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Umgekehrt konnte Han Li, der gleichzeitig Arzt war, Julia Winter in dieser Funktion ersetzen. Er selbst war in der Lage, die Aufgaben von Gregori Danilov zu übernehmen, was natürlich auch umgekehrt galt. Schließlich konnte Erik darüber hinaus zur Not noch die Aufgaben von Louis Vargas übernehmen, da er Astronomie und Geologie studiert hatte. Und jeder von ihnen, also alle fünf Astronauten, waren darin unterwiesen worden, die PROMETHEUS und den Mars-Lander zu steuern, sodass selbst, wenn alle Stricke reißen sollten, ein einzelner Überlebender vom Mars zurückkehren konnte. Daran mochte Erik allerdings gar nicht denken, obwohl die Einsatzleitung diese allerletzte Möglichkeit mit sichtlichem Stolz verkündet hatte.
Das Schnarren seiner Armbanduhr ließ Erik von seiner Liege in der ISS hochfahren. Er hatte die Uhr gestellt, um sich vor der letzten Einsatzbesprechung vor Abflug der PROMETHEUS noch etwa frisch zu machen, falls er einschlafen sollte. So aber hatte er nur gedöst und sein Geist hatte in der Vergangenheit verweilt. Laut seiner Digitalanzeige blieb ihm noch eine gute Stunde bis zur letzten Einsatzbesprechung. Er fühlte sich zwar etwas abgespannt, doch nicht so müde, dass er einzuschlafen drohte. Deswegen blieb er liegen, genoss die Schwerelosigkeit und sträubte sich nicht, als seine Erinnerungen ihn wieder in die Vergangenheit zogen, damals, als er Julia Winter zum ersten Mal begegnete.
Er traf die Deutsche zum ersten Mal im Casino des Astronautentrainings-lagers in Houston, einen Tag nach seinem Gespräch mit Pullok. Da das Training für die Besatzung der PROMETHEUS tags darauf beginnen sollte, war er nicht überrascht, sie beim Mittagessen im Casino anzutreffen. Schon eher überrascht war er, als er Gregori in einer Ecke des Raumes beim Schachspiel entdeckte. Der Russe hatte nämlich die Angewohnheit, erst auf den letzten Drücker zu erscheinen. Von Louis Vargas und Han Li fehlte noch jede Spur. Erik war sich für einen Augenblick unschlüssig, wen von seiner Mannschaft er zuerst begrüßen sollte. Da Julia Winter noch beim Essen war, entschied er sich für Gregori.
Er schlenderte auf die Ecke zu, in der der Russe über seinem Schachspiel brütete, und sagte leise: „Hallo Greg, lässt du dich schon wieder von deinem Schachcomputer zur Schnecke machen?“ Gregori gab einen unwirschen Laut von sich und blickte zornig von seinem Schachbrett hoch. Als er Erik erkannte, verzog sich sein Gesicht zu etwas, was er wohl für ein Grinsen hielt, und brummte: „Ich staune, dass du dich überhaupt schon auf den Beinen halten kannst, bei der ungewohnten Schwerkraft.“ „Wahrscheinlich schaffe ich das besser als du“, griff Erik den flapsigen Ton seines Freundes auf, „schließlich war ich zwei Wochen in Florida beim Schwimmen, ehe ich hierher nach Houston flog. Und du, was hast du so getrieben, seit wir vor 3 Wochen von der ISS gelandet sind?“ „Familie“, antwortete der Russe in einer Art betrübten Stolzes, „ich habe selbstverständlich die ganzen 3 Wochen bei meiner Familie in Petersburg zugebracht. Bewegung im Wasser mag zwar gut sein für geschwächte Muskeln, doch Familienaktivitäten sind da wesentlich effektiver, wenn auch strapaziöser. Na, gestern konnte ich mich dann schließlich hierher nach Houston absetzen, doch morgen werde ich das vermutlich schon wieder bereuen, denn dann beginnt die Schinderei beim Training und das bei unseren schlaffen, vom Weltraum geschädigten Muskeln.“ „Wird schon nicht so schlimm werden, das haben wir ja schon oft überstanden“, meinte Erik tröstend. Dann nickte er mit dem Kopf in Richtung Julia Winter und fragte gedämpft: „Hast du dich schon mit unserer neuen Kollegin bekannt gemacht?“ „Nein, sie hat noch bis vor Kurzem gegessen, da wollte ich nicht stören. Entwickelt einen ganz schönen Appetit, das Mädel, hat das ganze Menü samt Nachtisch weggeputzt“, meinte der Russe. „Geh du schon mal vor, ich komme nach, sobald ich meinen Computer vernichtend geschlagen habe.“ „Das kann dauern“, brummte Erik und machte sich auf den Weg.
