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Das Ergebnis seiner Bemühungen war zwar dürftig, doch es war alles, was er im Moment tun konnte. Toilette zu machen und ein Minimum an Ordnung in seiner Kabine aufrechtzuerhalten, war auf der ISS, verglichen mit der gleichen Tätigkeit auf der Erde, eine wahre Sisyphusarbeit. Buchstäblich alles, was man vergaß festzuzurren, schwebte irgendwo im Zimmer herum oder war unauffindbar. Erik schnitt seinem Ebenbild im Spiegel eine Grimasse, stieß sich von der Wand ab und hechtete zur Tür. Er hatte es wirklich eilig.
Draußen auf dem Bogengang vor seiner Koje angekommen, hangelte er sich mit affenartiger Geschwindigkeit an einem Geländer entlang. Er wurde immer schneller, bis er sich wie ein Habicht im Sturzflug fühlte und prallte prompt an der nächsten Gangkreuzung mit einem Crewmitglied der Station zusammen. Beide verloren den Halt an ihrer jeweiligen Führungsstange und schlugen Purzelbäume. Der Mann starrte Erik grimmig an, denn er gab ihm die Schuld an dem Zusammenstoß, da er von links gekommen war. Trotz ihrer misslichen Lage musste Erik unwillkürlich grinsen. Wie bescheuert waren doch die Menschen, dass sie selbst auf einer Raumstation die Regel rechts vor links beibehalten hatten. „Haben Sie sich verletzt?“, erkundigte sich Erik bei dem Mann, nachdem sich das Menschenknäuel entwirrt hatte. Der Mann winkte ab und wurde sogar eine Spur freundlicher, als er in Erik den Kommandanten der PROMETHEUS erkannte. Erik hastete weiter und landete kurze Zeit später im Konferenzraum der ISS.
Dort war schon seine ganze Crew versammelt und selbst Bob Miller hatte sich mit einigen seiner Männer eingefunden, um an der Pressekonferenz teilzunehmen. Doch ehe die Konferenz begann, hatte man es so eingerichtet, dass zuerst die Astronauten sich von ihren Familien verabschieden konnten. Da Erik von niemandem Abschied nehmen konnte (seine Eltern waren bereits tot und Geschwister hatte er keine), nahm er in der zweiten Reihe neben Miller Platz. Der flüsterte ihm zu: „Na, gerade noch geschafft, gleich geht das Heulkonzert los. Sie fangen mit Südamerika an.“ Eriks Crew saß angeschnallt in der ersten Reihe und starrte auf den großen Bildschirm vor ihnen, als hinge ihr Leben davon ab. Plötzlich erglühte der Bildschirm, eine Art Schneegestöber wanderte über sie hinweg und dann stand die Leitung zur Erde. Man sah ein Studio in Rio und darin saß Maria Vargas. Sie hatte ein süßes, etwa 8-jähriges kaffeebraunes Mädchen auf dem Schoß, das eine rote Schleife im Haar trug. Ihre rechte Hand umklammerte die Hand eines etwa 10-jährigen Jungen, der erschrocken in die Kamera blickte. Durch den Körper von Louis ging ein Ruck, er zwang ein Lächeln auf sein zuvor ernst blickendes Gesicht und er begann sofort, seine Familie mit einem Schwall portugiesischer Worte zu überschütten. Erik erkannte die rassige, fröhliche und bildschöne Frau von Louis nicht wieder, wie sie mit großen, traurigen Augen an den Lippen ihres Mannes hing, damit ihr nur ja keines seiner Worte entging.
Auch ihr Sohn schien den Ernst der Lage erfasst zu haben, denn er blickte genau so traurig wie seine Mutter. Nur das kleine Töchterchen lachte und klatschte in die Hände, als sie ihren Vater erkannte. Der Brasilianer wollte offenbar die Stimmung seiner Familie etwas auflockern, denn er schnallte sich los und zeigte, wie man in der Schwerelosigkeit schweben konnte. Da verzog sich auch das Gesicht seines Jungen zu einem schwachen Lächeln. Doch seine Frau konnte er damit nicht aufheitern. Sie rief ihm mit trauriger Stimme einige Abschiedsworte zu, denn ihre Sendezeit ging dem Ende zu. Augenblicke später wurde die Verbindung unterbrochen. Das gezwungene Lächeln schien auf dem Gesicht des Brasilianers zu gefrieren. Er blickte zu Boden und schlug die Hände vors Gesicht.
