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Sie ließ ein Bein auf den Teppich gleiten und streckte sich, bis sie aufgerichtet war. Djala war leise hinausgegangen.
Sie ging sehr langsam durch das Zimmer, die Hände auf dem Nacken gefaltet, ganz von der Wollust durchdrungen ihre nackten Füße auf die kalten Steinplatten zu setzen, wo der Schweiß erstarrte. Dann stieg sie in ihr Bad.
Für sie war es ein Genuß, ihren Körper durch das Wasser hindurch zu betrachten. Wie eine große Muschelschale, die offen auf einem Felsen klebt, kam sie sich vor. Ihre Haut wurde glatt und vollkommen; die Linien ihrer Beine dehnten sich in einem blauen Lichte aus; ihre ganze Gestalt war biegsamer; sie erkannte ihre Hände nicht wieder. Die Leichtigkeit ihres Körpers war so groß, daß sie sich auf zwei Fingern in die Höhe heben konnte. So hielt sie sich eine Weile auf dem Wasser, um dann leicht auf den Marmor zurückzufallen, wobei das Wasser ihr Kinn berührte. Mit dem neckischen Kitzel eines Kusses drang das Wasser in ihre Ohren.
Zur Badezeit begann bei Chrysis die Selbstanbetung. Alle Theile ihres Körpers wurden, einer nach dem anderen, der Gegenstand einer zarten Bewunderung oder einer Liebkosung. Mit ihren Haaren und ihren Brüsten gab sie sich tausend reizenden Spielen hin. Manchmal gewährte sie sogar ihren beständigen Begierden eine wirksamere Dienstfertigkeit und keine Ruhestätte schien ihr für die berechnete Langsamkeit dieser delicaten Befriedigung besser geeignet.
Der Tag neigte sich zu Ende; Chrysis richtete sich in ihrem Becken empor, stieg aus dem Wasser und schritt der Thüre zu. Die Spuren ihrer Schritte glänzten auf den Fliesen. Schwankend, gleichsam erschöpft, öffnete sie die Thür, und blieb da stehen, den Arm nach der Klinke ausgestreckt; dann, als Djala sie gesehen, trat sie bis zu ihrem Bette zurück und sagte zu ihrer Sklavin:
– Trockne mich ab!
Die Malabareserin nahm einen großen Schwamm zur Hand und führte ihn durch Chrysis feines Goldhaar, das ganz vom Wasser getränkt war, welches nach hinten abtropfte. Sie trocknete die Haare, streute sie auseinander, bewegte sie langsam und weich; dann tauchte sie den Schwamm in einen Oelkrug, bestrich damit ihre Herrin bis zum Halse und rieb sie endlich mit einem groben Stoffe, der ihre geschmeidige Haut röthete.
Chrysis versenkte sich fröstelnd in die Kühle eines Marmorsitzes und murmelte:
– Kämme mich.
Im horizontal einfallenden Abendlichte glänzte das noch feuchte und schwere Haar wie ein von der Sonne beleuchteter Regenguß. Die Sklavin ergriff es mit vollen Händen und rang es aus. Sie drehte es um sich selbst, als sei es eine dicke Metallschlange, die von Goldnadeln wie von Pfeilen durchstochen war. Dann wand sie grüne Bändchen dreimal gekreuzt um das Haar, um dessen Glanz durch die Seide noch zu erhöhen. Chrysis hielt einen blanken Metallspiegel in einiger Entfernung vor sich hin. Zerstreut betrachtete sie die dunkeln Hände der Sklavin, wie sie sich in der Ueppigkeit der Haare bewegten, hie und da die Büsche abrundend, die ungeberdigen Locken verbergend, das Haar in Formen modellierend, wie man eine Thonmasse bearbeitet. Als Alles vollendet war, kniete Djala vor ihrer Herrin hin und rasierte ihren schwellenden Schamberg glatt, damit das Mädchen in den Augen ihrer Geliebten die volle Reinheit und Glätte einer Statue habe.
Chrysis wurde ernster und sagte mit leiser Stimme:
– Schminke mich.
