- -
- 100%
- +
„War das nicht etwas zu grob, Erik?“, gab der Russe zu bedenken, nachdem die Wissenschaftler den Raum verlassen hatten. „Ich meine, musstest du so den Kommandanten heraushängen lassen, da Wissenschaftler doch gewohnt sind, das Für und Wider einer Entscheidung ausgiebig zu diskutieren. Schließlich sind wir ein Team und auf sie angewiesen.“ „Das musste sein“, brummte Erik. „Je eher sie sich daran gewöhnen, wer hier die Befehle erteilt, desto besser. Und apropos Diskussionen! Meinst du, wir können uns in Notsituationen den Luxus von Diskussionen leisten? Ich denke, nein! Je früher die Kommandostrukturen geklärt sind, desto schneller können Entscheidungen getroffen und durchgeführt werden. Das habe ich schon früh auf der Militärakademie lernen müssen.“ „Okay, du bist der Kommandant“, räumte Gregori mit undurchdringlicher Miene ein.
Wie ein überdimensionaler Elefantenrüssel spannte sich der Verbindungs-Tunnel von der ISS zur PROMETHEUS. Durch diesen ziehharmonikaartigen Tunnel stapften Gregori und Erik mit ihren Magnetstiefeln und versetzten ihn in rhythmische Schwingungen. Beide wirkten angespannt, denn nun musste es sich erweisen, wie raumtüchtig das Schiff, mit dem sie den Mars erreichen wollten, tatsächlich war.
Während der Russe unter der Anspannung noch wortkarger als sonst wirkte, versuchte Erik, sie durch Reden erträglicher zu machen. „Siehst du, unsere Kameraden haben es uns nicht übel genommen, dass wir sie auf der Station zurückgelassen haben“, wandte er sich an Gregori. „Alle drei sind im Kontrollraum erschienen, um uns zu verabschieden und uns Glück zu wünschen.“ Da der Russe schwieg, fuhr er fort. „Na ja, wer begibt sich schon freiwillig in diese Konservendose, wenn er nicht muss. Außerdem fügen sich unsere drei Koryphäen so brillant in das Forschungsprogramm der Station ein, dass es eine Schande wäre, sie von dort früher als nötig wegzubeordern. Erst neulich hat mir Louis ganz begeistert berichtet, wie toll er die Erderkundung aus dem Orbit findet. Vom Wettergeschehen über die Erderwärmung bis zur Drift der Kontinente, das alles kann mit nie gekannter Präzision registriert werden. Zurzeit arbeitet er, mittels Radarabtastung, an einer Reliefkarte unserer guten alten Erde. Mit dieser Methode kann man die Höhe des Mount Everest bis auf 3 Zentimeter genau messen. Man stelle sich das einmal vor!“ Der Russe grunzte, schritt jedoch ungerührt weiter.
Erik blickte Gregori irritiert von der Seite an, da dieser offenbar durch nichts zu beeindrucken war. Er nahm einen neuen Anlauf: „Und unser Professor für Biologie testet unentwegt das Wachstum der Pflanzen in der Schwerelosigkeit, mit typischer asiatischer Ausdauer.“ Als der Russe auch dazu keinen Kommentar abgab, versuchte es Erik mit Humor. Er blieb stehen, grinste zweideutig und meinte: „Ist dir schon aufgefallen, mit welchen Wehwehchen die Besatzung der Raumstation der Krankenstation die Türen einrennt, seit unsere hübsche Ärztin dort dem Stationsarzt assistiert? Die Männer haben schon ein halbes Jahr keine Frau mehr gesehen, und dann gleich ein solches Exemplar! Nun ist mir auch klar, weshalb Bob Miller damals in der Luftschleuse Julia so offensichtlich umklammerte.“ „Hm, ich verstehe“, brummte der Russe und machte sich konzentriert an der Tür der Luftschleuse zu schaffen, denn sie hatten das Ende des Verbindungstunnels erreicht.