Erik ging zögernd auf den Tisch zu, an dem Julia Winter saß. Die junge Frau blätterte in einer Zeitschrift, während sich neben ihr das schmutzige Geschirr stapelte. Die Kantine wurde zur der Zeit nur von wenigen Leuten besucht, doch es kam Erik so vor, als ob alle Anwesenden ihn anstarrten, während er sich der hübschen blonden Frau näherte. Aufatmend kam er vor ihrem Tisch an, räusperte sich und sagte: „Miss Winter, wenn ich mich nicht irre?“ Die junge Frau blickte von ihrer Zeitschrift rasch auf und musterte ihn aus blitzenden blauen Augen, wie man ein störendes Insekt mustert. Als sie das Astronautenembleme auf seiner Uniform bemerkte, wurde ihr Gesichtsaus-druck eine Nuance freundlicher und sie erwiderte: „Erik Barnard, wenn ich mich nicht irre?“
Da haben wir’s, dachte Erik verärgert, kaum angekommen, äfft sie mich nach und macht sich über mich lustig. Aber geschieht mir ganz recht, meine Anrede war auch zu dämlich. In seiner Verlegenheit streckte er ihr die Hand entgegen und stotterte: „Freut, freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Miss Winter.“
Sie stand in einer einzigen fließenden Bewegung auf und reichte ihm die Hand. Die Leichtigkeit, mit der sie sich und ihre atemberaubende Figur bewegte, versetzte ihm einen Stich in der Herzgegend und vor seinem inneren Auge tauchte eine antike Gestalt auf: Aphrodite, wie sie, angeblich schaumgeboren, vor den Gestaden Zyperns dem Meer entstiegen sei. Er konnte nicht anders, er starrte sie unverwandt an und ihm wurde schmerzlich bewusst, dass sie noch viel schöner war als auf ihren Fotos. Als das Ganze peinlich zu werden begann, verzogen sich ihre Lippen zu einem ironischen Lächeln und sie sagte: „Wollen Sie sich nicht setzen?“
Erik gelang es, sich irgendwie in den Stuhl zu zwängen, auf den sie gedeutet hatte. Verzweifelt versuchte er, sein inneres Gleichgewicht wiederzufinden, und die ersten Worte einer Konversation musste er sich förmlich abringen. „Hatten Sie einen guten Flug?“, begann er. „Der Flug zog sich hin“, erklärte sie bereitwillig. „Ich musste in New York umsteigen und der Anschlussflug hatte Verspätung. Außerdem macht mir die Zeitumstellung zu schaffen.“ Er schwieg, denn außer einem Kopfschütteln und einem Laut des Mitgefühls fiel ihm nichts ein. Als sich die Stille zwischen ihnen unangenehm in die Länge zog, ergriff sie die Initiative. „Ich habe Sie mir ganz anders vorgestellt – ich meine Ihre Größe. Bisher habe ich nur das Bild in Ihrer Akte zu Gesicht bekommen und da wirkten Sie kleiner als in Natura. Ist es nicht so, dass Raumfahrer eine gewisse Größe nicht überschreiten sollten, schon wegen des Gewichtes und der Enge in den Raumfahrzeugen?“
„Im Allgemeinen stimmt das schon, ich bin mit meinen Eins-neunzig eigentlich zu groß für einen Raumfahrer, doch bei meiner Einstellung hat man eine Ausnahme gemacht“, brummte Erik. „Gilt das auch für die anderen Crewmitglieder?“, wollte sie wissen. „Wo sind sie übrigens, ich hätte sie gerne kennengelernt?“ „Die anderen sind eher mittelgroß, bis auf Han Li, der klein und zierlich sein soll. Louis Vargas und Han Li sind noch nicht eingetroffen, aber Gregori Danilov kann ich Ihnen zeigen. Er sitzt dort drüben in der Ecke und spielt Schach.“ Erik drehte sich um und wies auf Danilov.
