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Hermann HesseHesse, Hermann meinte über SchubartSchubart, Christian Friedrich Daniel, keiner zeige so unverfälscht die „großartige Psychologie des genialen Amokläufers gegen Philistertum und Alltag“100. Und in anderem Zusammenhang schrieb er 1929: „Schubart ist noch immer ein Musterbeispiel für das deutsche ‚Genie‘ und sein Schicksal“101. „Es wäre aber sehr zu wünschen“, so fährt er in seinem Nachwort zur Ausgabe fort, dass nicht nur die Dokumente zu Schubarts Biografie interessierten, sondern auch „Neugierde und Teilnahme heutiger Leser“ die Werke des Dichters Schubart einschließen. Nun sind seitdem einige wichtige Ausgaben erschienen, ich erinnere nur an die Auswahlausgaben des Aufbau- und Reclam-Verlags Ost von Schubarts Werken in einem Band (beginnend in den 1950er-Jahren, bis zur einbändigen Ausgabe im Aufbau Verlag von 1988, hgg. v. Ursula Wertheim u. Hans Böhm), an die Reclam-Ausgabe-West (1978, hgg. v. Karthaus), an den Reprint der Jahrgänge 1774/1777 der Deutschen ChronikDeutsche Chronik (1975) sowie an die wichtige dreibändige Edition der Briefe durch Breitenbruch (2006). „Das beste Denkmal für Schubart wäre eine genaue, kritisch gesichtete und berichtigte Ausgabe seiner Werke und namentlich seiner Gedichte gewesen; aber gerade da fehlt es“102. Das hat Wilhelm HauffsHauff, Wilhelm Bruder GustavHauff, Gustav im Vorwort seiner Gedichteausgabe geschrieben, und das war im Jahr 1884. Heute, 135 Jahre später, ist dieser Zustand unverändert beklagenswert, es gibt sie nicht, die kritische Schubart-Ausgabe. Noch nicht. Denn mit dieser philologischen Miniatur will ich unterstreichen, dass es an der Zeit ist, das Projekt einer historisch-kritischen Schubart-Ausgabe anzugehen und auf den Weg zu bringen. Insofern schließe ich mit einem Plädoyer für eine historisch-kritische Schubart-Ausgabe, die zum Ziel hat, dass wir nicht den vielen Einzel- und Sammelausgaben eine neue hinzufügen, sondern dass die dichterischen, die publizistischen und die fachwissenschaftlichen Texte SchubartsSchubart, Christian Friedrich Daniel endlich auf eine verlässliche Textgrundlage gestellt werden.
MODERNE
Franz Blei als Editor
Die nachfolgenden Bemerkungen widmen sich einem Aspekt des Œuvres von Franz BleiBlei, Franz (1871–1942), der bislang noch nicht die Aufmerksamkeit der literaturwissenschaftlichen Forschung erfahren hat. Insofern kann es sich hier auch nur um vorläufige Betrachtungen handeln, die allenfalls das Interesse darauf zu lenken und günstigstenfalls Forschungsaktivitäten zu initiieren vermögen. Denn in der LiteraturwissenschaftLiteraturwissenschaft und LiteraturgeschichteLiteraturgeschichte sind die editorischen und literaturgeschichtlichen Leistungen Franz Bleis nahezu vollständig vergessen. Deshalb geht es im Folgenden auch nicht um die Darstellung von geschlossenen Forschungsergebnissen, sondern im Gegenteil, eher um die Skizze einer noch zu bewerkstelligenden Forschungsaufgabe. Diese Aufgabe ließe sich folgendermaßen beschreiben: Die Bedeutung der von Blei besorgten Ausgabe der Gesammelten SchriftenGesammelte Schriften (Lenz) von Jakob Michael Reinhold LenzLenz, Jakob Michael Reinhold (1751–1792) für die Lenz-Rezeption zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu untersuchen und in den Kontext einer Wissenschaftsgeschichte des Sturm und DrangSturm und Drang einzubinden. Damit würden – grob skizziert – die wichtigsten historischen Stationen sichtbarD die Sturm-und-Drang-Rezeption in der SpätromantikRomantik (ausgehend von der TieckTieck, Ludwig-Ausgabe), im VormärzVormärz, im NaturalismusNaturalismus, um die Jahrhundertwende, im ExpressionismusExpressionismus und in der Nachkriegsliteratur ost- und westdeutscher Provenienz. Damit könnte deutlich gemacht werden, dass die bleische Lenz-Edition eine bestimmte historische Phase der Sturm-und-Drang-Rezeption im literarischen und wissenschaftlichen Bereich kennzeichnet. Ein weiteres, grundsätzliches Desiderat der Forschung muss auch von der autorbezogenen Perspektive aus festgestellt werden, da von Blei her gesehen und aus dem Blickwinkel einer Blei-Forschung betrachtet, die Frage nach der Bedeutung der Lenz-Ausgabe im Zusammenhang der übergeordneten Frage nach der generellen Bedeutung der Literatur des 18. Jahrhunderts für Blei gestellt und diskutiert werden müsste.
