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Wie ist das nun entstanden, was wir heute in ganz Europa massenhaft rezipieren können, Literatur? Gutenbergs Gesellen exportierten ihr Wissen in andere Handelsstädte auf deutschem Territorium, aber auch in das europäische Ausland. So wurde die neue Buchdruckerkunst etwa 1459 nach Straßburg und Bamberg gebracht, 1465 wurde in Köln eine Druckerei eingerichtet, Basel folgte 1467, ebenso Augsburg, Nürnberg und Ingolstadt. Bis 1470 gab es insgesamt 17 Druckorte, bis 1480 121, bis 1490 204 und 1500 252, davon 62 allein im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. 1464/65 gingen deutsche Drucker nach Subiaco in der Nähe von Rom, 1469 nach Venedig, 1470 nach Paris, 1473 nach Ungarn, Spanien und in die Niederlande. In den 252 Druckorten bis 1500 erschienen nach neueren Berechnungen etwa 27000 Druckwerke in etwa 20 Millionen Exemplaren, davon knapp ein Drittel in Deutschland. Etwa 77 % dieser Drucke wurden in Latein gedruckt, der Rest erschien in den Landessprachen: 6 % in Deutsch, 7 % in Italienisch, 4,6 % in Französisch, 1,3 % in Spanisch, 1,1 % in Niederländisch, in Englisch, Griechisch, Hebräisch und Kirchenslawisch. Die durchschnittliche Auflagenhöhe stieg von anfänglich 150 bis 200 Stück in den 1470er-Jahren auf 400 bis 500 und bis zum Jahr 1500 sogar auf 1000 Exemplare. Erst zum Beginn des 18. Jahrhunderts wurde diese Marge überschritten, was sich auch durch die Wirren und Folgen des Dreißigjährigen Kriegs erklärt. Drucke von einzelnen Blättern ausschließlich für die kirchlich-liturgische Verwendung wie beispielsweise Beichtzettel wurden um 1480 bereits in mehreren zehntausend Exemplaren verbreitet. Allerdings ist kein einziges Exemplar erhalten.9
In der Forschung wird die Zeit vom Beginn des BuchdrucksBuchdruck in den fünfziger Jahren des 16. Jahrhunderts bis zum Erscheinen des Buchs von der Deutschen PoetereyBuch von der Deutschen Poeterey des Martin OpitzOpitz, Martin 1624 als eine zusammenhängende Epoche verstanden und als Frühe NeuzeitFrühe Neuzeit bezeichnet. Anfänglich ist der Einfluss der italienischen Renaissance vorherrschend, vor allem vermittelt durch Enea Silvio PiccolominiPiccolomini, Enea Silvio, der später als Papst Pius II. bekannt wurde und der Verfasser einer der schönsten Liebesromane der Frühen Neuzeit ist: Euryalus und LucretiaEuryalus und Lucretia, vor dem Buchdruck 1444 entstanden und nach der Erfindung des Buchdrucks weit verbreitet und oft aufgelegt. Selbst heute noch bietet der Reclam-Verlag eine Ausgabe an. Piccolomini ist auch derjenige, der erstmals Europa als Sammelbegriff vieler Völker, die alle an derselben KulturKultur teilhaben, geprägt hat. Das war nach der Eroberung Konstantinopels durch die Türken 1453. Aus dem Französischen werden die ersten Prosaromane übersetzt, aus dem Lateinischen und dem Italienischen liegen ebenfalls erste Übersetzungen vor, und Albrecht von EybEyb, Albrecht von veröffentlicht seinen vielbeachteten Ratgeber Ob einem manne sey zunemen ein eelichs weyb oder nichtOb einem manne sey zunemen ein eelichs weyb oder nicht (1472). Man kann dies als den Beginn eines europäischen Kulturtransfers bezeichnen. Der neulateinisch schreibende Dichter Conrad CeltisCeltis, Conrad macht diese Denkfigur einer ‚translatio artium‘ 1486 in einem Gedicht populär.10 Das euphorisiert den Humanisten Willibald PirckheimerPirckheimer, Willibald derart, dass er ausruft: „O Jahrhundert, o Wissenschaft! Es ist eine Lust zu leben, wenn auch nicht in der Stille. Die Studien blühen, die Geister regen sich […] Barbarei, nimm einen Strick und mach dich auf Verbannung gefaßt“11, so schreibt er in einem Brief vom 25. Oktober 1518 an Ulrich von HuttenHutten, Ulrich von. Wenn wir heute von europäischer Literatur sprechen, dann nennen wir meist die bekannten Namen BoccaccioBoccaccio, Giovanni, ShakespeareShakespeare, William, IbsenIbsen, Henrik, TolstoiTolstoi, Lew, DiderotDiderot, Denis, VoltaireVoltaire, PetrarcaPetrarca, Francesco, DanteDante, Alighieri und viele andere. Was aber ist mit SophoklesSophokles und AischylosAischylos, was mit TertullianTertullian und ScaligerScaliger, Julius Caesar?
