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Abzugrenzen von der internationalen Migration ist die Binnenmigration, die ebenfalls kein neues Phänomen darstellt, aber seit einiger Zeit in den deutschen Medien vermehrt thematisiert wird: Hier handelt es sich in der Gegenwart überwiegend um Wanderungsbewegungen aus dem ländlichen bzw. kleinstädtischen Raum in die Großstädte bzw. Ballungsräume und damit praktisch um die langsame „Entvölkerung“ der ländlichen Räume, in denen die Zuzüge insbesondere junger Menschen die Abgänge (vulgo: den Tod) unterschreiten.
Diese teilweise Entvölkerung ländlicher Gebiete, die mit einem vermehrten Zuzug vor allem junger Menschen in Ballungsräume wie München, Hamburg und Berlin korrespondiert (die fast die gesamte ostdeutsche Provinz, aber beispielhaft auch Teile von Hessen, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen, Nordbayern und Nordhessen trifft) ist bei Weitem kein deutsches Phänomen, wie Sie sich exemplarisch z.B. am Zentralmassiv in Frankreich oder an weiten Teilen der baltischen Staaten klarmachen können. Ob und inwiefern die Corona-Krise diesen langjährigen Trend verlangsamt oder gar umkehrt – Argumente dafür gibt es in der Tat: Weniger Menschen im Raum, geringere Mietkosten, die Möglichkeit, weitgehend online zu studieren und in einigen Berufen auch im Homeoffice zu arbeiten – wird die Zukunft zeigen.
Diese Wanderungsbewegungen wirken nicht nur auf Individuen oder geografisch verstandene „Kollektive“, sie haben auch einen schleichenden Einfluss auf die Funktionsfähigkeit von Gebietskörperschaften: Dies bedeutet nichts anderes, als dass es mittelfristig in Frage stehen wird, inwieweit Kommunen (noch dazu technologisch „abgehängte“) oder auch kleine europäische Peripheriestaaten in der Lage sein können, ihren heutigen verfassungsgemäßen Pflichten zu genügen.
Im Folgenden werden wir uns eingehender mit Fertilität und Migration beschäftigen: Die Lebenserwartung bzw. Mortalität scheint – ohne technische Innovationen – in den vergangenen Jahren im reichen Teil der Welt und damit auch Deutschland relativ konstant zu sein. Aber Vorsicht! Dieser Wert ermittelt sich als gewichtetes Mittel von etwa 84 Jahren bei Frauen und 77 Jahren bei Männern. Wenn als Durchschnittswert der Lebenserwartung in Deutschland 81 Jahre angegeben werden, ist das mathematisch sicher korrekt, inhaltlich aber sinnlos.
Ebenso wichtig sind die Aussagen einer im Sommer 2020 von Rau und Schmertmann vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock publizierten Studie, die die Lebenserwartung in allen 402 Landkreisen Deutschlands untersucht. Dabei kamen in den Extrema Differenzen von 5 Jahren bei Männern und 4 Jahren bei Frauen zu Tage.1[19]

Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften des Jahres 2015 ging u.a. an den US-Amerikaner Angus Deaton für seine Analyse des Konsums, der Armut und des Gemeinwohls.
Nach Analyse von Kranken- und Sterbedaten wies Deaton nach, dass die Lebenserwartung und die Gesundheit weißer US-Amerikaner mittleren Alters insgesamt rückläufig sind. Dies ist besonders ausgeprägt bei US-Amerikanern mit niedriger Bildung, d.h. mit Highschool-Abschluss oder weniger. Mit Anne Case veröffentlichte Deaton im Jahr 2020 das Buch „Deaths of Despair and the Future of Capitalism“.
Auch in Japan, dem Land mit der höchsten Lebenserwartung, scheint seit etwa 10 Jahren ein Sättigungspunkt (bzw. Sättigungspunkte für Männer und Frauen) erreicht worden zu sein; die Menschen werden im statistischen Durchschnitt derzeit nicht mehr messbar älter.
Zu ethischen Problemen der technischen Lebensverlängerung sind z.B. Hararis Überlegungen in „Homo Deus“ lesenswert. Etwas „hemdsärmliger“ ist Boris Palmers Meinungsbeitrag in der Welt „Nüchterne Analyse, keine falsch verstandene Pietät“.[20]
2.1 Fertilität
Wenn über den Alterungsprozess in unserer Bevölkerung berichtet wird, fallen zumeist zwei Begriffe. Die Fertilität oder Fruchtbarkeitsrate und die durchschnittliche Lebenserwartung.
