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Interessant ist nun, dass Hahn ein Gedicht veröffentlicht hat, das später als die Nummer 45 in seine Sammlung Vermischte GedichteVermischte Gedichte (Hahn) (1786) eingeht, mit dem Titel Bei der Gruft Herzogs Christian, des ViertenBei der Gruft Herzogs Christian, des Vierten. Hahn setzt in Klammern noch den Untertitel hinzu „(Eine Parodie von Schubarts Fürstengruft.)“ Besonders die gattungstypologische Zuordnung als „Parodie“ ist aufschlussreich. Weshalb nennt Hahn dieses Gedicht Parodie? Wäre demnach seine Parodie eine Parodie auf SchubartsSchubart, Christian Friedrich Daniel Parodie, wenn man denn die FürstengruftDie Fürstengruft als Parodie lesen will? Als Terminus post quem gilt das Jahr des Erstdrucks von Schubarts Fürstengruft, also 1781. Herzog Christian IV. von Pfalz-ZweibrückenChristian IV., Herzog von Pfalz-Zweibrücken lebte von 1722 bis 1775. Dass Hahns Gedicht schon vor 1786 als Erstdruck erschienen war, konnte nicht nachgewiesen werden. Mutmaßlich ist es also für seine Sammlung der Lyrischen GedichteLyrische Gedichte (1786) entstanden. Richard Maria Werner rechnet 1877, ganz in der Emphase der wilhelminischen Germanistik, Hahns Gedicht zu dessen „besten Erzeugnissen“; Werners Qualitäts- und Wertekriterium ist allerdings die „freie Fürstenverehrung“.51
Das Problem der Zuschreibung als einer philologischenPhilologie Denkfigur lässt sich im Falle Schubarts durchaus an vielen, von ihm mit einem Vorwort beehrten, fremden Drucken diskutieren. Allerdings gibt es einen Parameter, der zu einer umfassenderen Diskussion taugen könnte, und den ich hier nur an zwei Beispielen andeutungsweise ausführen kann, nämlich Schubarts MusikaffinitätMusik, wobei SchubartSchubart, Christian Friedrich Daniel nicht nur auf dem Gebiet der Kirchenmusik zu Hause war und Lieder komponierte, sondern auch nach eigenem Zeugnis „Sinfonien, Sonaten, Arien und andere Kleinigkeiten in Menge“52 und die teilweise auch unter dem Namen Dritter verbreitet wurden. Erstes Beispiel: In der Teutschen ChronikTeutsche Chronik schreibt SchubartSchubart, Christian Friedrich Daniel 1776, einer seiner Freunde habe ihn gebeten, die Rezensionsrubrik ‚Tonkunst‘ zukünftig aus der Zeitschrift wegzulassen und andere wiederum würden ihn bitten, diese Rubrik auszubauen, und er fragt: „was ist zu thun, Leser? – Soll ich mir mein liebstes Steckenpferd nehmen lassen?“53 Der zeitgenössische, jüngere Dichter und Musiker Joseph Martin KrausKraus, Joseph Martin (1756–1792) verfügte wie Schubart auch über eine beeindruckende literarische und musikalische Kompetenz. Ihm wird eine anonym erschienene, musikästhetische Schrift zugeschrieben. Allerdings will ich Zweifel an dieser Zuschreibung formulieren und die philologischePhilologie Denkfigur der Zuschreibung hypothetisch reflektieren und stattdessen (wieder)Schmidt, ErichSchubart, Christian Friedrich DanielKlopstock, Friedrich GottliebGluck, Christoph WillibaldMiller, Johann MartinStolberg, Friedrich Leopold Graf zuMaler MüllerHahn, Ludwig Philipp54 Schubart als bislang nicht erkannten Verfasser ins Gespräch bringen. