Hilfskreuzer „Chamäleon“ auf Kaperfahrt in ferne Meere

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„Na, Herr Ploog, nun sagen Sie bloß nicht, Sie haben etwas für mich“, grinste Waldau den ihm seit Jahren bekannten Landbriefträger an. „Jawohl Herr Korvettenkaptän“, entgegnete Landbriefträger Ploog und nahm unwillkürlich Haltung an, „sogar ein Telegram.“ Er übereichte Waldau dieses mit wichtiger Geste. „Sogar vom OKM.“
Waldau bedankte sich, bot dem örtlichen Postgewaltigen noch eine Zigarette an und pfiff seinem vierbeinigen Jagdgefährten, der sich bereits Richtung Wald etwas über Gebühr weit entfernt hatte. Der Hund kam – zwar etwas widerwillig – aber immerhin, er kam und Waldau öffnete das Telegramm. Der Text lautete: „Sofort in Marsch setzen. Stopp. OKM, Kaptän z.S. von Preuss melden. Stopp. OKM Abt. A III..” Waldau faltete nachdenklich das Telegramm und schob es in die Brusttasche seines Jagdhemdes, streichelte seinen Hund und meinte,
„Jockl, tut mir leid, Alter, wird nichts mit der Entenjagd. Nimm’s nicht so schwer, Kamerad.“
Herr und Hund gingen in Haus zurück, wo sie bereits von den Eltern, die das Zwischenspiel auf dem Hofplatz durch das Fenster verfolgt hatten, erwartet wurden. „Was ist, Junge“, fragte der Vater. „Schlechte Nachricht“? „Wie man’s nimmt“, meinte Waldau jr. und reichte seinem Vater das Telegramm. „Zumindest wird es Jockl bedauern, da aus der Jagd wohl nichts mehr wird. Ich muss wohl sofort nach Berlin. Ich ziehe mich um. Seid bitte so nett, und stellt mir die schnellste Verbindung nach Kiel fest.“
Am späten Vormittag des darauffolgenden Tages lief der D 312 in Berlin ein. Korvetten-Kapitän Waldau prüfte noch kurz im spiegelnden Glas den korrekten Sitz der Uniformmütze und bestieg eines der vor dem Bahnhof wartenden Taxis. Da die Züge noch fast friedensmäßig verkehrten, nur unter den Fahrgästen waren mehr Uniformierte festzustellen, hatte Waldau die Reise schnell und eigentlich recht erholsam hinter sich gebracht, nachdem er zuvor in Kiel noch sein Köfferchen gepackt und erforderliche Formalitäten erledigt hatte. Natürlich hatte ihn während der ganzen Zeit vornehmlich die Frage beschäftigt, was ihn beim Oberkommando der Marine erwarten würde? Da er sich nicht bewusst war, irgendwelche „Bolzen“ gedreht zu haben und diese auch allgemein auf weit unterer Ebene abgehandelt wurden, konnte es sich also nur um eine Sache von wirklich herausragender Bedeutung handeln. Vielleicht auch ein neues Kommando, aber welches? Schließlich befasste sich hiermit auch üblicherweise nicht die oberste Marineführung. Nun, wie dem auch sei, er würde es ja bald wissen.
Kurz vor 12.00 Uhr hielt der schwarze Opel und Waldau entlohnte den Fahrer, griff sich seinen Koffer und strebte gemessenen Schrittes auf den Eingang zu. An den salutierenden Posten vorbei betrat der Korvettenkapitän das Gebäude und gelangte schließlich – mit Hilfe eines beflissenen Oberleutnants zur See, der ihm auch sein Köfferchen abnahm, bis zum Vorzimmer der Abteilung A III. Dort wurde er zunächst in eine Art Vorzimmer, in dem ein jüngerer Kapitänleutnant sowie zwei Schreibkräfte geschäftigt wirkten, geführt. Nach einigen Minuten, die sich für Waldau wie Ewigkeiten dehnten, öffnete sich die große Doppeltür und mehrere Offiziere verließen den dahinterliegenden Raum. Der Kapitänleutnant erhob sich und verkündete Waldau, ihn jetzt beim Herrn Kapitän anzumelden. Wenige Augenblicke später erschien der Vorzimmerkrieger und bedeutete dem Korvettenkapitän ihm zu folgen. „Korvettenkapitän Waldau, Herr Kaptän“, meldete der Kaleu und Waldau beeilte sich zu melden, „Korvettenkapitän Waldau wie befohlen zur Stelle, Herr Kaptän.“
Kapitän zur See von Preuss hatte sich bereits erhoben, dankte für die Meldung und wies zu einer kleinen ledernen Sitzgruppe linker Hand seines Schreibtisches. Die Offiziere setzten sich, wobei Waldau genau auf eine Karte des Nordatlantiks blickte, die einen Großteil der ihm gegenüberliegenden Wand einnahm. Erwartungsvoll blickte er den vorgesetzten Offizier an, der ihn seinerseits noch einmal kritisch musterte.
