Die Siebte Sage

- -
- 100%
- +
«Im Notfall», hatte ihr Vater immer gesagt, «wirst du froh sein über jeden Herzschlag, den du da in Sicherheit bist.»
Sie war aber nicht froh. Es war eng und fast dunkel, nur durch die Ritzen der Bretter kam ein wenig Licht.
Ja, dachte sie, morgen kommen Soldaten, und die sind nicht dumm.
Polizisten galten als dumm in Al-Cúrbona. Es gab keine Mörder und keine Diebe im Land, fast nicht. Das lange Nichts-Tun hatte die Polizisten dumm gemacht.
Und dann hörte sie einen Schrei, einen Freudenschrei.
«Ich hab sie! Ich hab sie gefunden!»
Januãos Stimme.
«Was hast du gefunden?»
Das musste einer der Polizisten sein.
«Dshirahs Sandalen! Sie lagen beim Misthaufen. Dshirah lässt eben immer alles herumliegen.»
Es war eine Weile still. Dann hörte Dshirah den Polizisten.
«Und warum zieht sie in der Stadt keine Sandalen an? Der kleine bardische Junge hat gesagt, sie trägt nie Sandalen.»
«Sie geht doch erst seit zehn Tagen in die Schule.» Das war die Stimme ihres Vaters. «Sie wird schon noch mit Sandalen kommen.»
«Wir warten», bestimmte der Polizist. «Wir bleiben auf alle Fälle, bis sie nach Hause kommt.»
«Darf ich jetzt die Pferde reinholen?», fragte Januão.
Eine Antwort hörte Dshirah nicht, aber wenig später das leise Klopfen an dem losen Brett, das verabredete Zeichen. Sie schob das Brett beiseite.
«Diese Sandalen können uns retten», flüsterte Januão. «Jetzt schnell!»
Er drückte ihr die Lederschuhe in die Hand. Sie schlüpfte hinein, er verknotete die Bänder so fest wie die Mutter. Sie schaute zur Tür mit bittendem Blick.
«Nein!», er schüttelte den Kopf. «Du kannst dich nicht verabschieden. Du siehst sie erst in Afrika wieder.»
Sie kletterten aus dem Fenster. Silbão folgte, ohne zu fragen. Run stand sofort wieder neben Dshirah und leckte ihre Hand.
«Wo kommt das Pferd her?», fragte Januão.
«Ich habe es eingefangen», log Dshirah.
«Das ist ein Vollblut.»
«Ich weiß. Wahrscheinlich gehört es zum Haus Al-Antvari. Ich denke, der Reiter ist runtergefallen. Bring du es morgen zurück.» Januão nickte.
«Das hat dich gerettet», sagte er. «Am Steg über den Fluss steht ein Reiter und wartet auf dich.»
Er band die Stute los.
«Wir lassen sie bei unseren.»
Dshirah nahm ihm die Zügel aus der Hand. Sie legte Dshalla die Arme um den Hals, drückte ihr Gesicht in die dunkle Mähne, wühlte Stirn und Nase durch bis zu dem glatten gelben Fell, trocknete dabei ihre Tränen im feinen Mähnenhaar. Dabei legte sie der Stute eine Hand auf den Rücken. Morgen würde Zaiira wieder dort sitzen. Drei Herzschläge lang fühlte sie sich noch einmal, ein letztes Mal, der Freundin nah, so nah. Und Run stand hinter ihr und leckte ihre Kniekehlen, die ganze Zeit.
«Komm jetzt», flüsterte Januão und tippte leicht auf ihre Schulter.
«Ich muss ihr danken», sagte Dshirah. «Sie hat mich doch gerettet.»
