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In rhetorikgeschichtlicher Hinsicht ist für die Interjektion dies bedeutsam: „Erst von den lateinischen Grammatikern und Rhetorikern wird der Begriff I[nterjektion] als Bezeichnung einer lexikalischen Restkategorie eingeführt“25. Einen geschichtlichen Überblick über die Bedeutung der Interjektion als einem rhetorischen Stilmittel bietet das Historische Wörterbuch der Rhetorik.26 „‚Interiectio est pars orationis affectum animi significans‘. Die Interjektion ist ein Redeteil, der den Zustand der Seele, die Gemütsstimmung, das Gefühl – eben den Affekt bezeichnet“27. Interjektionen sind demnach das „Residuum der Emotionalität der Sprache“28.
Demgegenüber macht die Linguistik die sprachliche Seite von Interjektionen geltend. Sie werden, wie andere Wortarten auch, erlernt und sind Ausdruck eines illokutiven Akts. Allerdings wird demgegenüber kritisch festgehalten, die Interjektion friste „in den Grammatiken des 20. Jhs. weiterhin nur ein Schattendasein, in dessen Halbdunkel sich kaum mehr als der Erkenntnisstand der Vor-Aufklärung präsentiert“29. Die Einsicht in den „dialogischen Charakter“30 der Interjektion sei über zwei Jahrtausende verstellt geblieben. Beim ‚o‘ unterscheidet man eine Kurzform und eine Langform, die Ausdruck von positiver Betroffenheit und diese wiederum Ausdruck von Bewunderung ist.31 Die Verwandtschaft mit dem grammatischen Vokativ ist allerdings noch zu erkennen.
„Das o in der Anrede findet sich heute kaum noch. Sein Gebrauch ist auf feste Formeln beschränkt, die als stereotypisierte Wendungen insgesamt unter besonderer Bindung an feste Vorkommenskonstellationen eingesetzt werden, wie ‚Oh mein Gott!‘ u.ä. Es sind z.T. der religiösen Sprache entnommene, ihr aber vollständig entfremdete Ausdrucksverbindungen. Der vokativische Charakter der ganzen Formel ist mit der Lösung aus ihrem Ursprungszusammenhang verloren gegangen. Entsprechend kann der Gebrauch des oh als Teileinheit des Komplexausdrucks schwerlich als Beleg für vokativisches oh angesehen werden.
Ansonsten gilt das vokativische oh als eine Form, die antiquiert ist. […]
Dieses Schwinden des vokativischen oh erweist sich – beim Blick auf seine Geschichte – als Umkehrung der Einführung dieses Ausdrucks ins Deutsche in gotischer und mittelhochdeutscher Zeit.“32
Im Gotischen taucht dieses vokativische ‚oh‘ als Pendant zum griechischen Omega drei Mal in der gotischen Bibelübersetzung, der sogenannten Wulfilabibel aus dem vierten Jahrhundert, deren Vorlage der griechische Text war, auf. Im Althochdeutschen kommt es gar nicht vor. Erst ab 1125 ist es wieder im Mittelhochdeutschen belegt. Ab dem 14. Jahrhundert wird es vermehrt auch in weltlichen Texten gebraucht. Diese interiectio admiratio liegt wohl, wenn man dies etwas verallgemeinert, in den meisten Fällen eines ‚o‘-Gebrauchs vor.33
WerfelsWerfel, Franz Lyrik ist vor allem vor dem Hintergrund bekannt, dass er ein wichtiger Beiträger für Kurt PinthusPinthus, Kurt’ expressionistischeExpressionismus Lyrikanthologie MenschheitsdämmerungMenschheitsdämmerung (1920) gewesen ist. Immerhin ist der Autor darin mit insgesamt 27 einzelnen Gedichten vertreten, vier davon stammen aus dem WeltfreundDer Weltfreund. Im Einzelnen sind dies Der dicke Mann im Spiegel (vgl. E, S. 21), Der schöne strahlende Mensch (vgl. E, S. 87), Ich habe eine gute Tat getan (vgl. E, S. 105) und An den Leser (vgl. E, S. 110). Die Auswahl traf der Herausgeber Pinthus. In den biografisch-bibliografischen Angaben zum Autor Werfel, die ebenfalls der Herausgeber Pinthus zusammengestellt hat, schreibt er, er habe im Lektorat des Kurt Wolff-Verlags 1912 in Leipzig zusammen mit Werfel und Walter HasencleverHasenclever, Walter „ein Sammelzentrum“ gebildet, „wo viele junge Autoren der expressionistischen Generation und ihr nahestehende ältere Dichter freundschaftliche Aufnahme und Förderung fanden“34. In seiner Einleitung verleiht Pinthus seiner Freude darüber Ausdruck, dass Werfel und DäublerDäubler, Theodor, Lasker-SchülerLasker-Schüler, Else, HeymHeym, Georg, TraklTrakl, Georg, StadlerStadler, Ernst, BennBenn, Gottfried und GollGoll, Ivan „sozusagen zu expressionistischen Klassikern aufgerückt sind, die man verehrt und studiert“35.
