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Normalerweise verließen sie die Kapelle schweigend, doch diesmal war überall Getuschel zu hören. Vater Ferdinand machte sich nicht einmal die Mühe, sie zur Ruhe zu rufen. Als sie dann aus der Kapelle traten, mehrten sich die Stimmen und wurden lebhafter.
Es kam häufiger vor, dass Vater Ferdinand sie alle zusammen rief, doch wenn es nach einer Morgenandacht geschah, dann war das nie ein gutes Zeichen.
Nachdem alle Platz gefunden hatten, wartete Vater Ferdinand geduldig, bis Ruhe einkehrte und wanderte mit seinem Blick von einem zum anderen und wieder zurück. Er ließ ihn auf jedem ruhen, der glaubte noch etwas sagen zu müssen.
„Ich freue mich, dass ihr euch allesamt eingefunden habt“, begann der Abt und überblickte die Menge. Ismar hasste es, wenn die Wahrheit so leichtfertig strapaziert wurde. Aber scheinbar neigten alle Mönche dazu, für dergleichen eine Leidenschaft zu entwickeln. Zumindest klang es bei Vater Ferdinand nicht so selbstgefällig wie bei manch anderen Glaubensbrüdern.
„Danke Bruder Philipp für die Lesung heute Morgen. Geben wir uns Zeit, um die Worte sacken zu lassen.“
Ismar wurde es plötzlich heiß. Hätte er doch besser zugehört. Angestrengt versuchte er sich zu erinnern, um was es in der Lesung gegangen war.
„Wer weiß, was uns dieser Brief sagen wollte?“, fuhr der Prior nach einer kurzen Pause fort.
Erst zaghaft, dann lebhafter begann eine Diskussion über Fleiß, Ruhm und Eitelkeit. Baldemarus hielt sich aus dieser Diskussion entgegen seiner Art heraus. Allmählich begann Ismar zu dämmern, warum. Zwar konnte er sich immer noch nicht an die Lesung erinnern, aber er begriff, worauf Vater Ferdinand hinauswollte. Unruhig rutschte Ismar auf der steinernen Bank umher, und hörte mit an, wie die anderen Brüder Baldemarus verurteilten, ohne dass sie sich dessen bewusst waren. Aber auch Andere fühlten sich angesprochen und zeigten dies durch ihr Schweigen.
Vater Ferdinand ließ der Diskussion Zeit sich entfalten zu können und lenkte sie mit Zwischenfragen in die gewünschte Richtung.
„So ist es, so ist es“, sprach er langsam als die Diskussion abebbte. „Fleiß und Ehrgeiz sind jeweils ein zweischneidiges Schwert.“ Mit einem Nicken bedankte er sich für die Gedankenanstöße, der jeweiligen Redner. „Deshalb möchte ich auch eine neue Regel einführen, und mir war wichtig, dass ihr alle sie hört.“ Er sprach ganz ohne Eile und erlaubte seinen Worten Wirkung zu entfalten. „Es geschieht zu eurem Schutze, da ich euch vor der teuflischen Versuchung des falschen Ehrgeizes bewahren möchte.“
Er legte eine Pause ein und sah einen Jeden einzeln an und schloss mit einem gütigen Lächeln.
„Ihr Novizen geht des Öfteren Fehl. Dies nehme ich euch nicht böse, es ist das Vorrecht der Jugend, einen Umweg zu gehen. Aber es bedarf Strafen, um zu leiten. Sie schärfen den Charakter, den Glauben, den Geist und bisweilen übernehmt ihr dadurch wichtige oder sogar ehrvolle Aufgaben für das Kloster.“
Einigen Novizen war es zwischendurch unwohl in ihrer Haut geworden, doch nun begannen sie sich zu beruhigen.
„Ich möchte aber verhindern, dass solche Strafen den einzelnen Mönchen als Hilfe für ihre eigenen Aufgaben dienen. Darum“, er machte eine lange Pause, „erlasse ich folgende Regel: Jedem Mönch ist es gestattet, wo nötig, Strafen zu erteilen, aber er muss einen anderen Mönch benennen, bei dem der Betroffene sie absitzen muss. Damit solltet ihr vor falschem Ehrgeiz geschützt sein. Wer eine Strafe erhält, die dagegen spricht, ist sogleich von ihr befreit und stattet mir Bericht.“ Ein Raunen ging durch die Menge. Die Mönche begannen zu diskutieren. Eine solche Demütigung hatten sie lange nicht mehr erfahren. Die Novizen tauschten verwunderte und teilweise erleichterte Blicke aus.
