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Hönnlin ging zu seinem Esel und brachte einen neugefüllten Sack Wallnüsse zum Vorschein. Eine nahm er heraus und pflanzte sie in der Mitte der kleinen Lichtung nicht unweit vom Feuer.
„Wieso machen sie das?“ Clara folgte Hönnlin interessiert mit ihren Blicken, war aber, nun da sie saß, zu müde um aufzustehen.
„Viele sagen es wäre an Gott, sich um alle zu sorgen. Doch das glaube ich nicht. Vielmehr denke ich, dass Gott uns die Welt zur Verfügung gestellt hat. Es ist die Natur, die dafür sorgt, dass alle satt werden, und wir mit unserer Arbeit.“
„Aber warum pflanzen sie einen Baum mitten in den Wald?“, rätselte Clara. „Hier sieht ihn doch niemand.“
„Niemand, der in den Dörfern und Städten lebt.“
„Dann helfen sie den Abtrünnigen?“, wunderte sich das Mädchen.
„Ein ziemlich böses Wort um die zu beschreiben, die du nicht kennst. Findest du nicht?“
„Aber es sind doch welche“, wagte sie es nicht nochmal, das Wort in den Mund zu nehmen. Zeitlebens hatte sie nur dieses Wort für die Menschen gehört, die so lebten.
„Aber kennst du ihre Geschichte?“
Clara wollte mit einer Antwort ansetzen, überlegte und schüttelte dann nachdenklich den Kopf.
„Nun, wie würdest du einen Familienvater nennen, dessen Frau schwer krank wird und er seine Steuerschuld nicht zahlen kann, weil er sie pflegen und sich alleine um zwei junge Kinder kümmern muss und dadurch sein Landrecht verliert und nichts mehr zum Leben hat?“
Clara zuckte mit den Schultern.
„Wie nennst du einen jungen Mann, der mit verdrehten Armen zur Welt gekommen ist, nicht arbeiten kann und von seiner Familie verstoßen worden ist?“
Abermals zuckte Clara mit den Schultern und musste kräftig schlucken.
„Wie nennst du eine Frau, die von ihrer Familie in ein Kloster gesteckt wurde, weil diese keine Verwendung für sie hat, die Frau aber aus dem Kloster flieht, weil sie nicht für dieses Leben gemacht ist?“
Clara starrte Hönnlin an. Dann blickte sie neben sich auf die Erde und schwieg. Hönnlin setzte sich neben sie ans Feuer und las in einem seiner Bücher.
„Dann sind sie nicht böse?“, fasste Clara nach einiger Zeit ihre Verwirrung zusammen.
„Sie sind nicht alle gut, und du solltest keinem vorschnell trauen. Aber viele sind zu dem geworden, zudem wir sie gemacht haben. Richte nie über einen Menschen, dessen Geschichte du nicht kennst.“
Wieder schwieg Clara und Hönnlin las weiter.
„Aber der eine Baum wird nichts ändern.“
„Nein, vielleicht nicht. Aber wenn er in den kommenden hundert Jahren nur einen vor dem Verhungern rettet, dann war er es wert.“
Clara blickte zum Esel hinüber und erinnerte sich an den gefüllten Sack.
„Aber es ist nicht der eine Baum?“
„Eine Nuss an jedem Abend an dem ich unterwegs bin.“
Clara versank in Gedanken.
„Aber es ist verboten ihnen zu helfen“, sprach Clara den Konflikt aus, der in ihr immer wieder auftauchte.
„Ja, ist es“, gestand Hönnlin offen.
„Aber warum?“
„Weil Angst eine Waffe ist.“
„Das verstehe ich nicht.“ Clara war an diesem Abend so verwirrt wie noch nie zuvor.
„Um arme Menschen unter Kontrolle zu halten, muss du eine Situation schaffen, wo sie noch weniger haben können und vor der sie Angst haben. Genau das ist die Aufgabe der Abtrünnigen. Je schlechter es diesen geht, je mehr sich die Menschen vor ihnen fürchten, umso eher sind sie bereit alles Andere zu erdulden.“
„Aber das ist ungerecht!“, protestierte Clara. „Warum tut die Kirche nichts dagegen?“
Hönnlin sah Clara innig an, antwortete aber nicht.
