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Die FürstengruftDie Fürstengruft ist nicht enthalten in: Chr. Fr. D. SchubartSchubart, Christian Friedrich Daniel’s vermischte Schriften. Herausgegeben v. Ludwig SchubartSchubart, Ludwig Albrecht, Sohn. Zürich: in der Geßner’schen Buchhandlung. Zwei Theile. 1812. Möglicherweise hat der Sohn das Gedicht aus politischen Gründen ausgesondert.
Insgesamt umfasst die maßgebliche Textgestalt der Fürstengruft 26 Strophen, die im Kreuzreim abab angeordnet sind. Das metrische Muster ist ein fünfhebiger Jambus in Zeile 1 und 3, ein vierhebiger Jambus in Zeile 2 und ein dreihebiger Jambus in Zeile 4. Die Varianten der Lesarten haben natürlich auch Einfluss auf die inhaltliche Deutung der Fürstengruft. Die schlechten Fürsten haben tyrannisch geherrscht und werden am Jüngsten Tag dem Gericht Gottes zugeführt. Die besseren Fürsten hingegen werden nach ihrem Tod mit ewiger Herrschaft belohnt. Wenn man den Komparativ ‚besser‘ ernst nehmen will, dann muss es als Referenzwort auch die guten Fürsten geben. Und einen solchen Repräsentanten spricht SchubartSchubart, Christian Friedrich Daniel in der Tat schon in der fünften Strophe an – vorausgesetzt, man will diese Worte nicht als Ironie lesen –, wenn er schreibt: „hier liegt der edle Fürst! der Gute!“24 In der Schlusszeile des Gedichts heißt es über die ‚bessren Fürsten‘: „Ihr seid zu herrschen werth“25, und damit erfolgt eine scheinbar überraschende, theologische Wendung. Ob dieser Ton schon unter das Verdikt von David Friedrich StraußStrauß, David Friedrich fällt, der im Hinblick auf die Deutsche ChronikDeutsche Chronik Schubart einen religiösen „Obscurantismus“26 attestiert, oder ob Hermann HessesHesse, Hermann Wort, der selbst aus pietistischem Milieu stammte, von Schubarts „Zerknirschungsreligiosität“27 zutrifft, soll unentschieden bleiben. Und dass der Superlativ die ‚besten Fürsten‘ nicht auftaucht, mag ein versteckter, kritischer Hinweis Schubarts darauf sein, dass es ‚beste Fürsten‘ per se nicht geben könne, da dieser Superlativ in seinem religiösen Weltbild Gott vorbehalten bleibt. Schubarts Kritik an gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen kann immer nur so weit gehen, wie das mit seinem pietistischen Weltbild vereinbar erscheint und angesichts seiner Inhaftierung opportun ist. Nicht jedes Gedicht spricht so offen aus, was Schubart, der der einzige Dichter des Sturm und DrangSturm und Drang ist, der politisch verfolgt wurde und die Folgen politischer Repression am eigenen Leib erfahren hat, politisch denkt, wie sein Gedicht Der GefangeneDer Gefangene (1782), worin er die eigene Kerkerhaft schildert. Vor seiner Inhaftierung hatte Schubart mit seinem Freyheitslied eines KolonistenFreyheitslied eines Kolonisten (1775) seine Ambivalenz dokumentiert. Das Gedicht bezieht sich auf den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und lässt sich nur schwer auf europäische, kaum auf deutsche gesellschaftlich-politische Verhältnisse übertragen. Die exotische Ferne, die den Hintergrund des Textes