Zunächst soll der Autor selbst zu Wort kommen mit einem Zitat, das trefflich seine Sicht auf die Literatur des 18. Jahrhunderts charakterisiert; es stammt aus dem Buch Das Kuriositätenkabinett der LiteraturDas Kuriositätenkabinett der Literatur (1924): „Unsere Zeit verbraucht das Erbe des achtzehnten Jahrhunderts und tut es mit wenig Talent, aber mit einem schlechten Gewissen“1. Und weiter heißt es dort: „Der Anfang dieser Zeit kann uns kümmern, weil wir auf das Ende dieser Zeit aufmerksam werden“2. BleisBlei, Franz Interesse an der Literatur des 18. Jahrhunderts und an den vergessenen Autoren dieser Zeit ist also weit mehr als nur literarhistorisch motiviert oder bedingt gewesen. Der Rückgriff auf die Geschichte dient der programmatischen Bestimmung des eigenen geschichtlichen Standorts.
Der Lenz-Ausgabe, als dem herausragendsten Produkt von Bleis Beschäftigung mit der deutschsprachigen Literatur des 18. Jahrhunderts, gehen zwei bemerkenswerte Bücher zu aufgeklärten Literaten voraus. In dem Bändchen Fünf Silhouetten in einem RahmenFünf Silhouetten in einem Rahmen aus der von Georg BrandesBrandes, Georg herausgegebenen Reihe Die Literatur hat Blei fünf Autoren des 18. Jahrhunderts porträtiert. Im Einzelnen sind das Johann Jacob BodmerBodmer, Johann Jakob (1698–1783), Christoph Martin WielandWieland, Christoph Martin (1733–1813), Wilhelm HeinseHeinse, Wilhelm (1746–1803), Helferich Peter SturzSturz, Helferich Peter (1736–1779) und Karl Philipp MoritzMoritz, Karl Philipp (1756–1793).3 Dieses kleine Buch mit fünf Kurzessays zu den genannten Autoren wurde in einer Phase der äußerst intensiven Beschäftigung Bleis mit der Literatur des 18. Jahrhunderts publiziert. In demselben Jahr (1904) besorgte Blei auch eine Auswahl der Schriften von Helferich Peter Sturz im Insel-Verlag Leipzig.4 Diese Ausgabe ist bei Detlev Steffen5 nicht bibliografiert, Gregor Eisenhauer hingegen nennt sie6. Blei selbst hat sie in seinem maschinenschriftlichen Lebenslauf, der im Deutschen Literaturarchiv/Schiller-Nationalmuseum Marbach am Neckar aufbewahrt wird, ebenso wie die Gesammelten Schriften von LenzLenz, Jakob Michael Reinhold unter der Rubrik „Herausgegeben“ angeführt.