Ismar fing einen bösen Blick von Baldemarus ein und versuchte, seine Freude zu verbergen. Er hätte nie gedacht, so gut aus dieser Angelegenheit heraus zu kommen.
Der unerwartete Besuch
Am fünften Tag ihrer Reise schlug das Wetter um und es regnete. Nach einem kräftigen Schauer gegen Mittag, wollte es gar nicht mehr aufhören. Auch an diesem Tag wartete Hönnlin vergeblich auf eine Klage von Clara. Anfangs fand sie es gar lustig. Doch gegen Abend hin fröstelte sie unter ihrem Kapuzenmantel und an den Beinen war sie nass.
„Das Schlimmste wird die Nacht, wenn wir es nicht schaffen, Feuer zu machen.“
„Oh stimmt, daran habe ich gar nicht gedacht. Dabei habe ich mich schon darauf gefreut, mich am Feuer zu wärmen.“
„Ist dir kalt?“
„Ein wenig“, gestand Clara. Für sie war das immer noch nur ein großes Abenteuer. Sie genoss es, und sehnte sich überhaupt nicht zurück ins Kloster.
„Lass uns noch eine gute Stunde weiter gehen. Solange wird es wohl noch regnen. Glaub mir, im Gehen ist der Regen weniger schlimm, als wenn wir rasten.“
„Wenn sie das sagen“, lächelte Clara. Sie hatte jede Scheu vor ihm verloren und vertraute ihm.
Sie wanderten noch geschlagene zwei Stunden bis, dass der Regen endlich abschwächte. Am späten Abend musste Hönnlin alle Register ziehen, um trotz des Regens ein Feuer zu entfachen. Für ihn war es nicht so wichtig, da es trotz des Regens noch recht mild war, aber er fürchtete, dass Clara krank würde, wenn sie sich nicht aufwärmen konnte.
Mit dem trocken eingewickelten Reisig und Blättern, die er stets für den Folgetag einpackte, schaffte er es, ein kleines Feuer zu entzünden, dem er dann vorsichtig weitere Nahrung gab. Das Feuer knisterte wild während es sich des nassen Holzes annahm. Hönnlin baute ein kleines Überdach aus Ästen, Reisig und Blättern. Clara half ihm ebenso fleißig wie fasziniert.
Erst als es dunkel wurde, hielt es ganz auf zu regnen und so gab Hönnlin Clara die Ersatzkutte, die er ihretwegen eingepackt hatte. Die nasse Kutte hängte er neben das Feuer.
Hönnlin beugte sich nach vorne, um nach dem Feuer zu sehen. „Wir sind nicht allein! Denk an das, was ich dir gesagt habe. Sieh keinem in die Augen!“
Clara war dabei sich die Hände vor dem Feuer zu reiben und hielt inne. Ihr Herz begann wild zu schlagen. Hönnlin hatte ihr so viel gesagt. Die Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Mit einiger Verzögerung merkte sie, dass sie so tun sollte, als wüsste sie von nichts und rieb sich weiter die Hände.
„So“, richtete sich Hönnlin auf. „Jetzt können wir endlich etwas kochen. Ich vergehe gleich vor Hunger.“
Clara wollte etwas antworten, doch ihr Mund brachte nichts hervor. All die Male, wo Hönnlin ihr erzählt hatte, dass so etwas passieren könnte, hatte es ihr nichts ausgemacht. Doch nun erfüllte sie Angst. All die Geschichten über die Abtrünnigen schossen ihr durch den Kopf. Einige erzählten gar sie würden andere bei lebendigem Leib essen. Schauer liefen ihr über den Rücken und lähmten sie. Fortwährend rieb sie sich die Hände und verspürte unablässig den Drang sich umdrehen zu müssen.
„Ich finde das ist das Beste am Reisen“, versuchte Hönnlin ein unauffälliges Bild abzugeben.
