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Die teuersten Unternehmen der Welt 2004 vs. 2014 (Quelle: FAZ[15])
Insgesamt konstatieren wir innerhalb dieser 10 Jahre eine Bewegung von Industrie, Banken und Versicherungen sowie Rohstoffexploration hin zu IT, Pharma, Gesundheit und Nahrungsmitel, was uns nach den Betrachtungen zur Demografie noch weniger überraschen wird.
Die Weichenstellung für den weltweiten Erfolg der US-Technologiefirmen erfolgte im Mutterland des Kapitalismus bereits in den späten 1990er Jahren2. Lediglich den chinesischen Internetfirmen Tencent und Alibaba und dem südkoreanischen Unternehmen Samsung gelang es – durch nationale Industriepolitik – in den vergangenen Jahren in die Phalanx der teuersten Unternehmen einzudringen. (mehr dazu in Kapitel 6).
1.3 Positive vs. Normative Theorie
Wirtschaftspolitik basiert auf ökonomischen Kriterien und Normen, die auf Werturteilen beruhen.
Im Unterschied zu den Naturwissenschaften, den Ingenieurswissenschaften, der Mathematik und mit Abstrichen der Medizin, können Sie in den Sozialwissenschaften nicht einfach die Versuchseinstellungen variieren und zum Beispiel schauen und messen, was passiert (Konkreter: Wie werden Zielgrößen wie z.B. die Beschäftigung, Inflation, Staatsverschuldung etc. beeinflusst?), wenn Sie die Einkommensteuertarife absenken, die Körperschaftssteuer abschaffen und dafür die Mehrwertsteuer erhöhen. Daran ändert auch die Tatsache wenig, dass die Simulationstechnik, die „digitale Experimente“ mit Hilfe von Computern vornimmt, in den vergangenen Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht hat. Was praktisch immer fehlt, ist eine reale Vergleichsgruppe. Wir können damit nur ahnen bzw. prognostizieren, welche Auswirkungen eine politische Maßnahme im Zeitverlauf haben wird.
Tatsächlich hat die Anwendung von Methoden der mathematischen Statistik und Ökonometrie vor allem aufgrund gestiegener Computerrechenleistung in den beiden vergangenen Jahrzehnten stark an Bedeutung zugenommen, insbesondere dann, wenn es darum geht, Annahmen oder Politikansätze „zu beweisen“.
Normative Wirtschaftspolitik wie FinanzwissenschaftFinanzwissenschaft beschäftigt sich z.B. mit dem anzustrebenden Zustand einer Volkswirtschaft. Sie basiert somit auf Werturteilen und basiert (nicht nur in Demokratien) auf (vermuteten) Zielpräferenzen, die eine hinreichende Anzahl der Bürger bzw. Bewohner einer territorialen Einheit teilt.
Die Aussage, dass ein MindestlohnMindestlohn wichtig ist, um ein selbstbestimmtes Dasein führen zu können, ist normativ. Verinnerlichen Sie auch hier, dass dominierende bzw. weitgehend akzeptierte gesellschaftliche Werte sich im Zeitverlauf verändern.
Die positive WissenschaftFinanzwissenschaft beschreibt und untersucht Zusammenhänge, ohne Werturteile zu fällen. Eine Beispielfrage lautet im obigen Zusammenhang: Wie wirken finanzpolitische Maßnahmen wie der MindestlohnMindestlohn auf die Einkommensverteilung, den Einkommensmedian, den Gini-IndexGini-Index, etc.?

Es gibt zum Thema Mindestlohn Abertausende von Studien und inzwischen auch mehr als eine Handvoll Metastudien. Der zu verallgemeinernde Erkenntnisgewinn ist beschränkt. Während etwa die Hälfte der Studien „nachweist“, dass ein Mindestlohn einen negativen Effekt auf die Beschäftigung hat, wird diese Aussage in der verbleibenden Hälfte der Studien negiert. Je eine Hauptquelle pro „Richtung“ sind David Neumark und William Wascher „Minimum Wages and Employment: A Review of Evidence from the New Minimum Wage Research” vs. Dale Belman und Paul J. Wolfson „What does the Minimum Wage do?“
Klar ist jedoch geworden: Den eindeutigen Einfluss eines Mindestlohnes gibt es nicht. So wird ein Unternehmen, wie durch das klassische Angebots- und Nachfragediagramm für den Arbeitsmarkt suggeriert, nicht notwendigerweise weniger Arbeit nachfragen, wenn der Preis der Arbeit steigt. Relevant sind ebenfalls die Arbeitseffizienz der Mitarbeiter, die Möglichkeit, die eigenen Kosten für hergestellte Güter bzw. Dienstleistungen an Kunden weiterzugeben u.v.m.