Tabelle 2.1 gibt Ihnen einen Überblick über die Fertilität im Sinne von Definition 2.2 in Europa und einigen ausgewählten entwickelten Volkswirtschaften Asiens für das Jahr 2017.
Land Fertilität Belgien 1,78 Dänemark 1,73 Deutschland 1,591 Frankreich 2,07 Italien 1,43 Lettland 1,51 Russland 1,61 Schweden 1,88 Spanien 1,49 China 1,70 Japan 1,41 Singapur 0,82 Süd-Korea 1,25 Taiwan 1,12Tab. 2.1:
Fertilitäten in ausgewählten Ländern (Quellen: CIA-Factbook 2017 und laenderdaten.de)
Wenn wir 2,1 Kinder pro Frau als groben Richtwert für das Bestandserhaltungsniveau in Mitteleuropa akzeptieren, d.h. dass sich so langfristig die Geburten und die Todesfälle ausgleichen, sehen wir, dass Frankreich das einzige Land in dieser Liste ist, in dem dieser Wert näherungsweise erreicht wird.
Tatsächlich ist aber Vorsicht geboten, eine Argumentation auf einer so verkürzten Datenbasis aufzubauen. Eine brauchbare statistische Analyse erfordert die Betrachtung der betreffenden Größe im Zeitverlauf. Dies werden Sie unmittelbar verstehen, wenn Sie versuchen, Daten zur Fertilität für einzelne Länder für z.B. 2016 oder 2018 mit den hier angegebenen Werten in Beziehung zu setzen (s. auch Selbsttestaufgaben am Ende dieses Kapitels).
Weil die Daten Stichtermin- (bzw. Kalenderjahr-)Charakter haben, können sie auch per definitionem nicht die Anzahl der Kinder heute lebender junger Frauen angeben. Ein etwas besserer, aber trotzdem unvollständiger Eindruck entwickelt sich, wenn man diese Daten um einen deutlich umfangreicheren Überblick zur Entwicklung der Geburtenzahlen weltweit ergänzt, wie in Tabelle 2.2 von 2005 bis 2017. Dabei sind die Ländernamen entsprechend ihren englischen Namen alphabetisch geordnet.
Land 2017 2013 2011 2009 2007 2005 Albanien ** 13,20 12,57 12,15 15,29 15,16 15,08 Algerien ** 22,00 24,25 16,69 16,90 17,11 17,13 Armenien ** 12,90 12,86 12,85 12,65 12,34 17,76 Österreich * 9,50 8,73 8,67 8,65 8,69 8,81 Aserbaidschan ** 15,80 17,17 17,85 17,62 17,47 20,40 Belgien * 11,30 10,00 10,06 10,15 10,29 10,48 Bulgarien * 8,70 9,07 9,32 9,51 9,62 9,66 China *** 12,30 12,25 12,29 14,00 13,45 13,14 Kroatien * 8,90 9,53 9,60 9,64 9,63 9,57 Zypern * 11,30 11,45 11,41 12,57 12,56 12,57 Tschechien * 9,30 8,55 8,70 8,83 8,96 9,07 Dänemark * 10,50 10,20 10,29 10,54 10,91 11,36 Estland * 10,10 10,38 10,45 10,37 10,17 9,91 Äthiopien ** 36,50 38,07 42,99 43,66 37,39 38,61 Europäische Union * 10,10 10,19 9,83 (2010) 9,9 10 10 Finnland * 10,70 10,36 10,37 10,38 10,42 10,50 Frankreich * 12,20 12,60 12,29 12,57 12,91 12,15 Deutschland * 8,60 8,37 8,30 8,18 8,20 8,33 Griechenland * 8,40 8,94 9,21 9,45 9,62 9,72 Hong Kong *** 8,90 7,58 7,49 7,42 7,34 7,23 Ungarn * 9,00 9,37 9,60 9,51 9,66 9,76 Italien * 8,60 8,94 9,18 8,18 8,54 8,89 Japan *** 7,70 8,23 7,31 7,64 8,10 9,47 Lettland * 9,70 9,91 9,96 9,78 9,43 9,04 Litauen * 9,90 9,36 9,29 9,11 8,87 8,62 Niederlande * 10,90 10,85 10,23 10,40 10,70 11,14 Norwegen * 12,20 10,80 10,84 10,99 11,27 11,67 Polen * 9,50 9,88 10,01 10,04 9,94 10,78 Portugal * 9,00 9,59 9,94 10,29 10,59 10,82 Rumänien * 8,90 9,40 9,55 10,53 10,67 10,70 Russland * 11,00 12,11 11,05 11,10 10,92 9,80 Saudi-Arabien ** 18,30 19,01 19,34 28,55 29,10 29,56 Serbien ** 