„Oder weiß sie es nicht?“, klammerte sie sich an die einzige Schlussfolgerung, die für sie Sinn ergab. „Sie müssen es ihr sagen.“
„Ich muss es ihr nicht sagen. Sie weiß es.“
„Aber“, setzte sie an und fand keine Worte.
Es war eine unruhige Nacht für Clara. Nicht nur, weil ihr die Geräusche des Waldes im Dunkeln unheimlich waren, sondern vor allem wegen ihrer Gedanken. Sie beschäftigte weit mehr Fragen, als sie gewagt hatte zu stellen. Sie hatte sich nie so benommen, wie die Nonnen es von ihr gewünscht hatten. Risse erschienen in dem Gerüst, indem sie sich bewegte und in dem sie dachte. Wollte Hönnlin sie nur testen. Log er, um ihren Glauben auf die Probe zu stellen. Aber was wenn er Recht hatte? Und was bedeutete es für sie, wenn sie wusste was Hönnlin offenbar wusste? Würde Hönnlin es in Frankreich verraten, wenn sie nun infrage stellte, was nicht infrage zu stellen war? Dabei fühlte es sich richtig an, mit ihm offen zu reden. Sie fühlte sich ihm näher als allen, die sie kannte. Selbst ihrer Mutter, die sie zweimal besucht hatte, fühlte sie sich nicht so nahe.
Hönnlin war längst wach, als Clara etwas wiederwillig die Augen öffnete. Er hatte das Feuer angefacht und einen Tee gekocht.
Es war bereits eine Weile hell, doch die feuchtkalte Luft der Nacht hatte sich in ihre Decke und ihre Kleider geschlichen. Deshalb richtete sie ihren Oberkörper auf und setzte sich näher ans Feuer. Hönnlin reichte ihr eine selbstgeschnitzte Holztasse mit wärmendem Tee.
„Wie hast du geschlafen?“, fragte Hönnlin dem aufgefallen war, wie unruhig Clara gelegen hatte. Sie zuckte unschlüssig mit den Schultern.
„Deine erste Nacht im Freien?“
Nach anfänglichem Zögern schüttelte sie den Kopf.
„Nein?“
„Ich bin einmal aus dem Kloster weggelaufen“, blickte Clara schuldbewusst drein.
„Und?“
„Nach drei Tagen bin ich zurück gegangen, weil ich Hunger hatte“, grinste Clara verlegen.
„War jemand böse zu dir?“ Hönnlin verurteilte sie nicht dafür.
„Nicht wirklich.“ Schon wieder so ein verwirrendes Gespräch, dachte sie.
„Nein?“, hackte Hönnlin nach.
„Ich“, zögerte sie. „Mir gefiel es nicht im Kloster. Immer wenn ich etwas wissen wollte, sagten sie mir, ich sei dumm und böse.“ Sie blickte Hönnlin direkt ins Gesicht, doch sie erkannte dort keine Verärgerung.
„Es ist nichts Böses daran, mehr wissen und verstehen zu wollen.“ Hönnlin sah Clara mitfühlend an.
„Aber warum sagen sie das?“, wagte sich Clara weiter vor.
„Angst“, antwortete Hönnlin prompt. „Angst vor Wissen, das mit der Religion nicht zu vereinen ist.“
„Aber ist die Religion nicht richtig?“, fragte Clara erschrocken.
„Der Glaube ist richtig! Der Glaube lässt sich auch nicht von Wissen erschüttern, aber die Religion ist ein Mantel, den die Menschen erfunden haben und über den Glauben gestülpt haben.“
Clara starrte Hönnlin entgeistert an. Dabei hatte sie von Ungläubigen gehört, aber diese Worte aus dem Munde eines Mönches zu hören, schockierte sie. Es brachte Grundfeste ins Wanken von denen sie geglaubt hatte, dass sie unumstößlich seien.
„Aber Sie sind Mönch!“, versuchte Clara an ihrer Weltordnung festzuhalten.
„Ja, das bin ich“, nickte Hönnlin nachdenklich. „Aber ich werde die Mönchskutte bald ablegen“, gestand er, weil er es endlich ausgesprochen haben wollte.