„Ganz ehrlich, Herr Waldau, eigentlich hatte ich Sie frühestens morgen erwartet“, meinte der Kapitän jovial und bedeutete dem Jüngeren, sich der auf dem Tisch befindlichen Rauchwaren zu bedienen. Waldau griff zur Zigarette, ließ das massive Tischfeuerzeug aufschnappen und entzündete sein Stäbchen.
„Ja, nun sagen Sie einmal, Herr Waldau, konnten Sie denn die Dienstgeschäfte so zügig abwickeln?“ Waldau beeilte sich, die Frage des Kapitäns zu beantworten, „Jawohl; Herr Kaptän, ich bin sofort nach Erhalt des Telegramms auf die „Griepen“ zurückgekehrt, die – wie Herrn Kaptän sicherlich bekannt – ja leider für eine Reparaturdauer von noch mindestens einer Woche ausfallen wird und habe daran anschließend sofort die erforderlichen Gespräche mit dem Inspektor der Werft geführt und alle weiteren Arbeiten meinem IO sowie dem LI übertragen.“ Auf den etwas skeptischen Blick seines gegenüber beeilte sich Waldau hinzuzufügen. „ich bin sicher Herr Kaptän, da ich mich voll und ganz darauf verlassen kann, dass diese beiden alles Erdenkliche tun werden, das Schiff schnellstens wieder einsatzfähig melden zu können. Auch der Wertinspektor hat dieses ausdrücklich zugesichert.“
„Sehr schön“, entgegnete der Ältere, „nach allem, was sich aus Ihrem bisherigen Werdegang bei der grauen Dampferkompanie gemäß Ihrer Personalakte herauslesen lässt, besteht für mich auch kein Zweifel, dass Sie Schiff und Besatzung voll im Griff haben – was wohl bei dem Boot und seiner anfälligen Turbinenanlage – gar nicht immer einfach für Sie und Ihren LI gewesen sein wird.“
„Aber das wird ja jetzt für Sie bald Vergangenheit sein, denn wir …“, hier brach von Preuss ab, um fortzufahren, „aber sagen Sie, lieber Waldau, Sie müssen ja Stunden unterwegs sein; haben Sie überhaupt Gelegenheit gehabt, noch zu essen?“ „Nein, Herr Kaptän, aber darauf wird es sicherl…“ Hier wurde er von seinem Gegenüber unterbrochen: „Nee, nee, lassen Sie mal, mit knurrendem Magen redet es sich schlecht.“ Der Kapitän erhob sich, wandte sich Richtung des auf dem Schreibtisch befindlichen Telefons, überlegte es sich dann aber offensichtlich anders und verließ kurz den Raum. Durch die schalldichte Tür konnte Waldau nicht vernehmen, was im Vorzimmer gesprochen wurde, aber wenige Augenblicke später kehrte Kapitän zur See von Preuss zurück und nahm wieder Platz.
„Ich habe uns erst einmal einen kleine Imbiss geordert. Aber wollen wir zur Sache kommen.“ Gespannt sah Waldau auf.
„Tja, mein lieber Korvettenkapitän, Sie sollen an beste deutsche Marinetradition aus dem Weltkrieg anknüpfen“, verkündete ihm der Kapitän, machte eine kleine Kunstpause, die Waldaus Spannung fast ins Unerträgliche steigerte, „Sie sollen einen Hilfskreuzer übernehmen.“
Ob dieser – in kühnsten Träumen nicht erwarteten – Eröffnung konnte es der junge Seeoffizier nicht verhindern, dass sein, ihn ob seiner Reaktion genau musternder Gegenüber sich veranlasst sah, leise zu schmunzeln.
