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„Die Evolution und die Entwicklung des Lebens auf der Erde hat mich schon immer fasziniert. In der Paläontologie, die mein bevorzugtes Hobby ist, kann man verfolgen, wie sich im Verlaufe großer Zeitabschnitte Arten entwickelt, eine mehr oder minder lange Blütezeit durchlebt haben und wieder untergegangen sind.
Dabei fällt auf, dass sie im Verlaufe ihrer Existenz versucht haben, alle Lebensräume, auch die unwirtlichsten, zu besetzen. Nehmen Sie die Quastenflosser, wenn sie trotz aller Risiken nicht an Land gekrochen wären, gäbe es bis heute keine Landtiere und also auch keine Menschen. Man fragt sich unwillkürlich, was trieb diese Tiere zu solch einer riskanten Verhaltensweise? Offenbar muss es neben dem Trieb, sich zu vermehren, noch einen weiteren mächtigen Trieb geben, der die Lebewesen zwingt, alle ihnen gebotenen Nischen zu besiedeln, und seien sie noch so lebensfeindlich. Auch wir Menschen scheinen diesen Trieb zu besitzen und daher ist es nur folgerichtig, dass wir jetzt den ersten Schritt zur Besiedlung eines fremden Planeten tun. Da haben Sie mein Motiv: Ich will dabei sein, wenn wir diesen Schritt machen, denn auch in mir ist der ‚Wandertrieb‘ mächtig.“
Verblüffung zeichnete sich auf dem Gesicht Eriks ab, denn die Ärztin hatte etwas geschildert, das er selbst nur allzu oft verspürt hatte. Sein ruheloses Leben, es hielt ihn nie lange an einem Ort, immer trieb es ihn Gott weiß wo hin. Stets hatte er es für bloße Neugierde gehalten, doch Julias Erklärung passte besser. Mit aller Macht trieb es ihn in die Ferne und nun vermochte ihn nicht einmal mehr die Erde zu halten. Es zog ihn hinaus ins Weltall! Obwohl diese unerwartete Gemeinsamkeit zwischen ihm und Julia seine Vorbehalte ihr gegenüber dämpften, war seine Skepsis, was Frauen im Weltraum betraf, noch nicht ganz erloschen. Und so hörte er sich sagen: „Wandertrieb, meinen Sie, sei der Grund für Ihr Weltraumabenteuer? Das mag eine Rolle spielen, doch gibt es dafür nicht gewichtigere Gründe? Wie wäre es mit Ruhm und Selbstbestätigung?“ Julia lächelte wehmütig und meinte: „Ruhm ist in unserer schnelllebigen Zeit etwas sehr Vergängliches, Selbstbestätigung, ja das mag eine Rolle spielen, denn wer sucht die nicht?“ „Oder Bestätigung dem Vater gegenüber“, dachte Erik flüchtig und laut sagte er: „Sie erwähnten, dass Tiere, vor allem Herdentiere, einem unbezwingbaren Wandertrieb ausgesetzt sind. Ich muss da immer an die Lemminge denken. Stimmt es, dass sie nicht einmal an den Klippen halt machen, sondern sich hinabstürzen und jämmerlich ersaufen?“ Die Ärztin lachte laut auf. „Sie vergleichen uns offenbar mit diesen Tieren. Auch uns treibt es in gefährliche Regionen, allerdings hoffe ich doch sehr, dass wir nicht blindlings in unser Verderben rennen.“ „Wer weiß das schon?“, murmelte Erik.