Das war zuviel für Clara und so fiel sie in Schweigen. In ihrem Kopf schossen die Fragen nur so umher. Ebenso flogen die Aussagen der Nonnen durch ihren Kopf. Man müsse den Prüfungen des Teufels widerstehen, sagten sie immer wieder. War dies nun eine solche Prüfung? Musste sie zeigen, dass sie und ihr Glaube stark waren? Musste sie Hönnlin auf den rechten Weg zurück führen?
Selbst eine Stunde nach ihrem Aufbruch, war noch kein unnötiges Wort gefallen. Doch nun brach Hönnlin das Schweigen, auch aus Angst, sie zu sehr verstört zu haben. Er war sich auch schnell bewusst geworden, dass er den Samen des Zweifels in ihren Kopf gesetzt hatte, der ihr die verbleibende Zeit im Kloster unnötig schwer werden ließ. Er hätte besser darüber nachdenken sollen.
Darum wählte er seine Worte nun mit Bedacht und mied verfängliche Themen. Er zeigte ihr Pilze und Kräuter und erklärte ihr, welche man essen konnte und für was sie hilfreich sein mochten. Auch machte er auf die Spuren von Tieren aufmerksam.
Obwohl Clara mehr und mehr sprach, so konnte Hönnlin an ihrer Nachdenklichkeit nichts mehr ändern. Sie war tief aufgewühlt und Hönnlin bereute es, so offen mit ihr gesprochen zu haben. Es war egoistisch von ihm gewesen. Für ihn war es eine Erleichterung, doch für Clara war es eine Last, die zu schwer für sie war. In ihr herrschte Rebellion und zum Teil war es Hönnlins Rebellion, die mit tobte, aber in Clara fand diese zu wenig Widerstand.
Es gab einen Ausweg, aber den konnte er Clara unmöglich antun. Stattdessen versuchte er sie bestmöglich abzulenken und die Reise für sie so interessant wie möglich zu gestalten.
Wirklich schwierig fiel das Hönnlin nicht, da sich Clara von der Natur rasch faszinieren ließ. Auch lernte sie schnell und stellte viele Fragen. Kein Wunder, dass die Nonnen mit ihr überfordert waren, dachte Hönnlin mehr als einmal.
Das ausgelassene Abendessen
Es war nicht Ismars erste Reise, aber die mit Wigandus war eindeutig die seltsamste davon. Dessen Laune verschlechterte sich mit jedem Tag, auch wenn er tapfer versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Ihm fehlten vor allem ein gemütliches Bett und wohl auch andere Annehmlichkeiten, die das Leben in der Stadt bieten konnte. Auch war ersichtlich, dass er zwar reiten konnte, aber mögen tat er es nicht. Die ersten beiden Tage war er bemüht, Ismar Mut zuzusprechen, doch ab dem dritten Tag wurde die Reise zunehmend schweigsamer. Als sie am elften Tag am frühen Nachmittag ankamen, beschränkte sich ihr Wortwechsel nur mehr auf das Nötigste. Auch der Abschied fiel recht kurz aus. Wigandus lieferte ihn beim hiesigen Abt ab, händigte den im Namen des Bischofs verfassten Brief aus und verabschiedete sich mit den Worten, dass er weiter müsse. Schon seltsam, dachte Ismar, als er die erste Nacht in seinem neuen Bett lag, wie sich Menschen auf Reisen verändern können.
Er lag an diesem Abend lange wach. Er wusste, dass sein Leben ab Morgen ein ganz anderes sein würde, schließlich kannte er auch Jungs, die im Kloster waren. Sein Empfang hier hätte schlimmer sein können. Der Abt wirkte streng, aber nicht unmenschlich. Der Mönch, der sich seiner angenommen hatte, Bruder Baldemarus, war allerdings sehr reserviert geblieben. Ismar fragte sich ob Lachen im Kloster überhaupt gestattet war. Er lag auf dem Rücken und musste schlucken, als er an all die Späße dachte, die er hier wohl nicht mehr machen konnte. Er dachte an Caspar, an Michel und an Haman und vermisste sie jetzt schon. Die Gedanken an seine Eltern versuchte er zu verdrängen, doch auch sie geisterten ihm durch den Kopf und ließen den Drang nach Späßen verfliegen. Er fragte sich, wie es wohl seiner Schwester ging. Wigandus hatte ihm nicht genau gesagt, wo sie war, da er es wohl selbst nicht wusste. Ohnehin schien Wigandus auf einmal viel mehr nicht zu wissen, als Ismar das bei ihm gewohnt war.
