- -
- 100%
- +
„Sehen wir uns einmal?“, fragte Lukas. Er wusste noch immer nicht, ob er sie duzen oder siezen sollte.
„Wenn du Zeit hast, komme ich am Samstagnachmittag zu dir.“
„Ich freue mich und werde uns etwas Gutes zubereiten.“
Der Samstag war schön, die Sonne schien, es würde ein warmer Frühsommertag werden. Als er am frühen Vormittag von seinen Einkäufen zurückkam, rief sie ihn erneut an und fragte, ob sie schon zu Mittag kommen könne.
„Kein Problem, aber dann gibt es nichts Besonders zum Essen.“
„Dummkopf, ich esse zwar gern, aber ich komme wegen dir.“
Um Punkt zwölf hupte es unten auf der Straße. Er empfing sie an der Haustür. Sie sah gesund und strahlend jung aus. Heute trug sie ein Kleid, in dem sie sehr feminin wirkte. Sie umarmte ihn fest. Sie setzten sich auf die Terrasse unter einen Sonnenschirm, wo bereits der Tisch gedeckt war. Er stellte ein Glas Weißwein und eine Karaffe Wasser vor sie hin.
„Ich hatte beruflich eine scheußliche Woche und habe mich die ganze Zeit nur auf diesen Nachmittag gefreut.“
„Nur den Nachmittag?“
„Leider, denn um zehn Uhr muss ich zum Flughafen, um meine Tochter abzuholen.“
„Es wird Zeit, dass ich etwas über dich erfahre. Alles, was ich von dir weiß, ist, dass du Lara heißt und tatsächlich ein halbe Russin bist.“
„Aha, du hast schon Erkundigungen eingezogen. Meine Mutter ist tatsächlich Russin. Ihre Lebensgeschichte ist die einer romantischen Liebe aus der Zeit des Eisernen Vorhangs. Sie kam 1969 mit der russischen Judoauswahl in den Westen, genau gesagt zur Europameisterschaft nach Ostende. Damals herrschte in Russland noch der schreckliche Breschnew. Sie errang in Ostende eine Bronzemedaille. Mein Vater war auch dort, aber nicht als Sportler, sondern als Funktionär des österreichischen Judoverbandes. Sie lernten sich kennen, es war Liebe auf den ersten Blick, von damals bis zum heutigen Tag. Sie ging zunächst nach Russland zurück. Mein Vater besuchte sie kurz danach in Moskau. Durch die guten Beziehungen, die Kreisky damals zur Sowjetunion hatte, gelang es meinem Vater, sie in Moskau zu heiraten und mit ihr auszureisen. Die Familie meines Vaters ist sozialistisch, und wie du weißt, haben die Roten in Wien das Sagen. Seine Parteifreunde haben den beiden sehr geholfen. Ich wurde bald nach der Hochzeit geboren. Mein Name Lara, unter dem ich offen gesagt ziemlich leide, stammt aus dem unsäglichen Film Dr. Schiwago.“
„Mir gefällt Lara. Gibst du auch etwas aus deinem eigenen Leben preis?“
Sie trank einen Schluck Wein und dann einen Schluck Wasser.