Er fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, denn er musste seine Meinung über Julia Winter revidieren. Ihre Motive bei diesem Raumabenteuer ähnelten den seinen. Wie konnte er da Julia kategorisch infrage stellen? „Was ich Ihnen noch sagen wollte“, begann er zögerlich: „Sie machen sich bei Ihrer Astronautenausbildung erstaunlich gut. Also werde ich meine Meinung Ihnen gegenüber korrigieren und Sie als Crewmitglied akzeptieren.“ Julia Winter strahlte, als habe er ihr das schönste Kompliment gemacht. „Heißt das, Sie mindern Ihre Vorbehalte, was Frauen im Weltall betrifft?“
Er musste über ihre vorsichtige Ausdrucksweise lächeln. „Ganz recht, ich mindere sie, gebe sie aber nicht völlig auf!“
Ehe sie sich über ihre bessere Beziehung zueinander noch so recht freuen konnten, wurden sie gestört. Gregori und Louis kamen vom Buffet zurück. Der Russe, der seinen Teller bis zum Rand vollgeladen hatte, nahm wortlos links neben der Ärztin Platz und widmete sich sofort seiner Mahlzeit. Louis stand mit seinem Teller etwas unschlüssig herum und blickte mit gerunzelter Stirn auf Erik. Der bemerkte, dass er den Stuhl des Brasilianers in Beschlag genommen hatte, dachte jedoch nicht daran, aufzustehen. Er wollte sehen, wie Louis es anstellen würde, seinen Kommandanten vom Stuhl zu jagen. Der Brasilianer löste das Problem auf seine unnachahmliche lockere und charmante Art. „Wenn du mir mein Besteck herüberreichst, kann ich im Stehen weiteressen“, meinte er lächelnd. Erik tat erstaunt. „Ach, ich sitze auf deinem Platz, das tut mir leid. Ich hatte nicht vor, dich von der Seite unserer schönen Astronautin zu vertreiben, bitte sehr!“ Und er erhob sich. Natürlich hätte er sich auf die andere Seite des Tisches setzen können, doch er zog es vor, in sein Quartier zu gehen. So wünschte er den drei anderen noch einen schönen Abend und verließ das Casino.
Nie und nimmer hätte er sich eingestanden, dass er nur deshalb das Fest verließ, weil er nicht mit ansehen wollte, wie Louis Julia den Hof machte. Die Situation bestätigte ja geradezu seine Vorbehalte, was Frauen in einer Mannschaft mit Männern betraf: Sie schafften es immer wieder, Zwietracht zu säen. Dass Louis versuchte, heftig mit Julia zu flirten, war ja noch verständlich, Brasilianer fanden sich von Haus aus für unwiderstehlich; dass aber der introvertierte Russe der künftigen Astronautin kaum von der Seite wich und ihr, wie ein Sklave, den schweren Raumanzug nachschleppte, befremdete Erik doch sehr. Und selbst der kleine Chinese zog die Gesellschaft der Ärztin allen anderen Crewmitgliedern vor, wenn auch aus rein beruflichen Gründen, wie er immer wieder betonte.
Als Erik in die Nacht hinaustrat, empfingen ihn eine überraschend milde Luft und ein wolkenloser Himmel. Er atmete tief durch und begann, nach bekannten Sternbildern zu suchen. Das Frühjahrs-Dreieck war bereits untergegangen, doch das Sommer-Dreieck stand noch hoch am Himmel. Sein Blick glitt die Ekliptik entlang und dann hatte er gefunden, wonach er suchte: Er betrachtete das gelbrote Pünktchen, das nahe dem Stern Antares im Sternbild Skorpion stand, mit ergriffener Ehrfurcht. Da war er: der Mars, ihr fernes Ziel! Würden sie je den Fuß auf ihn setzen? Oder war alles nur ein flüchtiger, schöner Traum? In dieser stillen, wunderbaren Nacht besiegte er alle seine Zweifel und eine nie gekannte Zuversicht erfüllte ihn mit einem Mal.
Ja, dachte er entschlossen, wir werden dich trotz aller Hindernisse erreichen, ob dir das als antiker Kriegsgott nun passt oder nicht! In dieser Nacht plagten ihn keine Albträume und er schlief tief und fest bis zum nächsten Morgen.
Endlich war es so weit: Der Bau der PROMETHEUS im Erdorbit war abgeschlossen und auch die Ausbildung ihrer zukünftigen Besatzung ging ihrem Ende entgegen. Erik hatte den Zeitplan für die Marsmission von Pullok erhalten und mit seiner Mannschaft besprochen. Danach war vorgesehen, dass die fünf Astronauten Ende Dezember zur ISS fliegen würden, um sich dort 4 Wochen lang an die Schwerlosigkeit zu gewöhnen. Während dieser Zeit konnten sie die PROMETHEUS gründlich testen, sodass Ende Januar der Flug zum Mars starten konnte. Der Flug selbst würde etwa 4 Monate dauern.
