- -
- 100%
- +
„Wenn man ihn auf wirklich dialektische Weise verwendet, besitzt er das Zeug, die Kulturwissenschaften paradigmatisch auf ein neues Fundament zu stellen. Er könnte der Ausgangspunkt werden sowohl für weiterführende theoretische Überlegungen als auch – und das insbesondere in den Landeskunden – für neue Forschungspraxis. So alt die Kulturwissenschaften sind, sie stehen wieder einmal am Anfang“57.
Zum Heilsversprechen tritt nun die Heilserwartung. Dass damit auch der semiotische KulturbegriffKulturbegriff überfordert ist, liegt auf der Hand.
Gleichsam in den Rang eines Locus classicus wurde der Aufsatz von Clifford GeertzGeertz, Clifford Dichte BeschreibungDichte Beschreibung (1973) erhoben.58 Im Theorievertrieb wird dieser Publikation geradezu als Keimzelle der Kultur-als-Text-Kultur als TextTheorie gehuldigt. Ich fasse jene wesentlichen Aspekte und Akzente von Geertz zusammen, die in der kulturwissenschaftlichen Debatte in Deutschland eine zentrale Rolle spielen. Geertz beruft sich zunächst auf Max WeberWeber, Max, um sein Verständnis eines semiotischen Kulturbegriffs darzulegen.
„Ich meine […], daß der Mensch ein Wesen ist, das in selbstgesponnene Bedeutungsgewebe verstrickt ist, wobei ich Kultur als dieses Gewebe ansehe. Ihre Untersuchung ist daher keine experimentelle Wissenschaft, die nach Gesetzen sucht, sondern eine interpretierende, die nach Bedeutungen sucht. Mir geht es um Erläuterungen, um das Deuten gesellschaftlicher Ausdrucksformen, die zunächst rätselhaft scheinen“59.
Den Ausdruck dichte Beschreibung übernimmt Geertz von Gilbert RyleRyle, Gilbert. Darunter versteht Geertz das, was man traditionell als InterpretationInterpretation, also als die eigentliche Deutungsarbeit der Fakta und Positiva bezeichnet, welche der Ethnologe – um diesen Wissenschaftstypus geht es Geertz allein – im ethnografischen Arbeiten leistet. „Analyse ist […] das Herausarbeiten von Bedeutungsstrukturen […] und das Bestimmen ihrer gesellschaftlichen Grundlage und Tragweite“60. Interessant dabei ist, was Geertz innerhalb dieses Zitats in einer Parenthese anführt. Eine literaturwissenschaftlicheLiteraturwissenschaft Tätigkeit dürfe nicht mit dem Vorgang des Dechiffrierens verwechselt werden. Die Chiffre eignet dem Objekt, mithin bedeutet Dechiffrieren den Zugang zu den Objektchiffren freilegen. Literaturwissenschaftliches Arbeiten hingegen ist für Geertz ein wissenschaftliches Sekundärphänomen, nämlich das der DeutungDeutung des Objekts durch den Interpreten. Doch dagegen muss geltend gemacht werden, dass Chiffren sich nicht von selbst und nicht sich selbst deuten. Die Ethnografie ist für Geertz dichte Beschreibung, es geht dabei um die „Vielfalt komplexer, oft übereinander gelagerter oder ineinander verwobener Vorstellungsstrukturen, die fremdartig und zugleich ungeordnet und verborgen sind“61. KulturKultur sei öffentlich – mit dieser Behauptung eröffnet GeertzGeertz, Clifford den dritten Teil seines Essays. Kultur bestehe aus Ideen, sei unkörperlich und ihr ontologischer Status uninteressant. Es geht allein um die Frage nach der Bedeutung der Kultur oder kultureller Phänomene. Und nun schließt sich der Kreis, „Kultur ist deshalb öffentlich, weil Bedeutung etwas Öffentliches ist“62. „Als ineinandergreifende Systeme auslegbarer Zeichen […] ist Kultur keine Instanz, der gesellschaftliche Ereignisse, Verhaltensweisen, Institutionen oder Prozesse kausal zugeordnet werden könnten. Sie ist ein Kontext, ein Rahmen, in dem sie verständlich – nämlich dicht – beschreibbar sind“63. Ethnologie, welche diese Beschreibungsarbeit leistet, ist eine Form der InterpretationInterpretation zweiter und dritter Ordnung. Ethnologische Interpretationen sind FiktionenFiktion, wobei