Und sie ließ Januão nicht merken, dass sie nicht die Stute, sondern Zaiira meinte. Ihre Hände flatterten über Dshallas Brust und Hals, über Ohren, Stirn, Nüstern, sie konnte nicht aufhören zu streicheln, zu klopfen, überall da, wo Zaiiras Hände dieses Fell berührt hatten und wieder berühren würden. Und dann hätte sie eigentlich das Gesicht wieder in die Mähne drücken müssen, denn sie hatte sonst nichts, um die Tränen zu trocknen, aber Januão zog sie weiter. Er holte seine Flöte aus dem Schuppen, hängte sie sich um den Hals. Dshirah sah, dass er weinte. Er wählte drei Pferde und vier Halfter aus, gab Dshirah das vierte Halfter, er berührte dabei ihre Hand und hielt sie fest, das wäre nicht nötig gewesen. Dshirah verstand, dass dies ein Abschied war.
Run war ihnen nachgelaufen und wich nicht von Dshirahs Seite.
«Nieder!», befahl Januão leise, aber scharf, und er hob den Arm, als schwinge er eine Peitsche. «Nieder! Hart Leder sonst droht!»
Die Hündin zuckte zusammen und kauerte winselnd am Boden. Sie hatte diese schlimme Drohung aus Januãos Mund noch nie gehört. Dshirah wollte sich zu ihr setzen und sie trösten, aber sie hatte verstanden, was sie zu tun hatte.
Silbão saß als Erster auf dem Pferd. Er konnte am besten aufspringen, und das war gut so, denn er fiel am häufigsten hinunter. Dshirah und Januão führten ihre Pferde zu einem Stein und kletterten hinauf.
«Du erklärst ihr alles», sagte Januão zu seinem Freund, wendete sein Pferd nach Nordwesten und trabte davon, ohne Dshirah noch einmal anzusehen. Die wusste sofort, sie würde ihn so bald nicht wiedersehen. Nur hören. Sie schaute noch einmal auf ihr Haus, auf die Stallungen. Dann presste sie die Augen fest zu. Das Letzte, was sie von ihrem Zuhause wahrnahm, war Run, ein schwarz-gelber zitternder Fleck vor dem Stall.
Sie ritt mit Silbão nach Südwesten. Als sie sich ein einziges Mal umdrehte, war ihr Bruder nur noch ein kleiner Punkt in der Ferne. Silbão hielt sich mit einer Hand in der Mähne fest, führen musste Dshirah.
«Wir suchen die Herde?», rief sie ihm zu.
Er nickte.
Sie fand die Zuchtstuten schnell. Es ging auf den Abend zu, und die Herde war schon auf dem Heimweg. Es waren 24 Sorraia-Stuten, alles Falben. Sechs hatten schon ihre Fohlen geboren, dunklere, wollige Körperchen sprangen auf endlos langen Beinen um sie herum. Es führte sie Je-ledla, die alte Leitstute, es trieb sie von hinten ein weißer Vollbluthengst aus dem Stall des Kalifen. Dshirah ritt auf ihre alte Freundin Je-ledla zu. Auf ihr hatte sie reiten gelernt. Um den Hengst kümmerte sie sich nicht. Er würde folgen. Sie legte Je-ledla das Halfter an.
«Wohin?», fragte sie.
«Ich mache bestimmt alles falsch», sagte Silbão.
«En-Wlowa liegt ungefähr da», Dshirah zeigte nach Norden.
Silbão nickte: «Ja, aber wir müssen nach Westen.»
Dshirah ritt mit Je-ledla voraus. Die Herde folgte. Schon stand die Sonne am westlichen Himmel, aber noch hoch, sie zeigte keine rötliche Färbung. Es ging leicht abwärts, der Weg wurde steiniger, nah im Norden sahen sie den flachen Hügelzug, hinter dem En-Wlowa liegen musste. Plötzlich fiel Dshirah mit einem jähen Schrecken ein, dass sie sich freuen musste. Sie hatten bestimmt schon mehr als die Hälfte des Weges hinter sich, und sie hatte sich noch nicht ein kleines bisschen daran gefreut. Es war so wichtig, dass sie sich freute. Denn dies war ihr letzter Ritt auf einem Sorraia-Pferd.