„Waldpilzsuppe.“ Hönnlin gab die Zutaten in den Topf mit dem noch kalten Wasser.
„Findest du nicht auch, George?“
Clara nickte stumm.
„Ich hoffe nur, dass wir Morgen mehr Glück mit dem Wetter haben.“ Hönnlin rührte im Topf und begann die Suppe abzuschmecken, ohne sich daran zu stören, dass er keine Antwort erhielt. Mit sich und der Welt zufrieden, schien er voll und ganz damit beschäftigt, sich um die Suppe zu kümmern.
Clara ärgerte sich über sich selbst und versuchte ihre Lähmung zu überwinden.
„Ich habe das Gefühl als würde ich nie mehr warm werden.“
„Nun“, lachte Hönnlin auf. „Dann bist du wohl nicht fürs Reisen geboren.“ Hönnlin gab weitere Kräuter hinzu. „Aber die Suppe wird helfen. Du wirst sehen, sie muss jetzt nur noch ziehen. Hohl schon mal die Schüsseln heraus.“
Clara stand auf und suchte im Gepäck nach Schüsseln. Es half ihr zu wissen, was sie tun sollte.
„Wie ich sehe, gibt es hier etwas zu essen?“ Der Fremde sprach französisch und sein Aussehen ließ keinen Zweifel daran, dass er ein Abtrünniger war. Seine Haare und sein Bart waren ungepflegt, seine Kleider schmutzig und verschlissen. Seine Stimme und sein Tonfall waren aber nicht unfreundlich, auch wenn seine Art eine gewisse Heimtücke nicht verstecken konnte.
„Du siehst richtig. Wenn du magst kannst du dich mit dazu setzen.“ Hönnlin ließ sich nichts anmerken. Nur Clara stand wie angewurzelt da und starrte den Mann an.
Hönnlin bot dem Fremden neben sich einen Platz an und nickte in Claras Richtung, damit sie sich setzte.
„Zu freundlich der Herr!“ Der Fremde setzte sich zu ihnen als wäre dies für ihn alltäglich.
„Aber bekommt ihr dann nicht zu wenig?“, erkundigte sich der Neuankömmling. Das Mitgefühl in seiner Stimme war wohl geübt.
„Es sollte reichen, zur Not habe ich noch einen Kanten Brot.“
Der Mann nickte nachdenklich. „Würde es euch etwas ausmachen, wenn ich meine Frau dazu rufe. Wir haben seit einer Woche nichts Richtiges mehr gegessen.“
„Nur zu, dann gebe ich noch einige Pilze hinzu.“
„Zu gütig der Herr“, nickte der Mann eifrig. Dann stand er mühsam auf. Dabei griff er sich an den schmerzenden Rücken. Er atmete zweimal schwerfällig und griff sich mit zwei Fingern in den Mund.
Ein gellender Pfiff ertönte und in einem weiten Umkreis erhoben sich die Vögel in den dunklen Himmel.
Erleichtert setzte der Mann sich wieder hin.
„Mit dem Pfiff kann man ja Tote erwecken“, scherzte Hönnlin anerkennend. Clara war nun starr vor Angst.
„Meine Frau hat schlechte Ohren“, lachte der Mann und hielt den Topf im Auge.
Hönnlin war dabei nachzufüllen. Er gab ihren ganzen Vorrat an Pilzen hinzu. „Ich möchte nicht, dass ihr nachher hungrig aufstehen müsst“, erklärte Hönnlin, als er seine weit geöffneten Augen sah. Der Topf war bis oben hin gefüllt und er musste beim Rühren Acht geben, damit er nichts verschüttete.
„Zu gütig der Herr!“ Ihm lief förmlich das Wasser im Mund zusammen und er zog sich fortwährend die Lippen in den Mund.
Eine Weile war außer dem Knistern des Feuers nichts zu hören. Dann aber hörte Hönnlin Schritte und kurze Zeit später trat eine Frau zwischen den Bäumen hervor. Aber nicht nur dort raschelte es. Auf der anderen Seite bewegten sich das Gestrüpp ebenfalls. Er hörte wie sie kurz innehielten, doch der Erste war schnell beruhigt und schritt selbstbewusst hervor. Gleich darauf traten zwei weitere Männer hervor.