bildet, ermöglicht es dem Autor, ein Freiheitspathos zu mobilisieren, das nur als rhetorische Geste angemessen verstanden werden kann. Schubarts Ambivalenz von scharfsinniger politischer Erkenntnis auf der einen und den Zugeständnissen an gesellschaftliche und ästhetische Erwartungen seiner Zeit auf der anderen Seite wird besonders in der FürstengruftDie Fürstengruft deutlich. Dieses Gedicht ist als SchubartsSchubart, Christian Friedrich Daniel „aggressivstes und wirkungsvollstes antifeudales Manifest“28 bezeichnet worden. Das mag übertrieben sein. Es wurde auch von der „Widersprüchlichkeit und Inkonsequenz Schubarts“ gesprochen: „Man muss leider sagen, daß er mehrere Lobgedichte auf den Herzog Karl EugenKarl Eugen, Herzog von Württemberg verfertigt hat“.29 Ich nehme mich selbst von einer solch rigiden Einschätzung nicht aus. Wer aber wollte einen solch rigorosen Moralismus ernsthaft in Stellung bringen, angesichts eines Gefangenen, der in seinem Brief an den Verleger Christian Friedrich HimburgHimburg, Christian Friedrich, den er „meine[n] liebsten, besten Himburg“ tituliert, vom 2. Januar 1787 selbst darauf hingewiesen hat, dass er zahlreiche Gedichte „aus Zwang und Drang meiner Lage verfertigte“,30 und er sie deshalb nicht in eine Gedichtsammlung aufgenommen wissen wollte? Ludwig SchubartSchubart, Ludwig Albrecht berichtet davon, ein Rezensent habe sich darüber gewundert, in der zweibändigen Gedichtausgabe von 1785/1786 „eines Dichters ausschweifendes Lob auf eben den Fürsten zu finden, der ihm zehn Jahre lang das höchste Gut dieser Erde – seine Freiheit! entrissen hatte“31. Die Qualität der Gedichte, darunter auch die FürstengruftDie Fürstengruft, beurteilt sein Sohn Ludwig klar:32
„Seine besten Gedichte hat er sämtlich auf dem Asperg, unter den ungünstigsten Umständen verfertiget; und grade der Zwang, unter dem er hier seufzte, schien die höchste Elasticität seiner Seele gewekt zu haben. Unter diesen besten verstehe ich, mit einem großen Theile des Publikums: die Fürstengruft; […]. Die Fürstengruft trug er seit seinem Aufenthalte zu München stets in der Seele, – wo ein Requiem in der Gruft die erste Idee in ihm entzündet hatte; wollte sie mehrmahlen zu Ulm schon ausführen; zürnte sie aber erst im dritten Jahre seiner Gefangenschaft nieder, als ihm Herzog Karl auf einen gewissen Termin hin ausdrüklich seine Freiheit versprochen hatte, und dieser Termin ohne Erfüllung vorüber gegangen war. Er dictirte dieses Gedicht eines Abends einem Fourier in die Feder bis zu der Strophe
‚Wo Todesengel nach Tyrannen greifen[‘] –
nachdem er sich vorher sehr stark gegen den Herzog erhizt hatte; und es hieß hier ausdrüklich: ‚Facit Iracundia Versum.‘ Nachher nahm er nur wenige Veränderungen damit vor; und es ist ganz ohne sein Zuthun, und sehr voreilig ins deutsche Musäum eingeschikt worden: denn es machte gleich nach seiner Erscheinung soviel Aufsehn, daß dem Herzoge etwas davon zu Ohren kam, und Seine Durchlaucht einen ihrer Günstlinge in den unangenehmen Fall sezten, Ihnen das Gedicht laut vorlesen zu müssen.
