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Die Poetik-Überlieferung im MittelalterMittelalter und im HumanismusHumanismus lässt sich nicht mehr von der allgemeinen Aristoteles-Rezeption trennen.159 Dies aus folgenden Gründen: Erstens spielt die Poetik vor dem Hintergrund des Machtkampfes zwischen den Vertretern eines Aristotelismus und den Vertretern eines Platonismus nur eine untergeordnete Rolle.160 Die bloße Verfügbarkeit von Texten aus dem Corpus Aristotelicum vermag nicht deren Einfluss zu erklären, es muss ein „deutliches Interesse auf Seiten des Rezipienten“161 hinzukommen. In der Ausbildung der Theologie als wissenschaftliche Disziplin, die in ihrem universalen Deutungsanspruch traditionale und rationale Momente vereinigt, kann man einen Grund für den Paradigmenwechsel von PlatonPlaton zu AristotelesAristoteles sehen.162 Die Aristoteles-RezeptionRezeption ließe sich damit „als Ergebnis einer fundamentalen Neuorientierung des geistigen Lebens im 12. Jahrhundert“163 erklären. Zweitens ist eine eigenständige literarische Rezeption der Poetik als Kritik oder Akzeptanz zu diesem Zeitpunkt noch nicht nachweisbar. Erst am Ende des 15. Jahrhunderts beginnt sich ein explizit poetologischer Aristotelismus mit tragödientheoretischer Präferenz als eigenständiger Diskurs zu entwickeln. Über den theologisch-philosophischen Bereich hinaus werden aristotelische Schriften nur von Medizinern und Juristen rezipiert, in großer Zahl auch pseudo-aristotelische Schriften. Die Untersuchung der Aristoteles-Rezeption unter medizin- und rechtshistorischen Aspekten wäre eine wichtige Ergänzung zu einer Kulturgeschichte der LiteraturKulturgeschichte der Literatur. Drittens kann die Handschriftengeschichte der Poetik aus literaturgeschichtlicherLiteraturgeschichte Perspektive mit dem Auftauchen des Codex Parisinus 1741 als abgeschlossen betrachtet werden. Alle jetzt noch angefertigten Codices, mit Ausnahme der Handschrift B und der Translatio HermanniTranslatio Hermanni, sind mittelbar oder unmittelbar abhängig von der Handschrift A. Mit der Editio princeps ist schließlich eine Textgestalt vorgegeben, die bis zu der großen AristotelesAristoteles-Ausgabe von Immanuel Bekker Mitte des 19. Jahrhunderts verbindlich bleibt. Textkritische Fragen verlieren für eine Kulturgeschichte der Literatur damit an Dringlichkeit. Und viertens beginnt sich die PoetikPoetik (Aristoteles)Poetik (Aristoteles) erst im frühen 18. Jahrhundert von der RhetorikRhetorik zu emanzipieren. Dieser Emanzipationsprozess ist nachhaltig von der Rezeption der aristotelischen Poetik initiiert worden. Die Filiationen zwischen der aristotelischen Poetik und der aristotelischen Rhetorik müssten bis in die HochscholastikHochscholastik hinein entsprechend berücksichtigt werden.
