Hilfskreuzer „Chamäleon“ auf Kaperfahrt in ferne Meere

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Der IO grinste den Kommandanten an, „habe ich’s mir nicht gedacht.“ „Was belieben zu denken, IO?“ Der Kommandant musterte seinen alten Freund und jetzigen ersten Offizier. Zwischenzeitlich spitzten auch die anderen Seeoffiziere sowie das sonstige Brückenpersonal gespannt die Ohren, um sich ja nichts vom Gespräch der beiden wichtigsten Männer an Bord, denn das waren Kommandant und IO im Hinblick auf die Schiffsführung allemal, entgehen zu lassen. Dem Kommandanten blieb die gebannte Aufmerksamkeit seiner Untergebenen selbstverständlich nicht verborgen und nach einem Blick in die Runde meinte er, „ na gut, Herrschaften, eigentlich solltet Ihr es ja erst in einigen Stunden erfahren, aber was soll’s. Die Unternehmung hat begonnen.“ Ob dieser Eröffnung des Kommandanten war es auf der Brücke so still, dass man die bekannte Stecknadel hätte zu Boden fallen hören können. Der IO, Graf Terra, wer sollte es auch anders sein, brach das andauernde Schweigen als erster und meinte, unbekümmert in die Runde blickend, „wenn das kein gutes Omen ist, kaum die Leinen gelöst und schon die Feuertaufe erfolgreich bestanden.“ Der Kommandant, der dieses Gespräch zumindest zu diesem Zeitpunkt nicht vertiefen wollte – insgeheim ärgerte er sich, dass ihm nun doch zu früh herausgerutscht war, dass die Feindfahrt bereits begonnen hatte – versetzte knapp, „nun verfallen Sie mal nicht in grenzenlosen Optimismus, IO, hierzu besteht wahrhaftig derzeit keinerlei Anlass. Die wirklichen Probleme stehen uns weiß Gott noch bevor.“ Allen auf der Brücke war klar, dass hiermit zunächst der Durchbruch in den freien Atlantik gemeint war.
Der Kommandant befahl den II AO sowie die Bedienungen der erfolgreichen Flakwaffen auf die Brücke und beglückwünschte ihn und die gesamte Geschützbedienung zu ihrem Erfolg. Bevor die gehobene Stimmung auf der Brücke ausufern konnte, versetzte der Kommandant knapp, „IO, weisen Sie die Ausgucks noch einmal an, ihre Sektoren genau im Auge zu behalten, vielleicht war das ja nicht die einzige Überraschung. Befehl an II AO: Flakwaffen besetzt halten, volle Kriegswache bleibt bestehen!“
Zwei Stunden später saßen Kommandant und wachfreie Offiziere in der Offiziersmesse beim Abendessen. Die Dunkelheit war hereingebrochen und das Schiff kriegsmäßig abgeblendet. Auf der Brücke stand der II O. Während das Schiff, nach wie vor im Geleit der beiden Torpedoboote, weiterhin mit kontinuierlicher Marschfahrt von 10 sm sich seinen Weg durch die leicht bewegliche Ostsee bahnte, beendeten die Offiziere ihr Abendessen. Nach und nach verstummte das Klappern der Bestecke und die als Ordonanz eingeteilten Seeleute räumten ab. Augenblicklich unterbrachen die Offiziere ihre in Gang gekommenen Einzelgespräche und es trat absolute Stille ein.