Dieser Umstand hat, wie ich gewiß weiß, vieles zu Verlängerung seines Arrests beygetragen.“33
So meldete schon 1779 das Schwäbische MagazinSchwäbisches Magazin: „Herr Schubart hat wieder mehrere Freiheit erhalten“34, was sich aber als Irrtum herausstellen sollte. Was Heinrich Leopold WagnerWagner, Heinrich Leopold in einem Brief vom 9. Februar 1777 an Maler MüllerMaler Müller schrieb, kann sicherlich als repräsentatives Urteil der jungen Intellektuellen dieser Zeit gelten: „– und Schubart! wüthend werd ich wenn ich dran denke! War einer mit von den Wenigen die Muth hatten Wahrheit zu sagen! Warum sitzt er? Weist Dus so schreib mirs! – Die ……!“35
Reflexionen über die philologische Denkfigur der Zuschreibung am Beispiel von Schubart und Ludwig Philipp HahnHahn, Ludwig Philipp: Schubart an MillerSchubart an Miller – so heißt ein Gedicht, das SchubartSchubart, Christian Friedrich Daniel auf seinen Ulmer Freund Johann Martin MillerMiller, Johann Martin (1750–1814) am 31. Dezember 1776 schreibt; es schließt mit den hoffnungstrunkenen Worten: „Welch ein himmlisch neues Jahr!“36 Miller antwortet noch am selben Tag mit dem Gedicht Antwort an SchubartAntwort an Schubart, worin es heißt:
„Neue Wonn und neues Leben
Soll das neue Jahr uns geben!
Komm und reich die Hand mir dar!
Glück und Heil zum neuen Jahr!“37
Es sollte das schlimmste Jahr in Schubarts Leben werden. Kurz darauf, am 22. Januar 1777, wurde er nach Blaubeuren auf herzogliches Territorium gelockt, einen Tag später verhaftet und auf der Festung Hohenasperg ohne Anklage und Urteil inhaftiert.38
Der Aufruhr zu PisaDer Aufruhr zu Pisa (1776) ist das erste Drama von Ludwig Philipp HahnHahn, Ludwig Philipp (1747–1814). Es erscheint in Ulm in der Druckerei von Johann Conrad WohlerWohler, Johann Conrad. Sehr wahrscheinlich ist, dass Christian Friedrich Daniel SchubartSchubart, Christian Friedrich Daniel den Druck vermittelt hat. Demzufolge könnte es zuvor einen brieflichen Kontakt zwischen Hahn und Schubart gegeben haben. In Schubarts Korrespondenz ist allerdings kein Brief hierfür erhalten, der dies belegen könnte. Immer noch wird ein längerer Aufenthalt Hahns in Ulm behauptet, wo er Schubart persönlich kennengelernt haben soll, das ist aber ebenfalls nicht zu belegen und tatsächlich nur eine philologische Behauptung.39 Ich halte es hingegen für viel wahrscheinlicher, dass der Kontakt zwischen Hahn und Schubart über den gemeinsamen Dichterfreund Maler MüllerMaler Müller (1749–1825) in Mannheim gestiftet wurde, der schon 1765 zur Zeichenausbildung in Hahns Zweibrücken war. 1774 hat Müller erstmals ein Gedicht im Göttinger MusenalmanachGöttinger Musenalmanach veröffentlicht und dadurch die Aufmerksamkeit der Res publica litteraria – auch Schubarts – auf sich gezogen. Ab 1775 hielt er sich in Mannheim auf. In einem Brief vom 27. November 1776 an Müller schreibt Schubart: „Genies sind sichtbare Gottheiten, […]. Wie viel herrliche Gedanken hat KlingerKlinger, Friedrich Maximilian ohne Würkung verspritzt; da liegen sie nun im Mist und kannst lang warten, biß Aesops Hahn kommt und das Edelgestein aufscharrt.