Ergebnis „normativer Forschung“ ist üblicherweise ein Vorschlag. Hier ist sehr allgemein Vorsicht angebracht: Die vorschlagende Seite hat üblicherweise ein Interesse, ihre Pro-Argumente zu überzeichnen und Gegenargumente zu ignorieren bzw. zu diskreditieren. Das bedeutet nicht, dass es keinen intellektuellen Anstand wie in der guten alten Zeit (die übrigens nicht so gut war) mehr gibt, es genügt an dieser Stelle eine Erinnerung an die mehr als 2000 Jahre alte Frage „Cui bono?“, auf Deutsch „Wem nützt es?“, und der Hinweis, dass es in der Wirtschaft keine Monokausalität gibt. Zudem werden viele Gesetze, wie übrigens auch Autos (Stichwort Rückrufaktionen) oft schnell produziert und sie weisen somit leider ebenso oft handwerkliche Mängel auf. Das Gegenteil von gut ist oft gut gemeint.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang die enge Beziehung der Wirtschaftspolitik Finanzwissenschaftzur Rechtswissenschaft, da diese den Rahmen vorgibt, „was erlaubt ist“. Denken Sie in diesem Zusammenhang zum Beispiel an das NetzdurchdringungsgesetzNetzdurchdringungsgesetz (NETZDG) und die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) und machen Sie sich klar, dass rechtliche Aspekte bzw. Urteile die FinanzpolitikFinanzpolitik leiten können.
Der auf den ersten Blick erfolgversprechendste Weg, um herauszufinden, inwieweit Regierungshandeln die Bürger betrifft, ist selbige zu befragen. Das geschieht auch fast ständig; es werden im Stakkato Studien veröffentlicht, die aber oft Diametrales zu sagen scheinen. Dabei werden nicht selten Suggestivfragen gestellt.
Wenn Menschen ihr Verhalten beschreiben, sagen bzw. schreiben sie noch lange nicht die Wahrheit. Beachten Sie, dass Umfragen bzw. deren Ergebnisse das Verhalten vieler Menschen wiederum beeinflussen. Die Konzeption von Interviews und psychologischen Tests sowie deren Auswertung erfordern somit nicht nur viel Wissen, sondern auch Vorsicht. Um wirtschaftliches Verhalten zu studieren, werden seit den 1990er Jahren verstärkt soziale Experimente verwendet: Aber auch diese haben Grenzen; Menschen wissen fast immer, dass sie an einem Experiment teilnehmen. So ist es praktisch dauerhaft unmöglich, echte Zufallsstichproben (englisch: random sample) zu erhalten.
Exkurs: Ökonomie als Wissenschaft
Für die historisch junge Disziplin Volkswirtschaftslehre gibt es eine fast unüberschaubare Anzahl von Definitionen oder Definitionsversuchen (genau wie für die „alte Religion“). Dies ist insoweit nicht überraschend, als die drei wichtigsten ökonomischen Denker Adam Smith und Karl Marx Philosophen waren und John Maynard Keynes aus der Mathematik kam.
Eine Hauptrichtung der Volkswirtschaftslehre stellt auf sozialwissenschaftliche Aspekte ab, indem z.B. neben der Produktion ebenso auf die Verteilung Bezug genommen wird. Die in der Lehre an Hochschulen dominantere Strömung – jedenfalls für die Studenten, für die VWL nur ein Nebenfach ist – geht auf Lionel Robbins aus den frühen 1930er Jahren zurück: Ökonomie ist hier „die Wissenschaft, die das menschliche Handeln als Verhältnis zwischen Zwecken und knappen Mitteln, für die es alternative Verwendungen gibt, untersucht.“[16]Anders ausgedrückt: Ökonomie wird verkürzt auf knappe Ressourcen, die eingesetzt werden in dem Bestreben, a priori grenzenlose Begierden zu befriedigen. Beachten Sie, dass Argumentationen, die auf Knappheit beruhen, keiner Werturteile bedürfen.