„Doch, doch, mein lieber Herr Waldau, der Planungsstab – und auch der Admiral – ist sich sicher, Sie sind der richtige Mann, für diese schwere Aufgabe; aber irgendwie wohl doch das schönste Kommando, das ein aktiver Seeoffizier und bewährter Kommandant – zumindest meiner Meinung nach – sich in der jetzigen Situation nur wünschen kann“, beendete der Stabsoffizier seine Eröffnung und blickte Waldau erwartungsvoll an.
Dieser fasste sich mühsam. Zu überwältigend war für ihn das in Aussicht gestellte Kommando. Hatte er doch in der Vergangenheit träumerisch immer wieder sich bis ins Einzelne ausgemalt, welche Möglichkeiten ein derartiges Kommando – weitgehend auf sich selbst gestellt und nur seinen eigenen Entscheidungen unterworfen – sich einem guten Taktiker hier eröffneten. Unwillkürlich musste er an den Grafen Luckner denken, der im Weltkrieg als Kommandant eines zum Hilfskreuzer umfunktionierten Großseglers, Seekriegsgeschichte geschrieben hatte.
Aus diesem Gedanken riss ihn ein Klopfen an der Tür in die Wirklichkeit zurück. Der Imbiss wurde von einer der ihm im Vorzimmer bereits aufgefallenen Schreibkräfte serviert. Während die Offiziere aßen und sich die belegten Brote und den starken, schwarzen Kaffe schmecken ließen, kam der Kapitän auf weitere Einzelheiten zu sprechen. Waldau erfuhr, dass das Motorfrachtschiff „Katarina Horn“ der Hamburger Reederei Gebrüder Horn bereits am 02. September 1939, gerade zurückgekehrt von seiner weiten Reise an die Westküste der Vereinigten Staaten von Amerika, von der Kriegsmarine übernommen worden war, um als Hilfskreuzer ausgerüstet zu werden. Es handelte sich hierbei um ein erst im Frühjahr 1939 in Dienst gestelltes Motorfrachtschiff von 8806 brt (Bruttoregistertonnen) mit folgenden technischen Daten: Länge 164,2 Meter, Breite 20,2 Meter, Tiefgang 8,5 Meter, Maschinenleistung 17000 PS, Geschwindigkeit 19 kn (Knoten).Für das Schiff war eine Bewaffnung von 6 x 15-Zentimeter-Geschützen, 4 x 3,7-Zentimeter-Flak in zwei Doppellafetten, 8 x 2-Zentimeter-Flak in Doppellafetten sowie 6 x 53,3-Zentimeter Torpedorohre in Dreiersätzen und 2 x 53,3-Zentimeter-Unterwassertorpedorohre vorgesehen. Zusätzlich sollte das Schiff ca. 100 Minen übernehmen und mit 2 Bordflugzeugen Arado 196 A-I sowie einem leichten Minenschnellboot ausgerüstet werden. Der neue Hilfskreuzer versprach also von der Bewaffnung her eine durchaus kampfkräftige Einheit zu werden, natürlich mit dem unabdingbaren Handicap aller Hilfskreuzer behaftet, eben über keinerlei Panzerung zu verfügen, sondern für gegnerische Granaten genauso anfällig zu bleiben, wie jedes normale Handelsschiff.
Die Besatzung sollte nach der Planung der SKL 402 Mann betragen. Zusätzlich sollten 8 Prisen-Offiziere, hierbei handelte es sich im Regelfalle um Handelsschiffskapitäne und –Offiziere, die mit dem Patent eines Kapitäns auf großer Fahrt ausgestattet waren, die als Leutnant (S), von der Kriegsmarine übernommen worden waren. Aufgabe dieser Prisenoffiziere sollte es sein, relativ unbeschädigt aufgebrachte Handelsschiffe des Gegners zu führen, die vom Zustand des Schiffes her, seinem Treibstoffvorrat und insbesondere auch des Wertes der Ladung, geeignet erschienen, mit deutscher Besatzung versehen, den Durchbruch in einen deutschen Hafen wagen zu können.