„Es ist eine Schande“, brummte Bob neben Erik, „die Sender opfern gerade einmal fünf Minuten für die Verabschiedung jeder Familie, obwohl das ein Abschied für immer sein könnte.“ „Ja“, knurrte Erik, „und dann nehmen sie sich zwei Stunden dafür Zeit, dass uns Klatschreporter mit ihren dämlichen Fragen löchern können.“
Er wollte sich noch weiter über die unbegreiflichen Gepflogenheiten von Fernsehsendern auslassen, kam aber nicht dazu, weil schon ein neues Bild über den Monitor flimmerte. Es wurde von St. Petersburg aus gesendet und zeigte Nastassia Danilowa mit ihren drei Söhnen. Erik kannte die Frau von Gregori nur aus dessen Erzählungen, aber genauso hatte er sie sich vorgestellt. Konnte man die Frau des Brasilianers mit einem rassigen Rennpferd vergleichen, so hatte man es hier offenbar mit einem biederen Ackergaul zu tun. Frau Danilowa war ebenso athletisch gebaut wie ihr Mann und hatte ein breitflächiges Gesicht mit hohen Wangenknochen. Dass etwas mongolisches Blut in ihren Adern floss, war offensichtlich. Gregori redete in gutturalem Russisch auf sie ein und sie antwortete ihm mit tiefer Altstimme und unbewegtem Gesicht. Nur in der Art, wie sie ihren jüngsten Sohn auf ihrem Schoß umklammerte, konnte man ihre Erregung erraten. Wie Wachsoldaten standen die beiden älteren Söhne von Gregori, in strammer militärischer Haltung, rechts und links von ihrer Mutter. Ein Vaterschaftstest erübrigte sich beim Anblick dieses Nachwuchses, dachte Erik amüsiert. Die Buben waren dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten.
Nachdem Gregori einige Worte mit seiner Frau gewechselt hatte, wandte er sich seinen Kindern zu. Mit strenger Miene und erhobenem Zeigefinger schien er sie zu ermahnen. Mein Gott, dachte Erik, selbst in so einer Situation liest er ihnen noch die Leviten, das darf doch nicht wahr sein! Doch offenbar geschah genau dies, denn Bob, der perfekt russisch sprach, lachte plötzlich laut auf und gluckste: „Das ist Gregori, wie er leibt und lebt! Er macht seine Söhne zur Schnecke und droht ihnen gar Prügel an, wenn sie der Mutter nicht aufs Wort folgen.“ Zum Glück wurde Gregoris Gardinenpredigt unterbrochen, als die 5 Minuten Sendezeit vorüber waren und seine Frau samt Kinder vom Bildschirm verschwanden.
An ihrer Stelle erschien nun Hans Gattin mit ihrer Tochter, die von einem Studio in Hongkong zugeschaltet waren. Genau genommen, sah man nur die Frau von Han, denn seine Tochter hatte sich hinter dem Rücken der Mutter versteckt und lugte nur mit einem ihrer mandelförmigen Augen dahinter hervor. Han gelang es, mit beruhigenden Worten das Mädchen hinter ihrer Mutter hervorzulocken. Jetzt sah man, dass die Kleine einen Wimpel der Volksrepublik China in der Hand hielt, während sie sich mit der anderen Hand ängstlich an ihre Mutter klammerte. Ihre Mutter schaffte es, ihren eh schon kleinwüchsigen Gatten noch um 10 Zentimeter an Größe zu unterbieten.
