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Am härtesten traf es Annemarie Felten, deren Mann Olaf nach Vorlage der ersten Ergebnisse der Steuerprüfung beurlaubt wurde und seiner Frau die Hauptschuld anlastete sowie zu trinken begann.
Kurz darauf folgte der Scheidungsantrag. Ebenso erging es auch Helga Altmann. Da beide laut Ehevertrag keine Unterhaltsansprüche geltend machen konnten, waren sie diejenigen, die am meisten verloren.
Der Herbst kam und Weihnachten stand vor der Tür. Nur wenige Wochen waren vergangen – und doch hatte sich soviel geändert. Auch und gerade für die Damen des Stammtisches. Einige Ehen waren gescheitert. Annemarie Felten wohnte zwar noch in dem großen Haus mit ihren Kindern Frank und Ellen, aber wohl nicht mehr lange, da ihr ausgezogener Olaf, der noch immer beurlaubt war und wohl auch kaum wieder seinen Vorstandsposten zurückerhalten würde, wieder ins Haus drängte. Helga Altmann hingegen hatte ihre Koffer und die ihrer Tochter gepackt und war zu ihrer neuen besten Freundin, Henriette Hähnlein, auch Madam Chantal genannt, gezogen. Dort in der Villa in der Sierichstraße bewohnte sie jetzt mit Töchterchen Doreen eine der drei separaten, kuscheligen Dachgeschosswohnungen. Für Doreen bezog Helga den entsprechenden Unterhalt und für die fehlenden Scheinchen arbeitete sie jetzt für Madam Chantal unter dem Künstlernamen „Circe“.
Am 10. Dezember feierte der Stammtisch „Ladies Power“ dann seinen „Nikolaus-Stammtisch“.
Aber alles, wirklich alles, war anders als noch im letzten Jahr.
Annemarie Felten, die Frau des noch immer beurlaubten Vorstands der „Hanseatischen Bürger und Geschäftsbank“, wie auch Helga Altmann lebten in Scheidung. Beide ließen sich von ihrer Stammtischschwester Nadine Göricke vertreten, die ihre Interessen bestens vertrat, aber einräumen musste, dass sich die finanzielle Lage der Damen nicht zu ihrem Besseren wenden ließ.
Das große Wort führte, wie sollte es auch anders sein, Etta v. Tarla-Hippenstedt. Diese hatte sich, wie üblich, bereits in Form gebracht, also reichlich vorgeglüht.
„Aber, Ladies, trotz aller Probleme, die einigen von euch von ihren Kerlen und auch anderer Seite bereitet worden sind, so sind wir uns doch treu geblieben und haben uns weder kaufen, noch erpressen lassen. Darauf sollten wir unser Glas erheben!“ Mit diesen Worten sorgte Etta dafür, dass alle dreizehn anwesenden Ladies ihr gefülltes Glas mit der edlen Flüssigkeit aus der französischen Champagne erhoben und ihr zuprosteten. Das nicht alle der Anderen ihre Fröhlichkeit wirklich teilten, fiel der in Feierlaune befindlichen Etta nicht weiter auf. Vielleicht schaute sie auch mehr auf Erika Boll, die in der Tat ausgesprochen zufrieden und glücklich wirkte. Sie hatte ja auch allen Grund dazu, war sie doch jetzt schuldenfrei und mit ihrem Salon in der Gewinnzone angelangt. Auch Henriette Hähnlein alias „Madam Chantal“, die mit ihrer neuen, in vielen Rollenspielen absolut souverän agierenden, Gehilfin mehr als zufrieden war, hatte wenig Grund zu klagen. Ganz anders Nadine Göricke, die sehr gern klagte, waren doch in Familienangelegenheiten stets lukrative Streitwerte gegeben. Auch wenn sie aufgrund der rechtswirksamen Eheverträge von Helga und Annemarie für diese selbst nur wenig erwarten durfte, so hatte sie doch sofort die Chancen genutzt, auf Festsetzung höherer Unterhaltsbeträge für deren Kinder das Gericht zu bemühen.