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Es gibt weder Beweise dafür, dass Kraus der Verfasser ist, noch, dass Kraus nicht der Verfasser ist, und es gibt weder Beweise dafür, dass Schubart der Verfasser sein könnte, noch, dass er nicht der Verfasser sein könnte. Allenfalls sind Indizien vorhanden oder noch schwächer: Plausibilitäten. Wir müssten nicht von Zuschreibung sprechen, wenn Beweise vorlägen. Die entscheidende Frage ist: Reichen die Indizien aus, um Schubarts mögliche Verfasserschaft plausibel zu machen? Folgt man der forschungsgeschichtlichen Zuschreibungshistorie zu ihren Ursprüngen, so ergibt sich ein wesentlich uneindeutigeres Bild. Kraus wurde auch als der Odenwälder MozartMozart, Wolfgang Amadeus bezeichnet. Denn er stammte aus dem Odenwald, ging 1768 nach Mannheim in die Jesuiten-Schule und lernte dort den musikalischen Stil der sogenannten Mannheimer Schule kennen. Seit dieser Zeit komponierte er und schrieb Gedichte. Im Januar 1773 begann er ein Jurastudium in Mainz, zum Jahreswechsel 1773/74 setzte er es an der damaligen zweiten mainzischen Universität in Erfurt fort. Eine familiäre Notsituation zwang ihn, im November 1775 sein Studium zu unterbrechen und in das Elternhaus zurückzukehren, um seinen Vater zu unterstützen, dem fälschlicherweise Untreue vorgeworfen wurde. In seinem Sturm-und-Drang-Drama TolonTolon (1776) verarbeitet KrausKraus, Joseph Martin diese Vorgänge.55 Im November 1776 setzte er sein Studium in Göttingen fort.56 Dort freundete er sich mit den Hainbündlern Friedrich LeopoldLeopold, Friedrich und Christian Grafen zu StolbergStolberg, Christian Graf zu, Johann Friedrich HahnHahn, Johann Friedrich und Matthias ClaudiusClaudius, Matthias an. Am 26. April 1778 reiste er von Göttingen aus nach Stockholm, wo er am 3. Juni 1778 eintraf. Bekanntlich trug sich auch SchubartSchubart, Christian Friedrich Daniel mit dem Gedanken, seine berufliche Zukunft in Stockholm zu suchen, so schließt er den ersten Teil seiner Autobiografie mit den Worten ab: „Wohin Kerl? dacht’ ich […]. Wohin Kerl? Stokholm, Petersburg, Wien schwebten mir immer heller vor der Seele, bis ich mich entschlos nach Stokholm zu reisen […]“57. Zu Anfang seiner Stockholmer Zeit schrieb Kraus Zeitungsartikel für Stockholms Posten, die Passagen aus der Schrift Etwas von und über Musik fürs Jahr 1777Etwas von und über Musik fürs Jahr 1777 aufgegriffen haben sollen.58 Nun wird in der Forschung angenommen, Kraus habe 1778 anonym eine musikästhetische Schrift veröffentlicht mit dem Titel Etwas von und über Musik fürs Jahr 1777, nachdem Heinrich Leopold WagnerWagner, Heinrich Leopold, SchubartSchubart, Christian Friedrich Daniel und Philipp Christoph KayserKayser, Philipp Christoph „von den Goetheforschern“59 als Verfasser abwechselnd vermutet worden waren. Diese Schrift wird von den Musikhistorikern auch gerne für das Phänomen eines musikalischen Sturm und DrangSturm und Drang in Anspruch genommen. Für die Musikhistoriker steht fest: „Daß […] Joseph Martin Kraus der Verfasser ist, geht nicht nur aus einer kurzen Notiz über das Werk in Johann Nikolaus ForkelsForkel, Johann Nikolaus Werk ‚Allgemeine Literatur der Musik‘, Leipzig 1792, S. 484, und aus dem handschriftlichen Vermerk Ernst Ludwig GerbersGerber, Ernst Ludwig in dem aus seinem Besitz stammenden Exemplar (Wien, Gesellschaft der Musikfreunde), sondern auch aus der Korrespondenz von Kraus und seiner Schwester Marianne hervor“60. Der Eintrag bei ForkelForkel, Johann Nikolaus hat folgenden Wortlaut: „Etwas von und über Musik. Fürs Jahr 1777Etwas von und über Musik fürs Jahr 1777. Frankfurt, 1778. 8. 