Bleis Kurzessays, die Sturz-Ausgabe und die Lenz-Ausgabe zählen zur Phase der intensiven Beschäftigung Bleis mit der bekannten wie der unbekannteren deutschsprachigen Literatur des 18. Jahrhunderts. Soweit ersichtlich, das heißt unter dem Vorbehalt einer vollständigen Bibliografie vor allem der journalistischen und literaturkritischen Arbeiten, hat sich Blei nur zwei Mal noch zu Jakob Michael Reinhold LenzLenz, Jakob Michael Reinhold geäußert. 1911 und 1912 publizierte er zwei Porträtminiaturen zu Lenz, einmal in der SchaubühneDie Schaubühne7, das andere Mal in der AktionDie Aktion8. Bei diesem Text handelt es sich um einen Vorabdruck aus dem dritten Band der Vermischten SchriftenVermischte Schriften (Blei) mit dem Titel Das Rokoko, Variationen über ein ThemaDas Rokoko, Variationen über ein Thema, die 1911/12 bei Georg Müller in München in sechs Bänden erschienen. Einen unveränderten Nachdruck publiziert BleiBlei, Franz in dem von ihm herausgegebenen Buch Der Geist des RokokoDer Geist des Rokoko (München: Georg Müller 1923) unter der verstümmelnden Überschrift Michael Reinhold Lenz. Daran schließt sich der Abdruck von Lenz’ Erzählung Zerbin oder die neuere PhilosophieZerbin oder die neuere Philosophiean.9 Alle vier Texte sind aber inhaltlich identisch mit dem Vorwort zur Lenz-Ausgabe und nur für den entsprechenden Publikationsort feuilletonistisch aufbereitet, sodass sie hier vernachlässigt werden können. Bemerkenswert ist allerdings, dass diese beiden Texte zu den wenigen journalistischen, also außerhalb eines wissenschaftlichen Verwertungszusammenhangs stehenden Arbeiten über Lenz in den Jahren von der Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg gehören. Und bemerkenswert ist auch die Abweichung des Vorworts zur Lenz-Ausgabe vom Wortlaut der Lenz-Essays.10
Die Lenz-Ausgabe von Franz Blei steht wie ein erratischer Block im Werk dieses Literaten. Es gibt keine vergleichbare editorische Leistung mehr und kein vergleichbares Interesse mehr an der Literatur der AufklärungskritikAufklärung in Bleis übrigem Werk. Gregor Eisenhauer betont zwar, dass Blei das 18. Jahrhundert wiederentdeckte, doch attestiert er ihm auch, dass er meist „ohne große philologische Sorgfalt, aber mit dem Enthusiasmus des Entdeckers – und Pädagogen“11 Schriften ediert habe. Dieses Urteil zielt in erster Linie auf die Edition der Schriften von LenzLenz, Jakob Michael Reinhold; die erzieherische Absicht Bleis hätte vor allem darin bestanden, der zeitgenössischen Literatur ihre historische Herkunft vor Augen zu halten. Dieses Urteil bedarf in zwei Punkten der Ergänzung. Einmal geht es BleiBlei, Franz in seinem antiquarischen Furor auch darum, die Geschichte einer deutschen Nationalliteratur kenntlich zu machen. Dies muss, bei aller Sympathie für Blei, kritisch festgehalten werden. Ich verweise in diesem Zusammenhang nur auf die kurze Vorbemerkung zu den Fünf SilhouettenFünf Silhouetten in einem Rahmen. Blei schreibt dort:
„Ich habe […] auf Beziehungen zu weisen gesucht, die über das oft nur episodisch Bedeutsame einzelner hinausgehend in die neuere Zeit weisen und in dieser noch lebend wirken. […] Alles dieses sind Elemente des deutschen Schrifttum, die eine noch nicht verbrauchte Tradition zum Anfang brachten und bestimmten“12.
Und im HeinseHeinse, Wilhelm-Porträt desselben Buches heißt es noch deutlicher:
„Die Traditionen eigenen Stammesgefühls sind dem stämmereichen Deutschen unbekannt; so ist er allem Fremden ohne Widerstand zugänglich, ja verliert sich völlig in ihm, wenn er von der eigenen Scholle gelöst wird“13.
