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„Was?“ Falk sah hoch.
„Nun ja, ich weiß ja nicht, ob da der Bollmann hinter steckt? Aber der Felten hat heute auch drei Termine abgesagt.“
„Warum?“
„Warum, warum? Er hat nur was von Steuerprüfung gemurmelt, aber auch so eine versteckte Andeutung gemacht, als ob unsere Frauen und ihr dämlicher Stammtisch da mit reinspielen. Angeblich haben die Weiber auch der Frau von dem Hammerschmidt die Aufnahme verweigert und …, naja, der ist ja Staatsrat im Finanzsenat, also hat Felten wohl eins und eins zusammengezählt.“
Behänder, als Hanno seinem massigen Kollegen zugetraut hätte, schoss Falk aus dem schweren Ledermöbel hoch. „Ach du verdammte Scheiße. Wenn das jetzt schon so um sich greift …, ja dann gute Nacht, Marie!“ Jetzt trank auch Hanno sein Glas leer, derweil sein Partner sich bereits das dritte Glas einschenkte. „Wir sollten uns zunächst mit Olaf zusammensetzen und sehen, was da genau im Busch ist und eine gemeinsame Strategie entwickeln. Erst Bollmann, jetzt vielleicht noch Felten und seine Bank, das sind ja mindestens zehn Prozent unseres Umsatzes“, trauerte Falk schon jetzt den Einnahmen nach.
Auch Hanno, der zwar sehr gut verdiente, aber auch je mehr er einnahm, umso geiziger wurde, sah vor seinem geistigen Auge bereits die Fünfhunderter gleich bündelweise Flügel bekommen. Aber da war noch etwas. Etwas, das vielleicht noch viel schwerer wog. Also stärkte er sich mit einem tiefen Zug des edlen Tropfens, der sanft und weich die Kehle hinabrann, dann aber die erwünschte wohlige Wärme im Magen verbreitete. Dafür aber hatte der bedauernswerte Großverdiener heute gar nicht das Genussempfinden, als er – fast mehr zu sich selbst, als zu Falk meinte: „Ja, und eine Steuerprüfung ist wohl das Allerletzte, was wir jetzt brauchen können.“
Dr. Peter Hammerschmidt konnte es nicht fassen. Einmal mehr wurde ihm schmerzlich bewusst, dass Geld nicht glücklich macht. Jedenfalls dann nicht, wenn man dafür so ein Weib wie seine Sieglinde in Kauf nehmen musste. „Ja, bist du denn nun total verrückt geworden? Wenn das an die große Glocke kommt, kann ich mir den Finanzsenator abschminken!“ Ausnahmsweise musste Sieglinde ihrem Gatten hier einmal zustimmen. Etwas kleinlaut, ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit, äußerte sie:
„Ja, das war einfach dumm von mir. Tut mir leid, sehr leid, Peter, aber vielleicht …“
„Was vielleicht?“ Peter Hammerschmidt raufte sich nicht nur sinnbildlich die Haare, sondern riss in der Tat an seinem Haupthaar, das ohnehin nicht mehr allzu reichlich vorhanden war.
„Na, ich meine, das sind doch ganz einfache Polizisten, wenn du da vielleicht mal mit Holger, dem Staatsrat in der Innenbehörde oder dem Polizeipräsidenten …?“
Hammerschmidt konnte es nicht fassen. Sieglinde, die sonst immer sich als die Klügste von allen erachtete, oft auch war, wie er zugeben musste, war jetzt wohl völlig von der Rolle. Bisher hatte er sich zurückgehalten, in allem, naja, fast allem. Aber jetzt platzte ihm der Kragen.
„Ja, bist du denn jetzt völlig von der Rolle? Wenn ich das versuche, dann bin ich doch für immer erpressbar. Holger wird den Teufel tun. Erst neulich hat er einmal anklingen lassen, dass gerade die kleinen Bullen, die ja ohnehin nicht viel mehr werden können, unberechenbar sind. Gerade erst soll einer seinen Direktionsleiter angezeigt und sogar erwogen haben, die Anzeige auch gleich gegen den Polizeipräsidenten zu richten. Sieh zu, wie du da rauskommst, aber versuche nicht, mich da mit hineinzuziehen. Die Steuerprüfung bei Feltens Bank ist da was ganz, ganz anderes. Mir sind Gerüchte zu Ohren gekommen und da habe ich dem zuständigen Menschen einen Hinweis gegeben. Mehr nicht!“ Er schlug sich klatschend mit der Hand an die Stirn und verschwand fast fluchtartig aus dem Haus. Keine Minute später hörte Sieglinde den Motor seines A 6 aufheulen. Das ist mal wieder typisch für ihn. Was heißt für ihn, für alle Männer. Wenn frau sie mal braucht, ziehen sie den Schwanz ein. Diese und andere Gedanken gingen der mageren Frau durch den Kopf. Aber sie würde sich schon zu rächen wissen. Soweit kannte sie sich.
