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Und tatsächlich, der Artikel über den Damenstammtisch „Ladies Power“ war gelungen. Ja, mehr als das, und zwar in jeder Hinsicht. Etta und ihre Stammtischschwestern waren hellauf begeistert. Nicht nur, dass ihr Stammtisch als mittlerweile „Hamburger Institution“ auf eine Stufe mit dem Lions-Club, dem Golf-Club „Grün-Weiß 99“ und dem „Hanseatischen Segel-Verein von 1850“ gestellt wurde, was zwar nicht das ehrwürdige Alter, aber das mittlerweile erlangte Prestige anbetraf, sondern auch, was die Zusammensetzung der Mitglieder, die sich als Members bezeichneten, und auch die Aktivitäten anging. So wurde von der Unterstützung in Not geratener Mitbürger, über die Hilfe bei Umweltkatastrophen, wie dem letzten Elbhochwasser, ebenso berichtet, wie die tatkräftige Mitarbeit im Bereich des angewandten und tatsächlichen Tier- und Naturschutzes und die Förderung von Talenten jeglicher Couleur. Besonders aber freuten sich die Ladies darüber, dass der Hinweis nicht fehlte, dass nur einstimmige Zustimmung aller Members die Aufnahme neuer Mitglieder ermöglichte. Außerdem wurden die Damen alle namentlich genannt und auf einem Gruppenbild der geneigten Leserschaft präsentiert. Gewissen Rahmen nahm auch die großzügige Spendenbereitschaft für eine der Ladies, die schwer vom Schicksal gebeutelte Erika Boll, ein. Insbesondere die dicken Geldbündel, die um die Fünfhunderter drapiert wurden, und so selbstverständlich sofort ins Auge fielen. „Geld“, so erklärte Schöler seinem Fotografen nachdrücklich bei Betrachtung der insgesamt gelungenen Bilder, „ist für den Normalo stets der interessanteste Blickfang.“ Wer anderer Meinung ist, lege einen dreckigen Fünfhunderter und gleichzeitig ein Hochglanzfoto einer nackten Schönheit auf den Tisch und beachte, worauf die Blicke der Anwesenden zuerst fallen werden?
Nachdem auch einige der Ladies zu Wort kamen, selbstverständlich die Gründerin, Etta v. Tarla-Hippenstedt, an der Spitze, sprach der Chefredakteur noch ganz kurz die Hoffnung aus, dass die Gläubiger der unschuldig in diese finanzielle Not geratenen Erika ein Einsehen haben mögen und sich mit der Aufteilung der zusammengekommenen Gelder zufriedengeben würden, was auch nachdrücklich mit der ganzen Macht dieses bedeutenden Blattes insistiert wurde.
Rita Schaller jedenfalls war stolz auf ihren Chef und dachte sogar, zwar nur ganz kurz, aber immerhin, darüber nach, ob sie ihn vielleicht doch irgendwann einmal in ihr Lotterbettchen lassen sollte? Mit dem Artikel hatte er auf einer ganzen Seite jedenfalls absolut gehalten, was er versprochen hatte. Aber wäre das in jedweder Beziehung so? Nun, frau würde sehen. Erst einmal abwarten, ob er denn auch im Falle Erika erfolgreich ist, sagte sie sich.
Viel weniger Begeisterung hingegen löste der des überschwänglichen Lobes volle Artikel bei einigen anderen Mitgliedern der „Oberen Fünfhundert“ der Hansestadt aus.
„Da siehst du es! Eine Institution nennt die ‚Hamburger Allgemeine‘ den Stammtisch. Du bist in jedem Verein, der Rang und Namen hat“, Dr. Sieglinde Hammerschmidt-Blume machte eine kleine Pause um tief Luft zu holen, um dann mit erhobener Stimme zischend den Satz zu vollenden, „von meinem Geld natürlich! Und ich, die dir alles, alles was du dir gewünscht hast, ermöglicht hat, ich stehe wieder einmal außen vor!“
Staatsrat Dr. Peter Hammerschmidt wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Ihm war, als würde eine böse Schlange gleich ihr Gift über ihn verspritzen. Aber sollte er ihr sagen, wie oft er diesen Schritt schon bereut hatte? Wie konnte er nur so dumm gewesen sein, sich vom Geld und natürlich dem Einfluss der Familie Blume so blenden zu lassen, dass er diesen hässlichen und bösartigen tapezierten Knochen geehelicht hatte? Aus sicherer Entfernung und in der Nähe der Tür, die Aktenmappe bereits unter dem Arm und den Autoschlüssel in der Hand, gestattete er sich immerhin den Hinweis: „Nach allem, was du dir gerade geleistet hast, solltest du lieber still sein, Sieglinde. Danke Gott, wenn es mit einem Strafbefehl ausgeht und du nicht in einer öffentlichen Verhandlung durch die Presse gezerrt wirst.“ Schnell machte er, dass er aus dem Haus kam, um ihre Erwiderung nicht mehr hören zu müssen.
