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Der einsame Ort, der nicht nur Locus amoenus der Schriftstellertopik ist, wird zum Ort der drohenden Vereinsamung. Auch in der Regieanweisung zu Beginn von Szene I/3 sitzt Lenz „an einem einsamen Ort ins Tal hinabsehend, seinen Hofmeister im Arm“ (S. 20). Die Isolation und die Differenz zu Goethe, das sich drohend abzeichnende Weimar-Trauma, inszeniert der Autor Lenz nochmals sehr deutlich in dem anschließenden Dialog der Eingangsszene. Goethe erblickt Lenz, er ist „mit einem Sprung […] bey ihm“ (S. 12). Die spontane Affektivität der Wiederbegegnung geht aber von Lenz aus. Die Frage Goethes, was Lenz denn hier mache, ist weniger Ausdruck der Freude, als vielmehr Erstaunen darüber, dass es Lenz gelungen ist, überhaupt so weit gekommen zu sein. Er beantwortet die Frage denn auch nicht, vielmehr beschwört Lenz noch einmal gestisch die Paaridentität. Er geht Goethe „entgegen“ (S. 12) und „drückt ihn ans Herz“ (S. 12). Der „Bruder Goethe“ (S. 12) aber reagiert auf die Nähe wie auf eine Bedrohung, die er sogleich abwehrt. Erst in II/5 wird er diese Anrede erwidern, indem er Lenz anspringt, ihn von hinten umarmt und ihn auch „Mein Bruder“ (S. 56) nennt. Allerdings erst, und das ist das eigentlich Dekuvrierende an dieser Textsequenz, nachdem Lenz den Segen KlopstockKlopstock, Friedrich Gottliebs erhalten hat. Jetzt, in der Eingangsszene, da sich Klopstock, die Vaterautorität der jungen Generation von Sturm-und-Drang-AutorenSturm und Drang, noch nicht über Lenz geäußert hat, reagiert Goethe unwirsch: „Wo zum Henker bist du mir nachkommen?“ (S. 12) Lenz befindet sich auf einem Territorium, zu dem ihm kein Zugang erlaubt ist. Die nachfolgende Wechselrede zwischen Lenz und Goethe findet in I/2 eine nachträgliche Erklärung. Lenz soll, so berichtet dort einer der Nachahmer, „sich einmal verirrt haben ganzer drei Tage lang“ (S. 18). Ein Fremder fragt, wer denn der Lenz sei, darauf die Antwort: „Ein junges aufkeimendes Genie“ (S. 18). Noch führt die Verirrung nicht in die endgültige Isolation, noch ist Lenz in der Nähe Goethes und noch erfährt er den Respekt der wichtigsten Autoritäten, nämlich HerdersHerder, Johann Gottfried und Klopstocks. Analog zu dieser Sequenz in I/2 ist die Sequenz in I/1 aufgebaut. Goethe fragt, wo Lenz denn herkomme, aber LenzLenz, Jakob Michael Reinhold stellt diesmal hier die entscheidende Frage: „Wer bist du denn?“ (S. 12) Damit wird deutlich, dass das eigentliche Rätsel demnach nicht Lenz ist, sondern GoetheGoethe, Johann Wolfgang. Und Goethe ist derjenige, der die Auskunft über seine Identität verweigert („Weiß ich wo ich her bin“, S. 12). Diese Asymmetrie in der Freundschaftsbeziehung legt nun endgültig die Differenz zwischen den beiden Freunden frei. Wer sich zu erkennen gibt und sich öffnet, kann auch etwas verlieren; und wer sich verschließt, braucht den Verlust nicht zu fürchten.