Der zweite Punkt, an dem man jenes Urteil sinnvoll ergänzen kann, betrifft die bemängelte philologische Sorgfalt der Edition oder Editionen. Hier gilt es, für Bleis philologische Unschuld zu plädieren. Bei genauerem Hinsehen erweist sich seine Lenz-Ausgabe nämlich als ein Titanenwerk, das uns noch heute Respekt abverlangt. Und dabei hatte ebenfalls im Jahr 1909 eine editorische Parallelaktion begonnen. Ernst LewyLewy, Ernst startete seine Ausgabe Jakob Michael Reinhold Lenz: Gesammelte Schriften (4 Bände, Berlin: Paul Cassirer 1909), doch genügt diese in keiner Weise editionsphilologischen Mindestansprüchen. Zudem war seine Edition von vornherein als Liebhaber-Ausgabe konzipiert. Demgegenüber könnte man Bleis Ausgabe als den Versuch bezeichnen, den Autor Jakob Michael Reinhold Lenz aus dem Bann des wissenschaftlichen Fachzirkels herauszulösen und einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Immerhin war die erste, wenngleich wissenschaftlich völlig indiskutable, rezeptionsgeschichtlich gleichwohl bedeutende Edition Gesammelte Schriften von Jakob Michael R. Lenz (3 Bände, Berlin), von Ludwig TieckTieck, Ludwig herausgegeben, bereits 1828 erschienen. Und 1909 erschien schließlich auch die deutsche Übersetzung der russischen Lenz-Monografie von RosanowRosanow, Matvej N. (Leipzig 1909, 11901), ein bis heute wegen seiner Materialfülle unverzichtbares Buch.14
Die Bandaufteilung von Bleis Lenz-Ausgabe sieht folgendermaßen aus: Band 1: Die Gedichte, Der Hofmeister, Anmerkungen übers Theater, Amor vincit omnia (München, Leipzig: Georg Müller 1909). Band 2: Die Lustspiele nach dem Plautus, Der neue Menoza (München, Leipzig: Georg Müller 1910. (Belegt ist auch eine Ausgabe von demselben Druckstock Berlin: Propyläen-Verlag 1920). Band 3: Dramen, dramatische Fragmente, Coriolan (München, Leipzig: Georg Müller 1910). Band 4: Schriften in Prosa, worunter die moralisch-theologischen Vorträge von Lenz und seine ästhetisch-philologischen Schriften zu rechnen sind (München, Leipzig: Georg Müller 1910). Band 5: Schriften in Prosa, im Unterschied zu Band 4 sind hier die fiktionalen Texte von Lenz enthalten, wie Zerbin oder die neuere Philosophie, Der Waldbruder, Der Landprediger und andere. Außerdem enthält der Band acht Briefe von und an Lenz sowie ein Regestenverzeichnis („alle Briefe von ihm, an ihn, über ihn“, Bd. 5, S. 395) mit Dokumenten (München, Leipzig: Georg Müller 1913). Das Versprechen einer in Aussicht gestellten Lenz-Bibliografie in Band 5 konnte Blei nicht einlösen.
Auf den ersten Blick unterliegt die Korpusorganisation der Ausgabe einem gattungsdistinkten Gliederungsprinzip, doch messen schon die jeweiligen Bandtitel den einzelnen Lenz-Texten höchst unterschiedliche Bedeutung zu. Auch BleiBlei, Franz hielt es für gerechtfertigt, zahlreiche kleinere Arbeiten von LenzLenz, Jakob Michael Reinhold, die bis dahin noch nicht veröffentlicht worden waren und aus der Spätzeit des Sturm-und-Drang-DichtersSturm und Drang stammen, nicht zu drucken (vgl. Bd. 4, S. 398f.). Blei nennt diese Arbeiten „Paperasse“ (Bd. 4, S. 398) und begreift sie als Elaborate von Lenz’ spätem Wahnsinn.
Blicken wir auf die immer noch maßgebliche heutige, gebräuchliche Lenz-Ausgabe von Sigrid Damm15, so muss festgestellt werden, dass Damm auf insgesamt 26 Einzeltexte – vorwiegend aus dem Spätwerk – verzichtet, welche die LenzLenz, Jakob Michael Reinhold-Ausgabe von BleiBlei, Franz bereits gebracht hatte. Es ist also nach wie vor unerlässlich, neben der Ausgabe von Sigrid Damm die Blei-Ausgabe zur Hand zu nehmen. Natürlich wollte Franz Blei keine historisch-kritische oder wenigstens textkritische Ausgabe der lenzschen Werke veranstalten. Insofern verwundert es auch nicht, dass er in den Lautstand eingriff, Orthografie und Interpunktion modernisierte und ihm dort, wo er erstmals Handschriften von Lenz veröffentlichte, auch kapitale Lesefehler unterliefen. Doch man