Wie die Milch aus dem Schaf kommt

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Trotz der frühen Stunde und der kühlen Luft rinnt mir der Schweiss aus den Achselhöhlen und mir ist übel. Meine Bluse ist falsch geknöpft. Es ist diese Bluse, die du so magst: cyanblau mit lila Blüten und gelben Staubblättern – weisst du, dass die Schönheit der Blumen nur dem Zweck der sexuellen Vermehrung dient?
Ich knöpfe die ganze Reihe auf und wieder zu, einer der runden Kupferknöpfe fällt ab, so hab ich was zum Nesteln und Spielen und gleich fühle ich mich besser.
Der Himmel ist von rosa und glutroten Schlieren durchzogen und mit durcheinanderschwirrenden Schwalben bestückt. Die Morgensonne kitzelt frische Gerüche aus den Dingen. Die Pflanzen räkeln sich und furzen ins Universum. Der Wind vögelt die Bäume. Ich würde dir so gern diese Schwalben zeigen. Ihre Schwärme sind vibrierende Atome und bauen den Himmel.
Und ich vermisse Joel.
Wie er über den heissen Asphalt hüpfte, sich mit den schmutzigen Fusssohlen abstiess und jauchzte. Joel, der blass, mit Gänsehaut und blauen Lippen aus dem Wasser lief und sich bibbernd und beglückt in das warme Tuch wickeln liess. Das hungrige, ja gierige, tierische Schlingen und Verdauen von ausgespielten, ausgetobten, ausgewässerten, ausgesandeten Kindern. Wie er auf meinem Schoss immer schwerer wurde. Vollgesogen mit Sonne und Luft.
«Mama», sagte er leise. «Mama.» Und schlief ein.
Sami will mit mir zusammen in den Libanon ziehen. Seine Mutter allerdings hat für ihn eine junge Braut gefunden. Und sie besteht auf der Hochzeit. Für Sami ist das überhaupt kein Problem. Eine Ehefrau. Und eine Geliebte.
So ist das Leben.
Ich jedoch würde niemals eine andere Frau an seiner Seite akzeptieren und hoffe auf seine Einsicht, auf seine Vernunft und sage: Nein! Kommt nicht in Frage. Du heiratest keine andere.
Erste Version: Ich ziehe mit Joel zu Diogo. Zweite Version: Ich fahre mit Sami in den Libanon, ins Beeka-Tal, ich setze mich neben der jungen Braut ins Nest seiner Familie, in den grossen Garten seiner Mutter, Kirsch- und Mandelbäume, Gurken und Auberginen, Eierfrucht, hier sagen sie: Eierfrucht!
Dritte Version: Ich fliege nach Valparaiso.
Ich hoffe sowohl auf Samis wie auch auf Diogos Einlenken. Ich kämpfe um sie beide.
Was ist mit mir los? Warum bin ich so rücksichtslos?
Liebste Janika. Dein Selmachen
«In Holland besuchten Hendrik und ich das Geburtshaus seiner Mutter. Am Haus war eine Tafel angebracht, die an die Bewohner erinnerte, die nach Auschwitz deportiert worden waren.
Eine blasse, unscheinbare Frau stand am Fenster und beobachtete uns misstrauisch. In Holland gibt es ja selten Vorhänge.
Hendrik warf einen kurzen Blick auf das Haus und lief wütend davon. Ich folgte ihm und unterliess es wie gewöhnlich, ihn an seine Studentenzeit in Frankfurt zu erinnern. Es war mir absolut unbegreiflich, was ihn damals dazu bewogen hatte, in die NSDAP einzutreten.
Fassungslos schwiegen wir und gingen ins Hotel zurück.» Notat von Pauline Einzig
gary altman, anwalt, 54 jahre, lebt in toronto: Das Haus neben der Ruine der Synagoge und dem Restaurant Goldene Rose. Eingang zum ehemaligen Khalal. Das Licht am Ende des mit Büchern und Zeitschriften überfüllten Korridors. Das Flimmern der Staubwolken aus abgeschabten Teppichen. Pilzkaviar, Krautsalat mit Erbsen, Reis mit Mais, Apfelschnitze, Bananenscheiben, Gurkenscheibchen und Saft. Der Vorsteher der örtlichen Jeschiwa sitzt mit verrutschtem Tallit hinter einem mit Papieren übersäten Tisch, schreit ins Telefon und reisst an seinen Schläfenlocken.