“40 Der Kommentar zur Briefausgabe, genauer zu diesem Brief bemerkt dazu, eine solche Fabel sei von Äsop nicht bekannt. Das entspricht durchaus dem heutigen Stand der Äsop-Forschung, jedoch, wenn man historisch genauer kontextualisiert, so ergibt sich leicht Aufschluss über diese scheinbar kryptische Anspielung. Die Editio princeps von ÄsopsÄsop Fabeln wurde von Buonaccorsi 1479 in Mailand vorgelegt. Heinrich SteinhöwelSteinhöwel, Heinrich hat ca. 1476 eine für die Buchgeschichte der Frühen NeuzeitFrühe Neuzeit maßgebliche Sammlung von Äsop zugeschriebenen Fabeln auf Deutsch herausgegeben, gedruckt wurde sie bei Johann ZainerZainer, Johann in Ulm und in über 20 verschiedenen Drucken bis zum Ende des 17. Jahrhunderts weit verbreitet.41 Als erster Text dieser Sammlung wird die pseudoäsopische fabel von dem Han und dem bernlinfabel von dem Han und dem bernlin abgedruckt, deren Ursprung auf eine „spätantike Prosabearbeitung des PhädrusPhädrus“42 zurückgeht und die in mittelalterlichenMittelalter Handschriften überliefert wird:
„Die erst fabel von dem Han vnd dem bernlin
AIn han suͦchet syne spys vff ainer misty. vñ als er scharret / fand er ain kostlichs bernlin an der vnwirdigen statt ligende. vo er aber daz also ligend sach sprach er. O du guͦtes ding wie ligst du so ellenglich in dem kätt? hette dich ain gytigë gefunden / wie mit grossen froͤden hett er dich vff gezuket / und werest du wider in den alten schyn dyner zierde gesetzet worden. So aber ich dich finde an der schnoͤden statt ligende. vnd lieber myne spys fünde. so bist du weder mir nüczlich noch ich dir[.] Dise fabel sagt esopus denen. die in lesent vñ nit verstant. die nit erkeñent die krafft des edeln bernlins. vnd das honig vß den bluͦmen nit sugñ kuͤnent. wañ den selben ist er nit nuͤczlich ze lesen.“43
Die steinhöwelscheSteinhöwel, Heinrich Fabelsammlung hat Martin LutherLuther, Martin als Etliche Fabeln aus ÄsopÄsop (1530)44 bearbeitet, denn sie taugt nach seiner Einschätzung als Kinder- und Schulbuch zum Erlernen von Lebensweisheit. Da sich der Reformator aber an den sittlich bedenklichen Textstellen der Fabelsammlung stößt, entschließt er sich zu einer eigenen Übersetzung, die über die Vorrede und die Bearbeitung von 13 Fabeln aber nicht hinauskommt. Luther übernimmt von SteinhöwelSteinhöwel, Heinrich die Reihenfolge der Fabeln und bietet, wie Steinhöwel, als Nummer eins die Fabel vom Hahn und der Perle. Für ihn ist sie ein Exemplum für die menschliche Torheit. Der Titel lautet in der Handschrift Vom Han und PerlinVom Han und Perlin, im Druck Vom Hahn und PerlenVom Hahn und Perlen. LutherLuther, Martin resümiert das ‚Fabula docet‘ mit folgenden Worten: „Diese fabel zeigt an, Das, grobe leute, nicht wissen wo zu eine einige fabel nütze odder sie zu gebrauchen sey, darumb sie dis buchlin verachten, wie denn alle kunst vnd weisheit bey solchen leuten vnwerd vnd veracht ist, wie man spricht, kunst gehet nach brod“45. Man kann annehmen, dass SchubartSchubart, Christian Friedrich Daniel Luthers Schriften in der 24-bändigen LutherLuther, Martin-Ausgabe (1740/1753) von Johann Georg WalchWalch, Johann Georg (1693–1775) studiert hat, sowohl in Erlangen, während seines kurzen Theologiestudiums 1758 bis 1760, als auch in Ulm. Luther galt ihm als Autorität eben auch in Fragen kunstvoller Prosa. Die ÄsopÄsop-Bearbeitung mit einer Vorrede Luthers ist erst 1557 (sog. Jenaer Ausgabe) nach Luthers Tod erstmals erschienen und in der Walch-Ausgabe im 14. Band von 1744 unter der Überschrift „Thorheit“ abgedruckt.
„Vom Hahn und Perlen.