Die Ärztin blickte interessiert auf den Russen, der jedoch so in sein Schachspiel vertieft war, dass er ihren Blick nicht bemerkte. Ehe sie noch weitere Fragen stellen konnte, betrat Louis Vargas das Casino und zog sofort alle Blicke auf sich. „He, Erik, lass deine Finger von unserer neuen Kollegin!“, rief er über die Tische hinweg und lachte laut über das verdutzte Gesicht seines Kommandanten. Leichtfüßig wie ein Sambatänzer steuerte der Brasilianer auf ihren Tisch zu. Er begrüßte zunächst Julia Winter und meinte galant: „Wenn ich gewusst hätte, dass eine so schöne Frau auf mich wartet, wäre ich selbstverständlich früher gekommen.“ Erik klopfte er zur Begrüßung lediglich kumpelhaft auf die Schulter, während er keinen Blick von der Ärztin ließ. Julia Winter schien Vargas auch zu gefallen, denn sie lächelte gutmütig über seine Scherze, während sie ihn interessiert betrachtete.
Der Brasilianer bot mit seiner athletisch wirkenden Figur, seinen ebenmäßigen, bronzefarbenen Gesichtszügen und seinem schwarzen, leicht gekräuseltem Haar auch keinen schlechten Anblick. Seine dunklen Augen, in denen der Schalk funkelte, sprühten vor Lebensfreude und, wenn er lachte, blitzten seine weißen Zähne gleich einer Perlenkette auf. „Na, wo steckt denn der Rest der Crew?“, wandte er sich an Erik, nachdem er die Ärztin so lange angestarrt hatte, bis diese errötend den Blick gesenkt hatte. „Danilov sitzt dort drüben und versucht, seinen Schachcomputer auszutricksen, und Han Li ist bis jetzt noch nicht aufgetaucht“, erwiderte Erik leicht irritiert.
In dem Moment, als der Brasilianer in die Richtung blickte, in die Erik gedeutet hatte, kippte der Russe frustriert seinen König um und verstaute seine Schachfiguren. Danach stand er auf und kam langsam, scheinbar immer noch über sein verlorenes Spiel grübelnd, auf ihren Tisch zu. Als er die Gruppe erreicht hatte, schien er beim Anblick von Julia Winter etwas aufzuwachen. Er rang sich bei der Begrüßung der Ärztin ein „Hallo“ ab und schüttelte Vargas wortlos die Hand. Danach setzte er sich unaufgefordert neben die Ärztin, stützte den Kopf in die Hände und grübelte vor sich hin. Die Ärztin betrachtete den Russen mit hochgezogenen Augenbrauen, deutete dann, zu Vargas gewandt, einladend auf die noch freien Plätze am Tisch, worauf auch dieser Platz nahm.