Vermutlich würde sie wohl ohne Führerscheinentzug davonkommen und einen Strafbefehl erhalten. Wenn es soweit war, konnte sie immer noch einen der prominenten Spezialisten mit ihrer Vertretung beauftragen. Aber eingebrockt hatten ihr das diese Stammtischweiber, die sie nicht haben wollten. Auch wenn ihr Versuch jetzt gescheitert war, sie würde sie schon noch spüren lassen, was es bedeutet, eine Sieglinde Hammerschmidt-Blume, geb. Blume, also ältester Geldadel der Hansestadt, so zu düpieren.
„Nein, nein und nochmals nein!“ Helga Altmann schüttelte den Kopf, dass nicht nur ihre gerade geföhnte kupferrote Haarmähne, sondern auch ihre imposanten Brüste hin und her schwangen. Eigentlich ein Anblick, der Hanno immer fasziniert hatte. Aber im Moment hatte er überhaupt keine Augen für Helgas körperlichen Vorzüge. Wie konnte es nur angehen, dass dieses Weib nicht begreifen wollte, um welche Honorareinbußen es ging, wenn Bollmann und vielleicht noch andere Urkundenvervielfältiger absprangen und künftig ihre Verträge von anderen Notaren beurkunden ließen. Wie hatte Falk doch so süffisant gemeint? Ach so: „Das kommt dabei raus, wenn man seine Gehilfin heiratet, nur weil sie große Titten hat und gut ficken kann.“ Nur das hatte ihm ja auch nicht geholfen bei seiner Etta. Das sollte er mal nicht vergessen, hatte Hanno ihm aufs Brot geschmiert. Aber weitergebracht hatte sie diese fruchtlose Diskussion leider nicht.
„Liebe Helga“, versuchte Hanno es erneut, „sicher habe ich auch nicht alles ganz richtig gemacht. Aber du kommst doch aus der Branche. Du warst doch meine beste Kraft und hast den ganzen Aufbau unseres Notariats mitgemacht. Soll das denn jetzt alles den Bach runtergehen, nur weil euer Stammtisch, das will ich ja zugeben, eine Institution geworden ist, an der viele Damen teilhaben wollen, ihr sie aber nicht lasst?“
Helgas grüne Augen blitzten wie funkelnde Smaragde. Ein herrlicher Kontrast zu ihrem roten Haar und dem gebräunten Körper mit den sinnlichen Formen, dem aber jetzt jede gebührliche Aufmerksamkeit verweigert wurde.
„Ha, komm mir doch nicht so. Was ist denn mit deinen Rotariern oder wie der Verein heißt? Oder mit deinem Golfclub, mit dem du ja mehr verheiratet bist, als mit mir? Da nehmt ihr doch auch lange nicht jeden Schwanz auf, nur weil er Geld hat. Hast nicht du mir vor Jahren erklärt, wie stolz und glücklich du bist, dass in diesem Club eben nicht der Rotlichtkönig und der Miethai aufgrund ihres Geldes die große Rolle spielen, sondern die ach so ehrbaren Hamburger Kaufleute, Banker, Reeder und natürlich Juristen. Aber selbstredend nicht der popelige kleine Anwalt, sondern, wenn schon, dann der Herr Gerichtspräsident, der Leitende Oberstaatsanwalt und die ein oder zwei ganz bekannten Prominentenanwälte. Aber natürlich auch ein paar junge Schauspielerinnen oder was sich so schimpft. Der Herr der Schöpfung braucht ja schließlich auch angemessenes Publikum, vor dem er den stolzen Pfau mit gespreizten Federn Rad schlagen und sich bewundern lassen kann.“
Als er das hörte, fiel Hanno der Unterkiefer runter. Was war denn mit seiner Helga los? Wie kam die ihm denn mit einem Mal? Das waren ja völlig neue Töne. Helga, die doch mal aufbegehrte, aber immer im Rahmen und sich dann, wenn er nicht darauf einging, schmollend zurückzog. Aber so war sie ihm ja noch nie in die Parade gefahren. Ganz klar, sie war aufgehetzt worden und vom wem war auch sonnenklar. Von Falks Etta und wohl auch von dieser Göricke, dieser Scheidungszicke, die auch das große Wort an diesem unsäglichen Stammtisch führte. Ob sich Helga vielleicht schon bei ihr erkundigt hatte? Und wenn schon. Sein Ehevertrag war hieb- und stichfest. Da war er sich sicher. Unterhalt würde er zahlen müssen, na gut, aber natürlich in begrenzter Höhe. Aber so weit war es ja wohl noch nicht oder doch?
