Hilfskreuzer „Chamäleon“ auf Kaperfahrt in ferne Meere

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Leider war es Waldau nicht gelungen, der SKL praktikable und machbare Vorschläge zum Einbau einer Katapultanlage zum Start des Bordflugzeuges zu unterbreiten. Die Bordflugzeuge würden also künftig per Kran ausgesetzt und auf dem Wasser starten müssen. Die Landung der Bordflugzeuge musste ohnehin auf dem Wasser erfolgen. Schließlich war ein Hilfskreuzer kein Flugzeugträger. In der Rekordzeit von weniger als zwei Monaten konnte Waldau am 03.November 1939, dem Tag des deutsch-sowjetischen Abkommens über die Umsiedlung der Volksdeutschen aus der Westukraine in den Wartegau, der SKL sein Schiff seeklar melden.
3. Erprobung in der Ostsee
– Probleme über Probleme –
Das nunmehr kriegsmäßig ausgerüstete Schiff, getarnt als Marinehilfsschiff „Großenbrode“, läuft nunmehr durch den Kaiser-Wilhelm-Kanal in die Ostsee. Nachdem das Schiff die Kanaldurchfahrt mit Lotsenhilfe durchführen musste, verlässt der Lotse in Kiel-Holtenau das Schiff. Waffen und sonstige Ausrüstungen waren hervorragend getarnt, so dass der Zivil-Lotse diese gar nicht zur Kenntnis genommen hat. Er mag sich zwar über die hervorragende nautische Ausrüstung des Schiffes auf der Brücke etwas gewundert haben, ließ sich dieses aber nicht anmerken. Vielleicht nahm er diese auch für ein Hilfskriegsschiff als selbstverständlich an. Die Mannschaft blieb zum größten Teil unter Deck, so dass er sich auch über eine unverhältnismäßige Mannschaftsstärke nicht wundern brauchte. Nach Absetzen des Lotsen ging es weiter durch die Kieler Förde in die freie Ostsee. Hier war im sogenannten „Schießgebiet“ alles für die Erprobung der Waffen vorgesehen.
Am Mittwoch, dem 08. November 1939, stand der Hilfskreuzer, weit außer Landsicht, in der Mitte der westlichen Ostsee und es stand zunächst die Erprobung der Flakwaffen auf dem Programm. Geschossen wurde mit den 3,7 bzw. 2-Zentimeter Flakwaffen auf, von Heinkel-Flugzeugen geschleppte, Ballone, die an einer Schlepptrosse von ca. 500 Metern von den Flugzeugen nachgezogen wurden. Während dieser zwei Tage dauernden Übungen wurde – nach zunächst mehr als mangelhaften Ergebnissen – schließlich ein durchaus brauchbares Resultat erzielt und der Kommandant zeigte sich mit der unter dem Kommando des II. AO stehenden Flakpersonals zufrieden. Am Abend des 9. November 1939 – nach Eintritt der Dunkelheit – wurde mittels Hilfe der relativ starken Scheinwerferanlage des Schiffes, die die Zielkörper anleuchtete, geschossen, war die Erprobung der Flakwaffen beendet. Am Abend in den 20.00 Uhr Nachrichten des Großdeutschen Rundfunks erfolgte, von der Besatzung größtenteils mit Bestürzung aufgenommen, die Meldung dass ein Attentat auf den Führer des Großdeutschen Reiches, Adolf Hitler, nach seiner Rede im Münchener Bürgerbräukeller mittels Sprengstoffes fehlgeschlagen sei. Der Kommandant nahm dieses zum Anlass, am darauffolgenden Tage, dem 10.11.1939, vor Beginn des vorgesehen Gefechtsschießens der schweren Batterie, der auf dem Achterdeck versammelten Mannschaft folgendes zu verkünden:
„Soldaten der Deutschen Kriegsmarine! Wie Ihnen zwischenzeitlich sicherlich auch bekannt, haben irregeleitete Elemente am Abend des 8. November 1939 versucht, den Führer des Großdeutschen Reiches und Oberbefehlshaber der Deutschen Wehrmacht, Adolf Hitler, durch ein hinterhältiges Sprengstoffattentat zu ermorden. Glücklicherweise ist dieser feige Anschlag fehlgeschlagen und der Führer und Oberbefehlshaber der Wehrmacht unverletzt geblieben. Diese Tat ist umso verabscheuungswürdiger, als sich das Großdeutsche Reich seit dem 01. September1939, insbesondere seit dem Kriegseintritt Großbritanniens und Frankreichs, in einem heldenmütigen Kampf gegen weit überlegene Streitkräfte der Gegner befindet. Dieses betrifft, in Anbetracht der nicht wegzuleugnenden Überlegenheit – insbesondere der englischen Flotte – besonders die deutsche Kriegsmarine. Es mag in jedem Staat der Erde Andersdenkende geben. Es mag auch durchaus ehrenvoll sein, wenn sich Menschen aus Überzeugung gegen eine ungerechte Staatsführung, gemeint sein können hier zu allererst eigentlich nur kommunistische Diktaturen, auflehnen. Für unser deutsches Vaterland kann dieses hingegen auf keinen Fall zutreffen. Bedenkt, Soldaten, dass unser deutsches Vaterland dem Führer soviel verdankt. Genannt seien hier nur die Abschüttelung der Fesseln des Versailler Vertrages, die Einigung unseres geliebten deutschen Vaterlandes, der Schutz unserer deutschen Volksgenossen im Osten, insbesondere auch im so genannten Korridor sowie allgemein die Sozialgerechtigkeit im Reich. Bedenkt, Kameraden der deutschen Kriegsmarine, noch vor wenigen Jahren war Deutschland ein zerrissenes, von inneren Unruhen gebeuteltes und von sogenannten Siegermächten des Weltkrieges ausgebeutetes Land. Alle diese Missstände, die jeder aufrechte Deutsche als Schande empfunden haben muss, hat die neue deutsche Staatsführung, in erster Linie der Führer selbst, bereinigt. Wenn jetzt nach Kriegsausbruch – und dieser Krieg kann nur durch Zusammenhalt der gesamten deutschen Volksgemeinschaft, an der Front und in der Heimat, siegreich beendet werden, einige irregeleitete und verabscheuungswürdige Elemente sich dazu hinreißen lassen, oder auch von außen gesteuert sein mögen, wer weiß das heute, ein Attentat auf den Reichskanzler und Führer des deutschen Volkes und Oberbefehlshaber der deutschen Wehrmacht, zu verüben, so kann dieses nur die Empörung des ganzen aufrechten deutschen Volkes zur Folge haben. Mögen diese feigen Attentäter ihrer gerechten Strafe nicht entgehen.“
Später sollte Waldau sich dieser, seiner damals ehrlich gemeinten Ansprache, noch zweifelnd erinnern.
Mannschaft und Offiziere traten ab und gingen auf ihre Gefechtsstation.
Das Gefechtsschießen der schweren Batterie, der 6 x 15-Zentimeter Kanonen, durchgeführt zunächst auf Scheiben, dann auf ein mit Korkladung unversenkbar gemachtes Zielschiff, sollten anschließend sowohl dem ersten Artillerieoffizier, als insbesondere auch den Kommandanten und der gesamten Schiffsführung noch erhebliche Probleme bereiten. Über insgesamt vier volle Tage wurden diese Schießübungen durchgeführt, bis die Schiffsführung endlich mit den Ergebnissen zufrieden war. Hierbei musste der Kommandant feststellen, dass insbesondere an der Schnelligkeit des Fallens der Tarnung bis zur Gefechtsfähigkeit aller Waffen noch einige Änderungen erforderlich wurden. Vor allem musste bei der abschließenden Werftliegezeit dafür Sorge getragen werden, dass die in den Laderäumen versenkbar eingebauten Geschütze schneller hochgefahren und gefechtsklar gemacht werden konnten. Bei dem Rollenexerzieren stellten sich selbstverständlich auch Unzulänglichkeiten bei Teilen der Besatzung heraus. Auch hier bemerkten Offiziere und Kommandant, der stets, trotz seines Vertrauens, vor allem zum ersten Offizier, seinem Crewkameraden, Graf Terra, sich kaum Ruhepausen gönnte, erhebliche Schwachpunkte.