Die Poetik zeichnet sich als einzige aristotelische Schrift dadurch aus, dass sie weder eine ausschließlich philosophische noch eine ausschließlich literarische Schrift ist, und doch für die westliche Zivilisation zum ältesten und wirkungsmächtigsten Zeugnis theoretischer Auseinandersetzung mit LiteraturLiteratur avancierte. Dass diese Schrift von der über viele Jahrhunderte hinweg unantastbaren Autorität des AristotelesAristoteles verfasst worden war, ist für den Erhalt der Poetik und für ihre Überlieferungsgeschichte von elementarer Bedeutung. Der erste einschneidende Bruch in diesem Prozess traditionaler Macht der Überlieferung vollzieht sich in dem Augenblick, wo sich der erste Widerstand gegen die Herrschaft der Poetik in der RenaissanceRenaissance zu regen beginnt. In der Gegenreaktion hierauf wird versucht, die (aristotelische) Herrschaft durch die Vulgarisierung der Poetik auszuweiten. Dies geschieht durch die ersten gedruckten landessprachlichen Übersetzungen und Kommentare, durch Auflösung der Prosaform in Versform, durch Reduktion des Textes auf eine reine Regelsammlung nach poetologischen Verwertbarkeitskriterien. Zugleich wird der Bruch mit der PhilosophiePhilosophie und TheologieTheologie vollzogen, die LiteraturLiteratur entwickelt ihr eigenes Reflexionsmodell in der Absicht, sich dadurch Freiheit und Unabhängigkeit zu sichern. Der gegen die Literatur gerichtete neuplatonisch-christliche Vorwurf, Literatur sei Lüge und sie verkünde die Unwahrheit, verliert an Bedeutung.164 Die RezeptionRezeption der aristotelischen Poetik war im Mittelalter zwar eng mit der Rezeption der christlichen ÄsthetikÄsthetik augustinischerAugustinus Prägung, der neuplatonischen Kunstauffassung und der Tradition der antiken Rhetorik verflochten. Doch ist der Anteil der aristotelischenAristoteles Poetik an den Debatten um FiktionFiktion, Historie, Poesie, Wahrheit, Wahrscheinlichkeit und Lüge im Kontext der mittelalterlichenMittelalter Fiktionsdebatte im Prozess der Emanzipierung der PoetikPoetik (Aristoteles)Poetik (Aristoteles) von der RhetorikRhetorik nicht unerheblich.165 Vor dem Hintergrund der lateinischen Tradition im Mittelalter müsste zudem auch die Rolle der Ars poetica von HorazHoraz berücksichtigt werden.166 Im 14. Jahrhundert gelangt die HandschriftenHandschriftengeschichte- und Textgeschichte der Poetik, endgültig mit der Editio princeps graeca von 1508, zu ihrem Abschluss. Man kann eine verhaltene Virulenz der aristotelischen Poetik im 13., 14. und 15. Jahrhundert annehmen. Keineswegs erlebt die Poetik „phönixartig“ eine „späte Auferstehung“ um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert.167 Die PoetikPoetik (Aristoteles)Poetik (Aristoteles) hat innerhalb der RezeptionRezeption anderer aristotelischerAristoteles Schriften die zwei Jahrhunderte zwischen 1256 als dem Jahr der Niederschrift der Translatio HermanniTranslatio Hermanni und 1481 als dem Jahr, in dem die Translatio Hermanni gedruckt wurde, gleichsam überwintert. Auch die Auswertung der LiteraturtheorieLiteraturtheorie in der italienischen RenaissanceRenaissance legt dies nahe.168
„While Aristotle was the institutionalized philosophical writer par excellence for the Middle Ages and Renaissance, his position in more informal contexts should not be minimized. Works such as the Oeconomics, Ethics, Politics, Poetics, and Problemata were much read by an intellectual milieu different from the academic one. In the Renaissance general interest in Aristotle – leaving aside schools and universities – was as great as it was in Plato. Detailed research on this point is lacking.“169