Ich habe eine Perspektive gewählt, die von folgender Annahme ausgeht: Seit Beginn der SchriftkulturSchriftkultur beschäftigt uns in Europa die Frage ‚Was ist der Mensch?‘ In der LiteraturLiteratur werden Antworten formuliert, Betrachtungen angestellt, Denkfiguren entwickelt, die bis in unsere Tage hinein wirken bzw. wirken können, wenn wir uns dafür empfänglich zeigen wollen. Es geht in der LiteraturLiteratur um die Selbstfindung des Menschen, um die Frage, wie verhalte ich mich als Mensch zu den Ansprüchen kulturellerkulturell, gesellschaftlicher, politischer, religiöser, familiärer, partnerschaftlicher usw. Regularien. Und das rührt zugleich immer an die Basisfrage, was ist in diesem Prozess der Selbstfindung des Menschen die Aufgabe der Literatur? Was kann Literatur? In der Komödie Die FröscheDie Frösche (um 405 v. Chr.) des griechischen Komödiendichters AristophanesAristophanes wird der ehrenwerte und große Tragödiendichter EuripidesEuripides vom nicht weniger großen Tragiker AischylosAischylos gefragt, weshalb man Dichter denn bewundern müsse. Heute würde man sich die Frage stellen können, woher das hohe soziale Ansehen von Dichtern komme? Der so gefragte Euripides antwortet, weil DichtungDichtung die Menschen in den Städten besser mache.12 Literatur bessert demnach den Menschen. Sofort stellen sich bei uns Zweifel ein, wir haben die Bilder vor Augen von brennenden Bibliotheken im syrischen Bürgerkrieg, im ehemaligen Jugoslawien, von verwüsteten Schulen in Afghanistan und schäumenden Studenten in Ägypten. Aber nur weil es sit venia verbo das Böse gibt, heißt das nicht, das Gute zu suchen sei überflüssig. Was aber ganz unzweifelhaft ist an der Antwort des Euripides: Literatur muss etwas mit der Modellierbarkeit des Menschen zu tun haben, sie muss eine Einflussmöglichkeit auf den Menschen haben. Natürlich haben wir heute auch eine Literaturindustrie, deren Selbstverständnis sich über ihren Unterhaltungswert und deren kulturelle Bedeutung sich über Verkaufs- und Einschaltquoten definiert. Das ändert aber nichts an der Seriosität der Frage: Was ist der Mensch und welche Rolle spielt die Literatur? Und einer, der schon sehr früh in der Kulturwerdung Europas erkannt hat, welche bedeutende Rolle der Literatur zukommt sowohl bei der individuellen psychosozialen Entwicklung des Einzelnen als auch bei der sozialpsychologischen Stabilisierung der allgemeinen Wohlfahrt, einer, der die wechselseitigen Abhängigkeiten von Individuum und Gesellschaft erkannt hat, ist ein Philosoph, der wie kein anderer die europäische Literatur geprägt hat. Ich spreche von AristotelesAristoteles, dem 322 v. Chr. gestorbenen griechischen Philosophen, und ich spreche von der einzigen nicht-philosophischen Schrift, die von ihm erhalten ist, seiner Poetik.