Der wartende Gastgeber, versteckt hinter der halboffenen Tür: Gary Altman. Kleingewachsen und mager. Sakko, Weste und Hose aus bestem Tuch, feuchtes, nach hinten gekämmtes Haar, ein kluges Gesicht, ein starkes Kinn und ein entschlossener Mund. Während er spricht, mustert er mich prüfend, seine Augen kippen plötzlich hinter die Stirn.
Gary Altman: «Im Jahr 1941 überrannte die deutsche Wehrmacht die Westukraine. In Sambir trieben sie 2.000 Juden auf den jüdischen Friedhof. Von dort brachte man sie zum Bahnhof, pferchte sie in die Waggons und transportierte sie ins Konzentrationslager Belcec. Doch bereits im Dezember wurde Belcec geschlossen, da die Deutschen beschlossen hatten, den Holocaust in der Ukraine mit Hilfe der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN-B) durch systematische Erschiessungen fortzusetzen.
An Schawuot – damals lebten vielleicht noch viertausend Juden – kamen die Nazis erneut mit Helfern aus der OUN-B ins Ghetto, brachten die Leute zu Fuss oder auf Lastwagen in den nächstliegenden Wald – auf Jiddisch heisst er Radlivka, auf Deutsch Rodovice und auf Ukrainisch Ralivka. Sie wurden alle getötet und in Massengräbern, die sie zuvor selber hatten ausheben müssen, verscharrt.
Eine kleine Gruppe von 26 Leuten versteckte sich während achtzehn Monaten in den Kellern eines alten Kornspeichers, bis die Russen sie befreite.
So überlebten meine Eltern.
Auf dem zentralen Friedhof von Sambir überstanden nur wenige Grabsteine den Krieg. Der jüdische Teil des Friedhofs, gegen den Wald hin, verwilderte vollständig, niemand kümmerte sich darum.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kehrte Jack Gardner, ein Kanadier aus British Columbia, dessen Eltern ebenfalls die Massaker der Faschisten überlebt hatten, nach Sambir zurück und beschloss, den Friedhof zu retten. Er liess die übrig gebliebenen Steine ausgraben, an ihren ursprünglichen Ort zurücklegen, die Wiese reinigen und die Wege wieder herrichten und veranlasste, dass am Rand des Massengrabs ein Mahnmal aufgerichtet wurde.
Eines Nachts drangen ukrainische Nationalisten in den Friedhof ein, zerstörten das Mahnmal, verwüsteten die Landschaft und richteten an drei markanten Stellen zehn Meter hohe Stahlkreuze auf. Jack Gardner gab auf und starb an gebrochenem Herzen. Und vor drei Jahren bin ich nach Sambir gekommen, um den Geburtsort meiner Eltern kennenzulernen. Ich besuchte den Friedhof, entdeckte mit Entsetzen die drei Kreuze und versprach, das Werk von Jack Gardner zu vollenden.
Sagt dir der Name Stepan Bandera etwas? Er war in den 1940er-Jahren der Führer der Aufstandsarmee der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN-B). Sein Enkel, der ebenfalls Stepan Bandera heisst, lebt in Kanada. Er ist der Führer der heutigen Allukrainischen Vereinigung Swoboda. Er will sich an unserem Projekt, die Kreuze zu entfernen und den Friedhof zu restaurieren, beteiligen.
Letzte Woche fuhr ich mit Stepan Bandera Junior, einigen wichtigen Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinde, Beamten und Politikern der örtlichen und der regionalen Behörden und in Begleitung von Journalisten und Kameraleuten nach Kiev. Seine Exzellenz, der Patriarch der Katholisch Unierten Ostkirchen, gewährte uns eine Audienz. Er beteuerte, die Stahlkreuze im jüdischen Friedhof von Sambir würden ihm grosse Schmerzen in seinem Herzen bereiten. Er würde alles tun, um uns zu helfen, aber die Kreuze müssten bleiben. Durch einen Priester geweiht sind sie in den Stand der Heiligkeit versetzt worden und dürfen auf keinen Fall entfernt werden: Geweiht sind sie der Ewigkeit übergeben.