„Meine Herren“, begann der Korvettenkapitän Waldau seine Ansprache, „wie ja mittlerweile vom IO bis zum letzten Mann als bekannt vorausgesetzt werden darf, hat die Unternehmung begonnen. Wie Sie wissen, trägt das Schiff bisher keinen Namen, sondern lediglich – wie im Übrigen alle Hilfsschiffe – eine taktische Nummer, in unserem Falle Schiff 66. Die SKL hat, an die Tradition des Weltkrieges anknüpfend, mir gestattet, den internen Schiffsnamen selbst zu wählen.“ Bei diesen Worten des Kommandanten steigerte sich das Interesse seiner Zuhörer nochmals, schließlich wollten sie sich alle mit ihrem Schiff identifizieren und hierzu gehört selbstverständlich nicht nur eine taktische Nummer, sondern das Schiff musste einfach einen Namen haben, nach Möglichkeit einen solchen, der auch der Aufgabenstellung ihrer Einheit gerecht werden würde. „Ich habe mich daher entschlossen, unser Schiff 66, den Hilfskreuzer A der deutschen Kriegsmarine, also den ersten Hilfskreuzer in diesem Kriege auf deutscher Seite, „Chamäleon“ zu taufen.“
Der Kommandant schaute in die Runde und bemerkte sehr wohl, dass diese Namenswahl nicht überall sichtbare Zustimmung hervorrief. „ Ich sehe Ihnen an, meine Herren“, fuhr der Kommandant fort, „dass einigen von Ihnen dieser Name für unser Schiff zu missfallen scheint. Vielleicht haben Sie sich einen kriegerischen oder aber auch einen traditionsreichen Schiffsnamen gewünscht. Ich darf Ihnen aber versichern, dass ich diesen Namen mit Bedacht gewählt habe.“ Der Kommandant machte eine Pause und nahm einen Schluck aus dem vor ihm stehenden Glas mit Fruchtsaft, in der Marinesprache Kujambel genannt. Alkohol war bekanntlich während einer Kriegsfahrt an Bord deutscher Kriegsschiffe, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht gestattet.
„Aber meine Herren“, fuhr der Kommandant fort, „ich will Ihnen begründen, was mich zu dieser Namenswahl veranlasst hat und ich hoffe und wünsche mir sehr, dass Sie mir dann beipflichten werden.“ Der Kommandant erteilte Raucherlaubnis, steckte sich selbst einen Glimmstängel an und fuhr fort, „ Aufgabe eines Hilfskreuzers ist es bekanntlich, feindliche Handelsschiffe aufzubringen bzw. zu versenken und allein durch seine bloße Anwesenheit den Gegner zu zwingen, zum Schutz seiner Versorgungslinien und zur Jagd auf einen Handelsstörer Seestreitkräfte von anderen Aufgaben abzuziehen, die somit zwangsläufig an anderen Brennpunkten fehlen und somit insgesamt die Schlagkraft der gegnerischen Flotte schwächen.“ Der Kommandant führte weiter aus, dass Hauptaufgabe eines Hilfskreuzers nicht unbedingt nur die Versenkung oder Aufbringung einer großen Zahl feindlicher Handelsschiffe sei, sondern insbesondere darin liege, sich dem Zugriff des übermächtigen Gegners solange irgend möglich zu entziehen, um den Gegner insoweit nicht zur Ruhe kommen zu lassen, in dem Bewusstsein, der Handelsstörkreuzer könne heute hier oder morgen dort zuschlagen, so dass der Gegner gezwungen war, seine Kräfte zu zersplittern, um seinen Nachschublinien den erforderlichen Schutz angedeihen zu lassen.
„Dieses Ziel, meine Herren“, setzte der Kommandant seine Ausführungen fort, „können wir nur erreichen, indem wir durch bestmögliche Tarnung und heimliches Verhalten sowenig Argwohn wie möglich wecken. Zuschlagen, aufbringen oder versenken und baldmöglichst wieder in der Weite der See zu verschwinden, ist die Devise. Unsere stärksten Waffen werden also beileibe nicht die 15-Zentimeter Kanonen oder die Torpedos sein. Vielmehr wird es weitgehend von unserer Tarnung abhängen, ob wir überleben oder nicht bzw. wie lange wir in See bleiben können? Und da Tarnung die Hauptwaffe eines Handelskreuzers ist, habe ich den Namen „Chamäleon“ gewählt.“
5. Der Durchbruch
Tage später, längst hatte der Hilfskreuzer „Chamäleon“ seinen Geleitschutz entlassen und nachdem problemlos durch Skagerrak und Kattegat in die Nordsee eingelaufen wurde, befand sich der Hilfskreuzer nunmehr auf Durchbruchkurs in den Atlantik. Der eingeschiffte Bordmeteorologe hatte Sturm und Regen, evtl. auch Hagel und Schnee für die nächsten Tage vorausgesagt. Ideales Durchbruchwetter. Vertrauend auf die Voraussagen des Meteorologen ging „Chamäleon“ auf Durchbruchkurs. Der Kommandant befahl nordwestlichen Kurs und später westlichen Kurs Richtung Grönland, um den Durchbruch in der folgenden Nacht zu versuchen. Fast auf die Stunde genau, wie vom hervorragenden Bordmeteorologen, Dr. Steinhusen, vorausgesagt, begann es in den Nachmittagsstunden aus Nordwest zu wehen. Mit Hagel durchsetzter Schneeregen prasselte aus grauen, sehr tief hängenden Wolken, auf die See herab. In den frühen Abendstunden brauste der Sturm über Deck des Schiffes. Schwer arbeitete „Chamäleon“ in der See. Der Kommandant stand in der rechten Steuerbordbrückennock, das schwere Marineglas vor der Brust hängend, und grinste den neben ihm stehenden IO an. „Na, Terra, unser Laubfrosch (Spitzname für den Bordmeteorologen) behält wohl Recht.”