Sie war eine zierliche Kindfrau mit hochgestecktem schwarzem Haar und einem Gesicht wie aus Meißener Porzellan. Sie antwortete ihrem Gatten mit glockenheller Stimme, was in Eriks Ohren wie Vogelgezwitscher klang. Ihr Gesicht wirkte dabei maskenhaft, war jedoch von unnatürlicher Blässe, was auf ihre innere Erregung hindeutete. Als sie sich schließlich am Schluss der Sendung, mit gefalteten Händen, vor ihrem Gatten verbeugte, war es mit Hans mühsam aufrechterhaltener Beherrschung vorbei. Seine sonst so undurchdringlichen Gesichtszüge verzerrten sich wie im Krampf und eine einsame Träne rollte über seine rechte Wange.
Hans Familie verschwand vom Monitor und an ihrer Stelle erschien ein würdiger alter Herr mit schlohweißem Haar und einem Oberlippen-Bärtchen. Es war der Vater von Julia Winter, der sich in einem Hamburger Studio eingefunden hatte, um Abschied von seiner Tochter zu nehmen. Die Ärztin versteifte sich etwas beim Anblick ihres Vaters, hatte sich jedoch gleich wieder gefasst und versuchte, ihm freudige Begrüßungsworte zuzurufen.
Das Gleiche hatte offenbar auch ihr alter Herr vor, sodass sie am Anfang ihres Gespräches etwas aneinander vorbeiredeten. Die Spannung zwischen den beiden war mit Händen zu greifen, obwohl sie sie tunlichst unter den Teppich zu kehren versuchten. Erik konnte sich gut vorstellen, wie der Vater lange Zeit versucht hatte, die Tochter von diesem „irrsinnigen Schritt“ in den Weltraum abzuhalten. Doch die Tochter hatte letztendlich ihren Kopf durchgesetzt. Ihre Querelen wollte allerdings keiner der beiden beim Abschied wieder hochkochen lassen. So verschwand der Medizinprofessor nach letzten aufmunternden Worten an seine einzige Tochter vom Bildschirm.
„Geschafft“, seufzte Bob neben Erik, „wenigstens den ersten Teil der Tortur, denn das Schlimmste steht uns ja noch bevor! Gleich wird Pullok eine ganze Meute von Reportern auf euch hetzen.“ „Ah, Pullok leitet die Pressekonferenz, das hätte ich mir denken können. Unser Missionsleiter lässt doch keine Gelegenheit aus, wenn es um Publicity geht.“ „Ich glaube, da tust du ihm unrecht“, wandte Bob ein. „Er wirbt ja nicht für sich selbst, sondern für die ewig klamme NASA.
Ich sitze doch ebenfalls nur hier, um die Belange der ISS ins rechte Licht zu rücken, damit der Kelch der nächsten Kürzung unseres Budgets an uns vorübergehen möge. Und dabei würde ich noch lieber als Straßenbahn-Schaffner arbeiten, als mich hier von bescheuerten Reportern löchern zu lassen.“ „Wann fängt der Zirkus an?“, wollte Erik wissen. „In fünf Minuten“, brummte Bob. „Man lässt uns, oder besser gesagt deiner Crew noch etwas Zeit, damit sie den Abschied von ihren Familien verdauen kann.“
Die 5 Minuten mussten längst verstrichen sein, als der Bildschirm vor ihnen wieder zum Leben erwachte. Er zeigte einen großen Saal, der bis auf den letzten Platz besetzt war, und selbst entlang der Wände standen die Leute. Die Menschen im Saal waren erregt, diskutierten, gestikulierten – der Lärmpegel war beachtlich. An der Stirnseite des Raumes hatte man ein Podium errichtet, dort thronte Pullok, von zwei seiner Assistenten flankiert. Er hatte seinen mächtigen Oberkörper, durch seine nicht minder