In Afrika gibt es Pferde, hatte Januão gesagt.
Kleine, hatte Januão gesagt.
Sorraias gab es da offenbar nicht.
Ich muss mich freuen, dachte Dshirah, jetzt, schnell!
«Oh, wir müssen traben!», rief Silbão. «Wir müssen schneller sein als sonst. Ich muss dir ja noch alles erklären. Los!»
Er stieß seinem Pferd die Hacken in die Seite. Das machte einen Satz und hätte er nicht die Hand in der Mähne gehabt, wäre er hinuntergefallen.
Dshirah trabte an. Je-ledla lief ruhig neben ihr.
«Schneller!», rief Silbão. «Sonst fängt Januão an zu pfeifen und du weißt nicht wohin!»
Sie ritten der Sonne entgegen.
Freuen!, dachte Dshirah, ich muss mich freuen.
Sie schaute zurück. Hinter ihr wogten die Rücken der hellen Pferde wie ein gelber Fluss. Sie trabten, nur der Hengst – eine weiße Schaumkrone am Schluss – galoppierte. Er war ein ausgebildetes Reitpferd und beherrschte den langsamen Galopp. Dshirah beugte sich nach rechts und legte Je-ledla eine Hand auf die dunkle Mähne hinter den Ohren. Nie wieder würde sie dieses Pferd berühren. Nie wieder eines, das so ähnlich aussah.
«Da!», rief Silbão. «In die Senke.»
Jetzt verstand Dshirah, warum ihnen die Pferde so willig gefolgt waren. Die Senke war voller Silbergras. So nannten sie die langen, dünnen Halme, weil sie von einer Seite silbrig schimmerten. Alle Pferde liebten Silbergras. Da würden sie bleiben, bis Januão sie rief, obwohl daheim am Stall ihre salzigen Lecksteine auf sie warteten. Dshirah zog Je-ledla das Halfter über die Ohren. Nun musste sie auch die Stute gehen lassen. Sofort hatten alle Pferde ihre Nasen im Gras, nur die Fohlen ließen sich von den dünnen Halmen die Nüstern kitzeln. Dshirah und Silbão aber ritten davon, jetzt auf die Hügelkette zu. Sie folgten einem kleinen Bach, der von den Bergen kam und der am Fuß des Hügels in einer Höhle verschwand. Dort nahm Dshirah Je-ledlas Halfter auseinander und fesselte damit ihren beiden Pferden die Vorderbeine. Sobald die Januãos Pfeife hörten, würden sie versuchen, dem Ton zu folgen. Silbão kletterte schon den Hügel hinauf. Dshirah folgte.
«Wart mal», rief sie ihm leise nach. «Du musst nachher mit den Pferden zu Januão. Kriegst du sie über den Bach?»
Silbão nickte: «Mach ich immer!»
Verborgen hinter Felsen und Sträuchern schauten sie hinüber auf die Blumenmauer von En-Wlowa, mitten darin drei Blumentore, darunter je zwei Wächter in roter Uniform, bewaffnet mit Speer und Pfeil und Bogen, stehend neben ihren gesattelten Pferden.
Silbãos Unterlippe zitterte.
«Nicht stottern jetzt», sagte Dshirah und griff nach seiner Hand. «Du musst mir nun erklären, was ich tun soll.»
Er nickte, presste die Lippen zusammen, aber als er sie wieder öffnete, zitterten beide, und alles, was er schließlich herausbrachte, war: «I-i-i-ich mache alles falsch.»
Dshirah versuchte zu fragen.
«Januão wird gleich die Pferde rufen?»
Er nickte.
«Die Wächter werden ihre Pferde halten müssen. Oder die werden ihnen durchgehen. Und dann soll ich da irgendwie rein?»
Er nickte.
«Man kann durch die Mauer?»
Er nickte.
«Wo?»
Er zeigte nach Westen.