Goethe infantilisiert den Freund, er nennt ihn ein „Bübgen“ (S. 12), so wird Lenz übrigens später auch von Herder tituliert (vgl. S. 54). Goethe positioniert damit die Machtanteile eindeutig nach patriarchalem Muster. Väterlich lobt er die Absicht von Lenz, nur „gut seyn“ (S. 12) zu wollen. Und dann fällt der vielsagende Satz: „Es ist mir als ob ich mich in dir bespiegelte.“ (S. 12) Das ist eine eindeutige narzisstische Figurierung, die sprachliche Inszenierung von Goethes Eigenliebe ist unübersehbar. Für ihn besteht die Funktion von Lenz lediglich darin, dass dieser ihn in seiner Selbstliebe bestärkt. Der Verfasser des Pandämonium GermanikumPandämonium Germanikum, der Autor Lenz bringt damit die Instrumentalisierung zum Ausdruck, die er durch Goethe erfährt. Er reagiert im Traum darauf physisch, denn Lenz wird „roth“ (S. 12). Noch hat er Goethe „unter den Armen“ (S. 12), später ist es nur noch das eigene Werk, sein HofmeisterDer Hofmeister (vgl. S. 20). Und noch bedeutet Goethes Imperativ „Weiter!“ (S. 12), dass „beyde“ (S. 12) gemeinsam einer Anhöhe zugehen. Dieser Schlussdialog der Eingangsszene ist aus H2 vollständig getilgt. Der Auslöschung entgegengesetzt ist lediglich der Schlusssatz Goethes: „Bleiben wir zusammen“ (S. 13). Der Träumende legt den Wunsch mit seinem beschwörenden Unterton dem Freund in den Mund, von dem er längst ahnt, dass er auch hier die Identität des Gemeinten verwehrt.
Wie bewusst dem Autor Lenz die drohende Trennung von Goethe gewesen ist, wird in der vorletzten Szene des Stücks erkenntlich. In II/5 formuliert Goethe expressis verbis jenen Anspruch und reklamiert damit die Anerkennung für sich, die nach der Lesart des Autors Lenz selbst zusteht. Lenz lässt KlopstockKlopstock, Friedrich Gottlieb, HerderHerder, Johann Gottfried und LessingLessing, Gotthold Ephraim unisono (!) über ihn sagen: „Der brave Junge. Leistet er nichts, so hat er doch groß geahndet“ (S. 56). Der im daktylischen Pentameter geschriebene zweite Satz spricht unmissverständlich dem Autor Lenz die größere literaturgeschichtliche Bedeutung zu. Das Autoritätstriumvirat der Sturm-und-Drang-AutorenSturm und Drang ist die letzthin unabhängige Instanz, die das objektive Urteil über die Leistung des Dichters Lenz spricht. Goethes Einspruch hierauf wird in der pointierten Kürze vom Autor geradezu als Anmaßung herausgestellt. Der Bruch ist unabwendbar, Goethe sieht sich in der Linie einer konsequenten Fortschreibung des lenzschen Werks. LenzLenz, Jakob Michael Reinhold sieht die Bedrohung, die Goethe für ihn bedeutet, während er für GoetheGoethe, Johann Wolfgang lediglich Medium der Selbstbespiegelung bleibt. Die Menge der hereinstürmenden jungen Leute, die denselben Anspruch erheben wie Goethe, potenziert die Bedrohung, die für Lenz aus dieser Situation resultiert.
Um Interferenzen und Referenzen ebenso wie die Eigenständigkeit und die Bedeutung des Pandämonium GermanikumPandämonium Germanikum erkennen zu können, muss man den Text in den Kontext genuiner Sturm-und-Drang-LiteratursatirenLiteratursatire einlesen.10 Wie bereits die Mikroanalyse der ersten Szene gezeigt hat, handelt es sich bei diesem Stück um einen Text der Selbstvergewisserung. Im Angriff auf die etablierten Literaten beschwört Lenz nochmals die Paaridentität zwischen ihm und Goethe. Auf das sonst andernorts oft beschworene Gruppengefühl wurde längst verzichtet. Dies mag gewissermaßen der psychische Unterbau der Beweggründe gewesen sein, die Lenz zur Niederschrift des Stücks veranlasst und auch noch zur Bearbeitung (in Gestalt der zweiten Handschrift) motiviert haben. Der unmittelbare Anlass hingegen ist mit Sicherheit in einer bösartigen Anspielung Friedrich NicolaisNicolai, Friedrich zu sehen. Dieser hatte in der im Januar 1775 veröffentlichten WertherDie Leiden des jungen Werthers-Parodie Freuden des jungen Werthers. Leiden und Freuden Werthers des Mannes. Voran und zuletzt ein GesprächFreuden des jungen Werthers. Leiden und Freuden Werthers des Mannes. Voran und zuletzt ein Gespräch in dem Teil Leiden Werthers des Mannes geschrieben:
„’s war da ein junges Kerlchen, leicht und lüftig, hatt’ allerlei gelesen, schwätzte drob kreuz und quer, und plaudert’ viel, neust’ aufgebrachtermaßen, vom ersten Wurfe, von Volksliedern, und von historischen Schauspielen, zwanzig Jährchen lang, jed’s in drei Minuten zusammengedruckt, wie ein klein Teufelchen im Pandämonium. Schimpft’ auch alleweil’ auf’n BatteuxBatteux, Charles, Werther selbst konnt’s schier nicht besser. Sonst konnte der Fratz bei hundert Ellen nicht an Werthern reichen, hatte kein’ Grütz’ im Kopf und kein Mark in’n Beinen. Sprang ums Weibsen herum, fispelte hier, faselte da, streichelte dort, gabs Pfötchen, holt’n Fächer, schenkt’ ’n Büchschen, und so gesellt’ er sich auch zu Lotten“.11
LenzLenz, Jakob Michael Reinhold kannte mit Sicherheit diesen Text von NicolaiNicolai, Friedrich, über den Boie in einem Brief an Lenz vom 11. April 1776 bemerkt: „Wider N.[icolai] jetzt auch noch was zu sagen, da die Freuden längst vergessen sind, wäre ja zu spät“ (Lenz: WuBr, Bd. 3, S. 425). GoetheGoethe, Johann Wolfgang hatte diese Art von Wertheriade kurz und prägnant „das Berliner ppp Hundezeug“12 genannt. Lenz verstand die Anspielung in Nicolais Satire, er wusste, dass er selbst mit jenem „jungen Kerlche[n]“ gemeint war, das von Nicolai auch als „Geelschnabel“ und „Lecker“ tituliert wird.13 Bereits der Titel Pandämonium GermanikumPandämonium Germanikum referiert auf diese Textstelle aus Nicolais Satire.14 Wenn Lenz als „ein klein Teufelchen im Pandämonium“ von Nicolai bezeichnet wird, dann impliziert dies ein hohes Maß an Diffamierungswillen. Als Teufelchen hielte sich Lenz im Bereich aller Dämonen auf, wenn man so das Pandämonium versteht. Und damit wird jegliche literarische Eigenständigkeit, Originalität und Individualität des Dichters radikal infrage gestellt.
Lenz antwortet auf diese Invektive Nicolais mit dem Titel Pandämonium Germanikum, was so viel heißen kann wie Gesamtheit aller deutschen Dämonen. Dass zu diesen Goethe und Lenz, Klopstock, Lessing und Herder nicht gehören, belegt der Text. Lenz tut Nicolai nicht einmal die Ehre an, unter der Vielzahl der zitierten Autoren namentlich genannt zu werden. Vergegenwärtigt man sich, welche Fülle von LiteratursatirenLiteratursatire, Parodien und Pamphleten in den Jahren 1773 bis 1775 erschienen ist, so wird die Abwesenheit Nicolais in Lenzens Text verständlich. Nicolais Ausfall gegenüber Lenz wird, gemessen am eigentlichen Thema des Textes, völlig nebensächlich. Die kritisch-streitlastige Atmosphäre dieser Jahre ist so satirisch und diffamatorisch aufgeladen, dass das Pandämonium GermanikumPandämonium Germanikum umso mehr aus dem Korpus anderer LiteratursatirenLiteratursatire heraussticht. Zu untersuchen wäre in diesem Zusammenhang, inwiefern die Literatursatiren der 1770er-Jahre die konterrevolutionären Satiren der 1790er-Jahre vorbereiten, wie beispielsweise KotzebuesKotzebue, August von Der weibliche Jakobiner-KlubDer weibliche Jakobiner-Klub, GoethesGoethe, Johann Wolfgang BürgergeneralDer Bürgergeneral, IfflandsIffland, August Wilhelm Die KokardenDie Kokarden oder SchummelsSchummel, Johann Gottlieb Die Revolution in ScheppenstedtDie Revolution in Scheppenstedt. Folgt man dem Vorschlag, die konservative Revolutionsdramatik der 1790er-Jahre im Hinblick auf ihre Thesen und WirkungsabsichtenWirkung zu typologisieren, so gelangt man zu dem triadischen Schema von Defension, Denunziation und Agitation.15 Dieses Raster scheint durchaus tauglich zu sein, die Literatursatiren der 1770er-Jahre in einem neuen Beziehungsgeflecht zu untersuchen. Dieser