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Die arabische ÜberlieferungsgeschichteÜberlieferungsgeschichte der Poetik stellt einen Teil der Poetik-RezeptionRezeption dar; allerdings darf dabei nicht übersehen werden, dass es eine aristotelischeAristoteles Schulbildung mit institutionellem Charakter, vergleichbar der alexandrinischen Schule, im Islam nicht gegeben hat.41 Die arabischen Poetik-Übersetzungen wurden nicht nach einem griechischen Original, sondern nur nach einer oder der syrischen Vorlage angefertigt.42 Die erste arabische Übersetzung stammt von Abū BišrAbū Bišr (†940 n. Chr.) und besitzt wegen ihres hohen Alters für die Poetik-Forschung besonderes Gewicht43:
„Die Geschichte der Poetik des AristotelesAristoteles bei den Syrern und Arabern zeigt, soweit erhaltene Belege, literarische Nachrichten oder Indizien vom 8. Jahrhundert an bis zur Zeit der Entstehung der lateinischen Übersetzungen, also für einen Zeitraum von mehr als einem halben Jahrtausend vorliegen, daß der Text des Abu Bisr nicht nur die älteste direkte arabische Übersetzung einer direkten syrischen Übersetzung der Poetik ist, sondern auch die älteste erhaltene Textquelle für die Aristotelische Schrift und zugleich das Original für alle seit dem 10. Jahrhundert erhaltenen oder literaturgeschichtlich nachweisbaren arabischen, syrischen und hebräischen Übersetzungen oder Paraphrasen und ihre lateinischen Bearbeitungen.“44
Diese für die Poetik-PhilologiePhilologie zweifelsfrei wichtige arabische Textquelle kann jedoch nicht über die inhaltlichen Bedenken hinwegtäuschen. Auch die Araber seien von einem „nur annähernd richtigen Verständnis“45 der Poetik entfernt gewesen, die Übersetzung des Abū Bišr wird sogar als „Mischung von Unverstandenem und Falschverstandenem, von Unverständlichem und Mißverständlichem“46 bezeichnet, gar von einem „mißratenen Zweig des arabischen AristotelismusAristoteles“47 ist, was die logische Poetik betrifft, die Rede. Hier stellt sich die Frage, weshalb sich die arabischen Gelehrten der mühevollen Arbeit einer Übersetzung unterzogen haben, wenn ihnen der Inhalt der Poetik so verschlossen geblieben ist. DiePoetik (Aristoteles)Poetik (Aristoteles) Antwort ist vor allem in dem übermächtigen Kanon des aristotelischen Korpus’ und der dominierenden Autorität aristotelischer Philosophie zu suchen. Die Poetik wurde als Folge der alexandrinischen Zuordnung zum Korpus logischer Schriften (Organon) selbst als logische Schrift gelesen. Darin ist sicherlich auch einer der Hauptgründe zu sehen, weshalb von der Poetik keinerlei Einfluss auf die arabische LiteraturtheorieLiteraturtheorie ausgegangen ist.48 Das eigentliche Motiv für den Philologenfleiß der Übersetzer und der Kommentatoren sieht Heinrichs unter Rückgriff auf die Forschungen Francesco Gabrielis im Streben nach Komplettierung des arabischen Corpus Aristotelicum, zudem stehe Abū BišrAbū Bišr im Hinblick auf seine Lehrer „in der lebenden Tradition der spätalexandrinischen AristotelesAristoteles-Studien“Isḥāq ibn Ḥunain49. Einzig Ibn al-Aṯīr erkenne den Widersinn einer logischen Terminologie, durch die der Zugang zur Poetik als Schrift über die DichtkunstDichtkunst durch deren Logisierung verstellt werde:
„Einer von den Philosophierern […] unterhielt sich einmal mit mir darüber [über den griechischen Einfluss bei den Modernen], und die Rede kam auf irgendein Werk von Abū ʿAlī Ibn Sīnā über die Redekunst und die Dichtung, das er erwähnte. Er zitierte (daraus) eine von den griechischen Dichtungsgattungen, die Lāġūḏiyā (lies: ṭrāġūḏiyā, ‚Tragödie‘) genannt wird, […] und ließ mich lesen, was er zitiert hatte. Als ich das las, da hielt ich ihn (sc. Avicenna) für einen Toren […]. Alles, was er da sagt, ist Geschwätz, von dem der Sprecher der arabischen Sprache keinerlei Nutzen hat. Mehr noch – wie er sagt, ist die Stütze der Leute beim rhetorischen Sprachgebilde [Anm. v. Heinrichs: „Und beim poetischen, wie wir sinngemäß ergänzen können“], daß es in der Form von zwei Prämissen und einer Schlußfolgerung […] gebracht wird. Das