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Dr. Sieglinde Hammerschmidt-Blume folgte ihr in ihrem grünen BMW-Coupé und nestelte in ihrer Handtasche nach dem Prepaid-Handy, das sie sich beim letzten Flohmarktbesuch geleistet hatte. Sicher geklaut und nur noch zwei Euro Guthaben, aber für den beabsichtigten Zweck bestens geeignet, da Rückschlüsse auf sie vermieden wurden. Ihr eigenes Handy oder auch das Autotelefon konnte sie natürlich nicht benutzen um die Polizei zu verständigen. Zumindest nicht anonym, da auch bei Rufnummernunterdrückung bei den Notrufzentralen die Klarnummer des Anrufers auf dem Display erschien, wie sie als Juristin nur zu genau wusste.
Sie tippte und vergewisserte sich, dass die Zahlen 110 auf dem Handy aufleuchteten. Kaum war der grüne Hörer gedrückt, da meldete sich bereits nach dem ersten Freizeichen eine weibliche Stimme: „Polizeinotruf!“
„Ja, ich wollte nur melden, dass vor mir ein rotes Mercedes-Cabrio in Schlangenlinien unterwegs ist!“
„Ja, und wer sind Sie?“, klang die Stimme der Einsatzleitstelle der Polizei aus dem Mobiltelefon.
„Das tut nichts zur Sache. Hauptsache, Sie holen diese Person von der Straße!“, verweigerte Sieglinde die Auskunft und gab noch das Kennzeichen des Mercedes, sowie ihren Standort, durch und unterbrach die Verbindung. Sie überlegte kurz und entschloss sich dann, dem roten Sportwagen weiter zu folgen. Dass die Polizei Etta stoppte und pusten ließ und dann ja zur Blutentnahme auf die Wache bringen würde, das wollte sie sich nicht entgehen lassen.
Oh, was war das denn? Sieglinde war der festen Meinung, dass die angeschickerte Etta doch wohl auf dem Heimweg nach Bönningstedt wäre, aber wieso bog die dann jetzt ab? Wenn die jetzt ganz woanders hinführe, dann würde die Polizei sie ja vielleicht gar nicht schnappen. Oh wie gut, dass sie ihrem Impuls gefolgt und ihr weiter nachgefahren war. Sie griff nach ihrer teuren Handtasche und suchte das Flohmarkthandy. Wo war das verdammte Ding nur? Ah, da! Während ihrer Suche hatte sie allerdings mehr in ihre sündhaft teure Designertasche geschaut, als auf die Straße geachtet und nicht gemerkt, dass sie mit ihrem Auto immer weiter nach rechts an den Fahrbahnrand geriet. Gerade richtete sie den Blick wieder auf die Straße, da knirschte es auch schon hässlich. Oh nein, nun hatte sie doch tatsächlich einen parkenden Wagen gerammt. Sie blickte in den Spiegel. Ach, so eine alte Blechschaukel. Natürlich würde sie gleich umkehren und ihre Karte hinter den Scheibenwischer stecken, aber erst einmal die Polizei auf den Umstand hinweisen, dass der rote Mercedes jetzt abgebogen war. Sie drückte die Wahlwiederholung, als sie auch schon im Spiegel ein blaues Flackern bemerkte. Ach, da ist die Polizei ja schon, freute sie sich. Gleichzeitig meldete sich die Einsatzleitstelle: „Polizeinotruf!“
„Äh, ja, ich bin es nochmal, der rote Mercedes ist Richtung Innenstadt abgebogen und …“ Sie legte auf, als sie das zuckende Blaulicht direkt hinter sich bemerkte und der Streifenwagen jetzt auch sein Martinshorn aufjaulen ließ. Da schor der blau-silberne VW-Variant auch schon aus, überholte ihren BMW und – sie glaubte es ja nicht – aus dem rechten Seitenfenster kam ein Arm mit Kelle heraus und forderte sie zum Anhalten auf. Gleichzeitig bremste der Polizeiwagen stark ab, so dass sie ebenfalls bremsen musste, wenn sie nicht auffahren wollte.
„Die Bullen sind ja noch blöder, als ich gedacht habe“, murrte sie halblaut vor sich hin.