Untersuchungsbereich verstünde sich als Ergänzung zu der gleichfalls triadischen Klassifikation, die in erster Linie die Binnenstruktur der Texte untersucht. Danach bezieht sich die Kritik der Literatursatiren des Sturm und DrangSturm und Drang auf drei literarische Erscheinungen: „1. literarische und theoretische Besonderheiten der deutschen und der europäischen Aufklärung, 2. literarische Parallelerscheinungen zum Sturm und Drang wie Sentimentalität und Gefühlskult […] und 3. Entartungserscheinungen der eigenen Bewegung“Bourdieu, Pierre16. So lassen sich jene Kategorien von Defension, Denunziation und Agitation durchaus als Substruktur jedes einzelnen Punktes dieses Kritikmodells einlesen. Auf Nicolais WertherDie Leiden des jungen Werthers-Parodie bezogen würde dies beispielsweise bedeuten, dass NicolaiNicolai, Friedrich im defensorischen Bereich Werte, poetologischePoetologie Normen und VerhaltensstandardsVerhaltensstandard aufgeklärterAufklärung bürgerlicher Ordnungbürgerliche Ordnung verteidigt. Im denunziatorischen Bereich diffamiert er nicht nur den Prätext des Werthers, sondern auch einzelne Autoren des Sturm und Drang wie beispielsweise Lenz sowie den generellen emanzipativen Anspruch des Sturm und Drang. Im agitatorischen Bereich versucht der Text die dominanten, tradierten Mentalitätsstandards als die eigentlich überlegenen auszuweisen. In diesem Bereich lassen sich die meisten intertextuellen Referenzen mit parodistischer, satirischer oder wiederum diffamatorischer Absicht feststellen. Die LiteratursatirenLiteratursatire im engeren Sinn, vor deren Hintergrund LenzensLenz, Jakob Michael Reinhold Pandämonium GermanikumPandämonium Germanikum zu situieren ist und die Lenz auch bekannt waren, sind GoethesGoethe, Johann Wolfgang Götter, Helden und WielandGötter, Helden und Wieland (1774, entstanden Ende September/Anfang Oktober 1773), NicolaisNicolai, Friedrich WertherFreuden des jungen Werthers. Leiden und Freuden Werthers des Mannes. Voran und zuletzt ein Gespräch-Parodie (Januar 1775), Heinrich Leopold WagnersWagner, Heinrich Leopold Prometheus, Deukalion und seine RecensentenPrometheus, Deukalion und seine Recensenten (Februar 1775) und Johann Jakob HottingersHottinger, Johann Jakob Menschen, Thiere und GötheMenschen, Thiere und Göthe (Herbst 1775). Bereits am 8. April 1775 hatte Lenz mit LavaterLavater, Johann Caspar über Wagners anonym erschienene Satire, die zunächst Goethe zugeschrieben worden war, korrespondiert.17 Goethes Farce ist noch im engeren Sinn eine Personalsatire, in deren Gravitationsfeld aus Spott und Ironie Wieland steht. Der Verspottete erwacht am Ende des Stücks aus seinem Traum, während in Lenzens Pandämonium Germanikum der Spötter selbst am Ende aus dem Traum erwacht. Bezeichnend ist, dass bei beiden Autoren, Goethe wie Lenz, die Fiktion des Traums Wunschvorstellungen und Kritik gleichermaßen zu thematisieren erlaubt. Der Traum ist der Ort, wo die WirklichkeitWirklichkeit befragt und wo sie gebeugt werden kann, ohne mit gesellschaftlichen, mentalen oder logischen Normen zu kollidieren. Hottingers und Wagners Texte hingegen sind versifizierte Satiren und stehen in diesem Sinne auch in einer aufgeklärtenAufklärung Tradition. Hottinger referiert in seiner Satire Menschen, Thiere und Göthe zwar unmittelbar auf Goethes Werther und Wagners Prometheus, Deukalion und seine Recensenten, er denunziert aber insgesamt auch die emanzipative Haltung der Sturm-und-Drang-AutorenSturm und Drang. Dies zeigt sich zum einen am Inventar der Dramatis personae, u.a. treten Gans, Rabe, Hund, Esel und Frosch auf. Zum anderen wird dies auch durch die Satirisierung programmatischer Positionen des Sturm und Drang belegt. So sagt z.B. der Hund zu Prometheus:
„Wir beyde schiken uns wol zusammen,
Mögt alle Regeln zum Feu’r verdammen.