In allen Zeitungen und Fernsehstationen berichteten sie über unsere aussichtslose Reise.»
Selma Einzig: «Was erzählten deine Eltern?»
Gary Altman: «Nichts. Kein Wort. Holocaust-Überlebende reden nicht.»
Selma Einzig: «Du sagtest, deine Eltern wären 1952 nach Kanada ausgewandert. Sprachen sie über die Zeit davor?»
Gary Altman: «Mein Vater wurde mit seiner Familie und Nachbarn nach Radlivka gebracht. Sie standen am Rand des Massengrabs und warteten auf ihre Hinrichtung. Da schob sich die Hand meiner Grossmutter in die Hand meines Vaters und sie steckte ihm einen Zettel zu. Als die Scharfschützen die ersten Salven abgaben, liess mein Vater sich fallen. Und er überlebte unter den Leichen seiner Familie und nächster Nachbarn. Auf den Zettel hatte meine Grossmutter geschrieben: Du sollst überleben. Das ist mein letzter Wunsch.»
Selma Einzig: «Dann haben sie also doch geredet?»
Gary Altman: «Warum bist du hier?»
Selma Einzig: «Ich? Weshalb fragst du?»
Gary Altman: «Mein Vater starb vor drei Jahren. Meine Mutter weiss nichts von meinen Reisen. Bin ich in Deutschland, in Polen oder in der Ukraine, macht sie sich schreckliche Sorgen. Also schweige ich.»
Selma Einzig: «Findest du in Sambir, was du in den Erzählungen deiner Eltern vermisst hast?»
Gary Altman: «Ja.»
Selma Einzig: «Gibt es dir bekannte Namen auf den Grabsteinen?»
Gary Altman: «Nein. Die meisten sind vergraben. Oder wurden für den Bau einer Bonbonfabrik genutzt. Und die übrigen sind von Schnee und Regen so beschädigt, dass man nichts lesen kann.»
jilal fadel, leiter des instituts für osteuropäische geschichte, 38 jahre, lebt in lemberg: «Es muss sich um Pragmatismus handeln, wenn Gary Altman die Geschichte des reumütigen Stepan Bandera Junior erzählt. Warum auch nicht? Egal welches Motiv der Bandera-Enkel auch hat, er hilft, einen jüdischen Friedhof zu retten. Soll er doch denken und glauben, was er will. Hauptsache, der Friedhof überlebt. Oder Gary Altman verspürt ein Bedürfnis nach Reue der Schuldigen. Nicht nur den Friedhof retten, nein, auch Wiedergutmachung empfangen. Obwohl er eigentlich um den Missbrauch durch den jungen Bandera wissen müsste.
Bandera Junior unterstützt Gary Altman, um der Welt das menschenfreundliche, weltoffene Gesicht der Allukrainischen Vereinigung Swoboda zu zeigen, die ihre Wurzeln in der ehemaligen OUN-B hat.
Im Gegensatz zu Gary Altman wusste Bandera Junior von der Unantastbarkeit der geweihten Kreuze. Die Zeitungen und Fernsehsender haben über seine Fahrt nach Kiev und das vergebliche Bittgesuch an den Patriarchen berichtet.
Seine Überraschung und sein Bedauern, ja seine Tränen sind Teil einer gross angelegten Kampagne, die den Faschisten ein modernes und gemässigtes Image verleihen soll.»
allukrainische vereinigung swoboda: «Einführung ethnischer Zugehörigkeit im Personalausweis; ethnische Quoten in Politik, Wirtschaft und Kultur; Aufnahme des Straftatbestandes ‹anti-ukrainische Tätigkeit› und Einführung entsprechender Strafen; Abschaffung der doppelten Staatsangehörigkeit; Vorzugsbehandlung ukrainischer Rückkehrer; radikaler Einwanderungsstopp für Nichtukrainer; Schaffung des Status einer Atommacht; Beitritt zur Nato; Importbeschränkungen; Verbot von Tabak- und Alkoholwerbung; strafrechtliche Verfolgung der Propagierung von Drogen; Verbot von Abtreibung und Homosexualität; Aufrechterhaltung hierarchischer Geschlechterrollen; Führerkult; wissenschaftlich-rationale Absicherung der faschistischen Ideologie …»
5. August 2010. Lemberg
Sami, mon cher
Du und ich im Bett: deine konzentrierten Bewegungen. Ja, das warst du: wenig Aufwand, grosse Lust. Um das zu erreichen, fühltest du jedes Fitzelchen, jede Regung meines Körpers. Aber du spieltest mit mir, spieltest gekonnt mit Erfüllung und Verweigerung. Kurz vor dem Orgasmus liessest du deine Finger von mir, immer wieder, bis ich dich schliesslich völlig ausser Rand und Band packte und geradezu um den Höhepunkt bettelte.