Die kreisrunde Tür glitt zur Seite und sie krochen in die Luftschleuse der PROMETHEUS. Nachdem Gregori die Türe wieder sorgfältig verriegelt hatte, begaben sie sich in das kreisrunde Kommandomodul des Schiffes. Zwei Andruck-Liegen befanden sich vor einer ovalen Steuerkonsole, die mit einer schier unübersehbaren Anzahl von Konsolen, Schaltern und Bildschirmen bestückt war. Ein Handgriff, und die Liegen verwandelten sich in zwei komfortable Pilotensessel. Die beiden Raumfahrer nahmen Platz, schnallten sich an und Erik öffnete als Erstes einen Kommunikationskanal zur ISS. Das erwartungsvolle Gesicht von Bob Miller, der sich ein Lächeln abrang, tauchte auf. „Ich grüße das Himmelfahrtskommando auf der PROMETHEUS“, flachste er, „können wir mit der Prozedur beginnen?“ „Nur mit der Ruhe, wir müssen erst noch die Bordcomputer hochfahren“, entgegnete Erik und drückte die entsprechenden Knöpfe. Eine Reihe von Displays leuchtete auf und ein Ventilator begann zu summen.
„Vor das Vergnügen hat Gott die Arbeit gesetzt“, seufzte Erik und griff auf der Konsole vor sich nach einer ellenlangen Checkliste. Die Prozedur, wie Bob sich ausdrückte, war nichts anderes als die penible Überprüfung aller wichtigen Funktionen des Raumschiffes. Das war nicht nur eine Riesenarbeit für die beiden an Bord, nein, das Ganze wurde auch noch von den Leuten auf der ISS und von der Bodenstation gegengecheckt. „Dreifach genäht hält eben besser“, dachte Erik in einer Art Galgenhumor und zu Gregori gewandt knurrte er: „Du kannst anfangen.“ Der Russe begann, das Protokoll herunterzuleiern: „Computer hochgefahren, Außen-Kommunikationskanäle eingeschaltet, Kreiselkompass auf ‚on‘, Vorwärmpumpe für Steuertriebwerke auf ‚on‘ und so ging es endlos weiter. Würden sie nur eine Position des Protokolls übersehen, würde sie Bob mit erhobenem Zeigefinger darauf aufmerksam machen und der Bordcomputer Alarmgeräusche von sich geben. Die Prozedur war zwar nerv-tötend, aber absolut notwendig, denn schon eine kleine Nachlässigkeit konnte in der lebensfeindlichen Umgebung des Weltraums tödlich sein.
Endlich war den Initialisierungs- und Sicherheitschecks Genüge getan und Erik lehnte sich aufatmend zurück. Nach einer kurzen Pause erkundigte er sich bei Miller: „Na, wie sieht es bei euch aus, Bob?“ „Unsere Instrumente bestätigen die Ergebnisse eurer Bordinstrumente. Falls die Bodenstation nichts dagegen hat, habt ihr grünes Licht für den Start. Ich trenne jetzt den Verbindungstunnel ab und ihr könnt dann nach eigenem Ermessen loslegen. Viel Glück und Hals- und Beinbruch! Ja, noch etwas: Achtet auf euer rechtes Seitentriebwerk, damit ihr keinen Schaden an unserer Station anrichtet.“ „Wird gemacht, Bob“, erwiderte Erik, „obwohl, etwas Feuer unterm Hintern könnte euch doch bei der Kälte hier draußen nur willkommen sein. Adieu, wir sehen uns dann, so Gott will, in zwei Tagen wieder.“
Bob winkte lächelnd zum Abschied und verschwand vom Bildschirm. Ein Rumpeln ertönte und sie spürten eine leichte Erschütterung, als der Verbindungstunnel vom Schiff abgetrennt wurde. Trotzdem schwebte die PROMETHEUS noch nicht frei im Raum, denn drei Streben, mit Magnetklammern versehen, verbanden das Schiff noch mit der ISS. Erik befahl Gregori, die Klammern zu lösen. Danach blickte er zu seinem Copiloten hinüber und fragte: „Sind wir startbereit?“ Gregori deutete auf die zahllosen Anzeigen vor sich, die alle in beruhigendem Grün leuchteten, und meldete: „Der Computer meint, ja.“ Da atmete der Kommandant tief durch und befahl: „Rechte Steuerdüse auf ein Viertel, Heckdüse auf halben Impuls.“
Langsam, wie in Zeitlupe, löste sich die PROMETHEUS von der ISS und trieb davon. Während die Raumstation hinter ihnen langsam ihren Blicken entschwand, hatten die beiden Männer nun freie Sicht auf die blau schimmernde, leicht gekrümmte Planetenoberfläche.