Da öffnete sich die rechte Tür des Passats und ein Beamter stieg aus. Gemächlichen Schrittes näherte sich der noch junge Mann in seiner dunkelblauen, fast schwarz wirkenden Dienstkleidung, die eigentlich nicht mehr wie eine Uniform aussah, sondern sie eher an einen Mechaniker im Blaumann oder einen Wachmann denken ließ. Eine weiße Mütze setzten die Burschen heutzutage wohl auch nicht mehr auf. Schrecklich dieser Verfall der Sitten, ging ihr durch den Kopf. Sie ließ die Scheibe runter und fuhr den jungen Beamten an: „Wieso halten Sie mich an? Da vorn, gleich links, ist die betrunkene Frau mit dem roten Mercedes abgebogen. Da müssen Sie hinterher. Nun machen Sie schon!“
Die eben noch neutral, fast freundlich wirkenden Gesichtszüge des schlanken Mannes mit den kurzgeschnittenen, blonden Haaren veränderten sich schlagartig. Ein ironisches Grinsen glitt über sein Gesicht, als er etwas lauter als nötig erwiderte: „Ich mache gar nichts. Sie machen, und zwar als erstes den Motor aus. Dann reichen Sie mir Führerschein und Fahrzeugschein und danach steigen Sie aus!“
Sieglinde glaubte nicht richtig zu hören. „Ja, was fällt Ihnen denn ein? Sie wissen wohl nicht, wer ich bin?“
„Nein, aber gleich werde ich es wissen“, kam es unfreundlich zurück. Gleichzeitig griff er in das Fahrzeug, drehte den Zündschlüssel um und zog ihn aus dem Schloss.
„Sind Sie jetzt total verrückt geworden?“, fauchte Sieglinde, „das wird Sie teuer zu stehen kommen!“
Der Beamte winkte in Richtung Funkwagen und meinte gleichzeitig in geradezu herablassendem Tonfall: „Teuer mag stimmen, aber für Sie und jetzt raus aus dem Wagen, oder ich helfe nach!“
Sieglinde verschlug es die Sprache, was seit Jahr und Tag nicht mehr vorgekommen war. Halt, stimmt ja nicht. Erst vor wenigen Tagen, als der Stammtisch „Ladies Power“ sie abgelehnt hatte.
Mittlerweile hatte der zweite Beamte seinen Kollegen erreicht. „Was gibt’s?“
„Diese Dame beliebt sich für etwas Besseres zu halten. Ich habe ihr schon den Schlüssel abgenommen, weil sie den Motor trotz mehrmaliger Aufforderung nicht ausgemacht hat. Papiere hat sie auch nicht rausgerückt und aussteigen will sie wohl auch nicht freiwillig.“
„Na, wenn’s weiter nichts ist, das haben wir gleich!“ Er öffnete die Tür, packte die Frau am linken Oberarm und zog sie aus dem Wagen.
„Aua, Sie Flegel, Sie tun mir weh!“, empörte sich Sieglinde Hammerschmidt-Blume. „Das ist Körperverletzung im Amt. Ich werde Sie anzeigen. Sie sind die längste Zeit Polizist gewesen. Darauf können Sie sich verlassen, Sie Rüpel!“
Der große, gut über einen Meter und neunzig messende und wohl auch an die neunzig Kilo schwere Beamte musterte sie mit abfälligem Blick von oben bis unten und fuhr sie dann an: „Jetzt halten Sie endlich die große Klappe, sonst lege ich Ihnen Handschellen an!“
„Was? Das, das wagen Sie nicht. Ich bin Dr. Sieglinde Hammerschmidt-Blume!“ Triumphierend blickte sie zu ihm hoch.
„Schön für Sie, und ich bin Polizeiobermeister Bernd Bühse und werde langsam sauer. Verstanden?“
„Wenn wir schon bei den Vorstellungen sind, ich bin Wolf Winkler, Polizeioberkommissar, und fordere Sie letztmalig auf, mir Führerschein und Fahrzeugschein auszuhändigen!“
„Haben Sie nicht gehört, ich bin Frau Dr. Hammerschmidt-Blume. Mein Mann ist der Staatsrat im Finanzresort.“
„Ja und? Kann ich was dafür?“, lautete die jetzt auch unfreundliche Erwiderung.