118. Seiten. Scheint von einem zwar launigten aber ganz urtheillosen jungen Menschen geschrieben zu seyn. Man nennt den jetzigen Capellmeister zu Stockholm Krause als Verfasser, der sich um die Zeit der Herausgabe in Frankfurt aufhielt.“61 Die Vorrede ist auf April 1792 datiert. Skeptisch muss machen, dass Forkel einer jener zeitgenössischen Musiker und Musiktheoretiker ist, die in Etwas von und über MusikEtwas von und über Musik fürs Jahr 1777 heftig kritisiert werden. KrausKraus, Joseph Martin kannte Forkel von seinem Studium in Göttingen her, die Antipathie zwischen den beiden ist belegt, und das sollte bei Forkels Zuschreibung misstrauisch machen, dass er als Gescholtener die Schrift seinem ehemaligen Widersacher zuschreibt. Allerdings hat GerberGerber, Ernst Ludwig in seinem Historisch-Biographischen Lexicon der TonkünstlerHistorisch-Biographisches Lexicon der Tonkünstler von 1792 noch einen WagnerWagner, Heinrich Leopold als Verfasser angegeben – man sollte also seiner Kraus-Zuschreibung nur mit Skepsis folgen. Robert EitnerEitner, Robert (1832–1905) zementierte diese schließlich 1836 in seinem QuellenlexikonQuellenlexikon.Wagner, Heinrich LeopoldEtwas von und über Musik fürs Jahr 177762 In der Korrespondenz von Kraus, die gemeinhin als Beleg für die Richtigkeit der Zuschreibung angeführt wird, finden sich ungefähre Anhaltspunkte. So schreibt Kraus in einem Brief an seine Eltern vom April 1777, er wäre angesichts der Kritik an seinem Drama TolonTolon sicherlich mehr bekümmert, „wenn ich nicht an einer Revision der heutigen Musik arbeitete. Gott weis, wenn das Dieng fertig wird. Was die Leutgens, Leute gros und klein – jung und alt dazu sagen werden, das will ich dann sehn.“63 In einem weiteren Brief an die Eltern vom 11. Juni 1777 heißt es dann schon: „Heute schreibe ich an Keßlern wegen einem Manuskript. Meinetwegs übernehm ers oder nicht – Ists lezte, so geht’s auf Leipzig. Es ist über Musik. Ha! man muß die Gözen einmal beim Kopfe nehmen, sie beim Rumpfe schütteln und hohnlachen!“64 Im Brief vom 5. Januar 1779 an seine Eltern – KrausKraus, Joseph Martin war da bereits nach Stockholm ausgewandert – bekennt er sich indirekt als Verfasser: „Wollen Sie sich und meinem Bruder eine kleine Freude machen, so kaufen Sie in Frankfurt das Etwas von und über MusikEtwas von und über Musik fürs Jahr 1777. Es ist das Werkchen, das Keßler [= der Verleger von Kraus’ Drama TolonTolon] nicht annehmen wollte. Aber, sagen Sie’s bei leibe niemand, daß es von mir ist, warum? lesen Sie’s nur.“Kraus, Joseph Martin65 Wenige Tage später, am 18. Januar 1779, schreibt er den Eltern, und die Kraus-Forschung bezieht diese Äußerung auf Etwas von und über Musik: „[…] bis endlich mein Zeug nach Darmstadt gerith, wo es ein vornehmer Mann über sich nahm, und das Kind unter die Presse jagte. Mit der Manier bliebs so grob, als es zuvor war, und es gereut mich nicht – und es soll noch gröber kommen“Merck, Johann Heinrich66. Zuletzt könnte eine briefliche Bemerkung von Kraus’ Schwester Marianne Lämmerhirt aus dem Jahr 1801 angeführt werden, die nach dem Erhalt von „drei Werkchen vom Bruder“ fragt, die ihre Eltern dem ersten Kraus-Biografen Silverstolpe geschickt hatten, darunter als Nummer drei „Etwas über Musik“.67 Das sind keine Beweise, gleichwohl Indizien. Und gewiss ist die Zuschreibungsthese mit den Indizien kompatibel, aber eben auch nicht nachweisbar, und keine Rede kann davon sein, Kraus’ Verfasserschaft sei „gründlich bezeugt“68 oder „vielfach bezeugt“69.