Schweigend, ja geradezu andächtig, beobachteten Erik und Gregori, wie weit unter ihnen federartige Wolken zogen. In den Wolkenlücken konnte man die dunklen Konturen der Kontinente ausmachen, umspült vom Blau der Weltmeere. Erik brach als Erster das Schweigen: „Erst aus dem Orbit kann man die ganze Schönheit und Einzigartigkeit unsere Erde erfassen“, meinte er sinnend. „Ich weiß nicht, von welchen Teufeln wir geritten werden, dass wir dieses Juwel partout verlassen wollen, um uns dem kalten lebensfeindlichen Weltall auszuliefern.“ Nach einer Pause fügte er hinzu: „Was ich schon immer wissen wollte, Greg, was trieb dich in dieses riskante Abenteuer?“ Gregori, aus seinen Betrachtungen gerissen, schnaubte ärgerlich: „Es geht zum Mars, dem ‚Roten Planeten‘, da darf ein Russe nicht fehlen, du Speichellecker des Kapitalismus! Außerdem solltest du wissen, dass in Wahrheit Russland die Pionierarbeit im Weltall geleistet hat.“ „Sehe ich das richtig, allein zum Ruhm von Mütterchen Russland, allein aus Patriotismus, sitzt du hier neben mir?“, staunte Erik. Als der Russe nicht antwortete, ahmte Erik einen Tusch nach und rief: „Leute, feiert mit mir den Helden der Sowjetunion! Er hält den Kommunismus immer noch eisern hoch, obwohl schon alles den Bach hinuntergegangen ist.“
Damit hatte es der Amerikaner endgültig geschafft, den Russen auf die Palme zu bringen. „Du solltest Ideale, von denen du nichts verstehst, nicht in den Schmutz ziehen“, erwiderte Gregori mit gefährlich leiser Stimme. „Natürlich ist das Experiment eines real existierenden Sozialismus’ im vorigen Jahrhundert leider gescheitert. Doch das lag weniger an der Idee selbst als an dem Unvermögen der Menschen, die mit der Realisierung dieser Idee betraut waren. Schon in der Urkirche gab es Bestrebungen, das Eigentum abzuschaffen und die Interessen der Gemeinschaft über die des Individuums zu stellen. Daran siehst du, dass diese Idee nicht so schlecht sein kann!“
„Das ist alles ideologischer Humbug und geht völlig an der Realität vorbei“, unterbrach Erik den Russen heftig und fuhr fort: „Ich kann dir auch verraten, weshalb das Ganze scheitern musste. Der Mensch ist nämlich in erster Linie ein eingefleischter Egoist und benützt den Altruismus nur, um dies zu bemänteln. Eure ganze Erziehung zum Sozialismus ist am Menschen abgetropft, denn die Selbstsucht des Menschen ist in seinen Genen verankert und kann durch Umerziehung nicht beseitigt werden. Und selbst wenn ihr bei einer Generation Erfolge gehabt hättet, die nächste hätte alles wieder zunichtegemacht.“ „Wir haben Erfolge gehabt“, fiel Gregori Erik wütend ins Wort, „aber nicht die kommende Generation, sondern unsere Partei, unsere oligarchische Führung hat sie zunichtegemacht. Das kann man im Nachhinein deutlich erkennen. Die Menschen in unserem Land hätten vielleicht noch weiter an den Kommunismus geglaubt, hätte nicht unsere Führung eine Karikatur aus der Idee gemacht.“ „Gut erkannt, Gregori“, stimmte ihm Erik zu, „aber gerade das stützt meine These – Egoismus dominiert Altruismus!“