«Also», flüsterte Dshirah, «also laufe ich los, wenn die Herde dort vorbei ist?»
«Ja.»
Dshirah hielt den Atem an, immerhin, ein Wort hatte er wieder herausgebracht. Sie wartete, dass er weitersprach.
«Du musst nur hinter die Blumen. Da. Die hängen da runter. Dann sehen sie dich nicht mehr. Dann musst du gucken und das Loch finden. Aber schnell! Sonst bringen sie dich um.»
«Warum rennen die da drin dann nicht alle weg?»
«Sie rennen. Aber sie kommen nicht weit. Wenn die wegrennen, dürfen die Wächter sie erschießen. Januão sagt, das soll so sein. Wenn sie nicht immer mal welche erschießen, wird es da drin zu voll. Ist schon voll.»
«Was soll ich machen da drin?»
Silbão zuckte die Achseln.
«Warten. Bis wir dich rausholen. Sie kriegen zu essen.»
Er kroch auf dem Boden herum, hielt sich verdeckt von dem niedrigen Strauch, er hob kleine Steine auf, ließ sie fallen, behielt einen spitzen mit scharfer Kante.
«Komm!»
Er zog sie zu sich heran, säbelte mit dem Stein an dem Hirtenzeichen auf ihrer Schulter herum, bis er eine Ecke gelöst hatte, da riss er es ab.
«Jetzt siehst du aus wie die anderen. Nur dicker.»
«Ich habe Angst.»
Er nickte.
«Du gehst zum letzten Haus nach Nordosten, da fi-fi-fi-»
«Silbão!»
Sie schrie zu laut, sie wusste es. Sie packte seine Schultern und schüttelte ihn. Manchmal, wenn die Worte in ihm stecken blieben, konnte man sie herausschütteln.
«Ma-ma-ma-ma-meine Schwester. Du erkennst sie, man erkennt sie immer noch.»
Jetzt zitterte Dshirahs Unterlippe. Silbãos Schwester war seit fast zwei Jahren verschwunden.
«Deine Schwester?», fragte sie. «Ist die da? Da ist sie?»
Aber Silbão konnte nicht mehr reden. Er öffnete den Mund. Sie sah, wie seine Zunge darum kämpfte, Laute zu formen, er fasste sich an den Hals, aber er stieß nur tonlose Luft heraus, würgend, als hätte er eine Fischgräte in der Kehle.
Da hörten sie aus der Ferne einen langen, leisen, klagenden Ton. Sie wandten die Gesichter nach Osten. Dshirah schloss die Augen. Alles, was ihr Bruder spielte, erkannte sie am ersten Ton. Dies war sein traurigstes Lied. Wie hätte es auch anders sein können. Januão spielte Flöte, seit er das Instrument halten konnte, aber er hatte bis jetzt nicht gelernt zu spielen, was andere von ihm forderten. In seine Flöte floss immer, was er im selben Atemzug spürte. Dieses Lied hatte Dshirah zum letzten Mal gehört, als ihr winziges Schwesterchen vor zwei Jahren starb. Silbão stieß sie an und drehte ihren Kopf zur Blumenmauer. Auch die Wächter schauten nach Osten, alle. Ihre Pferde fingen an zu tänzeln. Und nun hörten sie von der anderen Seite das Wiehern des Hengstes. Es klang nicht schrill wie sonst, wenn er seine Stuten trieb, es klang dunkel wie die Töne aus den langen Holzröhren, die in manchen Patios hingen. Noch niemals hatte Dshirah ein solches Wiehern gehört. Auch die Wächter wandten den Kopf. Nun blickten sie gerade in die untergehende Sonne. Dshirah erkannte den Plan ihres Bruders: Die Wächter hatten nicht nur mit ihren unruhigen Pferden zu kämpfen, sie schauten auch der Herde entgegen und würden von der Sonne geblendet sein.