Paul Bollmann, der sich am Samstag beim morgendlichen Frühstück immer erst einmal die Börsenkurse zu Gemüte führte, war soviel Glück nicht beschieden. Wie eine Furie stürzte sich seine Angetraute auf ihn. „Hier, in der ‚Allgemeinen‘ ist ein Riesenartikel über den Damenstammtisch!“ Mir diesen Worten warf sie ihm die gerade angelieferte Zeitung auf den Tisch. Mitten auf sein, gerade frisch geschmiertes, Brötchen mit Fleischsalat. „Na, na, klink dich mal wieder ein, Mädchen“, brummte Bollmann, dessen gerade noch erfreut durch die gestiegenen Daxwerte strahlendes Gesicht sich jetzt langsam von freundlich auf angesäuert veränderte. Seine nicht einmal halb so alte Heidelinde war zwar schön anzuschauen und auch in gewissen Dingen durchaus eine Granate, aber an Hirn und dem, was man auch die inneren Werte zu nennen pflegt, mangelte es hingegen. Die dafür vorgesehene Masse war wohl in Titten und Arsch verbraucht worden, die dafür aber immerhin silikonfrei, also naturbelassen, den Blick des Betrachters erfreuten. Schnaufend griff Bollmann sich das Druckerzeugnis und vertiefte sich in den Artikel. „Na, dann habe ich Hanno und Falk ja vielleicht sogar zu Unrecht beschuldigt“, brummte er. Das war nun ganz und gar nicht das, was seine Heidi hören wollte. „Was sagst du da? Zu Unrecht? Willst du damit sagen, dass die Weiber mich nicht aufgenommen haben, war richtig?“ Bollmann stärkte sich erst einmal mit einem Bissen, der das halbe Brötchen aus der Gefahrenzone brachte, nämlich in seinem Mund verschwinden ließ und nach nur zwei, drei Kaubewegungen eine Etage tiefer befördert wurde. „Hmhm, immerhin steht da auch, dass die Damen eine Aufnahme nur einstimmig beschließen können. Das heißt also, dass alle Frauen zustimmen müssen und nicht nur eine, verstehst du?“, verdeutlichte Paul Bollmann seine Worte.
„Natürlich, ich bin ja nicht blöd!“ Diese Anmerkung kommentierte der Makler lieber nicht, schließlich wollte er zu Ende frühstücken. „Also ist es dir egal, ob deine Frau dazu gehört oder nicht?“ Geradezu entsetzt starrte Heidelinde ihn an.
„Eigentlich schon, man kann nicht alles haben, was man will.“ Langsam schaffte sie es, Bollmann wütend zu machen.