Dann wandte er sich an seinen Kollegen. „Hol ihre Tasche aus dem Wagen, aber erst hier öffnen!“ Kurz darauf durchsuchte der Oberkommissar die Tasche nach den Papieren, fand diese schließlich in einer ebenfalls teuren Hülle aus feinstem Leder und stellte fest: „Na also, Ihre Angaben zur Person stimmen ja jedenfalls. Haben Sie überhaupt begriffen, weshalb wir Sie angehalten haben?“
Sieglinde guckte verwundert. „Natürlich, wegen des roten Mercedes! Aber der ist ja jetzt weg. Das haben Sie fein hingekriegt. Alle Achtung, kann ich da nur sagen!“
Die beiden Polizisten wechselten einen verdutzten Blick.
„Von einem roten Mercedes wissen wir nichts. Interessiert uns auch nicht. Wir haben Sie angehalten, weil Sie einen anderen Wagen angefahren haben und einfach weitergefahren sind. Das nennt man Unfallflucht und wird in der Regel mit Geldstrafe und Führerscheinentzug geahndet.“
„Wie bitte? Das ist doch nur passiert, weil ich nach meinem Handy gesucht habe, um ihrer Kollegin, die ich bereits auf die angetrunkene Fahrerin hingewiesen habe, mitzuteilen, dass der Mercedes abgebogen ist.“
Sieglinde schwante plötzlich, dass Sie wohl an die Falschen geraten war. Die beiden ließen sich nicht davon beeindrucken, wer sie war.
„Das wird sich doch alles aufklären lassen“, versuchte sie jetzt freundlich zu werden.
„Wird sich ganz sicher. Sie steigen jetzt bei uns ein und alles Weitere regeln wir auf der Wache“, lautete die weniger freundliche Antwort.
Etta von Tarla-Hippenstedt hatte von alledem nichts mitbekommen. Mit einem Mal war ihr der Einfall gekommen, dass der Abend doch noch nicht enden brauchte. Meist immer, wenn sie zu viel flüssigen Seelentröster zu sich genommen hatte, benötigte sie entweder seelischen oder auch körperlichen Trost. So wie auch heute. Also machte sie einen Ad-hoc-Termin bei Ben, den sie so alle Woche einmal aufzusuchen pflegte. Psychologen waren fast genauso teuer, schwafelten aber für ihr teures Honorar nur rum, wie sie bei mehreren Versuchen festgestellt hatte. Ben hingegen war sein Geld wert – und zwar in jeder Beziehung. Gut zureden konnte er ihr allemal besser und in seinem Bett lag es sich auch schöner. Also nahm sie einen entsprechenden Kurswechsel vor und ersparte sich damit einigen Ärger, wie sie gut drei Stunden später feststellen durfte.
Ja, Ben, der achtundzwanzigjährige Student der Philosophie, hatte seine eigene Lebensphilosophie längst gefunden. Mit dem Studium ließ er es langsam angehen, denn in einer späteren Anstellung würde er kaum mehr verdienen, als jetzt. Und mehr Spaß hatte er so ohnehin. Also, solange er Spaß an der Sache hatte und sich seine Kundinnen aussuchen konnte, nach Gefallen und Entlohnung seiner Leistungen, was sprach dagegen? Eigentlich nichts, befand er, denn konditionell war er absolut auf der Höhe. Nach etwas schweißtreibender, körperlicher Betätigung, vier Tassen kräftigem Mocca, den der junge Mann hervorragend zu brauen pflegte, befand er, dass Etta es verdient hätte, von ihm mit ihrem Wagen nachhause gefahren zu werden. Diese erhob, zu ihrem Glück, keinen Einspruch, sondern legte noch einen grünen Lappen mit zwei Nullen drauf. Gut angelegtes Geld, wie sie bei ihrer Ankunft in Bönningstedt feststellen durfte.
In der Nähe ihres großzügigen Grundstückes mit langer, kiesbestreuter Auffahrt zum weißen Bungalow mit angebauter Doppelgarage stand ein Polizeiwagen. Dieser setzte sich in Bewegung, als Ben das rote Cabrio die Auffahrt passieren ließ und kaum, dass der Mercedes in der rechten Garagenhälfte geparkt war, war auch der Streifenwagen vorgefahren und ein schon etwas älterer Beamter stieg aus und näherte sich.