Ein Hahn scharret auf dem Miste, und fand eine köstliche Perlen; als er dieselbige im Koth so liegen sahe, sprach er: Siehe, du feines Dinglein, liegst du hie so jämmerlich, wenn dich ein Kaufmann fünde, der würde dein froh und du würdest zu grossen Ehren kommen, aber du bist mir, und ich dir, kein nütze, ich nehme ein Kör[n]lein oder Würmlein, und ließ einem alle Perlen, magst bleiben wie du liegst.
Lehre.
Diese Fabel lehret, daß diß Büchlein bey Bauren und groben Leuten unwerth ist, wie denn alle Kunst und Weisheit bey denselbigen veracht ist, wie man spricht: Kunst gehet nach Brod; sie warnet aber, daß man die Lehre nicht verachten soll.“ 46
Schubart kann also sowohl die Äsop-Ausgabe des Ulmer Landsmanns Steinhöwel als auch die lutherische Fabelversion in der im 18. Jahrhundert maßgeblichen Luther-Ausgabe von Walch kennengelernt haben.
Letztendlich ist aber eine dritte Referenzspur am wahrscheinlichsten. Gotthold Ephraim LessingLessing, Gotthold Ephraim übersetzte im März 1757 Samuel RichardsonsRichardson, Samuel Aesop’s Fables, with instructive Morals and ReflectionsAesop’s Fables, with instructive Morals and Reflections (1740), das Werk erschien noch in demselben Jahr in Leipzig unter dem Titel Hrn. Samuel Richardsons […] Sittenlehre für die Jugend in den auserlesensten Aesopischen Fabeln mit dienlichen Betrachtungen zur Beförderung der Religion und der allgemeinen Menschenliebe vorgestelletHrn. Samuel Richardsons […] Sittenlehre für die Jugend. Die erste Fabel heißt Der Hahn und der Diamant und lautet in LessingsLessing, Gotthold Ephraim Worten:
„Als einsmals ein Hahn auf einem Misthaufen scharrte, fand er einen köstlichen Stein. Ja, sprach er, für einen Juwehlenhändler würde dieser glänzende Tand so etwas seyn; mir aber ist ein einziges Gerstenkorn lieber als hundert Diamante.
Lehre.
Ein weiser Mann wird das Nothwendige allezeit dem vorziehen, was blos zur Zierde, zum Vergnügen oder zur Befriedigung der Liebhaberey dienet.
Betrachtung.
Die meisten Ausleger wollen hier Weisheit und Tugend unter dem Diamante, die Welt und ihre Ergötzlichkeiten unter dem Misthaufen, und unter dem Hahne einen wollüstigen Mann verstanden wissen, welcher sich seinen Lüsten überläßt, ohne im geringsten, an die Erlernung, die Ausübung, oder die Vortreflichkeit beßrer Dinge zu denken.