Geertz ausdrücklich darauf hinweist, dass sich dieser Begriff nicht auf den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen, sondern allein auf den Aspekt des Hervorbringens, des Gemachtseins bezieht. Etymologisch zwar korrekt, terminologisch aber problematisch verweist er auf die ursprüngliche Bedeutung von fictio als Gemachtes, Gebildetes. Fiktion indes meint sowohl umgangssprachlich als auch wissenschaftlich etwas Erfundenes; hier müssen also die Rezipierenden entscheiden, ob sie der eigenwilligen Lesart von Geertz folgen mögen oder ob sie etwas in diese vermeintliche Kultur-als-Text-Kultur als TextTheorie über die Brücke der Wortgleichheit hineinlesen, das Geertz ausdrücklich ausschließt. Was die Qualität einer Interpretation ausmacht, erklärt Geertz ebenfalls. Er spricht nicht von der richtigen oder der wissenschaftlichen, sondern von der guten Interpretation. Die gute Interpretation „von was auch immer – einem Gedicht, einer Person, einer Geschichte, einem Ritual, einer Institution, einer Gesellschaft – versetzt uns mitten hinein in das, was interpretiert wird“64. Methodologisch gesehen nähert sich dies einem hermeneutischenHermeneutik Verständnis der Kayser-Staiger-Schule in der LiteraturwissenschaftLiteraturwissenschaft und zielt letztlich auf die interpretatorische Feier einer Affirmation des Gegenstandes, restaurative Bedeutung anstelle kritischer DeutungDeutung, statt der Fragen an den Gegenstand nun geheiligte Emphase.65 Eine ethnologische Interpretation, so Geertz weiter, versucht den sozialen Diskurs niederzuschreiben, ihn festzuhalten. Dieser Moment der Verschriftlichung garantiert Dauer des Flüchtigen. Dies gilt allerdings, so kann man kritisch einwenden, allgemein für sprachliche Konzeptualisierungsformen sozialen Handelns. Das Besondere der ethnografischen Interpretation scheint lediglich im Gegenstandsbereich der Beschreibung, nicht aber im Beschreibungsvorgang selbst zu liegen. GeertzGeertz, Clifford macht in diesem Zusammenhang auf ein grundlegendes Problem aufmerksam, das er zwar eng am Beispiel seiner Disziplin diskutiert, das sich aber ebenso gültig für jegliche Form kulturwissenschaftlichen Arbeitens in Anschlag bringen lässt. Die InterpretationInterpretation folge dem triadischen Erkenntnisschema der Beobachtung, der Verschriftung und der Analyse.66 Diese drei Schritte lassen sich aber in der Regel nicht voneinander differenzieren, es sind keine autonomen Operationen. Geertz diskutiert dieses Problem nicht erkenntnistheoretisch in der Form, dass bereits die Beobachtung beispielsweise geleitet werden kann von Verschriftungspraktiken und Analyseinteressen. Er hebt auf einen anderen Aspekt ab, wonach der Eindruck der operativen Autonomie dieser drei Schritte eine WirklichkeitWirklichkeit und eine Wissenschaft von der Rekonstruktion dieser Wirklichkeit suggeriert, die es nicht gibt. Geertz hält dagegen: „Die Untersuchung von KulturKultur besteht darin (oder sollte darin bestehen), Vermutungen über Bedeutungen anzustellen, diese Vermutungen zu bewerten und aus den besseren Vermutungen erklärende Schlüsse zu ziehen“67. Auch hier findet sich kein Hinweis auf eine wenigstens in Ansätzen zu erkennende Kultur-als-Text-Kultur als TextTheorie. Demnach fußt die kulturwissenschaftliche Arbeit letztlich auf Plausibilitätsüberlegungen, die ein emphatisches InterpretierenInterpretieren voraussetzen; das bleibt aus der Sicht der LiteraturwissenschaftLiteraturwissenschaft ein fragwürdiges Verfahren. Abschließend benennt GeertzGeertz, Clifford vier Merkmale einer ethnografischen Beschreibung: sie ist deutend; sie deutet den Ablauf des sozialen Diskurses; Deuten heißt die Dauerhaftigkeit dieses Diskurses sichern (die Begründung, weshalb