Mit der Editio princeps graeca der aristotelischenAristoteles Poetik, die 1508 in Venedig bei Aldus ManutiusAldus Manutius (1449–1515) erschien und von Demetrius DucasDemetrius Ducas herausgegeben wurde, änderten sich die Rezeptionsbedingungen für die Poetik revolutionär, da nun das neue Medium des BuchdrucksBuchdruck zur Verfügung stand. Mit dieser Ausgabe beginnt die Druck- und BuchgeschichteBuchgeschichte der Poetik in Europa.170 Vor dem Druck des ersten griechischen Poetik-Textes, über dessen handschriftliche Vorlagen sich nichts mehr ausmachen lässt171, waren aber bereits drei lateinische Poetik-Ausgaben erschienen: Im Jahr 1481 die lateinische Übersetzung des averroesschenAverroes Kommentars von Hermannus AlemannusHermannus Alemannus, die mehrere Auflagen erlebte, 1498 die lateinische Übersetzung von Giorgio VallaValla, Giorgio, und 1504 die neue Übersetzung von (vermutlich) B. de VitalibusVitalibus, de B.. Danach folgten griechisch-lateinische Doppelausgaben, etwa 1536 die Ausgabe von Alessandro de PazziPazzi, Alessandro de, und 1548 von Francesco RobortelliRobortelli, Francesco eine griechisch-lateinische Ausgabe mit Kommentar. Die erste italienische Übersetzung folgte 1549 von Bernardo SegniSegni, Bernardo, eine griechisch-italienische Doppelausgabe mit Kommentar von Ludovico CastelvetroCastelvetro, Ludovico erschien 1570.172 Man kann von einem explosionsartig gesteigerten Interesse an der aristotelischenAristoteles Poetik im 16., 17. und 18. Jahrhundert sprechen, wenn man sich die absoluten Zahlen der einzelnen Drucke vergegenwärtigt.173 Bis 1600 sind einschließlich der Nachdrucke und der Poetik-Neuauflagen 32 griechische, 43 lateinische und zehn italienische Poetik-Ausgaben erschienen, von denen 14 Kommentare mit oder ohne den Poetik-Text sind. Bis 1700 waren es zwölf griechische, 23 lateinische und zwei italienische Poetik-Ausgaben, von denen neun Kommentare mit oder ohne den Poetik-Text sind. Und bis 1800 wurden weitere Poetik-Ausgaben veröffentlicht, 16 griechische, acht lateinische und eine einzige italienische, von denen 16 Kommentare mit oder ohne den Poetik-Text sind. Die Gesamtzahl griechischer, lateinischer und griechisch-lateinischer Textausgaben mit und ohne Kommentar von 1481 bis 1800 beträgt 134, der erste Kommentar zur PoetikPoetik (Aristoteles)Poetik (Aristoteles) stammt von Robortelli aus dem Jahr 1548. Bis zum Jahr 1800 erschienen weitere nationalsprachliche Übersetzungen: Die erste spanische Übersetzung folgte 1623, die erste französische 1654174, die erste englische Übersetzung 1705, die erste deutsche Übersetzung 1753, die erste portugiesische Übersetzung 1779, die erste niederländische Übersetzung 1780 und die erste dänische Übersetzung 1785. Im 19. und 20. Jahrhundert folgten Übersetzungen und Kommentare in weitere europäische und außereuropäische Sprachen. Dem interessierten deutschsprachigen, nichtgelehrten Lesepublikum, das also die Poetik nicht in einer griechisch-, lateinisch-, italienisch-, spanisch-, französisch- oder englischsprachigen Ausgabe lesen konnte, war es erst mit der von Michael Conrad CurtiusCurtius, Michael Conrad 1753 besorgten deutschen Übersetzung175 möglich, die Poetik kennenzulernen.Aristoteles176 Zwar stammt eine Teilübersetzung des St. Annaberger Schulrektors Adam Daniel RichterRichter, Adam Daniel aus dem Jahr 1751, sie wurde aber an entlegener Stelle in einer Schuleinladungsschrift publiziert,177 was die ausgebliebene Wirkung erklärt, und Richter hat lediglich die ersten fünf Kapitel der Poetik wiedergegeben. Das für die Tragödiendiskussion im 18. Jahrhundert besonders wichtige sechste Kapitel der Poetik mit einer Übersetzung der Textstelle 1449 b 27f. fehlt. Richter begründet dies so:
„Diese fünf ersten Capitel aus des Aristotels Dichtkunst, weil auch die kleine Zahl dieser Blätter nicht mehrere fasset, habe dismal, als eine Probe, ins Deutsche übersetzet liefern, und, weil ich glaube, daß die Übersetzung dieses Buches nicht eben unter die leichtesten gehöret, gelehrte Kenner der critischen Dichtkunst und griechischen Sprache, mit aller Ergebenheit, zugleich ersuchen wollen, diese meine angefangene Übersetzung zu beurtheilen, mir die Fehler zu zeigen, und mich, wie es zu verbessern, gütigst zu belehren. […] Ihro Magnificenz der Herr Professor Gottsched, als der vortreflichste Kenner dieser Gelehrsamkeit, ist derjenige, den ich diese meine angefangene Übersetzung […] der aristotelischen Dichtkunst zu beurtheilen, und mich, wo ich gefehlet, zu belehren, mit vieler Ergebenheit mir erwählen wollte. Denn nachdem es mir gelungen, werde ich in solcher Übersetzung fortfahren, oder aufhören.“178
Eine Untersuchung zur PoetikPoetik (Aristoteles)Poetik (Aristoteles)-Rezeption in Deutschland, wie sie vergleichbar etwa Marvin Theodore Herrick für die Poetik-Rezeption in England bereits 1930 vorgelegt hat179, ist Desiderat. Denn zum Kreis der Rezipierenden in Deutschland sind ab dem 18. Jahrhundert in erster Linie alle an LiteraturLiteratur Interessierten zu rechnen, Schriftsteller, Kritiker und Philologen gleichermaßen. LessingsLessing, Gotthold Ephraim Verteidigung der aristotelischenAristoteles Poetik in der Hamburgischen DramaturgieHamburgische Dramaturgie (1767/69) gab den entscheidenden Impuls, um die Literaten der 1770er- und 1780er-Jahre für die Poetik zu interessieren. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erschienen noch drei weitere Übersetzungen oder Teilübersetzungen der Poetik, 1797 die Kompilation aus Zitaten, Übersetzungen und Kommentaren der Poetik und der horazischenHoraz Ars poeticaArs poetica von J. Christoph RegelsbergerRegelsberger, J. Christoph180, 1798 die Übersetzung von Johann Gottlieb BuhleBuhle, Johann Gottlieb181, der sich zugleich auch als Editor und Kommentator einen Namen machte, und 1799 der Auszug einer Übersetzung von Johann Jakob Meno ValettValett, Johann Jakob Meno182, der die gesamte Übersetzung 1803 veröffentlichte183. Mit Beginn des 19. Jahrhunderts brach nach HermannsHermann, Godofred Poetik-Ausgabe184 von 1802 ein wahrer altphilologischer Boom an Editionen, Übersetzungen und Interpretationen aus. Die Poetik des AristotelesAristoteles hatte sich endgültig als ein kulturgeschichtlicherkulturgeschichtlich PermatextPermatext etabliert.
Europa literarisch
Betrachtet man die literarische Aufklärungsdiskussion im Europa des 18. Jahrhunderts, so fallen neben den enthusiastischen Beiträgen auch die kritischen Stimmen auf. Skepsis gegenüber der AufklärungAufklärung und ihrem Potenzial an Vervollkommnungsstrategien (zeitgenössisch wird das auch der Gedanke zur Perfektibilität genannt) liest man etwa bei dem Dichter Wilhelm HeinseHeinse, Wilhelm (1749–1803): „Je aufgeklärter der Mensch wird, desto unglücklicher wird er“1, schreibt er. Der Philosoph und Mediziner Ernst PlatnerPlatner, Ernst (1744–1818) wünscht sich am Ende der Aufklärung (postum 1836 veröffentlicht) ein zivilisatorischeszivilisatorisch Unding, einen Selbstwiderspruch, nämlich den aufgeklärt-unzivilisierten Menschen: „Aufklärung ist nämlich eine Umschaffung des Menschengeschlechtes in solche Menschen, wie sie im Stande derPoetik (Aristoteles)Poetik (Aristoteles) Unschuld gewesen, eine solche Umwandelung der Erdbewohner, daß sie den Wesen in der idyllischen Welt ganz gleich werden“2. Aufklärung aber, und das wissen die beteiligten Diskutanten der Zeit, ist nur zum Preis der Zivilisierung und der DisziplinierungDisziplinierung des Menschen und seiner LeidenschaftenLeidenschaften zu haben. Ohne Disziplinierung gibt es keine Aufklärung. Und Disziplin ist, das wird KantKant, Immanuel am Ende der Aufklärung in Über PädagogikÜber Pädagogik (1803) schreiben, ‚Bezähmung der Wildheit‘3. Jedenfalls war das Urteil des großen Poetikers Johann Christoph GottschedGottsched, Johann Christoph (1700–1766), „Deutschland ist schon so aufgeklärt, daß man ihm so leicht keinen blauen Dunst vor die Augen machen kann“4, vorschnell und falsch.