sollte sich hüten, vorschnell den Stab über Blei zu brechen. Natürlich sind die Transkriptionsfehler von ‚Monstruum‘ für ‚Menstruum‘, von ‚herrlicherm Triebe‘ für ‚herrlicherm Leibe‘ usf. keine Bagatellen und natürlich ist es ärgerlich, wenn aus ‚Freiheit‘ ‚Feigheit‘ und aus ‚philosophisch‘ ‚philologisch‘ wird.16 Um ein besonders kritisches Beispiel anzuführen: Blei kompiliert die beiden handschriftlichen Fassungen der Literatursatire von Lenz mit dem Titel Pandämonium GermanikumPandämonium Germanikum, unterliegt dabei aber einem gravierenden Irrtum. Im Kommentar zur Druckvorlage schreibt er: „Die Stellen, welche nur die ältere Fassung des Pandämonium enthält sind in unserem Druck in eckige Klammern gesetzt“ (Bd. 3, S. 457). Tatsächlich druckt Blei aber in eckigen Klammern in seiner Pandämonium-Ausgabe Varianten nach der jüngeren Handschrift H2. Darüber hinaus ist die Wiedergabe der älteren Handschrift H1 gezeichnet von Lesefehlern und zweifelhaften orthografischen Modernisierungsversuchen. Ich möchte die Verdienste von Blei keinesfalls schmälern, doch hatte seine Edition des Pandämonium Germanikum zur Folge, dass einige Editoren nach ihm seine kodikologische Altersangabe einfach übernommen haben. Erst Titel und Haug (1966/67) und in deren Folge Damm (1987) druckten die tatsächlich ältere Handschrift, allerdings unterlaufen auch ihnen einige eklatante Transkriptionsfehler. Unverständlich bleibt nach wie vor, weshalb die meisten Editoren das Titelwort Germanikum stets mit ‚c‘ anstatt mit ‚k‘ schrieben, hätte doch eine Autopsie der Handschriften, die von zahlreichen Editoren in ihren Kommentaren zum Druck wortreich beschworen wurde, leicht aufweisen können, dass es hierüber keinerlei Unklarheit gibt. Germanikum wird von Lenz in H1 und H2 jeweils mit ‚k‘ geschrieben. Hier bildet Bleis Textwiedergabe beispielsweise die rühmliche Ausnahme. Ob es sich bei den angeführten Lesefehlern allerdings um typische Fehllesungen Bleis handelt, die auf seine „große Schludrigkeit“17 im Umgang mit den Texten zurückzuführen sind, ist doch eher zweifelhaft. Denn jeder, der sich mit Lenz-Handschriften beschäftigt hat, weiß, wie schwierig einzelne Texte und Textstellen gelegentlich zu lesen sind, wie oft der Schriftträger verderbt ist. Und Bleis Anspruch ist es nicht, eine kritische Edition zu liefern. Vielmehr besteht, wie er in seiner dreieinhalb Seiten umfassenden Einleitung schreibt, sein leitendes Interesse an einer Neuausgabe der Werke von Lenz in folgenden zwei Fragen:
„Gab er [Lenz] dem Form, was ihn bewegte und bewegt er mich? Ist des Dichters Leidenschaft gewordenes Denken so, daß es auch mein Denken zur Leidenschaft entzündet? Für mich gebe ich Antwort auf diese Frage mit der neuen Herausgabe von des Dichters Schriften“ (Bd. 1, S. VIII).
Abgesehen davon, dass diese Worte von für das Editionsgeschäft seltener erfrischender Sinnlichkeit sind, kann man Bleis Einleitung zu seiner Lenz-Ausgabe auch als einen Versuch der literarhistorischen Rehabilitierung dieses Autors verstehen. BleiBlei, Franz gibt zu bedenken, dass LenzLenz, Jakob Michael Reinhold im Schatten GoethesGoethe, Johann Wolfgang stand und unter der Fixierung der bürgerlichen Literaturgeschichtsschreibung auf die Höhenkammliteratur zu leiden hatte. Über Goethe schreibt er: „Was im Schatten dieses mächtigen Baumes wuchs, mußte von stärkerer Konstitution sein, als sie Lenz besaß“ (Bd. 1, S. VII). Die Literatur des Sturm und DrangSturm und Drang versteht Blei als Emanzipationsprodukt der aufsteigenden bürgerlichen „Klasse“ (Bd. 1, S. VI):
„Von diesem Lenz will ein Stück nichts als die Nachteile der Privaterziehung, ein anderes die Notwendigkeit bestimmter Soldatenehen beweisen, ein drittes den Irrungen gesellschaftlichen Lebens die Natur gegenüberstellen, und so fort – die Kunst scheint ganz in den Dienst des praktischen Lebens gestellt, dessen Erneuerung vor allem wichtig ist“ (Bd. 1, S. VII).