Danach: dein Körper unter meinem. Dein kleiner, weicher Körper. Und ich in deinen Armen. Deinen kräftigen Armen. Du trällertest ein Lied von Fairuz – der Mutter der libanesischen Nation –, es erzählte die Geschichte von Loulou, die den verstörten und von Raubvögeln verfolgten Singvogel in ihrer Hütte aufnahm. Am Morgen, nach einer leidenschaftlichen Liebesnacht, öffnete sie das Fenster und schaute ihm nach, wie er über das weite Meer davonflog.
Ich richtete mich auf und schaute in dein Gesicht, das von der Erinnerung entrückt zu sein schien. Immer wieder dasselbe Lied! Obwohl du auf deiner grundsätzlichen Gleichgültigkeit allen Dingen gegenüber beharrtest.
Du hattest studiert, weil man es erwartete.
Du arbeitest und verdienst Geld, weil man es erwartet.
Du strampelst dich die Karriereleiter hinauf, weil man es erwartet.
Du heiratest diese junge Frau, weil man es erwartet.
Deiner Mutter warst du dankbar, dass sie dich frühmorgens rechtzeitig für den Schulbesuch weckte, obwohl es in der Küche bitterkalt war, deinem Vater warst du für die strafenden Schläge dankbar, wenn du schlechte Noten nach Hause gebracht hattest.
Es käme dir nie in den Sinn, an die Zuneigung oder das Wohlwollen anderer Menschen oder an den guten Zufall, das hilfreiche Zusammenspiel von Ereignissen zu glauben. Deshalb bist du überzeugt davon, die Welt beherrschen zu müssen. Doch am liebsten ziehst du den Kopf ein, machst dich unsichtbar und unhörbar und lässt alles über dich hinwegschwappen – bist froh, überlebt zu haben. Aber siehst du dich übersehen und überhört und das Leben zieht an dir vorüber, bist du beleidigt und gekränkt, ja regelrecht erbost und aggressiv.
Aber die Sprachen liebst du. Und die Gedichte. Die Lieder. Es handle sich nicht um Kitsch, sondern um eine politische Parabel, sagtest du, und ich drückte dir schnell das Kissen auf das Gesicht: «Eine Lüge. Du lügst.»
Diese Loulou und ihr Singvogel waren nicht der Politik geschuldet, nein, sie waren eine Botschaft an mich. Sie verrieten mir, was du insgeheim dachtest. Es gibt kein Morgen … Nur das Heute … Und du gehörst mir … Mir allein …
Doch eines Tages läufst du mir davon. Kugelst wie ein junger Hund durch frisch gefallenen Schnee. Alles an dir springt. Und ich bleibe zurück, damit beschäftigt, frei zu sein, unentwegt frei zu sein, um über die Einsamkeit zu klagen, das Fehlen von Störung, von Reibung, von Zumutung, von Problemen mit anderen: das Fehlen von dir!
Gut. Weiter nicht schlimm! Man lernt neue Lieder. Neuen Kitsch. Neue politische Parabeln. Neue Lügen.
Pauline ihrerseits stellte eine Forderung nach Rückgabe, wollte ihre Lieder wiederhaben, von mir, ich sollte sie aus meinem Körper hervorholen, und du zeigtest mir, wie so etwas geht, wie man das macht. Denn du bist der Mensch, der das geheime Leben meiner Grossmutter, diese versteckten Erinnerungen, die unter all den Mythen und Lügen liegen, verstanden hätte. Du und Pauline: meine Parallelwelten! Aus einer anderen Zeit. Von einem anderen Ort.