Aber auch Edelgarde v. Toppendorf, die sonst immer die strahlende Schönheit, der das Alter nichts anhaben konnte, zu verkörpern schien, obwohl sie selbst es überhaupt nicht darauf anlegte, schien in Gedanken versunken. Das passte nun so gar nicht zu der attraktiven Dame von Welt, der, außer ihren unübersehbaren körperlichen Vorzügen, auch ein beträchtliches Vermögen bereits in die Wiege gelegt worden war. Obwohl selbst gerade eine Krise durchlebend, war dieses Annemarie Felten gleich bei der Ankunft aufgefallen. Jetzt, wo die Ladies sich in einzelne Gespräche vertieften, sprach sie die sowohl als Sportreiterin, wie auch sonst wohl bekannteste der Stammtischschwestern an. „Du siehst so abwesend aus, Gardi, was bedrückt dich? Kann ich irgendwas für dich tun?“
Fast erschrocken wandte die Angesprochene sich ihr zu. „Na, Anne, du hast wohl mehr zu leiden als ich. Aber nett von dir, dass du fragst.“
„Entschuldige, ich wollte nicht neugierig sein“, leitete Annemarie den Rückzug ein, „aber ich wollte wirklich nur helfen, wenn ich es denn kann.“
Die ebenso attraktive, wie auch intelligente Baronin überlegte kurz und antwortete dann: „Ich glaube eigentlich nicht, aber vielleicht ja doch. Kennst du einen guten, aber wirklich ehrlichen Privatdetektiv? Keinen solch Schlüssellochschnüffler ohne viel Ahnung, der nachher noch seine Auftraggeber erpresst oder was gegen ein paar Scheinchen auf die Kralle an die Presse weitergibt.“
Zu ihrer großen Überraschung nickte Annemarie Felten. „Ich glaube schon. Vor einem knappen Jahr gab es in der Bank ein Problem und da hat Olaf so einen Detektiv, auch auf Empfehlung, engagiert und der hat, womit in der Bank, das heißt bei Aufsichtsrat und Vorstand, niemand wirklich gerechnet hat, ganz schnell den Fall geklärt.“
„Was? Das hätte ich nun wirklich nicht erwartet. Das sollten wir aber nicht hier besprechen. Aber hast du nachher überhaupt noch Zeit? Ich meine wegen Frank und Ellen?“ Edelgarde dachte an die Kinder der Freundin, wurde aber schnell beruhigt.
„Die sind diese Woche noch bis Samstag bei Olaf und werden von Oma, also seiner Mutter, betreut und so verwöhnt, dass sie mich kaum vermissen.“
Annemarie schüttelte den Kopf: „Tolle Frau, Olafs Mutter. Bedauert das Ganze sehr, kommt aber im Moment auch nicht an Olaf ran.“
„Weißt du was, Anne, dann verdrücken wir uns gleich und du kommst mit zu mir nach Hause. Wir können dann noch einen guten Rotwein trinken und ich bringe dich dann morgen Vormittag wieder her, damit du deinen Wagen abholen kannst.“
„Also, was möchtest du trinken?“ Edelgarde schaute fragend auf die Stammtischschwester, die zum ersten Mal ihr vor den Toren der Hansestadt gelegenes Landhaus besuchte und von den ganzen Eindrücken fast erschlagen wurde. Neben den Stallungen für die Pferde und das integrierte alte Gutshaus hatte Edelgardes Vater in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein fast ebenso großes Haus im Landhausstil errichten lassen, das sich über drei Stockwerke erstreckte.
In der geräumigen Eingangshalle hingen alte Gemälde, die sich zum Teil über mehrere Meter erstreckten und Schlachtszenen aus vergangenen Zeiten darstellten. Dazu Ölbilder der Vorfahren Edelgardes und anderer Persönlichkeiten. Dazwischen angeordnet, alte Wandteppiche mit wunderschönen Mustern und Waffen aus verschiedenen Epochen. Auf dem Marmorboden standen Rüstungen, wie sie im Mittelalter getragen wurden, sowie riesige Bodenvasen, Fackelhalter und vieles mehr. Ganz anders und modern eingerichtet war der Wohnraum mit den riesigen Fenstern, den hellen Sitzmöbeln aus erlesenen Stoffen und auch weißem Leder. Ein sich über die ganze Wand ziehendes Bücherregal mit sowohl alten, vielleicht sogar über einhundert und mehr Jahre alte, teils in Leder gebundene, Bücher sowie auch neuerer Literatur zog wie ein Magnet die Blicke auf sich. „Toll, einfach toll“, entfuhr es Annemarie, deren Blick jetzt auf einigen Stichen an der Wand verweilte, die einen eingelassenen riesig wirkenden Plasmafernseher vor einer separaten Sitzgruppe einrahmten.