Die Bedeutung Werfels für den Prager Kreis ist bei weitem noch nicht genügend erhellt. Franz KafkaKafka, Franz beispielsweise ist von Werfels ersten Gedichten mehr als beeindruckt. Er notiert am 23. Dezember 1911 anerkennend in sein Tagebuch: „Durch Werfels Gedichte hatte ich den ganzen gestrigen Vormittag den Kopf wie von Dampf erfüllt. Einen Augenblick fürchtete ich, die Begeisterung werde mich ohne Aufenthalt bis in den Unsinn mit fortreißen“36. Kafka spürte, welch epochale Wirkung dieses neue lyrische Sprechen hatte. Ähnlich schreibt er auch in einem Brief an Felice BauerBauer, Felice vom 12. Dezember 1912: „Weißt du, Felice, Werfel ist tatsächlich ein Wunder; als ich sein Buch Der WeltfreundDer Weltfreund zum ersten Mal las (ich hatte ihn schon früher Gedichte vortragen hören), dachte ich, die Begeisterung für ihn werde mich bis zum Unsinn fortreißen. Der Mensch kann Ungeheueres“.37 Und wenige Wochen später, am 1./2. Februar 1913, liest man:
„Werfel hat mir neue Gedichte vorgelesen, die wieder zweifellos aus einer ungeheueren Natur herkommen. Wie ein solches Gedicht, den ihm eingeborenen Schluß in seinem Anfang tragend, sich erhebt, mit einer ununterbrochenen, inneren, strömenden Entwicklung – wie reißt man da, auf dem Kanapee zusammengekrümmt, die Augen auf!“38
Später, im Dezember 1922, wird KafkaKafka, Franz an WerfelWerfel, Franz schreiben, dieser sei ein „Führer der Generation“39.
Auch Rainer Maria RilkeRilke, Rainer Maria hält in einer Fußnote zu Beginn seines Aufsatzes Über den jungen DichterÜber den jungen Dichter, der mutmaßlich im Sommer 1913 geschrieben, aber erst 1931 veröffentlicht wurde, fest: „Für den Verfasser war die vielfach beglückende Beschäftigung mit den Gedichten Franz Werfels gewissermaßen die Voraussetzung zu diesem Aufsatz. Es sei daher auf Werfels beide Bände Gedichte (Der Weltfreund und Wir sind) an dieser Stelle hingewiesen“40. Es ist sicherlich zutreffend, von „Rilkes admiration“41 zu sprechen.