Erneuter Strategiewechsel war jedenfalls angesagt. „Helga, da hast du wohl nicht ganz unrecht, aber es gibt doch noch einen kleinen Unterschied.“
Helga wollte gerade erneut zum Föhn greifen, obwohl ihre Haare bereits trocken waren, als sie sich doch gleich zur Erwiderung entschloss. „Ach, da bin ich aber gespannt. Dann erzähl mal ein neues Märchen, lieber Hanno!“
Der Mann schluckte, nahm aber dennoch erneut den Faden auf. „Schau, Loge, Golfclub und auch der Juristenstammtisch, wo ich ja kaum noch hingehe, dies ist alles nur aus beruflichen Gründen wichtig. Im Golfclub habe ich die richtigen Leute kennengelernt und lerne, wie Falk auch, immer noch neue künftige Mandanten, wenn wir unsere Klientel einmal auch so bezeichnen wollen, kennen. Das ist doch für uns wichtig. Von selbst fallen die Verträge nicht durch die Tür. Bei euch hingegen ist das ja was ganz anderes. Ihr habt dort euren Spaß“, er merkte, wie sich ihr Gesicht verzog und fügte schnell hinzu, „den ihr auch absolut verdient habt. Das will niemand bezweifeln. Aber ihr habt euch auch Ansehen erworben. Die Presse berichtet über euch und eure Aktivitäten. Da wollen natürlich auch andere Frauen Anteil haben. Frauen von ebenfalls bedeutenden Männern in wichtigen, also einflussreichen Positionen. Da kann es doch nicht so schwer sein, diese Damen der Gesellschaft mitmachen zu lassen. Das müsst ihr doch einsehen. Eine Sieglinde Hammerschmidt-Blume ist doch nicht ein Irgendwer.“
„Nein, aber die will keine von uns. Nicht nur Etta und ich nicht. Niemand! Ach ja, und Heidelinde Bollmann ist doch wohl wirklich nur dämlich, aber vielleicht gut zu ficken und kann wohl auch ganz gut blasen, denn der dicke Bollmann würde doch sonst bei jeder anderen Stellung einen Infarkt bekommen und wäre wohl auch seine fette Wampe im Weg.“
„Hahaha, stimmt wohl“, Hanno musste doch lachen, als er sich Bollmann beim Geschlechtsverkehr vorstellte, „aber Bollmann ist der größte Makler weit und breit, und sicher auch bereit, über seine Frau euch auch finanziell einiges für eure Wohltätigkeitsveranstaltungen zukommen zu lassen!“
„Ach Hanno, auch wenn ich wollte, die anderen Frauen sind ja alle dagegen. Nicht nur Etta und ich. Versteh das doch.“
„Tu ich ja, Liebes, aber wenn du und vielleicht auch Etta ein gutes Wort für die beiden Frauen einlegt? Überleg doch mal. Vielleicht reicht das ja, wenn Falk und ich Bollmann beweisen, dass es an uns, also an euch, nicht liegt, dass Heide nicht akzeptiert wird. Auch gegenüber Hammerschmidt könnte man das durchblicken lassen. Bitte, versuch es zumindest!“
Helga dachte lange nach, schließlich nickte sie.
„Siehst du, Schatz, es geht doch“, hörte sie Hanno fast aufjubeln und wurde in den Arm genommen und geherzt wie schon lange nicht mehr.
Dann war es soweit. Lange vor der Zeit waren die Ladies, bis auf eine einzige, die sich auf Kreuzfahrt befand, im „Hämmerle“ eingetroffen und hatten sich im Clubzimmer versammelt. Rita Schaller konnte sich ein wissendes Lächeln nicht verkneifen, als sie sah, wie sich die Ladies aufgebrezelt hatten.