„Hast du mir nicht gesagt, mit dir kann ich alles erreichen. Für dich gibt es nichts Unmögliches!“
Bollmann überlegte, ob er sich aufregen sollte oder nicht? Wenn er Heidi so hörte, regte es ihn schon auf. Wenn er an seinen Hausarzt und dessen Worte über sein Herz und seine Blut- und Leberwerte dachte, sollte er sich mäßigen. Nicht nur bei fettem Essen und den geistigen Getränken, sondern auch, was Ärger und Aufregung anging. Er beschloss also, ruhig zu bleiben. „Ich spreche nochmal mit den beiden. Ein paar von den anderen Männern kenne ich auch. Aber nur, wenn du mich nicht mehr drängst und mich jetzt in Ruhe frühstücken lässt. Verstanden?“
Auch Gesche Köster, die fünfzigjährige Ehefrau des Kaufhauskönigs Karl-Heinz Köster, dem Inhaber der „Köster-Kaufhaus-Kette“ mit dem wohlklingenden Namen „Kösters Einkaufsparadies“, hatte den lobenden Artikel über „Ladies Power“ mit zunehmendem Interesse zur Kenntnis genommen. Ihre erwachsenen Söhne waren längst aus dem Haus. Der ältere, Jürgen, studierte in London Wirtschaftswissenschaften und der zweiundzwanzigjährige Ingolf wollte seinen Traum leben und Flugkapitän werden und befand sich in der Ausbildung. Ihr Mann hingegen ging ganz für seine Geschäfte auf und sie überlegte, ob sie sich nicht um die Mitgliedschaft in diesem Stammtisch bewerben sollte? Vielseitig interessiert war sie, klug und teamfähig wohl auch. Also warum nicht. Bei passender Gelegenheit wollte sie ihren Karli darauf ansprechen. Eigentlich, so dachte sie, sollte doch nichts dagegen sprechen.
So, wie Gesche Köster, dachten noch einige, nein, wenn wir ehrlich sind, viele Damen, die sich für einen Teil des Nabels hielten, um den sich die Welt zu drehen habe. Einige unternahmen auch den Versuch, Mitglied dieser illustren Damenrunde zu werden.
Eine davon war Julia Degen, die Gattin des weit über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannten Strafverteidigers Franck-Walther Degen, der vornehmlich gutbetuchte Wirtschaftskriminelle und Steuerhinterzieher vertrat, aber auch vor der Verteidigung von „gemeinen Straftätern“, wie Mördern und Räubern, nicht zurückschreckte und auch die eine oder andere Figur aus dem Milieu vertrat. Hauptsache, die Kasse stimmte. Und wen er vertrat, der konnte zahlen – auch seine exorbitanten Honorare. So war er eine schillernde Persönlichkeit. Von seinen Mandanten vergöttert, von den weniger erfolgreichen Kollegen beneidet, den Richtern sowohl gefürchtet als auch geachtet und von Staatsanwälten und Polizisten offen gehasst, was ihn aber nicht zu tangieren schien.
Wer ihm aber nicht egal war, das war seine Julia, mit der er seit fünfzehn Jahren – leider kinderlos – verheiratet war. Für sie tat er so gut wie alles und fragte auch nicht, was es ihn kosten könnte, was sich nicht nur auf den schnöden Mammon beschränkte. Sie war sein Leuchtturm. Mit ihr konnte er über alles und jedes reden. Bei ihr konnte er Mensch sein. Verletzlich wie jeder andere auch. Sie verstand ihn. Immer und in jeder Hinsicht und dafür war er ihr über alle Grenzen hinaus dankbar.
Henriette (Henni) Hähnlein, geborene Eisenhart, in der SM-Szene besser bekannt als Madam Chantal, hatte ganz andere Probleme zu lösen. Ihr war ihre, auch bei gewissen Spielchen als Sex-Sklavin dienende Gehilfin Bille, auch Tittenbille genannt, wegen eines Unfalls auf dem Weg zum Dienst, denn Arbeit konnte man diese Art von Dienstleistungen ja nicht so profan nennen, ausgefallen. Üblicherweise hätte sie damit nur ein kleines aber lösbares Problem gehabt. Aber es war die Zeit der Herbstmesse und der Tagungen, die viele betuchte Herren in die Hansestadt spülte, wovon einige auch nicht nur die beruflichen Angelegenheiten im Kopf hatten, sondern vielmehr weg von zu Hause die Sau rauslassen wollten. Da war auch ihr Studio für die speziellen Wünsche ausgebucht und alle ihre Spezialkräfte im schlagenden oder sonstig quälenden Einsatz. Gerade heute aber, sie schaute auf ihre gelbgoldene und mit Diamantsplittern besetzte Armbanduhr, die ihr ein geradezu enthusiastischer Zögling aufgedrängt hatte, und überlegte angestrengt, als ihr privates Handy klingelte. „Nanu, Helga, was will die denn nun?“, murmelte sie und drückte den grünen Hörer. „Na, Helgachen, was gibt es so Wichtiges?“ Je länger sie zuhörte, desto mehr veränderte sich ihr Gesichtsausdruck von genervt auf interessiert.