Nach kurzem Schweigen fuhr Erik fort: „Wenn ich dich also recht verstehe, so hat dich Idealismus und Patriotismus zu diesem Marsabenteuer getrieben?“ „Nicht ganz – es gibt noch andere Gründe“, erwiderte der Russe zur Eriks Überraschung. „Ich bin wie du Testpilot gewesen und da habe ich mich daran gewöhnt, Risiken einzugehen. Seien wir doch einmal ehrlich: als Testpiloten brauchen wir den Adrenalin-Kick und, wie jeder Junkie, erhöhen wir die Risikodosis.“ Gregori starrte gedankenverloren auf die blau schimmernde Erde unter ihnen und fuhr dann etwas verlegen fort: „Ich glaube, es gibt noch einen weiteren Grund, doch den wirst du als Junggeselle wohl kaum verstehen. Du kennst nicht die russische Großfamilie! Meine Familie, meine Eltern und die Eltern meiner Frau, wir alle leben unter einem Dach. Da sind Reibereien vorprogrammiert. Versteh mich nicht falsch, ich liebe meine Familie und kehre gern zu ihr zurück. Zunächst ist die Wiedersehensfreude groß, doch nach ein paar Tagen stehe ich plötzlich in der lästigen Pflicht, ständig Familienstreitigkeiten zu schlichten oder meine drei Lausbuben zu züchtigen und dann, ob du es glaubst oder nicht, fühle ich mich erleichtert, wenn mich eine dringliche Aufgabe von zu Hause wegholt.“
Erik, der bei den letzten Worten des Russen immer mehr zu grinsen begonnen hatte, konnte sich nicht länger zurückhalten und prustete los: „Greg, das ist köstlich, du bist also in erster Linie bei diesem Himmelfahrtskommando dabei, weil du vor deiner stressigen Großfamilie davonläufst?“ „Quatsch“, knurrte der Russe, „meine ersten beiden Gründe wiegen natürlich viel schwerer, aber warum erzähle ich dir das alles? Seit wann versteht ein Junggeselle etwas von Familienangelegenheiten?“
„Ah, ich verstehe, Patriotismus und Adrenalin-Kick“, japste Erik, der sich immer noch nicht beruhigen konnte und sich die Tränen aus den Augen wischte. „So viel zu meinen Gründen“, brummte Gregori beleidigt. „Nun würde ich aber im Gegenzug gerne wissen wollen, was dich zu diesem Selbstmordkommando veranlasst hat?“ Erik wurde wieder ernst. „Am besten fragst du dazu unsere Musterpsychologin, Julia Winter, denn die hat längst herausgefunden, weshalb ich hier bin“, antwortete er ausweichend. Der Russe lächelte zynisch und meinte: „Das glaube ich dir aufs Wort, denn unsere hübsche Kollegin versteht es meisterhaft, Männer einzuwickeln und ihnen die Würmer aus der Nase zu ziehen. Besonders gut gelingt ihr das bei unbedarften Machos, die hinter jedem Rock herlaufen.“ Diesmal reagierte Erik erbost und wütend: „Das ist doch lachhaft! Wer hat denn Miss Winter ständig den Raumanzug hinterhergeschleppt, war das nicht ein gewisser Gregori Danilov? Oder sieh dir mal Louis an! Seit er unsere Ärztin zum ersten Mal zu Gesicht bekommen hat, balzt er um sie herum wie ein betrunkener Auerhahn. Und selbst Han Li, dieser Zwerg, verbringt fast seine ganze Freizeit mit Julia, angeblich, um mit ihr über extraterrestrisches Leben auf dem Mars zu diskutieren.“ „Mein Gott“, amüsierte sich Gregori, „hat es dich aber erwischt. So eifersüchtig habe ich dich ja noch nie erlebt!“
„Eifersüchtig!“, donnerte Erik, „spinnst du jetzt komplett? Ich mache mir lediglich Gedanken darüber, wie wir dieses gefährliche Unternehmen über die Bühne bringen wollen, wenn wir, statt wie ein zusammengeschweißtes Team zu handeln, ständig untereinander Privatfehden und Rivalitäten austragen.“ „Na, dann würde ich an deiner Stelle schon mal damit anfangen, Job und Privates voneinander zu trennen, denn du bist der einzige Junggeselle unter uns, während wir drei anderen bereits erprobte Ehegatten und beziehungs-gefestigte Persönlichkeiten sind“, erklärte Gregori schmunzelnd. Erst jetzt bemerkte Erik, dass ihn der Russe auf die Schippe genommen hatte, und wiederholte lachend: „Erprobte Ehegatten und gefestigte Persönlichkeiten, das ist gut, das muss ich mir merken. Ich fürchte nur, wenn ihr nicht aufpasst, seid ihr bald tote gefestigte Persönlichkeiten. Aber Schluss mit dem Geplänkel, wir müssen das Plasmatriebwerk testen!“