Eine kleine Büchse aus rosarothem Holze, welche von der Insel Discorides kam, enthielt Schminken in allen Farben. Mit einem Pinsel aus Kameelhaar nahm die Sklavin ein wenig von einer schwarzen Masse und bestrich damit die schönen, lang gebogenen Augenwimpern, um die blaue Farbe der Augen hervorzuheben. Durch zwei feste Striche bekamen diese Augen eine längere und weichere Gestalt; ein bläuliches Pulver verdunkelte die Augenlider; zwei zinoberrothe Flecken verschärften die Winkel, wo sich die Thränen zuerst zeigen. Um die Schminke festzuhalten, mußten Gesicht und Brust mit einer frischen Wachssalbe bestrichen werden; mit dem weichen Flaum einer Feder, welchen sie in Bleiweiß tauchte, malte Djala weiße Striche die Arme entlang und auf dem Halse; mit einem in Carmin getauchten Pinsel wurden der Mund und die Spitzen der Brüste roth gefärbt; ihre Finger, welche auf den Wangen eine leichte Wolke rothen Pulvers verbreitet hatten, markierten auf den Seiten die drei tiefen Falten der Taille und am Hintertheile zwei bewegliche Grübchen; endlich färbte sie mit einem geschminktem Lederballen die Ellbogen und die zehn Fingernägel. Die Toilette war beendet.
Dann lächelte Chrysis und sagte zur Indierin:
– Singe mir etwas.
Zurückgebeugt saß sie in ihrem Marmorsessel. Ihre Nadeln standen wie Goldstrahlen hinter ihrem Kopfe. Ihre Hände waren an die Brust gedrückt und breiteten zwischen den Schultern das rothe Halsband ihrer bemalten Nägel aus; ihre weißen Füße standen eng nebeneinander auf der Steinplatte.
Djala, die an der Wand zusammengekauert saß, erinnerte sich an die Liebesgesänge Indiens:
– Chrysis …
Sie sang mit eintöniger Stimme.
– Chrysis, Deine Haare sind wie ein Bienenschwarm, der an einem Baume hängt. Der Südwind durchdringt sie mit dem Thau der Liebeskämpfe und mit dem feuchten Wohlgeruch der Nachtblumen.
Das Mädchen antwortete mit noch milderer und langsamerer Stimme:
– Meine Haare sind wie ein unendlicher Fluß in der Ebene, wo die flammende Abendsonne dahinfließt.
Sie sangen abwechselnd, die Eine nach der Andern.
*
– Deine Augen sind wie die blauen Wasserlilien ohne Stengel, unbeweglich auf den Teichen.
– Meine Augen sind im Schatten meiner Augenwimpern, wie tiefe Seen unter dunklen Zweigen.
*
– Deine Lippen sind zwei zarte Blumen, auf welche das Blut einer Hirschkuh gefallen ist.
– Meine Lippen sind die Ränder einer brennenden Wunde.
*
– Deine Zunge ist der blutige Dolch, der deinen Mund gespaltet hat.
– Meine Zunge ist mit Edelsteinen besetzt. Vom Widerscheine meiner Lippen ist sie roth.
*
– Deine Arme sind gerundet wie zwei Elfenbeinzähne und deine Achselhöhlen wie zwei Mündchen.
– Meine Arme sind langgestreckt, wie zwei Lilienstengel, woran meine Finger schimmern, gleich fünf Blumenblättern.
*
– Deine Schenkel sind die Rüssel zweier weißen Elephanten und sie tragen Füße gleich zwei rothen Blumen.
– Meine Füße sind zwei Seerosenblätter auf dem Wasser, meine Schenkel sind zwei geschwellte Seerosenknospen.
*
– Deine Brüste sind zwei silberne Schilder, deren Spitzen in Blut getaucht wurden.
– Meine Brüste sind der Mond und der Widerschein des Mondes im Wasser.
*
– Dein Nabel ist ein tiefer Brunnen in einer Wüste voll rosigen Sandes, und dein Unterleib ein junges Zicklein im Schoße der Mutter.
– Mein Nabel ist eine runde Perle auf einer umgestürzten Schale und mein Schoß ist die helle Sichel Phöbes, die durch den Wald schimmert.