Gardi, wie Edelgarde seit frühester Jugend von ihren Freundinnen genannt wurde, lächelte und füllte zwei edel aussehende Weingläser mit einer rubinroten Flüssigkeit aus einer Kristallkaraffe.
Sie hob ihr Glas Annemarie entgegen: „So, nehm erst mal einen Schluck, und dann erzähl von dem Detektiv.“
Eine Viertelstunde später lehnte sich Edelgarde zurück, nahm einen etwas größeren Schluck aus ihrem Glas und meinte nachdenklich: „Das hört sich gut an. Der Typ könnte mir vielleicht wirklich helfen.“
„Na, da bist du ja ganz gut aus dieser Nummer rausgekommen. Lass es dir eine Lehre sein!“ Staatsrat Dr. Peter Hammerschmidt, selbst Jurist, war ebenso erstaunt, wie andererseits natürlich auch erfreut, wie es diesem Anwalt Degen gelungen war, in so kurzer Zeit die Einstellung des Verfahrens wegen Unfallflucht mit einer simplen Einlassung gegenüber der Staatsanwaltschaft zu bewirken. Einstellung gegen Geldauflage, aber immerhin Einstellung ohne Gerichtsverhandlung und damit ohne Kenntnis der Öffentlichkeit; und – ganz wichtig – ohne Vorstrafe. Damit war der gute Name gewahrt und auch bezüglich seiner Chancen, demnächst neuer Finanzsenator zu werden, keinerlei Nachteil entstanden.
„Ha, das war doch klar. Es hätte doch wohl kein Richter in dieser Stadt geglaubt, dass eine Sieglinde Hammerschmidt-Blume Unfallflucht begeht. Weshalb auch? Getrunken habe ich nicht und wegen der paar Piepen für den Kratzer an der alten Rostlaube? Ist doch lächerlich!“
Sieglinde stampfte zur Bekräftigung ihrer Worte mit ihrem linken Fuß auf den Boden.
„Ist ja gut, ich meine nur, du solltest dich jetzt nicht noch zu weiteren unüberlegten Schritten gegen diese Stammtischfrauen hinreißen lassen.“ „Ach, nachdem du es nicht fertig gebracht hast, für die Aufnahme deiner Frau in diesen Club zu sorgen und ich mich von diesen Weibern so abfertigen lassen musste? Soll ich das etwa hinnehmen? Ich denke gar nicht daran. Eine Sieglinde Blume beleidigt man nicht. Das werden diese hochnäsigen Kühe schon noch merken! Auch Papa meint, dass ich mir das nicht bieten lassen kann. Wer sind denn wir Blumes? Wir stehen doch wohl himmelweit über denen!“
Oh Gott, wie bereute der arme, wenn auch superreich eingeheiratete, Mann einmal mehr seinen größten Fehler. Aber sollte er dieses abgrundtief hässliche Weib und ihre keifende Stimme, gepaart mit ihrem vor Bosheit und Hinterhältigkeit triefenden Charakter, über zehn Jahre ertragen haben, um im Falle einer Scheidung mit leeren Händen dazustehen? Nein! Das hatte er nicht verdient. Niemand, und er schon gar nicht. Ihrem Vater, dem achtzigjährigen Jacob Blume, der noch bis vor wenigen Wochen jeden Tag in der Bank seine leitende Funktion ausgeübt hatte, war erst kürzlich zusammengebrochen. Ein Schlaganfall hatte ihn aus heiterem Himmel getroffen. Aber der alte Mann war bereits wieder auf dem Wege der Besserung. Wie wäre es, wenn dieser sich nicht wieder erholen und Sieglinde als einzige Tochter und Erbin ihm so rechtzeitig folgen würde, dass sie kein Testament mehr errichten könne? Dann wäre er ja wohl der gesetzliche Erbe von vielen Millionen. Dann hätten sich seine erlittenen Qualen doch noch angemessen ausgezahlt. Doch den Gefallen würde sie ihm nicht tun. Ganz bestimmt nicht. Es blieb wohl ein schöner Traum. Oder? Fast erschrak er bei dem Gedanken und schüttelte über sich selbst den Kopf. Aber zu seinem eigenen Erschrecken, der Gedanke kehrte immer wieder.