Das Raumschiff sollte dabei den Planeten exakt zum Zeitpunkt seiner Opposition erreichen, also genau dann, wenn der Mars seine geringste Entfernung zur Erde aufwies. Pullok hatte die Ausbildung der Astronauten so geplant, dass sie kurz vor Weihnachten beendet war. Erik und seine Leute machten drei Kreuze und feierten, je nach Glaubensrichtung, ein ungetrübtes Christfest oder ihren gelungenen Abschluss. Erik musste zugeben, Pullok und sein Stab hatten, was die Mannschaft betraf, eine exzellente Auswahl getroffen. Insbesondere die drei Neulinge hatten sich bei der Astronauten-ausbildung bravourös geschlagen, während es für ihn und Gregori lediglich die ermüdende Wiederholung einer längst bekannten Prozedur gewesen war. Jeder der drei Weltraumneulinge vermochte nun die PROMETHEUS im Notfall allein zu steuern. Sie trugen ihre Raumanzüge wie eine zweite Haut und in simulierter Schwerelosigkeit beherrschten sie selbst die komplexesten Bewegungsabläufe. Zum Ausruhen und Feiern ließ ihnen Pullok allerdings wenig Zeit, denn schon eine Woche nach Weihnachten hatte er das Flugzeug bestellt, das sie nach Cape Canaveral bringen würde.
Der Abschied von ihrem Ausbildungscamp fiel ihnen trotz der Strapazen, denen sie dort ausgeliefert gewesen waren, nicht leicht. Dafür gab es vor allem zwei Gründe: Zum einen fühlten sie sich in dem Lager sicher und gut versorgt. Der andere Grund lag wohl an der Fürsorglichkeit und dem Engagement Pulloks, den sie alle schätzen gelernt hatten. Zum Abschied hielt er wieder einmal eine seiner feierlichen Reden. Im Blitzlichtgewitter der Kameras wurde es zu einer sehr emotionalen Rede, von der Pullok selber offenbar am meisten gerührt war. Das hektische Treiben der Reporter und die Sensationsgier der Menschen am Flughafen führten den Astronauten nur allzu deutlich vor Augen, dass diese feierliche Verabschiedung wie eine letzte Segnung von Opfertieren gesehen wurde, ehe man sie zur Schlachtbank führte.
Besonders Erik fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, denn er hasste den ganzen Zirkus, der da um sie gemacht wurde. Er war deshalb sogar mit Pullok in Streit geraten. „Geht es nicht eine Nummer kleiner?“, hatte er gefaucht. Pullok hatte gekränkt geantwortet: „Aber Erik, ich weiß nicht, was du hast, ohne Presse und Fernsehen läuft doch nichts mehr auf unserer medienbesessenen Welt.
Übrigens solltest du dich freuen, die in alle Teile der Welt übertragene Zeremonie steigert doch deine Berühmtheit!“ „Gerade die ist mit zuwider“, hatte Erik geknurrt. „Man kann keinen Schritt mehr tun, ohne dass einem die Medienhyänen auflauern. Das ganze Privatleben ist im Eimer! Und zu allem Überfluss muss ich von dir erfahren, dass wir das Fernsehen noch mit ‚Geschichten aus dem Cockpit der PROMETHEUS‘ beglücken dürfen. Seid Ihr jetzt ganz meschugge geworden? Wir sind doch keine Schauspieler! Ich versuche mir gerade Gregori als publikumswirksamen Weltraumhelden vorzustellen – ein reizender Gedanke!“
Pullok winkte ab: „Gregori kommt gar nicht ins Bild, er wird die Kamera bedienen. Wir haben das alles schon bis ins Kleinste geplant und die Fernsehrechte sind auch schon verkauft. Sie wurden uns förmlich aus den Händen gerissen.“ „Kann ich mir denken“, meinte Erik wütend. „Und uns hat man erst gar nicht gefragt!“ „Wir dachten, ihr wäret begeistert“, entgegnete Pullok unschuldig. „Schließlich wird dadurch eure langweilige Routine an Bord etwas aufgelockert und ihr werdet als angehende Filmstars noch berühmter, als ihr es eh schon seid. Denk doch auch mal an das viele Geld, das uns eure Show einbringen wird. Die NASA musste Milliarden an Krediten aufnehmen, um die Finanzierungslücke für euer Unternehmen zu schließen. Da ist es wohl nicht zu viel verlangt, wenn ihr auch einen kleinen Beitrag leistet.“ „Ich weiß zwar, dass die NASA notorisch klamm ist, aber dass du uns klammheimlich an die Medienhaie verhökert hast, ohne uns vorher auch nur zu fragen, das will mir nicht in den Kopf.“ „Ich teile es dir doch jetzt in aller Form mit und bis es so weit ist, vergehen noch Monate“, entgegnete Pullok erstaunt.