Drei Textstellen sind in der Schrift irritierend. Erstens spricht der Autor von „O mein Müller“70, eine ähnliche Redeweise verwendet auch Schubart in seiner Autobiografie.Maler Müller71 Ist das somit ein Indiz dafür, dass Etwas von und über MusikEtwas von und über Musik fürs Jahr 1777 nicht von KrausKraus, Joseph Martin stammen kann? Dagegen spricht, dass Kraus selbst in Mannheim studiert hat, dort Maler MüllerMaler Müller hätte kennenlernen können:
„O komm – komm du, dessen Sprache Seele und Kraft ist – der mit einem Blicke zu einem Bilde ganze Welten durchläuft – mir den Odem benimmt, wenn er allmälig tief aus dem Innersten die verborgensten – nie gesehne Bilder herauf – mir vor meine Seele zaubert – mich auf dem Sturme mit sich fortschleudert, wenn er raßt und mich hinwirft, daß Wälder und Klipp’ und Sterne um mich rumtaumeln – dann mir auf die Brust kniet und’s Innerste hinauf bis an die Augen treibt – der aus mir machen kann, was er will – Gott, Held, Teufel und Furie – O mein Müller – nimm meine Seele und schüttel sie, daß sie wieder munter wird. Ihr – die ihr noch Kraft in euch fühlt, einen grossen göttlichen Funken ausser euch zu denken – die ihr Trieb fühlt, euch ihm zu nähern und euch dran zu erwärmen – leßt eine Seite aus seinem Tod Abels – eine einzige aus Faust – Könnt ihr dann noch eine Zeile, eine einzige aus Alzesten verdauen – so laßt euch ins Gesicht spucken und aus der Welt hinausprügeln: Die beste und lezte Kur für euch! Daß so ein Mann – daß Müller verkannt werden kann – Ha! Konduite muß der Musiker nicht haben – keine soll er haben, denn der Pursch muß von der Leber wegsprechen – Thut ers nicht, so nehmt ihm die Feder und treibt sie ihm durch beide Ohren, daß ihm Hören und Sehen vergeht!“72
Maler Müller wiederum war schon 1765 zur Zeichenausbildung in Zweibrücken. Von ihm erschien erstmals 1774 ein Gedicht im Göttinger MusenalmanachGöttinger Musenalmanach, und der junge Autor zog damit sogleich die Aufmerksamkeit der Sturm-und-DrangSturm und Drang-Autoren, auch Schubarts, auf sich. Ab 1775 hielt sich MüllerMaler Müller in Mannheim auf, KrausKraus, Joseph Martin hingegen war nicht mehr vor Ort. Zweitens heißt es in der Schrift, nachdem der Verfasser KlopstockKlopstock, Friedrich Gottlieb als den einzig wahren, lyrischen Dichter gelobt und einen solchen für die Oper gefordert hat: „Wollte er es – wollte es F.L.G. v. StollbergStolberg, Friedrich Leopold Graf zu – wollte es der Mahler Müller – wollte es mein H… – Dann – dann erst würden wir […] wahre und gute Opern bekommen“73. Ähnlich heißt es an anderer Stelle über die Liederdichter: „Das ist gewiß: Klopstock – F.L. Stollberg – Maler Müller – H… und des Gelichters schicken sich dazu nicht“74. Die Initiale H wird von der Kraus-Forschung für Kraus’ Göttinger Studienfreund Johann Friedrich HahnHahn, Johann Friedrich (1753–1779) in Anspruch genommen. Wenn aber SchubartSchubart, Christian Friedrich Daniel der Verfasser wäre, bezöge sich das H auf Ludwig Philipp HahnHahn, Ludwig Philipp.
Auf die Singbarkeit von Schubarts Gedichten, und nicht zu reden von seinen Eigenkompositionen, wurde bereits von den Zeitgenossen hingewiesen; nicht ganz zu Unrecht wurde der Germanistik vorgeworfen, sie habe diesen Aspekt bis heute „vollkommen ausgeblendet“Die Fürstengruft75. Und Schubart galt nicht nur in seiner eigenen Wahrnehmung als begnadeter Organist und Flügelspieler, sondern er hatte sich diesen Ruf schon in den ersten Jahren des Jahrzehnts 1770 in Fachkreisen erworben. Davon zeugt das Buch Musikalisches TagebuchMusikalisches Tagebuch (1773) von Carl BurneyBurney, Carl, der Folgendes berichtet:
„Ludewigsburg.