Man kann resümieren, dass Bleis Lenz-Ausgabe „eine neue Phase der Lenz-Rezeption“18 eröffnet hat. Sie muss für alle Lenz-Interessierten und Lenz-Forscher zur Lektüre und zur Textarbeit immer noch herangezogen werden. Dies wird so lange der Fall sein, bis endlich die Forderung nach einer historisch-kritischen Lenz-Ausgabe eingelöst werden kann. In seinem Lenz-Essay von 1911 gelingt BleiBlei, Franz eine treffende poetische Charakterisierung des Dichters: „Er hatte keine Schale für sein Feuer, mußte es in den Händen tragen und verbrannte sie“19. Und im Bestiarium einige Jahre später schreibt er über die aufgeklärte Gesellschaft, die dem künstlerischen Individuum misstraue, es domestiziere, „weil sie die ausbrechende Bestie seiner unberechenbaren Phantasie fürchtet“20. Blei betont, dass dieser „Konservativismus“21 nicht Ausdruck des Künstlers selbst sei und führt folgende Beispiele an:
„Man denke an Christian GüntherGünther, Christian, der sich in keinerlei schlesische Dichterschule finden konnte und um seines Gedichtes willen lieber verreckte, statt als Stadtschreiber überflüssige Reimereien zu verfertigen. Man erinnere sich an Lenz – aber mit der Figur dieses sich auflehnenden Hofmeisters sind wir schon in einer wesentlich anders gerichteten Zeit: Eine neue Ethik des Künstlers hebt an, profitierend vom religiösen Zusammenbruch der Zeit und der wirtschaftlichen Neugestaltung der Gesellschaft: es beginnt die Literatur“22.
Blei begreift diese Zeit als Krisenzeit, deren Autor Lenz die Zerfallssymptome klar erkennt und beschreibt. „Die kapitalistische Welt kann eine Literatur, aber sie kann keine Dichtung haben“23, wie es im achten Exkurs des BestiariumsBestiarium geheißen hatte. Mit seiner LenzLenz, Jakob Michael Reinhold-Ausgabe hat Franz Blei dem Dichter jedenfalls ein Denkmal gesetzt und dafür gesorgt, dass die bürgerliche Literaturgeschichtsschreibung24 seiner Zeit nicht länger einen der bedeutendsten Autoren des Sturm und DrangSturm und Drang ignorieren konnte. Der Prozess der Rehabilitierung von Jakob Michael Reinhold Lenz hatte begonnen.
Robert Musil: Ein Essayfragment
Bei dem Textfragment Gut und glückselig?Gut und glückselig? von Robert MusilMusil, Robert (1880–1942) handelt es sich vordergründig um den Entwurf zu einer Rezension des Buches Das GuteDas Gute (1926) von Paul HäberlinHäberlin, Paul (1878–1960); der Text befindet sich im Nachlass Robert Musils, eine Publikation erfolgte erst 1987. Auch war unbekannt, dass Musil mit der Philosophie Häberlins vertraut war. Das Textfragment umfasst insgesamt sechs handbeschriebene Blätter, mit etlichen Marginalien und Korrekturen versehen. Der genaue Fundort ist als Nachlassmappe I/6, 119–125, dokumentiert. Auf der ersten Seite des Fragments befinden sich im ersten Drittel des Blattes einige Bemerkungen zum Humanismus. Vermutlich ist dieser kleine Textabschnitt Kommentar zu einer Lektüre Musils aus den zwanziger Jahren. Denn mit der gleichen Handschrift, durch einen Horizontalstrich über das ganze Blatt vom ersten Text abgesetzt, beginnt der Rezensionsentwurf. Da Häberlins Buch Das Gute 1926 erschienen ist und Musil seinen Text mit den Worten beginnt: „Es ist mir vor einem Jahr ein Buch gegeben worden“, kann folglich dieser Entwurf zu einer Rezension frühestens 1927 geschrieben worden sein. Der Text bricht nach Besprechung des Kapitels II. 4 mit dem Titel Fortschrittsethik am Ende des zweiten Teils von Häberlins Buch ab. Die Vermutung liegt nahe, dass Musil die weitere Lektüre oder zumindest seinen eigenen Text nicht mehr fortsetzte aufgrund anderer Arbeiten. In diese Zeit fällt die Textgestaltung des ersten Bandes seines Epochenromans Der Mann ohne EigenschaftenDer Mann ohne Eigenschaften.