„Mein Leben ist nicht so glatt und harmonisch verlaufen wie das meiner Eltern. Ich wollte es meiner Mutter gleichtun, also begann ich mit Judo. Sie trainierte mich, und ich wurde immerhin Jugendstaatsmeisterin. Dann kam der erste Freund, und Judo interessierte mich nicht mehr. Nach der Matura studierte ich Slawistik. Meine Mutter hat mich zweisprachig erzogen, und so fiel mir das Studium leicht. Ich war auch immer wieder bei meinen Verwandten in Moskau. Im vierten Semester begann ich ein Verhältnis mit einem meiner Professoren. Ich bewunderte ihn maßlos, und er nützte meine Naivität aus und verführte mich im wahrsten Sinn des Wortes. Er war über fünfzig, verheiratet und hatte zwei Kinder, die bereits älter waren als ich. Mit dem Versprechen, sich von seiner Frau zu trennen, konnte er mich eine Zeit lang hinhalten, dann wurde ich unerwartet schwanger. Sein Interesse an mir ließ plötzlich nach, er wollte von mir, dass ich abtreibe. Er gab mir Adressen und bot mir Geld an. Ich habe ein enges Verhältnis zu meinen Eltern und erzählte ihnen damals alles. Sie redeten mir zu, das Kind zu bekommen, sagten, dass sie sich über ein Enkelkind freuen würden. Es war ein Entschluss, den ich längst gefasst hatte, ich bekam Irina, sie ist ein wunderbares Kind. Für sie würde ich alles tun.“
„Was hat dein Professor dazu gesagt?“
„Während meiner Schwangerschaft versuchte ich mehrmals, ihn zu erreichen. Er hat sich nie mehr gemeldet, wahrscheinlich dachte er, die Schwierigkeiten hätten sich von selbst gelöst. Als Irina ein Jahr alt war, fuhr ich an einem Sonntag mit ihr zu seiner Villa in der Peter-Jordan-Straße, in der ich schon vorher einige Male gewesen war, um mit ihm zu schlafen, und läutete am Gartentor. Irina trug ich auf dem Arm. Eine Frau, einige Jahre älter als ich, kam und fragte mich, was ich wolle. Ich sagte, ich sei eine Studentin des Herrn Professor und müsse ihn dringend sprechen. Sie zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe, ließ mich aber ein. Im Garten kletterte ein kleiner Bub auf einem Baum herum. Hinter dem Haus saß unter einer Pergola eine kleine Gesellschaft beim Kaffee, eine bürgerliche Idylle. Als der Professor mich sah, wurde er leichenblass und stand auf.
Ich grüßte, vollständig entspannt, und sagte gut erzogen: ,Entschuldigen Sie, dass ich so unangemeldet hereinplatze, aber ich möchte Ihnen ein neues Familienmitglied vorstellen.‘
Dabei hielt ich Irina in die Höhe. Ich hatte die vollständige Aufmerksamkeit aller. ,Das ist Irina, die Tochter des Herrn Professor, und ich bin Lara, eine ehemalige Studentin von ihm.‘
Er blieb wie erstarrt stehen, der sonst so redegewandte Professor, brachte keinen Laut heraus, rang nach Luft. Die Schuld war ihm anzusehen, nicht nur sein Gesicht, auch sein Körper hatte eine gebrochene Haltung angenommen. Eine elegante Dame, wahrscheinlich seine Frau, sprang auf und rannte schluchzend ins Haus.
Ich sagte zur Kleinen: ,Schau, da ist dein Papa‘, und zeigt auf ihn. Sie schenkte ihm tatsächlich ein Lächeln. Dann drehte ich mich um und verließ die illustre Runde. Die junge Frau, die mich hereingelassen hatte, begleitete mich zum Tor. Ich konnte nicht anders, ich musste lachen, und sie lachte mit: ,Das war doch wie in einem Theaterstück von Schnitzler.‘ Sie tätschelte Irinas Wange und sagte: ,Du bist vielleicht eine süße kleine Schwester! Es war nett, dich kennenzulernen.‘ Zu mir sagte sie: ,Ich hoffe, es geht Ihnen gut. Wenn es Probleme gibt, wenden Sie sich an mich. Hoffentlich schröpfen Sie den alten Gauner ordentlich. Ich würde gerne mit Ihnen in Verbindung bleiben.“
„Und, ist eine Verbindung zustande gekommen?“, fragte Lukas.
„Nein, ich habe mich nie gemeldet. Sie versuchte zwar mehrmals, mit mir Kontakt aufzunehmen, doch ich wollte mit der Familie nichts mehr zu tun haben. Unser Anwalt hat sich mit den legistischen Problemen befasst. Der Herr Professor hat die Vaterschaft bestätigt und zahlt angemessen, bis Irina ihr Studium vollendet hat. Auch ihren Pflichtteil vom Erbe wird sie bekommen.“
Lukas war es, als ob er die ganze Geschichte schon einmal gehört hätte. Unsinn, das konnte nicht sein. Wahrscheinlich hatte er irgendwo eine ähnliche Geschichte gelesen.
„Du bist eine beachtenswerte Frau.“ Er beugte sich vor und küsste sie auf den Mund. „Jetzt gibt es was zu essen, und nach dem Essen erzählst du mir noch etwas von dir.“
Er verschwand in der Küche und kam mit einer Schüssel zurück.