*
Es entstand eine Stille. – Die Sklavin hob die Hände empor und verbeugte sich.
Die Hetäre fuhr fort:
»SIE ist wie eine Purpurblume, voll Honig und Wohlgerüche.
»Sie ist wie die Hydra des Meeres, lebendig und weich, offen des Nachts.
»Sie ist die feuchte Grotte, die stets warme Lagerstätte, das Obdach, wo der Mann ausruht auf seinem Gang zum Tode.«
Die niedergebeugte Sklavin murmelte ganz leise:
»Sie ist furchtbar. Es ist das Gesicht der Medusa.«
— — — — —
Chrysis setzte ihren Fuß auf den Nacken der Sklavin und sagte zitternd:
»Djala…«
— — — — —
Nach und nach war die Nacht herangebrochen; aber der Mond war so hell, daß sich das Gemach mit blauem Lichte füllte.
Chrysis saß nackt da und betrachtete ihren Leib, wo die Lichtreflexe unbeweglich standen und die Schatten tiefschwarz herabfielen.
Plötzlich stand sie auf:
»Djala, an was denken wir? Es ist Nacht und ich bin noch nicht ausgegangen. Ich werde auf dem Heptastadion Auf dem sieben Stadien langen Kai. nur noch schlafende Matrosen finden. Sage mir, Djala, bin ich schön?
»Sage mir Djala, bin ich diese Nacht schöner als je? Ich bin die schönste aller Frauen Alexandriens, Du weißt es? Nicht wahr, er wird mir folgen wie ein Hund, derjenige, der jetzt vor dem schiefen Blick meiner Augen vorbei gehen wird? Nicht wahr, ich werde aus ihm machen können, was mir gefällt, einen Sklaven, wenn dies meine Laune ist? und ich kann von dem ersten Besten den ergebensten Gehorsam erwarten? Kleide mich an, Djala.«
Um ihre Arme wanden sich zwei Silberschlangen. An ihre Füße wurden Sandalen geheftet, welche um ihre braunen Beine mit gekreuzten Lederriemen gebunden waren. Sie schnallte um ihren Bauch einen Jungferngürtel, welcher von der Höhe der Hüfte, der hohlen Linie der Leisten entlang, herunterfiel; in ihre Ohren heftete sie runde Reife, an ihre Finger steckte sie Ringe und Siegel; um ihren Hals legte sie drei Halsketten von goldenen Phallos Männliches Zeugungsglied, welche in Paphos durch Hierodulen ziselirt worden waren.
Sie betrachtete sich einige Zeit, wie sie so nackt da stand, inmitten ihres Schmuckes; dann zog sie aus einem Koffer – wo es zusammengefaltet lag – ein großes Stück durchsichtiger gelber Leinwand, sie drehte es herum und wickelte sich hinein, daß es bis zum Boden reichte. Diagonale Falten durchfurchten den kleinen Theil ihres Körpers, den man durch das leichte Gewebe hindurch sah; einer ihrer Ellenbogen trat unter der eng anhaftenden Tunika hervor, und der andere Arm, den sie nackt gelassen hatte, hielt die lange Schleppe in die Höhe, damit sie nicht im Staub geschleift werde.
Sie nahm ihren Federfächer zur Hand und trat nachläßig hinaus.
Auf der Thürschwelle stehend, die Hand an die weiße Wand gelehnt, sah Djala allein der sich entfernenden Hetäre nach.
Langsam schritt diese vorwärts, den Häusern entlang, in der öden Straße, die das Mondlicht beleuchtete. Ein kleiner, beweglicher Schatten zitterte hinter ihren Schritten.
— — — — —
II.
Am Strande Alexandriens.
Am Strande Alexandriens stand ein Mädchen und sang. Neben ihr saßen zwei Flötenspielerinen auf der weißen Brüstung.
I.
Die Satyren haben in den Wäldern
Die leichte Spur der Orcaden verfolgt.