„Was hast du denn angestellt, dass du mich um zweitausend Euro angehst?“ Sie lauschte kurz, lachte laut auf und entgegnete: „Gut, musst du mir ja auch nicht näher erläutern. Muss aber ja schon ein größeres Ding sein, wenn du dir diese paar Kröten nicht von deinem Mann oder deiner Busenfreundin Etta leihen kannst. Aber, schon gut, ich schenke dir die zweitausend Euro sogar, wenn du in einer halben Stunde in meinem Studio bist. Rote Unterwäsche und Strapse hast du ja wohl.“ Laut drang Helgas entsetzte Stimme aus dem kleinen Wunder der Technik, ohne das heutzutage wohl keiner mehr auszukommen meint. „Ruhig, natürlich sollst du dich nicht prostituieren. Zumindest nicht so, wie du denkst. Also, schwing dich in den Sattel und trab an!“ Chantal, wie wir sie bei ihrer so quälend beglückenden Berufsausübung nennen wollen, lachte laut auf und machte sich an die Vorbereitungen.
Etwa zu dieser Stunde geschahen noch mehrere bemerkenswerte Dinge. Zunächst berichtete der Chefredakteur der „Hamburger Allgemeinen“ seiner freiberuflichen Mitarbeiterin, dass es ihm gelungen sei, die Gläubiger ihrer Stammtischschwester Erika Boll mit sanftem Nachdruck zur Annahme des Vergleichsvorschlages mit erheblichem Forderungsverzicht zu bewegen. Das Ganze sollte im Interesse, sowohl der Zeitung, als auch der betroffenen Gläubiger, medienwirksam herausgestellt werden. Sie möge also bitte dabei anwesend sein und auch ihre Freundin Etta und insbesondere die bekannte Sportreiterin und Großgrundbesitzerin Edelgarde von Toppendorf dazu am Donnerstag gegen 14.00 Uhr in die Redaktion einladen.
Weniger erfreut war Dr. Sieglinde Hammerschmidt-Blume, die zu eben dieser Stunde vom Postzusteller die Mitteilung der Staatsanwaltschaft erhielt, dass gegen sie ein Ermittlungsverfahren wegen Unerlaubten Entfernens vom Unfallort gem. § 142 Strafgesetzbuch eingeleitet worden sei.
Ausgesprochen überrascht hingegen zeigte sich der Notar Falk v. Tarla, als ihm seine Empfangsdame mitteilte, dass ihn der Herr Rechtsanwalt Franck-Walther Degen zu sprechen wünsche. „Der Strafverteidiger Degen?“ „Ja, genau der.“ Falk überlegte kurz und fragte nochmals nach: „Hat er gesagt, um was es geht?“ „Nein, er sagte nur, um eine persönliche Angelegenheit.“ „Na gut, schicken Sie ihn rein!“, rang sich der Notar durch. Obwohl die nächsten Vertragsparteien bereits im Wartezimmer warteten, war er einfach neugierig, was der Kollege, zu dem er persönlich nie wirklich Kontakt hatte, außer bei einigen offiziellen Empfängen, wohl von ihm wolle?
Kurz darauf saß dieser ihm gegenüber und lobte die noble Ausstattung der Kanzlei. „Nun, Herr Degen, wer Verträge in gewisser Größenordnung beurkundet, kann ja schlecht im Parkhaus residieren. Aber es warten bereits die nächsten Parteien. Also, worum geht es?“
Der eloquente und eigentlich nie um Worte verlegene Strafrechtler hatte es jetzt schwer, die richtigen Worte zu finden. „Nun, aber lachen Sie bitte nicht, es geht um diesen Stammtisch ‚Ladies Power‘.“
Nun war es an dem Notar, ein wenig geistreiches, aber umso überraschteres, Gesicht zu machen. „Wie bitte?“
Degen lächelte fast schüchtern: „Ja, Ihre Gattin, und auch die des Kollegen Altmann, sind doch wohl so etwas wie die Gründerinnen dieses mittlerweile sehr bekannten Clubs, wenn ich richtig informiert bin.“
„Das schon, aber so ganz verstehe ich nicht, was ein so bekannter Strafverteidiger, wie Sie es ja nun einmal sind, mit diesem Stammtisch zu schaffen hat?“
Degen lächelte verlegen: „Nun, meine Frau Julia hat mich gebeten, einmal vorzufühlen, ob es in Betracht kommt, dass sie dort aufgenommen werden könnte.“ Nun war es heraus.