ist aber dem Abū ʿAlī Ibn Sīnā bei dem, was er (selbst) an Dichtung und Reimprosa verfaßt hat, nicht in den Sinn gekommen […]. Hätte er nämlich erst über die zwei Prämissen samt Konklusion nachgedacht und danach erst ein Vers- oder Prosastück herausgebracht, dann hätte er etwas Nutzloses herausgebracht, und die Sache hätte ihm zu lange gedauert. Nein, ich bin anderer Meinung, nämlich daß die Griechen selbst, wenn sie ihre Gedichte machten, diese nicht mit dem gleichzeitigen Gedanken an zwei Prämissen und Schlußfolgerung machten. Sondern das sind theoretische Setzungen, die gemacht wurden […] und mit denen ihre systematischen Werke über die Rhetorik und die Dichtung in die Länge gestreckt wurden. Sie sind, wie man sagt, ‚Wasserblasen ohne Nutzen‘.“50
Obwohl also die Schwierigkeiten einer Lektüre der Poetik als logische Schrift durchaus erkannt wurden, wie diese Bemerkungen des arabischen Kritikers zeigen, zweifeln die Übersetzer und Kommentatoren nicht an der instrumentellen Logisierung der Poetik, sondern vermuten vielmehr eine böswillige Absicht der griechischen Verfasser von Rhetorik- und Poetikbüchern, um ihre Schriften unnötig aufzublähen. Die Übersetzung des Abū BišrAbū Bišr, die die Grundlage der meisten arabischen Kommentare zur aristotelischenAristoteles Poetik bildet, soweit sie sich darauf berufen oder sich dies noch rekonstruieren lässt, enthält aus philologischer Sicht einige gravierende Missverständnisse und Fehlinterpretationen. Das bekannteste Beispiel ist die Äquivokation von TragödieTragödie mit Lobgedicht und KomödieKomödie mit SpottgedichtPoetik (Aristoteles)Poetik (Aristoteles). Dieses Missverständnis, Tragödie und Komödie als „the art of enconium“ und „the art of satire“ aufzufassen, ist nach Dahiyat das Ergebnis von Abū Bišrs „excessive literalness“.51 Während AvicennaAvicenna (Ibn Sina) „transliterates the two Greek words and gives them definitions based on the Poetics“52, ist Abū Bišr ein Übersetzer, der sich lediglich für den LiteralsinnLiteralsinn seiner Textvorlage interessiert. Dieses kleine Beispiel eines arabischen Übersetzungsfehlers und dessen Bewertung durch die Forschung verweist auf ein grundsätzliches Problem, das in der Folge der Poetik-Rezeption erhebliche Ausmaße annehmen wird. Es macht deutlich, dass der, will man es zugespitzt formulieren, Rückzug auf eine vermeintlich aseptische philologische, philosophische oder poetologische Position, wenn man so die Reduktion eines Textes auf seinen Literalsinn vorerst verstehen will, keineswegs vor der zivilisatorischenzivilisatorisch Infizierung schützt. Die Rede von einem falschen Verständnis, von Missinterpretationen und Fehldeutungen impliziert ein hermeneutischesHermeneutik Vor-Verständnis von einer richtigen DeutungDeutung, das die Geschichtlichkeit von interpretierenden, übersetzenden oder poetischen DiskursenDiskurs ignoriert. So betrachtet entheben sich dann die sogenannten philologischen Missverständnisse, Fehlübersetzungen etc. einer ausschließlich philologischen Wertigkeit. Ein Blick auf eine ähnliche Entwicklung, allerdings mit deutlicheren Explikationen, in Italien im 16. Jahrhundert zeigt, dass die Diskrepanz zwischen dem Text der Poetik und seinen Auslegungen in dieser Zeit auch als ein Versuch gedeutet werden kann, „im Rekurs auf AristotelesAristoteles die neue Konzeption der Kunst auf den Begriff zu bringen“53. Damit ist das gesellschaftlich-zivilisatorischezivilisatorisch Konstituens von ÄsthetikÄsthetik und poetologischer Reflexion festgehalten, das auch in den Zeugnissen der arabischen ÜberlieferungsgeschichteÜberlieferungsgeschichte der Poetik normbildend gewirkt hat. Die Gründe, weshalb die arabischen Übersetzer und ihre syrischen Vorläufer die aristotelische Poetik als eine logische Schrift lesen mussten, liegen vermutlich tiefer, als ein philosophisch-philologischer Systemzwang erkennen lässt, und sie liegen wohl auch tiefer, als der Hinweis auf die ungebrochene Autorität der aristotelischenAristoteles Philosophie und ihrer Schulbildung zu erklären vermag.