Der Dichter und aufklärungskritische Journalist Christian Friedrich Daniel SchubartSchubart, Christian Friedrich Daniel (1739–1791), vor allem bekannt geworden durch seine Zeitschrift Deutsche ChronikDeutsche Chronik, widmet darin im 21. Stück vom 11. März 1776 der „Aufklärung“ folgenden Artikel:
„Dieß große, stolze Wort ist jetzt die Lieblingsidee unsrer Zeit, sonderlich unter den Deutschen geworden. Stolz schreibt’s der Schriftsteller nieder und der Leser spricht’s mit Begeisterung nach. Kam Urania wieder vom Himmel herab? Ist einmal die Zeit angebrochen, wo keine Nacht mehr die Seele lastet, wo sich Alles im köstlichen Strahle der Aufklärung sonnet und wonnet? – Wer ist denn eigentlich die Göttin, unter deren goldnem Scepter wir jetzt so glücklich sind? –
Ich, spricht sie selber,
Ich bin vom ewigen Geiste geboren:
Das Lächeln Gottes verklärt mein Antlitz.
Eine Leuchte gab mir der Herr; ich zündete sie an
Am heiligen Feuer des goldnen Altares.
Geh’ zur Erd’ hinab, sprach der Milde,
Aufklärung ist dein Name!
Leuchte den Völkern, die in Nacht
Und Schatten des Todes sitzen.
Ich that’s: leuchtete dem Volke Gottes,
Dann Helenos Söhnen; dann Roma, der Hohen;
Bald Welschlands weicheren Enkeln;
Dann dem Gallier und dem stolzen Britten.
Vor mir floh des Aberglaubens Gräu’lgestalt;
Vor mir barg sich der herzlose Unglaube;
Licht und Wahrheit und Duldung,
Und sie, die himmelerhebende Religion,
War mein Gefolge. Lange schon lächelt’ ich hin
Auf Germaniens weite Gefilde.
Nach mir streckten seine edelsten Söhne
Den verlangenden Arm aus.
Da bin ich nun, glücklich zu machen
Dieß biedere Volk!
Hoch trag’ ich die himmlische Leuchte;
Folge mir, biederes Volk! –
Ein Volk ist also aufgeklärt, wenn es die Mittel weiß, sich zeitlich und ewig glücklich zu machen. Licht für dieß Leben ist ein Unschlittlicht, das am Grabe verlöscht; nur Licht für dieß und jenes Leben ist ganze, volle Aufklärung – eine Fackel Gottes, die nimmer verlöscht. – Sind wir nun wirklich so aufgeklärt, ihr, meine deutschen Brüder? – Wahr ist’s, wir haben in Kurzem unglaubliche Fortschritte gethan. In den östreichischen Staaten, in Baiern, Salzburg, Costanz etc., wo es sonst dicke Nacht war, ist’s doch jetzt wenigstens Morgenröthe. Christliche Religionsduldung, edler Freiheitssinn, meist gute Wahl und guter Ton in Schriften, Enthusiasmus für Wissenschaften und Künste verbreitet sich immer mehr in Gegenden, die sonst wie vom Chaos losgerissene Provinzen waren, und die Zeit – selige Prophetie! – ist vielleicht sehr nahe, wo ganz Deutschland den Strahlenscepter der Aufklärung küßt. Nur spuckt eine Zauberin unter uns; sie sandte die Hölle, wo sie einer Furie die Fackel stahl, um armen Betrogenen zu leuchten. Man kann sie gar leicht an der Sprache erkennen. Falsche, irreführende Philosophie, bittrer Religionsspott, Hohn über Alles, was heilig ist, Schriften, mit dem Pesthauche der Wollust befleckt, kindische Nachäfferei jeder Modethorheit, die aus Paris kommt, und Verachtung eigner deutscher Kraft – das nennt sie Aufklärung.
O möchte kein Deutscher der Stimme dieser Megäre folgen!! –“5
Ich bin Literaturhistoriker und werde mich einigen Grundlinien der abendländischen LiteraturLiteratur nähern, die unsere Vorstellung von Europa vielleicht an dem einen oder anderen Punkt in bescheidenster Weise zu ergänzen vermögen. Ich werde mich nicht so sehr mit Inhalten beschäftigen, als vielmehr nach den Grundstrukturen der europäischen Literatur fragen, gewissermaßen nach den Gitterlinien in der Tiefe unserer kulturellenKultur und literarischen Herkunft, kurz nach Momenten der europäischen Kulturwerdung. Und was ich nun als Eingangspassage gesprochen habe, ist keine Captatio benevolentiae, kein Buhlen um die Gunst der Zuhörerinnen und Zuhörer – und damit bin ich beim Thema. Diese Captatio, dieses Verneigen um des Wohlwollens willen, ist ein klassischer rhetorischer Begriff, der in der ciceroCiceronischen RhetorikRhetorik seinen architektonischen Schlussstein gefunden hat, ein Begriff also, der aus der römischen LiteraturLiteratur und KulturKultur überliefert ist, und ein Sachverhalt, der bis heute, bis in unsere Zeiten hinein Anwendung findet und das öffentliche Reden prägt.