Silbão hatte den Kopf auf die Knie gelegt und die Hände über die Ohren gepresst. Dshirah starrte entsetzt auf die schwarzen Locken, die durch seine Finger quollen. Er musste ihr noch so viel erklären, und er brachte kein Wort mehr heraus. Da schlug die Angst wie schwere Pauken in ihrem Kopf und übertönte die Flöte.
«Silbão!» Sie packte und schüttelte ihn. «Was soll ich tun da drin? Und wie, wie komme ich wieder raus?»
Er blickte auf. Sein Gesicht schien zerstört, schief hing sein Mund und die Augen wirkten blöde. Sie schüttelte ihn. Aber es hatte keinen Sinn. Es sah aus, als ob dieser Junge noch niemals hätte sprechen können.
«Wo finde ich deine Schwester?»
Er zeigte nach Nordosten. Auch sein Arm zitterte. Da kamen die Pferde.
Man hörte sie kaum. Der Boden war sandig. Ihre unbeschlagenen Hufe machten fast kein Geräusch. Und immer wenn Januão spielte, wurden ihre Körper leicht wie Federbälle. Nur zögernd lösten sich die gelben Leiber der Stuten wie große goldene Tropfen aus der Sonne und flossen weiter über die Ebene. Dshirah konnte Je-ledla nicht mehr erkennen, denn es gab keine einzelnen Pferde mehr. Sie waren eine schwebende Schar von Wesen, die vielleicht von einem anderen Stern auf die Erde gefallen waren. Eine alte Geschichte erzählte, so seien Pferde entstanden.
Die Paukenschläge! Die trommelnde Angst! Das Einzige, was Dshirah retten konnte, war die laut lärmende Panik in ihrem Kopf. Wenn sie hier weiter lauschte und schaute, kam sie niemals nach En-Wlowa. Aber die Pauke war nur noch ein sanftes, tiefes Beben im Bauch, über dem hoch in der Luft Januãos Flöte schwebte. Auch Silbão neben ihr hatte wieder sein schönes Gesicht, nicht jedoch seine Sprache gefunden. Vier der Wächter hielten ihre tobenden Pferde am Zügel. Zwei waren aufgesessen, hatten aber die Speere verloren, ihre Pferde mischten sich unter die Sorraia-Stuten, weiße Flecken im gelben Fluss und darüber das Rot der Uniform. Von der anderen Seite des Hügels schrien die beiden gefesselten Reitpferde, im Osten ein einzelner Reiter. Die Musik wurde lauter.
Da sagte, klar und deutlich, Silbão ein einziges Wort: «Jetzt!»
Das war ein Befehl.
Dshirah sprang hinter dem Strauch hervor und stürzte den Hügel hinunter. Niemand würde sie sehen. Nicht ein einziger Blick ging in ihre Richtung. Und auch sie sah nichts mehr. Und hörte die Flöte nicht mehr. Die Angstpauken waren wieder laut und lärmend, und alles, was sie spürte, war der Schmerz im rechten Fuß, mit dem sie zu lange barfuß gelaufen war. Sie jagte über die Ebene. Ein gesatteltes Pferd galoppierte an ihr vorbei. Es hatte seinen Reiter abgeworfen. Sie sah einen großen roten Fleck reglos auf dem von Hufen zertrampelten Boden liegen. Ein Bündel Lumpen rannte ihr entgegen. Als sie aneinander vorbeiliefen, traf sie ein verwunderter Blick aus einem knochigen, schmutzigen, jungen Gesicht. Sie erreichte die Blumenmauer und schlüpfte unter den Blütenvorhang. Sie lehnte sich an die Mauer und schloss die Augen. Sie sah und hörte nichts mehr. Da war nur noch der Duft der Blumen, schwer, betäubend, wie starkes Parfüm.