Das griechische Wort opsis wurde im Fragmentum SyriacumFragmentum Syriacum mit Sehen, Sehvermögen übersetzt. Abū Bišr übernimmt diese Deutung und gibt das syrische Wort für opsis mit dem arabischen Begriff naẓar wieder. Dieser Begriff hat aber in der arabischen philosophischen Terminologie auch die Bedeutung von spekulativem Denken.54 AvicennaAvicenna (Ibn Sina) und AverroesAverroes übernehmen nun in ihren Poetik-Kommentaren diese Bedeutung. Avicenna erklärt das ursprüngliche Wort für Inszenierung so: „Was den naẓar betrifft, so ist er sozusagen eine Argumentation und eine Darlegung der Richtigkeit beider, der Gewohnheit [ethos] und der Erzählung [mythos]“55. Was die Übersetzung des MimesisMimesis-Begriffs betrifft, lässt sich Folgendes sagen: Das arabische tašbīh wa-muḥākāt, die Übersetzung des syrischen meddammyānūṯā, das wiederum auf PoetikPoetik (Aristoteles)Poetik (Aristoteles) 1449 b 24 rekurriert (die Tragödie ist Mimesis von Handlung, mimesis praxeos), ist ein Hendiadyoin und wird von Heinrichs mit „Gleichmachung (oder: Vergleich) und Nachahmung (oder: Sich-angleichen)“56 wiedergegeben. Die Poetik-Kommentatoren nach Abū BišrAbū Bišr übernehmen das im Gegensatz zu tašbīh bedeutungsmäßig nicht festgelegte muḥākāt für den fremden, aristotelischen Begriff der Mimesis, wenn sie das Hendiadyoin umgehen wollen.57 Eine exakte begriffsgeschichtliche Untersuchung müsste aber diese allgemeinen Zusammenhänge an den noch erhaltenen arabischen Schriften zur Poetik weiter überprüfen, um jene von Heinrichs festgestellte fatale Übersetzung des MimesisMimesis-Begriffs zu verifizieren oder zu falsifizieren.58
Die erste noch nachweisbare Schrift zur aristotelischenAristoteles Poetik ist ein sogenanntes Kompendium, das etwa ein Jahrhundert älter ist als die erste arabische Übersetzung, und stammt aus der Feder des arabischen Philosophen al-KindīAl-Kindī (†873 n. Chr.). Diese Schrift ist nicht mehr erhalten. In einer anderen, aber überlieferten Schrift al-Kindīs, dem Sendschreiben über die Anzahl der Bücher des AristotelesSendschreiben über die Anzahl der Bücher des Aristoteles, und was man (davon) für das Studium der Philosophie benötigt, findet sich die früheste Erwähnung der Poetik in der arabischen Literatur. Dieser Text (Risāla) enthält eine Aufzählung der einzelnen Organonschriften, darunter die Poetik und RhetorikRhetorik mit Inhaltsangaben. Über die Poetik schreibt al-Kindī:
„Was sein [Aristoteles’Aristoteles] Thema in seinem achten Buch, betitelt Poietike, d.h. das auf die Dichtung bezügliche, betrifft, so ist es die Erörterung über die Kunst der Dichtung von (den Unterarten) der sprachlichen Aussage und über die Versmaße, die in einer jeden Art von Dichtung, wie der Panegyrik, den Elegien, der Satire usw., angewandt werden.“59
Datiert wird die Risāla vor 833, während das erwähnte Kompendium vor 873 entstanden ist.60 Eine weitere, allerdings eher marginale Bemerkung zur Poetik findet sich bei dem Historiker al-Ya ʿqūbīAl-Ya ʿqūbī (†897 n. Chr.), der über die Poetik schreibt: „Was sein [Aristoteles’] achtes Buch, d.i. das Poietike benannte, betrifft, so ist sein Thema darin die Erörterung über die Dichtkunst, und worüber man dichten darf [!] und welche Versmaße man verwendet, und über jede Art“61. Aus diesen Textzeugnissen kann aber nicht auf eine vor Abū BišrsAbū Bišr Übersetzung entstandene Übertragung der aristotelischenAristoteles Poetik ins Arabische geschlossen werden. Problematisch ist Heinrichs’ Versuch, Scholien als Quelle der zitierten Kurzbeschreibungen der Poetik auszuweisen.62 Wissenschaftliche Beweise für diese Hypothese gibt es nicht. Wesentlich wichtiger ist, dass auch die frühesten arabischen Zeugnisse zur Poetik in diesem Text ein logofikatorisches Instrumentarium sehen, entsprechend der alexandrinischen Tradition.