„Sind wir weit genug von der ISS entfernt?“ Der Russe zog eine Anzeige zu Rate und meinte: „In 10 Minuten ist es so weit, dann können wir den Reaktor hochfahren, ohne die Station zu gefährden, wenn wir ihn im Notfall absprengen müssten.“ „Ich würde das an deiner Stelle nicht beschreien, doch ich bin sicher, ein solcher Notfall wird nicht eintreten. Schließlich wurde der Reaktor auf der Erde monatelang im Dauerbetrieb getestet.“ „Ja, ganz recht, auf der Erde, doch noch nie im Weltall!“, brummte Gregori. „Weißt du übrigens, dass ich seit Wochen den gleichen Albtraum habe? In diesem Traum versagt das Plasmatriebwerk gerade auf halber Strecke zwischen Erde und Mars.“ „Ein reizender Gedanke“, knurrte Erik. „Du weißt schon, was das bedeutet? Adieu Erde und her mit den Giftkapseln!“
„Das wird nicht so einfach sein“, gab der Russe zu bedenken. „Was?“ „Na die Sache mit den Giftkapseln. Ich denke, der Überlebenswille jedes Einzelnen von uns ist so übermächtig, dass wir die Kapseln nicht schlucken würden, wenn auch nur noch ein kleines Fünkchen Hoffnung bestünde.“ „Hoffnung?“, fragte Erik mit diabolischer Miene, „wo siehst du da Hoffnung, 30 Millionen Kilometer von der Erde entfernt? Wir hätten nur die Wahl zwischen Ersticken oder Erfrieren, denn wenn der Reaktor ausfiele, hätten wir im Mannschaftsmodul auch keine Energie mehr für die Lebenserhaltung.“ „Falsch“, behauptete Gregori, „wir hätten immer noch die Sonnenpaddel und wer sagt denn, dass bei einem Ausfall des Plasmatriebwerkes gleichzeitig auch der ganze Reaktor ausfallen müsste.“ „Aber wir hätten keinen Antrieb mehr und eine derartige Havarie im Weltraum hat noch keiner überlebt. Doch ich sehe schon, du hast auch darauf eine Antwort.“ „Ganz recht, ich habe mir Gedanken über eine derartige Situation gemacht und du wirst zugeben, dass permanente Albträume ein starker Anreiz dafür sind, nach Lösungen für solche Probleme zu suchen. Also hör dir an, was mir dazu eingefallen ist, und unterbrich mich, wenn ich deiner Meinung nach anfange, Blödsinn zu verzapfen.
Sagen wir, auf der Hälfte der Strecke zum Mars fiele unser Antrieb aus, dann hätten wir in etwa unsere Maximalgeschwindigkeit erreicht, stimmt es?“ „Ja, stimmt“, räumte Erik ein. „Und da wir nicht abbremsen können“, fuhr Gregori fort, „würden wir den Mars früher als geplant erreichen. Das heißt doch, wir könnten noch innerhalb des Startfensters zurückfliegen. Und, was noch toller ist, wir könnten sogar durch ein Swingby-Manöver um den Mars herum noch mehr Geschwindigkeit für den Heimflug aufnehmen. Wir wären dann, sagen wir mal, in 2 Monaten wieder in Erdnähe.“ „Ah, ich verstehe“, staunte Erik. „Du spielst das Apollo 13 Szenario nach. Aber bedenke, wir hätten immer noch keine Energie für die Lebenserhaltung und wir kämen mit einer affenartigen Geschwindigkeit bei der Erde an.“
„Bei dieser kurzen Flugdauer könnten die Plutonium-Batterien im Mars-Lander und die Energie aus den Sonnenpaddeln durchaus reichen“, behauptete Gregori. „Die PROMETHEUS könnten wir ohne Antrieb natürlich nicht abbremsen. Sie würde in der Atmosphäre verglühen. Doch wir könnten zuvor in den Mars-Lander umsteigen und diesen durch mehrmaliges Umkreisen der Erde in der oberen Stratosphäre langsam abbremsen. Vielleicht könnten uns die ISS oder die Bodenstation auch ein Shuttle entgegenschicken, dann müssten wir das nur für den Mars konstruierte Gerät nicht einmal landen. Du siehst, wir hätten eine Chance.“ „Ja, eine Chance hätten wir, wenn auch eine sehr geringe“, gab Erik zu.