Das abschließende Torpedoschießen wurde zum Debakel schlechthin. Obwohl die Torpedo-Zielanlage ausgezeichnet arbeitete und der für die Torpedowaffe zuständige Oberleutnant zur See Carstens seine Leute, wie sowohl der Kommandant, als auch der I.O feststellten, durch stetige Übungen bestens in Schwung hatte, verlief bereits das erste Torpedoschießen am Donnerstag, dem 16. November 1939, mehr als unbefriedigend. Als Ziel war ein altes, nicht mehr seefähiges Torpedoboot des Weltkrieges, vorgesehen. Aus knapp 2.000 Meter Entfernung kommandierte Oberleutnant zur See Carstens: „Torpedos los.“ Gespannt blickten Torpedooffizier, Torpedogasten, wie auch Kommandant und gesamte Schiffsführung und Besatzung auf das gut zu erkennende Ziel. Auch nachdem die Laufzeit der scharfen Torpedos zum Ziel längst überschritten war, schwamm das alte Torpedoboot, zwar in der seitlichen See schlingernd, aber ansonsten ungerührt.
„Mann Gottes, Carstens, auf so ein Ziel haben Sie doch noch nie vorbeigeschossen“, polterte der Kommandant seinen TO an.
„Herr Kaptän“, äußerte dieser, völlig konsterniert, „das ist mir absolut rätselhaft. Die Torpedos können das Ziel gar nicht verfehlt haben. Wir haben doch die Blasenbahnen ganz genau verfolgen können. Beide Torpedos müssten Vorderkante Brücke und mittschiffs getroffen haben“, versuchte sich der Torpedooffizier zu rechtfertigen.
„Ja und Carstens,“ fauchte der ungehaltene Kommandant, „ich habe nicht das leiseste Tönchen vernommen und schließlich schwimmt das alte Boot ja immer noch völlig ungerührt. Sie können also nur vorbeigeschossen haben.“ Der Kommandant riss sich die Mütze vom Kopf, fuhr sich durch das volle Haar, stülpte die weiße Kommandantenmütze schließlich wieder auf und ordnete an, „Einzelschuss, Oberdecksrohrsatz. Und wehe Ihnen, mein Lieber, das geht wieder in den Bach.“
Der Oberleutnant bemühte sich den Oberdecksrohrsatz zu richten und schnellstens bereit zu zeigen, für den geforderten Einzelschuss. „Torpedowaffe klar für Einzelschuss aus Oberdecksrohrsatz“, meldete der TO.
Der Kommandant blickte in die Runde. Deutlich war von den beiden begleitenden Torpedobooten, die in etwa einer halben Meile an backbord des Hilfskreuzers sich treiben ließen, zu erkennen, dass Kommandanten und Offiziere die Gläser auf Zielschiff und Hilfskreuzer richteten. Der Kommandant schaute seinen ihm ja bereits vom Zerstörer „Arndt Griepen“ bekannten und hochgelobten, weshalb sonst hätte er ihn für das neue Kommando angefordert, Torpedooffizier an und meinte mit starren Gesichtszügen, „Torpedowaffe Feuererlaubnis!“
„Torpedo los“, kam das Kommando des Torpedooffiziers. Der Torpedomaat schlug zur Sicherheit, falls die elektronische Abfeuerung versagen sollte, noch auf die Handfeuertaste und der mehrere Meter lange, schlanke Torpedo schoss, von Pressluft getrieben, aus dem Rohr, klatschte auf die Wasseroberfläche und begab sich, nach Einsteuerung auf die eingestellte Tiefe von 2,5 Metern mit einer Geschwindigkeit von 40 Knoten geradewegs auf den Weg zum unbeweglich in der Ostseedünung schaukelnden Ziel. Kommandant, Offiziere, insbesondere Torpedooffizier und Torpedogasten, verfolgten gebannt die Blasenbahn des Torpedos. Schnurgerade lief dieser auf das Ziel zu. Bei Abfeuern des Torpedos hatte der Torpedooffizier, als auch der verantwortliche Torpedomaat, die in der Hand befindliche Stoppuhr gedrückt, um die Laufzeit des Torpedos bis zum Ziel exakt nach verfolgen zu können.