„Nanu, was will denn die Polizei von dir, Etta?“, fragte Ben verwundert tuend.
„Keine Ahnung“, verkündete diese, jetzt wieder einigermaßen fest auf ihren Füßen stehend.
„Polizeihauptmeister Scholz“, stellte sich der etwa fünfundvierzigjährige Beamte vor, „wir haben den Hinweis erhalten, dass ihr Fahrzeug in Hamburg, im Bereich der Außenalster, auffällig bewegt worden ist. Da die Hamburger Kollegen den Wagen nicht auffinden und anhalten konnten, bin ich jetzt hier, um den Sachverhalt zu klären. Sie sind doch Frau v. Tarla-Hippenstedt, die Halterin des Mercedes?“
„Allerdings. Worum geht es denn?“ Sie stutzte: „Ach so, weil ich bei meinem … äh … Freund hier, das eine oder andere Glas Champagner zu mir genommen habe? Da haben Sie Pech, Herr Wachtmeister, darum eben hat Ben mich ja gefahren.“
„So ist es“, bestätigte dieser eilfertig.
„Nun ja, das habe ich auch gesehen“, räumte Polizeihauptmeister Scholz ein, „aber vorher, da hatten Sie nichts getrunken?“ Er sah Etta genau in die Augen.
„Nein, wenn ich fahre, trinke ich nie!“, behauptete diese steif und fest.
„Von wo sind Sie denn gekommen, als die Anruferin oder auch der Anrufer, das weiß ich nicht so genau, ihre unsichere Fahrweise gemeldet hat?“
Etta lachte laut auf: „So nicht, Herr Polizist, so fragt man Leute aus. Das geht Sie gar nichts an. War’s das? Dann schönen Tag noch!“
Was sollte er machen, der Beamte? Recht hatte sie ja. Es ging ihn wirklich nichts an. Und der junge Kerl, der war ja tatsächlich gefahren. Sicher so ein Callboy, der sich mit seinem naturgewachsenen Arbeitsgerät einen schönen Lenz machte. Erst bei dem Gedanken bekam sein Gesicht einen mürrischen Ausdruck. So schlecht sah die Alte doch gar nicht aus, da hätte er sich doch auch nochmal, ohne finanzielle Interessen, geopfert. Aber in den Kreisen, da hatte man als kleiner Polizist wohl keine Chancen. Mit diesen Gedanken fuhr er los und erstattete auf der Heimfahrt zur Station Bericht.
Etta ihrerseits aber überlegte noch lange, wer ihr hier die Bullen auf den Hals gehetzt hatte? Von den Ladies war es keine gewesen, da war sie sich sicher, aber wer denn dann?
Währenddessen hatte diejenige, der Etta den Besuch des doch eigentlich ganz freundlichen Polizisten Scholz zu verdanken hatte, es mit wesentlich rüpelhafteren Beamten, zumindest ihrer maßgeblichen Meinung nach, zu tun. So eine Behandlung war eine Dr. jur. Sieglinde Hammerschmidt-Blume nicht gewöhnt. Weiß Gott nicht! Alles in ihr schrie förmlich nach Vergeltung.
Kaum hatte sie das Polizeikommissariat 29 in der Sierichstraße betreten, verlangte sie lauthals den Chef zu sprechen. „Alles zu seiner Zeit. Jetzt setzen Sie sich erst einmal hier hin und mäßigen sich. Dann nehmen wir Ihre Personalien auf und danach können Sie sich zur Sache äußern. Bis dahin können Sie sich ja auch überlegen, ob Sie mit einem Atemalkoholtest einverstanden sind?“, fuhr der lange Flegel von Polizist sie an.
„Ich denke ja gar nicht daran. Jetzt holen Sie mir sofort Ihren Vorgesetzten, Sie Lümmel!“, keifte Sieglinde zurück, was ihr die Aufmerksamkeit der weiteren Beamten im Raum einbrachte.
„Holla, was habt ihr denn da für einen Vogel aufgegabelt, Bernd“, fragte eine jüngere Frau, die auf die Tastatur eines Computers einhämmerte.