„Es gibt Boeuf Bourgignon mit Knödeln aus dem Tiefkühlschrank, aber alles selbst gemacht. Dazu aber keinen Burgunder, sondern ein Bier.“
Beide aßen die französisch-österreichische Kombination mit großem Appetit. Danach räumte er das Geschirr ab, sie legten sich in die Liegestühle und schlossen behaglich die Augen. Die Sonne schien, und beide reckten ihr die Gesichter entgegen. Sie dösten etwa eine Stunde, dann stand Lukas auf und brachte den Kaffee.
„Ich bin gespannt auf die Fortsetzung.“
„Meine Lebensbeichte also. Ich weiß nicht, warum ich dir das alles erzähle, aber sei’s drum. Kurzversion: Slawistik fertig studiert, Jobsuche, Arbeit als Übersetzerin bei der Polizei bekommen, Gefallen an der Polizeiarbeit gefunden, Aufnahme. Heuer bin ich vierzig geworden. Ich bin nun seit zwölf Jahren bei der Truppe. Mit meinem Judo habe ich mir unter den Kollegen Respekt verschafft. Anfangs waren die sexistischen Bemerkungen noch sehr zahlreich. Als mir dann ein Vorgesetzter auf den Hintern griff, packte ich ihn mit einem Judogriff und warf in die Ecke des Wachzimmers. Dann ging ich ihm an die Gurgel und fixierte ihn. Ich sagte nichts, zeigte ihn aber auch nicht an. Von da an hatte ich Ruhe.“
„Freunde? Beziehungen?“
„Dafür kennen wir uns nicht gut genug. Erzähl mir lieber etwas von dir.“
„Gern, aber erst nachher.“
„Nach was?“
„Nachdem wir miteinander geschlafen haben.“
Er zog sie aus dem Liegestuhl und führte sie, die eine fürchterliche Müdigkeit vortäuschte und sich auf seine Schulter hängte, in sein Schlafzimmer.
„Du hast heute das Bett gemacht?“
„Du elende Schnüfflerin, du hast das letzte Mal nachgeschaut.“
Er gab ihr einen Stoß, der sie auf das Bett warf. Sie führten Schaukämpfe auf und balgten sich wie Kinder. Plötzlich schrie sie auf.
„Mein Kleid.“
„Weg damit.“ Er riss es ihr förmlich vom Körper. Sein Hemd und sein Hose waren rasch abgestreift. Sie hörten auf, sich herumzubalgen, denn sie verspürten die Glätte ihrer Körper, die Sanftheit der Haut. Sie berührten sich zart, und er verfolgte mit seinen Fingern die geschwungenen Kurven ihres Körpers, sie glitt mit ihren Händen von den Schultern über seinen Rücken bis zu seinem Gesäß. Aus der Zärtlichkeit wuchs Leidenschaft. Sie kannten sich nun schon ein wenig, und so verlief ihre Vereinigung noch harmonischer als beim ersten Mal. Es waren die noch ungestillte Neugier, die zu Beginn einer sexuellen Beziehung besteht, und die Erfahrung, die beide mitbrachten, die ihre Begegnung perfekt machten. Das gelingt wohl nur dann, wenn man den Akt nicht allein als Selbstbefriedung, sondern als Befriedigung des Partners ansieht. Die Lust, die man selbst dabei erfährt, wenn man die Lust wahrnimmt, die man dem Partner bereitet.
„So jung und schon so erfahren. Mit einem Mann wie dir zu schlafen tut einer Frau gut. Manchmal brausen die Männer über eine Frau wie ein Expresszug drüber und wollen danach auch noch als gute Liebhaber gelobt werden.“
„Von Marie in Paris habe ich nicht nur Kochen gelernt.“
„Was hat dein Vater dazu gesagt?“
„Er hat es geahnt. Wir haben nie darüber gesprochen. Übrigens, er und Marie werden demnächst heiraten.“
„Ihr habt euch Marie geteilt?“
„Umgekehrt, sie hat uns beide erhört. Es war ein Vorzug, den sie uns gewährt hat.“
„Da denk ich mir, ich habe merkwürdige Familienverhältnisse, aber das ist gar nichts gegen deine. Eine Frau, die Mutterersatz, Erzieherin und Geliebte ist. Wie lange ging das so?“
„Bis zu meinem siebzehnten Lebensjahr, dann machte sie Schluss.“
„Wo hast du studiert?“
„Ich habe in Frankreich mit dem Studium der Rechte begonnen, bin aber dann nach Wien gegangen.“
„Warum?“
„Das ist eine Geschichte, über die ich noch nicht mit dir sprechen möchte, vielleicht später einmal.“
Sie sah auf die Uhr, es war Zeit für sie, zum Flughafen zu fahren. Sie sprachen nicht mehr viel. Er begleitete sie zum Auto und gab ihr einen zärtlichen Kuss. Sie winkte ihm beim Wegfahren durch das offene Fenster zu.