„Jetzt“, sagte TO Carstens, der die Stoppuhr gebannt im Auge behielt und schaute gebannt auf das Ziel. Allein, es tat sich nichts. Rein gar nichts. Die Laufzeit des Torpedos war längst abgelaufen, das Zielschiff schwamm ungerührt. Keine Detonation, kein nichts. Mit verstörtem Blick wandte sich der Torpedooffizier, Oberleutnant zur See Carstens, zum Kommandanten, der ihm bereits seit Sekunden zornig musterte. „Herr Kaptän, der Torpedo muss einfach getroffen haben.“ Korvettenkapitän Waldau schnaubte, „und, ich habe davon nichts gemerkt.“ Der neben ihm stehende IO, Graf von Terra bemerkte, mit dem ihm eigenen Humor, „na, das kann ja heiter werden.“ Der Kommandant schaute ihn kurz an, blickte unwirsch in die Runde und riss in einer eckigen Bewegung das Marineglas an die Augen und musterte die in der Nähe liegenden Torpedoboote. Er setzte das Glas ab und meinte verdrießlich, „die da drüben können sich ja kaum noch einklinken vor Lachen. Jetzt bin ich’s leid.“ Er wandte sich zu seinem IO, „Terra, Boot aussetzen und Sie sowie der II.O gehen an Bord des Zielschiffes. Wir werden jetzt mit Übungstorpedos schießen und Sie werden mir signalisieren, ob Treffer oder nicht. Sie nehmen die Barkasse, das geht schneller.“ Wie vom Kommandant angeordnet, veranlasste die seemännische Nr. 1, Oberbootsmaat Richter, das Aussetzen der Kommandantenbarkasse. Dieses Manöver zumindest klappte hervorragend. In 10 Minuten konnte die Barkasse, mit den an Bord befindlichen Offizieren, sowie der Bootsmannschaft von vier Mann unter dem Kommando des Bootsmaaten Schröter, ablegen und hielt auf das Zielschiff, das nach wie vor unbeschädigt in der Dünung gemächlich vor Backbord nach Steuerbord schlingerte zu. 40 Minuten später war der Torpedorohrsatz steuerbord mit zwei Übungstorpedos geladen. Das Torpedoboot 12, eines der Begleitboote, hatte zwischenzeitlich Anweisung erhalten, die schwimmfähigen Übungstorpedos anschließend aufzufischen. Der Kommandant raufte sich sowieso schon die Haare, das drei scharfe Gefechtstorpedos, die pro Stück ca. 40.000,00 Reichsmark kosteten, seiner Meinung nach absolut sinnlos verfeuert worden waren. Nach erneutem Befehl und Klarmeldung durch den mitgefahrenen Signalmaaten, der zwischenzeitlich mit dem gesamten Bootskommando, bis auf Bootsführer und 1 Mann, die sich sicherheitshalber 200 Meter ab vom Zielschiff hielten, an Bord des alten Torpedobootes gegangen waren, erfolgte der erneute Torpedoschuss. Gebannt schauten Kommandant und IO, sowie alle Besatzungsmitglieder, denen dieses möglich war, auf die Torpedolaufbahnen und das Zielschiff.
„Meine Fresse“, berlinerte Matrosenhauptgefreiter Schrupp, seines Zeichens Torpedomechaniker, und selbstverständlich auch interessiert am Geschehen. Det muss doch jans enfach jetroffen haben.“ Dieses meinten auch Kommandant und TO. Das anschießende Flaggensignal vom Zielschiff bestätigte ihnen, das beide Torpedos Vorschiff und Vorderkante Brücke aufgeschlagen haben.
Zwei weitere Torpedoeinzelschüsse brachten das gleiche Ergebnis. Beide Übungstorpedos trafen.
„Verdammt und zugenäht“, verkündete der Kommandant auf der Brücke des Hilfskreuzers zu den ihn erwartungsvoll anstarrenden Offizieren, „das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen.“ Er winkte seinem Läufer und befahl, „Winkspruch an Zielschiff und Barkasse, sofort Rückkehr an Bord. FT-Spruch an Begleitschiffe: Übung abbrechen, einlaufen Kiel!“
Im Kriegshafen Kiel angelangt, machte der Hilfskreuzer an einem abgesperrten Kai fest. Die SKL, die zwischenzeitlich durch verschlüsselten Funkspruch vom Torpedodebakel unterrichtet worden war, hatte bereits veranlasst, dass sämtliche Torpedos sofort von Bord zu geben und von der Torpedoversuchsanstalt in Flensburg geprüft werden würden. Wie sich bereits zwei Tage später herausstellte, waren die meisten an Bord befindlichen Torpedos Blindgänger, zurückzuführen auf einen Fehler in der Aufschlagzündung. Sabotage nicht auszuschließen, hieß es lapidar. Der Kommandant wurde zur Berichterstattung nach Berlin befohlen.