Steineklopfen – so wollen wir diese Arbeit am und mit dem Text nennen, „ich bringe Sie halt auf den Weg des Textes, damit Sie dort mit mir Steine klopfen […].“Lacan, Jacques6 Was ‚Europa literarisch‘ sein kann, sei zunächst an folgendem Beispiel ausgeführt. Der französische Autor Eric-Emmanuel SchmittSchmitt, Eric-Emmanuel hat im Januar 2014 die Landauer Poetik-Dozentur innegehabt. Er hat einen Roman geschrieben, Das Evangelium nach PilatusDas Evangelium nach Pilatus, worin jüdisch-orientalische Verhaltensstandards und kulturelle Normen geschildert werden, ebenso römische und griechische; Schmitt ist ein französischer Autor, und ich lese den Text in deutscher Übersetzung, ist das denn nicht schon ‚Europa literarisch‘? Anders gesagt, literarisch sind wir immer schon bereit, das miteinander zu verknüpfen, was sich in unserer Lebenswirklichkeit fragmentarisiert darstellt. Und da fällt mir ein Wort von Friedrich SchlegelSchlegel, Friedrich ein, das uns allen, die wir so gerne vom Projekt Europa sprechen, erinnerlich bleiben sollte. Projekte seien „Fragmente aus der Zukunft“ (Athenäums-FragmentAthenäums-Fragment Nr. 22).
Unsere Vorstellung von Europa ist geprägt von der Topografie der politischen Ordnung, wie wir sie seit 1945 bzw. 1989ff. kennen. Gehen wir einen Schritt zurück in der Geschichte in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, dann finden wir uns mitten in dem Territorialgebilde eines Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation mit über 300 duodezfürstlichen Territorien, mit eigenen Währungen, Maßen und Gewichten und mit einer überbordenden regionalen Identität. Man könnte über die konfessionellen Diskriminierungen oder die regionalen Besonderheiten oder aber über das Stichwort AufklärungAufklärung sprechen, das wäre das große europäische Thema der NeuzeitNeuzeit schlechthin. Und dabei redeten wir nur über das Deutschland, England und Frankreich des 18. Jahrhunderts. Darin aber erschöpft sich Europa nicht. Denn auch im Europa der Aufklärung gibt es den selbstkritischen Blick. Denken wir an den großen Dichter des Sturm und Drang und GoetheGoethe, Johann Wolfgang-Freund Jakob Michael Reinhold LenzLenz, Jakob Michael Reinhold, unter anderem Autor eines Gedichts mit dem Titel Lied eines schiffbrüchigen EuropäersLied eines schiffbrüchigen Europäers. Lenz ist in Livland geboren, er hält sich in Deutschland auf, lebt einige Zeit im heutigen Frankreich, reist in die Schweiz, kehrt nach Weimar zurück, stirbt in Russland. Sein handschriftlicher Nachlass befindet sich heute größtenteils im polnischen Kraków. Lenz hat 1774 ein Drama veröffentlicht, das heißt Der neue MenozaDer neue Menoza. Darin reist ein Prinz Tandi von Kuba nach Europa, genauer nach Sachsen. Er hat die Absicht, „die Sitten der aufgeklärtesten Nationen Europens kennen zu lernen“7, er wird vorgestellt als ein „Prinz aus einer anderen Welt, der unsere europäische Welt will kennen lernen und sehen, ob sie des Rühmens auch wohl wert sei“8. Der Dichter Lenz spielt damit meisterhaft mit einer Spiegelungstechnik. Der wahrhaft aufgeklärte Mensch ist derjenige, der uns aufgeklärten Europäern als der Unaufgeklärte, der Fremde, eben der Andersartige erscheint. Damit will ich sagen, die LiteraturwissenschaftLiteraturwissenschaft kann es sich nicht leisten, kleinkariert nationalstaatlich zu denken.