„Oh, da sind aber viele hungrig“, lachte Hönnlin erheitert auf und tat als würde er die bedrohliche Spannung nicht spüren. Die Umzinglung war taktischer Natur, falls sie Beide sich hätten zur Wehr setzen wollen.
„Es sind harte Zeiten“, erklärte der Mann, der neben Hönnlin saß. Sein fixierter Blick auf den Topf verriet, dass er nicht Zeit mit Reden verlieren wollte.
„Es wird aber knapp werden“, gab sich Hönnlin besorgt.
„Keine Sorge, das wird schon reichen!“ Einer der neuangekommenen Männer trat näher und begutachtete den Topf. Seine Stimme war gebieterisch und hatte nichts für gespielte Freundlichkeit übrig. „Gib die Teller rüber. Ihr müsst nichts essen“, erklärte er, wie er es sich vorstellte.
„Mein Herr ihr seid sehr grob“, entrüstete sich Hönnlin.
„Ich bin hungrig und jetzt gib her, bevor ich mich vergesse!“
„Mathias, sei nett zu unseren Gastgebern. Sie waren auch sehr freundlich zu mir“, mischte sich der sitzende Mann ein und verteidigte Hönnlin scheinheilig.
„Dann sorg dafür, dass ich gleich was zu essen habe!“
„Ihr werdet sicher Verständnis dafür haben“, entschuldigte sich Jules für das Benehmen seines Anführers. „Es sind harte Zeiten“, wiederholte er, als wäre damit alles gerechtfertigt.
„Wohl wahr“, pflichtete Hönnlin ihm bei. „Der Herr hat mich zu euch geführt, also wird es sein Wille sein, dass ihr heute satt werdet“, nickte Hönnlin fromm und füllte eine der Schüsseln, um sie dem Mann zu reichen.
„Worauf wartet er, ich habe Hunger“, protestierte Mathias.
Hönnlin nahm Clara rasch die zweite Schüssel ab. „Verzeiht, George versteht kein Französisch.“ Er füllte die Schüssel. „Die Herren haben Hunger. Sie sind heute unsere Gäste“, erklärte Hönnlin unnötiger weise auf Deutsch. Clara nickte stumm und ließ den Blick gesenkt.
„Geht doch!“, Mathias flößte sich gleich die Suppe ein.
Auch die Anderen traten näher und Hönnlin füllte Mal um Mal die Schüsseln nach, bis dass der Topf völlig leer war.
„Er hat noch Brot“, erinnerte sich Jules.
„Er wird noch so manches haben“, gab sich Mathias zuversichtlich. „Nur her damit“, wank er in Hönnlins Richtung. „Nur keine falsche Scheu.“
„Sehr wohl“, antwortete Hönnlin kleinlaut. „Wie du meinst.“
„Das fromme Mönchspack ist heute aber ganz schön artig“, lachte Mathias selbstgefällig und wies Hönnlin an, ihre Taschen zu leeren.
Er nahm alles Essbare hervor, nur die Bücher ließ er verborgen, aus Angst, sie würden ins Feuer geworfen.
„Am besten ihr lasst gleich alles hier, auch den Esel, und seht zu, dass ihr verschwindet.“
„Der Herr gibt, der Herr nimmt“, betete Hönnlin. „Seine Wege sind unergründlich.“
„Mach, dass ich dir nicht das Leben nehme, wenn du nicht aufhörst so fromm zu quatschen.“
„Nein, das darfst du nicht!“, rief die Frau dazwischen.
„Oh, ihr und euer Aberglaube“, lachte Mathias und brummte verstimmt, da er um seinen Spaß betrogen wurde. „Heute ist euer Glückstag. Ich nehme euch eure Sachen und schenke euch euer Leben.“
„Zu gütig der Herr“, konnte es sich Hönnlin nicht verkneifen und streichelte ein letztes Mal seinen Esel. „Möge der Herr euch ein langes Leben bescheren. Er allein weiß, wie hart und entbehrungsreich euer Leben ist.“ Es war nie verkehrt Abergläubische versöhnlich zu stimmen.