Bei der SKL wurde dem Kommandanten bedeutet, dass, noch während die Besprechung mit ihm in Berlin stattfände, sein Schiff für die künftige Unternehmung ausgerüstet werde. Es sei sichergestellt, dass nur einwandfreie Torpedos an Bord kämen. Auch die Marschbefehle für die noch fehlenden Besatzungsmitglieder seien ausgefertigt und diese – einschließlich der vorgesehenen acht Prisen-Offiziere, Handelsschiffskapitäne und Offiziere der Handelsmarine mit Kapitänspatent, alle im Range eines Leutnants zur See (S), werden sich ebenfalls bereits bei Rückkehr des Kommandanten an Bord befinden. Es sei leider, bedingt durch die Kriegslage, keine Zeit mehr, Kommandant und Besatzung Möglichkeit zu weiteren Übungsfahrten zu gewähren.
„Herr Korvettenkapitän Waldau“, verkündete Admiral Scheidel persönlich dem Kommandanten, „leider gebietet die Kriegslage, dass Sie mit Ihrem Schiff schnellstens auslaufen müssen, um gegnerische Seestreitkräfte zu binden und der Versorgung des Gegners durch Versenkung, Aufbringung und evtl. auch Zurückbehaltung gegnerischer Handelsschifftonnage in den Häfen, einen Schlag zu versetzen.“ Der Admiral führte weiter aus: „Wie Ihnen bekannt ist, steht insbesondere die U-Bootswaffe bereits am Feind und hat auch das Panzerschiff Graf Spee erste Erfolge erzielt. Durch das Auftreten weiterer Überwasserseestreitkräfte, also als nächstes auch Ihrem Hilfskreuzer, verspricht sich die SKL über die zu erwartenden Versenkungen hinaus durch die beim Gegner zu stiftende Verwirrung erhebliche negative Auswirkungen hinsichtlich der Versorgungslage der britischen Inseln.“
4. Auslaufen zur Feindfahrt
Am 20. November 1939, dem Tag der Einführung einer sogenannten Reichskleiderkarte für den Bezug von Textilien im Deutschen Reich, macht der Handelsstörkreuzer seeklar. Die Ausrüstung des Schiffes war zwischenzeitlich beendet. Als Bordflugzeuge wurden zwei Arado 196 A 1 an Bord genommen, deren Aus- und Einsetzen nicht ein einziges Mal auf dem Schiff selbst überhaupt manövermäßig geübt werden konnte. Eine Maschine befand sich einsatzklar, unter Persenningen getarnt, an Oberdeck, die zweite in Einzelteilen verpackt in einem der Laderäume. Im Bedarfsfall würde diese später von den Bordmechanikern nach mitgelieferten Bauplänen zusammenzusetzen sein. Als Fliegeroffizier war Leutnant Spaß und als Flugzeugführer der Feldwebel Schütze an Bord kommandiert. Die Werft hatte zwischenzeitlich ebenfalls wahrhaft erstaunliches geleistet. Ein Tarnschornstein, der im Bedarfsfalle aufgebaut und entfernt werden konnte, sowie ein Originalschornstein, der sich durch Ein- und Ausfahren beliebig verlängern oder verkürzen ließ, war installiert. Ebenso zu Tarnzwecken befanden sich an Bord Masten, Lüfter, Pfosten, Decksaufbauten und Ladegeschirr, die heute aufgebaut, morgen wieder beseitigt werden konnten. Unvorstellbare Mengen an Verpflegung und Material aller nur denkbaren Art waren an Bord genommen und verstaut. Eisenbahnwagenweise Proviant, insgesamt fürs erste rund 350 t Verpflegung, hektoliterweise Bier, zentnerweise Kaffee, Tee, Fruchtsäfte, Fette aller Art, Bekleidung für Tropen und Nordpol. Ebenso waren sämtliche Munitionskammern des Schiffes gefüllt, ein Sollbestand von 32 Torpedos und 100 Minen an Bord genommen worden, Die Ausrüstung des Schiffslazaretts war ebenso wie die Ausrüstung aller anderen Abteilungen vervollständigt. Alle Ölbunker waren zum Bersten gefüllt. Insgesamt wurden 5.320 t Heizöl übernommen und auf die verschiedenen, im ganzen Schiff untergebrachten, Bunker verteilt. Die Ölvorräte gaben dem Schiff die Möglichkeit, bei der sparsamsten Fahrt von ca. 10 bis 11 Seemeilen in der Stunde über ein Jahr, ohne Ergänzung, von der Heimat fern zu bleiben. Dieses bedeutete einen Fahrbereich von annähernd 70.000 Seemeilen, ein gewaltiger Aktionsradius. Bemerkt werden darf noch, dass selbstverständlich außer Proviant, Getränken, Wasser, Schmiermitteln sämtlicher Art, Flugzeugbenzin und Munition auch Damen- und Kinderbekleidung in größeren Mengen übernommen wurde. Diese selbstverständlich in Kisten verpackt und nur dem zuständigen VO (Schiffsverwaltungsoffizier), sowie Kommandant und Offizieren bekannt. Schließlich musste ja damit gerechnet werden, dass von gegnerischen Schiffen außer der männlichen Besatzung und Passagieren auch Frauen und Kinder zu übernehmen sein werden, ohne dass es immer möglich wäre, deren persönliche Habe an Bord zu nehmen.