„Jawohl, Herr Kaptän, hoffen wir das Beste“, versetzte der Freund und rechte Hand an Bord. Selbstverständlich wurde auch unter Freunden, die Kommandant und IO seit Jahren waren, an Bord, zumindest in Gegenwart Untergebener, die Disziplin durch förmliche Anrede gewahrt.
Der Sturm nahm zu und in der kochenden und brodelnden See rollte und stampfte das Schiff schwer. Es braute sich ein Polarorkan zusammen. Unter Deck im vorderen Mannschaftslogis meinte ein von der Handelsschifffahrt zur grauen Dampferkompanie, wie die Kriegsmarine im Jargon genannt wurde, eingezogener Seemann zu seinen Kameraden: „Ihr werdet Euch noch wundern, Jungs, ich als alter Kap-Horn Fahrer kann dazu nur sagen, dass dieses gegen die brüllenden Vierziger noch gar nichts ist. Aber die wird von Euch in diesem Kriege wohl kaum jemand zu sehen bekommen.“
Ein junger Matrosengefreiter entgegnete, „weiß man’s? Vielleicht doch.“ Ein Dritter mischte sich in das Gespräch ein, „Reiz mich doch nicht zum Lachen, du Süßwasserseemann. Mit diesem Dampfer in den Südatlantik, in Englands ureigenes Meer? Das kann ich mir beim Teufel nicht vorstellen.“ Ähnlich sprachen sich die meisten der Besatzungsmitglieder aus, die eigentlich alle zu diesem Zeitpunkt davon ausgingen, dass die Reise allenfalls in den Nordatlantik ging.
Der Hilfskreuzer lief weiter mit Marschfahrt von 10 Meilen durch die hochgehende Quersee. Immer wieder überspülten gewaltige Wogen das geräumige Oberdeck, dessen Betreten nur angeseilt, das heißt mit einem Palstek um den Bauch, gestattet war.
Das Unwetter hatte seinen Höhepunkt noch nicht erreicht. In Anbetracht der gewaltigen Elemente, die immer stärker wüteten, gab der Kommandant seine Absicht, das Nord-Kap vor Island schon gegen Morgen zu runden, auf. Die derzeitige Marschfahrt von 10 Meilen konnte nicht beibehalten werden und so gab Waldau Anweisung, auf Umdrehungen für 7 Meilen zurückzugehen. Die Sicht wurde immer schlechter und auch nach dem Hellwerden würde die Sicht nur wenige 100 Meter betragen. Ideales Durchbruchwetter. Gegen 2.00 Uhr morgens war aus dem Sturm ein wilder alles verschlingender Orkan geworden, der langsam auf Nordost zu drehen begann. Alles an Bord war gezurrt. Die Besatzungsmitglieder, denen noch keine Seebeine gewachsen waren, erhielten nun einen Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte. Die ersten Verletzten, meistens Platzwunden durch Stürze – auch ein Unterschenkelbruch –, wurden im Bordlazarett versorgt. Freistehend vermochte sich niemand mehr an Deck zu halten. Das ganze Schiff war mit einer glatten Eisschicht überzogen.
Immer wieder wälzten sich schwere, schräg von vorn anlaufende Brecher über Bord.