Sie haben den Bergnymphen nachgejagt
Ihre dunkeln Augen erschreckt,
Ihre lang flatternden Haare ergriffen,
Ihre Jungfrauenbrüste im Laufe gefaßt,
Ihre warmen Körper zurückgelehnt,
Auf den feuchten Rasen hingestreckt,
Und die schönen Körper, die schönen halbgöttlichen Körper
Streckten und reckten sich im Schmerze.
Eure Lippen, ihr Frauen, preisen Eros
In leidvoll süßem Verlangen.
*
Die Flötenspielerinen wiederholten:
»Eros!«
– Eros!« und ihre Klagen schluchzten im doppelten Schilfrohr.
II.
Kybele hat durch die Ebene
Attys, schön wie Apoll verfolgt.
Eros hatte sie in’s Herz getroffen, und für ihn,
O weh! aber nicht für sie.
Um geliebt zu werden, grausamer Gott, böser Eros,
Ist nur der Haß, was Du anräthst…
Durch die Wiesen und die weiten, fernen Felder
Hat Kybele dem Attys nachgejagt,
Und weil sie den liebte, der sie verschmäht’,
Hat sie in seine Adern den mächt’gen Hauch,
Den kalten, den Hauch des Todes geblasen.
Oh schmerzhaft-süßes Verlangen!
*
»Eros!
– Eros!«
Den Flöten entstiegen schrille Töne.
III. Der Satyr hat bis zum Flusse
Syrinx, die Tochter der Quelle verfolgt.
Der bleiche Eros, der den Geschmack der Thränen liebt,
Küßt sie im Fluge, Wange gegen Wange:
Und der flücht’ge Schatten der ertrunkenen Jungfrau
Hat erbebt, wie ein Schilf auf dem Wasser;
Doch Eros besitzt die Welt und die Götter,
Er besitzt sogar den Tod;
Auf dem Wassergrabe pflückt er für uns
Alles Schilfrohr und macht daraus die Flöte…
Eine todte Seele beweint hier, ihr Frauen,
Das schmerzhaft-süße Verlangen!
*
Während die Flöten den langsamen Gesang des letzten Verses fortsetzten, hielt die Sängerin den Zuhörern, welche sich im Kreise um sie versammelt hatten, die Hand hin. Sie sammelte vier Obolen und ließ sie in ihre Schuhe gleiten.
Nach und nach zerstreute sich die Menge, zahllos, neugierig auf sich selbst und auf die Vorbeigehenden. Das Geräusch der Schritte und der Stimmen deckte sogar das Rauschen des Meeres. Matrosen zogen mit vorgebeugtem Leibe Fahrzeuge ans Ufer. Mit vollen Körben auf den Armen gingen Früchteverkäuferinen vorbei. Bettler verlangten mit zitternden Händen ein Almosen. Mit vollen Schläuchen beladene Esel trabten vor den Stöcken der Eseltreiber daher. Aber nun war die Stunde gekommen, wo die Sonne untergeht; und zahlreicher noch als die geschäftige Menge, bedeckte die müßige Menge den Hafendamm. Gruppen bildeten sich hie und da, zwischen welchen die Frauen hin und her gingen. Man hörte bekannte Persönlichkeiten nennen. Die jungen Leute schauten sich die Philosophen an; diese hingegen betrachteten die Hetären.
Und es waren Hetären jeder Gattung und jeden Ranges da, von den berühmtesten angefangen, welche mit lichter Seide bekleidet waren und Schuhe von Goldleder trugen, bis zu den elendesten, die mit bloßen Füßen daher gingen. Die Ärmsten waren nicht minder schön als die anderen, aber weniger glücklich, und die Aufmerksamkeit der Weisen war am liebsten auf diejenigen gerichtet, deren Anmuth nicht durch die Kunstgriffe der Gürtel und die Fülle des Schmuckes entstellt war. Da man am Vorabend der aphrodisischen Feste war, hatten diese Frauen die Freiheit die Kleidung zu wählen, die ihnen am besten saß, und einige der jüngsten waren so weit gegangen, überhaupt keine Kleider zu tragen. Aber ihre Nacktheit erregte bei Niemandem Anstoß, denn sie hätten nicht in dieser Weise jede Einzelheit derselben der Sonne ausgesetzt, wenn sie sich des kleinsten körperlichen Fehlers, der den Spott der verheiratheten Frauen herausgefordert hätte, bewußt gewesen wären.
