unter das Kinn und hob ihren Kopf ein wenig an. Sein Blick wanderte an ihr hinunter und blieb schließlich an ihren nackten Füßen hängen.
»Was haben wir denn da? So etwas Hübsches hatte der alte Clausen aber schon lange nicht mehr auf dem Hof«, sagte er leise, während er ausgiebig ihre Beine musterte.
»Wie heißt du denn, Süße?«
Ärgerlich schüttelte Stine die Hand des Viehhändlers ab, trat einen Schritt zurück und murmelte:
»Stine Knudtsen heiße ich.«
»Ach, du bist eine Knudtsen. Die Enkelin von Ole, habe ich Recht? Was machst du denn hier auf dem Clausenhof?«
Kruskopp steckte sich eine Zigarette an und setzte sich breitbeinig auf die Bank, während er Stine nicht aus den Augen ließ. Marten Clausen beobachtete ihn misstrauisch. Kruskopp war ein Schürzenjäger, kein Mädel war vor ihm sicher. Stine musste sich vorsehen, Marten wollte keinen Ärger mit ihrem Großvater riskieren.
»Was Stine auf meinem Hof macht, geht dich nichts an. Was willst du eigentlich hier? Du bist doch sicher nicht gekommen, um mir dein neues Motorrad vorzuführen.«
Roluf Kruskopp streckte seine langen Beine weit von sich und zog an seiner Zigarette. Genüsslich blies er den Rauch durch seine gelblich verfärbten Zähne.
»Ich wollte dich fragen, ob du Ferkel abzugeben hast. Die Schweinepreise sind im Augenblick gut, wenn du willst, können wir ins Geschäft kommen.«
Clausen dachte einen Augenblick nach, bevor er antwortete.
»In einer Woche sind unsere Ferkel soweit, dann kannst du sie haben. Jetzt noch nicht.«
Zustimmend nickte Kruskopp und schwang sich wieder auf sein Motorrad.
»Ich komme dann in einer Woche mit dem Viehtransporter vorbei. Über den Preis unterhalten wir uns noch. Ach …«, Kruskopp war noch etwas eingefallen.
»Habt ihr schon gehört, dass die alte Trientje vermisst wird? Sie ist schon seit Wochen nicht mehr gesehen worden. Wenn du mich fragst - ist nicht schade drum, soll der Teufel sie holen! In Oldsum gibt es jetzt eine junge Hebamme, ein süßes Mädchen. Ich glaube sie heißt Lina und ist mit dem Schmied Hinrichsen verwandt. Eine Zuckerschnecke, sag ich dir.«
Stine horchte auf. Lina Hinrichsen war ihr gut bekannt. Lange Jahre war sie mit ihr in die gleiche Schule gegangen und konnte sich sehr gut an das blonde, zurückhaltende Mädchen erinnern. Lina war die Klassenbeste ihres Jahrgangs und sehr ehrgeizig. Stine war immer davon ausgegangen dass Lina einmal Lehrerin werden würde. Darum war sie jetzt überrascht zu hören, dass Lina den Beruf der Hebamme gewählt hatte.
»Was hast du gesagt, Trientje ist verschwunden? Ach, die war schon öfter für eine Weile weg. Vielleicht ist sie auf dem Festland, sie soll dort einen Bruder haben.«
Marten klopfte die Tabakreste aus der Pfeife und steckte sie in die Jackentasche.
Auch in Utersum kannte man die alte Hebamme, und schon oft hatte sie Clausen mit ihrer selbstgebrauten Medizin wieder auf die Füße geholfen. Jeder wusste, dass Trientje auf der ganzen Insel zu Hause war. Niemand machte sich Gedanken, wenn sie mal eine Zeit lang nicht gesehen wurde.
Mit ohrenbetäubendem Geknatter startete Roluf Kruskopp seine Maschine.
»Wahrscheinlich ist sie an ihren eigenen Pillen krepiert, wer weiß das schon«, schrie er gegen den Lärm an, bevor er in einer rasanten Kurve mit dröhnendem Gelächter vom Hof fuhr.
15
»Ich fahre jetzt zur Post, in etwa zwei Stunden bin ich wieder zurück. Hoffentlich bleibt es trocken, da oben sieht`s nach Regen aus.«
Stine schwang sich auf ihr Fahrrad, winkte dem Bauern Clausen noch einmal zu und fuhr über den schmalen Kiesweg zur Hauptstraße hinüber. Sie freute sich auf den Nachmittag und hatte sich viel vorgenommen. Beim Schneider Ennen wollte sie hereinschauen um nach neuen Stoffen zu sehen, und beim Schuster Wiemers standen ihre Sonntagsschuhe zur Abholung bereit. Der kräftige Westwind hatte die leichten Morgennebel fast vertrieben, die ersten Regenwolken zogen über die Marsch. Wenn sie noch trocken ins Dorf kommen wollte, musste sie sich beeilen. Ich werde die Abkürzung durch die Kieferschonung nehmen, dachte Stine und bog in den schmalen Feldweg ein. Wie eine zweite Haut legte sich die Feuchtigkeit der letzten Nebelschwaden auf ihre Kleider und behinderte sie beim Vorwärtskommen.