Die Volkswirtschaftslehre wird klassischerweise in die Teilgebiete Mikro- und Makroökonomie unterteilt. Eine alternative „Aufteilung“ der Volkswirtschaftslehre ist die in WirtschaftstheorieWirtschaftstheorie, Wirtschaftspolitik und FinanzwissenschaftFinanzwissenschaft. An deutschen Hochschulen wird üblicherweise die Mikroökonomie zuerst gelehrt, bevor die Makroökonomie Gegenstand des Studiums wird. Der Begriff Makroökonomie ist historisch gesehen noch sehr jung; er wurde das erste Mal in den 1930er Jahren verwendet.

Es ist in der Tat immer eine Frage der Perspektive(n), wie sich einem Gegenstand wissenschaftlich genähert wird: Die SteuerwissenschaftSteuerwissenschaft als Querschnittsteilwissenschaft von Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre wird üblicherweise in die drei Teildisziplinen Finanzwissenschaftliche Steuerlehre, Steuerrechtswissenschaft und Betriebswirtschaftliche Steuerlehre unterteilt. Gelegentlich wird als vierter Bereich die Staats- bzw. Verfassungslehre genannt. Eine „trennscharfe“ Abgrenzung der einzelnen Fachwissenschaften ist dabei praktisch unmöglich.
Ökonomie ist immer auch eine historische Wissenschaft. Das kann man gut nachvollziehen, wenn man die erste und die letzte Auflage von Paul Samuelsons Buch „Economics“ nebeneinanderlegt. Samuelsons Buch, das 1948 in erster Auflage erschien, ist „die Mutter“ aller modernen VWL-Lehrbücher, d.h., dass fast alle zeitgenössischen einführenden Lehrbücher der VWL durch das Buch von Samuelson und seinen späteren Co-Autor William Nordhaus geprägt sind. Bis zu Samuelsons Tod im Jahr 2009 konnte das Werk, das immer noch überarbeitet und verlegt wird, somit auf 60 Jahre eigene Entwicklung zurückblicken. Paul Samuelson war einerseits einer der Väter der „mathematisierten“ modernen VWL, anderseits konnte er aber ein Lehrbuch schreiben, in dem nicht nur eine einfache Sprache verwendet und auf „zu komplizierte“ Mathematik verzichtet wurde und dafür die ökonomischen Fragestellungen im Vordergrund stehen.1 Auch machte er Probleme einer verkürzten Lehrbuchökonomie klar, als er formulierte: „John D. Rockefeller’s dog may receive the milk that a poor child needs to avoid rickets. Why? Because supply and demand are working badly? No. Because they are doing what they are designed to do, putting goods in the hands of those who can pay the most.”[17] Hier ist zunächst nur von Effizienz die Rede, nicht von Fairness (die von Samuelson später behandelt wird).
Unsere Art zu denken ist naturgemäß von unserer Ausbildung und den unser Studium prägenden Texten bestimmt. Sie können dies rasch verifizieren, wenn Sie über eine hinreichend große „Stichprobe“ von z.B. Juristen, Maschinenbauingenieuren, Musikern, Ökonomen und Ärzten in Ihrem Bekannten- und Freundeskreis verfügen, um festzustellen, dass jede dieser Berufsgruppen bzw. ihr Denken auf besondere Art durch das davor gelegene Fachstudium geprägt wurde. Paul Samuelson war sich der Bedeutung dessen, was er tat, sehr bewusst: So führte er bereits im Jahre 1948 aus „I don’t care who writes a nation’s laws – or crafts its advanced treatise […] if I can write its economics textkooks.”[18]
Bezüglich der ÖkonomieFinanzwissenschaft bzw. ihrer Teildisziplinen können wir kurz festhalten, dass sich diese natürlich wissenschaftlicher Methoden vor allem aus der (mathematischen) Statistik und der Optimierung bedient, dass ihr „Fundament“ aber sowohl orts- als auch zeitveränderlich ist und dass es sich um eine Sozialwissenschaft handelt. Experimente können nicht in unverändertem Versuchsaufbau wiederholt werden: Menschen können, frei nach Heraklit, immer noch nicht zweimal in denselben Fluss steigen.
Gregory Mankiw, Verfasser des in der Vorrede erwähnten Lehrbuchs der Makroökonomie, eröffnet sein Werk mit einem kommentierten Zitat von John Maynard Keynes:
„‚An economist must be ‚mathematician, historian, statesman, philosopher, in some degree…as aloof as incorruptible as an artist, yet sometimes as near to the earth as a politician.‘[…] No single statement summarizes better what it means to be an economist.”