Is Quark, is für den Pöbel nur,
Viel besser Herr Doktor [d.i. Prometheus, M.L.-J.] is Natur –
Holla –“18.
Der moraldidaktische Appell im Epilog des Stücks, auf den LenzLenz, Jakob Michael Reinhold und GoetheGoethe, Johann Wolfgang in ihren LiteratursatirenLiteratursatire verzichten, führt als aufgeklärter Ordnungsruf den agitatorischen und den denunziatorischen Bereich des Stücks zusammen:
„S’ is ä Flegeley ’üch an jedem Biedermann z’reibä,
Der ’üch nit thät nach ’üerm Gustus schreibä. […].
S’ is Thorhät, s’ is eitle Bewegung.
Schnakscher Einfall is nit Widerlegung.
Is wol ’n Gaudium für d’n Narren;
Aber der klug Mann denkt, Herr Doktor hat ’nen Sparren“19.
Die Aufforderung aus WagnersWagner, Heinrich Leopold Literatursatire „Spitz jezt die Ohren, liebs Publikum“20 kann als programmatischer Warnruf des Literatursatirenstreits zwischen aufgeklärten Autoren und Autoren des Sturm und DrangSturm und Drang in den 1770er-Jahren verstanden werden. Auch Wagners Satire rückt noch Wieland in den Mittelpunkt des Spotts: „Ey sieh doch! guck! das nenn ich mir Original! / So was macht Jupiter W** [Wieland, M.L.-J.] nicht mal“21. Doch wird der Streit um die Beurteilung von Goethes WertherDie Leiden des jungen Werthers mindestens gleichrangig thematisiert. Daraus ergibt sich, dass erstens die Auseinandersetzung um eine einzelne Person erweitert wird und zweitens die Auseinandersetzung um einen literarischen Text. Diese Auseinandersetzung wird gleichwohl nicht minder personenbezogen geführt. Und drittens werden die Friktionen zwischen den nicht nur literarischen Positionen des Sturm und Drang und der AufklärungAufklärung deutlich markiert. Prometheus sagt in seinem Schlussmonolog in diesem Stück: „Den Spektakel auf einmal zu enden / Hätt freylich Prometheus die Mittel in Händen; / Doch da er zu gros denkt Insekten zu jagen, / Mag ihnen Epilogus d’Meynung noch sagen.“22 Und dieser lässt denn auch an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „Aber so machts halt euer schäuslich Kritik / Verfolgt’s Genie, erstickt manch Mästerstück.“23 Das Bild der Insekten, die es zu jagen gilt, taucht dann bei LenzLenz, Jakob Michael Reinhold wieder in jenem Brief an LavaterLavater, Johann Caspar auf, worin er ihn auf WagnersWagner, Heinrich Leopold Literatursatire hingewiesen hatte. Lenz fügt einem in WielandsWieland, Christoph Martin Teutschem MerkurDer Teutsche Merkur erschienenen Epigramm von Christian Heinrich SchmidSchmid, Christian Heinrich mit dem Wortlaut „Es wimmelt heut zu Tag von Sekten / Auf dem Parnaß“ die knappe Bemerkung hinzu: „Und von Insekten“ (Lenz: WuBr, Bd. 3, S. 307).