Und richtig, wie von ihm erwartet, ja befürchtet, fing der Notar schallend an zu lachen. „Nein, ist es jetzt schon soweit gekommen, dass die Damen ihre Männer vorschicken?“
So nicht, alter Freund, der du nicht bist, dachte Degen und antwortete nun seinerseits mit süffisantem Grinsen im Gesicht. „Nun sagen Sie nicht, Herr v. Tarla, dass ich der erste Mann bin, der für seine Gattin vorfühlt!“
Das Lachen verging Falk. Wusste der Kerl etwa was? Hatte er etwa auch mit Bollmann oder den anderen Klienten, die gerade jetzt wieder an ihn und Hanno, nach diesem Scheißartikel, herangetreten waren, zu schaffen? Verwunderlich wäre das nicht. Makler, Fuhrunternehmer und Banker oder Vermieter können durchaus auch insoweit Probleme bekommen. „Naja, der Allererste sind Sie nicht, Herr Degen, aber ich weiß nicht, was ich da tun soll? Sie haben doch auch aus der Presse entnommen, dass die Damen Aufnahmen nur einstimmig beschließen“.
Degen lächelte jetzt seinerseits maliziös. „Habe ich, aber etwas Fürsprache wäre schon gar nicht schlecht. Ich würde mich im Erfolgsfall gern dafür verwenden, dass meine Mandanten für etwaige Verträge Ihre Beauftragung in Erwägung ziehen. Ich vertrete einige Bauunternehmen und, wie Sie aus der Presse ja wissen, auch den Vorstand eines Großkonzerns in einer leider öffentlich gewordenen Steuersache. Auch von daher wäre sicherlich eine gewisse Empfehlung nicht nachteilig.“ Nun, wenn es ums Geldverdienen ging, war Falk, wie auch Kollege Hanno, immer gesprächsbereit. „Ich spreche mal mit Hanno, vielleicht trinken wir einmal ein Bierchen zu dritt, was meinen Sie, Herr Kollege?“
Der Kollege stimmte erfreut zu und verabschiedete sich höflich und vergaß auch selbstverständlich nicht, die besten Grüße an die Frau Gemahlin auszurichten.
Helga Altmann hingegen wusste nicht so recht, was sie tun solle? Sie war doch keine Dirne. Aber sie brauchte die Kohle dringend, weil ihr ein bedauerliches Missgeschick unterlaufen war, dass sie – gerade in der jetzigen Situation – Hanno auf keinen Fall beichten wollte und in diesem speziellen Fall sich auch einfach schämte, sich an Etta zu wenden. Eigentlich ein ganz alltägliches Versehen. Vielleicht ausgelöst auch von der nervlichen Belastung durch das Drängen Hannos, sich gefälligst für die Aufnahme der Ehefrauen seiner Klienten zu verwenden. Während sie, Ablenkung suchend, durch eine der teuren Parfümerien der Stadt schlenderte und sich gerade ein Duftwässerchen ihrer Marke „Charlene X“ ausgesucht hatte, klingelte ihr Handy. Versehentlich drückte sie das Gespräch weg, statt es anzunehmen. Bei der Suche nach der Anrufliste benötigte sie beide Hände und steckte dabei das störende Fläschchen in die Tasche ihrer Jacke. Dieses war nicht nur beobachtet, sondern sie dabei auch von einer der Überwachungskameras gefilmt worden. Noch bevor sie ihr Gespräch beendet hatte, stand der Ladendetektiv hinter ihr und bat sie in sein Büro, wenn man das kleine Kabuff mit einem alten Schreibtisch, Computer und sechs Bildschirmen, die den ganzen Laden zeigten, so nennen mag.