Hinter der Blumenmauer
Dshirah saß und rührte sich nicht. Sie tat nichts als atmen, das war mühsam genug. Die Luft fühlte sich an, als hätte der schwere Duft der Blumen sie in einen zähen, klebrigen Brei verwandelt. Die Augen hatte sie geschlossen, denn da war ein unangenehmes Kitzeln auf ihren Augenlidern. Sie öffnete den Mund, weil sie durch die Nase nicht genügend Luft bekam. Es krabbelte auf ihren Lippen, sie atmete etwas ein, musste husten, schlug die Augen auf, da krochen ihr Fliegen in die Augen, sie schlug die Hände aufs Gesicht, vertrieb und zerdrückte Fliegen. Fort, nur fort, hier konnte sie nicht bleiben. Und sie sprang aus der Blumenmauer zurück in die Ebene.
Niemand sah sie, denn noch immer spielte ihr Bruder. Sie entfernte sich ein paar Schritte von der Blumenmauer, bis sie die Luft wieder atmen konnte. Auch die Fliegen blieben zurück. Nun hörte sie wieder Januãos Flöte und sah die Pferde nach Osten laufen. Das machte sie so traurig, dass ihr Herz klein wurde wie eine getrocknete Weinbeere. Sie stand mit hängenden Armen und vergaß, dass sie fliehen musste.
«Wenn du traurig bist», sagte ihre Mutter immer, «wird dein Herz so klein wie eine getrocknete Weinbeere.»
Und dann nahm sie meist eine trockene Weinbeere aus dem weißen Leinensack, die legte sie in eine Schale mit Honigwasser, und Dshirah durfte vor der Schale sitzen und zuschauen, wie die Weinbeere wieder groß und rund und prall wurde. Wenn sie die süße Kugel dann essen durfte, war sie nicht mehr traurig, schon lange nicht mehr.
Gab es Honigwasser in En-Wlowa? In Tränen getaucht konnte ihr verschrumpeltes Weinbeerenherz nur ein bitterer Trost werden. Und sie sollte hier nicht stehen mit hängenden Armen und hängendem Kopf. Sie sollte fliehen! Fliehen! Aber Januão spielte noch immer.
Würde es in Afrika Weinbeeren geben? Sie wusste nicht viel von Afrika. Sie wusste von Afrika nicht viel mehr, als dass es weit weit fort war von Zaiira. Und da waren die letzten Töne von Januãos Lied. Sie öffnete den Mund, um die verklingende Melodie einzuatmen, mitzunehmen – die konnte sie doch nicht auch noch verlieren –, aber das Lied verklang, es ließ keinen Rest in der Luft, nicht einmal Spuren im Sand. Drüben auf dem Hügel sah sie die magere Lumpengestalt im Gestrüpp verschwinden und Silbão sah sie, der wild mit den Armen winkte. Sie musste zurück in den schrecklichen Duft der Blumen und zu den Fliegen, in wenigen Herzschlägen würde der Zauber von Januãos Musik zerfallen. Aus dem Staub erhob sich die rote Uniform des gestürzten Wächters. Er taumelte halb bewusstlos, schien aber nicht schwer verletzt. Dshirah lief ein paar Schritte an den Blumen entlang weiter nach Westen. Vielleicht war es dort besser. Vielleicht war sie da näher an dem Loch in der Mauer. Und sie stürzte sich, Augen und Mund geschlossen, in die bunten Blüten. Sie drückte sich gegen die Mauer, hielt die Hände über den Mund, atmete durch schmale Schlitze zwischen ihren Fingern. Ihr Kopf wurde schwer, ihre Hände und Füße auch. Mit jedem Atemzug wurde sie müder. Sie hörte auf zu atmen, aber das ging nicht, nicht so lange, bis sie das Loch in der Mauer gefunden hatte. Sie schnappte nach Luft, nach der duftschweren, breiigen Luft, sie fühlte sich wie ein Stein, ihre Hände tasteten an der Mauer entlang, aber sie spürte kaum noch einen Unterschied zwischen ihren Fingern und dem Stein. Und Fliegen, Fliegen überall. Sie konnte die Augen nicht öffnen, sie sah dann auch nicht mehr, nur Fliegen, Fliegen überall. Sie sah und fühlte nichts mehr, sie konnte auch nichts riechen, ihr Geruchssinn war erschlagen von dem Duft der Blumen. Da versuchte sie zu hören, versuchte die allerletzten Reste von Januãos Lied aus der Luft herauszulauschen, aber das war längst verklungen. Stattdessen hörte sie tief in ihrem Innern die Stimme ihrer Mutter. Die hatte ihr einmal erzählt, es gebe Blumen, die seien so bunt und so schön, dass sie jeden zum Tanzen fröhlich machten, aber sie dufteten jeden zu Tode, der zu lang aus ihnen atmete. Sie hatte Angst, sie fiel, sie stürzte in die Mauer und in einen anderen Geruch.