Der Grund, worauf diese Stadt gebauet, ist unregelmässig und wild, dennoch findet man manche schöne Gassen, Spaziergänge und Häuser darin. Die umliegende Gegend ist nicht eben angenehm, aber fruchtbar, an Wein besonders, denn sie liefert eine grosse Menge von dem sogenannten Nekkerweine.
Eigentlich ist Stutgard die Hauptstadt des Herzogthums Würtenberg, allein seit länger als zehn Jahren hat der Herzog nicht mehr daselbst residirt; und die Opern und andre musikalischen Stiftungen dieses Prinzen, welche die sieben Jahre, daß JomelliJommelli, Niccolò die Direktion darüber hatte, die besten und prächtigsten zu seyn pflegten, sind nur noch bloß der Schatten, von dem was sie gewesen sind.
Unter andern Einschränkungen, die der Herzog vorgenommen, hat es auch seine Oper und Kapelle mit betroffen, indem eine grosse Anzahl der alten Kapellisten auf halben Sold gesetzt sind: allein wie die meisten musikalischen Virtuosen zu hohe Seelen haben, um mit der ganzen Besoldung auszukommen, sie sey so groß sie wolle, so haben diejenigen unter den besten am hiesigen Hofe, welche Talente für Geld hatten, die Herabsetzung ihres Gehalts als eine Verabschiedung angesehen, und sobald sich nur eine Gelegenheit zeigt, anderwärts unterzukommen, suchen sie Erlaubniß, andre Dienste zu nehmen.
Als ich von Schwetzingen abreisete, verließ ich den geraden Weg nach Wien ein wenig, um Ludewigsburg zu besuchen, woselbst ich, wie man mir sagte, nicht nur den Herzog von Würtenberg finden, sondern auch Opern, Concerte und grosse Virtuosen zu hören bekommen würde. Allein nachdem ich mich vierzehn bis funfzehn Stunden auf dem Postwagen hatte zusammen rütteln lassen, und fast lebendig geröstet zu Ludewigsburg ankam, fand ich leider, die erhaltne Nachricht so wenig wahr, daß sich der Herzog dreyzehn Meilen entfernt zu Graveneck aufhielt, und kaum ein guter Musikus in der Stadt geblieben war. Indessen erhielt ich ein genaues Verzeichniß von der gegenwärtigen Verfassung der Würtenbergischen Musik, für den Hof, das Theater und die Kirche. […] Die vornehmsten Organisten sind Friedrich Seemann und Schubart. Vier Hoboen, Alrich, Hitsch, Blesner und Commeret. Flöten, Steinhart, der sehr schön bläset, und Augustinelli. Drey Waldhörner; zwey Bassons, Schwarz, ein vortreflicher, und Bart.
[…]
Der Herzog von Würtenberg, der sonst so grosse Kosten auf die Musik für seinen Hof und Opern verwendet, hat, so viel ich gehört, bey seinen Regimentern keine andre Instrumente, als Trompetten, Trommeln und Pfeifen.
Dieser Prinz, welcher selbst ein guter Clavicimbelspieler ist, hatte einst zu gleicher Zeit in seinem Dienste drey der grössesten Violinisten in Europa, Ferari, Nardini und Lolli. Die beyden Hoboisten Le Plats, einen berühmten Bassonisten, Schwarz, der noch hier ist, den Waldhornisten Walther, und JomelliJommelli, Niccolò zum Komponisten, und die besten ernsthaften und komischen Sänger von Italien. Gegenwärtig ist die Liste seiner Virtuosen freylich nicht so glänzend; dennoch glaub’ ich, ist die Einschränkung mehr scheinbar als wesentlich. Denn zur Solitude, einem lieblichen Sommerpallaste, hat er mit erstaunlichen Kosten eine Schule für die Künste, oder ein Conservator[i]um errichtet, zur Erziehung von zweyhundert armer und verlassener Kinder, welche Fähigkeiten zeigen. Einer grossen Anzahl von diesen wird Musik gelehrt, und es sind schon verschiedne sehr vortrefliche Sänger und Spieler fürs Theater daraus hergenommen werden. Einige lernen die gelehrten Sprachen und treiben die Poesie, andre lernen agiren und tanzen. Unter den Sängern in dieser Schule befinden sich schon funfzehn Kastraten, denn der Hof hat zwey Bologneser Wundärzte im Dienste, welche diese Operation sehr gut verstehen sollen. Zu Ludewigsburg ist gleichfals ein Conservatorium für ein Hundert Mädchen, die auf eben die Art und zu eben den Zwecken erzogen werden. Das Gebäude, das zu Solitude zur Kunstschule für die Knaben errichtet worden, hat eine Fronte von sechs bis sieben hundert Fuß. Eine von den Lieblingsbeschäftigungen des Herzogs ist, diese Schule zu besuchen, und die Kinder essen und lernen zu sehen.