PoetikPoetik (Aristoteles)Poetik (Aristoteles) heißt: Die Lehre von der Dichtkunst. Die Redaktion seiner Schriften erfolgte im ersten Jahrhundert v. Chr. Seine Philosophenschule in Athen wurde 529 n. Chr. durch die Römer geschlossen. Daneben gab es eine Schule in Alexandria, an die dort 280 v. Chr. gegründete große Bibliothek wurde ein Teil der originalen AristotelesAristoteles-Handschriften verkauft. Im Jahr 610 n. Chr. ging diese Schule nach Konstantinopel. Und im Jahr 1045 wurde hier eigens eine Akademie gegründet. Wo in diesen langen Zeiträumen und persönlichen Verwerfungen die Handschrift der Poetik hingekommen ist, weiß man nicht mehr. Und obwohl Byzanz mehrmals von europäischen Kreuzfahrern erobert und geplündert wird, ist ein griechisches Manuskript der Poetik noch im Jahr 1457 in der Bibliothek nachweisbar. Von da aus gelangt es nach Florenz, und schließlich in Abschrift nach Paris. Neben dieser ÜberlieferungsgeschichteÜberlieferungsgeschichte gibt es aber eine eigenständige syrisch-arabische Traditionslinie, und die ist deshalb wichtig, weil es ohne sie unseren heutigen Reclam-Text der aristotelischen Poetik nicht gäbe. Im 12. Jahrhundert wird Aristoteles wiederentdeckt, es beginnt eine rege Kopier- und Kommentatorentätigkeit. Allein heute sind für diese Zeit des 12. bis 14. Jahrhunderts in ganz Europa noch 2283 Handschriften in über 160 Bibliotheken nachweisbar. 1256 wird die Niederschrift der sogenannten Translatio HermanniTranslatio Hermanni abgeschlossen. Dieses Manuskript erscheint 1481 in Druck. Die entscheidende Edition des griechischen Textes (die Editio princeps graeca) wird schließlich 1508 bei Aldus ManutiusManutius, Aldus in Venedig veröffentlicht. Es erscheinen danach nationalsprachliche Übersetzungen, die zur rasanten Verbreitung des Textes beitragen, die erste deutsche Übersetzung wird erst 1753 veröffentlicht. Man sieht also, das Wissen um einen der wichtigsten Texte der abendländischen KulturKultur und LiteraturLiteratur ist ohne diese europäisch-vorderasiatische Vernetzung nicht denkbar. Unsere KulturgeschichteKulturgeschichte hat ihre Wurzeln in dieser europäischen Tradition.