Verfaultes und Faulendes stank und mischte sich mit dem Blumenparfüm. Sie blinzelte durch halb geöffnete Augen. Sie saß mitten in der Mauer. Die war so breit wie die Kruppe von zwei Arbeitspferden. Auf Händen und Knien kroch sie nach En-Wlowa. Die harten Steine schürften ihr die Haut auf. Das machte sie wach genug, durch den lähmenden Duft in den Dreck des Lagers zu krabbeln. Sie war in Sicherheit, in einer stinkenden, dreckigen, engen Sicherheit. Sie kroch weiter fort von den Blumen, von den Fliegen. Sie setzte sich auf den Boden, öffnete die Augen und den Mund. Sie konnte wieder atmen. Das hier war nur Gestank.
Über ihr schwankten schmutzige magere Gesichter mit lächelndem Mund und glücklichen Augen, aus denen ganz langsam wie zäh fließender Honig das Glück hinausfloss. Solche Blicke kannte Dshirah. Verzweifelte Menschen, die Januãos Musik gehört hatten, behielten noch viele Herzschläge lang die Freude in den Augen. Auch die Gefangenen hatten sein Spiel gehört, und so traurig seine Melodie heute gewesen war, so schön war sie doch. Dshirah streckte eine Hand aus.
«Bitte», sagte sie, «bitte …»
Vielleicht konnte sie noch ganz schnell, bevor der Zauber der Musik vollends verging, von diesen Leuten erfahren, wo Silbãos Schwester war. Sie wusste ja nicht, wie diese Leute waren, wenn sie nicht mehr unter dem Eindruck von Januãos Lied standen. Die sahen alle so eckig und kantig und spitz aus, und sie waren so grau, wie auch zehn Regentage die Berge nicht machen konnten. Und sie waren ja Verbrecher, alle miteinander, sonst wären sie doch nicht hier.
«Bitte», sagte sie, «wo …»
Aber sie hatte vergessen, wie Silbãos Schwester hieß. Da fiel ihr ein, dass es in wenigen Augenblicken dunkel sein würde, und im selben Atemzug merkte sie, wie hungrig sie war – sie hatte seit dem Morgen nichts mehr gegessen. Mit hastigen Augen schaute sie sich um. Zwischen den mageren Körpern der grauen Gestalten sah sie verfallende Hütten aus Holz. Sie erhob sich auf die Knie, aber dann blieb sie lieber sitzen. Eigentlich wollte sie sich verkriechen, wollte fort von diesen Leuten, die doch alle Mörder waren oder mindestens Diebe, fort – nur nicht zurück in die Blumen. Sie schaute sich um. Die Blumen wuchsen oben auf der Mauer, und auch hier innen hingen sie hinunter bis in den Dreck. Die Dämmerung begann den großen Blüten die Farben zu nehmen. Sie machte sie den Gesichtern und den Kleidern der Menschen ähnlich, nur nicht deren Geruch. Ein Mann trat auf Dshirah zu.
«Was kommst du hier rein?», fragte er. «Wir kennen nur welche, die rausgehen.»