Wigandus hatte ihm versprochen ihn im Alter von fast einundzwanzig abholen zu kommen. Das waren noch elf lange Jahre, dachte Ismar und richtete seinen Blick in den dunklen Raum.
Sieben weitere Betten standen in dem Zimmer, das kleiner war als sein Schlafgemach zu Hause. Die anderen hatten keine Probleme zu schlafen. Zwei waren in etwa sein Alter, die anderen jünger oder älter. Zwei wussten nicht einmal genau wie alt sie waren. Vor dem Schlafengehen, hatten sie erzählt, dass sie ausgesetzt worden waren.
Ein Mönch hatte sie zwischendurch unterbrochen, um zu sagen, dass endlich Ruhe sein sollte, doch später war er nicht mehr zurückgekehrt, und so hatten sie Ismar ausgefragt und auch von sich erzählt. Es schien für alle ein recht aufregendes Ereignis zu sein, wenn ein Neuer kam.
Die Geschichte, die er als die Seine erzählte war mit Wigandus besprochen und in weiten Zügen entsprach es der Wahrheit, aber nur soweit, dass keine Gerüchte aufkamen, wer er wirklich war. Nicht einmal der Abt kannte die Geschichte und selbst ein Großteil seines Erbes, das der Bischof verwahren sollte, würde die Abtei nie sehen. Wigandus hatte ihm dies alles erklärt, damit Ismar wusste, auf welchen Empfang er sich einstellen sollte.
Je schneller du dich anpasst, so hatte sein Lehrer ihm als Rat gegeben, umso einfacher wird es für dich werden. Du wirst die Abtei nicht ändern, aber sie zur Not dich. Diese Worte geisterten Ismar nun durch den Kopf. Vergiss nicht wer du bist, vergiss nicht, was du möchtest, aber egal was du zu tun gedenkst, die oberste Regel, merk dir das gut, lass dich nicht erwischen.
Ismar war sich bewusst, dass sich sein Leben grundlegend änderte. Während er dem gleichmäßigen Atmen der Schlafenden zuhörte, schwor er sich darauf ein. Es galt die neuen Gesetzmäßigkeiten auszuloten, ohne sich zu oft den Kopf zu stoßen. Das waren immer Hamans Worte gewesen, wenn Ismar wieder Ärger bekommen hatte. Du musst lernen mit dem Strom zu schwimmen, wenn er dich dorthin trägt, wo du hin möchtest, und dich aus der Strömung zu halten, wenn er es nicht tut. Er hörte Hamans lachende Stimme und ihm wurde es leichter ums Herz. Bald darauf war er eingeschlafen.
Am folgenden Morgen verstand er, warum die Anderen so leicht eingeschlafen waren. Es war unmenschlich früh als sie geweckt wurden. Dabei wurde wenig Federlesen gemacht und Ismar musste sich arg überwinden, um sich nicht gleich eine Blöße zu geben. Baldemarus, einer der wenigen Mönche, der sich vorrangig um die Novizen kümmerte, ließ Ismar nicht aus den Augen. Scheinbar wartete er nur darauf, den Neuen zurecht zu weisen.
„Nimm dich vor ihm in Acht“, flüsterte der kleine Utz, ein Knabe, der etwas jünger war als Ismar. Er hatte gemerkt, dass auch Ismar Baldemarus beobachtete. „Der sucht nur nach einem Grund, einen von uns zu betrafen.“
„Danke, kein Bedarf“, grinste Ismar ihm im Halbschlaf zu. „Die Freude mach ich dem nicht. Danke für die Warnung.“
„Ruhe“, raunte Baldemarus. „Vor der Andacht wird nicht gesprochen.“ Unschlüssig blickte er sich um, da er nicht wusste, wer gesprochen hatte. „Ich habe dich im Auge. Dass du mir keinen Ärger machst“, schoss er seinen ersten Pfeil auf Ismar ab.