Die Edelboutiquen der Hansestadt dürften hieran gut verdient haben. Allein Etta, die ein Modelkleid von Dior trug, hatte dafür wohl einen gut vierstelligen Betrag hingeblättert. Auch Annemarie Felten, die Bankiersfrau, hatte sich ein neues Outfit vom Feinsten gegönnt. Ein leichtes, dem schönen Spätsommerabendangemessenes, Kostüm aus edlem Stoff in einem hellen Grünton kontrastierte gelungen mit ihrem brünetten, schulterlangen Haar und der deutlich über dem Knie endende Rock brachte ihre schlanken, gebräunten Beine zur beabsichtigten Geltung. Nur sie selbst hatte sich mit ihrem Lieblingshosenanzug begnügt, der ihr aber ausgezeichnet stand, wie auch Gunther, ihr Chef, immer wieder betonte. Helga Altmann aber überraschte alle. Sie, die fast immer Jeans und Top trug, kam in einem weißen Wickelrock, schwarzen Pumps und einer etwas zu engen, blutroten Bluse daher, an der sie die drei obersten Knöpfe offengelassen hatte, so dass ihre großen, aber immer noch erstaunlich festen, Brüste jedem Betrachter sofort ins Auge fielen.
„Donnerwetter! Gehst du auf Männerfang?“, konnte Etta sich zu fragen nicht bremsen. „Nein, aber ihr habt euch doch für heute alle etwas Besonderes ausgedacht. Da dachte sich die kleine Helga, die ja bald von ihrem Mann kein reichlich bemessenes Taschengeld mehr zu erwarten hat, sie fängt mal an zu sparen und zwängt sich in die alten Sachen. Bisschen eingelaufen, das Oberteil, aber ich habe ja alles verstaut gekriegt. Naja, größtenteils jedenfalls“, lachte Helga und freute sich, dass die Stammtischschwestern – zumindest überwiegend – in ihre Fröhlichkeit einstimmten. Ob gespielt oder ehrlich wusste man bei den lieben Geschlechtsgenossinnen als Frau ja nie ganz sicher.
Die Getränke kamen und die Verhaltensregeln wurden von Etta nochmals festgelegt.
Dann kam er, der Chefredakteur Gunther Schöler. Gut gelaunt, ganz leger in Jeans und Hemd mit Weste. Während er die Damen, zuvorderst selbstverständlich Etta von Tarla-Hippenstedt, begrüßte, entfuhr es Helga Altmann: „Mein Gott, ist der klein! Der ist ja noch kleiner als ich.“
„Stimmt, Gattung Beutegermane römischen Ursprungs“, grinste Dr. med. dent. Irene Brockmann, die mit ihren knapp einen Meter achtzig alle überragte. „Aber eine schöne Stimme hat er, so melodisch.“ Dieses Lob kam von Ute Hollmann, der ältesten der Ladies.
Dann aber kehrte Ruhe ein. Schöler ließ es sich nicht nehmen, die Damen alle einzeln mit Handschlag zu begrüßen. Besonders lange verweilte sein Blick auf der von Helga Altmann zur Schau gestellten Auslage, was die anderen Ladies durchaus nicht alle wohlwollend zur Kenntnis nehmen mussten. Dann ließ er sich von Etta einen kurzen Einblick in die Entstehung dieses so einzigartigen Damenstammtisches und die bisherigen Aktivitäten geben, wobei sein, auch als Aufnahmegerät dienendes, Diktiergerät ihm die Fertigung von Notizen ersparte.
„In der Tat, meine Damen, Sie haben, das kann man ohne Übertreibung sagen, mit Ihrem Stammtisch eine Institution geschaffen“, zeigte Schöler sich beeindruckt und gab eine Steilvorlage für Etta, die gerade überlegte, wie sie die Überleitung zu den von ihr und ihren Mitstreiterinnen gewünschten Themen erreichen könne: „Aber ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass Ihr Erfolg auch mancherorts Neid erregt.“
Etta strahlte ihn förmlich an, wenn auch etwas von oben herab, was der unterschiedlichen Körpergröße geschuldet war. „In der Tat, Herr Schöler, Sie sagen es. Da gibt es sogar einige Dinge, die zu erwähnen sind.“
„Dann mal los, Verehrteste, ich bin ganz Ohr“, nickte der Chefredakteur.