So war der Streit um die Übertragung von Fernsehsendungen noch einige Zeit weitergegangen, bis es Erik zu viel wurde und er Pullok wortlos stehen ließ. Jetzt, unter dem Ansturm der Medien auf dem Flugfeld, kochte die Erinnerung an den Streit in Erik wieder hoch. Er starrte Pullok finster an, der gerade in Anlehnung an Neil Armstrong den Flug zum Mars als einen riesigen Schritt für die Menschheit pries.
Kapitel 2
Auf der ISS
Die Verabschiedung der Astronauten auf dem Flughafen von Houston war, was die Medien betraf, allerdings ein Klacks im Verhältnis zu dem, was sie auf Cape Canaveral erwartete. Praktisch jede Fernsehstation, die etwas auf sich hielt, hatte ein Aufnahmeteam vor Ort, als die fünf Astronauten zur ISS starteten. Erik atmete auf, als bei ihrem Shuttle die Türe des Cockpits hinter ihnen einrastete und die Augen der Öffentlichkeit ausschloss.
Seine ärgerliche Anspannung wich, denn was jetzt kam, war ihm vertraut. Bei den drei Raumflugneulingen dagegen nahm sie eher noch zu. Julia wirkte ungewöhnlich bleich, als sie sich mit fahrigen Bewegungen die Gurte ihrer Andrucksliege umschnallte. Auch Louis hatte viel von seiner Fröhlichkeit eingebüßt und musterte mit ernster Miene das Innere des Shuttles. Das Gesicht von Han war zwar wie immer ausdruckslos, doch in seinen Augen blinkte die Angst. Nur Gregori schien für seine Verhältnisse gut gelaunt, als er die Checkliste für den Start durchging. Pullok hatte nämlich ihn und nicht Erik damit beauftragt, das Shuttle zu fliegen. Erik fühlte sich bemüßigt, die drei Neulinge zu beruhigen, und sagte forsch: „Der Flug zur ISS wird ein Katzensprung. Wenn Gregori das Andockmanöver gleich beim ersten Mal gelingt, sind wir in ca. 3 Stunden dort!“
„Ich muss immer an die Shuttle-Katastrophen aus dem vorigen Jahrhundert denken, und jetzt sitze ich selbst in so einem Ding“, meinte die Ärztin gepresst. „Aber, aber, das kann man doch nicht miteinander vergleichen“, gab Erik zu bedenken. „Unser Gefährt ist ein wieder verwendbarer Raumgleiter, der wie ein Flugzeug startet und landet. Wir nennen es nur aus Tradition Shuttle. Es funktioniert viel zuverlässiger, denn es besitzt keine absprengbaren Teile. Glauben Sie mir, hier sind Sie viel sicherer, als wenn Sie sich mit Ihrem Wasserstoff-Auto in den Verkehr von New York stürzen.“ Von Louis kam ein ersticktes Lachen: „Netter Vergleich, nur sitzen wir hier auf mehr flüssigem Wasserstoff, als unsere verehrte Kollegin mit ihrem Minicar in ihrem ganzen Leben verbrauchen kann.“ „Exakt 110 Tonnen“, ließ sich Han mit piepsiger Stimme vernehmen. „Schluss mit dem Gequassel!“, rief Gregori. „Wir haben grünes Licht von der Bodenstation, es geht los!“
Nachdem er sich vergewissert hatte, dass alle gut festgeschnallt waren, startete er die Triebwerke. Ein gedämpftes Brausen drang in die Kabine und der Gleiter begann sanft zu vibrieren. Gregori blickte kurz auf Erik, der neben ihm im Copiloten-Sessel saß, und als dieser nickte, schob er den Hebel für die Raketentriebwerke leicht nach vorne. Das Ergebnis der vergleichsweise winzigen Bewegung war frappierend.