Allein, mit ihrer Erlaubniß, mir scheint in dieser Fabel vielmehr ein Sinnbild des Fleißes und der Mäßigung zu liegen. Der Hahn lebt von seiner ehrlichen Arbeit; er scharrt auf dem Misthaufen, das ist, er folgt seinem Beruffe; der köstliche Stein ist weiter nichts, als eine schimmernde Versuchung, die ihm in den Weg gestellet wird, um ihn von seinen Geschäften und seiner Pflicht abzuziehen. Ueber ein Gerstenkorn, sagt er, würde er sich weit mehr erfreuet haben, als über diesen Diamant, und hiermit wirft er ihn als etwas weg, das sich nicht der Mühe verlohnt aufzuheben. Alsdenn weiß man die Dinge gehörig zu schätzen, wenn man das, woran die Vorsicht die Erhaltung des Lebens gebunden hat, den schimmernden Spielwerken vorzieht, die keinen andern Werth haben, als den ihnen Eitelkeit, Stolz und Ueppigkeit beylegen. Für einen Juwehlenhändler ist der Preis, wie er seinen Edelstein los werden kann, hinlänglich; ein Mann aber von Verstand und Einsicht, schätzt den innern Werth eines Dinges, und das ist ganz etwas anders. Ja der Juwehlier selbst würde, bey hungrigem Magen, wenn er an der Stelle des Hahns wäre, eben so wie der Hahn wehlen. Die Lehre ist kurz diese, daß wir nothwendige Dinge überflüßigen Dingen, die Erqvickungen und den Segen der Vorsicht den blendenden und schimmernden Seltenheiten der Mode und Einbildung vorziehen, mit einem Worte, daß wir unser Leben nach der Vernunft, und nicht nach der Phantasie regieren sollen.“47
Wenn nun SchubartSchubart, Christian Friedrich Daniel in einem Brief die Formulierung „AesopsÄsop Hahn“ verwendet, so darf man davon ausgehen, dass er sich auf Lessings oder auf WalchWalch, Johann Georgs Textdarbietung dieser pseudoäsopischen Fabel bezieht. Will man diesen Ausdruck aber in seiner übertragenen, symbolischen Bedeutungsymbolische Bedeutung erschließen, die über das buchstäblichebuchstäblich Verstehen hinausgeht, dann stellt sich die Frage, die keinesfalls ausgeblendet werden soll, ob SchubartSchubart, Christian Friedrich Daniel mit „AesopsÄsop Hahn“ möglicherweise auf Ludwig Philipp HahnHahn, Ludwig Philipp anspielt? Ich lasse das als Frage unbeantwortet im Raum stehen. Man kann es nicht ausschließen, aus folgendem Grund: Am 25. August 1775 hatte Schubart den in Mannheim lehrenden Anton von KleinKlein, Anton von gefragt: „Dürft’ ich Sie nicht um einige literarische Neuigkeiten aus der Pfalz bitten? Sie können nicht glauben, wie mager mir die Neuigkeiten von der Pfalz einlaufen.“48 Man kann annehmen, dass von Klein den Kontakt zu Maler MüllerMaler Müller hergestellt hat, aber wie verhielt es sich mit Hahn? Wusste von Klein von Hahns literarischen Ambitionen? Ob sich Hahn und Schubart persönlich kennengelernt und ob sie sich in Ulm getroffen haben, ist unklar. Stattdessen liest man bis heute über Hahn: „Eine Zeit lang hat er sich vielleicht in Ulm aufgehalten, wo damals Schubart lebte, der Hahns ‚Aufruhr‘ bei WohlerWohler, Johann Conrad daselbst herausgab“49. Als sicher hingegen gilt, dass der Vorbericht zu Hahns Drama tatsächlich aus Schubarts Feder stammt. Dabei stützt man sich auf die Angabe von Albrecht WeyermannWeyermann, Albrecht in dessen Buch Neue historisch-biographisch-artistische Nachrichten von Gelehrten und KünstlernNeue historisch-biographisch-artistische Nachrichten, auch alten und neuen adelichen und bürgerlichen Familien aus der vormaligen Reichsstadt Ulm (Ulm 1829). Unter dem Eintrag Schubart, Nr. 2 „Vorreden zu“, findet sich in der Tat Hahns Aufruhr zu PisaDer Aufruhr zu Pisa. Allerdings ist dies letztlich kein Beweis für Schubarts Autorschaft. Ich konnte einen noch älteren Beleg finden, auf den sich möglicherweise auch Weyermann bezog, in Meusels Lexicon der […] verstorbenen Schriftsteller (1811, Bd. 11, S. 481), dort wird Schubart als Herausgeber von Hahns Stück genannt. Woher die Zuschreibung aber ursprünglich kommt, ist nicht geklärt. Schubart schreibt also ein begleitendes Vorwort zu Hahns Drama Der Aufruhr zu Pisa, er stellt damit Hahns Erstling in den Kontext der jungen, zeitgenössischen Literatur des Sturm und DrangSturm und Drang. Und Schubart schreibt auch die erste Rezension des Stücks, erschienen in der Teutschen ChronikTeutsche Chronik vom 11. März 1776.