Gregori deutete auf den Bildschirm über ihren Köpfen, der die im Sonnenlicht strahlende Erde zeigte und sagte: „Um sie noch einmal aus der Nähe zu sehen, um zu ihr zurückzukehren, dafür würde ich alles Menschenmögliche tun, du etwa nicht?“ „Natürlich“, seufzte Erik. „hoffen wir, dass wir es irgendwie schaffen!“
Eine Weile herrschte Schweigen im Cockpit und die beiden Piloten hingen ihren Gedanken nach. Erik unterbrach schließlich die Stille und meinte: „Da ich nun deinen Albtraum kenne, ist es nur recht und billig, dass du auch meine diesbezüglichen Träume kennenlernen solltest. Das Ganze fing schon während unseres Trainings auf der Erde an. So durchschlug z. B. in einem meiner Träume ein Meteor das Mannschaftsmodul und die Luft entwich – wie aus einem Gummiballon. Danach träumte ich, die zum Mars vorausgeschickten Ausrüstungsgegenstände seien defekt und wir säßen für immer auf diesem verrosteten Planeten fest. Soll ich fortfahren?“ „Um Himmels willen, nein, du bist ja ein heilloser Pessimist, mit so jemandem zu fliegen, ist ja geradezu eine Strafe! Wenn unsere Mission schon so brandgefährlich ist, sollten wir dann nicht zum Rückzug blasen? So könnten wir beispielsweise bei unserem Probeflug den Reaktor absprengen und behaupten, er sei defekt gewesen. Das würde die Mission um Monate verzögern. Wir würden das Startfenster verpassen und andere lebensmüde Astronauten müssten den Flug zum Mars antreten.“
„Was?“, rief Erik entsetzt, „du willst ein 500 Milliarden-Dollar-Projekt an die Wand fahren? Bist du noch bei Trost? Doch was wundere ich mich, ihr Russen wart ja schon immer die geborenen Saboteure!“
Gregori schüttelte in gespieltem Bedauern den Kopf: „Wie gesagt, du bist ein heilloser Pessimist, ohne einen Funken Humor. Erik, du würdest einen Scherz nicht einmal erkennen, selbst wenn er dir vor der Nase baumelte. Hältst du mich wirklich für so feige, dass ich zu so einer Tat fähig wäre?“ „Für einen Moment … , du hast so ernst und überzeugt geklungen“, meinte Erik kopfschüttelnd. „Das ist ja der Witz beim Scherz, der Erzähler muss überzeugend klingen, ansonsten kann man es gleich bleiben lassen“, erklärte der Russe lächelnd. „Du mäkelst also an meiner pessimistischen Einstellung herum?“ Erik klang immer noch etwas beleidigt. „Hast du dir schon einmal überlegt, welch schwere Verantwortung als Kommandant dieses Unternehmens auf mir lastet? Das Ganze ist doch absolutes Neuland und es ist nur natürlich, dass ich mir auch Katastrophen ausmale, auf die ich eine richtige und schnelle Antwort finden muss. Da wird man zwangsläufig zum Pessimisten und findet nur noch wenige Dinge witzig.“ „Willst du jetzt als armer geplagter Kommandant Mitleid bei mir schinden?“, fragte Gregori. „Aber du hast wohl recht, um nichts in der Welt möchte ich mit dir tauschen! Mir reicht vollauf mein Ingenieursjob. Wie du gesehen hast, führt schon die Verantwortung, all die Technik am Laufen zu halten, bei mir zu Albträumen.“ „Vergessen wir die blöden Albträume und testen wir lieber das Plasmatriebwerk“, schlug Erik vor.
„Reicht der Abstand zur ISS inzwischen?“ „Ja, der Abstand ist o. k., fangen wir also an“, stimmte Gregori zu. Er drückte auf den Knopf, der den Reaktor hochfahren würde. Während sie beide auf die Temperaturanzeige der Reaktorkammer starrten, knurrte der Russe: „Eines solltest du allerdings wissen, Erik, wenn der atomare Antrieb nur ein einziges Mal ins Stottern gerät, setze ich keinen Fuß mehr in diese Blechkiste, denn meine Großmutter hat gesagt, man soll auf seine Träume hören.“ „Wollen wir wetten, du Angsthase, dass nichts dergleichen passieren wird?“, bot Erik seinem Ingenieur an. Doch der Russe zeigte ihm nur den Vogel und schwieg.