Ihrer Beteuerung, das teure Parfüm nur eingesteckt zu haben, weil sie nicht wusste, wohin damit beim Telefonieren, danach aber selbstverständlich das Handy zurückstecken und die kleine Packung wieder in die Hand nehmen und zur Kasse gehen wollte, glaubte der Mann ihr nicht und erklärte, die Polizei rufen zu müssen. „Nur das nicht!“, entfuhr es der geschockten Frau daraufhin spontan und lieferte dem etwas ungepflegt wirkendem Mann, der so gar nicht in dieses ansprechende Ambiente passen wollte, die Vorlage zu seinem Erpressungsversuch. Die ohnehin nervlich überforderte Helga unterschrieb daraufhin ihr Geständnis, das vernichtet werden würde, wenn sie innerhalb einer Woche dem Kerl zweitausend Euro übergeben würde. Erst hinterher dachte sie darüber nach, dass ihr ja doch erst eine Straftat nachgewiesen werden konnte, wenn sie ohne zu bezahlen die Kasse passiert hätte. Doch nun hatte sie unterschrieben und wer sollte ihr jetzt noch glauben? So dachte sie und die Zeit drängte. Spätestens in zwei Tagen sollte sie zahlen. Also, was tun? Helga staffierte sich wie gewünscht aus. Die rote Unterwäsche, seit Jahren nicht zum Einsatz gekommen, war zwar etwas eng geworden, aber damit konnte sie sich schon noch sehen lassen. Die schwarzen Strapse passten ja nicht so ganz, aber darüber musste Henni halt hinwegsehen, tröstete sie sich und machte sich, nachdem sie sich vorher mit einem kräftigen, dreifachen Cognac gestärkt hatte, noch immer etwas beklommen auf den Weg. Zu neuen Ufern oder noch tieferen Abgründen? Nun, bald würde sie es wissen, dachte sie und ein leichter Schauder durchfuhr ihren Körper.
Franck-Walther Degen war noch gar nicht ganz in der Tür seiner kleinen Kanzlei, als er den aufgeregt winkenden Arm seiner Sekretärin, einer hübschen, vielleicht etwas kräftigen, Frau mit ausdrucksvollem Gesicht und Kurzhaarfrisur wahrnahm. „Nanu, Chris, was gibt es Wichtiges?“
Christine winkte ihn zu sich und flüsterte in sein Ohr: „Der Geldadel wartet, Sieglinde Hammerschmidt-Blume.“
Degen grinste: „Na denn mal rein mit ihr!“ Dreißig Minuten später war er um ein lukratives und kaum arbeitsaufwändiges Mandat reicher.
Auch Helga Altmann war reicher, um zweitausend Euro, um es genau zu sagen. Und das, was sie dafür tun musste, war eigentlich kaum der Rede wert. Nie wäre sie auf den Gedanken gekommen, dass sich doch relativ viel Geld so schnell und vor allem anderen, so leicht, verdienen ließ.
Gerade einmal eine gute Stunde waren ihre Dienste benötigt worden. Und sogar ihre Anonymität blieb absolut gewahrt. Dafür sorgte eine kleine goldfarbene Maske, die Chantal ihr aufsetzte, während sie ihr beschrieb, was die ihr zugedachte Aufgabe beinhaltete. Und diese war nun fürwahr alles andere als schwer. Vielleicht etwas unangenehm, aber nur zu Beginn der Therapie, wie Chantal das, was sie ihren Klienten angedeihen ließ, zu bezeichnen pflegte. Wenn Helga ehrlich war, musste sie sogar zugeben, dass es ihr tatsächlich etwas Spaß gemacht hatte. Insbesondere, wenn sie sich vorstellte, dass ihre Rutenschläge nicht diesen etwas dicklichen und hamsterbackigen Typ, sondern ihren Göttergatten Hanno treffen würden. „Na, siehst du, Helgachen, war doch gar nicht so schwer, oder?“ Chantal grinste süffisant. „Ich hatte sogar den Eindruck, es hat dir etwas Spaß gebracht.“
„Das hast du gemerkt?" Helga war überrascht. „Ja, ging Bille, das war die, für die du eingesprungen bist, fast genauso“, antwortete Chantal, immer noch mit schelmischem Grinsen im Gesicht.