Die Triebwerke heulten auf und die Insassen des Shuttles wurden durch die rasante Beschleunigung in ihre Sitze gepresst. Die Lichter der Startbahn glitten immer schneller vorbei, wurden schließlich zu einer grellgelben Linie – und die Maschine hob ab. Sie durchstieß in einem irrwitzigen Steigflug die niedrig hängenden Wolken und verschwand aus den Augen der gaffenden Zuschauer. Die vielen Leute, die den Start des Shuttles verfolgt hatten, wollten sich schon wegen der Kürze des Schauspiels enttäuscht abwenden, als sie ein lauter Knall zusammenzucken ließ. Das Shuttle hatte die Schallmauer durchbrochen.
Im Inneren des Gleiters wurde es für die Insassen langsam ungemütlich. Nach dem Durchbrechen der Schallmauer hatte Gregori die Nase des Shuttles senkrecht nach oben gerichtet und auf vollen Schub geschaltet. Wie ein Geschoss raste der Gleiter in den Himmel, während seine Besatzung unter der Beschleunigung von 6 g ächzte. Zum Glück währte der mörderische Andruck nur einige Minuten. Den Astronauten wurde dabei der Brustkorb zusammengeschnürt und ihr Herz dröhnte in ihren Ohren wie ein Dampfhammer und vermochte dennoch ihr sirupartiges Blut kaum durch die Adern zu treiben. Dann erreichte der Gleiter die vorgesehene Geschwindigkeit, die ihn in einer Parabel zur ISS tragen würde, und Gregori schaltete die Triebwerke ab.
Die Neulinge unter Eriks Kommando seufzten erleichtert auf, um gleich darauf festzustellen, dass die plötzliche Schwerelosigkeit auch so ihre Tücken hatte. Auf die besorgte Frage Eriks: „Na, wie geht’s, sind alle wohlauf?“, entgegnete Louis stöhnend: „Der Druck ist Gott sei Dank weg, doch jetzt ist mir speiübel und ich habe das Gefühl, kopfüber zu Teufels Großmutter zu stürzen.“ Erik lachte und meinte: „Ja, die Schwerelosigkeit, simuliert im Wasserbecken, oder sie tatsächlich im freien Fall zu erleben, macht schon einen gewaltigen Unterschied. Aber tröste dich, Louis, mit der Zeit gewöhnt man sich daran und das Gefühl ständigen Fallens verschwindet allmählich.“ „Eine simple Störung unseres Gleichgewichts-Organs im Innenohr“, erklärte Julia mit müder, schleppender Stimme, „die Lymphe in den Bogengängen und die Statolithen im Innenohr funktionieren nur bei vorhandener Schwerkraft oder Beschleunigung. Unter null Gravitation leiden wir quasi unter einer verschärften Form der Seekrankheit.“ „Na toll, Ihre Erklärungen, Frau Doktor, haben mir ungemein geholfen! Mir wäre es allerdings lieber gewesen, Sie hätten mir ein Mittel gegen diese ‚Seekrankheit‘ verordnet.“ „Ich habe bereits vor dem Start ein Antiemetikum genommen und mir geht es ausgezeichnet“, meldete sich Han Li mit vergnügter Stimme. Ich dachte, das hätten Sie alle getan, sonst hätte ich Sie daran erinnert.“ Die anderen starrten Han entgeistert an, bis ihnen einfiel, der kleine Chinese war nicht nur Biologe, sondern auch Arzt, und wie es schien, ein umsichtiger dazu. Erik räusperte sich: „An Bord haben wir leider keine Antiemetika, aber auf der Raumstation sind wir gewiss damit ausgestattet. Also, habt noch etwas Geduld!“
Der Flug zur Raumstation dauerte jedoch nicht so lange, dass die Geduld der Besatzung überstrapaziert wurde. Schon wenige Minuten, nachdem sie in den freien Fall übergegangen waren, machte Gregori sie auf einen glänzenden Punkt vor ihnen aufmerksam. Es war die aus Modulen zusammengesetzte, in der Sonne funkelnde ISS. Mit ihren ausladenden Sonnenpaddeln wirkte sie wie ein bizarres, riesiges Insekt, das die Erde umkreiste.