„Also, nehmen Sie bitte Platz. Darf ich Ihnen etwas zu trinken bringen lassen? Einen Kaffee vielleicht, oder auch ein Wasser?“ Berti Tonner, der noch junge, knapp dreißigjährige Leiter der Hamburger Niederlassung der international tätigen Detektei „Waterhill Detectives“ konnte nicht verhindern, dass sein Blick wohl etwas zu lange auf der schönen Frau verweilte, die ihm an diesem Vormittag so unangemeldet von seiner Sekretärin Karin Thomas ins Büro geleitet wurde. Eigentlich war er mit dem Abschlussbericht eines großen Versicherungsbetruges, der auch zwei Menschen das Leben gekostet hatte, beschäftigt und hatte darum gebeten, nur in dringlichsten Fällen gestört zu werden. Er wollte schon seine Tommie, wie er sein hübsches Vorzimmerjuwel nannte, anknurren. Als er aber dann sah, was für eine Dame sie ihm ins Büro geleitete, leistete er ihr sofort gedanklich Abbitte für den Anraunzer, den sein Hirn bereits formuliert hatte, er aber glücklicherweise auszusprechen noch zurückhalten konnte.
„Danke, gern ein Wasser. Möglichst mit Kohlensäure, bitte!“ Ja, auch die wohlmodellierte Stimme mit dem gewissen Tempre passte genau zu der teuer gewandeten Schönheit, die jetzt die Beine geziert übereinander schlug und ihm einen Blick auf den halben Oberschenkel gewährte. Passt alles wie gemalt, musste er unwillkürlich denken. Schlanke, aber keinesfalls magere Gestalt mit den richtigen Rundungen. Edles, ovales Gesicht, in dem die strahlend blauen Augen dominierten und mit den roten Lippen und den perlweißen Zähnen zur braunen Gesichtsfarbe einen optimalen Kontrast bildeten.
Dazu das herbstlich passende Kostüm mit dem kurzen Rock und den leichten Stiefeln aus ganz offenbar superweichem Leder in beige-braun.
Er konnte nicht verhindern, dass seine Stimme leicht belegt klang, als er seine Vorzimmerfee bat, das erbetene Wasser zu servieren.
Nach einem gezierten Schluck aus dem Wasserglas kam die schöne Fremde, die sich als Edelgarde v. Toppendorf vorstellte und dem Mann ihre Karte überreichte, ohne Umschweife zur Sache.
So erfuhr der Detektiv, dass seine Besucherin ein großes, ererbtes Gut verwaltete und hier ein Gestüt betrieb, das viele Rassepferde hervorbrachte, die in die ganze Welt verkauft wurden. Gerade war wieder einer ihrer gekörten Hengste für fast vierhunderttausend Euro nach Amerika veräußert worden. Vielleicht war dies der Anlass gewesen für das ihr jetzt zugegangene Erpresserschreiben, das sie ihm zu ihren Worten überreichte.
„Oh, wow, ich bin begeistert“, kommentierte der noch junge, aber durchaus älter wirkende, örtliche Chef der Detektivagentur die Tatsache, dass ihm das Schreiben in einer Plastikhülle überreicht wurde.