Und so berichtete Etta von den gemeinen Aktivitäten der abgewiesenen Damen und ihrer einflussreichen Männer und auch und besonders von der an ihr höchstselbst gerade vor einigen Tagen vorgekommenen, selbstredend unzutreffenden, Verunglimpfung.
„Und, haben Sie einen konkreten Verdacht, wer dahinter stecken könnte?“, fragte Schöler interessiert und gleichzeitig empört tuend nach, ohne aber einen lauernden Unterton ganz unterdrücken zu können.
„Naja“, zierte sich Etta, „einen Verdacht schon, aber keinen Beweis … und“, sie zuckte die Schultern, „im Gegensatz zu anderen Menschen möchte ich ja keine falschen Beschuldigungen von mir geben.“
Auffordernd sah sie Nadine Göricke an, die Anwältin und Scheidungsexpertin unter den Ladies. Diese tat, als merke sie nichts. Auch wenn Etta sie bereits vorab gebeten hatte, bei rechtlich eventuell zu beachtenden Problemen zu übernehmen, wollte sie sich hier lieber nicht den Mund verbrennen. Bei Etta, die sich schnell mit einem weiteren Glas ihres Lieblingschampagners gestärkt hatte, verfing das aber nicht. „Ja, vielleicht sollte hier Frau Göricke, als Juristin, übernehmen, damit alles in den richtigen Bahnen bleibt“, spielte sie jetzt den Ball gezielt in Richtung der einen bösen Blick absendenden Anwältin.
Nadine Göricke schluckte den aufkommenden Wutanfall hinunter. Die Presse hatte ihr schon oft allein durch Berichterstattung darüber, wen sie in Scheidungssachen vertreten hatte, interessante Mandanten und damit meist auch lukrative Honorare verschafft, also fraß sie sinnbildlich Kreide und blickte den ihr bekannten Chefredakteur der „Allgemeinen“, wie das bedeutende Blatt oft kurz genannt wurde, freundlich lächelnd an.
„Ja, Herr Schöler, das ist ja immer juristisch sehr vorsichtig zu formulieren, wenn es zwar – vielleicht sogar hinreichende – Verdachtsmomente, aber eben keine gerichtsfesten Beweise gibt. Hier ist es so, dass einige Damen der Gesellschaft sich um Aufnahme beworben haben, aber aufgrund unserer Statuten abgelehnt wurden, weil es eben keine einstimmige Zustimmung für die Aufnahme gab.“
„Donnerwetter, Ladies, da seid ihr aber hart“, kommentierte Schöler.
„Aus gutem Grund“, erwiderte Nadine, „denn das vermeidet internen Streit von vornherein.“
Der Zeitungsmensch nickte anerkennend: „Aber, wer die abgelehnten Damen sind, werden Sie mir wohl nicht verraten – oder etwa doch?“
Nadine lächelte wie die Schlange vor ihrer Verwandlung: „Namen bekommen Sie von mir nicht, aber soviel kann ich sagen, nach Ablehnung von zwei Damen, eine davon aus den wirklich sogenannten allerbesten Kreisen, wurden die Ehemänner einiger Ladies unter Druck gesetzt, und zwar massiv.“
„Wie denn das?“ Schöler schaute unschuldig drein, was Nadine natürlich sofort durchschaute. Sie wusste schließlich genau, wenn es der eigenen Sache oder aber dem gerade vertretenen Fall oder der Auflage half, dann waren weder Anwälte, noch Journalisten um einen Trick verlegen. „Nun, einigen Ehemännern unserer Ladies wurde unverblümt klargemacht, dass sie selbst keine Aufträge mehr von ihnen zu erwarten hätten, wenn sie nicht entsprechenden Druck auf ihre Frauen ausüben, dass die Damen dieser Herren doch noch aufgenommen werden.“
„Das ist ja die Höhe“, empörte sich Schöler künstlich und brachte es tatsächlich fertig, einen entsetzten Ausdruck auf sein Gesicht zu zaubern. Der könnte auch beim Theater Karriere machen, dachte die Anwältin, der ist ja fast so gut wie ich.