dies so ist, bleibt unklar); und sie ist mikroskopisch.68 Geertz begreift also keinesfalls Kultur als TextKultur als Text, sondern die Ethnologie und Ethnografie als Interpretation vorgängiger Zeichen- bzw. SymbolkettenSymbol, die wiederum nicht die KulturKultur sind, sondern zu denen Kultur lediglich den, wie er es nennt, Rahmen darstellt. Undeutlich bleibt bei Geertz auch, ob sein Verständnis von analytischer Tätigkeit (etwa in der Herausarbeitung von Bedeutungsstrukturen) diese Tätigkeit am Erkenntnisgegenstand selbst oder in der Gegenstandserkenntnis meint. Sind Bedeutungsstrukturen dem Wissenschaftsobjekt inhärent oder dem wissenschaftlichen Subjekt? Auf welcher Seite der Erkenntnisarbeit also sind Bedeutungsstrukturen zu veranschlagen? Immerhin konzediert Geertz, dass Bedeutung eine „schwer faßbare und verworrene Pseudoeinheit“ sei, die man bislang nur zu gerne den Philosophen und Literaturwissenschaftlern „zum Herumprobieren“ überlassen habe.69
Andreas Reckwitz hat die Überlegungen von Geertz einer ausführlichen Kritik unterzogen. Ebenso kritisch werden auch deren Kritiker betrachtet. Reckwitz kommt zu dem bedeutenden Schluss, dass die KulturtheorieKulturtheorie von Geertz sich keineswegs auf ein textualistisches Kulturverständnis reduzieren lasse, sie seien nicht mehr als eine „Episode“70. Reckwitz geht davon aus, dass die texualistischen KulturtheorienKulturtheorie mit dem Vorverständnis eines autonomen Sinns operieren, den die kulturell codierten Signifikate vor aller Erkenntnis enthielten.71 Reckwitz definiert diesen Ansatz folgendermaßen:
„Der Kultur-als-Text-Ansatz geht im Unterschied zur Theorie sozialer Praktiken davon aus, daß mentale Phänomene aus der Kultur- und Wissensanalyse exkludiert werden können und müssen. Die symbolische Konstitution der sozialen Welt ist aus textualistischer Perspektive in den […] Sequenzen von Symbolen und Zeichen zu suchen, die im weitesten Sinne einen öffentlichen und dechiffrierbaren ‚Text‘ bilden und die sowohl sprachlich-semantische Symbole als auch Gesten, Körper, Rituale und kulturelle Artefakte wie Kunstwerke, symbolisch konnotierte Gegenstände etc. umfassen“72.
Mit Blick auf GeertzGeertz, Clifford wird auch von dessen „synekdochischem Verständnis von Kultur als TextKultur als Text“73 gesprochen, womit die Formel Kultur als Text gemeint ist, die sich aber schon sprachlich keineswegs als eine Metonymie, mithin als Synekdoche, sondern als metaphorische Rede erweist. Der Begriff Kultur mag die uneigentliche Redeweise einer Synekdoche bezeichnen, worin die Vielzahl in der Einzahl benannt wird, keineswegs aber die Kultur-als-Text-Formel. Und eine ethnografische LiteraturwissenschaftLiteraturwissenschaft, wie sie implizit gefordert wird, ist eine ebensolche problematische Projektionsfigur wie der New HistoricismNew Historicism, als dessen Ziel eine Poetik der Kultur definiert wird, „die jene kulturellen Praktiken untersucht, in deren Spannungsfeld LiteraturLiteratur entsteht“, und deren angemessene Darbietungsweise eine Form der „bewußt anekdotischen, subjektiven Präsentation“ sei.74 Die Begeisterung, mit der die dichte Beschreibung oder das, was man dafür hielt, eine Zeitlang vonPoetik der LiteraturwissenschaftLiteraturwissenschaft, die kulturwissenschaftlich arbeiten wollte, aufgenommen wurde, hat zu Beginn des 21. Jahrhunderts nachgelassen. Doch erzeugte dies eine Art Theorievakuum. Damit stellt sich die Frage nach den Perspektiven einer Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft, die sich auf ein textualistisches Kulturverständnis berufen will. Denn bei aller Kritik an Geertz ist doch deutlich zu erkennen, dass sich das Kultur-als-Text-Kultur als TextParadigma noch lange nicht erschöpft hat.