DiePoetik (Aristoteles)Poetik (Aristoteles) beiden Kommentare von al-FārābīAl-Fārābī und AvicennaAvicenna (Ibn Sina) zur Poetik spielen sowohl für die arabische als auch für die europäische Poetik-Rezeption eine nicht unbedeutende Rolle. Der Philosoph al-Fārābī (†950 n. Chr.) sieht sich selbst als Schüler der spätalexandrinischen Tradition. Einer seiner Lehrer in Bagdad war Abū BišrAbū Bišr.63 Folgende kurze Notiz zur Poetik wird als ein sehr frühes Zeugnis von ihm gedeutet:
„Die Bücher aber, welche man nach der Lehre vom Beweis lesen muß, sind die, welche zwischen dem richtigen und falschen Beweis unterscheiden. Einige dieser Beweise sind geradezu falsch, andre aber gemischt (aus falsch und wahr). Den geradezu falschen Beweis lernt man aus seinem [AristotelesAristoteles’] Werk über die Dichtkunst […] kennen.“64
Diese offensichtliche Logofizierung der Poetik, d.h. die Auslegung der Poetik als eine logische Schrift im Kontext der anderen logischen Organonschriften, wonach dem poetischen Syllogismus der geringste Wahrheitsgehalt zukommt, bleibt in der arabischen Poetik-Rezeption, folgt man den Ausführungen Heinrichs’, ein Zwischenspiel. Bereits in der nächsten Schrift al-Fārābīs deutet sich neben der Logofizierung eine andere Lesart der Poetik an. Die Abhandlung über die Gesetze der Kunst der DichterAbhandlung über die Gesetze der Kunst der Dichter „is the earliest extant Arabic work on Poetics consciously based on the teaching of Aristotle“65. Darin wird u.a. Folgendes ausgeführt: Sprachliche Äußerungen sind differenzierbar in sinnvolle, zusammengesetzte, Sätze darstellende, assertorische, falsche Äußerungen und in Kontradiktionen. Unter die falschen sprachlichen Aussagen fallen die poetischen Sätze. Der Unterschied zwischen einem Sophisten, der täuscht, und einem Dichter, der nachahmt (muḥākī), besteht darin, dass der Sophist das Gegenteil einer Sache vortäuscht (Nichtexistentes als existent und umgekehrt), während der Dichter nicht das Gegenteil, sondern nur das Ähnliche nachahmt. Al-FārābīAl-Fārābī veranschaulicht dies an einem Beispiel „provided by sensation. A person […] is standing on the ground, in springtime, and looks at the moon and stars behind fast-travelling clouds“66. Das Ergebnis ist ein Zustand, der den Beobachter verleitet „to imagine that he is moving“67, eine (Sinnes-)Täuschung. Wer aber in einen Spiegel blickt, „is seeing a likeness of the object“68. Diese Ähnlichkeit entspreche der NachahmungNachahmung. Zu der Einteilung der fünf Schlussfiguren nach dem Modell von Elias dem ArmenierElias der Armenier bemerkt al-Fārābī: „Aus dieser Einteilung wird klar, daß die poetische Aussage weder die apodiktische, noch die dialektische, noch die rhetorische, noch die sophistische ist und trotz alledem zu einer der Arten des Syllogismus […] gehört“69. Am Ende der Abhandlung über die Gesetze der Kunst der DichterAbhandlung über die Gesetze der Kunst der Dichter gibt al-Fārābī seine Quellen