Ismar entgegnete nichts, rollte nur übertrieben mit den Augen, als Baldemarus sich umdrehte und brachte Utz damit fast zum Lachen.
Die Morgenandacht war so langweilig, wie es sich anhörte und Ismar hatte Mühe sich gegen das Einschlafen zu wehren. Baldemarus hielt sein Versprechen und verweilte vorrangig in Ismars Nähe. Das war nervig, aber Ismar nahm die Herausforderung an.
Das Frühstück war recht karg und musste, wie sollte es anders sein, schweigend eingenommen werden. Nein, das war kein Leben für ihn, dessen war er sich schnell bewusst.
In den folgenden Tagen und Wochen musste er unzählige Male lernen, dass nichts was er konnte, den Vorstellungen des Klosters entsprach. Seine Schrift war zu ungestüm. Seine Wortwahl zu wenig gottesfürchtig. Erst recht sein Tatendrang war ein häufiges Ärgernis und wo immer er ein Schlupfloch suchte, war es, als würde jemand seine Gedanken lesen und sich einen Spaß daraus machen, seine Pläne zu durchkreuzen. Bald hatte auch seine Ausrede, dass er sich verlaufen hatte, ausgedient und nicht Wenige beäugten ihn misstrauisch, wenn sie ihm alleine begegneten.
Die Strafen, die er hier erfuhr, bereitetem ihm weit weniger Freude, als er es gewohnt war. Ständig musste er irgendetwas abschreiben. Oft waren es Notizen des Kochs mit den Vermerken, was sie verbraucht hatten. Baldemarus wurde dabei nicht müde, ihm Schläge anzudrohen, wenn zu Beginn der Erntezeit die Inventur nicht aufging, weil er sich verschrieben hatte. Widerworte führten allzu leicht zu neuerlichen Strafen und so schwieg er. Das Schreiben war monoton und bald schmerzte sein Handgelenk auch zu sehr. Beinahe hätte er darum gebettelt, irgendetwas anderes zu machen, und wäre es nur in der Küche zu helfen, das Gemüse zu schneiden. Doch scheinbar waren diese Strafen eher den Lieblingen im Kloster vorbehalten, wenn es beispielsweise Gruppenstrafen gab, weil abends Unruhe im Schlafzimmer herrschte, oder weil einer während einer Andacht eingeschlafen war.
Doch ohnehin hatte Ismar bemerkt, dass wenn die falsche Person wusste, was einem Freude bereitete, dass man sich dann sicher sein konnte, keine Gelegenheit mehr zu finden, es zu tun. So war es Ismar mit den Lesungen ergangen. Weil ihm das Reden fehlte, fand er schnell Gefallen daran, und schlecht war er auch nicht. Während die meisten Kinder diese Aufgabe scheuten, hatte er den Fehler gemacht, sich zu oft freiwillig zu melden, einzig um sprechen zu dürfen, und bald kam er gar nicht mehr dran.
„Sei bei der Sache. Du hast wieder nur Flausen im Kopf“, rügte ihn Baldemarus, der ebenfalls im Schreibzimmer war, um eine Buchkopie zu erstellen und gleichzeitig darüber zu wachen, dass Ismar seiner Strafarbeit nachging.
„Nein“, widersprach Ismar und sein Grinsen wurde noch breiter. Ihm war eine Idee gekommen und er genoss es wie Baldemarus auf einen Streit mit ihm gierte. „Nein“, wiederholte Ismar und legte seinen Kopf nachdenklich zur Seite. Baldemarus nahm bereits tief Luft. „Ich beginne nur Gefallen am Schreiben zu finden“, erklärte Ismar seine gute Laune.
„Was weißt denn du schon“, blaffte er ihn an.
„Wenn ich groß bin, möchte ich ebenso schöne Bücher schreiben können, wie sie Bruder Baldemarus.“ Ismar tat als würde er dessen Ärger nicht bemerken.
„Bücher sind nicht schön. Sie sind lehrreich!“, rügte ihn Baldemarus, da er keine andere Möglichkeit sah Ismar zu strafen.