Mit dem Drama Der Aufruhr zu PisaDer Aufruhr zu Pisa knüpft Ludwig Philipp HahnHahn, Ludwig Philipp 1776 an GerstenbergGerstenberg, Heinrich Wilhelm von an und bietet die dramatisierte Vorgeschichte zu dessen UgolinoUgolino (1768). Ob Hahn die Kritik HerdersHerder, Johann Gottfried an Gerstenbergs Stück gelesen hatte, ist nicht bekannt und eher unwahrscheinlich. Im Vorbericht des Herausgebers, der auf den 1. Dezember 1775 datiert ist, erklärt dieser (also SchubartSchubart, Christian Friedrich Daniel), in Gerstenbergs Ugolino wehe der „Odem des Originalgeists“ (S. 10)50. Nur wenige edle und empfindungsvolle Seelen „fühlten, bebten, schauderten“ (S. 10) mit ihm. Der Verfasser des Aufruhrs zu Pisa wolle die bis dahin fehlende Vorgeschichte zu Ugolinos Verurteilung und Schicksal liefern. Als Leser werde man „nicht selten den jungen rüstigen Mann bewundern, der mit diesem Produkt das erstemal vor der Welt erscheint“ (S. 10). Es ist Hahns Debüt, mit dem er sich gleich in den Kontext des Sturm und Drang stellt. Der Herausgeber (Schubart) zitiert aus einem Brief Hahns – ob dies eine Fiktion ist oder Hahn tatsächlich einen Begleitbrief an Schubart verfasst hat und er ihm demnach das Manuskript des Aufruhrs zu Pisa geschickt haben muss, lässt sich nicht mehr klären. Darin räumt er ein, dass der Charakter der Figur Ugolino seines Dramas sehr rauh sei, woran man sich stören könne. Doch „Männerherzen“ werde er „erschüttern, daß sie schwanken, beben werden“ (S. 10). Hahn appelliert an die Leser oder Zuschauer, Ugolino nicht ihr Mitleid zu verweigern. Er verlangt die vollkommene Identifikation mit seinem Protagonisten, obwohl er „das Uebertriebene in einigen Monologen“ (S. 11), was dem Deklamatorischen bei Gerstenberg entspricht, zugibt. Letztlich dient aber auch dies dem Ziel der absoluten Parteinahme für die Figur. Hahns bemerkenswerter Schlusssatz lautet: „Sinds doch immer Menschen und Brüder, deren Handlungen wir darstellen!“ (S. 11) Das kann durchaus als sein poetologisches Programm verstanden werden. Der Herausgeber fährt in seinem Text fort und hebt „Männlichkeit, Großheit in den Gesinnungen, fassender Dialog und Sprachstärke“ (S. 11) als Qualitätsmerkmale des Dramas und seines Autors hervor. Die durchaus deutschtümelnde Schlusspassage des Herausgebertextes kann als Zugeständnis an den patriotischen Sprachduktus Schubarts verstanden werden, womit weniger ein nationalstaatliches Konzept beschworen als vielmehr der Hinweis auf die Befreiung von Theater- und Schreibkonventionen der AufklärungAufklärung durch den Sturm und DrangSturm und Drang verknüpft werden soll. Das Nebenmotiv des über Aristokratenwillkür klagenden Juden in HahnsHahn, Ludwig Philipp Stück Graf Karl von AdelsbergGraf Karl von Adelsberg (1776), er sei ohne Gerichtsverfahren eingesperrt worden „und, wie ich wissen will, warum? weiß es kein Mensch, ich auch nicht“ (S. 122), nimmt nebenbei in erschreckender Deutlichkeit die Verhaftung und Inhaftierung Schubarts vorweg.