Eine ernst zu nehmende Drohung
Die interne Untersuchung war abgeschlossen. Da Lara für ihn ausgesagt hatte, wurde sein Verhalten als korrekt befunden, er wurde sogar belobigt. Aber da war noch etwas anderes. Dimitri Kabakow hatte die Polizei klagen wollen, weil er aus dem Hinterhalt angeschossen worden sei. Er war damit beim Staatsanwalt abgeblitzt, denn der hatte sich auf den Bericht der Untersuchungskommission berufen. Kabakow hatte einen Tobsuchtsanfall bekommen und Rache geschworen. Lara sprach mit Lukas darüber.
„Beim letzten Verhör sagte er mir unter vier Augen, dass dieser heimtückische Polizist, der ihn angeschossen habe, bei seinen Streifen aufpassen solle. Er könne leicht stürzen. Ich habe dieses Gespräch sofort protokolliert.“
„Ist das ernst gemeint?“
„Ja schon, aber noch weiß er nicht, wer du bist.“
„Ich gehe davon aus, dass er das bald erfährt.“
„Sieh dich vor. Er selbst wird sicher für mindestens fünfzehn Jahre hinter Gefängnismauern verschwinden, aber er hat viele Freunde. Und nach der Verbüßung seiner Strafe besteht für ihn die Gefahr, nach Russland ausgeliefert zu werden, denn er hat auch dort Menschen getötet.“
„Was wird ihm eigentlich in Österreich alles vorgeworfen?“
„Als der Boden ihm in Russland zu heiß wurde, flüchtete er nach Wien und stellte einen Asylantrag. Und er bekam Asyl – aus politischen Gründen, er ist ja Tschetschene. Hier verkehrte er in Zuhälterkreisen. Wir vermuten, dass er einer großen Organisation angehört, die Menschenhandel und Prostitution betreibt, ihren Sitz hier in Wien hat und seit ein paar Jahren die Szene beherrscht. Äußerst gefährliche Leute. Sie beseitigen ihre Konkurrenz mit unglaublicher Brutalität. Wir nehmen an, dass es eine oder zwei Personen gibt, die man als Köpfe der Bande bezeichnen kann, die zu finden wir uns seit zwei Jahren aber vergeblich bemühen. Nach unserem Ermittlungsstand ist Kabakow einer ihrer wichtigsten Lieferanten für russische und ukrainische Mädchen. Bisher haben wir nur kleine Zuhälter greifen können, Kabakow ist bislang der größte Fisch, den wir an Land gezogen haben. Er ist der Mann fürs Grobe, schüchtert Konkurrenten und säumige Zahler ein, verprügelt und verstümmelt unwillige Mädchen. Dazu kommen die verbrannten Körper zweier Frauen, die auf Äckern in Niederösterreich und in der Steiermark gefunden wurden. Wir konnten sie erst vor Kurzem identifizieren. Beide waren registrierte Prostituierte aus der Ukraine, die in Bordellen in Wien arbeiteten, die vermutlich zu dieser Organisation gehören. Wir sind sicher, dass er bei diesen zwei Morden seine Hände im Spiel hatte, was er aber abstreitet.“
„Das ist also deine Haupttätigkeit.“
„Ja, deswegen wurde die SOKO gegründet, die ich leite und bei der ich dich dabeihaben möchte. Ich muss aber erst darum ansuchen.“
„Das wäre sicher etwas für mich, aber ich bin schon für die nächsten Dienste eingeteilt.“
„Ich werde meinen Vater bitten, seinen Einfluss geltend zu machen. Er hat noch viele Freunde bei der Polizei. So ist es nun einmal in Österreich.“
„Ich werde jedenfalls einen Versetzungsantrag stellen.“
„Mach das. Sehen wir uns wieder einmal?“
„Heute Abend?“
„Gut, warum nicht einmal unter der Woche? Es geht aber nur bei dir, meine Tochter ist wieder daheim, und sie muss nicht wissen, dass ich mit so einem Jüngling ein Verhältnis habe.“
„Der Jüngling wird demnächst fünfundzwanzig Jahre alt.“
„Ja, aber seine mütterliche Freundin ist bereits vierzig.“
Einige Tage später meldete sich Lara mit unangenehmen Neuigkeiten.