an. Neben mündlichen Informationen sind dies die pseudoaristotelischen Erörterungen über die DichtkunstErörterungen über die Dichtkunst und Schriften antiker AristotelesAristoteles-Kommentatoren. Unter ihnen ThemistiosThemistios, der einen PoetikPoetik (Aristoteles)Poetik (Aristoteles)-Kommentar geschrieben hatte, dessen Schrift aber nicht erhalten und über deren Inhalt nichts bekannt ist. Der Hinweis auf die Quellen erklärt auch die bunte Mischung von Ansichten und Themen, die al-Fārābī in seiner Schrift ausbreitet. Trotz der Mahnung von Heinrichs, dass noch al-Fārābī mit der Poetik nicht viel anzufangen gewusst hätte70, bleibt für die ÜberlieferungsgeschichteÜberlieferungsgeschichte doch die Beobachtung festzuhalten, dass erstmals der Begriff der Nachahmung in einer Schrift zur aristotelischen Poetik auftaucht. Neben die Logofizierung, so könnte man schlussfolgern, tritt nun die allmählich erkannte Bedeutung des MimesisMimesis-Begriffs. Dichterische Aussagen werden als nachahmende Aussagen, die Dichter selbst als Nachahmer bezeichnet und zugleich von der (sophistischen) Täuschung abgegrenzt. Für den theoretischen Diskurs über DichtungDichtung bedeutet dies eine entscheidende Erweiterung.
Noch eine weitere Schrift al-Fārābīs widmet sich der aristotelischen Poetik, das ist ein der Gruppe der kleinen Kommentare zugehöriger Text, der ebenfalls als Vertreter der Proömienliteratur zu betrachten ist.71 Diese Schrift bedeutet gegenüber der Risāla einen Fortschritt insofern, als hier auf engem Raum eine kohärente Theorie der Dichtung entworfen wird. Der Bezugspunkt dieser Theorie bleibt nach wie vor die aristotelischeAristoteles Poetik. Erst mit ḤāzimḤāzim (†1285 n. Chr.) wird sich eine eigenständige arabische LiteraturtheorieLiteraturtheorie entwickeln, die versucht, die systematischen Vorgaben griechischer Provenienz mit autochthoner arabischer Literatur zu vermitteln und dadurch zu erweitern.72 Der zentrale Begriff von al-Fārābīs Theorie ist die NachahmungNachahmung (muḥākāt), die das wichtigste konstitutive Element von Dichtung bezeichnet und deren Zweck die „Vorstellungsevokation“73 (taḫyīl) ist. Die Nachahmung entsteht entweder aus einer Tat, beispielsweise im Schaffen von Plastiken oder auf dem Theater, oder in einer Aussage. Da die Vorstellungsevokation den Gegenstand selbst betrifft oder einen anderen, durch den erst die Evokation eines Gegenstandes erfolgt, gibt es folglich zwei Aussagetypen der Nachahmung. Einmal diejenige Aussage, die den Gegenstand selbst in der Vorstellung evoziert, zum zweiten diejenige Aussage, die die Existenz eines Gegenstandes in einem anderen in der Vorstellung evoziert. Unter Auswertung weiterer Textstellen kommt Heinrichs zu dem Ergebnis, dass al-FārābīAl-Fārābī konsequent zwei Nachahmungsarten unterscheidet. Zum einen ist dies Nachahmung ähnlicher Gegenstände innerhalb der oder durch die Sprache, Referenzialität der Gegenstände untereinander, die sprachlich nachgeahmt werden (verbale Nachahmung), und zum anderen die Nachahmung nichtsprachlicher, wirklicher Sachverhalte, worin auch die Funktion der sprachlichen Aussage nach al-Fārābī liegt (nonverbale Nachahmung).74 Diese Differenzierung in der Begriffsbildung setzt sich auch bei dem zweiten zentralen Begriff dieser Dichtungstheorie fort, derPoetik (Aristoteles)Poetik (Aristoteles) Vorstellungsevokation. Bemerkenswert ist, dass sich