„In der Tat, in der Tat, Sie sagen es, Herr Schöler“, antwortete sie und sah dabei ernsthaft betrübt aus, „aber dabei ist es ja nicht geblieben. Es soll, ich betone, soll, auch aus heiterem Himmel eine Steuerprüfung bei einem Unternehmen“, sie verbesserte sich, „na, Unternehmen trifft es vielleicht nicht ganz, sagen wir einmal Institut, gegeben haben. Völlig unzyklisch, wenn man weiß, wie diese Prüfungen eigentlich erfolgen. Dazu gab es auch keine Veranlassung, weil nirgends auch nur die kleinste Unregelmäßigkeit aufgefallen ist.“
„Eine anonyme Anzeige?“, mutmaßte der Chefredakteur, der Mühe hatte, seine Freude nicht offen zu zeigen. Hier witterte er einen Aufmacher für sein Blatt.
„Könnte man denken, wenn nicht eine direkte Verbindung zur entsprechenden Behörde bestehen würde.“
„Was, das wird ja immer schöner!“, empörte sich Schöler, der im Geist schon die Schlagzeile entwarf, „Sie meinen damit zum Finanzamt, gar zur Betriebsprüfung?“
Nadine Göricke setzte jetzt ihr Anwaltsgesicht auf: „Das habe ich weder gesagt, noch gemeint, wie ich ausdrücklich betone.“ Während dieser Satz ihre Lippen verließ, zeigte ihr Finger, wie zufällig, gen Himmel.
„Wow, ganz oben, etwa im Senat?“ Gunther Schöler konnte sein Glück kaum fassen.
„Wie kommen Sie denn darauf? Das habe ich mit keinem Wort angedeutet!“, stellte die Juristin klar, nickte aber dabei heftig mit dem Kopf.
Das wird ja immer besser, dachte der Zeitungsmacher, der seinen Reporterinstinkt nie abgelegt hatte, und blickte in die Runde der Ladies. Sein Blick blieb auf Annemarie Felten haften, die rot angelaufen war und wie erstarrt in ihrem Polsterstuhl saß. Der Tag hatte sich in der Tat gelohnt. Jetzt brauchte er nur noch Zwei und Zwei zusammenzählen. Noch weiter zu bohren würde wenig bringen, vielleicht nur bewirken, dass auch andere Fragen nur sehr ausweichend beantwortet werden würden, sagte sich der erfahrene Menschenkenner.
„Nun, es ist schon schlimm, was alles in unserer Gesellschaft möglich ist“, meinte Schöler und legte sein Gesicht in nachdenkliche Falten, „aber Sie wollten noch darauf zu sprechen kommen, dass einige von Ihnen, meine Damen, auch etwas Ärger mit den Gatten bekommen haben.“
„Ja“, führte Etta, die zwischenzeitlich zwei weitere Gläser des teuren Prickelwassers geschlürft hatte, aus, „einige der ach so treusorgenden Ehemänner, die sich selbst auch als Spitzen der Gesellschaft sehen, haben nicht einmal davor zurückgescheut, einigen Ladies ganz klar zu verstehen zu geben, dass sie ihnen den Geldhahn zudrehen, wenn sie sich nicht für die Aufnahme irgendwelcher Damen bei uns verwenden.“ Nach der langen Rede, die sie trotz der reichlich geleerten Champagnergläser unfallfrei zustande gebracht hatte, stärkte die Clubgründerin sich erst einmal mit einem weiteren tiefen Schluck. „Hm, traurig, traurig, aber ich werde in dem Artikel über Ihren schon fast nicht mehr wegzudenkenden Damenstammtisch auch nochmals darauf hinweisen, dass nach Ihren Regeln nur einstimmiges Votum aller Members eine Aufnahme ermöglicht.“
Das hörten die Ladies natürlich gern, aber würde es helfen? Das war doch wohl sehr fraglich.