„Ein ganz besonderes Exemplar, weit entrückt von uns normal Sterblichen. Schrammt fremde Autos, hält es aber nicht für nötig anzuhalten. Faselt aber was von Staatsrat als Ehemann, als ob ihr das hier Sonderrechte einräumt. Will den Chef sprechen. Ist ja vielleicht auch besser. Ist Kalle da?“
Die junge Frau mit den dunkelbraunen, zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren nickte. „Ich hole ihn!“
Kurz darauf kehrte die kleine Polizeimeisterin mit dem Dienstgruppenleiter, wie der Wachhabende heute korrekt bezeichnet wird, im Schlepptau zurück. Dieser, ein etwa fünfzigjähriger, großer und schwergewichtiger Mann mit vollem dunklen Haar, das mit grauen Strähnen durchsetzt war, guckte interessiert auf die lange, dürre Frau, die ihm erwartungsvoll entgegenblickte.
„Was gibt es, das meine Anwesenheit hier erforderlich macht? Werdet ihr mit einer Frau – das ist doch eine Frau, wie ich vermute – die Unfallflucht begeht, nicht mehr allein fertig?“
„Was erlauben Sie sich? Natürlich bin ich eine Frau. Ich bin Frau Doktor Sieglinde Hammerschmidt-Blume!“ Erwartungsvoll blickte sie ihn an. Die Antwort allerdings fiel beileibe nicht so aus, wie sie es erwartet hatte.
„Schön, wenn Sie das sagen. Das ändert aber nichts daran, dass Sie hier sind, weil Sie einer Straftat verdächtigt werden, nämlich der Verkehrsunfallflucht gemäß § 142 Strafgesetzbuch.
Ich weise Sie darauf hin, dass alles, was Sie von jetzt an sagen, gegen Sie verwendet werden kann. Wenn Sie einen Anwalt wünschen, können Sie gern anrufen. Sie brauchen sich zur Sache auch nicht äußern oder können dies über einen Rechtsanwalt tun.“
Damit drehte er sich um und wandte sich an die Beamten, die Sieglinde hereingebracht hatten. „So und nun macht weiter, wie es sich gehört. Wenn Verdacht auf Trunkenheit besteht, denkt an den Richtervorbehalt wegen der Blutprobe.“ Mit diesen Worten entfernte sich der Polizeihauptkommissar wieder, ohne die ihm entsetzt nachblickende Frau noch eines weiteren Blickes zu würdigen.
Immerhin schien sie das etwas – wenn auch nur kurzfristig – zur Vernunft zu bringen. Mit dem Hinweis darauf, dass sie ja schließlich selbst promovierte Juristin sei, verzichtete sie auf anwaltlichen Beistand und willigte in einen Atemtest ein, der nullkommanull Promille ergab. Daraufhin behielt sie ihre Fahrerlaubnis – zunächst – wie ihr erklärt wurde und es blieb bei der Anzeige wegen „Unerlaubten Entfernens vom Unfallort“, wie die Unfallflucht so schön im Gesetz bezeichnet wird.
Donnerstag, kurz vor neunzehn Uhr. Ein schöner Tag, auch am Abend war es noch sommerlich warm. Eigentlich ein Grund, um trotz der bald eintretenden Dunkelheit, den Tag auf der luftigen Terrasse zu verbringen. Dennoch hatten die Ladies vom Stammtisch „Ladies Power“ sich in eines der drei Hinterzimmer, von denen eigentlich das größte auch als kleiner Saal bezeichnet werden konnte, zurückgezogen. Das, was zu Erörtern anstand, war schließlich nicht für fremde Ohren bestimmt.
Nachdem Etta v. Tarla-Hippenstedt die Gesprächsrunde in ihrer Eigenschaft als Gründerin und auch ohne Wahl als Vorsitzende akzeptierte Autorität eröffnet hatte, meldete sich die junge Rita Schaller zu Wort und verkündete: „So, Ladies, bevor wir jetzt zu den Problemen von Member Erika und auch Member Helga und Anne kommen, hatte ich ja schon angedeutet, dass ich eine interessante Neuigkeit für uns alle habe. Nachdem ja schon manchmal in den hiesigen Zeitungen über uns berichtet wurde, vor allem auch über unsere Charité-Aktivitäten, ist jetzt in der Samstagausgabe der „Hamburger Allgemeinen“ ein ganzseitiger Artikel über „Ladies Power“ und dessen Members geplant.“ Rita ließ diese Worte auf die fast vollzählig erschienenen Ladies wirken.