Ich kann hier nicht unterlassen, dem Herrn SchubartSchubart, Christian Friedrich Daniel, Organist an der lutherischen Kirche, meinen Dank zu bezeigen. Er war der erste wahre grosse Flügelspieler, den ich bisher in Deutschland angetroffen hatte, wie auch der Erste, welcher dafür zu halten schien, daß der Zweck meiner Reise, gewissermaassen eine Nationalangelegenheit wäre. Ich reisete nicht, wie ein Musikus gemeiniglich zu reisen pflegt, um Geld zu verdienen, sondern es zu verzehren, musikalische Talente und Verdienste aufzusuchen, wo ich solche nur finden konnte, um solche meinen Landsleuten bekannt zu machen. Herrn Schubart schien dieses einzuleuchten, und er gab sich alle mögliche Mühe, sowohl meine Ohren als meinen Wunsch zu vergnügen. Er ist von der Bachischen Schule; aber ein Enthusiast und ein Original von Genie. Viele von seinen Sachen sind in Holland gestochen, und sind voller Feuer und Geschmack. Auf dem Clavier spielte er mit grosser Feinheit und vielen Ausdruck. Seine Hand ist brillant, und seine Phantasie sehr reich. Er hat einen vollkommnen Doppeltriller in der Gewalt, wohin nur wenige Clavierspieler gelangen.
Er war einige Zeit Organist zu Ulm, und hatte da ein schönes Orgelwerk unter Händen; hier aber hat er nur eine sehr erbärmliche. Da, wo er itzt hin verpflanzt ist, kennt man ihn wenig: die gemeinen Leute halten ihn für närrisch, und die übrigen bekümmern sich nicht um ihn.
Wir theilten uns auf eine seltsame Art unsre Gedanken mit. Ich war noch nicht so weit in der Sprache gekommen, und auch zu ungeduldig, seine Ideen zu wissen, um im Deutschen mit ihm Schritt zu halten, und er sprach weder Französisch noch Italiänisch, konnte aber ziemlich Latein sprechen, weil er in der Jugend für die Kirche bestimmt war; und ich erstaunte darüber, wie schnell und leicht er alles im Latein ausdrücken konnte, was er wollte; bey ihm war es wirklich eine lebende Sprache. Ich gab ihm den Plan von meiner Geschichte der MusikMusik auf Deutsch, und er, um mich zu überzeugen, daß er recht gut meine Mein[u]ng verstünde, übersetzte ihn, da[s] ist, er las ihn mir auf der Stelle lateinisch vor. Meine Aussprache des Lateins, wenn ich auch gewohnt gewesen wäre, es zu sprechen: würde ihm nicht verständlich gewesen seyn. Allein da er Italiänisch verstund, ohne es gleichwohl sprechen zu können, so führten wir unsre Unt[e]rredung in zwo verschiedenen Sprachen, Lateinisch und Italiänisch. Die Fragen, die in einer Sprache gethan wurden, erhielten die Antwort in der andern. Auf diese Art waren wir den ganzen Tag über sehr gesprächig, während dessen er nicht allein vieles auf der Orgel, dem C[l]avecimbel, Pianoforte und Clavier spielte; sondern mir auch das Theater und alle Merkwürdigkeiten zu Ludewigsburg zeigte, und mir den Charakter aller Musiker am Hofe und in der Stadt aufschrieb. Und gegen Abend war er so gefällig, drey oder vier Bauren in seinem Hause zu versammlen, um solche Nationalmusik singen und spielen zu lassen, nach welcher ich ein grosses Verlangen bezeigt hatte.“76
Im Register zum Buch wird SchubartSchubart, Christian Friedrich Daniel als „Organist zu Würtenberg“77 geführt. Schubart wird seit Januar 1777 gefangen gehalten, er hätte also einen Druck nicht begleiten können, in den Briefen finden sich keine Anhaltspunkte, dass er sich damit beschäftigte, zumindest sind keine entsprechenden Briefe überliefert. Andererseits kann man einwenden, dass Etwas von und über MusikEtwas von und über Musik fürs Jahr 1777 schon vor Januar 1777 im Manuskript abgeschlossen und der Kontakt zum Verlag der Eichenbergschen Erben in Frankfurt am Main hergestellt worden war.