„Mag sein“, blieb Ismar unbeirrt. „Aber es ist dennoch eine Kunst, so lehrreiche Bücher zu schreiben.“ Ismar nutzte was Wigandus ihm an Rhetorik gelehrt hatte. „Ich muss deshalb lernen, mit meiner Aufgabe eins zu werden.“ Ismar erlaubte sich nur ein kurzes Grinsen, senkte den Kopf und schrieb weiter. Er war sich vollends bewusst, dass Baldemarus ihn nun genau beobachtete.
Ismar spürte förmlich, wie er grübelte, wie er Ismar quälen konnte. Doch scheinbar hatte selbst er Regeln, an die er sich hielt und wenn es keinen Anlass für eine Strafe gab, gab es keinen. Doch war sich Ismar sicher, dass Baldemarus nichts unversucht lassen würde, um Ismar diese Anmaßung zehn und zwanzigfach zurück zu zahlen. Eines war besiegelt, er hatte nun einen Feind auf Lebzeiten. Doch wirklich stören tat es Ismar nicht. Heimlich freute er sich sogar über die Streitigkeiten mit ihm. Es schärfte seinen Verstand und sorgte zudem für einige Spannung in dem ansonsten eintönigen Tagesablauf. Er musste erneut grinsen, während er sich vorstellte, wie er Baldemarus mit Freundlichkeit, Fleiß und dergleichen ärgern würde. Baldemarus war ein einfach gestricktes Gemüt und Wigandus' Lehren nutzten Ismar in vielfacher Hinsicht. Baldemarus war schnell durchschaut. Er hatte selbst nicht viel zu sagen im Kloster und versuchte deshalb seinen Frust an den Kleinen abzulassen und so ein wenig das Gefühl zu haben, über Macht zu verfügen.
„Dir werde ich das Grinsen noch abgewöhnen“, konnte Baldemarus nicht mehr an sich halten.
„Das ist aber nicht nett“, zuckte Ismar unbekümmert mit den Schultern.
„Ich werde deinen Ungehorsam melden.“
„Dafür habe ich größtes Verständnis. An einem jedem ist es, seiner Pflicht nachzukommen.“ Ismar musste sich anstrengen nicht laut los zu prusten. Baldemarus' Gesicht schwankte zwischen Wut und Hilflosigkeit.
Ismar senkte den Blick und ließ ihn für den restlichen Nachmittag unten. Auch verkniff er sich ein weiteres Grinsen. Baldemarus stand an seinem Stehpult und tobte innerlich.
Ismar spürte, dass der Bogen bald überspannt war. Dennoch hoffte er, das erreicht zu haben, was er wollte. Diesmal verging die Zeit wie im Flug. Bald war Essenszeit, doch Baldemarus machte keine Anstalten seine Feder niederzulegen oder Ismar zu entlassen. Auch wenn Ismar merkte, dass er weit weniger schnell schrieb als üblich. Selbst als zu hören war, dass die anderen zu Tisch gingen, blieb Baldemarus eisern und stellte Ismar auf die Probe.
Obschon sein Magen knurrend Protest einlegte, gab Ismar keine Schwäche preis. Er musste mit anhören, wie Schüsseln ausgeteilt wurden. Wenig später drangen hölzerne Geräusche der Löffel, die verrieten, wie sich die Schüsseln leerten, über den Flur zu ihnen durch. Ismar schaute dennoch nicht auf. Auch wenn seine Hand fürchterlich schmerzte, schrieb er Wachstafel um Wachstafel die Notizen auf das Papier vor ihm. Einzig Baldemarus' Bösartigkeit verdankte er, dass der Turm vor ihm noch nicht leer war. Baldemarus machte sich gerne einen Spaß daraus, weit mehr Tafeln aus dem Schrank vor ihm aufzutürmen, als irgend möglich war, selbst in zwei Tagen zu schreiben. Inzwischen beschlich Ismar das Gefühl, dass einzig er selbst alle Notizen aus der Küche niederschrieb. Vielleicht war es Baldemarus' Aufgabe und so suchte er sich jemanden, der sie ihm abnahm. Das würde so manches erklären. Ismars Hand juckte schmerzhaft. Es gab aber keinen triftigen Grund, seine Feder niederzulegen und so schrieb er weiter.