Die angelsächsische Sicht- und Betrachtungsweise sozialer Phänomene unterscheidet sich oft fundamental von der kontinentaleuropäischen und im Speziellen der deutschen Sichtweise. Deutsche Standardlehrbücher versuchen im Allgemeinen mehr Inhalte zu transportieren bzw. Fragen anzureißen als ihre englischsprachigen Pendants: Vergleichen Sie diesbezüglich einmal die Inhaltsverzeichnisse eines beliebigen amerikanischen Standardwerkes mit Peter Bofingers Buch zur Volkswirtschaftslehre.
Rosen und Gayer beschreiben den Inhalt ihres 600 Seiten-Buches zu Public Finance (das oft, aber nichtsdestotrotz nicht korrekt, mit der deutschen Finanzwissenschaft gleichgesetzt wird) schlicht durch „This book is about taxing and spending activities of government.“ Sie werden kein deutsches Lehrbuch finden, dass sich derart „hart“ und präzise äußert. Das bedeutet übrigens nicht, dass ein Ansatz a priori besser oder schlechter ist, die Herangehensweise ist unterschiedlich.
Es lohnt in diesem Zusammenhang sich allgemein klarzumachen, dass eine jede Wissenschaft bzw. eine Teildisziplin derselben nicht statischer Natur ist, sondern dass sich ihre Untersuchungsgegenstände und die verwendeten Methoden im Laufe der Zeit verändern. Dies gilt für die Sozial- und die Naturwissenschaften. Man denke hier zum Beispiel an die Chemie, die erst durch die Untersuchungen Lavoisiers (1743-1794) zu einer exakten Wissenschaft wurde und die sich, nachdem sie den Ruf, eine „Hilfswissenschaft der Medizin“ zu sein, im späten 18. Jahrhundert abgeschüttelt hatte, erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein zweites Mal, diesmal von der Physik, „emanzipierte“. In jeder Wissenschaft gibt es, frei nach einer mehr als drei Jahrzehnte zurückliegenden Feststellung von Roger Penrose, Physiknobelpreisträger des Jahres 2020, großartige, nützliche, vorläufige und irreführende Theorien: Uns ist dabei fast nie bewußt, dass sich irreführende Theorien nicht nur über lange Zeiträume halten können (wie z.B. die „Feuerstoff“ Phlogiston-Theorie), sondern dass sie bzw.ihre Repräsentanten auch mitten unter uns sind bzw. sein müssen.
Tatsächlich fällt auch in der Mathematik oder Physik kein Resultat vom Himmel; Grundlage jeder mathematischen Theorie sind Axiome, also Aussagen, die nicht begründet werden müssen oder können und auf deren Basis sich mathematische Sätze beweisen lassen.
Wenn Sie für sich nur kurz die Namen einiger die Ökonomie prägender Geistesgrößen wie Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman aufrufen, dann sollte Ihnen sofort klarwerden, dass hinter den Gedankenwelten dieser Denker unterschiedliche Axiome bzw. Werte stehen, die im Gegensatz zur Mathematik nicht immer widerspruchsfrei sind.
Zu jeder Teildisziplin der Ökonomie Finanzwissenschaft existieren „schwere Wälzer“; die jeweils für die Komplexität ihrer Teilwissenschaft stehen und die für die „Tiefenausbildung“ verfasst wurden. Ein schönes Beispiel dafür, das man komplexe Zusammenhänge dennoch so darstellen kann, dass die Sicht auf den Wald vor lauter Bäumen nicht verloren geht, ist Walter Euckens aus weniger als 100 Textseiten bestehende Monographie aus dem Jahr 1938 „Nationalökonomie wozu“, in der Eucken seine grundlegenden Gedanken in einer einfachen und für gebildete Nichtexperten verständlichen Sprache darlegt. Wie in der Einleitung bereits erwähnt, geht Wissen auch verloren: Eucken ist der Mehrheit jüngerer Ökonomen, wenn überhaupt, nur noch im Zusammenhang mit dem Begriff Ordnungspolitik (für den es übrigens keine sinnvolle englische Übersetzung gibt!) bekannt.

Übung 1.1:
Was versteht man unter dem Begriff „Arabischer Frühling“?
Übung 1.2:
Was versteht man unter „Entsolidarisierung“?
Übung 1.3:
Recherchieren Sie die Entwicklung der Börsenwerte der Firmen
VW
Bayer
Exxon Mobil
Canon
seit dem Jahre 2000 und versuchen Sie darauf basierend, die jeweilige Entwicklung bis zum Jahre 2030 zu prognostizieren.