Dann brachte Rita Schaller endlich das Gespräch auf die Sorgen, die ihr jüngstes Mitglied, Erika Boll, plagten. Dieses brachte ihr einen mehr als dankbaren Blick der Betroffenen ein, die schon gar nicht mehr damit gerechnet hatte, dass auch ihr Problem noch zur Sprache kommen würde. Aber als Etta dann, jetzt doch schon leicht angeschlagen, erwähnte, dass die Ladies natürlich ihr Member Erika nicht allein im Regen stehen lassen würden und hierbei ein Bündel Scheine aus ihrem Täschchen zog und auf den Tisch warf, was von dem sich bisher völlig im Hintergrund gehaltenen Fotografen abgelichtet wurde, kam richtig Schwung in die Sache. „So, Sie alle, meine Damen, wollen also dazu beisteuern, dann mal die Scheinchen auf den Tisch. Geld ist sexy, viel mehr, als die Meisten glauben.“
Was sollten die so gelobten „Members of Ladies Power“ machen? Vor den Augen der Kamera war schlecht kneifen. Einige warfen durchaus höhere Beträge, als eingeplant, auf den Tisch – und dann einen bedauernden Blick hinterher. Einige Male flammte das Blitzlicht auf und schließlich, als die Scheinchen mitten auf dem Tisch ein schönes Stillleben darstellten, meinte Gunther Schöler: „Dann wollen wir doch mal sehen, ich darf doch?“ Die Ladies nickten und der Chefredakteur begann zu zählen.
„Donnerwetter, sechsundachtzigtausendzweihundert Euro, alle Achtung. Also, ich schlage vor, ich nehme die Kohle mit, sperre sie bei uns in den Safe und nehme Kontakt zu Ihren Gläubigern auf“, wobei er Erika Boll freundlich zunickte. Wenn wir das Einverständnis bekommen, dann bringen wir die Kohle zu den Herrschaften oder bitten diese in die Redaktion, wobei dann Sie, Frau Boll, und zwei, drei andere Damen mit dabei sein sollten.“ Die Damen nickten. Die einen, mit Etta an der Spitze, hoheitsvoll, andere freundlich und zufrieden, Erika erwartungsvoll und ob des Geldsegens ihrer Stammtischschwestern glücklich. Daran, dass ohne Pressebericht und Fotos wohl deutlich weniger zusammengekommen wäre, dachte sie nicht. Etta und einige andere Ladies hingegen wunderten sich sehr. Sechsundachtzigtausend? Wie das? Etta war sich sicher, dass mehr als sie wohl niemand geben würde. Viele, wie Helga, Ute und einige andere sogar viel weniger. Edelgarde v. Toppendorf, Freifrau und Großgrundbesitzerin und zigfache Millionärin konnte ein Lächeln gerade noch verbergen, als sie sah, wie es gerade hinter der Stirn der mittlerweile nun wirklich nicht mehr ganz nüchternen Etta arbeitete, als Schöler ein dickes Bündel Fünfhunderter hochhielt und sein Fotograf ein Bild schoss. Fast unauffällig hatte die bekannte Sportreiterin, die auch eine exzellente Jägerin und anerkannte Hundeführerin war, das dicke Bündel auf dem Tisch platziert.
Dann, nach noch einigen durchaus interessanten Gesprächen, verabschiedete sich der Chefredakteur der „Hamburger Allgemeinen“ mit den Worten: „Dann freuen Sie sich auf die Samstagsausgabe, meine Damen!“
Diejenigen, die den geistigen Getränken nur mäßig zugesprochen hatten, fuhren in ihren meist teuren Sportcoupés oder Cabrios vom Parkplatz. Die doch etwas vorsichtiger gewordene Etta ließ sich von ihrem „Helgalein“ chauffieren und einige bevorzugten auch ein Taxi. Nur Busse oder Bahnen waren für Damen ihrer Klasse natürlich tabu.
Gunther Schöler allerdings nahm, nachdem er das gespendete Geld im Tresor der Redaktion eingeschlossen hatte, einige Straßen weiter den einen oder anderen Whisky gemeinsam mit seinem Fotografen zu sich, wobei sie sich die Fotos anschauten und insbesondere bei einem sich ohne Worte zunickten. Das Foto hatte den Moment eingefangen, als fast alle Ladies gleichzeitig ihre Beiträge leisteten und das Geld auf den schweren Eichentisch warfen. Mittendrin ein Arm mit einer schlanken, aber sehnigen Hand, die eindeutig ein dickes Bündel Fünfhunderter auf den gut ausgeleuchteten Tisch fallen ließ. Am Handgelenk ein gelbgoldener, ganz sicher alter, Armreif mit im Licht dunkelrot funkelnden Rubinen besetzt. Diesen Armreif kannte nicht nur Schöler, sondern auch sein Pressefotograf genau. Das Schmuckstück und seine zwar viel jüngere, aber mindestens ebenso edel wirkende, Besitzerin war in ihrem Blatt eine häufig abgelichtete Persönlichkeit.