gewaltigen Arme abgestützt, nach vorne gebeugt und maß mit dem Blick eines Raubtierdompteurs die Meute der Reporter. Nachdem ihm durch ein Zeichen mitgeteilt worden war, dass man bereits auf Sendung war, straffte sich sein Oberkörper und er griff zum Mikrophon. In kurzen Worten erklärte er, wie die Pressekonferenz ablaufen würde. Zunächst kämen die Reporter zu Wort, die ihre Fragen schriftlich eingereicht hätten, danach diejenigen, die sich spontan zu Wort meldeten. „Würde mich nicht wundern, wenn der alte Gauner die Fragen, die der NASA unangenehm werden könnten, gleich in den Papierkorb geworfen hätte“, meinte Bob lachend. „Darauf kannst du wetten, dass der Schlaumeier alle Fragen zensiert hat“, brummte Erik. „Apropos Wette: wetten, dass die erste Frage, wie auch die meisten anderen, an unsere hübsche Astronautin gehen werden?“ Bob lachte, „das könnte dir so passen, mein Lieber, aber gegen aussichtslose Wetten bin ich immun.“
Erik sollte recht behalten. Ein Reporter der „Herold Tribune“ hatte die Ehre, die erste Frage zu stellen. Aus der Masse der Reporter erhob sich ein Herr mit graumeliertem Haar und griff zum Mikrofon. Sich der weltweiten Aufmerksamkeit bewusst, legte er zunächst eine kleine Kunstpause ein, ehe er mit sonorer Stimme verkündete: „Meine erste Frage geht an Dr. Winter. Miss Winter, wie fühlen Sie sich als einzige Frau unter lauter Männern, sozusagen als Henne im Korb?“
Über das Gesicht der Ärztin lief ein unheilverkündendes Zucken, doch sie beherrschte sich und antwortete kühl: „Jeder im Team der Mars-Astronauten hat seine speziellen Aufgaben und dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob es sich dabei um einen Mann oder eine Frau handelt.“ Der Mann wollte eine weitere Frage stellen, doch Pullok schnitt ihm einfach das Wort ab und erteilte es stattdessen einem kleinen agilen Mann, der den größten Fernsehsender Brasiliens vertrat.
Der Mann kam ohne Umschweife zur Sache und seine Frage richtete sich – wie könnte es auch anders sein – dachte Erik ergeben, an Julia Winter. „Frau Dr. Winter, Sie sind meines Wissens die einzige Ärztin an Bord der PROMETHEUS“, begann er, „wie steht es mit der medizinischen Ausrüstung an Bord ihres Schiffes? Sind Sie damit in der Lage, Notoperationen durchzuführen? Sagen wir: Knochenbrüche oder Blindarmentzündungen zu behandeln?“ „Die medizinische Ausrüstung an Bord ist exzellent“, antwortete die Ärztin lebhaft. „Wir sind damit durchaus in der Lage, leichte bis mittelschwere Operationen durchzuführen. Im Übrigen bin ich nicht der einzige Arzt an Bord. Professor Han Li hat neben Biologie auch noch Medizin studiert und könnte mir daher im Notfall, der hoffentlich nicht eintreten wird, assistieren.“
Offenbar hatten sich die Reporter auf Julia Winter eingeschossen, denn auch die nächste Frage ging an sie. Ein junger Mann mit modischer Brille und einem sorgfältig gestutzten Oberlippenbärtchen fragte sie, wie das Mannschaftsmodul der PROMETHEUS vor den harten Gammastrahlen aus dem Weltraum geschützt sei. Doch die schöne Ärztin leitete die Frage geschickt an Gregori weiter, indem sie behauptete, nicht so viel von Technik zu verstehen wie der Ingenieur der Crew.