Was sage ich ihm?, dachte Dshirah. Oh, wir haben nicht überlegt – ich kann ihm doch nicht sagen –
Da drängte sich eine Frau durch die Reihe.
«Hast du einen Jungen gesehen?», fragte sie. «Der rausrannte?»
Dshirah nickte.
«Ist er durchgekommen? Bis zum Hügel?»
Dshirah nickte: «Ja, ich habe ihn am Hügel gesehen.»
Die Frau schloss die Augen, taumelte, lehnte sich an einen anderen, fand nur wenig Halt, schwankte, flüsterte: «Danke. Danke.»
«Doch – es kommen welche rein», sagte eine andere Frau. «Dieser Junge. Er war schon dreimal hier.»
Dshirah horchte auf.
«Er besucht seine Schwester», sagte sie rasch. «Das will ich auch. Wisst ihr, wo seine Schwester …?»
Kopfschütteln. Achselzucken.
«Der ist ein ganz Schneller», sagte einer. «Der flitzt hier so durch. Der hat Kraft und keinen Hunger.»
Dshirah stand auf.
«Ich muss sie suchen», sagte sie, «seine Schwester. Sie wohnt da.»
Sie ging nach Nordosten. Noch konnte sie sehen, wo die Sonne untergegangen war. Niemand stellte Fragen, keiner hielt sie auf. Nur die Frau, die nach dem geflohenen Jungen gefragt hatte, griff nach ihrer Hand und drückte sie. Dshirah schaute in Augen, die aus der Dunkelheit leuchteten. Da hatte sie etwas weniger Angst.
Sie irrte durch die Gassen zwischen verfallenen Holzhäusern. En-Wlowa musste vor sehr langer Zeit einmal ein Dorf gewesen sein, als es hier noch Wälder gegeben und man mit Holz gebaut hatte. Sie fand keinen geraden Weg nach Nordosten, musste nach rechts, nach links und wusste schon bald nicht mehr, wo die Sonne untergegangen war. Es wurde kalt. Sie hatte nur Kleidung für die Zeit der Sonne am Himmel, und es war in diesem Land bei Tag so heiß, wie es nachts kalt war. Sie schloss das Hirtenhemd fest um den Hals, aber wenn sie sich den Hals damit wärmte, zog sie es von den Knien weg, und ihre Beine wurden kalt. In ihrem Bauch war die Blase so voll, wie der Magen leer war. Gab es hier Abtritte? Plötzlich war es ihr dringlichster Wunsch, einen Abtritt zu finden. Sie spürte keine Kälte mehr, keinen Hunger, keinen Durst. Aber sie fand einen Brunnen. Und sofort hatte sie wieder Durst. Doch trinken? Noch mehr in die Blase füllen? Und war das Wasser denn sauber? War es gut? Es glänzte dunkel im Mondlicht. Dshirah starrte auf den hellen Strahl, der aus dem Holzrohr in das steinerne Becken rann. Sie presste die Beine fest zusammen und drückte die Hände unter den Bauch. Sie durfte den Wasserstrahl nicht mehr anschauen, sie musste den Kopf abwenden und konnte es nicht – da rann es warm in ihre Schenkel. Sie hockte sich schnell auf den Boden und raffte das Hemd. Schaute ihr jemand zu? Bestimmt war es verboten, neben den Brunnen zu pinkeln, bestimmt. Eine dürre Gestalt beugte sich von der anderen Seite über den Brunnen, schnappte nach dem Wasserstrahl, ließ sich das Wasser in den Mund laufen, ging davon. Und im selben Herzschlag bedauerte Dshirah, dass die Wärme da aus ihr herauslief, es war ihre einzige Wärme, sie hatte sonst keine für diese Nacht. Sie sah diese Wärme als Rinnsal aus dem Brunnenschatten ins Mondlicht laufen. Sie erhob sich und trank aus dem Brunnen. Das Wasser war frisch. Und kalt.