Übung 1.4:
Definieren Sie die Begriffe
1 Marktwirtschaft
2 soziale Marktwirtschaft
2 Demografie und Demografisierung
Tatsächlich hat in den vergangenen Jahren – nicht erst seit Ausbrechen der Flüchtlingskrise – eine Demografisierung der politischen Diskussion stattgefunden, allerdings bis jetzt mit kaum sichtbaren gesellschaftlichen Auswirkungen. Wenn Sie die aktuelle Presse bzw. andere Medien verfolgen, werden Sie zahlreiche dramatische Darstellungen des Bildungssektors, der Familienpolitik, der Langzeitarbeitslosigkeit, der Rentenproblematik, des Investitionsnotstands, der Finanzierung der Krankenkassen, der Migration aus Ländern außerhalb der EU u.v.m. vorfinden, wobei einerseits oft erschreckend simplifiziert wird und, wie bereits erwähnt, andererseits alles mit allem verbunden zu sein scheint.

In den modernen täglichen Sprachgebrauch wurde der Begriff Narrativ durch Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Shiller eingeführt.
Tatsächlich stellte aber bereits der große englische Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes fest, dass „einfache“ Menschen komplexe Themen gern durch Narrative, leicht verdauliche Miniaturtheorien, erklären. Diese nicht von diesen einfachen Menschen erdachten Theorien sind in der Tat oft interessensgeleitet à la „die Wirtschaft“ ist an billigen Arbeitskräften interessiert bzw. (vermeintlich) moralisch überfrachtet. Oft ist das Narrativ allerdings einfach „nur“ dumm.
Dass die Deutschen im Durchschnitt älter und auch größer, reicher und dicker geworden sind und über die vergangenen Generationen immer weniger Kinder bekommen haben, ist seit mindestens 40 Jahren bekannt. Ebenso ist die „Landflucht“ kein neues Phänomen. Gesellschaftliche Vorstellungen zu den daraus resultierenden Konsequenzen bezüglich eines „zeitgemäßen Lebensstils“ gibt es bisher allerdings nur in Ansätzen, diese vor allem in einigen ländlichen Räumen, die stark unter der Abwanderung junger Menschen in die Ballungszentren leiden. Diese demografischen Veränderungen verbunden mit der rasanten technischen Entwicklung, wichtigste Stichworte sind wiederum Digitalisierung Digitalisierungbzw. Digitale Transformation, sind direkt verbunden mit dem Entstehen neuer Risiken, auf die wir bisher kaum vorbereitet sind. (Konsultieren Sie hierzu z.B. die Studie der Münchener Rück „Megacities – Megarisks“ aus dem Jahre 2005).
Eine Zwangsläufigkeit der Vergreisung und des Abstiegs Deutschlands in den kommenden zwei bis vier Jahrzehnten ist im Gegensatz zur dominierenden medialen Darstellung meiner Überzeugung nach keinesfalls determiniert: Fast alle Prognoserechnungen basieren auf ceteris paribus-Bedingungen, die sich isoliert betrachtet kaum als realistisch erweisen dürften. Ferner wird, auch in den allgemein als seriös wahrgenommenen Medien, Bekanntes und Vermutetes oft durcheinandergebracht. So gehörte es bis Mitte des Jahres 2015 zum „Allgemeinwissen“, dass wir Deutschen mit 1,41 Kindern pro gebärfähiger Frau (vs. 2,1 Kinder pro Frau in Frankreich; dies entspricht ziemlich genau der Reproduktionsquote zur Bestandserhaltung einer menschlichen Population, s. weiter unten) am Ende der entwickelten Länder stehen und dass unsere akademisch gebildeten Frauen Geburten „verweigern“. Der medial bejubelte „Geburtensprung“ der letzten Jahre ändert die qualitative demografische Situation indes kaum.
Tatsächlich wissen wir nicht, wie hoch die Geburtenrate der heute lebenden jungen Frauen sein wird: Diese kann erst nach Ende ihrer gebärfähigen Jahre ermittelt werden. Ebenso sind wir, wie oft behauptet oder suggeriert, bezüglich der Geburtenrate nicht „Weltschlusslicht“ unter den entwickelten Staaten, wie ein kurzer Blick nach Singapur, Japan, Südkorea oder Taiwan zeigt. Diese hoch entwickelten asiatischen Volkswirtschaften, die bis auf Singapur keine Migrationstradition haben, sind bereits im Begriff, „zu schrumpfen“: Wir können also, wenn wir das wollen, von ihnen lernen, wie eine Gesellschaft friedlich „zurückgebaut“ werden kann.