»Tryphaera! Tryphaera!«
Und mit diesem Ausrufe stieß eine junge Hetäre von fröhlichem Aussehen einige Vorübergehende bei Seite, um eine Freundin, die sie bemerkt hatte, einzuholen.
»Tryphaera? bist Du geladen?
– Wo das, Seso?
– Bei Bacchis.
– Noch nicht. Giebt sie ein Mittagsmahl?
– Ein Mittagsmahl? einen Festschmaus, meine Liebe. Sie will ihrer schönsten Sklavin, Aphrodisia, am zweiten Tage des Festes die Freiheit schenken.
– Endlich hat sie bemerkt, daß man nur noch wegen ihrer Sklavin zu ihr kam.
– Ich glaube, sie hat gar nichts bemerkt. Es ist eine Laune des alten Rheders Cheres. Er wollte das Mädchen für zehn Minen kaufen; Bacchis hat abgelehnt. Er bot zwanzig Minen und sie hat nochmals abgelehnt.
– Sie ist verrückt.
– Sie setzte eben ihren Ehrgeiz daran, eine befreite Sklavin zu haben. Übrigens hat sie recht gethan zu feilschen. Cheres wird gewiß fünf und dreißig Minen geben und für diesen Preis kann sich das Mädchen freimachen.
– Fünf und dreißig Minen? Drei tausend fünf hundert Drachmen? Drei tausend fünf hundert Drachmen für eine Negerin!
– Sie ist die Tochter eines Weißen.
– Aber ihre Mutter ist schwarz.
– Bacchis hat erklärt, daß sie sie nicht billiger hergeben würde, und der alte Cheres ist so verliebt, daß er eingewilligt hat.
– Ist er wenigstens geladen?
– Nein! Aphrodisia wird beim Festmahl als letzter Gang nach den Früchten aufgetragen werden. Jeder wird nach seinem Geschmacke davon kosten und am zweiten Tage erst soll man sie an Cheres abliefern; aber ich fürchte, daß sie dann recht müde sein wird …
– Bemitleide sie nicht! Bei ihm wird sie Zeit haben auszuruhen. Ich kenne ihn, Seso. Ich habe ihn schlafen sehen.
Sie lachten zusammen über Cheres. Dann lobten sie sich gegenseitig.
»Du hast ein hübsches Kleid, sagte Seso. Hast Du es bei dir zu Hause sticken lassen?«
Tryphaeras Kleid war aus dünnem, meergrünem Stoffe, der ganz mit breitblumigen Iris durchwirkt war. Ein in Gold gefaßter Karfunkel heftete dasselbe an der linken Schulter in spindelförmigen Falten fest; das Kleid fiel wie eine Schärpe zwischen den Brüsten hernieder, die ganze rechte Seite des Körpers bis zum Metallgürtel nackt lassend; nur ein enger Spalt, welcher sich bei jedem Schritte öffnete und wieder schloß, enthüllte das weiße Bein.
Seso! sagte eine andere Stimme, Seso und Tryphaera, kommt, wenn ihr nichts Besseres zu thun habt. Ich gehe zur Mauer des Kerameikos, um zu sehen, ob mein Name dort angeschrieben steht.
– Mousarion! woher kommst Du, Kleine?
– Vom Leuchtturm, es ist Niemand dort.
– Was sagst Du da? Man braucht ja nur zu fischen, so voll ist es dort.
– Kein Fang für mich. Deßhalb geh’ ich zur Mauer. Kommt doch!
Unterwegs erzählte Seso wieder vom beabsichtigten Gastmahle bei Bacchis.
»Ach! bei Bacchis! rief Mousarion aus. Erinnerst Du dich des letzten Essens, Tryphaera: und alldessen, was man über Chrysis erzählt hat?
– Sage es nicht wieder, Seso ist ihre Freundin.«
Mousarion biß sich in die Lippen; doch schon fragte Seso ängstlich:
»Wie? was hat man gesagt?
– Oh! nur Bosheiten.