Ich hatte behauptet, die Literatur stelle vom Anbeginn an die Frage, was ist der Mensch? Und sie gibt sofort eine Antwort darauf. Der Mensch ist ein Wesen, das aus AffektenAffekte besteht. Aristoteles verknüpft diese Erkenntnis mit der Zusatzfrage, was kann die Literatur leisten bei der Suche nach der Antwort auf die Frage, was ist der Mensch? Aristoteles schafft also eine Verbindung zwischen anthropologischem Denken und poetologischer Praxis. Das ist genial, und damit befassen wir uns noch heute! Was ich hier als orangenes Taschenbuch in die Höhe halten kann, hat eine nahezu zweieinhalbtausendjährige Geschichte hinter sich. Und wir begegnen laufend dieser aristotelischen Poetik, gleichgültig, ob wir in Kusel oder in Amsterdam, in London oder in Riga wohnen. Sobald wir ein Buch in die Hand nehmen, ist sie präsent, sobald wir Fernsehen schauen, ist sie gegenwärtig. Diese aristotelische Poetik ist immer noch ein Grundlagentext nicht nur des Studiums der deutschen Literatur, sondern ein Grundlagentext der kulturellen Denkfigurkulturelle Denkfigur ‚Europa literarisch‘. Dieser Text ermöglicht uns mit analytischer Klarheit beispielsweise von Fallhöhe und Ständeklausel, von MimesisMimesis und KatharsisKatharsis, vom Tragischen und Komischen zu sprechen, aber eben auch von den AffektenAffekte. Der Kern von ‚Europa literarisch‘ liegt hier. Und noch der italienische Schriftsteller und Linguistikprofessor Umberto EcoEco, Umberto spielt in seinem Roman Der Name der RoseDer Name der Rose meisterhaft mit diesem aristotelischen Erbe, wenn er den verlorenen zweiten Teil der Poetik über die Komödie in den Flammen einer klösterlichen Bibliothek aufgehen und untergehen lässt. AristotelesAristoteles hat darüber nachgedacht, wie es kommt, dass wir von dem einen Buch angetan sind, das andere aber in die Ecke legen mögen, dass wir uns vor einer Krimisequenz fürchten und an anderer Stelle einer Telenovela verschämt eine Träne aus dem Augenwinkel streichen, dass wir mitweinen, mitleiden, mitfühlen oder völlig ungerührt sind. Aristoteles entdeckt die Empathie als Quelle der Literatur. Ausgangspunkt seiner Reflexion ist jene berühmte Stelle in der PoetikPoetik (Aristoteles)Poetik (Aristoteles), wo er von der Reinigung der LeidenschaftenLeidenschaften spricht, wonach eine gute Tragödie die Reinigung von FurchtFurcht und MitleidMitleid und möglicherweise von anderen Affekten bewirke.
Wer brachte uns das Wissen um BuchdruckBuchdruck, LiteraturLiteratur, Handschriften, kurz Wissenschaft? Die griechische Literatur gibt darauf eine klare Antwort, sie stellt eine Erzählung und Denkfigur bereit, die in vielfacher Weise für die europäische Literatur normbildend geworden ist, es ist die mythologische Gestalt des PrometheusPrometheus. Gottfried BennBenn, Gottfried nannte ihn einen „seltsam durch Jahrhunderte eindrucksvoll gebliebene[n] Geist“13. Prometheus wird in der europäischen RezeptionRezeption zum SymbolSymbol für Kulturmacht. Den europäischen Leittext für diese Denkfigur hat der griechische Dichter AischylosAischylos mit seinem PrometheusPrometheus-Drama geschrieben und noch André GideGide, André wird darauf mit einer PrometheusPrometheus-Erzählung 1899 antworten. AischylosAischylos übernimmt aus dem Mythengut seiner Zeit den Raub des Feuers durch Prometheus als dessen eigentliche Tat, für die er bestraft wird. Zunächst versteht Aischylos dies auch ausschließlich vordergründig, nämlich buchstäblich. Die Tat erfährt aber nach kurzer Zeit ihre symbolische Steigerung durch Prometheus selbst. Damit ist für alle späteren Nachdichtungen und Umdichtungen die symbolische Verständnisebene der Feuerraubtat vorgegeben. Denn Aischylos entfaltet „den Raub des Feuers […] zu einer allseitigen Begründung der KulturKultur“14. Diese kulturgründenden Leistungen werden im Stück detailliert aufgeführt und betreffen unter anderem Vernunft (V. 444), Zahl (V. 459), Schrift (V. 460), Ackerbau (V. 462), Heilkunst (V. 480) und Weissagungskunst (V. 484). Die Verfügungsgewalt über das Feuer impliziert neben diesen kulturgründenden Leistungen auch den größten Teil der künstlerischen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Kunst hat dabei die Doppelbedeutung von künstlerischem und von handwerklichem Vermögen, wie beispielsweise Dichtkunst, Baukunst oder Redekunst.