Bei keinem der genannten Autoren erfüllt die Literatursatire die Funktion der Selbstvergewisserung. Hier ist Lenzens Pandämonium GermanikumPandämonium Germanikum singulär. Auch der Auftritt des Satireschreibers im Stück selbst bleibt die Ausnahme. Erst Christian Dietrich GrabbeGrabbe, Christian Dietrich wird den Selbstauftritt des Autors in einer Satire in seinem Stück Scherz, Satire, Ironie und tiefere BedeutungScherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung von 1827 wieder geschickt dramaturgisch nutzen. Außerdem ist keine der Literatursatiren der 1770er-Jahre so erzwungen defensiv angelegt wie Lenzens Stück. Der Autor muss sich bereits gegen die zunehmende kommunikative und soziale Isolation verteidigen, an deren Ende schließlich als Folge subtiler Diffamierung die Psychiatrisierung durch die ehemaligen Freunde und Sturm-und-Drang-GruppenmitgliederSturm und Drang steht. Zugleich macht das Pandämonium Germanikum nochmals deutlich, dass schon im Bewusstsein der Sturm-und-Drang-Autoren selbst die Theorie der Einzigartigkeit im GeniepostulatGenie zu einer gewollten literarischen und sozialen Exklusivität führt. Die produktionsästhetischeProduktionsästhetik Voraussetzung von Genialität ist im Pandämonium Germanikum in ein Elitebewusstsein umgekippt, auch wenn es noch als Traum, gleichwohl als visionärer Traum, camoufliert wird.
Johann Georg SchlosserSchlosser, Johann Georg Anti-PopeAnti-Pope (1776)
Am 25. März 1789 nachmittags schreibt Charlotte von LengefeldLengefeld, Charlotte von an Friedrich SchillerSchiller, Friedrich:
„Ich möchte daß es eine gute Uebersezung von PopensPope, Alexander Versuch über den Menschen gäbe, es ist erstaunend viel Schönes darin, und so gut gesagt, ich denke es würde Ihnen gefallen, ich las lezt wieder einige stellen die ich möchte gut übersezen können um sie Ihnen mit zu theilen.“ (Schiller: NA, Bd. 33/1, S. 324)
Schiller antwortet darauf bereits einen Tag später am 26. März 1789:
„Von Popens Versuch existiren einige Uebersetzungen, wovon die eine glaube ich von Schloßers Hand ist. Schloßer hat auch einen Antipope gemacht, worinn er den Versuch vom Menschen poetisch widerlegt. Die andre Uebersetzung ist kalt und flach“ (Schiller: NA, Bd. 25, S. 233).
Es ist durchaus bemerkenswert, dass sich Schiller an ein Buch von SchlosserSchlosser, Johann Georg erinnert, das bereits im Jahr 1776 erschienen war und das mutmaßlich, denn gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse liegen über die Frage der RezeptionRezeption dieser Schrift nicht vor, keine Massenlektüre darstellte. „Es ist kein Wunder, wenn sich keine Rezension über diesen Anti-Pope findet. Er scheint überhaupt kaum gewirkt zu haben“1, resümiert Erich LoewenthalLoewenthal, Erich. Auch von Schlossers Schweizer Freunden IselinIselin, Isaak, KaufmannKaufmann, Christoph und LavaterLavater, Johann Caspar sind keine Reaktionen überliefert.2 Ein Faksimile des Titelblatts ist im Ausstellungskatalog von 1989 Johann Georg Schlosser abgebildet. Allerdings wird dort ein Exemplar mit Druckort „Bern bey Beat Ludwig Walthard, 1776“3 gezeigt, während mir selbst ein Exemplar mit den Angaben „Leipzig, 1776 in der Weygandschen Buchhandlung“ vorlag. Ich vermute, dass es sich bei dem Berner Druck um einen unrechtmäßigen Nachdruck handelt. Denn SchlosserSchlosser, Johann Georg selbst schickte ein Belegexemplar mit Widmung in die Schweiz an den Freund BodmerBodmer, Johann Jakob. In der Züricher Stadtbibliothek wird ein Exemplar des Anti-PopeAnti-Pope – übrigens ebenfalls von dem Leipziger Druck – aufbewahrt, das von Schlossers Hand eine Widmung an Bodmer enthält. Bodmer war der Vorbesitzer des Buchs:
„O Bodmer rufest Du vor Dein Gericht
des deutschen kühne Klag, den falschen Trost des Britten;
Sey billig, tadle nicht;