– Sprechen ist leicht, erklärte Seso. Alle drei zusammengenommen wiegen wir Chrysis nicht auf. Am Tage wo es ihr gefallen wird ihr Viertel zu verlassen, um sich im Brouchion zu zeigen, wird so mancher unserer Geliebten uns nicht mehr wiedersehen wollen.
– Oho!
– Gewiß. Ich würde für dieses Weib Tollheiten begehen. Es giebt hier keine schönere, glaub es mir.
Die drei Mädchen waren vor der Mauer des Kerameikos angekommen. Von einem Ende der weißen Wand bis zum andern folgte Inschrift auf Inschrift. Wenn ein Liebhaber sich einer Hetäre vorzustellen wünschte, genügte es ihre beiden Namen mit dem Preise, den er bot, da aufzuschreiben; hatte sie den Mann und das Geld als würdig erachtet, so blieb das Weib unter der Aufschrift stehen und wartete, bis der Verehrer wiederkam.
»Schau mal, Seso! sagte Tryphaera lachend. Wer ist der boßhafte Spaßvogel, der das geschrieben hat?«
Und sie lasen folgende, in plumper Schrift geschriebene Worte:
Bacchis
Thersites
2 Obolen
»Es sollte nicht erlaubt sein Weiber so zum Besten zu haben. Wenn ich der Rhymarch wäre, so hätte ich schon längst eine Untersuchung eröffnet.«
Aber ein Stück weiter blieb Seso vor einer ernster zu nehmenden Inschrift stehen.
Seso von Cnidos
Timon, Lysias Sohn
1 Mine
»Ich bleibe,« sagte Seso erblassend.
Und sie lehnte sich an die Wand, dem neidischen Blicke der vorbeigehenden Hetären ausgesetzt.
Einige Schritte weiter fand Mousarion eine, wenn auch nicht so freigebige, so doch annehmbare Anfrage. Tryphaera kam allein auf den Hafendamm zurück.
Der Abend war vorgeschritten, die Menge weniger dicht. Die drei Musikantinen jedoch fuhren fort zu singen und die Flöte zu blasen.
Auf einen Unbekannten zutretend, dessen Schmeerbauch und dessen Kleidung ziemlich lächerlich aussahen, schlug ihm Tryphaera auf die Schulter:
– Väterchen, ich wette, Du bist nicht von Alexandrien, wie?
– In der That, mein Kind, antwortete der Biedermann. Du hast recht gerathen. Ich bin über Stadt und Leute noch ganz verblüfft.
– Bist Du von Bubaste?
– Nein, von Cabasa. Ich bin hierher gekommen, um Korn zu verkaufen und kehre morgen um zweiundfünfzig Minen reicher heim. Den Göttern sei gedankt, es war ein gutes Jahr.
Tryphaera fühlte plötzlich ihr Interesse für diesen Kaufmann wachsen.
Mein Kind, begann er schüchtern von Neuem, Du kannst mir eine große Freude bereiten. Ich möchte nicht morgen nach Cabasa zurückkehren, ohne meiner Frau und meinen drei Töchtern sagen zu können, ich habe berühmte Männer gesehen. Du mußt sicher berühmte Männer kennen?
– Ich kenne einige, sagte sie lachend.
– Nun wohl! Nenne mir sie, wenn sie hier vorbeigehen. Ich bin sicher, daß ich seit zwei Tagen auf den Straßen die berühmtesten Philosophen und die einflußreichsten Würdenträger getroffen habe. Ich bin trostlos sie nicht zu kennen.
– Du sollst befriedigt werden. Hier ist Naukrates.
– Wer ist Naukrates?
– Ein Philosoph.
– Und was lehrt er?
– Daß man schweigen muß.
– Bei Zeus, das ist eine Lehre, welche nicht viel Genie verlangt und dieser Philosoph gefällt mir nicht.
– Hier kommt Phrasilas.
– Wer ist Phrasilas?
– Ein Thor.
– Warum läßt Du ihn da nicht vorüberziehen?
– Weil Andere ihn für einen ausgezeichneten Mann halten.
– Und was sagt er?