Die schöne Dame lächelte: „Auch ich sehe Krimis. Daher sollten auch nur auf dem Umschlag meine Abdrücke sein, da ich das Schreiben mit einer Pinzette angefasst habe.“
Jetzt musste auch Berti Tonner grinsen. „Sehr gut, aber ich glaube kaum, dass wir Fingerspuren finden werden. Aber versuchen muss man es natürlich.“ Er legte die Formularhülle mit Brief und Umschlag beiseite, warf einen weiteren kurzen Blick auf die nicht mehr ganz junge, aber außerordentlich attraktive, Frau und fragte: „Rauchen Sie?“
Erstaunt musterte jetzt sie den Mann. „Ja, wie kommen Sie jetzt darauf?“ Er stand auf und entnahm seiner Schreibtischschublade Ascher und eine Packung Marlboro sowie ein Plastikfeuerzeug mit dem Logo einer Spedition. Die Raucherutensilien auf den Tisch legend antwortete er: „Sie haben Ihre Handtasche mehrfach auf- und zugemacht, dann den Reißverschluss des Nebenfaches aufgezogen und wieder geschlossen. Dort zeichnet sich ein Gegenstand ab, der sehr viel Ähnlichkeit mit einem Zigarettenetui hat.“
Auf ihrem Gesicht zeichnete sich Erstaunen ab, das aber ganz schnell in ein Lachen überging, das auch mit glockenhellen Tönen untermalt wurde. „Ich bin beeindruckt“, kam es immer noch lachend über ihre nur dezent geschminkten Lippen, „dann ist mein Fall ja sicher schon fast gelöst.“
„Nun, schauen wir mal. Aber erst benötige ich noch ein paar Antworten. Wenn der Typ androht, ihre Pferde zu töten oder auch die Stallungen abzubrennen, wenn Sie ihm keine halbe Million zahlen, dann kennt er sich ja wohl auf Ihrem Gut aus.“ Fragend blickte er sie an. „Nun, das muss nicht sein. Mein Name taucht ja hin und wieder in der Presse oder in Pferdesportsendungen auf.“ Tonner schüttelte den Kopf. „Ich würde fast wetten, dass dieser Mensch schon auf Ihrem Gut oder Gestüt gewesen ist. Vielleicht nicht nur einmal.“ „Meinen Sie wirklich?“ Jetzt schaute sie doch etwas erschrocken auf. „Leider ja. Wie viele Leute beschäftigen Sie denn vor Ort?“ „Mein Verwalterehepaar und dessen Sohn, ein Student um die fünfundzwanzig, wohnen in dem alten Gutsgebäude zusammen mit einem Ehepaar, das sich um die Pflege der Pferde kümmert. Dann noch drei Landarbeiter, eine Köchin und eine Frau für die Reinigung der Häuser, also des alten Gutshauses und meines neuen Hauses. Das habe ich mir etwas neben dem alten Gutshof errichten lassen. Alle anderen Beschäftigten, Pferdewirte, Trainer usw., wohnen nicht auf meinem Grund.“ Sie klappte ihr silbernes Etui auf und nahm eine Zigarette mit Goldfilter heraus, ließ sich Feuer reichen und nahm einen tiefen Zug. Anlass für Tonner, sich auch seinerseits ein Stäbchen anzustecken und sein Leben um angeblich weitere fünf Minuten zu verkürzen. „Wie viel Leute beschäftigen Sie denn überhaupt?“
„Um die fünfundzwanzig Personen, einschließlich Büro und Trainer. Für Aussaat und Ernte kommen noch Leute hinzu im Bedarfsfall. Meistens aber nehme ich Lohnunternehmer. Dazu natürlich Fensterputzer, Tierarzt, Lieferanten und so weiter. Einige Leute haben auch Boxen gemietet und stellen ihre Pferde bei mir ein. Aber nur noch wenige, meist Bekannte oder Leute, die ein Pferd bei mir gekauft haben oder ausbilden lassen.“
„Hm, das bedeutet viel Arbeit. Und in Ihrem neugebauten Haus leben Sie mit Ihrer Familie allein?“
Sie lachte erneut auf und wieder erschienen um ihre Augenwinkel viele winzig kleine Lachfältchen und einige, lustig anzusehende, auf dem geraden Nasenrücken, was ihn schon beim ersten Hinsehen fasziniert hatte. „Wenn Sie so wollen – ja. Allerdings besteht meine Familie aus meinem Wallach ‚Prinz‘, der aber in seiner Box untergebracht ist und meinen beiden Hunden. Einem Hannoverschen Schweißhundrüden namens ‚Baldo‘ und meiner Drahthaarhündin ‚Sine‘. Bevor Sie jetzt nachfragen, sage ich lieber gleich, dass es Ehemann oder sonstigen Anhang nicht gibt.“
Irgendwie freute ihn diese Auskunft. Mitten in seine Gedanken hinein fragte Edelgarde v. Toppendorf: „Also, übernehmen Sie den Fall?“ Berti Tonner nickte und wusste bereits, dass er diese Angelegenheit selbst übernehmen würde. Er hoffte nur, dass nicht gerade jetzt irgendein teuer versicherter Mensch das Zeitliche segnen möge, der bei einer der Gesellschaften eine hohe Lebensversicherung abgeschlossen hatte, für die seine Firma vertraglich tätig war oder ein sonstiger Auftrag hereinkam, der seine persönliche Einschaltung erforderte.