Wir leiden noch, du hast bald aus gelitten.“4
Auch anderen Freunden und Teilnehmern der sogenannten Zirkularkorrespondenz Schlossers schenkte der Verfasser den Anti-PopeAnti-Pope. In einem unveröffentlichten Brief vom 28. Juli 1776 an Gottlieb Konrad PfeffelPfeffel, Gottlieb Konrad (1736–1809) und Franz LerseLerse, Franz Christian (1749–1800), der in der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt a.M. aufbewahrt wird, heißt es gleich zu Beginn: „Ich schike Ihnen hier das lezte Exemplar vom Antipope das ich habe. Lesen Sie ihn mit Parteylichkeit für ihren Freund. Das arme Büchlein wird wunderlich mißhandelt. Den einen ists Evangelium, den andern Antichrist.“ Demnach muss der Anti-Pope in der ersten Jahreshälfte 1776 erschienen sein. Sogar in der Korrespondenz von Goethes MutterGoethe, Catharina Elisabeth findet sich eine, wenngleich auch bescheidene, Spur des Anti-Pope. An WielandWieland, Christoph Martin schreibt Frau Goethe über ihren Schwiegersohn Schlosser, der mit ihrer 1777 verstorbenen Tochter CorneliaGoethe, Cornelia (geb. 1750) in Emmendingen verheiratet gewesen war, oder über das Buch selbst am 24. November 1778: „Lieber Sohn! Habt die Güte und bestelt innliegende Briefe auf beste – bey dem Anti-Pope ist auch alles besorgt, jeder hat so seine Art und Kunst“5. Das muss sich nun freilich nicht auf das gleichnamige Buch Schlossers beziehen, denn wie der Kommentar zu dieser Briefstelle ausweist, hatte Wieland für Schlosser den Spitznamen Anti-Pope aufgebracht.6
Die enge Freundschaft zwischen dem Sturm-und-Drang-DichterSturm und Drang Jakob Michael Reinhold LenzLenz, Jakob Michael Reinhold und SchlosserSchlosser, Johann Georg ist belegt, sie soll an dieser Stelle nicht nochmals in der Wiederholung der Fakten dokumentiert werden.7 Lediglich ein Aspekt gewinnt an Bedeutung, und das ist die Tatsache, dass Lenz den Emmendinger Freund in die Straßburger Deutsche Gesellschaft, deren Sekretär Lenz war, einführte. Das Protokoll der Sitzungen, soweit es uns durch Stöber mit den Korrekturen von Froitzheim überliefert ist, bemerkt dazu: „Den 16ten Febr. [1776] las Herr Lenz ein ursprünglich englisch geschriebenes von ihm selbst in’s deutsche übersetzte Gedicht des Herrn Hofrath Schlossers bis auf den 1ten Brief vor: Antipope genannt“8. Aber worauf bezieht sich dieses „von ihm selbst“, auf Lenz als Übersetzer oder auf Schlosser, der dann Autor und Übersetzer in einer Person gewesen wäre? Natürlich wissen wir, dass sich Lenz über dieses Vorlesen hinaus mit PopePope, Alexander beschäftigt hat. In seinem Werk gibt es durchaus eine Pope-Lesespur, die belegt, dass sich Lenz immer wieder zu unterschiedlichen Zeiten mit dem Werk des Engländers beschäftigt hat. Eine inhaltliche Analyse müsste dies sorgfältig über die eigentlichen positivistischen Stellenbelege hinaus verfolgen, doch soll dies nicht Ziel dieses Kapitels sein. Halten wir uns an die Fakten und versuchen wir eine chronologische Rekonstruktion, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit der wichtigsten Belegstellen erheben zu wollen, so ergeben sich folgende acht Gesichtspunkte:
1.) In seiner Berichtigung einer Anekdote den Dichter J.M.R. Lenz betreffendBerichtigung einer Anekdote den Dichter J.M.R. Lenz betreffend berichtet Friedrich NicolaiNicolai, Friedrich (1733–1811), dass ihm Lenz auf dem Weg von Königsberg nach Straßburg bei seiner Durchreise in Berlin 1772 eine „Uebersetzung von Popens Essay on CriticismEssay on Criticism in deutschen Alexandrinern“9 zur Beurteilung vorgelegt habe. Lenz brachte demnach bereits ein Manuskript aus Königsberg mit, und diese PopePope, Alexander-Übersetzung kann zu den frühesten literarischen Arbeiten von LenzLenz, Jakob Michael Reinhold gerechnet werden. Leider ist sie nicht erhalten.