Die Demografie bzw. das Verstehen demografischer Zusammenhänge ist ein hervorragender Ausgangspunkt, über Deutschlands Zukunft nachzudenken. Etwas im Medienstil ins Extreme versimplifiziert: Wollen wir in 30 Jahren ein Volk von 60 Millionen Menschen sein oder wollen wir durch Einwanderung das heutige Niveau von mehr als 80 Millionen Menschen halten?
Nicht nur diese beiden Extremalternativen würden unsere Gesellschaft innerhalb von ein bis zwei Generationen substanziell verändern. Gesellschaften haben sich allerdings immer verändert: Wenn es Ihnen gelingt, sich mithilfe von Filmen oder Geschichten klarzumachen, wie die west- oder gern auch die ostdeutsche Gesellschaft Mitte der 1970er bzw. Mitte der 1990er Jahre beschaffen war, und Sie diese zwei oder vier Schnappschüsse neben das heutige Deutschland legen, wird Ihnen eine ungeheure Dynamik auffallen.
Die German Angst – vergleichbare „Demografie-Diskussionen“ gibt es in unseren Nachbarländern (noch) nicht – kann durchaus zu produktivem Streit und Ergebnissen führen.

Die Demografie oder Bevölkerungswissenschaft beschäftigt sich theoretisch und statistisch mit der Entwicklung von Bevölkerungen.
Die Demografie wird in drei Hauptforschungsgebiete unterteilt:

Die Fertilität ist die Geburtenhäufigkeit bzw. die Anzahl der Lebendgeborenen innerhalb einer (Teil-)Bevölkerung in einer bestimmten Periode innerhalb eines bestimmten geografischen Raums. Die Fertilität bezieht sich im demografischen Sinne nicht auf die grundsätzliche Fortpflanzungsfähigkeit, sondern auf die tatsächlich erfolgten Geburten.

Die Mortalität bezeichnet das Verhältnis der Anzahl der Todesfälle innerhalb einer Periode zur (Gesamt-) oder (Teil-)Bevölkerung.
Fertilität und Mortalität werden über Geburtenzahlen bzw. Sterbefälle, die in sogenannten Sterbetafeln ihren Niederschlag finden, statistisch dokumentiert.
Wichtig ist hier zu verstehen, dass wir aus vergangenen „Zu- und Abgangsdaten“ die Kinderzahl der heute lebenden Frauen im gebärfähigen Alter und unsere Lebenserwartung nicht wissen, sondern nur schätzen können. Ersteres, weil viele dieser Frauen noch Kinder bekommen können. Letzteres, weil wir noch am Leben sind.

Unter Migration versteht man eine spezifische Form räumlicher Mobilität von Menschen. Herkunft und Ziel der Migranten liegen in verschiedenen Regionen eines Lands (Binnenmigration) bzw. verschiedenen Ländern (internationale Migration). Die Definition und Messung letzterer ist somit an Nationalstaaten und nicht an Kulturkreise bzw. Staatenverbünde wie die EU gebunden.
Als internationale Migranten gelten nur die Personen, die ihren Wohnsitz für eine bestimmte Mindestdauer oder für unbestimmte Zeit – eventuell für immer – ins Ausland verlegen. Damit ergeben sich unmittelbar Probleme bezüglich der internationalen Vergleichbarkeit: Die deutschen offiziellen Migrationsstatistiken erfassen z.B. bereits Ausländer mit lediglich dreimonatigem Aufenthalt, während in der Schweiz nur Personen mit mindestens zwölfmonatigem Aufenthalt als Migranten definiert werden. Einen noch anderen Weg gehen die USA: Dort können sich im Unterschied zu Deutschland Studierende und temporäre Arbeitskräfte über mehrere Jahre aufhalten, ohne offiziell als Migranten gezählt zu werden, dafür erfassen die US-amerikanischen Behörden auch illegal anwesende Personen ohne Aufenthaltsrecht. Beim Vergleich von statistischen Daten unterschiedlicher Länder kommt es somit zu Abgrenzungsproblemen und damit notwendigerweise zu Problemen der internationalen Vergleichbarkeit.