Julia Winter betrachtete die drei Männer neben sich mit den Augen der Psychologin. Gregori, der Russe, schien, ganz im Gegensatz zu dem Brasilianer, ein ziemlich introvertierter Typ zu sein. Wie er dasaß, das grobknochige Gesicht mit der Hakennase gänzlich unbewegt, da musste sie unwillkürlich an die titanischen Kunstfiguren der Stalin-Ära denken. Sein militärisch kurzer Bürstenhaarschnitt betonte die strengen Gesichtszüge noch und sein Körper, obwohl er nicht größer als der Brasilianer war, wirkte noch massiger und athletischer. Dieser Mann war vermutlich ein mit Eigensinn und Willensstärke ausgestattetes Kraftpaket.
Erik Barnards Anblick löste in der Ärztin widerstreitende Gefühle aus. Er war gut 15 Zentimeter größer als die beiden anderen und von eher schlanker Statur. Sein dunkelblondes Haar umrahmte ein Gesicht, das eher zu einem Künstler als zum Kommandanten eines Raumschiffs passte. Doch die sensible Mundpartie wurde konterkariert durch eine raubvogelartige Nase und kalt blickende Augen, die auf Willensstärke und Intelligenz hindeuteten. Im Augenblick wirkten seine Gesichtszüge allerdings angespannt, so, als ob ihm irgendetwas Sorgen machte.
Da die Ärztin ihre Kollegen musterte und Gregori, finster wie eine Gewitterwolke, vor sich hin brütete, herrschte am Tisch eine angespannte Stille.
Alle schienen erleichtert, als der Bann durch das Erscheinen von Han Li gebrochen wurde. Der Asiate betrat zögernd den Raum und sah sich suchend um. Dabei erinnerten die großen, leicht mandelförmigen Augen hinter einer schmalen Nickelbrille an die einer Eule. Han Li war höchstens einen Meter sechzig groß und von zierlicher Gestalt. Zudem schienen seine Arme und Beine, gemessen an seiner Körpergröße, etwas zu kurz geraten zu sein. Louis flüsterte Erik zu: „Ach herrje, diese halbe Portion übersteht doch nicht einmal den 1. Tag unseres Astronautentrainings.“ Erik erwiderte leise: „Täusche dich nicht, Asiaten sind oft zäher, als sie aussehen. Außerdem hätten ihn die Mediziner nie zum Training zugelassen, wenn er nicht fit und kerngesund wäre.“ Han Li hatte sie schließlich entdeckt und eilte, so schnell ihn seine kurzen Beine trugen, auf ihren Tisch zu. Dort angekommen, verbeugte er sich, schüttelte jedem die Hand und piepste: „Freut mich sehr, Sie alle endlich kennenzulernen.“ Dabei schien ein höfliches Lächeln für alle Zeit auf seinem Gesicht festgefroren zu sein. Nachdem er glaubte, der Konvention der Begrüßung Genüge getan zu haben, setzte er sich und sah alle erwartungsvoll an. Louis ergriff als Erster das Wort: „Tja, nachdem wir nun vollzählig sind, ist es, denke ich, an der Zeit, auf gute Zusammenarbeit und das Gelingen unserer Mission anzustoßen.“ Er winkte einen Stuart herbei und bestellte eine Flasche Champagner.
Na toll, dachte Erik, Louis kommt mir wieder einmal zuvor, die Idee hätte eigentlich von mir kommen müssen. Er konnte es sich nicht verkneifen, Louis einen kleinen Seitenhieb zu verpassen, und sagte: „Das finde ich riesig nett von dir, dass du uns zu einem Glas Sekt einlädst.“ „Oh“, meinte der Brasilianer, „das muss ein Missverständnis sein – der Sekt geht natürlich, wie üblich, auf den Leiter der Gruppe, unseren hochverehrten Kommandanten!“ Erik schaute zwar etwas verwundert, wusste jedoch darauf nichts zu erwidern.