Gegen Vormittag des folgenden Tages steuerte „Chamäleon“ auf die Enge der Dänemark-Straße zu. In den Sommermonaten ist die Dänemark-Straße zwar eisfrei und in dieser Zeit auch ca. 300 Kilometer breit, in dieser Zeit der Stürme allerdings sind Wellenhöhen von bis zu 15 Metern nicht selten. Hinzu kommt, dass der natürliche Stau in der engen Dänemark-Straße, die sich auf Land zu wälzenden Wassermassen aufstaut, wodurch – wie auch jetzt zum Durchbruch der „Chamäleon“ Kreuzseen mit wirr durcheinanderlaufenden systemlosen Wellen erzeugt wurden, in denen das mehr als seetüchtige zum Kriegsschiff umgebaute Frachtschiff wie ein Spielball in den Wellen hin und her geworfen wurde. Das Schiff arbeitete einfach fürchterlich, torkelte hin und her, wie ein weit unterlegener Boxer unter den Hieben eines Schwergewichtsmeisters wie Max Schmeling. Die Besatzung wurde über Gebühr beansprucht. Dieses galt selbstverständlich auch für die Schiffsführung, die, ob Kommandant oder erster Offizier, keine Minute die Brücke verließ. Die Freiwache verkeilte sich mit Knien, Füßen und Ellenbogen in den Kojen bzw. Hängematten, wobei nur altgediente Seeleute auch noch etwas Schlaf fanden.
Angestrengt spähten Ausgucks und Offiziere auf der Brücke durch die schweren Marinegläser in die Dunkelheit. Besorgt schaute der Kommandant auf das Wüten der Elemente. Mit leichtem Grinsen sah er den 2. Offizier an und meinte aufmunternd, „ Na, Semmler, noch nicht ganz seefest?“
„Nein, Herr Kaptän“, versetzte der II.O, dessen Gesicht mit leicht grünlicher Farbe überzogen war, „wer dieses Wetter erlebt, kann sich über den Feind nur noch freuen.“ Der Kommandant grinste, „na, na, mein Lieber, seien Sie froh, dass Sie dieses Wetter nicht auf einem Kreuzer abreiten müssen.“ „Nein, Herr Kaptän“, entgegnete der II O, dem man ansah, wie schlecht es ihm ging, mit Galgenhumor, „aber auf einem getauchten U-Boot auf 40 bis 50 Meter Wassertiefe, wäre mir bestimmt wohler.“ Der Kommandant freute sich, die Stimmung an Bord war nach wie vor gut und das schlechte Wetter geradezu ein Himmelsgeschenk, bestand schließlich kaum Gefahr, von einem der Überwachungskreuzer des Feindes gesichtet zu werden.
Ständig drehte sich die Haube des Dete-Gerätes im Vormars, Der Kommandant ließ bis zur äußersten Sicherheitsgrenze auf den Eisrand zudrehen und das Schiff setzte seinen Durchbruchkurs fort. Gegen Mittag hatte die Sicht noch weiter abgenommen, der Orkan schwächte sich aber ab. Das Schiff lag jetzt bei genau achterlichem Wind etwas ruhiger in der See. Im Schiffsinneren wurde aufgeklart und Ordnung geschafft.
In den Nachmittagsstunden war die See jetzt unwirklich langgestreckt. Der Intervall zwischen Wellental und Wellenberg betrug über 200 Meter. Die schweren, das Schiff überflutenden Brecher, hatten abgenommen, dennoch bestand weiter Lebensgefahr die mit einer spiegelglatten tückischen Eisschicht überzogenen Decks zu betreten.
Unablässig arbeitete das Echolot, um die Wassertiefen zu kontrollieren. Der Navigationsoffizier verglich die angezeigten Tiefen mit den in den Seekarten eingetragenen Angaben. Nach wie vor war es unmöglich eine warme Mahlzeit in der Kombüse zu bereiten. Der Kommandant wanderte ruhelos in seiner Brückennock auf und ab und befahl schließlich: „Smutje auf die Brücke!“ Kurz darauf erschien der für das leibliche Wohl der Besatzung wichtigste Mann, der Kochobermaat Sven Pagelsdorf und baute sein Männchen. „Mein lieber Pagelsdorf“, versetzte der Kommandant, „ich habe volles Verständnis für Ihre Probleme, aber ich erwarte einfach, dass die Männer etwas warmes in den Magen bekommen. Das haben wir alle verdient.“
„Jawohl, Herr Kaptän“, versetzte Kochobermaat Pagelsdorf, „eventuell ließe sich ja eine heiße Erbsensuppe, natürlich nur aus Dosen, mit Wursteinlage, bereiten.“
„Gut, mein Lieber“, zeigte sich der Kommandant befriedigt, „dann mal los, ich verlasse mich auf Sie.“ Mit einem Grinsen und den Worten: „Mir knurrt nämlich auch der Magen“ verabschiedete der Kommandant den von ihm sehr geschätzten Küchenmeister.