Hohe literarische Ehren wurden Franz WerfelWerfel, Franz in Robert MusilsMusil, Robert Epochenroman Der Mann ohne EigenschaftenDer Mann ohne Eigenschaften (1930/1932)42 zuteil. Darin wird eine Dichterlesung geschildert, die ein gewisser Friedel Feuermaul alias Franz Werfel abhält.43 MusilMusil, Robert scheint Werfels frühe Gedichtbände gekannt und ihnen einigermaßen wohlwollend gegenübergestanden zu haben. Genau zu belegen ist das allerdings nicht.44 Nach dem Ersten Weltkrieg ging Musil aber zunehmend auf Distanz zu Werfel und die anfängliche Wertschätzung wich einer kritischen bis ironischen Betrachtung. Das gipfelt in Musils bemerkenswerter Formulierung im Tagebuch vom Februar 1930 (Tagebuchheft 31), in der sich eine Mischung aus Neid, Angst, Idiosynkrasie und Überheblichkeit und zugleich eine tiefe Frustration ausdrückt: „Meine Schwierigkeit: Was habe gerade ich in einer Welt zu bestellen, in der ein Werfel Ausleger findet!“45 Allerdings ist dieser Ausruf in erster Linie eine impulsive Reaktion – also eine Art langgezogene Affektinterjektion ‚oh!‘ – auf das Huldigungsbuch Franz Werfel. Versuch einer ZeitspiegelungFranz Werfel. Versuch einer Zeitspiegelung (Wien 1926) von Peter Stephan JungkJungk, Peter Stephan. Und Musils Notiz ist vergleichsweise harmlos, verglichen mit Thomas MannsMann, Thomas entsetzlicher Bemerkung in seinem Tagebucheintrag vom 1. September 1933 anlässlich von Theodor LessingsLessing, Theodor (1872–1933) Ermordung durch die Nazis: „Mir graust vor einem solchen Ende, nicht weil es das Ende, sondern weil es so elend ist und einem Lessing anstehen mag, aber nicht mir“46. Eine erste persönliche Begegnung zwischen Werfel und Musil fand vermutlich im Frühjahr 1918 im Kriegspressequartier in Wien statt, für das beide als Soldaten arbeiteten. Dort traf er auch mit Franz BleiBlei, Franz und Paris GüterslohGütersloh, Paris zusammen. Diese beiden und Werfel hielt Musil für „die einzigen Köpfe im KPQ. Sie werden nun als der Abhub hingestellt“47, wie er im Tagebuch beklagt.
Musil rezensierte die Wiener Premieren der beiden Werfel-Stücke BocksgesangBocksgesang (1921)48, dessen Uraufführung im Wiener Raimundtheater am 15. März 1922 erfolgte, und Spiegelmensch. Magische TrilogieSpiegelmensch (1920)49, die Erstaufführung fand im Wiener Burgtheater am 26. April 1922 statt. Am 15. März 1922 (und nicht am 26. April 1922!)50 distanziert sich Musil im literarischen Feld der Zeit von WerfelWerfel, Franz. Er veröffentlicht seine Theaterkritik des SpiegelmenschenSpiegelmensch und nutzt den Begriff des SymbolsSymbol, um das Undichterische an Werfels Stück BocksgesangBocksgesang zu kritisieren: „Der SinnSinn, der im Gestalteten nicht steckt, muss im Mitgestalteten stecken. Um es kurz zu sagen, das Spiel muß ein Symbol sein. Denn Symbol ist etwas, durch das der unausgesprochene Sinn elementar mitgestaltet wird; wogegen Allegorie bloß eine Anspielung auf bekannte Gestalten wäre […]“51. Werfels Stück erschöpfe sich im Opernlibrettohaften und erreiche die Tiefe des Symbolischen nicht. Es ist offensichtlich, dass MusilMusil, Robert hier normativ verfährt, möglicherweise hielt er seine Darlegung für das Beispiel eines deskriptiven Diskurses. Das macht auch folgendes Zitat aus derselben Theaterkritik deutlich: „Denn Sich-hineinversetzen ist die eine Hälfte der Dichtung, die andere Hälfte ist das Gegenteil: In sich hineinversetzen, Wille, Sinngebung. […] Es beginnt die Deutung“52. Und weiter schreibt er: „Werfel führt seit Jahren einen energischen Kampf um vertiefte Bedeutung; er führt ihn meiner Ansicht nach zu klug, zu wenig gegen sich selbst […]“53. Von dem Literaturwissenschaftler Wolfdietrich Rasch ist ein Gespräch aus dem Jahr 1932 mit Musil überliefert, worin er Folgendes über WerfelWerfel, Franz gesagt haben soll: „Von Werfel sprach er des öfteren, bestätigte auch, daß er mit dem Dichter Feuermaul in seinem Roman gemeint sei. Werfel hatte für Musil die Bedeutung eines Gegenbildes. Er gab gelegentlich zu, daß er ihm persönlich vielleicht nie gerecht werden mochte, aber er sei eben für ihn ‚nicht glaubwürdig‘, Beispiel eines talentvollen und doch unechten Dichtertums […]“54.