Begreift man LiteraturwissenschaftLiteraturwissenschaft als eine Kulturwissenschaft läuft dies auf eine Kulturgeschichte der Literatur hinaus.75 Nach langen Theorie- und Methodendiskussionen scheint die Zeit gekommen, die Denkfigur einer KulturKultur als Entität zu verabschieden. Wenn wir von Kulturgeschichte der Literatur sprechen, muss auch geklärt werden, welches Verständnis von Kulturgeschichtsschreibung dabei zugrunde liegt. Eine Kulturgeschichte der LiteraturKulturgeschichte der Literatur hat mit den in der Literaturwissenschaft bekannten Formen der Kulturgeschichtsschreibung nur wenig gemein. Es gibt unterschiedliche Formate von Kulturgeschichtsschreibung wie die genannten exemplarische KulturgeschichteKulturgeschichte, die systematische, die enzyklopädische, die tabellarisch-rubrikatorische oder die berufsständische Kulturgeschichte. Die marxistische Kulturgeschichtsschreibung und Kulturtheorie verstand die Geschichte der Kultur als eine Geschichte von Klassenkämpfen. Ein objektivierbarer Kulturbegriff wurde dabei vorausgesetzt. So forderte Sokolow etwa einen allgemeingültigen Kulturbegriff von der Wissenschaft, welcher der objektiven Wahrheit über die Kultur entspreche.76 Das ist Geschichte. Völlig zu Recht wurde aber auch gegen die Verknüpfungen von Literaturgeschichte als Geistes-, Diskurs- oder KulturgeschichteKulturgeschichte der Einwand vorgebracht, dass Probleme der Differenzierung und auch Abgrenzung der Objektbereiche dadurch nicht gelöst würden, sofern damit gemeint war, dass sich lediglich die Probleme des spezifischen Objektbereichs verschieben.77 Von Friedrich JodlsJodl, Friedrich Buch CulturgeschichtsschreibungCulturgeschichtsschreibung (1878)78 bis hin zur Neubearbeitung des Handbuchs der KulturgeschichteHandbuch der Kulturgeschichte (1960–86, Erstausgabe 1934–39) als dem letzten enzyklopädischen Mammutunternehmen dieser Art liegen genügend Beispiele vor, wie Kulturgeschichte nicht mehr geschrieben werden kann. So verfolgen einzelne Bände des Handbuchs ein Konzept der Darstellung, das selbst schon wieder Gegenstand einer Kulturgeschichte der Literatur ist, die danach fragt, wie LiteraturLiteratur (populär)wissenschaftlich vermittelt wird.79 Auch das tabellarisch-rubrikatorische Beispiel einer Kulturgeschichte der Literatur scheidet aus, da es dem positivistischen Irrtum aufsitzt, dass Zahlen und Fakten für sich sprächen.80 Und was sich gerne als Mentalitätsgeschichte in der LiteraturwissenschaftLiteraturwissenschaft und als legitimes Kind der SozialgeschichteSozialgeschichte ausgibt, ist oftmals nur ein Deckname für das, was früher Kulturgeschichte genannt wurde.81
Zwischen den Ungeheuern hermeneutischerHermeneutik Abstinenz und positivistischer Trunkenheit wird das Schiff einer Kulturgeschichte der LiteraturKulturgeschichte der Literatur navigieren müssen. Eine Theorie muss in der Lage sein, jeden beliebigen einzelnen Text zu deuten. Sie darf sich nicht in die klösterliche Abgeschiedenheit der Ausnahmeregelungen oder hinter wehrhafte systemische Mauern zurückziehen. Das Fachverständnis einer SozialgeschichteSozialgeschichte der Literatur hatte sich in seinen Anfängen in den 1970er-Jahren zur Aufgabe gesetzt, aus dem Gefängnis der Immanenz der Texte, aus ihrer ästhetischen Einzelhaft auszubrechen und eine im guten Wortsinn positivistische Basis des Faches neu zu erarbeiten, LiteraturLiteratur wieder im Hinblick auf ihre soziale BedeutungBedeutung und kulturelle Praxis zu begreifen. Dies hatte für das Fach Germanistik weitreichende Folgen. Heute steht eine sozialgeschichtlich-kulturwissenschaftliche LiteraturwissenschaftLiteraturwissenschaft vor der Aufgabe, sich zwischen der Skylla Neopositivismus und der Charybdis Posthermeneutik, zwischen Vereinseitigung der Problem- und Themenvielfalt und