Gegen 16.00 Uhr hieß es „Leinen los.“ Der Kommandant fuhr das Ablegemanöver selbst und im Geleit von zwei Torpedobooten ging es fördeaufwärts. Das Schiff war als normaler Sperrbrecher getarnt und die Besatzung nahm an, es stehen lediglich ein weiteres gefechtsmäßiges Übungsschießen o.ä. Rollenübungen auf dem Programm. Dass es sich um den Beginn der tatsächlichen, von vielen ersehnten, von manchen auch mit Bangen erwarteten, Feindfahrt handelte, war außer dem Kommandanten niemandem wirklich bekannt, obwohl aufgrund der übereilten Ausrüstung und der diversen an Bord gekommenen Proviantmenge sowie der kriegsmarschmäßigen Ausrüstung an Munition und Treibstoff sich zumindest die Offiziere darüber im klaren waren, dass die endgültige Ausfahrt unmittelbar bevorstand.
Langsam wurde die Förde breiter und das Land wich weiter zurück. Der Kommandant befahl, „Umdrehungen für 10 sm!“ Plötzlich schnarrte das Brückentelefon, der IO, Graf Terra, hob ab und meldete, „Funkraum meldet, dass Einflug feindlichen Bomberverbandes auf Kiel gemeldet worden ist.“
„Verdammt noch mal“, versetzte der Kommandant, „ und das ausgerechnet jetzt. Fliegeralarm.“ Die Alarmsirenen gellten durch das Schiff. „Schotten dicht, Flakwaffen enttarnen!“ Die weiteren Kommandos des Kommandanten erfolgten sofort. „Feuererlaubnis nur auf mein Kommando!“ Kommandant und Offiziere auf der Brücke sowie die Ausgucks auf Oberdeck hoben die schweren Marinegläser und suchten gewissenhaft ihre Sektoren ab. Gleichzeitig mit dem eingehenden FT-Spruch des vorausfahrenden Torpedobootes entdeckte auch Oberleutnant zur See Graf von Terra die von Steuerbord voraus anfliegenden Feindflugzeuge. Die britischen Bomber vom Typ Lancaster hatten offenbar Befehl, die Werftanlagen und im Hafen befindliche Einheiten der Kriegsmarine anzugreifen. In einer Höhe von lediglich 2.000 bis 2.500 Metern näherten sich die Bomber, bereits aufgefasst vom vorderen E.-Messgerät. „Höhe 2500 Meter, Entfernung sechzig Hundert“, meldete das E.-Messgerät. Der Kommandant griff zum Hörer und befahl dem für die Flakwaffen zuständigen zweiten AO, „Ziel auffassen, sowie in Reichweite, Feuererlaubnis!“ Die Sekunden währten ewig. „Entfernung 30 hm (30 Hektometer = 3.000 Meter), Höhe 2.000“, meldete das E.-Messgerät. Gleichzeitig eröffnete das vorauslaufende Torpedoboot, das seine Geschwindigkeit, deutlich sichtbar am silbern aufquirlenden Kielwasser, erhöht hatte und auf volle Fahrt gegangen war, das Feuer und die Flakgranaten zischen dem Feind entgegen. Deutlich ließ sich die Leuchtspur verfolgen. Sekundenbruchteile später fielen auch die 3,7 Zentimeter Flakwaffen des Hilfskreuzers ein. Die gegnerischen Bomber versuchten ihrerseits durch Ausweichmanöver dem gezielten Feuer der Schiffsflak zu entkommen. Acht Flugzeuge waren nunmehr von allen Mann an Bord deutlich zu erkennen und näherten sich von Sekunde zu Sekunde dem Verband. Die ersten beiden Maschinen entschlossen sich, den vermeintlichen Frachter als Ziel anzunehmen. „Maschine dreimal AK, Ruder