Gregori antwortete auf seine unnachahmliche brummige Art: „Natürlich ist unser Mannschaftsmodul gegen Strahlen geschützt, und zwar durch eine 5 cm dicke Schicht aus Nano-Kohlenstoffröhren. Trotzdem kriegen wir noch jede Menge an Sekundärstrahlen ab. Die einzige Möglichkeit gegen größere gesundheitliche Schäden besteht darin, unseren Aufenthalt im Weltraum so kurz wie möglich zu halten. Daher wurde eine direkte Route zum Mars gewählt, während er in Opposition zu uns steht, was wiederum nur durch das neu entwickelte Plasma-Triebwerk möglich wurde.“
Endlich wurde auch eine Frage an den Kommandanten der Mission gestellt. Erik hatte sich schon gefreut und gemeint, man habe ihn vergessen. Eine junge Reporterin, die ihn anstrahlte, wollte wissen, wie er sich verhalten würde, wenn das zum Planeten vorausgeschickte Material Mängel aufweisen sollte. „Würden Sie dann sofort wieder die Heimreise antreten oder würden Sie improvisieren, um die Mission doch noch zu einem Erfolg zu führen?“ Erik wunderte sich, dass Reporter immer wieder Fragen stellten, bei denen die Antwort bereits auf der Hand lag. „Ich würde selbstverständlich noch innerhalb des Startfensters umkehren“, antwortete er mit fester Stimme. „Sie machen mir vielleicht Spaß, junge Frau, improvisieren auf einem fremden Planeten mit unbekannten Gefahren, das wäre das reinste Vabanque-Spiel. Außerdem bin ich nicht der Meinung, dass damit die Mission komplett gescheitert wäre. Die Menschheit hätte zum ersten Mal einen fremden Planeten erreicht und allein die gesammelten Bodenproben hätten einen unschätzbaren wissenschaftlichen Wert.“
Die junge Reporterin, der langsam klar wurde, dass sie eine überflüssige, wenn nicht gar dumme Frage gestellt hatte, setzte sich errötend. An ihrer Stelle erhob sich eine grauhaarige Dame mit modischem Pagenschnitt und griff gelassen zum Mikrophon. „Professor Li“, scholl ihre klare Altstimme durch den Saal, „erwarten Sie, auf dem Mars extraterrestrisches Leben vorzufinden?“ Oh je, Volltreffer, dachte Erik bekümmert. Die Reporterin hatte das Lieblingsthema von Han getroffen. Jetzt würde der Professor niemanden mehr zu Wort kommen lassen und den Rest der Pressekonferenz alleine bestreiten! Han legte auch sogleich los: „Hochverehrte Reporterin, der Mars war nicht immer der knochentrockene, verrostete Wüstenplanet, der nun kaum noch eine Atmosphäre besitzt. Vor circa 4 Milliarden Jahren ähnelte der Mars vielmehr der Erde in ihrer Frühphase. Das heißt, es gab flache Meere, Vulkanismus, die Atmosphäre war dichter und selbst die Temperaturen lagen höher als heute. Etwa zu dieser Zeit, also schon vor 4 Milliarden Jahren, begannen sich in den irdischen Weltmeeren Vorstufen des Lebens zu bilden. Diese haben sich schon eine Milliarde Jahre später zu kompletten Einzellern entwickelt, die man heute als Fossilien in 3 Milliarden altem Felsgestein nachweisen kann. Diese schon erstaunlich hochentwickelten Blaualgen, sogenannte Eukaryonten, besaßen bereits Zellkerne und Mitochondrien und … “
Hier wagte die Reporterin, den Professor zu unterbrechen. „Hochverehrter Herr Professor, mich interessiert weniger die irdische Evolution, ich wollte lediglich wissen, ob sich auch auf dem Mars Leben entwickelt haben könnte.“ „Aber diese Frage bin ich ja im Begriff zu beantworten“, polterte Han ungehalten über die Unterbrechung seiner Ausführungen, „denn so die glasklare Schlussfolgerung: Warum sollte auf dem Mars denn nicht auch eine biologische Evolution in Gang gekommen sein, wenn die Ausgangsbedingungen auf dem Mars mit denen der Erde fast identisch waren?“ „Aber die Marssonden aus dem vorigen Jahrhundert“, warf die Reporterin schüchtern ein – doch weiter kam sie nicht. Han Li gebot ihr mit einer herrischen Geste zu schweigen und rief erzürnt: „Die früheren Marssonden, diese uralten Marssonden, haben doch nur an der Oberfläche des Planeten gekratzt. Dort konnten sie ja gar kein außerirdisches Leben finden! Es befindet sich nämlich meiner Meinung nach exakt dort, wo auch das Wasser des Planeten verschwunden ist, nämlich in der unterirdischen Permafrostschicht.“ „Im Eis?“, fragte die Reporterin zweifelnd. „Selbstverständlich!“, behauptete der Professor kühn, „natürlich in partiell geschmolzenem Eis, denn Wasser benötigt das Leben in jedem Fall. Und wenn Sie nun meinen, das sei unmöglich, so will ich Ihnen gern vor Augen führen, unter welch lebensfeindlichen Bedingungen Einzeller auf der Erde zu überleben vermögen.“ Doch dazu kam der Professor nicht mehr. Pullok dankte ihm für seine interessanten Ausführungen und entzog ihm schlicht das Wort. Er rief einfach den nächsten Reporter auf.