Und schließlich drittens: An einer anderen Textstelle spricht der Verfasser davon, „ich bin Papa“: „Laßts euch deswegen nicht verdriessen lieben Leute, wenn ihr, kaum daß ihr Dreßlers Theaterschule wieder in seinen locum aufm Bücherbrett verwiesen habt, gleich wieder ein raisonnirendes Werkchen (ich bin Papa – folglich kann ich dem Ding einen Namen geben wie ich will) in die Hände kriegt […]“78. Im metaphorischen Sinn kann das natürlich bedeuten, dass der anonyme Verfasser sich auf seine Text-Urheberschaft beruft. Versteht man die Textstelle hingegen buchstäblichbuchstäblich, hätte sich KrausKraus, Joseph Martin dadurch öffentlich zu einem unehelichen Kind bekannt – das ist sehr unwahrscheinlich. SchubartSchubart, Christian Friedrich Daniel hingegen war seit dem 10. Januar 1764 mit Helena SchubartSchubart, Helena (1744–1819) verheiratet, hatte eheliche Kinder (den Sohn Ludwig AlbrechtSchubart, Ludwig Albrecht (1765–1811) und die Tochter JulianaSchubart, Juliana (1767–1801) und, will man der Andeutung seines Sohnes folgen, auch zwei uneheliche Kinder, sein Vater „hatte zweimal die ganze Kraft seiner Constitution vonnöthen, um sich das galante Andenken vom Halse zu schaffen, womit sie [= „die großen und zum Theil schönen Damen“] ihn beehrten“79. Selbst das Verb „quaxen“80 im Sinne von ‚quaken‘, ‚unreflektiert daherreden‘, das am Ende des Textes offensichtlich als dialektaler Ausdruck Verwendung findet, kann keinen eindeutigen Beleg für die eine oder andere Zuschreibung bieten. Denn quaxen ist sowohl im süddeutschen Sprachraum nachgewiesen als auch im Nassauischen.81
Was mich schließlich außer den sprachlichen, fachwissenschaftlichen und biografischen Auffälligkeiten sehr zu einer Zuschreibungsthese verleiten könnte, ist eine Bemerkung in der einzig nachweisbaren, äußerst kritischen Rezension dieser Musikschrift. In der Litteratur- und Theater-ZeitungLitteratur- und Theater-Zeitung vom 5. Juni 1779 ist zu lesen: „Wir könnten den Verfasser nennen, und ihn öffentlicher Verachtung Preis geben; weil er aber selbst für gut befunden, das Incognito zu behalten, läßt uns dies hoffen, er werde, so wie er näher an vierzig kömmt, gesetzter und vernünftiger werden, und die Sünden seiner Jugend bereuen; wozu der Himmel seinen Segen verleihen wolle.“82 Warum ruft der Rezensent das 40. Lebensjahr auf? KrausKraus, Joseph Martin ist Jahrgang 1756, im Jahr 1778 ist er also 22 Jahre jung, SchubartSchubart, Christian Friedrich Daniel hingegen wird am 24. März 1779 40 Jahre alt, steht also beim Erscheinen der Schrift in seinem 40. Lebensjahr. Um es noch einmal zu betonen: All das ist kein Beweis. Das Beispiel soll lediglich die schwierige Kategorie der Zuschreibung gerade auch im Falle Schubarts in Erinnerung rufen. Und dieser Aufgabe hat sich jede Schubart-Ausgabe zu stellen.