Und tatsächlich, 2 Stunden später, war es Wirklichkeit geworden und alle Mann an Bord löffelten mit Behagen die hervorragend bereitete kräftige Eintopfmahlzeit.
Gegen Abend betrug die Sicht knapp 200 Meter. Die engste Stelle der Dänemark-Straße war bereits passiert, als das Dete-Gerät aus 5.000 Meter Steuerbord querab ein Ziel ortete. Der Hilfskreuzer wich aus, vergrößerte damit den Abstand und bald wanderte das Ziel aus. Wahrscheinlich ein britischer Kontrollkreuzer, der zur Bewachungskette des Gegners für die Dänemark-Straße gehörte. Glücklicherweise verfügte der Gegner noch über kein gleichartiges Funkmessgerät, so dass eine Meldung, die die ganze englische Flotte alarmiert hätte, nicht zu befürchten war.
„Ein Glück, Herr Kaptän“, versetzte der IO, Graf Terra, der ebenso wie der Kommandant seit mehr als 24 Stunden auf den Beinen war, „dass der Gegner nicht über unsere technischen Möglichkeiten verfügt.“
Getarnt als norwegischer Frachter Olav V stand der Hilfskreuzer „Chamäleon“, Schiff 66 der deutschen Kriegsmarine, gegen 6.00 Uhr am Morgen des darauffolgenden Tages bereits hinter der engsten Stelle der Dänemark-Straße mit Marschfahrt von 15 Seemeilen. Man sah an Bord den Durchbruch schon fast als erfolgreich abgeschlossen. Der Kommandant, Korvettenkapitän Waldau, hatte sich im an die Brücke angrenzenden Kartenraum in voller Montur zur Ruhe begeben.
„Meldung von Dete-Gerät“, meldete der Befehlsübermittler, Matrosengefreiter Müller II. Der wachhabende IO, Graf Terra, zuckte zusammen und griff den ihm entgegengereichten Hörer der Bordsprechanlage. „IO, was liegt an?“
„Dete-Gerät fasst Ziel rechtweisend 30 °, Entfernung 55 hm (Hektometer) auf“, folgte sofort die Meldung des wachhabenden Funkmess-Gasten.
„Verstanden, Schiff dreht Backbord zwanzig, alle Veränderungen sofort melden!“, Terra legte auf und wies den Rudergänger an, 20 ° nach Backbord abzudrehen. „Backbord 20 liegt an, Herr Kaleu“! Die Bestätigung erfolgte postwendend. „BÜ, Kommandant wecken!“, befahl der IO. Knapp zwei Minuten später war der Kommandant auf der Brücke.
„Dete-Gerät hat Ziel an Steuerbord, Entfernung 5500 aufgefasst, Herr Kaptän. Ich habe 20 ° nach Backbord abdrehen lassen“, meldete der IO seinem Freund und Kommandanten.
„Danke, Terra“, versetzte dieser. In diesem Moment schrillte erneut das Bordtelefon. Der Kommandant nahm selbst ab.
„Zweites großes Ziel Backbord 30 °, Entfernung 60 hm“, meldete der diensthabende Funkmess-Gast.
„Verstanden.“ Der Kommandant legte auf und befahl, „klar Schiff zum Gefecht!“ Sekunden später gellten die Alarmglocken durch das Schiff und ein jeder Mann an Bord hastete auf seine Gefechtsstation.
„Vermutlich britischer Kontrollkreuzer“, versetzte der Kommandant, Ausgucks verdoppeln!“ Nach wie vor umfing glücklicherweise fast absolute Dunkelheit das Schiff. Lediglich das Kielwasser sowie der Schnauzbart am Bug des Schiffes leuchteten silbern auf. Waldau überlegte fieberhaft, was zu tun sei? Sollte er die Geschwindigkeit erhöhen und versuchen, zwischen beiden Zielen durchzustoßen, trotz der Gefahr, dass das dann heller aufwirbelnde Kielwasser evtl. bei noch weiterer Annäherung der Gegner zum Verräter werden würde oder sollte er die Fahrt aus dem Schiff nehmen in der Hoffnung, dass der Gegner an ihm vorbeistoßen möge? Das erneute Summen des Bordtelefons unterbrach seine Überlegungen. „Ziel an Steuerbord wandert aus“, kam die Meldung vom Dete-Gerät. „Ziel an Backbord aufkommend, Entfernung jetzt 4000.“
„Steuerbord 20, Maschinen Umdrehen 14 Meilen! Feuererlaubnis nur auf mein ausdrückliches Kommando!“, kamen die nächsten Befehle der Kommandanten. Alle Ausgucks einschließlich der Offiziere auf der Brücke starrten angestrengt durch die schweren Marinenachtgläser in Richtung der Gegnerpeilung. In Anbetracht der Unsichtigkeit allerdings noch ein vergebliches Unterfangen.