Sami. Die Wärme, diese schafartige, milchige Wärme, die Pauline mir gab, ist nicht mehr. Und Joel ist ein grosser Junge. Wohnt bei Diogo.
Und ich wagte mich auf dein unsicheres Terrain. Die meiste Zeit waren wir im Bett. Und rammelten wie die Kaninchen. Oder wie altkluge, verspielte, aber unreife Kinder.
Aber bist du bereit, mir die verlorene Wärme zu geben? Willst du mein Freund sein?
Der Klingelton des Handys, die Piepser für SMS, die ich dauernd ändere, damit mein Herz nicht zu klopfen anhebt und meine Hände nicht zu zittern beginnen, wenn jemand sich meldet. Denn Lippen, Kinn, Kehlkopf, Brust und Seele springen das Gerät an, die wartende Seele wird zur berstenden Seele, warum nicht du, warum nicht eine kleine Nachricht, ein Wort, nur ein Wort, ein Wort, ein Gedanke, ich brüte auf dem Balkon meiner überhitzten Wohnung vor mich hin, ärgere mich über die Anrufe und die Nachrichten anderer Menschen, weil dann meine Sehnsucht aus mir herausschiesst und im Nichts der nachrichtenlosen Liebe verschwindet. Das Klingeln des Handys bestimmt den Tagesverlauf.
Die Hoffnung bleibt, es würde durch ausbleibende Anrufe sich endlich dieses Gefühl der Befreiung einstellen.
Der Vorsatz, mich zu lösen, fällt ab wie faules Obst, die Hand schnellt vor, drückt die Taste wie im Schlaf, wie im Traum. Deine Stimme: «Wo bist du? Was tust du? Schläfst du?» Zu jeder Tageszeit diese Frage: «Schläfst du?»
Du und ich. Wir wollten das einfache Leben. Keine Dramen. Keine Mysterien. Keine Geheimnisse. Das einfache, gute Leben, die alltäglichen Freuden, die Sorgfalt im Banalen, ein geblümtes Plastiktischtuch mit Kartoffeln und Kaffee, ein Stück Brot mit Öl und Salz, auch das Kitsch, unser ganz persönlicher Kitsch.
Ich mochte es, im Supermarkt zu trödeln, mit dir von Regal zu Regal zu bummeln, Früchte, Gemüse, Saucen, Pulver, Gewürze, Kräuter, Säfte, Käse, Wein, Schokolade, die Verpackungen und Schriften zu entziffern, Rezepte auszutauschen und Erinnerungen, und das, was du sagtest, wenn du diese schönen Dinge betrachtetest, und die Art und Weise, wie du es sagtest, zeigte ein Stück deiner Gewohnheiten, deiner Abneigungen, deiner Lüste, ja die innerste Stofflichkeit deiner Existenz teilte sich mir mit, ich liebte es, und so gingen wir von Regal zu Regal, du studiertest eine Flasche mit Himbeersaft, ich schlenderte weiter in der Erwartung, dich im nächsten Augenblick an meiner Seite zu spüren – dieses Kribbeln auf meiner Haut.
Und ich mit Joel. Und du und ich. Und unsere zukünftige Kinderschar, die in diesem beschissenen Libanon aufwachsen müsste, wie du nicht aufhörtest zu klagen und zu jammern.
Warum rufst du nicht an?
Du bist wie Paulines Hand, die aus einem weichen, kamelfarbigen Ärmel hervorlugt und mich packt. Mich festhält!
Warum rufst du nicht an?
Die Himmelsleiter. Jakobs Leiter in den Himmel. Der Himmel tut sich auf. Für uns. Und wir steigen hinauf. Früher hat Jakob in der Dunkelheit am Ufer des Flusses mit dem Engel gekämpft. Ich kämpfe mit dir. Weil ich dich will.
Du bist das Beste in mir.
Und ich in dir.
Selma
10. August 2010. Lemberg
Es gibt einen Moment, da lege ich das Buch aufgeschlagen auf meinen Bauch, ich döse weg und träume … Das aufmerksame Aufblitzen in Samis Augen, eine schnelle Bewegung seiner Hände, um das Anstossen der Hüfte am Regal zu verhindern: «Sie müssen auf sich aufpassen», sagte er, und als ich zurückwich und verlegen lächelte, fügte er an: «Sie sind es wert, dass man gut zu Ihnen schaut.»