„Gern doch. Aber das, Frau v. Toppendorf, wird nicht ganz billig werden.“
„Das habe ich auch nicht erwartet, Herr Tonner“, erwiderte die Baroness, „die Pferde sind im Übrigen ja auch gegen Unfall, Tod und Entführung usw. versichert.“
„Dann schlage ich vor, Sie suchen schon einmal die Versicherungsunterlagen, auch hinsichtlich der Gebäudeversicherungen, heraus. Ich könnte dann bei Ihnen vorbeischauen und mit Ihnen abklären, ob wir an die Versicherer jetzt schon herantreten? Das erhöhte Risiko müsste wohl ohnehin gemeldet werden. Darüber sollten Sie auch mit Ihrem Anwalt reden. Außerdem möchte ich mir die Örtlichkeiten einmal ansehen.“ „In Ordnung, ich rufe Sie nachher noch an“, bestätigte die neue Klientin zu Tonners Freude.
Natürlich ließ es sich Berti nicht nehmen, diese Frau, die ihn nun wirklich außerordentlich beeindruckt hatte, hinauszugeleiten. Als er in sein Büro zurückkam, hatte er immer noch ihren schwingenden Gang vor seinem geistigen Auge. Das war seiner Sekretärin natürlich nicht entgangen. „Hallo, großer Meister, nicht stolpern!“, schallte es ihm entgegen.
„Nein, Spatzl, aber du musst zugeben, die Frau hat was – oder?“
Tommie legte ihren schelmischen Gesichtsausdruck auf, den Kopf auf ihre ganz eigene Art schief und säuselte mit ihrer gut gespielten Klein-Mädchen-Stimme: „Nein, großer Herr und Meister, darum hat Tommie ja auch gegen die chefliche Anordnung verstoßen und die stolze Dame vorgelassen.“
„Braves Mädchen!“, bestätigte ihr Chef und strich ihr über das lange, mittelblonde Haar. Zurück in seinem Zimmer betrachtete er nochmals den Erpresserbrief. Billiges Druckerpapier, das wohl in der Hälfte aller Drucker der Hansestadt Verwendung fand. Selbst mit Lupe konnte er keine Abdrücke ausmachen. Vielleicht konnte das Labor ja weiterhelfen, aber auch das glaubte er kaum. Blieb noch die Hoffnung auf eine DNA-Spur, aber wohl ebenso unwahrscheinlich. Da gab der Text schon mehr her.
Wenn Sie, vor Geld stinkende Baronin, nicht wollen, dass ihre überteuerten Klepper in der Tierverwertung landen und zu Seife verkocht werden, statt für teures Geld an den dummen Mann oder die noch dümmere Frau gebracht zu werden, dann sollten Sie ernsthaft in Erwägung ziehen, von Ihrem Reichtum einen ganz, ganz kleinen Teil abzugeben und damit vielleicht ein wirklich wertvolles Menschenleben zu retten. Wenn Sie einverstanden sind, 575.000,- € innerhalb einer Woche zu zahlen, dann schalten Sie in der Samstag-Ausgabe der „Hamburger Allgemeinen“ unter VERMISCHTES folgende Anzeige: Ab 01.12. Wurf Jagdterrier, m u. w, mit Papieren abzugeben. Chiffre xy1669. Sollten Sie die Polizei einschalten, sterben nicht nur Ihre Gäule, sondern setze ich Ihnen auch den roten Hahn aufs Dach. Nächste Kontaktaufnahme erfolgt über die Chiffre-Nr.
Mit der Wortwahl und der Rechtschreibung, die nicht so recht zusammenzupassen schienen, da ließ sich vielleicht etwas anfangen. Er zündete sich eine Marlboro an und schenkte sich einen Schluck Wasser aus der nur halb geleerten Flasche in das Glas, aus dem seine Besucherin getrunken hatte. Fast meinte er, den Geschmack ihrer Lippen zu spüren, als er das Glas langsam und in kleinen Schlucken leerte.