In den letzten 50 Jahren hatte man die ISS ständig ausgebaut und vergrößert, sodass sie schließlich bis zu 40 Leute aufnehmen konnte. Die routinemäßige Besatzung betrug 25 Astronauten und Forscher aus verschiedenen Ländern. Sie erforschten die Erde aus dem All und beschäftigten sich mit Dingen, wie die Drift der Kontinente, das Klima und Experimente in der Schwerelosigkeit. In den letzten 5 Jahren waren allerdings mehr Ingenieure und Techniker als Forscher auf der ISS anzutreffen gewesen, denn sie hatten die Aufgabe, die PROMETHEUS in der Erdumlaufbahn zusammenzubauen. Die Teile des Raumschiffes wurden auf der Erde gefertigt und dann mit computergesteuerten Shuttles in die Umlaufbahn gehievt. Jetzt, da die PROMETHEUS endlich nach 5 Jahren Bauzeit fertiggestellt worden war, waren die Ingenieure zur Erde zurückgekehrt und die Astronauten und Forscher hatten wieder das Regiment auf der Raumstation übernommen. Die derzeitige Besatzung freute sich schon auf die Ankunft der fünf Mars-Astronauten. Sie wurden sogar schon sehnlichst erwartet, denn sie würden die Routine auf der ISS unterbrechen und neues Leben in die Bude bringen.
Gregori gelang das heikle Andockmanöver gleich im ersten Anlauf und die Astronauten krochen aus der Enge ihres Shuttles in die komfortable Luftschleuse der Raumstation. Hier wurden sie von Bob Miller, dem derzeitigen Kommandanten der ISS, begrüßt. Miller winkte Erik und Gregori, die er schon von früheren Aufenthalten kannte, freundschaftlich zu, während er die drei Neulinge interessiert musterte. Überflüssig hinzuzufügen, dass sein Blick dabei am längsten bei Julia Winter verweilte. Erik stellte Miller die drei Neuankömmlinge vor. Ganz Kavalier, begrüßte dieser Julia Winter zuerst, doch tat er es auf eine etwas sonderbare Weise. Er stieß sich von der Wand der Luftschleuse ab, segelte auf die Ärztin zu, doch anstatt sich an der Haltestange abzufangen, die rings um die Luftschleuse angebracht war, umklammerte er die schöne Frau. Ja, dachte Erik amüsiert, Bob versteht es meisterhaft, die Schwerelosigkeit zu seinen Gunsten auszunützen. Die Ärztin sah das offenbar genauso, denn nach einem kurzen Augenblick der Überraschung erschien eine steile Falte auf ihrer Stirn und ihre blauen Augen sprühten Feuer. Bob ließ die indignierte Frau los und entschuldigte sich mit den Worten: „Ja, ja, die Schwerelosigkeit, sie spielt einem hier oben immer wieder Streiche. Sie werden das bei sich selber auch noch erfahren, daher schlage ich vor, dass Sie sich anfangs an den Haltestangen entlanghangeln, bis Sie sich an Ihre Gewichtslosigkeit gewöhnt haben.“
Nachdem Bob, unverschämt lächelnd, bei der Ärztin einen Handkuss angedeutet hatte, segelte er gekonnt zu Han Li hinüber. Diesmal passierte ihm natürlich nicht das Malheur, dass er die Haltestange verfehlte. Dennoch verlief auch hier seine Begrüßung nicht glatt. Han ließ nämlich die Haltestange los, um Bob die Hand zu schütteln, und als er sich, in typischer asiatischer Höflichkeit, tief verbeugen wollte, stieß er mit dem Fuß gegen die Wand der Luftschleuse. Der Stoß ließ ihn einen Salto nach vorne machen und er schwebte davon. Gregori fing den schmächtigen Biologen auf und bugsierte ihn zurück zu Miller.