Den einzelnen Filiationen zwischen Musil und Werfel nachzugehen, ist hier nicht der Ort.55 Allerdings ist die literarische Figur des Friedel Feuermaul in Musils Roman Der Mann ohne EigenschaftenDer Mann ohne Eigenschaften eine unmittelbare Reaktion des Schriftstellerkollegen auf den Lyriker, der mit seinen WeltfreundDer Weltfreund-Gedichten den Boden für expressionistischesExpressionismus Pathos bereitet hat. Musil kann es nicht lassen, darauf in der genannten Mischung aus Neid, Missgunst, Arroganz und heller Analyse zu reagieren und den Dichter Feuermaul als Alter Ego von Franz Werfel in seinem Roman zu positionieren. Die entsprechenden Feuermaul-Kapitel erscheinen 1932. Darin lässt er Ulrich sagen, Feuermaul sei „begabt, jung, unfertig“56, sein Erfolg würde ihn verderben. Auf der anderen Seite ist Friedel Feuermaul alias Franz WerfelWerfel, Franz im Mann ohne EigenschaftenDer Mann ohne Eigenschaften gerade jene Person, durch die ‚die krönende Idee‘ der Parallelaktion in Diotimas Salon gefunden wird. Der Dichter Feuermaul wird durch eine Frau Drangsal protegiert. Als General Stumm von Bordwehr Ulrich fragt, ob er diesen Dichter kenne, bestätigt er, Feuermaul sei Lyriker. Er habe gute Verse geschrieben und Theaterstücke. Der General weiß mit diesen Informationen wenig anzufangen und kommentiert sie mit den Worten: Feuermaul „ist der, der sagt: der Mensch ist gut. […] Frau Professor Drangsal protegiert halt die These, daß der Mensch gut ist, und man sagt, das sei eine europäische These, und Feuermaul soll eine große Zukunft haben“57. Diotima wird diese europäische These wenig später als „Mode“58 bezeichnen. Feuermaul habe manchmal „schöne Einfälle, aber er kann nicht zehn Minuten warten, ohne einen Unsinn zu sagen“59. In zehn Jahren sei Feuermaul aber eine internationale Größe. Dieses 36. Kapitel des Romans beleuchtet die Figur Feuermaul aus unterschiedlichen Perspektiven, aber stets unvorteilhaft. So sauge er etwa mit der Gier eines Kalbes, das mit der Schnauze an den mütterlichen Euter stoße, an seiner Zigarre. ‚Der Mensch sei gut‘ sei eine „ewige Wahrheit“60, sagt Feuermaul selbst; von Tuzzi wird er als ein „Erzpazifist“61 verdächtigt; Hans Sepp nennt ihn einen „Streber“62, auf den die Menschen hereingefallen seien. Und im 37. Kapitel wird ihm ironisch zwar konzediert, er sei kein Schmeichler, habe aber „nur zeitgemäße Einfälle am rechten Platz“63 und letztlich rede er den Menschen doch nach dem Mund. Man hat zu Recht die Figur des Friedel Feuermaul nicht als eine literarische Randfigur gelesen, sondern ins Zentrum einer Textanalyse gerückt und sie als SymbolSymbol des Missverhältnisses von Politik und Literatur im Roman gewertet.64 Feuermaul-Werfel sei Symbol jener Bewegung, „die alle Krisen der Gesellschaft im Medium der ‚Kultur‘ zu überwinden sucht“65, er sei die „symbolische Gestaltung der Gesellschaftskrise im Kulturellen“66.
Eine knappe statarische Lektüre der WeltfreundDer Weltfreund-Gedichte ergibt folgendes Bild der Fakten. Ab 1909 veröffentlicht WerfelWerfel, Franz Gedichte. Es folgt ein einjähriger Militärdienst. Ab Oktober 1912 ist er als Lektor im Kurt Wolff-Verlag Leipzig tätig. Werfels erster Gedichtband Der Weltfreund, dessen Handschrift im Schiller Nationalmuseum Marbach a.N. liegt, erscheint im Dezember 1911 im Verlag von Axel Juncker in Berlin-Charlottenburg. Dieser Verlag bot jungen Lyrikern und Lyrikerinnen wie Else Lasker-SchülerLasker-Schüler, Else mit StyxStyx (1901) eine Plattform zum Debüt. Unter anderem sind auch Rainer Maria RilkeRilke, Rainer Maria mit dem Band Das Buch der BilderDas Buch der Bilder (1902), Johannes SchlafSchlaf, Johannes mit Das SommerliedDas Sommerlied (1905), René SchickeleSchickele, René mit Der Ritt ins LebenDer Ritt ins Leben (1906), Max BrodBrod, Max mit Der Weg des VerliebtenDer Weg des Verliebten (1907) und Tagebuch in VersenTagebuch in Versen (1910) und Max MellMell, Max mit Das bekränzte JahrDas bekränzte Jahr (1911) vertreten.