Nach dem Sekt lockerte sich die Stimmung merklich auf. Sie unterhielten sich angeregt über ihre Mission sowie über das anstehende Training, wobei sie es tunlichst vermieden, über die Risiken ihres Fluges zum Mars zu diskutieren. Julia Winter wollte vor allem wissen, wie das morgen beginnende Training ablaufen würde. Da Gregori nur einsilbig antwortete, wenn man das Wort an ihn richtete, wandte sie sich mit ihrer Frage an Erik: „Sie haben doch schon oft dieses Trainingsprogramm absolviert, ich würde gerne wissen, was da auf mich zukommt.“ „Die ganze Sache wird schweißtreibend“, begann Erik. „Unser Tagesablauf sieht in etwa so aus: Wecken um 6 Uhr, danach Frühstück, um 7 Uhr beginnt das Training mit Jogging zum Aufwärmen, dann folgt eine Stunde Konditionstraining im Fitnessstudio. Um 10 Uhr wird es dann spannend, denn dann ziehen wir uns die Raumanzüge an und hüpfen ins Wasserbecken. Dort, unter Wasser, das mit seinem Auftrieb die Schwerelosigkeit im Raum simulieren soll, traktiert man uns mit einer Shuttle-Imitation, an der wir allerlei Tests ausführen müssen.“
„Mit Raumanzügen unter Wasser?“, erkundigte sich die Ärztin und erbleichte, „Sie müssen nämlich wissen, ich habe Tauchen nie gemocht. Ich liebe diese dämmrige Tiefe nicht, wo man immer das Gefühl hat, irgendein Ungeheuer könne daraus hervorbrechen.“ „Nun, das Becken ist nur 10 Meter tief und zudem hell ausgeleuchtet, da verstecken sich bestimmt keine Ungeheuer“, versuchte Erik, die junge Frau zu trösten. „Na schön, wie geht es weiter?“, erkundigte diese sich tapfer. „Nach dem Mittagessen, so gegen ein Uhr, stehen Übungen am Flugsimulator auf dem Programm. Das Innere des Simulators entspricht dabei haargenau unserem Mannschaftsmodul auf der PROMETHEUS, mit der wir hoffentlich in etwa einem Jahr unterwegs zum Mars sein werden. Gegen 4 Uhr nachmittags wird es dann nochmals turbulent. Wir werden ins Beschleunigungskarussell gesetzt und nach und nach bis auf 7 g beschleunigt. Gregori hat allerdings schon 10 g für kurze Zeit ausgehalten. Ich kann Ihnen versichern, man fühlt sich dabei wie ein breitgetretener Fisch auf dem Trockenen! Wenig später dürfen Sie in der Unterdruckkammer bei minimalem Sauerstoffpartialdruck verzwickte Rechenaufgaben lösen. Damit will man ihre Konzentration bei Sauerstoffmangel testen. Danach … “ „Danach – ist hoffentlich Schluss“, stöhnte Vargas, „der Mensch muss schließlich einmal ausruhen und was essen.“ Gregori Danilov blickte den Brasilianer mitleidig an und verzog verächtlich den Mund. „Beinahe Schluss, Louis“, fuhr Erik ungerührt fort, „denn nach der Unterdruckkammer folgt nur noch das abendliche Jogging und ein kurzer Check beim Arzt, der dir mitteilt, ob du den Tag ohne größere Blessuren überstanden hast.“ „Das ist ja ein Horrorszenario!“, rief Louis aufgebracht. „Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich mich zu diesem Marsabenteuer erst gar nicht gemeldet.“ In diesem Augenblick ergriff Han Li das Wort und gab Erstaunliches von sich. Mit gefalteten Händen sagte er andächtig: „Ein sehr, sehr gutes und ausgewogenes Trainingsprogramm, ich kann es gar nicht erwarten, morgen damit zu beginnen!“ Die anderen vier sahen ihn entgeistert an.