Für einen Augenblick glaubte ich, Sami Berri käme in die engere Auswahl, der nächste Wächter meiner Höhleneingänge zu sein … Doch später schrie ich ihn an … Entscheide dich … Libanon … Deine Mutter … Entscheide dich … Sag endlich, was du willst … Was DU willst … Und er schaute missbilligend an meinem Kopf vorbei … Warten, ich soll warten und Geduld, GEDULD, nichts überstürzen …
So blieb Grossmutter Pauline die vollkommene Hüterin, die mir Schutz und Sicherheit, aber auch Freiheit gab … Sie hielt unser Leben zusammen … Sie zog mich und Joel auf … Ich hatte keine Angst, denn ich wusste, sie würde nicht bleiben, sie war alt …
Selma erwacht. Schiebt die verschwitzten Laken weg. Stille. Atem. Stille. Beugt sich aus dem Bett, zieht die Tasche heran und das Handy aus dem Gewirr ineinander verwickelter Dinge – ein Foto von Joel mit Diogo, ein Foto von Sami –, drückt auf Nachrichten. Klickt auf den Namen und tippt langsam eine Nachricht.
23:00: «Mon cher Sami. War in der alten Synagoge. Eine Ruine. Sicht auf weidende Ziegen. Durch die zerbrochenen Fenster. Reste vom goldenen Dach. Die prächtigen Fresken. Dieser lächerlich unscheinbare Haufen Stein. Sitz einer monotheistischen Religion. So unglaublich aufgeladen, explosiv, umkämpft, in den Himmel gehoben, zerstört, wieder aufgebaut, erobert, verloren. Ursache von Krieg. Symbol der Erlösung. Sitz der einen unteilbaren Wahrheit. Es könnte auch eine Moschee sein. Oder eine Kirche. Oder ein asiatischer Tempel.»
23:15: «Ma chère Selma. Bin zurück aus dem Libanon. Meine Mutter grüsst dich. Sie hat mir Gurken aus dem Garten und rote Linsen mitgegeben. Traurig! Du bist nicht bei mir! Wir könnten zusammen essen. Ich hab einen schönen Rotwein gekauft. Es gibt bald Krieg. Wenn nicht jetzt, dann nächstes Jahr.»
23:22: «Mon cher Sami. War auf dem Markt. Geschrei. Verkehr. Lärm. Geht eine traditionelle Ukrainerin vorbei. Rock bis zum Knöchel. Kopf bedeckt. Geht eine traditionelle Armenierin vorbei. Rock bis zum Knöchel. Kopf bedeckt. Geht eine traditionelle Jüdin vorbei. Rock bis zum Knöchel. Kopf bedeckt. Geht eine traditionelle Tatarin vorbei. Rock bis zum Knöchel. Kopf bedeckt. Du redest vom Krieg?»
23:40: «Ma chère Selma. Schön, wie du schreibst. Politik ist kompliziert. Die Hisbollah ist mächtig. Unendlich viel Geld. Modernste Waffen. Hervorragend ausgebildete Leute. Wart nur ab: Es gibt Krieg! Die schiitische Hisbollah hasst die sunnitischen Palästinenser in den Flüchtlingslagern und die sunnitischen Rebellen in Syrien. In meinem Kopf gibt es trotzdem die Idee: Ich kehre nach Hause zurück.»
23:42: «Mon cher Sami. Du verdienst genug Geld, um Land und ein Haus zu kaufen. Du hättest in Mashgara ein gutes Leben.»
23:50: «Ma chère Selma. Libanon ist schlecht, keine Regierung, keine Gesetze, Korruption und überteuerter Boden.»
23:54: «Mon cher Sami. Der Mensch ist ein zerbrechliches Gut. Und das Leben ein grober, ungeduldiger, wütender Postbote.»
00:00: «Du schreibst so schön. Und du hast recht. In der Hisbollah hätte ich Karriere gemacht und wäre eine bedeutende Persönlichkeit geworden. Was ist aber aus mir geworden? Ein gewöhnlicher Versicherungsangestellter ohne Frau und Kind.»