Zwischenzeitlich hatten die Seeoffiziere ihren Imbiss beendet und – nach einem Blick auf seine Armbanduhr – meinte Kapitän zur See von Preuss, „so mein Lieber, jetzt wissen Sie, was Sie erwartet.“ Der kleine untersetzte Kapitän zur See warf einen erneuten Blick auf seine Armbanduhr und verkündete Waldau, es sei jetzt an der Zeit, ihn dem Admiral vorzustellen, wo sie beide um 14.00 Uhr sich einzufinden hätten. Die Offiziere erhoben sich, wobei deutlich wurde, dass der kräftige, großgewachsene Waldau mit seinem Gardemaß von 1,84 Metern seinen Vorgesetzten um mehr als Kopflänge überragte.
Nachdem Kapitän zur See von Preuss und Korvettenkapitän Waldau sich beim Admiral, der etwa gleichgroß wie sein Stabschef war, aber noch wesentlich graziler, fast feminin wirkte, gemeldet hatten, lud auch dieser seine Untergebenen ein, Platz zu nehmen und deutete auf die bereits gefüllten Weinbrandgläser sowie die griffbereit liegenden Tabakwaren. Ohne einleitende Floskeln kam Admiral Scheidel zur Sache. „Nachdem Herr Kapitän von Preuss Sie, Herr Korvettenkapitän Waldau, in groben Zügen informiert hat, möchte ich Ihnen noch einige weitere Einzelheiten bekannt geben.“
Waldau erfuhr, dass – der Admiral erwähnte, er habe erst in den frühen Morgenstunden dieses Tages die entsprechende Zusicherung erhalten – das der Hilfskreuzer mit einem Funkmessortungsgerät – einem sogenannten Dete-Gerät – ausgerüstet werden würde, das der Schiffsführung auch bei Nacht und Nebel die Möglichkeit gab, andere Schiffe außer Sichtweite zu orten. Bei dem Dete-Gerät handelte es sich um den Vorläufer der Radargeräte. Dete-Gerät bedeutete Deutsches Technisches Gerät und bestand äußerlich sichtbar aus der am Mast befindlichen Dete-Haube, einer matratzenähnlichen Antennenanlage. Es handelte sich hierbei um ein Gerät, das damals noch strengsten Geheimhaltungsvorschriften unterlag. Das Mess-System beruhte auf dem Grundgedanken, ausgestrahlte Funkwellen, ähnlich wie beim Echolot, wieder aufzufangen, wenn sie auf ein Ziel stoßen und von diesem zurückgeworfen werden. Nach anfänglichen Versuchen auf 50 Zentimeter-Wellen, die jedoch schlechte Ergebnisse brachten, erzielte dieses Gerät im Dezimalbereich beachtliche Erfolge. Die zunächst ausschließlich auf den schweren Einheiten der Kriegsmarine installierten Funkmessgeräte arbeiteten zwischen 80 und 150 Zentimeter. Das Gerät lieferte hervorragende Entfernungsmessungen, nur die Genauigkeit nach beiden Seiten reichte bisher noch nicht aus, um dieses Gerät beispielsweise auch als Zielgerät für die Artillerie effektiv zu nutzen.
„Herr Korvettenkaptän Waldau“, eröffnete der Admiral dem zukünftigen Hilfskreuzer-Kommandanten, „Sie sind nun ziemlich genau darüber informiert, welches Schiff Sie künftig – hoffentlich mit dem gewünschten Erfolg – führen sollen. Es war Ihnen bereits anzumerken, dass Ihnen – einfach ausgedrückt – einiges nicht schmeckt.“
„Jawohl, Herr Admiral, mich stören die Minen“, antwortete Waldau und nahm, soweit möglich, auch im Sitzen korrekte Haltung an. „Tja, Korvettenkapitän Waldau, hierüber ist nicht zu verhandeln. Die SKL verspricht sich gerade von dem Mineneinsatz des ersten Hilfskreuzers sehr viel. Näheres, werden Sie den Ihnen bei Ausfahrt zu übergebenden schriftlichen Befehlen entnehmen können. Hierüber zu reden ist noch zu früh“, beschloss Admiral Scheidel diesen Punkt. „Aber“, fuhr der Admiral fort, „um Ihnen entgegen zu kommen, und wohl auch, da bekanntermaßen Kommandant, Offiziere und Besatzung eine wirkliche Einheit bilden müssen, gibt Ihnen die SKL Gelegenheit, Ihre Besatzung weitgehend selbst zusammenzustellen. Dieserhalb werden Sie nähere Anweisungen vom Admiral der Marinedienststelle Hamburg empfangen. Weitere Fragen?“ Waldau entgegnete, „Jawohl, Herr Admiral, besteht die Möglichkeit, die Bordflugzeuge per Katapult zu starten“?