„Ich habe einen Informanten in der Rotlichtszene. Der hat mir mitgeteilt, es gäbe ein Gerücht, dass ein heikler Auftrag zu vergeben sei. Man suche jemanden, habe aber noch niemanden gefunden, der dafür bereit sei.“
„Meinst du, dass ich damit gemeint bin? Und wenn sich hier keiner findet, könnte man dafür auch jemanden aus dem Ausland anheuern?“
„Kann sein. Ich hoffe zwar, dass es nicht so ist, denn ich möchte dich nicht verlieren, aber ich fürchte, man muss es in Betracht ziehen. Vielleicht wollen sie dir nur einen Denkzettel verpassen. Dich anschießen oder verprügeln.“
„Was soll ich machen?“
„Einfach aufpassen, jede Situation prüfen, keine Unüberlegtheiten. Immer daran denken, dass eine Falle lauern könnte. Trag bei Einsätzen im Außendienst eine schusssichere Weste, auch wenn es zurzeit sehr warm ist.“
„Und wie lange?“
„Kann ich dir nicht sagen, vielleicht beruhigt sich Kabakow. Sollte es wirklich zu einem Angriff auf dich kommen, werden wir ihn massiv unter Druck setzen. Einzelhaft, verschärfte allgemeine Haftbedingungen und eine Erhöhung des Strafausmaßes. Jedenfalls: Geh nur mit erfahrenen Partnern auf Streife. Besprich das auch mit deinem Kommandanten.“
„Ich fahre in zwei Wochen nach Paris, mein Vater und Marie heiraten.“
„Wunderbar, sei aber vorsichtig bis dahin. Wenn du zurückkommst, ist die Gefahr vielleicht schon vorbei. Vielleicht kommt Kabakow zur Besinnung.“
Die Hochzeit
Die zwei Wochen vergingen ohne Zwischenfälle. Paris empfing Lukas mit herrlichem Wetter, die Bäume blühten, die Boulevards waren voller Menschen, und er genoss es, wieder hier zu sein. Er rannte die Treppen zur Wohnung seines Vaters hinauf und läutete stürmisch. Marie öffnete ihm. Sie umarmte ihn, und ihr kamen die Tränen.
„Mon chou, mon petit chou. Maintenant tu es devenu un homme.“
Auch Lukas bekam feuchte Augen. Diese Frau war seine eigentliche Mutter, sie hatte ihn in seiner Kindheit getröstet, seine aufgeschlagenen Knie versorgt, ihm aus Büchern vorgelesen und ihm Wärme und Geborgenheit gegeben. Die vielen Geschichten, die sie ihm erzählt hatte, hatte er bewahrt und würde sie seinen Kindern weitergeben. Bei aller Wertschätzung und Liebe, die er heute seiner leiblichen Mutter gegenüber hegte, war ihm Marie mehr, sie war ihm näher, vertrauter. Zwischen seiner Mutter und ihm herrschte immer eine kleine, aber unüberbrückbare Distanz. Auch wenn sie sich umarmten. Sie war durchaus keine kaltherzige Frau oder Egoistin, das wusste er jetzt, wo er mit ihr unter einem Dach wohnte. Aber sie lebten beide ein getrenntes Leben, obwohl sie mindesten einmal pro Woche zusammen speisten, wenn sie in Wien war. Sie stellte ihm ihre Freunde vor, und er nahm an ihren, wie er es nannte, intellektuellen Abenden teil. Er hatte ihr viel zu verdanken. Sie hatte dafür gesorgt, dass er die richtigen Bücher in die Hand bekommen hatte, ins Theater ging und Konzerte besuchte. Er verdankte ihr seine österreichische Identität.