„Ziel an Steuerbord ist ausgewandert, keine Peilung mehr – Ziel Backbord weiter aufkommend, Entfernung 3000, Gegner-Peilung nunmehr Backbord 90 °.“
Alle Augen auf der Brücke richteten sich auf den Kommandanten. Dieser reagierte sofort, „Maschine Umdrehungen auf sieben Meilen reduzieren, Steuerbord 20 °!“ Der Kommandant verringerte die Fahrt weiter, um sich dem nunmehr auf gleicher Höhe befindlichen Gegner nicht durch das aufwirbelnde Kielwasser zu verraten. Die Sekunden strichen dahin, endlich kam die befreiende Meldung des Dete-Gerätes „Gegner wandert aus, Entfernung jetzt 4000.“ Kurz darauf „Entfernung 5000.“ Wieder einige Minuten später: „Keine Peilung mehr.“
Der Kommandant ließ den Kurs noch 30 Minuten beibehalten, um dann auf den ursprünglichen Auslaufkurs zurückzugehen. „Chamäleon“ strebte dem Nord-Atlantik zu. Der Durchbruch war gelungen.
6. Die erste Beute
Am Sonntagmorgen, der Kalender zeigte den 3. Dezember 1939, wurde die gesamte Besatzung – soweit auf ihren jeweiligen Stationen entbehrlich – zur Kommandantenmusterung gepfiffen. Von Tag zu Tag war es wärmer geworden und Mäntel, Schals, Südwester und ähnliche Ausrüstungs- und Kleidungsstücke waren längst aus dem Bordbild verschwunden. Die Besatzung trat im „Sommeranzug“ an und auch die Offiziere erschienen in weißen Hosen.
„Besatzung angetreten, Herr Kaptän“, meldete der IO, Graf Terra, dem Kommandanten. Korvettenkapitän Waldau dankte und musterte die angetretene Besatzung und betrat die für ihn aufgebaute Palaverkiste, ein vom Schiffszimmermann und seien Gehilfen gefertigtes Podest, das dem Kommandanten erlaubte, seine Besatzung insgesamt überschauen zu können.
„Offiziere und Besatzung – Kameraden! In der letzten Nacht haben wir die Linie des 40. Breitengrades überschritten – also etwa die Linie Madrid/New York – und damit unser erstes Operationsgebiet erreicht. Ab jetzt beginnt unsere eigentliche Aufgabe, nämlich die Führung des Handelskrieges. Unsere Aufgabe ist es in erster Linie, einzeln fahrende gegnerische Handelsschiffe anzugreifen, nach Möglichkeit zu stoppen, die Besatzung zu übernehmen und die Schiffe dann, wenn Wert des Schiffes und der Ladung dieses rechtfertigen, mit einem Prisenkommando zu bemannen und nach einem eigenen Hafen in Marsch zu setzten. Sollte dieses nicht in Betracht kommen – und das wird leider häufig der Fall sein – so ist es unsere Aufgabe, nach Übernahme der Besatzung des Gegnerdampfers, diesen zu versenken. Um Munition und vor allem auch Torpedos zu sparen, werden aufgebrachte Gegnerschiffe, die als Prisen nicht geeignet erscheinen, durch Anbringen von Sprengpatronen versenkt.“
„Es ist nicht unsere Aufgabe, gesicherte Geleitzüge anzugreifen. Hierzu ist das Schiff auch – wie Ihnen allen bekannt sein sollte – weder artilleristisch, noch von seiner Geschwindigkeit her in der Lage. Schon gar nicht dürften wir uns auf irgendwelche zweifelhaften Aktionen, bei denen wir selbst Treffer erhalten könnten, einlassen, da auch die „Chamäleon“ – wenn sie auch als Hilfskreuzer aufgrund ihrer durchaus respektablen Bewaffnung eine kampfkräftige Einheit darstellt – sie durch die nicht vorhandene Panzerung außerordentlich verwundbar bleibt. Ein unglücklicher Treffer allein kann die ganze weitere Unternehmung gefährden oder unmöglich machen. Ich sage dieses, damit Sie von vornherein verstehen, weshalb auf Geleitzüge oder auch durch Kriegsschiffe des Gegners gesicherte Frachter nicht operiert wird, sondern diesen auszuweichen ist. Das gleiche gilt übrigens auch für reine Passagierschiffe, auch wenn diese mutmaßlich als Truppentransporter angesehen werden können. Die Begründung hierfür liegt auf der Hand. Wie sollen wir schließlich evtl. tausend oder gar zwei- oder dreitausend Mann Besatzung und eingeschiffte Truppen an Bord nehmen?“