„Ich weiß nicht, wie mir das schmecken soll.“ Mathias stand breitbeinig und mit verschränkten Armen da und betrachtete Hönnlin misstrauisch. „Jetzt haben wir mal Glück einen auszurauben und der tut als wäre es das Normalste auf der Welt. Das macht doch keinen Spaß.“
„Lass ihn doch. Er ist ein guter Mönch.“
„Aber sonst konnte man sich immer so schön prügeln!“
„Lenk nicht seinen Zorn auf uns!“, flehte die Frau und fürchtete sich vor irgendwelchen Zaubersprüchen oder Flüchen.
„Der Mistkerl regt sich aber nicht einmal auf.“ Mathias betrachtete die Zwei vor sich. „Nur der Knabe sieht aus, als hätte er sich in die Kutte gemacht“, lachte er auf und zwei der Männer fielen mit in sein Gelächter ein.
„Er ist fromm“, verteidigte die Frau Hönnlin. „Er wird bestimmt einmal heilig gesprochen“, hauchte sie andächtig und ihre Furcht wurde noch größer.
„Aber dann kann ich mir einen Spaß mit dem Jungen erlauben. Der wird bestimmt nicht heilig gesprochen, soviel Scheiße, wie der in der Hose hat“, grölte Mathias auf.
„Es ist seine erste Reise, seid bitte nachsichtig“, bat Hönnlin und überlegte, wie er die Aufmerksamkeit wieder auf sich lenken konnte. „Ich bin schon viel gereist und viele Male ausgeraubt worden“, erklärte Hönnlin. „Ich habe gelernt mich nicht zu wehren, wenn es keinen Sinn hat. Ich gebe euch, was ich besitze und behalte dafür mein Leben. Würde ich anders handeln, würde ich beides verlieren.“
„Da kannst du Gift drauf nehmen!“ Mathias gefiel es immer noch nicht und seine geballten Fäuste wollten sich abreagieren.
„Aber dann hältst du uns für böse.“ Der Frau wurde es noch unwohler.
„Böse Menschen rauben nicht um satt zu werden!“, erklärte Hönnlin. „Böse Menschen erheben ungerechte Steuern von Bauern, die dann hungern müssen. Sie tragen Rüstungen und nehmen sich, was sie wollen und sie töten und quälen einzig aus Vergnügen“, machte Hönnlin deutlich, dass sie bis jetzt noch keinen Fluch von ihm zu befürchten hatte.
„Mathias, du darfst ihnen nichts tun“, redete Jules, der immer noch am Feuer saß, auf ihn ein.
„Ja doch, ich habe es verstanden.“
Hönnlin senkte sein Haupt zum Abschied und zog Clara neben sich, damit sie mit ihm ging.
„Warte“, rief Mathias.
Hönnlin blieb stehen und drehte sich langsam um.
„Die Schuhe! Ich will deine Schuhe!“
Hönnlin atmete tief ein. Der wollte unbedingt mit ihm spielen.
„Wenn es sein muss“, entgegnete Hönnlin mit deutlichem Missfallen.
„Das muss es!“
Hönnlin zog seine Schuhe aus und stellte sie vor sich.
„Der Junge auch.“
„Ich bitte euch. Mir wird es nichts anhaben, aber er ist es nicht gewohnt. Es würde seinen Tod bedeuten und ohnehin sind seine Schuhe zu klein für einen von euch.“
„Mathias, bitte!“, flehte die Frau.
„Gut“, stieß Mathias gelangweilt die Luft aus. „Wenn ihr mich alle so bittet, dann lass ich es für diesmal gut sein“, gab er sich großzügig und scheuchte die Beiden fort.
Hönnlin musste Clara kräftig ziehen, damit sie mitkam. Obwohl sie nichts wie weg wollte, lähmte sie ihre Angst.
„Beruhig dich“, redete Hönnlin auf sie ein, als sie außer Hörweite waren. „Es ist nichts passiert.“
Clara antwortete nicht, aber ihr Widerstand ließ nach und er hörte wie sie weinte.
Sie gingen eine viertel Stunde bevor Hönnlin es wagte stehen zu bleiben. Clara war völlig steif und Hönnlin versuchte sie zu beruhigen. Erst als er merkte, wie allmählich mehr Leben in ihre Züge einkehrte, setzte er den Weg fort.
„Es tut mir leid. Das wird heute eine lange Nacht.“
Clara nickte, brachte aber kein Wort heraus.