Louis Vargas hingegen hatte aus der schwierigen Begrüßungszeremonie schnell gelernt. Offenbar musste man seinen Körper dafür irgendwo fest verankern. Er klammerte sich deshalb wie ein Ertrinkender mit der linken Hand an die Führungsstange, während er mit der Rechten den Händedruck von Bob erwiderte. Miller wandte sich nach seiner Begrüßung den fünf Neuankömmlingen zu und sagte mit unüberhörbarer Ironie in der Stimme: „Nachdem ich Sie als die künftigen Helden der Raumfahrt, die sich anschicken, den Mars zu erobern, nun alle kennengelernt habe, zeige ich Ihnen wohl am besten zunächst Ihre Quartiere. Ja, noch was! Von Ihrer Bodenstation habe ich grünes Licht erhalten, die Wissenschaftler unter Ihnen in das Forschungsprogramm der Station zu integrieren. Ich freue mich also auf ihre kompetente Mitarbeit, die Ihnen die Langeweile hier oben hoffentlich vertreiben wird. Erik und Gregori haben den Auftrag, die PROMETHEUS zu testen und einsatzbereit zu machen. Wenn Sie mir bitte folgen wollen!“
„Die PROMETHEUS testen“, knurrte Gregori neben Erik, „darauf wäre ich von alleine nicht gekommen. Bob kann es schon wieder einmal nicht lassen, den Chef heraushängen zu lassen.“ „Hier oben ist er der Chef, also sollten wir seine Anordnungen befolgen“, bemerkte Erik lakonisch.
In den kommenden Wochen fehlte den Neuankömmlingen auf der ISS, genau wie Bob verkündet hatte, schlichtweg die Zeit, sich zu langweilen. Die drei Wissenschaftler der Crew, nämlich Dr. Winter, Professor Han Li und Dr. Dr. Vargas fügten sich nahtlos in das Forschungsprogramm der Internationalen Raumstation ein. Erik und Gregori hingegen testeten die PROMETHEUS auf Herz und Nieren. Besonders der Russe war in seinem Element und kein Relais oder Stromkreis, kein Computer oder Schalter entgingen seiner sorgfältigen Prüfung.
Endlich war es so weit: Ein Probeflug mit der PROMETHEUS konnte riskiert werden. Erik wollte diese erfreuliche Nachricht seiner Crew mitteilen und bat sie zu einem Treffen im Gemeinschaftsraum der ISS. Als alle versammelt waren, begann er forsch: „Meine Herrschaften, unser Raumabenteuer rückt näher, morgen starten wir zu einem Probeflug mit der PROMETHEUS.“
„Was heißt, wir?“, wollte der Brasilianer wissen. „Na, Gregori und meine Wenigkeit, wir sind schließlich die ausgebildeten Piloten für dieses Vehikel“, entgegnete Erik. „Ich denke, wir sollten bei diesem Jungfernflug alle dabei sein“, wandte Han Li ein. „Wir haben doch alle am Simulator geübt und sollten uns beim Steuern des Schiffes abwechseln, um etwas Praxis im Umgang mit der PROMETHEUS zu bekommen.“ „Erprobungen neuer Fluggeräte sind etwas für Testpiloten“, brummte Gregori, „wenn etwas schiefgeht, dann verglühen wenigstens nur zwei von uns in der Erdatmosphäre.“ „Du machst mir Spaß, Gregori!“, rief Julia Winter und zog einen Schmollmund. „Wie sollen wir denn mit diesem Vehikel bis zum Mars kommen, wenn du schon einen kurzen Probeflug für gefährlich einstufst?“ „Wir haben natürlich Vertrauen in die Konstrukteure des Raumschiffes“, versuchte Erik, die Gemüter zu beruhigen. „Trotzdem halten wir einen Probeflug unbedingt für erforderlich, allein schon wegen des neuen Plasma-Triebwerkes. Das muss schließlich monatelang einwandfrei funktionieren, sonst können wir den Flug zu einem fremden Planeten gleich ganz vergessen. Zwar wurde es schon auf der Erde im Dauerbetrieb getestet, doch noch niemals unter Weltraumbedingungen. Das herauszufinden, ist Aufgabe von Greg und mir, denn wir waren Testpiloten, ehe wir zur Raumfahrt wechselten. Wie ihr euch denken könnt, gehören Risiken zu unserem Beruf, und deshalb wollen wir sie so klein wie möglich halten.“ „Das heißt, ihr wollt uns nicht dabeihaben“, konstatierte Louis etwas verschnupft. „Ist das definitiv?“ „Ja, das ist definitiv“, betonte Erik in ungewohntem Befehlston. „Ja, dann“, meinte Louis und verließ gekränkt das Casino. Han und Julia folgten seinem Beispiel.