Der 1. Tag des Astronautentrainings lief für Erik nicht so ab, wie er sich das vorgestellt hatte. Das fing schon am frühen Morgen beim Joggen an. Han Li spurtete los, als wolle er unbedingt den Landesrekord über 10 Kilometer brechen. Natürlich ließen sich die anderen mitreißen, denn sie konnten einfach nicht glauben, dass Li mit seinen kurzen Füßen dieses mörderische Tempo lange durchhalten würde. Mit ihren geschwächten Muskeln vom kürzlichen Aufenthalt auf der ISS fielen zunächst Gregori und Erik zurück. Danach mussten auch Louis und Julia einsehen, dass das Tempo von Han für sie zu schnell war, und Han entschwand ihren Augen. Als Gregori und Erik schließlich schwer atmend als Letzte durchs Ziel liefen, fanden sie einen putzmunteren Han vor, der Lockerungsübungen machte. „Das gibt es doch gar nicht, dass uns diese halbe Portion so aus den Schuhen läuft“, keuchte Gregori. „Du vergisst, dass für unsere drei Leidensgenossen die Erdschwere, im Gegensatz zu uns, etwas ganz Normales ist“, stöhnte Erik. „Aber warte nur ab, unsere Zeit kommt noch!“
Zunächst kam jedoch die Plackerei im Fitnessstudio, und das fiel den beiden auch nicht leichter als das Laufen. Manchmal scheint es im Leben allerdings einen gerechten Ausgleich zu geben, denn beim Tauchgang im Raumanzug waren Gregori und Erik nicht zu schlagen. Nachdem die künftigen Raumfahrer die Sache hinter sich gebracht hatten, sagte Louis giftig zur bleichen Ärztin: „Kunststück, die beiden haben das ja schon bis zum Erbrechen geübt!“ Der Russe und der Amerikaner durften nämlich als Erste zeigen, was sie bei der simulierten Schwerelosigkeit alles draufhatten. Als schließlich die Ärztin an die Reihe kam, rief der Übungsleiter schon sehr bald: „Um Gottes willen, zieht sie hoch, bevor sie uns noch ersäuft!“
Julia Winter war ganz geknickt wegen ihrer Tollpatschigkeit, sodass die anderen sie zu trösten versuchten. „Kopf hoch, das wird schon mit der Zeit, man kann nicht überall erstklassig sein“, meinten sie unisono. Bei den Übungen am Flugsimulator waren der Amerikaner und der Russe als ausgebildete Shuttle-Piloten gegenüber den anderen wiederum im Vorteil. Erik wunderte sich allerdings, wie schnell auch die anderen drei dazulernten. Das war wohl der Tatsache geschuldet, dass auch sie alle einen Pilotenschein besaßen. Die schlimmste Schikane an diesem Tag war jedoch der Beschleunigungstest im Karussell. Erik hielt vor dem Test eine aufmunternde Ansprache an seine drei Neulinge. „Wenn man das Siebenfache seines Normalgewichts wiegt, fühlt man sich wie eine Flunder und man schafft es nicht einmal mehr, seine Hand schnell zu heben. Also atmet ruhig und geratet nicht in Panik, wenn ihr glaubt, der Kopf zerspringt euch, und das Herz wie eine überdimensionale Ölpumpe in euren Ohren dröhnt.“
Nach dem Test atmeten alle erleichtert auf, nur Han torkelte zum Klo und erbrach sich ausgiebig. Der Konzentrationstest in der Unterdruckkammer wurde ein Fiasko für die Männer, denn ausgerechnet die einzige Frau unter ihnen schlug sie um Längen. Das war auch ein schwerer Schlag für Eriks Selbstbewusstsein, denn bisher war immer er der beste Proband gewesen. „Frauen brauchen für ihre Hirntätigkeit eben weniger Sauerstoff, das haben wir Russen schon vor Jahren festgestellt“, knurrte Gregori.