„Keine Angst, die sehen wir nicht wieder.“
Nach einer weiteren viertel Stunde blieb er erneut stehen.
„Hier bist du sicher.“
Clara sah ihn mit großen Augen an. Es war längstens dunkel und die Stimmen der Nacht hatten den Wald für sich gewonnen. „Wie meinst du das?“, fragte sie ängstlich.
„Ich muss zurück unsere Sachen holen“, setzte er an.
„Lassen sie mich nicht allein.“ Sie griff nach seinem Arm. „Sie kommen nicht zurück.“
„Doch, es wird mir nichts passieren. Sie schlafen jetzt tief und fest und wir brauchen unsere Bücher und unsere Habseligkeiten.“
„Dann komme ich mit! Lassen sie mich nicht allein.“
„Unsinn, selbst die geringste Gefahr ist mir für dich zu hoch. Wenn doch einer wach ist, wird es zum Kampf kommen.“
„Mönche können aber nicht kämpfen“, schüttelte Clara den Kopf und hoffte er würde nicht zurück gehen. Sie werden sterben.“
„Auf Reisen lernt man viel“, entgegnete er. „Und ich habe ihnen einen Schlaftrank gebraut. Es muss viel schief gelaufen sein, wenn auch nur einer ein Auge aufmacht.“
„Dann nehmen sie mich mit!“
„Das möchte ich nicht. Was wenn noch andere in der Nähe waren. Ich schleiche mich an und du würdest uns beide in Gefahr bringen. Du kletterst doch so gut. Ich dachte du könntest dir hier einen Baum aussuchen und hochklettern. Dann wartest du oben in Sicherheit.“
„Aber“, setzte Clara an. „Aber ich habe Angst.“
„Ich auch, um dich. Deshalb möchte ich, dass du hier wartest.“
Clara schluckte den Klos hinunter.
„Auf dem Baum bist du sicher. Ich werde mich beeilen.“
Clara merkte, dass sie sich fügen musste. Ohnehin verspürte sie wenig Lust zurück zu gehen.
„Bei meiner Rückkehr kann es sein, dass ich dich nicht direkt finde. In der Nacht sehen alle Bäume gleich aus. Wenn du Schritte hörst, ruf auf keinen Fall nach mir und mach auch sonst keinen Lärm, der dich verrät.“
„Aber wenn ihr es doch seid und mich sonst nicht findet?“, fragte Clara ängstlich.
„Warte“, kam Hönnlin auf eine Idee. Er bückte sich und suchte auf dem Boden umher. „Hier, das sollte reichen.“ Er reichte ihr einen morschen Ast. „Nimm den mit dir hoch und brich ihn dir in kleine Stücke. Wenn du glaubst mich zu hören, werfe ein Stück hinunter. Wenn ich nicht reagiere, dann bin ich es nicht. Wirf auf keinen Fall ein zweites in kurzem Abstand.“
Clara nickte verunsichert.
„In Ordnung?“, fragte Hönnlin nach.
„Ja“, hauchte Clara. Sie schluckte. „Ja“, wiederholte sie und wollte entschlossener klingen.
„Gut, jetzt klettre hoch. Ich warte bis du sicher oben bist. Such dir eine Stelle, wo du bequem sitzen kannst. Du wirst eine Weile dort sitzen.“
Clara nickte und suchte sich einen dicken Baum aus. Trotz der Dunkelheit hatte sie keine Mühe hinauf zu gelangen. Als sie oben war konnte Hönnlin hören, wie sie den Ast gleich in Stücke brach.
Er rieb sich nachdenklich die Stirn. Auch ihm gefiel es nicht, Clara allein zurück zu lassen. Er hatte aber keine große Wahl. Der Verlust für ihn war schon beachtlich, aber wenn er Claras Vermögen nicht zurück erlangte, würde sie im Kloster vielleicht nicht eingelassen und er als Dieb verhaftet werden.
Selbst für ihn war es nicht einfach, den Weg zurück zu finden, obgleich er versucht hatte, sich markante Stellen einzuprägen. Aber aus der entgegengesetzten Richtung, war es bei Tage schon nicht einfach. Doch schließlich hatte er Glück. Von ihrem siegreichen Überfall versichert, hatten sie das Feuer geschürt. Der Schein führte ihn schließlich zu ihnen. Sie lagen allesamt um das Feuer, das munter brannte. Sie schliefen tief und fest.