Erik lag mit seiner Vermutung völlig richtig, die Initialisierung des Plasma-Triebwerkes verlief völlig reibungslos. Erik teilte die gute Nachricht sowohl Bob Miller als auch der Bodenstation mit. Pullok geriet vor Begeisterung ganz aus dem Häuschen. „Hab ich es euch nicht gesagt, ihr habt das beste Raumschiff, das ihr kriegen könnt. Also testet es jetzt 48 Stunden auf Herz und Nieren – wie ausgemacht!“ Der Schub, den dieser neuartige Antrieb erzeugte, war zwar minimal, doch das Ergebnis summierte sich im Laufe der Zeit und die PROMETHEUS wurde in immer höhere Umlaufbahnen gehoben. Nach 24 Stunden befanden sich die beiden Astronauten weiter von der Erde entfernt als jeder Erdsatellit und jeder Mensch. Pünktlich nach 24 Stunden schaltete Erik auf Umkehrschub.
Die PROMETHEUS näherte sich in Spiralen wieder der Erde und erreichte schließlich erneut die Umlaufbahn der ISS. Mit den von flüssigem Wasserstoff betriebenen Steuertriebwerken näherte sie sich wieder der Raumstation und dockte an.
Die beiden Männer waren hundemüde, obwohl sie sich bei der Steuerung des Raumschiffes abgelöst hatten. Dennoch konnten sie mit Ablauf der letzten beiden Tage zufrieden sein, denn die PROMETHEUS hatte sich als raumtüchtig erwiesen. Als das Raumschiff wieder sicher mit der ISS verbunden war, vertrieb die Euphorie über den gelungenen Testflug Eriks Müdigkeit. Er knuffte Gregori in die Seite und sagte aufgekratzt: „Na, was sagst du nun, ist das Schiff jetzt startbereit oder nicht? Endlich hat die elende Warterei ein Ende.“ Der Russe ließ sich Zeit mit der Antwort. Schließlich meinte er nüchtern: „Sieht so aus, als ob die alte Blechkiste o. k. ist. Du solltest aber bedenken, wenn wir damit zum Mars und zurück fliegen wollen, muss das Schiff zwei Jahre lang einwandfrei funktionieren. Die lächerlichen zwei Tage unseres Testflugs sagen da noch herzlich wenig aus.“ „He, wer ist nun eigentlich der Pessimist von uns beiden?!“, rief Erik verwundert aus, „oder hat dir am Ende die Müdigkeit das Hirn vernebelt. Komm, lass uns aussteigen, sonst schläfst du mir hier am Ende noch ein.“
Das Schnarren seiner Armbanduhr weckte Erik am anderen Tag aus einem unruhigen Schlaf voller bizarrer Träume. Für einen Moment glaubte er, sich noch auf der PROMETHEUS zu befinden, bis er seine eigene Kabine auf der ISS erkannte.
Es war schon seltsam, wie Bilder aus der Vergangenheit den Geist gefangen zu halten vermochten. Das Gespinst von Erinnerungen zeigte doch mehr Verknüpfungen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, als dem Menschen je bewusst werden konnte. Erik schüttelte benommen den Kopf, um seine Schlaftrunkenheit loszuwerden, denn die Zeit drängte. Morgen würde er mit der PROMETHEUS zu einem nie gekannten Abenteuer aufbrechen und heute … ja heute würde er zu spät zur Pressekonferenz kommen. Er befreite sich vorsichtig aus seinem fixierten Schlafsack, stieß sich leicht von seinem Bettgestell ab und segelte hinüber zu einem Spiegel, der an der Schmalseite des Raumes angebracht war. Was ihm da entgegenblickte, quittierte er mit einer Verwünschung. Der Spiegel zeigte ein müdes Gesicht mit verquollenen Augen und Haare, die in allen Richtungen vom Kopf abstanden. So konnte er unmöglich vor eine Fernsehkamera treten! Wie gern hätte er jetzt eine heiße Dusche genommen, doch in der Schwerelosigkeit war das so gut wie unmöglich. Er griff deshalb zu einer Tube, die unterhalb des Spiegels befestigt war, quetschte aus ihr etwas Haargel heraus und verteilte es vorsichtig auf seinem Kopf. Danach griff er zu einem Kamm und versuchte, sein Haar zu bändigen. Er zerrte ein Taschentuch aus seiner Hose, befeuchtete es an einer aufgehängten Wasserflasche, fuhr sich damit über das Gesicht und rieb sich den Schlaf aus den Augen.