Am Anfang stöhnten die fünf Menschen, die sich die Eroberung des Mars’ in den Kopf gesetzt hatten, unter den Anforderungen des Astronautentrainings, doch mit der Zeit gewöhnten sich ihre Körper an die Strapazen. Nach einigen Wochen wurde das körperliche Training reduziert, dafür wurde das wissenschaftliche Programm, das für die Erforschung des Planeten dienen sollte, intensiviert. So sollte Vargas den Mars mineralogisch untersuchen und sein Klima erkunden. Han Lis Aufgabe war es, nach primitivem Leben zu suchen. Die Ärztin sollte Studien über die Wirkung langer Schwerelosigkeit auf den menschlichen Organismus beisteuern und erforschen, was für Schäden die harte Gammastrahlung des Weltraums den Menschen zufügen konnte.
Danilov war sowohl für die Wartung der Technik in der PROMETHEUS als auch im Mars-Lander zuständig. Außerdem sollte er den Zusammenbau des Mars-Habitats leiten. Die Bauteile dafür, sowie genügend Vorräte an Luft, Nahrung und Ersatzteile für ihren 18 Monate dauernden Aufenthalt auf dem Planeten, waren schon 1 Jahr vor ihrer geplanten Landung mit unbemannten Lastraketen zum Planten befördert worden. Und Erik? Nun, der hatte die Aufgabe, alle Vorhaben zu koordinieren und zu überwachen.
Nachdem Erik mit seiner Crew 6 Monate im Trainingszentrum in Houston geschuftet hatte, erreichte sie eine freudige Nachricht. Zwei unbemannte Frachtschiffe hatten den Mars erreicht und ihre Ladung an Vorräten und Ausrüstung für die kommende Marsmission sicher an Fallschirmen zu Boden gebracht. Die zur Erde gefunkten Bilder sowie die in der Fracht befindlichen Sensoren zeigten, dass offenbar alles heil unten angekommen war. Pullok war so begeistert, dass er die künftige Crew der PROMETHEUS sowie seinen gesamten Stab zu einer kleinen Feier einlud. Er konnte es sich nicht verkneifen, eine kurze Rede zu halten, in der er freudestrahlend verkündete, dass man mit dem heutigen Tag der Eroberung des Mars’ einen gewaltigen Schritt näher gekommen sei.
Kaum hatte Pullok seine pathetische Ansprache beendet, stürmte man das Buffet und auch an „geistigen Getränken“ wurde nicht gespart. Erik saß neben Pullok, der begeistert ein Glas Rotwein nach dem anderen trank, bis seine Augen glasig und seine Zunge schwer wurden. Da wurde der Missionschef sentimental, umarmte mit seinen gewaltigen Armen den verdatterten Kommandanten und nuschelte: „Weißt du, Erik, du bist ja mein bester Mann und infolge der mentalen Konditionierung, die man dir verpasst hat, ja sozusagen mein verstecktes Ass im Ärmel! Dir kann ich es anvertrauen: Vorhin, bei meiner Rede, habe ich gelogen. Ich glaube nicht daran, dass alles in Butter ist, dass alle vorausgeschickten Gegenstände, die ihr für euren 18 Monate dauernden Aufenthalt braucht, heil geblieben sind. Dagegen spricht die Wahrscheinlichkeit. Also bitte ich dich nur um eines: Gehe kein Risiko ein, versäume um Himmels willen nicht das Startfenster zur Rückkehr vom Mars. Du weißt, wenn ihr innerhalb einer Woche nach Ankunft wieder startet, schafft ihr die ständig größer werdende Distanz zur Erde so gerade noch. Ich pfeife auf die Erforschung des ‚Roten Planeten‘, wenn es euch das Leben kostet. Ihr seid wie meine Familie und wenn ihr nicht zurückkehrt, erschieße ich mich, bei Gott, ich hänge mich auf oder nehme Gift!“, rief er mit überkippender Stimme und eine einsame Träne rollte über sein Gesicht.