Das geklaute Essen ließ er ihnen. Demonstrativ legte er es auf einen kleinen Haufen zusammen. Ihm ging es um die anderen Dinge. Er nahm die gesuchten Habseligkeiten, streichelte seinen Esel beruhigend, damit dieser still bleiben sollte, und band ihn los, damit er im Zweifelsfall schnell fortkam. Mathias, der seine Schuhe trug, zog er diese aus und stellte damit zufrieden fest, wie sein Gebräu Wirkung zeigte. Mathias gab nur ein kurzes Zucken von sich und drehte sich zur Seite, wo er sich zusammen kauerte. Hönnlin nahm seinen Spaten und zeichnete ein großes Kreuz in den Waldboden, genau dort, wo der Proviant aufgehäuft lag. Aberglaube war bisweilen sehr hilfreich und wollte gepflegt sein. Dann nahm er Laub auf den Spaten und verstreute es großzügig über die Schlafenden. Das würde ihnen einen schönen Schreck bereiten, wenn sie am Morgen aufwachten. Er betrachtete sein Werk, legte zwei gebrochene Äste ins Feuer nach und verschwand mit einem zufriedenen Lächeln in die Dunkelheit.
Die ersten Schritte waren die schwierigsten, da seine Augen noch an das Licht des Feuers gewöhnt waren. Aber er gewöhnte sich rasch an das spärliche Licht. Nur seinem Esel gefiel es nicht, ins Dunkel zu gehen, auch wenn Hönnlin schon oft das Gefühl hatte, dass er deutlich besser im Dunkeln sah als er selbst. Wohl auch deshalb ließ dessen Widerstand nach als sie den Schein des Feuers hinter sich ließen.
Nach einer Weile wurde Hönnlin aber selbst unruhig. Er erkannte keine Stelle wieder. Er wusste grob die Richtung und dass er bald bei Clara sein musste. Aber er war sich nicht ganz sicher, wo er war. Sein Esel spürte seine Unruhe und durchschnitt die Stille mit seinem Schreien.
„Dass du dummer Esel nicht still sein kannst, wenn du es sollst“, streichelte Hönnlin seinen Esel an den Wangen und hinter den Ohren, dort wo er es mochte, um ihn zu beruhigen.
Vergeblich horchte er nach einem Zeichen. Er setzte den Weg fort, blieb aber nun alle hundert Schritt stehen. Sein Gefühl sagte ihm, dass er nicht mehr weit weg sein konnte.
Nach dem fünften Halt wechselte er die Richtung und ging schräg zurück. Das wiederholte er zweimal bis er endlich etwas in einiger Entfernung fallen hörte.
Er wechselte abermals die Richtung, aber dennoch fand er Claras Baum nicht. Wer wusste wie weit sie in seine Richtung geworfen hatte und in der Nacht waren die Geräusche trügerisch.
Erst jetzt fiel ihm ein, dass er auch für sich ein Zeichen hätte vereinbaren sollen, denn er wollte sie nun ungern rufen. Wer wusste, wer in diesem Wald noch alles wach sein würde.
Er blieb stehen und wartete. Vielmehr blieb ihm nicht übrig. Das nächste Stück fiel keine zehn Meter von ihm entfernt. Nach fünfzehn Metern sah er einen dicken Baum und glaubte ihn wiederzuerkennen.
„Clara“, flüsterte er als er darunter stand.
„Bruder Johannes!“, stieß sie erleichtert aber leise hervor und kletterte hinab.
„Endlich, ich hatte so schrecklich Angst“, fiel sie ihm in die Arme.
„Es ist alles in Ordnung.“ Er fuhr ihr mitfühlend über den Kopf. Sie zitterte am ganzen Leib.
Abermals ließ der Esel ein Schreien ertönen, weil er sich freute Clara wiederzusehen und stupste sie an. Doch diesmal bekam er nichts zu fressen. Stattdessen kraulte Clara ihn hinter den Ohren. Die Zwei hatten sich rasch angefreundet, stellte Hönnlin erfreut fest.