Zu den Allgemeinplätzen einer Interpretation der AntigoneAntigone des SophoklesSophokles gehört es, daran zu erinnern, dass es in diesem Drama um das Widerspiel von Individuum und Gesellschaft, von Einzelnem und Staat, von individuellem Recht und Staatsräson gehe. Tatsächlich aber steht im Mittelpunkt dieses Dramas der Mensch. Das Problem des Menschseins macht das Drama überhaupt aus und begründet seine überhistorische Dignität. Damit rückt eine Textstelle ins Zentrum, die in der Forschungs- und Deutungsgeschichte des Textes eine Vielzahl von Kontroversen ausgelöst hat. In der Übersetzung nach Karl Reinhardt heißen die Verse: „Viel des Unheimlichen ist, doch nichts / ist unheimlicher als der Mensch“ (V. 332f.)15. Das griechische Wort deinós gestattet jedoch außer „unheimlich“ auch die Übersetzung mit „furchtbar“ und „gewaltig“. Hier wird die Unbegreifbarkeit des MenschenMensch durch sich selbst hervorgehoben. Menschliche Vernunft vermag nicht die generelle Begreifbarkeit menschlichen Handelns zu garantieren. Es bleibt ein nicht begreifbarer irrationaler Rest. Die Antigone und mit ihr der Dichter Sophokles verdeutlichen einige grundlegende anthropologische Linien. So kann man etwa dem Götterfluch nicht entrinnen. In die ModerneModerne übertragen und decodiert ließe sich das so formulieren: Es ist unmöglich, ein familiensystemisch schweres Erbe ungeschehen zu machen. Man muss sich dem stellen, wenn es dem Einzelnen Leid verursacht. Sophokles bedient sich hier der griechischen Ödipus-Sage, um dies zu veranschaulichen. Und wenn es einen Widerstreit zwischen göttlichem Gebot und Menschenrecht gibt, der keine Harmonisierung zulässt, dann führt dies zu schweren Gewissenskonflikten. Auch dies ist ein zeitloses Thema europäischer LiteraturLiteratur, der Widerstreit zwischen individueller Gewissensentscheidung und dem Zwang zur mehrheitlichen Normbefolgung. Ferner, der Mensch ist das sich selbst überhebende Wesen, er wird als furchtbar, gewaltig, unheimlich, von sich und durch sich nicht zu begreifen charakterisiert. Dem Menschen eignet eine Antinomie von Ratstarrigkeit und Reflexivität, die sich selten in eine Balance bringen und damit in einer Vermittlung der Gegensätze aufheben lässt, sondern dieser Antinomie wohnt stets die Neigung zu den Extremen inne. Gut und Böse begrenzen den Handlungsspielraum des MenschenMensch und kennzeichnen alle seine Handlungen. Und schließlich sind Erkenntnis und Selbsterkenntnis für den Menschen auf tragische Weise oftmals retrospektive Handlungsformen der Vernunft. Die Einsicht in Fehler und ein richtiges Verhalten kommen dann zu spät.