Oder wählen wir ein anderes Beispiel. Sebastian BrantBrant, Sebastian ist zu seiner Zeit ein hoch angesehener Gelehrter. Er wird in Straßburg geboren, studiert in Basel, er lehrt dort zunächst Jurisprudenz und später zusätzlich Poesie – das war im Jahr 1484. Als Literat ist er vor allem mit seinem Buch Das NarrenschiffDas Narrenschiff hervorgetreten, es ist eines der wichtigsten Bücher aus der Frühgeschichte des BuchdrucksBuchdruck, weil es darin um uns Menschen geht, welche Narreteien wir im Leben verfolgen, welche Energien wir für völlig nutzlose Streitigkeiten verschwenden. 1494 ist es erschienen und heute noch als Reclam-Buch erhältlich. Dieses Buch wurde sofort nach Erscheinen in verschiedene Landessprachen übersetzt und ins Lateinische, damit war es allen Gelehrten in Europa zugänglich, und diese Gelehrten nannte man Humanisten, unabhängig davon, an welchem Ort in Europa sie lehrten. Und an dieser Stelle sollten wir beim Steineklopfen einen Stein aufnehmen, auf dem geschrieben steht ‚KulturgeschichteKulturgeschichte des Buchdrucks‘. Ohne diese historische Grundlegung können die Themen ‚Europa literarisch‘ und ‚Fragmente aus der Zukunft‘ nicht recht ausgeleuchtet werden.
Was war das für eine grandiose Erfindung, die Buchdruckerkunst mit beweglichen Drucktypen. Eben saßen wir noch in den Kopierstuben der Klöster, wo von Hand Manuskripte abgeschrieben, also kopiert wurden. Nun kommt ein innovationsfreudiger und leseinteressierter Handwerker nach Mainz und gründet mit Kompagnons die erste Druckerei der Welt, die sogenannte Mainzer Uroffizin. Dieser Johannes GutenbergGutenberg, Johannes hatte die geniale Idee, bewegliche Metalllettern und ein Handgießinstrument zu verwenden, das bedeutet, er konnte jeden Buchstaben so oft in eine Form gießen und verwenden, wie er es benötigte. Und brauchte er diese BuchstabenBuchstaben nicht mehr, weil beispielsweise der Druck abgeschlossen war, dann konnte er sie einfach einschmelzen und neue daraus gießen. Bis dahin wurden zur auflagenintensiven Vervielfältigung Holzdrucke verwendet, da waren die Buchstaben in das Holz eingeschnitzt und nach dem Druck nicht mehr zu verwenden. Die zweite geniale Erfindung Gutenbergs bestand in der Druckerpresse. Diese ermöglichte ihm die exakte Vervielfältigung eines Textes. Beide Verfahren zusammengenommen, die perfektionierte Herstellung mit Hilfe des Gießinstruments und die exakte Vervielfältigung mittels der Druckerpresse, revolutionierten die Buchherstellung. Damit beginnt aber noch nicht die massenhafte Verbreitung von Romanen, Gedichten oder Journalen. Nein, das dauert noch 270 Jahre. Vielmehr wurde in der Zeit von der Erfindung des Buchdrucks in den fünfziger Jahren des 15. Jahrhunderts bis etwa 1480 vor allem lateinische Bibeln gedruckt, dazu ephemere Schriften und einfache Gebrauchstexte, ferner Grammatiken und Wörterbücher. Das erste Buch aus Gutenbergs Druckerei ist übrigens nicht die Bibel, sondern eine politisch-religiöse Hetzschrift, der sogenannte Türkenkalender (1454). Die Türken hatten 1453 Konstantinopel, die größte Metropole des damaligen Europas, erobert, und damit war das Zentrum des oströmischen Reiches, ein Gravitationspunkt des damaligen Europas, verloren gegangen. Der TürkenkalenderTürkenkalender ist das älteste vollständig, nämlich in einem einzigen Exemplar erhaltene und datierbare Buch. Die Geschichte des BuchdrucksBuchdruck beginnt also mit der politischen Pamphletisierung und Skandalisierung Andersdenkender. Zwischen 1452 und 1454 entstand auch die 42-zeilige Bibel. Ihr Kaufpreis entsprach in etwa dem Jahreslohn eines Goldschmieds, was sich vor allem Klöster und reiche Privatpersonen leisten konnten.