„Ja, also, wenn du mal wieder in Verlegenheit bist, Henni“, Helga entschied sich, ihre Stammtischschwester doch lieber mit ihrem richtigen Namen anzureden, „dann gerne!“
„Ich denk an dich, Schätzchen. Gibt zwar nicht immer ganz soviel Kohle, aber es läppert sich. Aber dann und wann wirst du auch mal ein paar alte Flossen an deinen wirklich gut erhaltenen Luxuskörper lassen müssen. Ich hab da ohnehin so ’ne Idee.“
Auch Helgas Mann Hanno hatte eine Idee. Nämlich die, seine Helga nochmals so richtig unter Druck zu setzen, damit sie sich dafür einsetzte, dass Aufnahmeersuchen der Damen Bollmann, Degen und dergleichen positiv entschieden wurden. Nachdem seine Frau nochmals darauf hinwies, dass sie allein da gar nichts tun könne, wandte er sich ab. „Na, dann wirst du eben künftig mit wesentlich weniger Kohle auskommen müssen!“, lautete sein Kommentar.
Auch Annemarie Felten hatte Eheprobleme, die sie sich nie hätte träumen lassen. Am Abend kam ihr Mann Olaf zum ersten Mal in ihrer elfjährigen Ehe total betrunken nach Hause. Auf ihre Nachfrage grummelte er nur: „Alles deine Schuld. Die von dir und deinen Stammtischweibern!“ Mit diesen Worten schubste ihr großer, früher schlanker, jetzt mehr massig gewordener Mann sie beiseite und verschwand in seinem Arbeitszimmer.
Am nächsten Tag, dem Donnerstag, an dem sich für Erika Boll Wichtiges für ihren weiteren Lebensweg entscheiden sollte, trafen gegen dreizehn Uhr dreißig fast gleichzeitig Etta v. Tarla-Hippenstedt und Edelgarde v. Toppendorf im Redaktionshaus der „Hamburger Allgemeinen“ ein, wo eine sichtlich nervöse Erika Boll bereits auf sie wartete.
Der kleine, umtriebige Chefredakteur erwartete sie bereits und stimmte sie auf das Procedere ein.
Während er sprach, blieb sein Blick immer wieder an Edelgarde Freifrau v. Toppendorf haften, die in ihrem jagdgrünen Kostüm mit kurzem Rock und figurbetonter Jacke, schwarzen Wildlederstiefeln zu ihren langen, blonden Haaren und hellblau strahlenden Augen einen atemberaubenden Anblick bot. Die intelligente und lebenserfahrene Frau wusste genau, wie sie auf Männer wirkte, tat aber so, als merke sie nichts.
Dann endlich trafen, kurz nach vierzehn Uhr, die Vertreter der Gläubiger ein. In ihren grauen Anzügen, die zwar teuer waren, aber irgendwie uniform wirkten, erkannte der Eingeweihte sofort den Banker. Nachdem die Herren sich etwas geziert hatten, stimmten sie dann doch dem Vergleich zu, den der Redakteur gleich protokollieren ließ und dann gegen Quittung das gesammelte Geld als Vergleichssumme aushändigte. Zwei, drei Fotos, die eine glücklich strahlende, jetzt schuldenfreie, Erika Boll und die Edelmut ausstrahlenden Banker, umrahmt von Edelgarde, Etta und dem Chefredakteur, zeigten; und schon war die Sache ausgestanden. Die Banken bekamen seit längerer Zeit auch einmal wieder eine positive Presse, was den Verlust mehr als wett machte und die Zeitung bewies einmal mehr, wie sie sich für die kleinen Leute und unschuldig in Not geratenen Menschen selbstlos einsetzte. Also waren eigentlich alle zufrieden.
Das waren sie auch noch am nächsten Tag, bis auf Etta, die mit doch kräftigem Zähneknirschen zur Kenntnis nehmen musste, dass das große Foto eigentlich nur Edelgarde huldigte, und sie und auch die Anderen nur Randfiguren waren. Als sie dann noch lesen musste, dass wohl die bekannte Sportreiterin und Großgrundbesitzerin Edelgarde v. Toppendorf den weit überwiegenden Betrag zum Abschluss des Vergleichs beigesteuert hatte, war ihr der Tag endgültig verdorben.
Aber das war nichts gegen das, was für die Damen des Stammtisches „Ladies Power“ folgen sollte.
Nachdem die Members, wie sie sich jetzt generell selbst bezeichneten, bei ihrer ablehnenden Haltung für die um Aufnahme ersuchenden Damen blieben, kriselte es in vielen Ehen.