hart Backbord“, befahl der Kommandant. Währenddessen öffneten sich bei den beiden, das Schiff von Steuerbord voraus anfliegenden, Bombern bereits die Klappen der Bombenschächte, mit dem bloßen Auge schon gut zu verfolgen. Zwischenzeitlich hatten die beiden Torpedoboote ebenfalls erkannt, dass ihr Schützling das Opfer der feindlichen Flieger werden sollte und konzentrierten ihr Abwehrfeuer ebenfalls auf die beiden, den Hilfskreuzer angreifenden, Maschinen. Von der vorausgestaffelten Maschine lösten sich die ersten Bomben. Im gleichen Moment hatte die Steuerbord vordere 3,7 sowie eine der 2 Zentimeter-Doppellafetten das Flugzeug aufgefasst und deutlich war zu sehen, wie die Leuchtspurgeschosse im Flugzeugrumpf verschwanden. Plötzlich sprangen Funken aus der linken Tragfläche des Feindbombers und Sekundenbruchteile später zerbarst dieser in einem aufwallenden Feuerball. „Ruder hart Backbord“, folgte das nächste Kommando des Kommandanten – hinein in das Zerbersten der Feindmaschine. Mit Hartruderlage drehte das Schiff aus der zu erwartenden Flugbahn des abstürzenden Bombers. Der zweite Feindbomber, auf den sich nunmehr das Feuer der drei Kriegsschiffe vereinigte, drehte, ohne zum Bombenwurf gekommen zu sein ab. Gleichzeitig klatschten etwa hundert Meter hinter dem Schiff die Bomben des abgeschossenen Feindflugzeuges in die Förde und warfen hohe Wasserfontänen auf. Etwa 60 Meter an Steuerbord des Hilfskreuzers, stiebte die abgeschossene Feindmaschine in die hell aufspritzende See. Nur 20 Meter von der Bordwand hieb wie eine Bombe die abmontierte Fläche nebst Steuerbordmotor in die See. Zwei, drei kleinere Metallteile klirrten auf das Oberdeck des Schiffes, ohne jedoch Schäden zu verursachen.
Die Feindflugzeuge kamen aus dem Wirkungsbereich der Waffen und flogen im direkten Kurs weiter auf Kiel. „Feuer einstellen, Maschine Umdrehung für 10 sm“, kam das Kommando des Kommandanten und der Verband setzte seine Fahrt fort. Das führende Torpedoboot meldete sich, „ K an K, aussprechende Anerkennung zum ersten Abschuss. Von mir bestätigt“, ließ sich der Kommandant des Führertorpedobootes vernehmen. Korvettenkapitän Waldau fuhr sich mit dem Ärmel seines Bordjacketts über die vor Anspannung klatschnasse Stirn, „geben Sie zurück: K an K, vielen Dank, auch für Ihre segensreiche Unterstützung.“ Der Kommandant nahm noch einmal das Doppelglas vor das Gesicht, aber die Feindmaschinen waren nur noch als kleine Punkte in der Ferne auszumachen. Deutlich hörte man nunmehr auch, wie die Flakbatterien an Land sowie die Schiffsflak der im Hafen liegenden Marineeinheiten die Feindflugzeuge nunmehr unter Feuer nahmen. Kurz darauf dröhnten dumpf die Detonationen der Feindbomber über die Förde. Trefferwirkungen waren jedoch vom Schiff her nicht auszumachen.
„Na also“, meinte der IO und setzte das Glas ab, „haben die Tommys also nur die armen Fische erschreckt.“
„Nun lassen Sie mal, IO“, versetzte Waldau, „mir langt dieses Zwischenspiel als Ouvertüre zu unserer Unternehmung durchaus.