Insgesamt enthält Werfels Weltfreund 116 Seiten. Eine zweite Auflage wurde 1912 gedruckt. 1920 war es bereits die vierte Auflage mit bis dahin neun bis 13 Tausend Stück. Das lyrische Debüt war ein „außerordentliche[r] Erfolg“67. Es muss offen bleiben, ob Werfels Titel Der WeltfreundDer Weltfreund eine Replik auf den WeltfeindWeltfeind von Karl KrausKraus, Karl darstellt.68 Einzelne Gedichte sind bereits in den Jahren ab 1908 entstanden und wurden kurz zuvor in literarischen Zeitschriften vorabgedruckt, u.a. in der FackelDie Fackel von Karl Kraus im April, Juli und Dezember 1911.69 Den Einfluss insgesamt von Walt WhitmanWhitman, Walt (1819–1892) sinnvoll nachzuweisen, bleibt problematisch.70 Eher in den Sinn kommt hier dessen Gedicht O Captain! My Captain!O Captain! My Captain!71 Und ob der WeltfreundDer Weltfreund tatsächlich als ein Zyklus verstanden werden kann, darf bezweifelt werden.72 Werfel betreut im Verlag die expressionistischeExpressionismus Zeitschrift Der jüngste TagDer jüngste Tag mit.73 Der Gedichtband Der WeltfreundDer Weltfreund erscheint im Dezember 1911, „gleichsam über Nacht war der junge Sohn eines Handschuhfabrikanten aus Prag zu einem der meistgenannten Lyriker deutscher Sprache geworden“74. Die weiteren Gedichtbände heißen Wir sindWir sind (Leipzig 1913), EinanderEinander (Leipzig 1915), Der GerichtstagDer Gerichtstag (München 1919), BeschwörungenBeschwörungen (München 1923), GedichteGedichte (Franz Werfel) (Berlin, Wien, Leipzig 1927) und Schlaf und ErwachenSchlaf und Erwachen (Berlin, Wien, Leipzig 1935).
Für WerfelsWerfel, Franz Lyrik wird oftmals ein messianischer Grundton in Anspruch genommen. Das gilt sicherlich nicht für den Weltfreund, worin sich kaum Gedichte mit religiösen, jüdisch-christlichen Bezügen und einer explizit religiösen Semantik finden. So stelle beispielsweise in dem Gedicht Jesus und der Äser-Weg (1913) „eine äußerste Steigerung, ja Übersteigerung der von Baudelaire wie von Nisami thematisierten Konfrontation mit dem Widerwärtigen [dar] und wird vollends zur ästhetischen Zumutung – die allerdings in RilkeRilke, Rainer Maria einen entschiedenen Verteidiger fand“75. Natürlich verleiht die Analogie zwischen Christus als dem Messias und dem messianisch auftretenden Dichter vielen expressionistischen Gedichten (wie auch den Autoren in ihrem Selbstverständnis) ein messianisches Profil. Ob man aber den „forciertesten Ausdruck“76 hiervon bei Franz Werfel, genauer in den Gedichten des Bandes Der Weltfreund (1911) findet, darf bezweifelt werden. Im Gedicht Ich bin ja noch ein Kind erhebe Werfel sogar einen „heilsgeschichtlichen Anspruch“, „der Dichter will […] ein anderer Mose sein“.77
Betrachten wir den Wechsel von ‚o‘ zu ‚oh‘ bei WerfelsWerfel, Franz Auswahl für die Gedichtausgabe letzter Hand von 1946, dann betrifft das bei den sieben übernommenen Gedichten nur das Gedicht An den LeserAn den Leser. Dieser Text ist die Initialzündung für das, was als O-Mensch-Pathos im Sinne einer identifikatorischen Formel des ExpressionismusExpressionismus in die Wissenschaft eingegangen ist. Ihr inszenatorischer Anteil wird dabei nicht übersehen. Es stellt sich aber angesichts der Bearbeitung durch Werfel selbst die Frage: wird das ‚o‘ zum ‚oh‘? Im Erstdruck von 1911 hat es folgenden Wortlaut:
„Mein einziger Wunsch ist, Dir, o Mensch, verwandt zu sein!