9,00 9,15 9,19 9,19 n.a. 12,12 Singapur *** 8,60 7,91 8,50 8,82 9,17 9,49 Slowakei * 9,70 10,27 10,48 10,60 10,65 10,62 Slowenien * 8,20 8,66 8,85 8,97 9,00 8,95 Spanien * 9,20 10,14 10,66 9,72 9,98 10,10 Schweden * 12,10 10,33 10,18 10,13 10,20 10,36 Schweiz * 10,50 10,45 9,53 9,59 9,66 9,77 Süd-Korea *** 8,30 8,33 8,55 8,93 9,83 10,08 Taiwan *** 8,30 8,61 8,90 8,99 8,97 12,64 Türkei ** 15,70 17,22 17,93 18,66 16,40 16,83 Ukraine ** 10,30 9,52 9,62 9,60 9,45 10,49 Großbritannien * 12,10 12,26 12,29 10,65 10,67 10,78 Vereinigte Staaten * 12,50 13,66 13,83 13,82 14,16 14,14Tab. 2.2:
Geburten pro 1.000 Einwohner in ausgewählten Ländern (CIA Factbook und laenderdaten.de)
Legende:
* EU, Norwegen, Schweiz, Russland, USA
** EU-Anrainer im erweiterten geografischen Sinne
*** Ostasien
In der Gesamtschau ist zu konstatieren:
1 Die Geburtenanzahlen in den alten bzw. entwickelteren Ländern der Europäischen Union befinden sich überall auf niedrigem Niveau. Tatsächlich kann es aber für die Entwicklung der Altersverteilung und damit für die Zukunft eines Landes von entscheidender Bedeutung sein, ob sich die langfristige Geburtenrate z.B. bei 1,8 oder 1,5 stabilisiert.
2 Die Geburtenzahlen der ost- und südosteuropäischen Mitglieder und Anrainer der EU (z.B. Ukraine, Weißrussland, Moldawien) befinden sich auf niedrigem Niveau. Vielfach sind die ohnehin seit Jahren niedrigen Werte weiterhin gesunken, was im Grunde eine hohe Migrationsbereitschaft jüngerer Menschen signalisiert. Die Anrainer im Mittleren und Nahen Osten sowie in (Nord-)Afrika haben sehr hohe Geburtenraten. Insbesondere aus Afrika besteht, wie nicht erst seit den Flüchtlingsbootsunglücken im Mittelmeer seit dem Frühjahr 2015 bekannt, Migrationsdruck nach Europa. Dies dürfte sich mittelfristig kaum ändern. UN-Prognosen gehen aktuell von einer Vervierfachung der afrikanischen Bevölkerung bis zum Jahr 2100 aus, begleitet von einem Verlust von ca. einem Drittel der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche, wobei eher unwahrscheinlich ist, dass beide Prognosen zugleich eintreffen werden können. Interessant ist der Rückgang der Geburtenrate in Äthiopien, der zumindest teilweise mit dem in westlichen Medien vielfach geschmähten „chinesischen Neokolonialismus“ in Verbindung steht. Tatsache ist auch hier, dass Frauen, die ihr eigenes Geld verdienen (in Äthiopien zumeist in der Textilindustrie chinesischer Firmen) und damit materiell unabhängig werden, weniger Kinder bekommen.
3 Die Geburtenzahlen in den entwickelten asiatischen Gesellschaften (Japan, Singapur, Taiwan, Südkorea) befinden sich qualitativ in etwa auf deutschem Niveau und damit unter EU-Durchschnitt. Dies wird insoweit zukünftig von Bedeutung sein, als die asiatischen Länder Südkorea, Japan und China (dessen Bevölkerungsstruktur sich durch die inzwischen aufgehobene Ein-Kind-Politik, die Ende der 1970er Jahre eingeführt wurde, dramatisch verändert hat; s. Kapitel 13) sowie Deutschland zu den wichtigsten Industriestaaten der Welt zählen. Auf der anderen Seite stehen die demografisch relativ jungen USA mit niedrigen Rohstoff- und Energiepreisen und eigenen Energievorkommen (Stichwort Fracking) vor einer möglichen Reindustrialierung.