Inzwischen waren die Anderen vom Tisch aufgestanden und Stimmen belebten das Kloster. Einige gingen in ihre Schlafgemächer, um sich kurz auszuruhen, andere suchten die Gemeinschaftsräume auf oder zogen sich in die Bibliothek zurück. Es war einer der wenigen Momente im Tagesablauf, die nicht vorbestimmt waren. Wenig später wurde es ruhiger in diesem Teil des Klosters.
Deshalb erschrak Ismar, als plötzlich jemand hinter ihm in der Tür stand. Zum Glück hatte er die Feder eben gehoben, um neue Tinte zu fassen.
„Bruder Baldemarus, ich habe euch am Tisch vermisst“, sprach Vater Ferdinand in nüchternem Ton. Baldemarus verzog sein Gesicht und suchte fieberhaft nach einer Erklärung. Jeder wusste, dass Vater Ferdinand es keineswegs schätzte, wenn jemand dem Abendmahl fern blieb.
„Verzeiht, Vater Ferdinand, es war meine Schuld. Ich habe Bruder Baldemarus gedrängt, dies fertigschreiben zu können.“
Baldemarus' Gesicht verzog sich noch länger, während er versuchte unschuldig drein zu blicken.
„Ismar, lügen ist eine Sünde. Aber dieses Mal will ich sie dir verzeihen.“
Er kam näher an Ismar heran und betrachtete sein Schaffen.
„Deine Schrift entwickelt sich“, begutachtete er, was er sah. Sein Ton ließ dabei offen, ob er es gut oder schlecht fand. „Sind das unsere Verbrauchslisten?“
„Ja, Vater Ferdinand“, bestätigte Ismar und spürte wachsenden Unmut.
„Wie kommt es, dass du sie abschreibst?“ Sein Blick machte deutlich, dass er nicht nochmal angelogen werden wollte.
„Ich habe gesündigt, Vater. Das ist meine gerechte Strafe.“
„Eine Sünde verlangt Buße und Einsicht“, holte Vater Ferdinand aus. „Aber war es eine Sünde oder vielmehr Ungehorsam, und wer legte dir diese Strafe auf?“ Vater Ferdinand ignorierte Baldemarus vollständig. Dieser stand wie auf heißen Kohlen. Sein Blick zeigte deutlich, dass er Ismar am liebsten die Zunge herausreißen würde. Doch er war zum Schweigen verdammt und musste tatenlos zusehen.
„Ungehorsam, Vater. Es war Bruder Baldemarus, der mich erwischt, gerügt und bestraft hat.“
Vater Ferdinand ließ seinen Blick auf Ismar ruhen und nahm sich Zeit zum Nachdenken. Auch er war aufgewühlt und ließ Baldemarus, der sich krampfhaft verteidigen wollte, links liegen.
„Deine Strafe ist hiermit abgeleistet. Du wirst heute hungrig zu Bett gehen und darüber nachdenken, was heute passiert ist.“
„Bruder Baldemarus, Morgen nach der Andacht werden sich alle, Mönche und Novizen, im Kapitelsaal einfinden. Tragen sie dafür Sorge, dass jeder Bescheid weiß.“
„Ja Vater Ferdinand.“ Baldemarus machte eine Faust hinter dem Stehpult und versuchte so ruhig wie möglich zu klingen, doch seinen Unmut konnte er nicht ganz verbergen.
„Geh nun in deinen Schlafraum, Ismar“, lotste Vater Ferdinand ihn aus Baldemarus’ Blickfeld. Ismar stand in keiner Weise der Sinn danach, diese Anordnung zu missachten. Hungrig ins Bett zu gehen, war in diesem Fall die beste Aussicht.
Während der Andacht am folgenden Morgen saß Ismar wie auf heißen Steinen. Nicht wegen dem, was er hörte, das bekam er ohnehin nur am Rande mit, sondern wegen Baldemarus’ Blicken. Wohl hatte er für sich entschieden, Ismar die Schuld daran zu geben, was nun geschehen mochte.
Vielleicht fand Ismar auch deshalb, dass die Andacht an diesem Morgen recht schnell abgehalten war. Trotz seines Hungers hielt sich seine Freude darüber in Grenzen.