Bertolt BrechtBrecht, Bertolt hat 1948 ein AntigoneAntigone-Gedicht geschrieben, worin es heißt:
„Komm aus dem Dämmer und geh
Vor uns her eine Zeit
Freundliche, mit dem leichten Schritt
Der ganz Bestimmten, schrecklich
Den Schrecklichen.“16
Begreift man das Antigone-Thema als die Figuration menschlichen Handelns, so prägen zwei psychohistorisch und soziohistorisch bedingte Verhaltensweisen das menschliche Handeln. Zum einen ist es der FremdzwangFremdzwang, wonach der Mensch als ein In-Beziehung-Gesetzter verstanden wird. Dies wird im Antigone-Drama des SophoklesSophokles veranschaulicht durch den Götterfluch, durch die verwandtschaftlichen, herrschaftlichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen, sowie durch das Götterrecht. Der Mensch vermag zwar in der Lesart der Antigone Fremdzwang zu erkennen, nicht aber grundsätzlich zu ändern. Daraus ergibt sich der Gegensatz von situativer Kenntnis und retrospektiver Erkenntnis. Zum anderen der Selbstzwang, wonach der MenschMensch als Sich-In-Beziehung-Setzender verstanden wird. Dies wird im Drama veranschaulicht durch den aus der Gegensätzlichkeit von Ratstarrigkeit und Reflexivität folgenden Konflikt, durch die Entscheidung für Gut und Böse, durch das Menschenrecht und durch die Darstellung von Handlungsreflexion und Handlungspraxis. Der Mensch vermag durch Selbsterkenntnis SelbstzwangSelbstzwang zu erkennen. Auch hieraus resultiert aber der Konflikt von situativer Kenntnis und retrospektiver Selbsterkenntnis. So stellt sich also das Antigone-Thema dar als die Einsicht in die tragische Situation des Menschen, dem eine prospektive Handlungserkenntnis nicht vergönnt ist, dem diese Tragik mithin wesentlich eignet. Genau dies behauptet die Politik (nicht nur zu Wahlkampfzeiten). Es heißt dann: Wählen Sie mich, weil ich in der Lage sein könnte, dies und jenes zu tun oder zu verhindern. Mit SophoklesSophokles argumentiert ist diese prospektive Handlungserkenntnis nicht oder nur sehr bedingt möglich, weil – und nun gesellen wir Friedrich SchlegelSchlegel, Friedrich hinzu – wir es mit ‚Fragmenten aus der Zukunft‘ zu tun haben.
Wenn wir diese wenigen literarischen Grundlinien, die Europa durchziehen und strukturieren, mit gehörigem Abstand betrachten, dann können wir sagen, es gibt gewissermaßen eine europäische Kryptogeschichte, eine Geschichte, die im Verborgenen verläuft, wie ein unterirdisches Wassersystem, das vielerlei Sedimente mit Nahrung und Energie versorgt. Diese europäische Kryptogeschichte ist dokumentiert in Kunst, KulturKultur und LiteraturLiteratur. Vor diesem Hintergrund sollte es uns beim Thema Europa vielleicht doch auch um den Gedanken der Wahrung kultureller Identitäten und um die Achtung kultureller Differenzen gehen angesichts dieser ungemein dichten historischen Durchdringungen. Und das ist, ganz vorsichtig formuliert, nicht nur eine politische Aufgabe. Wenn aber Europa eine Aufgabe ist oder, um noch einmal an das Wort Friedrich Schlegels zu erinnern, wenn Europa ein Projekt der Zukunft ist, dann sollten wir sorgsam mit diesen Fragmenten aus der Zukunft umgehen, wir sollten besonnen daran mitarbeiten und diese Teile zusammenfügen, und wir sollten ihnen nicht mit falscher Ehrfurcht, aber mit Achtung begegnen. Warum sollten wir das? Weil uns die Geschichte der europäischen Literatur vor Augen führt, dass es bei Europa um die anthropologischen Grundlinien geht, die uns jenseits von kultureller Differenz und identitätszentriertem Beharrungsvermögen in die Verantwortung einer zusammenwachsenden, humanen Gemeinschaft stellt. ‚Europa literarisch‘ liest Europa als einen Kollektivsingular, der Begriff fasst in sich die Pluralität verschiedenster literarischer und kultureller Identitäten. Respektieren wir das und sind wir auch immer wieder bereit historisch zu denken, dann vermag dieses ‚Europa literarisch‘ eine Quelle zu sein, aus der wir schöpfen können und die uns verdeutlicht, indem sie uns in ihrem stillen Wasser widerspiegelt, wie die ‚Fragmente aus der Zukunft‘ sich zueinander fügen, und die murmelt, die Zukunft ist historisch.