„Alter Esel“, schalt er sich halblaut selbst. Die Tante ist mindestens zehn Jahre älter als du und spielt außerdem in einer ganz anderen Liga, gestand er sich ein, als er sich aufmachte, den Erpresserbrief in das Labor zu bringen, mit dem die Detektei seit langer Zeit zusammenarbeitete.
Frohe Kunde dagegen erhielt Etta v. Tarla-Hippenstedt. Nach dem ganzseitigen Zeitungsartikel und dem nachfolgenden Bericht über die Entschuldungsaktion von Member Erika, hatte auch ein großes Nachrichtenmagazin die Story vom Damenstammtisch „Ladies Power“ aufgegriffen. Der Redakteur der„Wochen-News“ hatte nach einigen Versuchen sie endlich erreicht und um ein Interview nachgesucht.
Nur ganz kurz hatte Etta erwogen, den Wunsch mit den anderen Ladies zu erörtern oder diese hinzuzuziehen. Dann aber dachte sie daran, dass bei der Spendenaktion ihr ja Edelgarde den Rang abgelaufen hatte und sowohl auf Foto, als auch im Artikel deutlich mehr Beachtung fand, was sie als ungerecht empfand. So beschloss sie schließlich, das Interview allein zu geben und erst am folgenden Dienstag die Members zu informieren. Schließlich war sie es gewesen, die diesen so bekannt gewordenen Club gegründet hatte. Da durfte sie sich nicht nur als Präsidentin fühlen, sondern das war sie auch. So verabredete sie also mit dem Redakteur, dass dieser seinen Reporter, und selbstredend auch den Fotografen, am nächsten Tag bereits am frühen Nachmittag zu ihr nach Hause schicken möge.
Am Abend dieses so ereignisreichen Tages geschah noch etwas, das weitreichende Auswirkungen haben sollte. „Also, Mäuschen, sei brav und spätestens um halb elf zurück. Ich bin auch gegen Mitternacht wieder da!“ Mit diesen Worten verabschiedete Helga Altmann ihre Tochter, die vierzehnjährige Doreen.
„Ja, Mama, geht klar. Gehst du wieder zu Henni zum Anscha…“, sie unterbrach sich, „äh, ich meine zum Arbeiten?“
Helga Altmann glaubte nicht richtig zu hören. Sie erschrak heftig und ihr Blutdruck stieg sprunghaft in die Höhe und eine knallrote Farbe überzog ihr Gesicht. „Was hast du gesagt? Anschaffen? Ich bin deine Mutter, was fällt dir denn ein?“ Fast hätte Helga ihrem über alles andere in der Welt geliebten Töchterchen eine knallige Backpfeife versetzt.
Doch Doreen war mit ihren vierzehn Lenzen ja nun auch kein kleines Mädchen mehr. Natürlich hatte sie gemerkt, was für ein Gewerbe Henni betrieb. In etwa jedenfalls. „Na, Mama, was machst du denn sonst bis spät in die Nacht bei Henriette? Ich bin doch nicht blöd. Meinst du, ich merke nicht, dass da unten ein Puff betrieben wird?“ Helga war entsetzt. Sie war doch immer so vorsichtig gewesen und zog sich immer erst bei Chantal in der Maske um, wie sie und die anderen Damen die große Umkleide nannten, die in der Tat alle Requisiten für die jeweils gewünschten Rollenspiele enthielt. Aus erschrocken geweiteten Augen sah sie Doreen an und suchte verzweifelt die passenden Worte. Warum fiel ihr denn bloß nichts ein? Sie sah die fragenden Augen ihrer Tochter auf sich gerichtet und konnte nicht antworten. Schließlich senkte sie den Blick und murmelte mit piepsiger Stimme, die ihr einfach nicht gehorchen wollte: „So ist das nicht. Nicht so jedenfalls, wie du denkst.“
„Wie ist es denn, Mama, wie?“ Fast schrie ihr Mädchen ihr die Worte ins Gesicht und unwillkürlich wich die Frau einen Schritt zurück. So hatte sie ihre Tochter ja noch nie erlebt. So erwachsen und vor allem, so wütend. Auch Doreens Gesicht glühte nun. Aber vor Zorn und Wut, wie es schien. Sie stampfte mit dem Fuß auf. „Wie ist es denn, Mama? Sag es mir! Rede mit mir!“