Waldau führte weiter aus, dass er soweit möglich sich seiner zusätzlichen Augen, nämlich des Bordflugzeuges, bedienen wolle und setzte abschließend für die erste Sichtung eine Kiste Becks Bier als Prämie für den erfolgreichen und aufmerksamen Ausguck aus. Für alle übrigen Sichtungen lobte er jeweils sechs Flaschen Becks Bier aus mit dem Hinweis, dass diese Prämie jedes Besatzungsmitglied erhalte, egal ob Ausguck oder nicht, was auch als zusätzlicher Ansporn für Freiwächter und sonstige nicht als Ausgucks eingeteilte Seeleute gedacht war. Eine Maßnahme, die mit lautem Beifall begrüßt wurde.
Am nächsten Morgen hatte es aufgebriest, die See ging etwa mit Stärke 6 und das Schiff arbeitete merklich in der bewegten See. Aus diesem Grunde hatte sich Waldau entschlossen, auf den Start des Bordflugzeuges zu verzichten, um Beschädigungen der verwundbaren Maschine zu vermeiden. In weiten Suchschlägen kämmte der Hilfskreuzer die See ab. Alle Ausgucks – acht an der Zahl – beobachteten unablässig die ihnen zugewiesenen Sektoren. Kommandant und IO hatten sich zusammen mit dem Navigationsoffizier, dem ehemaligen Kapitän der deutschen Handelsmarine und jetzigen Leutnant zur See (S) Wilhelm Kleinhausen, einem 48jährigen Bremer, in das Kartenhaus zurückgezogen, um die nächsten Kurse festzulegen.
Der Artillerieoffizier, Oberleutnant zur See Fritz Bolte, exerzierte derweil mit den Bedienungen der 15-Zentimeter Kanonen. Immer wieder wurde das Enttarnen der Geschütze, das Laden und Richten der Rohre auf einen imaginären Gegner geübt. Wenn der Besatzung auch durchaus klar war, dass nur stetige Übung letztendlich im Ernstfall auch die dann erforderliche Routine vermittelte, so wurde doch – zumindest unterdrückt – über das immer wiederkehrende Rollenexerzieren geflucht. Ähnlich betroffen waren auch die Mannschaften auf allen anderen Stationen des Schiffes. Eine Rollenübung löste die andere ab. Mal hieß es „Feuer im Schiff“, dann wieder „Mann über Bord.“
Auf steuerbordvorderen Ausguckposten stand der Matrosenobergefreite Jochen Dunker, ein 20jähriger Ostpreuße, der als Fischer durchaus mit der See vertraut war. Unablässig hielt er das schwere Marineglas an die Augen und suchte den ihm zugewiesenen Sektor ab. Plötzlich stutze er, nahm das Glas von den Augen, rieb dieses und hob das Glas erneut. „Doch“, er hatte sich nicht geirrt. Ein nadelfeiner dunkler Streifen stand über der Kimm.
„Rauchfahne Steuerbord 30°“, meldete er. Der wachhabende zweite Offizier, Oberleutnant zur See Uwe Semmler, stürzte an die Brückennock und hob ebenfalls das Glas. Nichts. Er verließ die Brücke und hastete zum Ausguck. „Wo denn, Mann, ich sehe nichts?“ „Doch Herr Oberleutnant“, entgegnete der Matrosenobergefreite Dunker in der ihm eigenen bedächtigen Art und wies dem Offizier die genaue Richtung. Jetzt sah es auch Semmler. „Gut gemacht, die Kiste Becks ist Ihnen sicher.“ Der Oberleutnant klopfte dem Ausguck auf die Schulter und strebte eilig wieder auf die Brücke.