Bist du Neger, Akrobat, oder ruhst du noch in tiefer Mutterhut,
Klingt Dein Mädchenlied über den Hof, lenkst Du Dein Floß im Abendschein,
Bist Du Soldat, oder Aviatiker voll Ausdauer und Mut.
Trugst Du als Kind auch ein Gewehr in grüner Armschlinge?
Wenn es losging, entflog ein angebundener Stöpsel dem Lauf.
Mein Mensch, wenn ich Erinnerung singe,
Sei nicht hart und löse Dich mit mir in Tränen auf!
Denn ich habe alle Schicksale durchgemacht. Ich weiß
Das Gefühl von einsamen Harfenistinnen in Kurkapellen,
Das Gefühl von schüchternen Gouvernanten im fremden Familienkreis,
Das Gefühl von Debutanten, die sich zitternd vor den Soufleurkasten [!] stellen.
Ich lebte im Walde, hatte ein Bahnhofamt,
Saß gebeugt über Kassabücher und bediente ungeduldige Gäste.
Als Heizer stand ich vor Kesseln, das Antlitz grell überflammt
Und als Kuli aß ich Abfall und Küchenreste.
So gehöre ich Dir und Allen!
Wolle mir, bitte, nicht widerstehn!
O, könnte es einmal geschehn,
Daß wir uns, Bruder, in die Arme fallen!“ (E, S. 110f.)
In der Ausgabe letzter Hand von 1946 ändert WerfelWerfel, Franz die Interjektion und nun heißen die entsprechenden Verse 1 und 19: „Mein einziger Wunsch ist, Dir, oh Mensch, verwandt zu sein!“, und: „Oh, könnte es einmal geschehn“ (G, S. 17).78 Im Erstdruck schließt sich an das Gedicht An den LeserAn den Leser noch dieses an: An den Leser in der Nacht, womit Werfel seinen Gedichtband Der WeltfreundDer Weltfreund beschließt. Auch darin taucht die Formel „O Mensch, ich bin dir gut!“ (E, S. 112) auf, allerdings übernimmt der Autor den Text nicht in seine letzte Gedichtausgabe. Galt das ursprüngliche ‚o‘ in Werfels ersten Gedichten noch als meist admirativer Auf- und Ausruf, so wird es in der Fassung letzter Hand von 1946 zu einem Klagelaut ‚oh‘.
An den Leser ist ein „exemplarischer Beleg für einen dominanten Effekt der rhetorischen Verwendung des Wortes“79. Auf dieses Gedicht, und damit auf Werfel, soll also das O-Mensch-Pathos zurückgehen. Es ist aber mehr als nur ein rhetorischer Effekt. Ernst TollerToller, Ernst hat das später in seiner Autobiografie Eine Jugend in DeutschlandEine Jugend in Deutschland (1933) so ausgedrückt, es gehe um „die einfache Wahrheit Mensch“80. Alle Menschen sind Brüder. Das untereinander Verbindende ist nach Werfels Gedicht das Gefühl. Dieses beschworene und besungene, oft aber auch als nicht vorhanden beklagte Gemeinschaftsgefühl wird ein konstitutives Merkmal expressionistischerExpressionismus Lyrik. Gerade angesichts der sozialen Entfremdung durch Industrialisierung, Ersten Weltkrieg und entsprechende Großstadterlebnisse mit Lärm, Verkehr, gigantischen Bauten und sozialer Kälte bekommt diese Beschwörung des Gemeinschaftsgefühls den Charakter eines letzten Aufrufs an die Vernunft des Menschen im Zeichen der Moderne.