4 Nicht wirklich verstanden ist die Entwicklung der Spermien und der Zeugungsfähigkeit von Männern. In der Samenflüssigkeit der Männer der westlichen Welt befinden sich immer weniger Spermien, seit Ende der 1970er Jahre hat sich die Spermienanzahl pro Milliliter Samenflüssigkeit um etwa die Hälfte verringert.[21] Allerdings sind Faktoren wie die Beweglichkeit der Spermien und Fehlbildungen von Bedeutung; so sind Männer bei ihren Vaterschaften insgesamt deutlich älter geworden. Zu Südamerika, Asien und Afrika gibt es bisher keine statistisch eindeutigen Aussagen (vermutlich, weil die Untersuchungen zu teuer und/oder deren erwartete Ergebnisse politisch unerwünscht sind).
Beachten Sie wiederum unbedingt, dass die o.g. Daten mit Stichtagsterminen korrespondieren, für die die Geburten pro 1.000 Einwohner angegeben wurden. Auch diese Jahresangaben sind zur Analyse der allgemeinen Geburtenentwicklung nur bedingt aussagekräftig. In Osteuropa brachen z.B. die Geburtenzahlen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion dramatisch zusammen, um sich später – inklusive „Nachholeffekte“ – wieder teilweise auf niedrigem Niveau zu erholen. Sie sind allerdings für die erwähnten ceteris paribus-Betrachtungen im Sinne von „Was wird passieren, wenn es so weiter geht?“ von herausragender Bedeutung.

Vergleichen Sie die Fertilitätsraten für 2017 aus Tabelle 2.1 mit den Daten, die Statista für die EU-Staaten im Jahr 2018 zur Verfügung stellt und machen Sie Aussagen zu Kohärenz auf Plausibilität beider Datensätze.
Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/200065/umfrage/geburtenziffern-in-ausgewaehlten-laendern-europas/

Wichtige Informationen bezüglich des Geburtenverhaltens können aus der Altersverteilung bzw. vereinfacht dem Durchschnittsalter gewonnen werden, in dem Frauen ihr erstes Kind zur Welt bringen.
Werten Sie die verfügbaren Informationen aus und versuchen Sie, diese einzuordnen.
Vgl. z.B. https://www.bib.bund.de/DE/Fakten/Fakt/F20-Alter-Muetter-bei-Erstgeburt-Deutschland-West-Ost-ab-1960.html
2.2 Altersverteilungen
Die folgende „echte“ Bevölkerungpyramide – die man heute in dieser Form nur noch in sehr niedrig entwickelten Ländern wie z.B. Äthiopien findet – illustriert die Bevölkerungsverteilung im Deutschen Reich im Jahre 1910. Man kann beim Lesen vieler Medienbeiträge zum Thema Bevölkerungsverteilung oft den Eindruck nicht vermeiden, dass eine solche Verteilung, die u.a. viele junge potenzielle Arbeitskräfte und Konsumenten darstellt, wünschenswert sei.
Tatsächlich implizierte eine Pyramidenstruktur aber bei den aktuell niedrigen Geburtenzahlen direkt, dass in jeder Alterskohorte viele Vertreter durch Krankheit o.Ä. ausscheiden – etwas, das wir nicht einmal zu wünschen wagen sollten. Eine „wünschenswerte“ Verteilung bei hoher Lebenserwartung sähe somit eher einem sich leicht verjüngenden Hochhaus mit einer Spitze in den sehr hohen Jahrgängen ähnlich. Die Pyramidenstruktur der deutschen Bevölkerung im Jahre 1910 ist hauptsächlich durch die hohen Geburtenraten während der davorliegenden Jahrzehnte begründet.

Bevölkerungspyramide Deutschland 1910 (Quelle: Statistisches Bundesamt[22])
Die folgende Darstellung illustriert den Vergleich der Bevölkerungsverteilung Deutschlands aus dem Jahre 1950 sowie 2018, wobei Letztere grafisch an den oft erwähnten zerzausten Weihnachtsbaum erinnert. In beiden Darstellungen ist klar ersichtlich, dass es während des II. Weltkrieges zu einem Geburtensprung kam. Rechts ist schließlich eine Prognose (unter ceteris paribus-Annahmen, die genauestens studiert werden sollten) für das Jahr 2060 angefügt.1