Zu allem Überfluss kam der Wind jetzt von vorne. Sie musste kräftig in die Pedale treten. Ich hätte besser bis morgen gewartet, dachte Stine, als sie plötzlich hörte, wie jemand leise ihren Namen rief.
»Stine, so warte doch.«
Stine horchte auf und wandte sich um. In rasantem Tempo kam ein junger Mann hinter ihr her geradelt, der ihr sehr gut bekannt war.
»Jan!«
Sie verlangsamte ihre Fahrt und wartete, bis der Freund sie eingeholt hatte.
»Ich bin auf dem Weg nach Süderende, um mit dem Pfarrer zu sprechen«, sagte Jan atemlos.
»Meine Eltern feiern in einigen Wochen ihre Silberhochzeit. Ich wollte eine Messe bestellen.«
»Dann gibt es wohl ein großes Fest. Wenn der Bürgermeister seine Silberhochzeit feiert, wird sicher das ganze Dorf eingeladen, oder?«
Stine stieg vom Rad und knöpfte ihre Jacke zu. Der Wind frischte auf, die ersten Regentropfen fielen und zeichneten ein bizarres Muster auf den Asphalt. Zusehends verdunkelte sich der Himmel. In der Ferne vernahm man ein leichtes Grollen, das stetig näher kam.
»Jan, es gibt ein Gewitter! Wir werden es nicht mehr bis ins Dorf schaffen.«
Hastig zog Stine ihre Jacke über den Kopf, um sich ein wenig vor dem Regen zu schützen. Es dauerte nur wenige Minuten, bis das dünne Kleid des Mädchens völlig durchnässt war.
»Komm, hier in der Nähe ist ein Unterstand, da können wir warten, bis das Unwetter vorbei ist.«
Jan schwang sich auf sein Rad und fuhr los. Vorsichtig umfuhr er die knöcheltiefen Pfützen, die sich inzwischen auf dem Feldweg gebildet hatten.
Stine versuchte, es ihm gleich zu tun, doch es gelang ihr nicht. Die Jacke war ihr längst vom Kopf gerutscht und flatterte nun wie eine Fahne im Wind. Das Kleid klebte an ihren Beinen, und die Schuhe waren vom Wasser durchtränkt. Den Einkaufsbummel würde sie nachholen müssen. In den nassen Kleidern konnte sie sich nirgendwo sehen lassen. Hoffentlich machte der Bauer sich keine Sorgen, wenn sie zum verabredeten Zeitpunkt nicht zurück war.
Völlig durchnässt erreichten sie schließlich den Unterstand. Prüfend rüttelte Jan an den morschen Wänden des Schuppens. Die Holzbretter ächzten und stöhnten bei jedem Windstoß, doch sie hielten dem Unwetter stand. Die Strohunterlage auf dem Boden der Hütte war trotz der großen Lücken im Dach einigermaßen trocken. Kurzerhand zog Jan Jacke und Hose aus und hängte die Kleidungsstücke über einen Balken.
Mit gemischten Gefühlen schaute Stine auf den Jungen, der mit bloßen Beinen vor ihr im Stroh saß. Befangen setzte sie sich ebenfalls auf den Boden, nicht ohne einen anständigen Sicherheitsabstand zu wahren.
»Was denkst du, wie lange wird das Gewitter dauern?«
Stine fand die Idee, hier in diesem Schuppen auf besseres Wetter zu warten, inzwischen äußerst töricht. Sie wäre viel lieber sofort zurück zum Clausenhof gefahren. Dann hätte sie längst trockene Kleider an und könnte mit dem Bauern ihren Nachmittagstee genießen. Stattdessen saß sie hier in diesem zugigen Stall mit einem halbnackten Jungen an ihrer Seite. Wenn das Großmutter wüsste, dachte Stine nicht ohne Belustigung und stellte sich das entsetzte Gesicht der alten Dame vor.
»Was denkst du gerade? Warum lachst du?«
Jan rutschte ein wenig näher und strich mit einem Strohhalm zart über ihre nackten Beine. Stine zuckte zusammen und zog das Bein ein wenig zur Seite.
»Hm, ich denke nichts.«
Sie schaute durch einen Spalt der Bretterwand nach draußen. Es regnete noch immer. Grelle Blitze zuckten über den wolkenverhangenen Himmel. Wieder war der Junge ein Stück näher gerückt, und der Strohhalm berührte behutsam ihr Bein. Was sollte sie tun? Sie saß bereits unmittelbar mit dem Rücken an der Wand. Noch weiter wegrücken konnte sie nicht. Würde Jan sie jetzt küssen? Schreien oder Weglaufen kam wohl nicht in Frage und erschien ihr in diesem Moment auch ziemlich albern. Aber sollte sie sich einfach so küssen lassen?
Stine drehte ihren Kopf zur Seite und sah Jan an. Sein Gesicht war in der Dämmerung des Schuppens kaum zu erkennen, aber den warmen Glanz in seinen Augen sah Stine ganz deutlich. Wie schön musste es sein, ganz allmählich in diesem Glanz zu versinken, dachte sie. Jan legte seinen Arm um sie und drückte sie an sich. Stine lief ein Schauer über den Rücken, sie konnte an nichts mehr denken. All ihre Fragen wurden in diesem Augenblick beantwortet.
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