Sein Vater kam ihm mit offenen Armen entgegen, sie hatten sich seit mehr als einem Jahr nicht gesehen. Er war kaum älter geworden, sein Haar vielleicht eine Spur grauer, aber sein Gang und seine Bewegungen zeigten, dass er noch immer fit war. Auch in seinen Augen schimmerten Tränen.
Den folgenden Tag verbrachte er mit seinem Vater. Sie gingen am Montmartre spazieren, saßen in kleinen Bistros in St. Germain des Prés. Sie erzählten sich, was in der Zwischenzeit passiert war und was sie in Zukunft machen wollten. Ihr Verhältnis war immer sehr eng gewesen, eher wie zwei Freunde als Vater und Sohn.
Am nächsten Tag fuhren sie in den Westen der Stadt, in den Bois de Boulogne, der mit einer Größe von fast neun Quadratkilometern einer der größten Stadtparks der Welt ist. Sie wollten ein wenig Parkour trainieren. Sie begannen mit Dehnungsübungen. Liefen eine lockere Runde, bis sie ausreichend aufgewärmt waren. Balancierten auf Mauern und Stangen, um ihr Gleichgewichtsgefühl zu trainieren. Übten nach höheren Sprüngen verschiedene Landetechniken und die Roulade, die Rolle über die Schulter, eine der wichtigsten Bewegungen beim Parkour. Dann folgten Passe muraille, die Überwindung einer Mauer, Armsprünge und Tic-Tacs. Sie stießen sich zwischen eng stehenden Mauern abwechselnd links und rechts ab, um an Höhe zu gewinnen, und landeten mit einem Präzisionssprung wieder auf dem Boden.
Lukas war erstaunt, wie beweglich sein Vater noch war. Nur bei Fallübungen hielt er sich zurück, meinte, er wolle seine Kniegelenke schonen. Zum Abschluss liefen sie noch eine Runde und beendeten das Training mit Stretching. Lukas machte seinem Vater über seinen physischen Zustand Komplimente. Dieser gab ihm die Komplimente zurück und ließ sich von ihm detailliert erzählen, wie er bei dem Einsatz in Wien die Hausfassade überwunden hatte.
Die Hochzeit fand in einem kleinen Schloss in Fontainebleau statt. Viele Freunde des Paares waren gekommen. Auch jüngere Leute in Lukas’ Alter waren dabei. Es machte ihm Spaß, wieder in sein französisches Leben einzutauchen, er unterhielt sich blendend und erneuerte halb vergessene Bekanntschaften. Alle waren erstaunt, als sie hörten, dass er ein Flic geworden war.
An der Hochzeitstafel saß Lukas neben Marie, an seiner anderen Seite eine arrogant wirkende, sehr schöne Dame, die die Runde mit überlegen wirkenden Blicken bedachte. Sie wurde ihm als eine entfernte Verwandte von Marie vorgestellt und erinnerte ihn ein wenig an Catherine Deneuve. Höflich wandte er sich ihr zu und versuchte, Konversation zu machen, wurde aber mit einigen glatten Redewendungen abgespeist. So sprach er mit den ihm gegenübersitzenden Gästen, einem gut genährten, lustigen Ehepaar, das ebenfalls mit Marie verwandt zu sein schien. Man trank sich eifrig zu. Lukas war der Alkohol bereits ein wenig in den Kopf gestiegen. Plötzlich ritt ihn der Teufel, er ging auf die Bühne, nahm ein Mikrofon in die Hand und begann mit einer Rede. Er beschrieb das Leben seines Vaters, der als junger Student eine Studentenzeitung herausgegeben hatte, sein Rechtsstudium zwar erfolgreich beendet hatte, aber nie ein reicher Rechtsanwalt geworden war, weil er schon bei seinen ersten Klienten mit den Nöten seiner Mitmenschen in Berührung gekommen war. Der dann für ein Journal arbeitete und am Schreiben so Gefallen fand, dass er die Juristerei sein ließ. Der sich mit dem Chef seiner Zeitung zerstritt und als selbstständiger Journalist weitermachte und sein Leben in den Krisenregionen der Welt verbrachte. Diese Lebensbeschreibung wurde für sehr amüsant befunden, und die ganze Gesellschaft lachte mehrere Male.