„Herr Korvettenkapitän Waldau, antwortete der Admiral Scheidel, „Sie werden zunächst ohnehin das Schiff genauer anschauen und dann Gelegenheit haben, ausrüstungsmäßige Vorschläge – genau wie im Hinblick auf Offiziere und Besatzung – noch näher vorzutragen. Ihre Marschbefehle sind ausgefertigt.“
Damit war Waldaus erster Besuch bei der SKL in Berlin beendet.
2. Ein Frachter wird zum Kriegsschiff
Wenige Tage später, Montag, den 11. September 1939, stand der Korvettenkapitän auf Oberdeck des von ihm künftig zu führenden Schiffes. Die Umbauarbeiten in Dock 3 der Hamburger Kriegsmarinewerft waren in vollem Gange. Die Laderäume 4 und 6 waren bereits zu Mannschaftsquartieren umgerüstet und auch die Laderäume 9, 10 und 12 zur Aufnahme erwarteter künftiger Kriegsgefangener bzw. Internierten bestens vorbereitet. Unter anderem war dafür Sorge getragen, dass diese Räume über ausreichende sanitäre Anlagen verfügten und auch Männlein und Weiblein – für letztere waren selbstverständlich wesentlich kleinere Räumlichkeiten vorgesehen – getrennt werden konnten. Die schwere Artillerie – 6 x 15-Zentimeter Kanonen, die von einem alten Linienschiff stammten, waren bereits installiert und zwar die Geschütze 1 und 2 in versenkbaren Luken im Bereich der vorderen Laderäume, die Geschütze 3 und 4 seitlich vor den Brückenaufgängen, die sich am Ende des ersten Schiffs-Drittels erhob, so wie das 5. Geschütz in einem der hinteren Laderäume, ebenfalls versenkbar, eingebaut. Geschütz 6 befand sich auf dem Achterdeck. Das letzte Geschütz stand noch frei und sollte später im Bedarfsfalle durch eine imitierte Decksladung getarnt werden. Ebenso waren bereits die beiden Unterwassertorpedorohre im Bug des Schiffes, nach vorn gerichtet, installiert. Die beiden Drillingstorpedosätze sollten kurz hinter der Brücke mittschiffs, durch imitierte Decksladung getarnt, aufgestellt werden. Zurzeit war die Werft damit beschäftigt, die Minenräume auf dem Achterschiff herzurichten. Dem Gewimmel der emsig wirkenden mehr als 200 Werftarbeiter und Ingenieure entging der Kommandant dadurch, dass er sich zunächst mit der Aufstellung seiner künftigen Besatzung beschäftigte. Die SKL und auch der Admiral der Marinedienststelle Hamburg hatten ihm – anlässlich eines persönlichen Gesprächs am Vortrag alle Unterstützung und weitgehende eigene Auswahl bei der Zusammenstellung seiner künftigen Besatzung zugesagt. Besonders glücklich war Waldau, dass ihm sein ehemaliger Crew-Kamerad, Bodo Graf v. Terra, als 1. Offizier genehmigt wurde. Ebenso gelang es ihm, Oberleutnant z. S. Carstens, seinen ehemaligen Torpedooffizier des Zerstörers „Griepen“ für das neue Kommando überstellt zu erhalten. Bezüglich des leitenden Ingenieurs gelang es Waldau nach zähem Ringen mit der SKL schließlich durchzusetzen, dass der ehemalige Leitende des Frachters in der Kriegsmarine mit dem Reservistendienstgrad eines Oberleutnant (Ing.), übernommen wurde. Waldau ließ sich hierbei von dem Gedanken leiten, dass dieser von der Ausrüstung des Schiffes an – über Werftprobefahrten bis zur Ablieferung des Schiffes an die Reederei – die Maschinen betreut hatte, mit Sicherheit am besten über alle „Nucken“ informiert sei und somit auch für den künftigen Hilfskreuzer von unabschätzbarem Wert wäre. In Anbetracht der durch Kriegsausbruch ohnehin abgekürzten Bürokratie wurde auch dieses schließlich möglich gemacht.