Und ja, sie wurde nicht enttäuscht. Überall – naja, fast überall – strahlende Gesichter. „Super, Klasse, oh prima!“ So und ähnlich lauteten die Kommentare. Bis auf Erika und auch Anne und Helga, die nicht so genau wussten, ob sie sich auch freuen konnten? Erika, weil sie noch keine Lösung ihres finanziellen Problems erkennen konnte, und Helga und Anne, weil dann vielleicht noch mehr Druck seitens ihrer Ehemänner auf sie ausgeübt werden würde. Vor allem dann, wenn noch andere Ehefrauen oder auch nur derzeitige Lebensabschnittsgefährtinnen irgendwelcher, sich selbst für den Nabel der Welt haltenden, Kerle auf den Gedanken kommen würden, ihr Mann solle dafür sorgen, dass auch sie künftig zu „Ladies Power“ gehören würden.
„Aha, da hast du doch bestimmt dran gedreht, Rita“, freute sich Etta. „Das würde uns natürlich noch weiter aufwerten. Sag schon, wie soll das vonstatten gehen?“
Also berichtete die allseits beliebte Autorin und Journalistin, wie es ihr gelungen war, ihren Chefredakteur dafür zu interessieren, in der auflagenstärksten Ausgabe überhaupt, nämlich am Samstag, eine ganze Seite über „Ladies Power“, ihre Mitglieder und Aktivitäten zu bringen. „Nun, bekannt sind wir schon. Aber ich habe jetzt auch noch erwähnt, dass wir klare Regeln haben, und das fand er noch zusätzlich interessant“, erklärte Rita und lachte verschmitzt.
„So, und welche wären das?“ Diese Frage stellte, wer sonst, in etwas spitzem Ton natürlich Etta, die darüber nachzudenken begann, ob sie hier etwa übergangen worden sei?
Nun war Rita natürlich als Journalistin daran gewöhnt, auch auf Untertöne zu achten. Zudem kannte sie Ettas manchmal übergroßes Ego und parierte gekonnt. „Nichts, was völlig aus der Luft gegriffen wäre. Dass wir uns als Member oder auch Lady ansprechen, dass neue Mitglieder nur auf einstimmigen Beschluss aufgenommen werden, dass wir nicht unpolitisch, aber überparteilich sind. Tolerant und aufgeschlossen und uns natürlich auch zu wirtschaftlichen und politischen Themen äußern.“
Etta überlegte kurz und kam zu dem Schluss, sich hier nicht übergangen oder gar böse mitgespielt fühlen zu müssen. Im Gegenteil, darauf ließ sich doch aufbauen. „Sehr gut, Member Rita, damit können wir dann auch den Kerlen von Helga und Anne etwas den Wind aus den Segeln nehmen, die da glauben, dass allein die Fürsprache ihrer Frauen dazu führen kann, dass man uns irgendwelche Tanten unterjubelt, die nicht zu uns passen. Denen einfach das Niveau fehlt.“
„Sehr gut, und für das Gespräch mit uns hat Gunther, mein Boss, sich den Dienstagabend freigehalten. Einverstanden?“ Etta und mit ihr fast alle Ladies nickten und Etta legte gleich die Regeln für das Gespräch fest. „So, das hätten wir. Dann kommt der Gunther also Dienstag gegen neunzehn Uhr. Wir treffen uns dann schon eine Stunde vorher hier, in diesem Raum, damit wir uns noch kurz abstimmen.“
„Ja, ich dachte, wir wollten heute zusammenkommen, weil ihr was für mich tun wolltet?“
Etta fuhr herum. „Ach, Lady Erika, entschuldige bitte, das wäre jetzt fast untergegangen. Aber das ist doch die Lösung. Am Dienstag legen wir das Problem, gut verpackt, auf den Tisch. Vielleicht bringen wir dann ja auch die Zeitung dazu, auf deine Gläubiger einzuwirken. Von mir bekommst du“, sie überlegte kurz, „sagen wir fünf Mille.“ Ihr Blick schweifte in die Runde.