Verzicht auf gewonnene Standards zu behaupten. Eine Kulturgeschichte der Literatur, die mehr ist als bloße Rezeptionsforschung, bewahrt die klassische sozialgeschichtliche Trias von ProduktionProduktion, DistributionDistribution und RezeptionRezeption von Literatur, denn wird diese Trias aufgesprengt, führt dies unweigerlich zu Vereinseitigungen. Eine offene Literaturwissenschaft, eine kulturwissenschaftlich orientierte Literaturwissenschaft kann einen Modernisierungsschub in dieser Disziplin leisten. So gesehen würde eine Kulturgeschichte der Literatur zum Bindeglied zwischen der Literaturwissenschaft als Textwissenschaft und einer Kulturwissenschaft, welche die kulturellen Praktiken und sozialen Gebrauchsweisen von Literatur berücksichtigt. Ihre Themen reichten von der Handschriftenüberlieferung bis zur heutigen Medienkonkurrenz, und sie dürfte durchaus sowohl einen retrospektiv-historischen als auch einen prognostischen Anspruch erheben. Jacob Burckhardt hatte die Frage ‚Was ist Kulturgeschichte?‘ noch definitorisch beantwortet: „Die Kulturgeschichte ist die Geschichte der Welt in ihren Zuständen“82. Eine Kulturgeschichte der Literatur dagegen ist nicht Ereignisgeschichte, sondern Prozessgeschichte. Darin kann sie sich von herkömmlichen LiteraturgeschichtenLiteraturgeschichte unterscheiden. Sie rekonstruiert nicht Literaturgeschichte, sondern fragt nach der BedeutungBedeutung und FunktionFunktion der LiteraturLiteratur im kulturellen Prozess. Darin liegt ihr spezifisches Erkenntnisinteresse.83 Eine kulturwissenschaftliche LiteraturwissenschaftLiteraturwissenschaft arbeitet mit am großen unabschließbaren Projekt einer Kulturgeschichte der LiteraturKulturgeschichte der Literatur. Dass eine „brauchbare Literaturgeschichte“ aber nicht nur transdisziplinär arbeiten muss, sondern auch „kulturenübergreifend“ sein soll,84 wie Stephen GreenblattGreenblatt, Stephen meint, ist eine offensichtliche Überforderung. Greenblatts Begriff von LiteraturgeschichteLiteraturgeschichte ist allerdings auch einem eingeschränkten Verständnis verpflichtet, wenn er schreibt: „In der Literaturgeschichte geht es immer um die Beziehungen zwischen den Bedingungen, die das literarische Werk für diejenigen, die es schufen, möglich machten, und den Bedingungen, dies es für uns selbst möglich machen. Insofern ist Literaturgeschichte immer die Geschichte der Möglichkeit von Literatur“85.
Natur metaphorisch als BuchBuch zu lesen ist uns lange geläufig. Nun aber wird dieser Blick umgekehrt, nicht die Natur erscheint als ein Text, sondern das, was der Fall ist, die KulturKultur. Das ist der Blick der ModerneModerne, diesen Blick verstehen zu lernen ist eine genuine kulturwissenschaftliche Aufgabe der Literaturwissenschaft. Friedrich SchlegelSchlegel, Friedrich schreibt im 22. Athenäums-FragmentAthenäums-Fragment, Projekte seien „Fragmente aus der Zukunft“86. Und um mehr kann es in diesem Buch nicht gehen. Die Literaturwissenschaft ist kein abseits gelegenes, verwunschenes Schloss mehr, sondern eine Metropole, die durch eine Kartografierung nichts von ihrem Charme verliert. Was wir benötigen ist eine Kultur der Wege, welche die geheimnisvollen Seitenpfade, die unerforschten Wege, die Wildnis ebenso mit einschließt, wie die bequem gangbaren, die den Warenverkehr und den Austausch intellektueller Güter fördernden Hauptwege. Eine Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft, eine Kulturgeschichte der Literatur appelliert an ein neues Verständnis von Literaturwissenschaft, das sich der PhilologiePhilologie zwar bedient, sich aber nicht darin erschöpft; sie plädiert für eine LiteraturwissenschaftLiteraturwissenschaft, die nicht vergisst, weshalb sie auf den Wegen zur KulturKultur unterwegs ist, dass Ausgangs- und Endpunkt je die LiteraturLiteratur ist.