Außerdem machte sich Waldau, nachdem er über die gesamte künftige Situation tagelang gebrütet hatte, verständlicherweise auch erhebliche Sorgen über die künftige ärztliche Versorgung an Bord. Hierbei musste er berücksichtigen, dass ja weder er, noch die SKL auch nur annähernd vorhersagen konnten, wie lang die bevorstehende Feindfahrt dauern würde? Von wenigen Wochen bis zu ca. einem Jahr mussten schließlich alle Eventualitäten einkalkuliert werden. So gelang es ihm schließlich als leitenden Arzt einen Oberstabsarzt der Kriegsmarine (KM), einen erprobten Internisten, der bereits mehrere längere Ausbildungsfahrten auf Schulschiffen der Reichsmarine und späteren Kriegsmarine absolviert hatte, so wie einen jüngeren gerade erst zum Marineassistenzarzt, beförderten Chirurgen, zu erhalten. Besonderes Augenmerk legte der, an der übernommenen Aufgabe sichtlich auch menschlich wachsende künftige Hilfskreuzerkommandant, auch darauf, einen hervorragenden „Schiffskoch“, Smutje genannt, zu bekommen. Nur mit dankenswerter Weise selbstlos gewährter Unterstützung der Marinedienststelle Hamburg gelang es ihm, den Kochobermaat des dortigen Offizierskasino „abzuwerben.“ Hierbei berücksichtige Waldau vorausschauend, dass Hein Seemann’s Liebe bekanntlich auch durch den Magen geht und gerade auf übermäßig langer zu erwartender Feindfahrt, der künftige Koch sehr viel dazu beitragen könnte, durch abwechslungsreichen Speisefahrplan zwangsläufig zu erwartende Missstimmung zu dämpfen.
Abgesehen von der Auswahl seiner Offiziere, sowohl des seemännischen, wie auch des technischen und medizinischen Bereiches, verwandte Waldau auch sehr viel Zeit darauf, Unteroffiziere und Mannschaftsdienstgrade nach bestimmten Kriterien auszuwählen. Schließlich mussten diese geeignet sein, sehr lange der Heimat fern zu bleiben und evtl. lediglich das Schiff unter den Füssen zu haben und ansonsten vielleicht nur Wasser zu sehen. Besondere Anforderungen war also außer einer soldatischen und fachlichen Qualifikation auch im Hinblick auf die menschliche und vor allem auch psychische und physische Leistungsfähigkeit zu richten. Hierbei musste Waldau bedenken, dass das Zusammenleben in größeren Gruppen auf engstem Raum, ohne weitere Abwechslung, Zerstreuung, familiäre Bindung, nicht zuletzt auch der Möglichkeit des Kontaktes zum anderen Geschlecht, erfahrungsgemäß Zündstoff für Streitigkeiten bieten würde- und das selbstverständlich auch bei an und für sich im Grunde eher friedlichen und ausgeglichenen Menschen. Auch hieran mag man ermessen, wie viele Einzelheiten über das rein seemännische und soldatische hinaus der Kommandant eines Kriegsschiffes insbesondere eines für den Langzeiteinsatz vorgesehenen Hilfskreuzers, bei der Auswahl seiner Besatzung zu bedenken hatte.
Hier sei nur eine Episode genannt:
Von der ursprünglich vorgesehen Besatzung des Schiffes ist nach Waldaus Auswahl nicht viel übrig geblieben. Die Personalstelle war anscheinend der Meinung, auf den Hilfskreuzer ihre missliebigen Leute abschieben zu können – „in der Vergangenheit unliebsam Aufgefallene, Faulsäcke und sonstige Schnarchlappen“, mit einem Wort, alles, was in der Vergangenheit den Vorgesetzen Ärger bereitet hatte. Diese machte der Kommandant aber nicht mit.
Es ist ein kühler, wenn auch gleich, sonniger, Spätseptembertag, Donnerstag, der 28.09.1939, als der Kommandant die für seine künftige Besatzung vorgesehen Seeleute musterte. Der Korvettenkapitän geht die Front der angetretenen Seesoldaten ab und spricht mit jedem einzelnen Mann: Name, Zivilberuf, Familienverhältnisse und Herkommen, aktiv oder Reservist, welche bisherigen Kommandos, verheiratet, Geschwister, Stand der Eltern und dergleichen? Hierbei nimmt er wenig Rücksicht auf die ihm unter den Nägeln brennende Zeit. Dafür ist hier nicht der richtige Zeitpunkt. Mit seiner Besatzung soll er schließlich, evtl. ein Jahr, vielleicht sogar noch wesentlich länger, zusammen auf Feindfahrt gehen. Wenn er jetzt nicht ziemlich genau die Spreu vom Weizen sondert, würde er später, evtl. durch die Unzulänglichkeiten eines Einzelnen, sogar das Leben und die Gesundheit seiner Leute oder etwa gar das ganze Schiff aufs Spiel setzen.