Der Aufgerufene, ein kleiner schlanker Mann mit Hakennase und stechenden Augen, wandte sich an Louis. „Dr. Vargas, weshalb schickt man ausgerechnet einen Astronomen auf die gefährliche Reise zum Mars?“ Louis zeigte sein schönstes Kameralächeln, seine weißen Zähne blitzten auf, doch seine Augen lächelten nicht mit. In ihnen glitzerte eher so etwas wie Mordlust. Schließlich siegte jedoch seine gute Erziehung über sein brasilianisches Temperament und er erklärte gelassen: „Wie Sie vielleicht wissen, obwohl ich da wegen Ihrer Frage so meine Zweifel habe, bin ich Spezialist im Fach Planetologie und schließlich fliegen wir ja zu einem Planeten und wollen ihn erforschen. Dies ist für alle Planetologen ein äußerst spannendes Unterfangen, denn wir können dabei zwei Himmelskörper, die sich vor Jahrmilliarden aus der protoplanetaren Scheibe unserer Sonne gebildet haben, miteinander vergleichen. Wir Wissenschaftler erwarten uns davon insbesondere neue Erkenntnisse über die Entstehung unseres Sonnensystems.“ Der Reporter blickte etwas verwirrt drein, setzte sich dann und begann, sich eifrig Notizen zu machen.
Auch an Bob Miller hatte man Fragen. So wollte eine Reporterin wissen, welchen Beitrag die ISS zur Durchführung der Marsmission geleistet habe. Hier war Bob in seinem Element, denn er konnte für seine Station kräftig die Werbetrommel rühren.
Er antwortete, dass es ohne die ISS die PROMETHEUS gar nicht gäbe, denn schließlich sei sie von der Station aus zusammengebaut worden. Er wies darauf hin, wie wichtig die ISS für die Wissenschaft und die Raumfahrt sei, und nannte sie gar das „Sprungbrett zu den Sternen“.
Je länger sich das Karussell der Fragen und Antworten drehte, desto klarer erkannte Erik den Tenor dieser ganzen Veranstaltung. Hier ging es weniger um wissenschaftlichen Fortschritt oder um ein epochales Ereignis in der Menschheitsgeschichte, sondern um eine Werbeveranstaltung und um pure Sensationsgier. Die Reporter wetteiferten darin, ihrem Publikum Sensationen zu liefern. Die Zuschauer indes hatten sich sicher längst ihre Meinung gebildet. Für sie waren die fünf Astronauten lediglich Opfertiere, die man auf dem Altar der Wissenschaft zu opfern gedachte. Interessant war dabei nur, auf welche Weise die fünf Leute umkommen würden.
Schafften sie es bis zum Mars? Kamen sie auf dem Planeten um? Oder erwischte es sie erst auf dem Rückflug? Wetten wurden noch angenommen! Die wenigsten glaubten daran, dass sie die vier Männer und die hübsche junge Frau je wiedersehen würden. Besonders eine Frage machte deutlich, dass es hier im Wesentlichen um reine Sensationsgier ging. Sie wurde von einem untersetzten glatzköpfigen Mann an Julia Winter gestellt.