al-Fārābī von der systematischen Zwängen gehorchenden Gleichsetzung von Poesie mit Falschheit, niedrigstem Erkenntniswert und der Äquivokation von Fantasie und Falschheit, wie sie noch seine arabischen, syrischen und griechischen Vorgänger im Rahmen der systematischen Organonlehren entwickelt hatten, entfernt. Al-Fārābī gibt die These von der Falschheit poetischer Schlussformen auf und setzt an ihre Stelle den Begriff der Vorstellungsevokation. Offensichtlich scheint schon kurz nach seinem Tod dieser Begriff und erstaunlicherweise nicht der MimesisMimesis-Begriff bzw. dessen arabisches Korrelat als der allgemein anerkannte Schlüsselbegriff der Poetik verstanden worden zu sein.75
Im Prozess der arabischen Poetik-Rezeption nimmt AvicennaAvicenna (Ibn Sina) (d.i. Ibn Sina, †1037 n. Chr.) eine wichtige Stellung ein, denn von ihm stammt der erste Kommentar zur Poetik, der auch heute noch erhalten ist.76 Ob Avicenna die Poetik-Übersetzung von Abū Bišr als Textgrundlage diente oder die neukollationierte und revidierte Übersetzung von dessen Schüler Yaḥyā b. ʿAdīYaḥyā b. ʿAdī, ist umstritten.77 In der Einleitung zu seinem Kommentar liefert Avicenna gleich im ersten Satz eine Definition von Dichtung, die sowohl als Vorgabe für seine Interpretation der Poetik als auch als Ergebnis seiner Interpretation verstanden werden kann. „We first say that poetry is imaginative speech, composed of utterances that are measured, commensurate – and, in Arabic, rhymed“78. Das englische imaginative speech entspricht Heinrichs’ Begriff der Vorstellungsevokation und ist nach den Darlegungen Dahiyats ein Zentralbegriff in Avicennas Kommentar. Zwei Bedeutungen umfasst dieser Begriff. Die erste betrifft „the mimetic or image-making nature of poetry“79, die sich gerade in der Fähigkeit zur Vorstellungsevokation von logisch-diskursiver Rede unterscheide. Avicenna knüpft also an die traditionelle Logikdiskussion poetischer Rede an, jedoch – und darin liegt ein wesentlicher Unterschied zu seinen Vorgängern – ohne sie als unwahr oder falsch zu klassifizieren. Die zweite Bedeutung betrifft die Wirkung der DichtungDichtung, „which is primarily emotive and pleasurable rather than apodictic and ratiocinative“80. Die Gefühlsbeteiligung in poetischer Rede erfährt also eindeutig eine Aufwertung. Ob es sich bei dieser Bedeutung von Vorstellungsevokation um eine Art von platonischerPlaton Bilderzeugung81 handelt, muss offen bleiben. Die zugrunde liegende Überlegung AvicennasAvicenna (Ibn Sina) jedenfalls ist die, dass ein Gegenstand, über den eine Aussage gemacht wird, durch die Aussage selbst sich erst in der Vorstellung konstituiert. Die affektive WirkungWirkung, die von der DichtungDichtung ausgeht, ist von der Wahrheit oder Falschheit des Ausgesagten aber vollkommen unabhängig. Der Wahrheitswert einer Aussage hat keinen Einfluss auf ihre Wirkung. Avicenna erkannte, dass die Vorstellungsevokation für die Rezipienten von Dichtung attraktiver und suggestiver ist, als ein poetischer Wahrheitsbeweis es sein kann.82 Die Begründung für diese entscheidende Erweiterung des poetologischen Diskurses über die PoetikPoetik (Aristoteles)Poetik (Aristoteles) liegt darin, dass der Nachahmung als Merkmal von Dichtung ein Element der Überraschung innewohnt, das bei der Wahrheit nicht nachzuweisen ist, „weil die wohlbekannte Wahrheit sozusagen abgetan und erledigt ist, während