00:02: «Mon cher Sami. Bist du verrückt? Du träumst von einer Karriere in der Hisbollah? Vielleicht doch besser, du bleibst in der Schweiz. Du machst mir Angst.»
00:04: «Ma chère Selma. Meine Mutter wartet auf meine Rückkehr. Ich heirate die Frau, die sie für mich gefunden hat. Unsere Familien haben sich gegenseitig besucht und geeinigt. Ich bin der älteste Sohn. Ich muss es tun.»
00:15: «Ok. Auch gut.»
00:18: «Ma chère Selma. Geh nach Israel und dort zur Klagemauer und wirf für mich einen Blick auf die Al Akkba-Moschee. Tust du das?»
00:30: «Selma. Ich baue im Libanon ein Haus. Ohne fliessendes Wasser und ohne Strom. Das Leben am Hang des Bergs Hermon ist hart. Aber ich kaufe Mandelbäume und Schafe. Und einen Traktor. Und am Feuer ist Platz für dich. Ich warte auf dich.»
Tohuwabohu, dieses bockige Wort, das den verstörenden Lärm in der leeren Wüste bezeichnet. Den niemand je gehört hat. Und der das Bewusstsein und die Geisteskräfte vernichtet. Wie die Engel es tun, wenn man sie aufsucht, bevor die Zeit reif ist. Komm, Engel … Steig herab … Kämpf mit mir … Schlagen wir uns am Ufer des ewigen Flusses Sambatjon die Seelen wund …
02:00: «Sami! Mashgara liegt NICHT am Fuss des Bergs Hermon.»
02:05: «Selma! Wann kommst du? Ich warte auf dich.»
02:16: «Vergiss nicht, mir weiterhin so schöne Briefe zu schreiben. Je t’aime. Sami.»
12. August 2010. Lemberg
«Ich würde mich als gläubigen Menschen bezeichnen. In die Synagoge konnte ich jedoch nicht gehen. Ich war einmal zu einer Bar Mitzwa eingeladen. Frauen und Kinder sassen oben auf dem Balkon, alle kannten sich, sie waren eine grosse Familie. Mich starrten sie an und senkten die Stimmen, damit ich sie nicht verstehen konnte: keine freundliche Atmosphäre.
Ich hätte mich mit dem jüdischen Gottesdienst vertraut machen müssen. Wir hatten den Bezug zu den Ritualen und ihren Bedeutungen verloren.» Notat von Pauline Einzig
In der Synagoge. Die Besucher des Kabbalat Schabbat sind zum grössten Teil aus Israel. Die Männer diskutieren, ob sie Jiddisch oder Hebräisch sprechen sollen, sie tragen Jeans, Hemd und Kippa, einige Kaftan, Tallit, Pelzhut und Schläfenlocken. Die Frauen finden sich auf der Empore, die Bänke stehen ungeordnet, zerbrochene Stühle liegen herum, sie lesen in Büchern, schwätzen, heben den Vorhang, der aus wunderschöner Spitze gemacht ist, rufen hinunter und debattieren. Der Rabbi Mordechai Kaplan, ein kleiner, dicker Mann, wischt sich mit einem grossen Tuch den schweissnassen Schädel, weist mit dem Finger auf einen älteren Mann, der zu singen beginnt, zieht sich den Tallit über den Kopf, der Gesang hebt ab, liturgische Rezitation, arabisch-pentatonische Klänge, Klezmer und Balkanbeat, die Männer klatschen und klopfen auf die Bänke, einer kommt mit der Thorarolle herein, ein anderer öffnet den Schrank, sie verstauen die Thorarolle im Schrank, stopfen sie unbeholfen hinein, wie man es mit widerständiger Wäsche tut, der Rabbi, immer noch den Tallit über dem Kopf, rezitiert, zu seinen Füssen liegt sein kleiner Sohn und betrachtet die singenden Männer von unten, die Frauen deuten Tanzschritte an, sie sind – ihre Köpfe und Oberkörper vor dem Vorhang, ihre Hinterteile und Beine hinter dem Vorhang – in zwei Teile geschnitten, der Stoff hebt und senkt oder bauscht sich, wenn eine dagegen atmet oder den Kopf zu weit vorstreckt.