Der Mann lächelte süffisant und begann: „Frau Dr. Winter, stimmt es, dass die harte Gammastrahlung des Weltraums insbesondere das Erbgut in den Keimdrüsen schädigt, sodass man eventuell mit Missgeburten rechnen muss? Stimmt es ferner, dass die NASA Ihnen deshalb angeboten hat, die Keimzellen der Astronauten kryostatisch zu konservieren? Und haben Sie von diesem Angebot Gebrauch gemacht?“ Die Ärztin fixierte den kleinen käferartigen Mann mit einem derartig eisigen Blick, dass Erik glaubte, dem Mann müsste auf der Stelle das Blut in den Adern gefrieren. Dann antwortete sie mit frostiger Stimme: „Ad 1: ja, ad 2: ja, ad 3: kein Kommentar!“ „Was meinen Sie damit?“, fragte der Reporter verblüfft. „Das ist doch klar“, entgegnete die Ärztin verächtlich. „Ja, es ist wahr, die Gammastrahlung schädigt das menschliche Erbgut und ja, es stimmt, die NASA hat uns dieses Angebot gemacht. Doch Sie werden sicher nicht im Ernst erwarten, dass ich Ihnen und der ganzen Weltöffentlichkeit auf die Nase binden werde, ob ich dieses Angebot angenommen habe. Wenigstens einen Hauch von Intimsphäre sollte man auch Astronauten lassen!“
Der Reporter, einer von der hartnäckigen Art, wollte sich mit dieser Antwort nicht zufriedengeben und versuchte sein Glück bei Erik. „Kapitän Barnard, Sie sind doch ein liberaler Geist und ein Mann von Welt“, begann er schmeichlerisch, „vielleicht können Sie mir sagen, ob Sie vom Angebot der NASA Gebrauch gemacht haben?“ Erik verschlug es angesichts der Frechheit des Mannes für einen Moment die Sprache und er überlegte fieberhaft, wie er es dem unverschämten Frager heimzahlen könnte. Nach kurzem Nachdenken erwiderte er: „Sie scheinen sich ja mächtig für Spermien-Konservierung und extrakorporale Befruchtung zu interessieren. Daher würde ich Ihnen raten, probieren Sie es selbst einmal aus, d. h., falls Sie dazu noch in der Lage sind und die Sache nicht mangels Masse in die Hose geht.“ Der Reporter lief rot an, wollte noch etwas sagen, überlegte es sich dann aber anders und setzte sich. Unnötig zu erwähnen, dass die Astronauten an diesem Tag vor weiteren unverschämten Fragen verschont wurden.
Glücklicherweise gehen im Leben selbst die unangenehmsten Dinge einmal zu Ende – wie übrigens alles einmal enden wird … so auch diese Pressekonferenz. Bob sprach ihnen allen aus der Seele, als er meinte: „Zum Teufel mit diesem neugierigen Reporterpack, das einen besoffen schwatzt und Löcher in den Bauch fragt! Ich glaube, wir haben uns etwas Erholung verdient, daher ließ ich in der Kantine ein Abschiedsessen für uns vorbereiten. Dafür opfere ich blutenden Herzens meinen letzten Whisky-Vorrat.“ „Oh“, rief Gregori, „habe ich mich da verhört, ich dachte immer, Alkohol sei auf der ISS verboten?“ „Ist er auch“, meinte Bob grinsend, „aber gerade du als Russe solltest wissen, dass Alkohol selbst auf den verschlungensten Pfaden seinen Weg zum Endverbraucher findet.“
Eine Abschiedsfeier, noch dazu mit reichlich Whisky, das war wirklich ein gelungener Einfall von Bob und ein versöhnlicher Abschluss eines stressigen Tages. Die fünf Astronauten folgten Bob in die Kantine und sämtliche Besatzungsmitglieder der ISS, die keinen Dienst hatten, schlossen sich ihnen an. Die gedämpfte Stimmung, ausgelöst durch den anstehenden Abschied der fünf Astronauten, wurde mit reichlich Alkohol vertrieben. Erst gegen Mitternacht löste Miller die Feier mit den Worten auf: „Alles beim Teufel, mein ganzer vom Mund abgesparter Whisky! Es wird Zeit, schlafen zu gehen. Gute Nacht, ihr Halunken.“ Manche der Zecher fanden nur mit Mühe ihre Schlafkojen, dafür schliefen sie tief und fest, wie Steine.
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