die unbekannte Wahrheit keine Aufmerksamkeit findet“83. In Avicennas Kommentar drückt sich keine Missbilligung poetischer Rede aus, vielmehr die mehr oder weniger deutliche Aufwertung von Dichtung. Zwar bleibt auch für ihn das Primat der griechischen Dichtung über die arabische unangetastet, doch zeichnet sich auf der Ebene poetologischer Reflexion im Ausgang von der Poetik eine Abkehr von den durch die Tradition kanonisierten Bedeutungsmustern ab. Auch dieser Emanzipationsprozess ist ein historischer Prozess und verläuft als solcher sukzessive, doch ist mit Avicennas Kommentar ein Weg eingeschlagen, der schließlich in eine Zweiteilung der Theoriebildung mündet: In AverroesAverroes findet die arabische Poetik-Rezeption den Anschluss an die griechisch-lateinische ÜberlieferungstraditionÜberlieferungstradition, in ḤāzimḤāzim, der wesentliche Anregungen aus den philosophischen Poetik-Schriften erhält, erfährt die arabische LiteraturtheorieLiteraturtheorie ihre Systematisierung.84 Der Schluss von Avicennas Poetik-Kommentar weist bereits in diese Richtung: „It is likely that we will try to introduce, in poetic discipline in general, as well as in poetic discipline according to contemporary practice, some discussion that is realized and detailed“Ḥāzim85. Schmitt untersucht in seiner Poetik-Edition zwar vor allem den systematischen, intrinsischen wie extrinsischen philosophiegeschichtlichen Ort dieser Schrift, sein Resümee gilt aber unabhängig davon: „einen wirklichen Eingang in die Poetik-Forschung haben die arabischen Kommentare aber immer noch nicht gefunden“86, denn „eine detailgenaue Auswertung der arabischen Poetik-Deutungen ist […] nicht möglich; es gibt zu viele Übersetzungsprobleme“87.
Mit AverroesAverroes (†1198) und seinem Poetik-Kommentar beginnt der „mittelalterliche Kultus des Aristoteles“88. Dies unterstreicht ein Beleg aus der lateinischen AristotelesAristoteles-AverroesAverroes-Ausgabe (Venedig 1550–1552), der die ungebrochene Dominanz und Autorität dokumentiert, die Aristoteles – und das bedeutet in praxi das Corpus Aristotelicum, also der jeweilige echte oder unechte aristotelische Text – Ende des zwölften, zu Beginn des 13. Jahrhunderts einzunehmen beginnt: „Credo enim quod iste homo [Aristoteles] fuerit regula in natura et exemplar quod natura invenit ad demonstrandum [recte: demonstrandam] ultimam perfectionem humanam [Ü: Denn ich glaube, dass dieser Mensch eine RichtschnurPoetik (Aristoteles)Poetik (Aristoteles) in der Natur und ein Vorbild gewesen ist, das die Natur hervorbringt, um höchste menschliche Vollendung zu demonstrieren]“89. Die aristotelische Philosophie wird bezeichnet als „summa veritas, quoniam eius intellectus fuit finis humani intellectus [Ü: höchste Wahrheit, da ja sein Verstand die Grenze menschlichen Verstandes überhaupt gewesen ist]“90. Einen ähnlich hohen Stellenwert bekommt auch Averroes. Seine Kommentare zu aristotelischen Schriften, wozu der Poetik-Kommentar zählt, „held a dominant place from the thirteenth through the sixteenth centuries“91. Dieser Kommentar beansprucht nicht, eine Übersetzung des aristotelischen Textes zu bieten. AverroesAverroes, selbst des Griechischen unkundig, ordnet ihn vielmehr der zweiten von drei Hauptgruppen seiner zahlreichen anderen Aristoteles-Kommentare zu. Diese Gruppe der Media commentaria (mittlere Kommentare) gibt nicht den vollständigen