„Glücklicherweise kam er dabei auch einmal nach Wien, wo er meine Mutter kennenlernte. Sie war eine junge Frau aus bürgerlichem Hause, die bereits damals mit ihrer akademischen Karriere beschäftigt war und mit meinem Vater ein Verhältnis begann. Da beide von Verhütung offenbar noch nie etwas gehört hatten, geschah das Malheur, ich war plötzlich unterwegs. Quoi faire? Gott sei Dank ist Mutter katholisch, und mein Vater fand an der Vorstellung, ein Ebenbild zu haben, Gefallen, also freute man sich und bekam mich. Sie zeigten schon damals, was für moderne Menschen sie waren, denn sie zogen es vor, nicht zu heirateten. Was aber sollte man mit mir machen? Vater musste dringend immer wieder zu einem neuen Kriegsschauplatz, und Mutter wollte mich nicht in die Vorlesungen mitnehmen, so blieb ich zunächst bei meiner Wiener Großmutter. Vater erschien periodisch und hatte, wie man mir berichtete, große Freude mit mir. Er wollte mich aber unbedingt in Paris haben, und so suchte er eine Kinderfrau für mich, der inzwischen schon sechs Jahre alt geworden war. Er fand Marie, die wie Becassine aus der Bretagne gekommen war und mich wie ein eigenes Kind annahm. Sie war aber nicht so naiv wie Becassine und arrangierte sich bald mit den Lebensverhältnissen in La Capital. So kam es zu dem Arrangement, dass ich im Sommer zu Mutter nach Österreich fuhr, aber die ganze Schulzeit in Paris verbrachte. Marie verdanke ich unendlich viel, ich kann und will es an dieser Stelle nicht aufzählen. Ich freue mich wie keiner hier, dass die beiden mir am nahestehendsten Menschen zusammengefunden haben. Ich wünsche ihnen eine lange und glückliche Lebensgemeinschaft.“
Lauter Applaus folgte, die beiden frischgebackenen Eheleute waren von seiner Ansprache gerührt und dankten ihm. Nach dem Essen wurde getanzt, und die Stimmung begann ausgelassen zu werden. Lukas trat auf die Terrasse und blickte in den Garten des Schlosses.
„Sie sind ein Flic?“
Er drehte sich um. Neben ihm stand eine elegante junge Frau mit aristokratischen Zügen. Sie hatte schwarzes Haar und dunkelblaue Augen.
„Ich bin Charlotte, eine Nichte der Braut, auch eine Becassine. Ihre Ansprache hat mir gut gefallen. Wie lebt es sich in Wien?“
„Wien ist so anders als Paris, es ist im Vergleich dazu eine Kleinstadt, die aber das hat, was vielen heutigen Großstädten fehlt – gewachsene Kultur und Identität. Wien hat sich einigermaßen erfolgreich gegen die gesichtslose Modernisierung gewehrt, die in anderen Metropolen erfolgt ist. Auf eine liebenswerte Art ist man borniert, damit meine ich, dass die Wiener glauben, dass alles, was sie brauchen, ohnehin innerhalb ihrer Stadtgrenzen zu finden sei. Damit gibt man sich zufrieden. Deswegen gilt der Wiener im übrigen Österreich als etwas überheblich, aber im Ausland ist er ein wenig unsicher, hat fast Komplexe, denn dort ist er gezwungen, sich mit anderen Umständen abzufinden, und muss feststellen, dass es auch anderswo schön ist und vielleicht sogar mehr los ist. Um sein Selbstbewusstsein zu erhalten, versucht der Wiener unentwegt, die Einrichtungen und Lebensbedingungen des Auslands mit denen in Wien zu vergleichen, und kommt dabei unweigerlich zu dem Schluss, dass in seiner Stadt ohnehin alles besser ist. Man hinkt den raschen Änderungen der Welt etwas hinterher, vermeidet dadurch aber auch Fehler, die andere machen. Aber Wien ist auf alle Fälle eine Stadt, in der man gut leben kann. Ich bin gern dort.“