Erik war die Entgleisung Pulloks in aller Öffentlichkeit äußerst peinlich und er sagte mit Nachdruck: „Nein, ich werde nichts vergessen, wir kehren zurück, Ernest, ganz sicher. Willst du dich nicht etwas ausruhen? Die Ansprache, das Fest, der ganze Rummel, das kann schon an die Nieren gehen.“ „Ausruhen, niemals!“, begehrte Pullok lautstark auf und kippte vor Empörung beinahe vom Stuhl.
„Ein Missionschef ist immer im Dienst, Urlaub gibt es nicht und ausruhen werde ich mich erst dann wieder, wenn ihr heil zurück seid!“ Endlich wurden zwei seiner Adjutanten auf die prekäre Verfassung ihres Chefs aufmerksam. Sie kümmerten sich um ihn, redeten begütigend auf ihn ein und erteilten ihm Ratschläge. Daraufhin wurde Pullok noch renitenter und wütender. Deshalb hakten sie ihn einfach unter und schleppten ihn aus dem Saal.
Erik verstand Pulloks Besorgnis, was ihr Marsabenteuer betraf, denn auch ihn plagten häufig vor dem Einschlafen Horrorvisionen. Da tummelten sich in seiner Fantasie Solarstürme und Meteoriteneinschläge auf ihrer Reise durch den Weltraum und was auf dem Mars selbst alles passieren konnte, daran wagte er noch nicht einmal zu denken. Kurz erwog er, die Feier einfach zu verlassen, denn der unrühmliche Abgang Pulloks hatte ihn seines Gesprächspartners beraubt. Anderseits hatte er, eben wegen seiner häufigen Albträume, wenig Lust, schon schlafen zu gehen. Als er sich unschlüssig umsah, bemerkte er, dass Julia Winter im Augenblick nicht von Männern umschwärmt wurde, und so schlenderte er zu ihr. Sie empfing ihn mit den Worten: „Ah, guten Abend, Erik, war das nicht Pullok, den man gerade aus dem Saal geführt hat? Es ist hoffentlich nichts Ernstes?“ „Nein, das Übliche, vermutlich Überarbeitung und zu viel Rotwein“, antwortete Erik ausweichend. „Na, dann bin ich beruhigt“, meinte die Ärztin. „Ich wundere mich nur, Sie so fit auf den Beinen zu sehen, haben Sie bei dem Saufgelage nicht mitgehalten?“ Es ist immer wieder erstaunlich, wie es ihr gelingt, mich in die Defensive zu drängen, dachte Erik irritiert. Dieses Mal würde er jedoch nicht mitspielen. „Ich mache mir nicht viel aus Alkohol – wenn es das ist, was Sie wissen wollten. Und Pullok ist auch kein Säufer, nur der Druck, ein so gefährliches Unternehmen zu leiten, macht ihn fertig. Im Übrigen sollten auch Sie sich langsam darüber klar werden, an welchem Himmelfahrtskommando Sie teilnehmen. Ich habe Mühe, Sie zu verstehen. Sie sind jung, Sie sind hübsch, haben eine gute Karriere als Ärztin vor sich und die Männer reißen sich um Sie. Also, warum haben Sie sich gerade eine Reise zum Mars in den Kopf gesetzt?“ „Kommen Sie mir jetzt mit dem typischen Klischee, das immer noch 90 Prozent der Männer vertreten, nämlich: Heirat, Kinder und Haushalt ist das Beste für den überwiegenden Teil der Frauen?“, erwiderte die Ärztin kalt, „doch da muss ich Sie enttäuschen, mein Lieber, es gibt noch mehr im Leben! Sie rätseln über meine Motive für den Flug zum Mars? Na gut, ich will sie Ihnen verraten.“ Aha, jetzt kommt ihr Vater ins Spiel, dachte er, doch zu seiner Verblüffung folgte eine ganz andere Erklärung. „Als Ärztin bin ich an allem interessiert, was mit dem Leben zusammenhängt“, fuhr Julia fort.