AUFKLÄRUNG
LenzLenz, Jakob Michael Reinhold Die AlgiererDie Algierer (1771 / 1775)
In der Forschungsliteratur zu Jakob Michael Reinhold LenzLenz, Jakob Michael Reinhold und in den Ausgaben seiner Werke wurde über 25 Jahre lang eine Handschrift der PlautusPlautus, Titus Maccius-Bearbeitung mit dem Titel Freundschaft geht über Natur oder Die AlgiererDie Algierer erwähnt, die in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky aufbewahrt wird. Dabei ist jeweils ohne nähere Charakterisierung des Manuskripts von „Fragmente[n]“, dem „verschollene[n] Drama“ oder einer „Abschrift“ die Rede.1 Zu der von Richard Daunicht zweimal (1967 und 1985) angekündigten Publikation der Hamburger Algierer-Handschrift ist es nicht gekommen; über die Genese, den Inhalt und den Grad der Authentizität des Manuskripts war man im Ungewissen.
Bei der Hamburger Algierer-Handschrift handelt es sich ohne Zweifel nicht um ein Originalmanuskript von LenzLenz, Jakob Michael Reinhold, sondern um eine Abschrift von fremder Hand. Die Annahme, Lenz selbst habe in Straßburg eine Abschrift anfertigen lassen und diese an Friedrich Wilhelm GotterGotter, Friedrich Wilhelm nach Gotha geschickt, wird durch die Briefe an diesen vom Dezember 1775 und vom 20. Mai 1776 widerlegt.2 Hier weist Lenz darauf hin, das Ende November 1775 Gotter übersandte Manuskript sei „das einzige“ (S. 356), das er habe, er besitze „keine Abschrift“ (S. 448) der AlgiererDie Algierer. Das von LenzLenz, Jakob Michael Reinhold nach Gotha geschickte Originalmanuskript der Algierer muss heute als verschollen gelten. Die durch den Briefwechsel zwischen Lenz und Gotter 1775/76 nahegelegte Vermutung, Gotter oder Abel SeylerSeyler, Abel könnten die Abschrift besorgt haben, konnte durch Handschriftenvergleich nicht bestätigt werden. Wahrscheinlicher ist vielmehr, dass sie von der Hand eines Schreibers aus dem Umkreis GottersGotter, Friedrich Wilhelm in Gotha stammt.
Nach dem jetzigen Kenntnisstand ist es nicht möglich, den Weg der Handschrift bis zu ihrem heutigen Aufbewahrungsort lückenlos zu rekonstruieren. Das Manuskript befand sich seit dem frühen 19. Jahrhundert in der Theater-Bibliothek des Hamburger Stadttheaters. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Bestand der Theater-Bibliothek von der Stadtbibliothek Hamburg als Leihgabe übernommen. Mit der Umwandlung der Stadtbibliothek zur Universitätsbibliothek im Jahre 1919 gelangte auch das AlgiererDie Algierer-Manuskript in die heutige Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky.3 Dass es sich bei der Handschrift um einen Text von LenzLenz, Jakob Michael Reinhold handelt, wurde jedoch erst in den 1960er-Jahren entdeckt.4 In der Frage, wie das Manuskript ursprünglich nach Hamburg gelangte, kann man lediglich mutmaßen, dass es über die schrödersche Schauspielgesellschaft dorthin kam. Lenz selbst hatte Friedrich Ludwig SchröderSchröder, Friedrich Ludwig im Brief an Gotter vom 20. Mai 1776 ins Gespräch gebracht:
„Wenn Sie lieber Freund! die Algierer noch nicht weggegeben haben, so wollt ich Ihnen unmaßgeblich raten sie Herrn Bode anzuvertrauen, der sie der Schröderschen Gesellschaft in Hamburg zu spielen gibt (die Ihnen gewiß reichlicher zahlen wird als keine andere) und sie sodann auch dort kann drucken lassen, woran mir am meisten gelegen da ich keine Abschrift davon habe und sie doch wieder einmal lesen möchte.“ (S. 448)