Zur Geschichte einer Kulturgeschichte der Literatur
Der Begriff KulturKultur wird längst inflationär gebraucht, ein verbindliches Verständnis darüber, was Kultur ist, gibt es aber nicht. Das betrifft sowohl die Alltagssprache als auch die Fachsprachen der unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen. Damit geht auch eine Inflationierung des Begriffs der Kulturwissenschaft einher. Wird schon kulturell gehandelt, wenn von Kultur bloß geredet wird? Ist das Beliefern von Social Medias mit Informationen bereits Ergebnis einer speziellen KulturtechnikKulturtechnik? Im ökonomischen Sektor sind Begriffe wie Unternehmenskultur, Kundenorientierungskultur, Problemlösungskultur, Teamarbeitskultur, Neugierkultur, Lernkultur, Digitalkultur usw. gang und gäbe. Dass es dabei meist nur um die Relevanz des Humankapitals und der unzureichenden Ausschöpfung des Erfolgspotenzials geht, ist offensichtlich. In anderen Kontexten sprechen wir von Buchkultur und Lachkultur, von der Laufkultur bei Fahrzeugen und dem Verlust der Briefkultur im E-Mail-Zeitalter. Wir nennen Freizeitkultur ebenso wie Industriekultur, und der Begriff Kulturindustrie ist längst in der Alltagssprache angekommen.1 Von Schreibkultur, gar von Rechtschreibkultur wird meist nur noch im bedauernden Rückblick gesprochen. Internetkultur und Social Media-Kultur sind Bestandteil unserer digitalen Prägung geworden. Droht uns wirklich, wie ein Medienphilosoph meinte, der Befund, „Kultur ist ein Spiel auf der Tastatur des Gehirns“, und die Medientheorie sei die „Grundwissenschaft der zukünftigen Kultur“?2 Kultur scheint jedenfalls mehr zu sein als nur „das vermittelte Abbild dessen, der sie hervorbringt: des Menschen“3.
Ist Kultur ein Verhalten oder ein Handeln? Psychoanalytisch gesehen bedeutet die Aneignung von Kultur die Produktion von Subjektivität. FreudFreud, Sigmund stellte fest, „daß jede Kultur auf Arbeitszwang und Triebverzicht beruht“4, die KulturKultur müsse gegen den Einzelnen verteidigt werden. Wie ist die Entwicklung des Menschen zum Kulturträger zu verstehen? Welche Bedeutung haben LesenLesen und SchreibenSchreiben als kulturelle Praktikenkulturelle Praktik? Ist es legitim, GrimmelshausenGrimmelshausen, Hans Jakob Christoffel vons SimplicissimusSimplicissimus (1668) als Beispiel einer individuellen Enkulturation im 17. Jahrhundert zu begreifen? Schon OpitzOpitz, Martin hatte in seinem Buch von der Deutschen PoetereyBuch von der Deutschen Poeterey (1624) betont, dass die wahre Kultürlichkeit des Menschen, das, was ihn in Abhebung vom Tier zum Menschen mache, die Poesie sei. Die Anmut der schönen Gedichte leite die einfältigen Leute zu aller TugendTugend und gutem Wandel an, die „bäwrischen vnd fast viehischen Menschen [würden] zue einem höfflichern vnd bessern leben angewiesen“5. Damit stellt sich also die Frage, welche Rolle überhaupt Literatur bei der Enkulturation wie bei der Darstellung kulturgeschichtlicherKulturgeschichte Sachverhalte spielt? Wie weit muss der Theorierahmen gespannt werden, bevor die konkrete Textarbeit aufgenommen werden kann? Brauchen wir eine LiteraturgeschichteLiteraturgeschichte in der Kulturgeschichte in der Zivilisationsgeschichte, um diese Fragen, wenn schon nicht beantworten, so doch wenigstens zuverlässig und seriös diskutieren zu können?6 Auch der Versuch, für die Ablösung des Kulturbegriffs durch den Plural Kulturen als Untersuchungseinheiten zu plädieren, statt von einer Kultur also eher von vielen Kulturen zu sprechen, löst das Problem mit der Kultur nicht, sondern verschiebt es lediglich auf die Ebene einer pluralen Semantik.7 Anders verhält es sich, wenn durch Erkenntnisverknüpfungen eine Erweiterung oder gar Veränderung des Frage- und des Gegenstandsbereichs gemeint ist. Andere Fragen und neue Perspektiven könnten nun eingebracht werden.