Und genau dieses berücksichtigt er in seiner Fragestellung: „Name?“
„Matrosengefreiter Scholz, Herr Kaptän.“
„Wie lange dabei?“
„Knapp fünf Jahre, Herr Kaptän.“
„Wieso dann immer noch Matrosengefreiter?“
„Kommandant und Offiziere mochten mich nicht, Herr Kaptän.“
„Abtreten!“
Nur so konnte Waldau reagieren. Soldaten, die sich mit ihren Vorgesetzen nicht verstanden, waren bestimmt das Gegenteil von dem, was er sich für seine Besatzung wünschte.
Von 286 angetretenen Seesoldaten übernimmt er gerade 192 für sein Kommando. Nach der Musterung lässt er gegenüber dem vergeblich protestierenden Personalreferenten durchblicken, dass er entsetzt sei, dass man ihm hier lauter „unliebsame Elemente“ unterschieben möchte.
In diesem Sinne wendet sich der Kommandant sowohl an SKL als auch die Marinedienststelle Hamburg, der er für die Dauer der Personalauslese und Ausrüstung seines Schiffes unterstellt ist, und lässt anklingen, dass er auf diese Weise unmöglich binnen zwei Monaten seine Besatzung zusammen haben könne. Der Kommandant stellt weiter fest, dass er besonderen Wert auf Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaft lege, die bereits Auslandsfahrten auf Auslandskreuzern, Segelschulschiffen oder auch während des spanischen Bürgerkrieges auf den dort eingesetzten Panzerschiffen und Kreuzern hinter sich haben. Bei dieser Gelegenheit bemerkt Waldau gegenüber dem Personalgewaltigen der Marine, dass er selbst, seinerzeit als II.AO auf einem Panzerschiff am Spanien-Intermezzo der Marine teilgenommen habe und sich auch noch sehr gut daran erinnere, wie viele Tote das Panzerschiff „Deutschland“, als dieses von rotspanischen Flugzeugen in Folge einer Verwechslung mit einem nationalspanischen Kreuzer schwere Bombentreffer hatte hinnehmen müssen.
„Solche Leute, die bereits etwas mitgemacht haben, benötige ich“, verschafft sich der Kommandant dem Verwaltungsbeamten für Personalangelegenheiten der Marine gegenüber Geltung, „und nicht die schrägen Typen, die Sie mir hier zum Teil unterschieben wollen.“
Seine letzten fehlenden, noch über 100 Männer der Besatzung, musste der Kommandant schließlich aus der Schiff-Stammabteilung in Gotenhafen rekrutieren.
Endlich steht zumindest die vorläufige Besatzung ihrer gedachten Sollstärke nach. Zwischenzeitlich ist auch der Umbau des Schiffes – vom Frachter zum Hilfskreuzer – beendet. Alle Waffen sowie Feuerleitanlagen, Munitionskammern und –aufzüge und dergleichen sind eingebaut. Laderäume wurden zu Mannschaftswohnräumen, Gefangenräume und Messen ausgebaut. Zwei leistungsstarke zusätzliche Kraftwerke wurden installiert, da die bisherigen Anlagen zwar für ein Frachtschiff voll und ganz ausreichten, für ein Kriegsschiff aber bei weitem nicht genug „Saft“ lieferten, um den erheblichen Energiebedarf für die komplizierten Waffensysteme zu erzeugen. Zusätzlich war eine Generalüberholung der Maschinenanlage vorgenommen und sämtliche Navigationsmittel kriegsmäßig ergänzt worden. Außerdem verfügte das Schiff nunmehr über ein leistungsfähiges eigenes Lazarett mit vorgesehenen 18 Betten, einem Operationsraum sowie einem Zahnbehandlungsstuhl und alle hierfür vorgesehene Ausrüstung.