Für die Arbeitsweise Musils ist bezeichnend, dass er von einem gegebenen Text aus – in diesem Falle Häberlins Buch – zunächst einmal seine eigenen Gedanken zum Thema entwickelt und dann erst zum Referenztext zurückkehrt. So beziehen sich ausschließlich auf Häberlins Buch lediglich die letzten drei Seiten des Essayfragments. Ob dieses Fragment vielleicht als Besprechung für eine Tages- oder Wochenzeitung oder Zeitschrift gedacht war, konnte nicht ermittelt werden. Hingegen scheint die Annahme überzeugender zu sein, dass es sich bei dem vorliegenden Textfragment um ein Essayfragment handelt, wobei Musil den konkreten Anlass einer Buchbesprechung als Ausgang für einen eigenen, größeren Essay nahm. Ähnlich ging Musil etwa auch 1921 vor in seinem Essay Geist und Erfahrung. Anmerkungen für Leser, welche dem Untergang des Abendlandes entronnen sindGeist und Erfahrung, der im März 1921 in Der Neue MerkurDer Neue Merkur erschienen ist. Für das Phänomen des fließenden Übergangs zwischen Rezension und Essay ist eine Äußerung Musils charakteristisch. Am 10. Dezember 1924 schreibt er an Ephraim FrischFrisch, Ephraim (1873–1942) unter Bezug auf seine Besprechung des Buches Der sichtbare MenschDer sichtbare Mensch von Béla BalázsBalázs, Béla (1884–1949): „ Ich hatte eine Rezension von Balázs’ wirklich außerordentlich interessanter […] Filmdramaturgie ‚Der sichtbare Mensch‘ versprochen, aber unter der Arbeit ist mir ein Essay daraus geworden, der nur noch dem Vorwand nach eine Besprechung ist und in Wirklichkeit eine Abhandlung wichtiger Kunstfragen“1. Mit dem Begriff des Textfragments soll lediglich angezeigt werden, dass es offen bleiben muss, ob es sich nun um ein Essayfragment oder um eine nicht fertiggestellte und liegen gebliebene Rezension handelt.
„Die Philosophie Häberlins ist vermutlich die einzige dieses Jahrhunderts, die das kühne Wagnis einer Seinslehre auf rein apriorischer Basis unter vollkommenem Verzicht auf Verwendung empirischer Daten und empirischer Generalisationen unternimmt“2. Was angesichts dieser Feststellung befremden mag, ist die Tatsache, dass gerade ein Denker wie Robert MusilMusil, Robert sich mit HäberlinsHäberlin, Paul Philosophie auseinandersetzt. Dies erhellt sich, wenn man die Denkhaltung Häberlins wie diejenige von Musil unter dem vom Text vorgegebenen Aspekt der Dialektik von Ethik und ÄsthetikÄsthetik betrachtet, ohne dabei dem Missverständnis, man müsse Abhängigkeiten nachweisen und Einflüsse feststellen, Platz einzuräumen. Die Verflechtung von Ethik und Ästhetik äußert sich bei Häberlin wie auch bei Musil als Untrennbarkeit. Was dennoch geschieden wird, wird künstlich geschieden, wird als Einheit gebrochen und klafft als Bruch, anstelle von Ästhetik als Nur-Literatur, anstelle von Ethik als Nur-Moral. Denn die „Qualitas“ (Häberlin) oder die „Eigenart“ (Musil) der Dichtung bestimmen beide Denker als das Ineinanderfallen von Ästhetik und Ethik. Spricht Häberlin von der leitenden Idee der KulturKultur als einer „Idee des richtigen Lebens“3, so entspricht dies Musils Vorstellung, „daß nur eine Frage das Denken wirklich lohne, und das sei die des rechten Lebens“4. Und wird die Richtigkeit als Eindeutigkeit von Häberlin verstanden, gipfelnd in der Formulierung: „richtiges Leben ist eindeutiges Leben“5, so bricht sich darin Musils Forderung nach jener „Utopie der Exaktheit“6, die die Moral als doppelbödig entlarvt und den Menschen wieder auf das tieferliegende Fundament des ethischen Verhaltens setzt. Indem diese Utopie der Moral die Forderung der Exaktheit stellt, gewinnt sie in ihrem Verlust Ethik zurück. Diese Landgewinnung im ortlosen Raum, also in der Utopie, fasst HäberlinHäberlin, Paul begrifflich als ethisches und ästhetisches Prinzip.