Gegen Johann Joachim Christoph BodeBode, Johann Joachim Christoph als Vermittler zwischen GotterGotter, Friedrich Wilhelm und SchröderSchröder, Friedrich Ludwig spricht allerdings Bodes Brief an Heinrich Christian BoieBoie, Heinrich Christian vom 20. Dezember 1776, in dem er mit schroffen Worten bestreitet, mit den AlgierernDie Algierer befasst gewesen zu sein.5
Zur Rekonstruktion von LenzLenz, Jakob Michael Reinhold’ Beschäftigung mit den AlgierernDie Algierer, die in einem philologisch bedeutsamen Detail auch Aufschluss über den Authentizitätsgrad der Hamburger Abschrift gibt, sei kurz die diesbezügliche Korrespondenz – andere verfügbare Textzeugnisse sind nicht erhalten6 – rekapituliert. Erstmals ist von den Algierern als einer „Nachahmung der captivei im Plautus“ (S. 348) die Rede in einem Brief an Gotter aus Straßburg vom 23. Oktober 1775: „Ich habe in der Tat ein kleines Stück in meinem Schrank liegen das allenfalls auch spielbar sein würde“ (S. 348). Dies ist der Terminus ante quem in der Datierungsfrage, der Terminus a quo ist weit weniger eindeutig zu bestimmen. Man muss deshalb Lenz’ erste nachweisbare Beschäftigung mit dem römischen Komödiendichter Titus Maccius PlautusPlautus, Titus Maccius (um 250–184 v. Chr.) berücksichtigen, die in das Jahr 1772 fällt.7 Im August dieses Jahres schreibt Lenz aus Fort Louis an Johann Daniel SalzmannSalzmann, Johann Daniel, dass Johann Michael OttOtt, Johann Michael, Lenzens Freund in Straßburg und Mitglied der ‚Deutschen Gesellschaft‘, im Besitz seiner „letzte[n] Übersetzung aus dem Plautus“ (S. 263) sei. Folgt man dem Hinweis Johannes Froitzheims, dass Lenz schon im Winter 1771/72 Auszüge aus seinen Plautus-Übersetzungen in der ‚Deutschen Gesellschaft‘ vorgetragen habe,8 dann lassen sich das letzte Halbjahr 1771 und das erste Halbjahr 1772 als Phase der intensiven Beschäftigung mit PlautusPlautus, Titus Maccius festhalten. Am 18. September 1772, der Adressat ist wiederum der geistige Mentor SalzmannSalzmann, Johann Daniel, nennt LenzLenz, Jakob Michael Reinhold seine derzeitige Lektüre: die Bibel, „ein dicker PlautusPlautus, Titus Maccius“ (S. 276) und HomerHomer. Dieser „dicke Plautus“ steht im deutlichen Kontrast zum „kleinen Plautus“ (S. 271, Brief an Salzmann vom 7. September 1772). Letzterer wird im Zusammenhang mit dem Arrangement einer Komödienszene im Hause Schuch, wo Lenz zu dieser Zeit untergebracht ist, genannt. Das attributiv gebrauchte Possessivpronomen „meinen kleinen Plautus“ (S. 271) unterstreicht die Bedeutung besonders dieses Plautus – möglicherweise handelt es sich um Lenz’ eigene Manuskripte –, während das Indefinitpronomen „ein“ die Distanz hervorhebt: „[…] ein dicker Plautus, mit Anmerkungen, die mir die Galle etwas aus dem Magen führen […]“ (S. 276).Eyb, Albrecht von9 Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird der Prozess der individuellen Vereinnahmung der römischen Dichterautorität offensichtlich, die stellvertretende Vaterautorität wird ödipal besetzt. Lenz fährt in diesem Brief fort: „Ich habe schon wieder ein Stück aus dem Plautus übersetzt […]. Noch an eins möcht ich mich machen: es ist eine Art von Dank, den ich dem Alten sage, für das herzliche Vergnügen, das er mir macht“ (S. 276). Diese Absichtserklärung könnte durchaus die AlgiererDie Algierer betreffen, und verfolgt man die Korrespondenz über die Algierer weiter, so wird ersichtlich, dass sie für Lenz das wichtigste Plautus-Stück gewesen sind.