„Und ihr überlegt auch, was ihr geben könnt und bringt die Kohle mit. Wir erklären dann, dass wir den Betrag X aufbringen, wenn wir damit für unsere Member Erika einen Vergleich erreichen. Was meint ihr, Ladies?“
Erneut setzte eine hitzige Diskussion ein. Es zeigte sich, dass bei Geld zwar nicht die Freundschaft dieser im Stammtisch verbundenen Ladies aufhörte, aber doch einige gar nicht über die nötigen Mittel verfügten, größere Beträge beizusteuern, weil sie zwar alles für den täglichen Gebrauch sich leisten konnten, einschließlich eines durchaus üppigen Bewegungsgeldes, aber ansonsten die Rechnungen an den Göttergatten gingen und dieser die Hand auf der Kohle hatte.
„Also, macht, was ihr könnt, Ladies. Am Dienstag ist auch unsere Nadine da, so dass wir unser, das von mir angedachte, Vorgehen im Fall Member Erika, noch kurz auch mit ihr als Juristin abstimmen können.“
Damit gingen die Damen, zum großen Teil noch angeregt die erwarteten Möglichkeiten, sich selbst ins rechte Licht zu setzen, erörternd auseinander. Jede für sich war bereits damit beschäftigt, zu klären, wie sie sich gewanden würde, um den bestmöglichen Eindruck auf dem erwarteten Hochglanzfoto in der Presse zu hinterlassen. Einige dachten auch bereits daran, durch Wortbeiträge zu glänzen. Nur Erika, Anne und Helga waren nicht von der Euphorie angesteckt. Sie dachten mehr an ihre ureigensten Probleme, die ja keineswegs gelöst waren, sondern sich vielleicht sogar verschlimmern würden.
Ein ganz anderes Problem hatten die Ehemänner der Damen Etta und Helga in den Griff zu kriegen – aber wie? Die Herren Notare Falk v. Tarla und Hans-Georg Altmann hatten gewartet, bis auch die letzte Angestellte, wie üblich ihre Bürovorsteherin Carla Gerster, eine unscheinbare graue Maus von etwa Mitte fünfzig, aber dafür eine exzellente Fachkraft, die auch die Ausbildung der neuen Berufsanfängerinnen fast selbstständig erledigte und den Herren somit erhebliche Personalkosten einzusparen half, das Büro verlassen hatte.
Falk v. Tarla, dem man seine Vorliebe für gutes und gehaltvolles Essen, wie auch geistige Getränke, sowohl an seiner Körpermasse von rund einhundert Kilogramm bei aber immerhin respektabler Größe von einem Meter und neunzig Zentimetern ansah, schenkte die Cognacschwenker etwas voller als üblich und hob sein Glas dem Freund und Partner entgegen. Während der schlanke, mehr als zehn Zentimeter kleinere, Hanno Altmann zunächst nur ein kleines Schlückchen zu sich nahm, goss Falk den Inhalt in einem Zug hinunter. „Also, was meinst du, Hanno, kriegen wir unsere Weiber zur Vernunft gebracht?“
„Ich arbeite daran, aber bisher mit nur mäßigem Erfolg.“
Hans-Georg schüttelte den Kopf, „Helga wird immer komischer. Ich habe ihr bereits angekündigt, ihr den Geldhahn zuzudrehen. Aber sie meinte nur, da wird sie sich zu helfen wissen und außerdem könne sie gar nichts tun, weil auch die anderen Weiber nicht mitspielen, insbesondere auch deine liebe Etta!“
Falk schenkte sich nach und ließ sich mit einem Seufzer auf das teure und schwere Ledersofa in seinem Büro fallen. „Ich weiß, ich weiß, aber ich habe noch weniger Möglichkeiten. Etta verdient schließlich ihr eigenes Geld und ist ja auch von Haus aus nicht auf mich angewiesen, wie du weißt.“
„Schon, schon, aber den Bollmann dürfen wir einfach nicht verlieren. Da hängt doch ’ne ganze Menge Kohle dran. Außerdem kennt der ja auch viele unserer anderen Vervielfältiger.“ Hanno schüttelte betrübt seinen Kopf mit dem gutgeschnittenen Gesicht und den kurzen, mittelblonden Haaren. „Ach so, Falk, das weißt du ja noch gar nicht.“