aristotelischen Text arabisch wieder, sondern einzelne mit „dixit“ (AristotelesAristoteles sagte) eingeleitete Abschnitte, woran sich Erläuterung und Paraphrase anschließen.92 Dass sich hierbei unter strengem philologischem Gesichtspunkt schnell der Verdacht von Ungenauigkeiten und Verfälschungen einstellt, liegt auf der Hand. Ob allerdings Tkačs Urteil, es handle sich „um ein wahres Sammelsurium ungeheuerlicher Mißverständnisse und abenteuerlicher Phantasien“93 zutrifft, muss bezweifelt werden. Die lateinische Übersetzung von Hermannus AlemannusHermannus Alemannus (entstanden 1256, gedruckt 1481 und 1515) wird gelegentlich als Paraphrase der aristotelischen Poetik bezeichnet. Dabei ist aber zu beachten, dass es sich um die lateinische Übersetzung einer arabischen Paraphrase (Averroes) handelt, die als Grundlage die arabische Übersetzung (Abū BišrAbū Bišr) einer syrischen Übertragung der griechischen Vorlage hat. Hiervon muss die andere lateinische Übersetzung unterschieden werden: 1337 fertigte Todros TodrosiTodros Todrosi eine hebräische Übersetzung des Averroes-Kommentars an (gedruckt 1872), die von Jakob MantinusMantinus, Jakob († vor 1550) ins Lateinische übersetzt wurde und die in die große AristotelesAristoteles-Averroes-Ausgabe (1550ff.) eingegangen ist.94 Um der Poetik bzw. deren arabischer Übersetzung einen Sinn abzugewinnen, musste Averroes mangels einschlägiger griechischer Sprach- und Literaturkenntnisse fremdes Material in den Text interpolieren, Textverschiebungen vornehmen und einige Stellen ganz weglassen. Die griechischen Beispiele, mit welchen Aristoteles seine Ausführungen illustriert hatte, ersetzte AverroesAverroes durch Beispiele aus der arabischen Dichtung.95 Aber auch Averroes begreift die PoetikPoetik (Aristoteles)Poetik (Aristoteles) als Teil der aristotelischen Logik. Daneben tritt bei ihm die ethische Funktion der Dichtung, die bestimmt werden kann als Kunst von Lob und Tadel.96 Tkač gibt diese Stelle aus dem Kommentar folgendermaßen wieder: „Dixit [Aristoteles]. Omnis poesis et omnis oratio poetica est aut convicium aut laus [Ü: Aristoteles sagte: Die ganze DichtungDichtung und alle poetische Rede sind entweder Schimpf oder Lob]“97. Epik und TragödieTragödie werden der Lobdichtung, die KomödieKomödie, worunter Averroes die Satire versteht98, wird der Spottdichtung zugeordnet. Gute Dichter loben gute Menschen, um ihre Leser zur Tugend anzuhalten, durchschnittliche Dichter tadeln schlechte Menschen, im Sinne einer abschreckenden WirkungWirkung von Lastern. Dichtung bekommt dadurch eine ethisch-didaktische Funktion, die mit der Überzeugung, dass Dichtung ein Teil der Logik sei, nur schwer zu vermitteln ist. Hardison spricht in diesem Zusammenhang gar von Inkompatibilität.99 Beide Theoreme, die ethische wie die logische Funktionsbestimmung von Dichtung, stehen in Averroes’ Kommentar unvermittelt nebeneinander. Doch was auch immer über die strukturelle und philologische Schwäche dieses Kommentars festgestellt werden mag, für den Zusammenhang einer ÜberlieferungsgeschichteÜberlieferungsgeschichte der aristotelischenAristoteles PoetikPoetik (Aristoteles)Poetik (Aristoteles) ist letztlich nur die Tatsache einer „long european career“100 dieses Textes entscheidend. Denn von Averroes’ Kommentar aus lassen sich bis hinauf in die Poetik-Debatten des 17. und 18. Jahrhunderts Linien ziehen.