Die Debatte darüber, was Kultur ist und welche Wissenschaft ermächtigt ist, sich um das zu kümmern, was als Kultur verstanden wird, ist nicht neu. Geradezu zyklisch scheint sie mit den Jahrhundertenden zusammenzufallen. So können wir in den Jahrzehnten vor und nach 1900 eine intensive Diskussion über den Gegenstand KulturKultur im Rahmen der Konsolidierung von Volkskunde als einer wissenschaftlichen Disziplin verfolgen. Vor allem die Germanisten taten sich schwer, hier Kompetenzen abzutreten. 1890 gründete der Germanist und Volkskundler Karl WeinholdWeinhold, Karl den ersten Verein für Volkskunde in Berlin, 1891 erschien bereits dessen Zeitschrift des Vereins für Volkskunde. Die Gründung der Zeitschrift für österreichische Volkskunde folgte 1895, 1897 erschien das Schweizerische Archiv für Volkskunde. 1919 wurden die ersten Lehrstühle für Volkskunde an den Universitäten in Prag und Hamburg eingerichtet. Die wissenschaftshistorisch durchaus verständliche strikte Ablehnung und die stillen Vorbehalte der älteren Wissenschaftlergeneration gegen das Fach Volkskunde dürften heute die Ausnahme sein. Leo LöwenthalsLöwenthal, Leo (1900–1993) Entsetzen beispielsweise über den Versuch, einen Dialog zwischen LiteraturwissenschaftLiteraturwissenschaft und Kulturwissenschaft bzw. Volkskunde wieder zu beginnen und ihn zur Mitarbeit an diesem Dialog zu bewegen, entlud sich in dem Ausruf: „Volkskunde, das ist ja schrecklich!“8 Immerhin war Löwenthal neben AdornoAdorno, Theodor W., HorkheimerHorkheimer, Max und BenjaminBenjamin, Walter ein Gründungsvater der Frankfurter Schule.
Wie selektiv, meist deutschnationalen Interessen unterworfen, Johann Gottfried HerderHerder, Johann Gottfried als Begründer einer Wissenschaft von der Kultur und den Kulturen in den vergangenen 200 Jahren in Anspruch genommen wurde, erhellt sich erst durch neuere Forschungen. Von germanistischer Seite ist dieses Kapitel inzwischen wissenschaftsgeschichtlich aufgearbeitet, doch bleibt HerderHerder, Johann Gottfried auch hier nach wie vor ein ominöser Referenzrahmen, dem jene Autorität zugesprochen wird, die man dem eigenen Forschungsgegenstand oder dem eigenen Wissenschaftsstandpunkt nicht zutraut. Auch vor diesem Hintergrund ist es mehr als verständlich, dass in den 1990er-Jahren zur „Revision und Konsolidierung“9 des Fachs Germanistik aufgerufen wurde, das eine Renaissance der Kulturdebatte erlebt hat. Man kann sowohl einen Kulturwandel in den vergangenen Jahrzehnten feststellen als auch den Wandel des Kulturbegriffs beobachten.10 Dabei geht es kaum um einen Paradigmenwechsel, eher um einen Perspektivenwechsel. Sich über die Beziehungen von LiteraturwissenschaftLiteraturwissenschaft, LiteraturgeschichteLiteraturgeschichte, Germanistik, Volkskunde und Kulturwissenschaft Gedanken zu machen, ist nicht unbedingt en vogue gewesen und diente meist nur wenig verbrämten politischen Interessen.