Das zweite Beispiel, an dem die Denkfigur der Zuschreibung diskutiert werden kann, betrifft das Thema Politik und Revolution. Schubart wird eine Schrift zugeschrieben, die folgenden Titel hat: Das Wetterleuchten über Europa am Ende des Jahrhunderts gesehen im Jahr 1788Das Wetterleuchten über Europa. (Aus den Papieren eines verstorbenen Geistersehers.) Mit beyläufigen Anmerkungen und Zusätzen. Maltha und Cairo 1799. Daneben existiert noch eine text- und seitenidentische Ausgabe mit dem zusätzlichen Vorsatz- oder Titelblatt Die Todtenglocke der Europaeischen PolitikDie Todtenglocke der Europaeischen Politik. (Oder das Wetterleuchten über Europa.) 1788–1799.83 Dem Buch ist folgendes Motto vorangestellt: „Diese Schrift athmet Großsinn und Großgefühl. Kein Mann von Herz und Kopf wird sie ohne Nutzen lesen. Es ist ein elektrischer Funke, der aussprüet, um Licht um sich zu werfen; zu erhellen als Kometschein wo Nacht und eingewurzelte Vorurtheile thronen!“84 Im Einzelnen sind das größtenteils Nachdrucke von Schubarts journalistischen Arbeiten, mit kürzeren, verbindenden Kommentaren (von seinem Sohn LudwigSchubart, Ludwig Albrecht?), Goedeke nennt es „Zusammenstellung von politischen Artikeln aus der Vaterländ. Chronik 1788“85. Eine exakte Analyse steht noch aus. Die Entdeckung des Revolutionärs Schubart in der Rezeption beginnt also im Jahr 1799, vielleicht mit der Vermarktung seiner zur Revolutionspublizistik nobilitierten journalistischen Arbeiten der 1770er-Jahre. Darin finden sich Äußerungen wie „welch ein unerhörter Despotißmus auf uns ruhete, als die Revolution in Frankreich ausbrach“86. Die Handelsbeschränkungen und kleinstaatlichen Zollpraktiken – er spricht sogar von „Mauth-Terrorismus“ – seien „ein mächtiger Vorläufer zur Revolution“ gewesen.87 „Der Deutsche hat kein Vaterland mehr!“88 Über Europas Sittenzustand liest man: „Die Axt hat deine älteste Eichen gefällt; – Europa! und der Arm der Kultur hat deine Wälder gelichtet. Alles ist so neu, so verändert, so schwächlich, so gekünstelt! Von Eisrinden haben die Aufklärer einen Aufklärungstempel errichtet, darinn der Priester wie der Anbeter – fröstelt! Kurz, da sie sich für Weise hielten, sind sie alle zu Narren worden.“89 SchubartSchubart, Christian Friedrich Daniel urteilt eindeutig: „Seit vierhundert Jahren wächst der Despotismus in Europa, vornemlich in Deutschland!“90 Der Freiheitsbegriff Schubarts umfasst die religiöse Freiheit, die künstlerische Freiheit und die politische Freiheit. Sein Sohn schreibt, er „blieb der Sache der Freyheit […] unerschütterlich treu“91; „ein Hauptzug in seinem Bilde, war glühendes Freiheitsgefühl“92, so wird er charakterisiert. Den württembergischen HerzogKarl Eugen, Herzog von Württemberg nennt LudwigSchubart, Ludwig Albrecht übrigens ‚einen kleinen Despoten‘, der seinen Vater an größeren Entfaltungs- und Wirkungsmöglichkeiten gehindert habe, andernfalls hätte Schubart „nicht blos rhapsodisch gearbeitet“ und nicht auf umfangreichere „Meisterwerke“ verzichtet.93 Und der Vater schreibt in der Vorrede zum ersten Band seiner Autobiografie (1791), er sei ein Mensch, „der mit diesem brennenden Freiheitsgefühle gebohren ist“94. In der Autobiografie Schubart’s Leben und GesinnungenSchubart’s Leben und Gesinnungen (1791) spricht er selbst „von der grossen Revoluzion“ und meint damit den „Sturz des Jesuitenordens“ in Bayern.95 Man solle sich die republikanischen Beispiele der Schweiz und Hamburgs genau betrachten, um im Kontrast zu den deutschen Höfen „zu sehen, wie Sklaverei den Menschen verschnizelt, bis er so klein wird, daß er kriechen kann!!“96 ‚Frei‘ ist für ihn „das heilige Wort“97. Selbst ein „Märchen“ dichtete er mit dem Titel Die Freiheit.98 Und zu erinnern ist an sein Gedicht Deutsche FreiheitDeutsche Freiheit99 – zahllose weitere Belege ließen sich anführen.