Aus dem Weltfreund hat Werfel in E nur neun Gedichte übernommen. Diese Auswahl empfand er offenbar als repräsentativ für seinen lyrischen Beginn und wollte sie in der Auswahl letzter Hand bewahrt wissen. Im Einzelnen handelt es sich um folgende in G in dieser Reihenfolge aufgenommenen Gedichttitel: 1.) Ich, nur ich (in E unter dem Titel: Der Dichter; der Text ist als ein Motto vorangestellt; vgl. E, S. 90), 2.) An den Leser, 3.) Der dicke Mann im Spiegel, 4.) Morgengesang eines Lumpen (in E unter dem Titel: Solo des zarten Lumpen; vgl. E, S. 81), 5.) Der Getreue, 6.) Nächtliche Kahnfahrt (in G mit dem geringfügig erweiterten Titel Nächtliche Kahnfahrt und Erinnerung), 7.) Der schöne strahlende Mensch, 8.) Wanderlied, 9.) Ich habe eine gute Tat getan. Der WeltfreundDer Weltfreund ist aufgeteilt in die Gliederungsschemata, die nur schwer als Kapitel zu bezeichnen sind, Kindheit, Rührung und vermischte Gedichte (vgl. E, S. [5]-52), diese Überschrift fehlt allerdings, im Gegensatz zu den beiden anderen, im Inhaltsverzeichnis (vgl. E, S. 114), Bewegungen (vgl. E, S. [53]-73) und Erweiterung, der Weltfreund (vgl. E, S. 7[5]-113). Insgesamt enthält der Gedichtband Weltfreund 68 einzelne Gedichte.
1946 wählt WerfelWerfel, Franz einige seiner Gedichte für den Band Gedichte aus den Jahren 1908–1945 aus, der als Privatdruck der Pazifischen Presse 1946 in Los Angeles erscheint. Werfel erleidet während der Arbeit an diesem Band einen Herztod. Seine Witwe Alma Mahler-WerfelMahler-Werfel, Alma schreibt dazu:
„Ich übergebe diesen Band Gedichte der Öffentlichkeit mit dem tiefen Wissen, daß sie ein wesentlicher Teil des unsterblichen Werkes von Franz Werfel sind. Er hat in den letzten Monaten seines Lebens aus seinen Gedichten diejenigen ausgewählt, die ihm die schönsten dünkten, und bis zum allerletzten Augenblick an dieser Auswahl gearbeitet – immer wieder gefeilt – und neue Dichtungen für dieses Buch, das ihm sehr am Herzen lag, geschaffen.“ (G, S. 216)
Nach dem Neudruck dieser Ausgabe letzter Hand (1946) von 1992 zitiere ich im Folgenden Werfels Gedichte. Das Gedicht Der Dichter (vgl. E, S. 90) verwendet Werfel in der Ausgabe letzter Hand (1946) als Motto, das er nun der Auswahl voranstellt. Es beginnt mit den Versen: „Ich, nur ich bin wie Glas / Durch mich schleudert die Welt ihr schäumendes Uebermaß“ (n.p. [= S. 15]). Das ist Werfels unmissverständliches autopoetologisches Postulat. Dieses postulierte „Ich, nur ich“ erinnert an die Exklusivitätsformel, die auch der junge GoetheGoethe, Johann Wolfgang in Anspruch nimmt. „Ich! Der ich mir alles bin, da ich alles nur durch mich kenne!“81, schreibt er nach einer knappen Einleitung zu Beginn seines Essays Zum Schäkespears TagZum Schäkespears Tag vom September 1771 und setzt damit eine Art Individualitätsmarke. Dieser Text gilt als einer der Initialtexte der Literatur des Sturm und DrangSturm und Drang. Dieses literarisch-autonome Selbstbewusstsein zitiert auch der junge Werfel. Explizit wird dies darüber hinaus in dem Gedicht Die Freundlichen deutlich, worin fünf Figuren auftreten, ein Liebender, ein alter Herr, die hübsche junge Dame, ein alter Dichter und der gute Geist (bestimmter und unbestimmter Artikel der Figuren nach dem Wortlaut des Gedichts); es heißt darin, und WerfelWerfel, Franz lässt diese Worte einen alten Dichter sprechen:
„Eh ihr in die starre Kühle