– Er sagt Alles mit einem Lächeln, was ihm gestattet, seine Irrthümer als absichtlich und seine Albernheiten als pfiffig gelten zu lassen. Alle Vortheile sind auf seiner Seite. Die Welt hat sich dadurch irreführen lassen.
– Das ist mir zu hoch und ich verstehe Dich nicht recht. Übrigens hat dieser Phrasilas ein Heuchlergesicht. – Hier kommt Philodem.
– Der Stratege?
– Nein. Ein lateinischer Dichter, der griechisch schreibt.
– Kleine, es ist ein Feind. Ich will ihn nicht gesehen haben.
Jetzt entstand in der Menge eine Bewegung und ein Gemurmel von Stimmen sprach einen und denselben Namen aus.
»Demetrios … Demetrios …«
Tryphaera stieg auf einen Eckstein und sagte dem Kaufmann:
»Demetrios … Hier ist Demetrios. Du wolltest ja einen berühmten Mann sehen.
– Demetrios? der Geliebte der Königin? Ist es möglich?
– Ja, Du kannst von Glück reden. Er geht nie aus. Seitdem ich in Alexandrien bin, ist es das erstemal, daß ich ihn auf dem Strande sehe.
– Wo ist er?
– Es ist der, welcher sich vorbeugt, um den Hafen zu sehen.
– Es sind zwei da, die sich vorbeugen.
– Der, welcher blau gekleidet ist.
– Ich sehe ihn nicht recht. Er wendet uns den Rücken zu.
– Weißt Du, daß es der Bildhauer ist, dem die Königin Modell gestanden hat, als er die Statue der Aphrodite für den Tempel gemacht hat?
– Man sagt, er sei der königliche Geliebte. Man sagt, er sei der Herr Ägyptens.
– Er ist schön wie Apoll!
– Ah! Jetzt dreht er sich um. Ich bin recht froh, gekommen zu sein. Ich werde sagen, daß ich ihn gesehen habe. Man hat mir so Vieles über ihn erzählt. Man sagt, daß ihm niemals eine Frau widerstanden hat. Er hat viele Abenteuer erlebt, nicht wahr? Wie kommt es, daß die Königin sich nicht darüber erkundigt hat?
– Die Königin kennt sie so gut wie wir. Sie liebt ihn zu sehr, um ihm deshalb etwas zu sagen. Sie fürchtet, daß er nach Rhodos, zu seinem Meister Pherecrates zurückkehrt. Er ist so mächtig wie sie und sie ist es, die nach ihm verlangte.
– Er sieht nicht glücklich aus. Warum hat er eine so traurige Miene? Es scheint mir, ich würde glücklich sein, wenn ich an seiner Stelle wäre. Ich möchte gern an seinem Platze sein, sei es auch nur einen Abend…
Die Sonne war untergegangen. Die Frauen schauten diesen Mann an, der ihr gemeinsamer Traum war. Scheinbar ohne das Bewußtsein von der Neugierde zu haben, welche er hervorrief, stand er den Flötenspielerinen zuhörend an der Brüstung angelehnt.
Die kleinen Spielmädchen machten nochmals die Runde, um zu sammeln; dann warfen sie ihre leichten Flöten auf den Rücken; die Sängerin faßte sie um den Hals und alle drei wandten sich der Stadt zu.
Als es finstere Nacht war, kehrten die anderen Frauen in kleinen Gruppen nach dem ungeheueren Alexandrien zurück und die Heerde der Männer folgte ihnen nach; doch unterwegs drehten sich alle nach Demetrios zurück. Die letzte, die vorbei kam, warf ihm mit leichter Grazie ihre gelbe Blume zu und lachte dabei. Der Strand lag jetzt in völliger Stille da.
III.
Demetrios
An der Stelle, wo die Spielmädchen gestanden, war Demetrios allein angelehnt geblieben. Er hörte dem Brausen des Meeres zu, dem knarrenden Geräusch der langsam fahrenden Schiffe und dem Winde, der unter den Sternen dahinstrich. Die ganze Stadt war von einer kleinen blendenden Wolke, welche vor dem Monde Halt gemacht, beleuchtet und der Himmel wölbte sich in milder Klarheit.




