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In Helgas Kopf drehte sich alles. Sie war einfach nicht dazu in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. „Doreen, Kind, ich … ich …“, ihre Stimme wurde brüchig und die zornige Gestalt vor ihr schien zu verschwimmen. Das schöne, ebenmäßige Gesicht ihrer Tochter verblasste und wurde fast durchsichtig. Nur die auf sie gerichteten grünen Augen stachen noch wie zwei grelle Lichter hervor und schienen sie geradewegs zu durchbohren. Dann gingen auch diese Lampen aus und es war nichts mehr da. Gar nichts!
„Mama, Mama, was ist, was hast du!“ Gellend schrie das Mädchen auf, als ihre Mutter vor ihr auf den Boden sank und sich nicht mehr rührte. Ihre Tochter warf sich neben ihr auf den Boden des kleinen Flurs der Dachgeschosswohnung und ergriff mit beiden Händen den Kopf ihrer Mutter. „Mama, sag doch was!“ Da fühlte sie es feucht an ihren Fingern und starrte entsetzt auf ihre kleinen Hände. Blut tropfte von ihrer rechten Hand auf den hellen Teppichboden und hinterließ tiefrote Flecken. Ein weiterer Schrei entrang sich ihrem Mund und Tränen traten in ihre Augen. Stumm vor Entsetzen sah sie, dass sich der helle Boden unter den kupferroten Haaren ihrer Mutter mit einem ganz anderen Rot färbte und anfing im Licht der Flurlampen nass zu glänzen.
Berti Tonner war beeindruckt. Von der stolzen und schönen Edelgarde sowieso, aber auch von dem, was er jetzt hier auf ihrem Gut, und dem angeschlossenen Gestüt erblickte. Saubere Wege, gepflegte Gebäude in hellen, freundlichen Farben. Gepflasterte Stallgassen sorgten dafür, dass das Regenwasser abfließen konnte und auch die Leute, die sich auf dem angrenzenden Trainingsplatz mit einigen Pferden beschäftigten, wirkten zufrieden und ausgeglichen.
„Kommen Sie rein“, winkte ihn die in Reithose und Pullover gekleidete Edelgarde in ihr Wohnhaus, das etwas abgesetzt von den Stallungen, Scheune und auch dem Gutshaus neu errichtet worden war.
„Danke, und alle Achtung. Ich bin beeindruckt!“, ließ Tonner seine Auftraggeberin wissen.
Kurz darauf saßen sich die beiden in dem gemütlichen Arbeitszimmer der Dame des Hauses an einem viereckigen Tisch auf modernen, aber trotzdem bequemen, Ledersesseln gegenüber.
„So, hier sind die ganzen Personalakten. In den grünen Deckeln die meiner jetzigen Beschäftigten und in den blauen die Unterlagen der in den letzten fünf Jahren ausgeschiedenen Leute!“ Edelgarde deutete auf die beiden Aktenstapel, die sich auf dem Tisch türmten. Mit den Worten: „Fangen Sie ruhig an, ich hole uns einen Kaffee“, stand die blonde Frau auf und verschwand durch die Tür. Auch in Reithose und -stiefeln ein mehr als reizvoller Anblick, dem Berti noch Augenblicke nachhing, als sie längst aus seinem Blickfeld verschwunden war. Nur mühsam konnte er seine Aufmerksamkeit auf die Personalakten konzentrieren, wo er mit den ausgeschiedenen Mitarbeitern begann.
Drei Stunden und vier Tassen Kaffee später, im Aschenbecher aus Marmor hatten sich ein halbes Dutzend Kippen angesammelt, hatte der Detektiv das Aktenstudium zunächst beendet. Leider hatte ihn seine attraktive Auftraggeberin bereits nach einigen Minuten wieder verlassen, da sie sich um ein Problem in den Stallungen kümmern musste.
Zwei blaue Deckel hatte er aussortiert und die anderen wieder auf die entfernte Seite des, aus verchromten Beinen und schwerer Kristallplatte bestehenden, Tisches geschoben.
Erneut schlug er den oberen Aktendeckel auf. Er blätterte ganz nach hinten und starrte auf das oben an den Lebenslauf geheftete Foto, das einen gutaussehenden Mann um die Vierzig mit vollen, dunklen Haaren und braunen Augen, sowie gebräuntem Gesicht zeigte. Ein gutaussehender Typ, wie er sich, etwas widerwillig, eingestehen musste. Er vertiefte sich nochmals in den Lebenslauf. Abitur, abgebrochenes Jurastudium und dann Reitlehrer mit Tätigkeiten in der Schweiz, Österreich und auch einigen Jahren Amerika. In Florida, genauer gesagt in Fort Lauderdale. „Wo auch sonst?“, murrte Tonner halblaut vor sich hin.
„Was meinen Sie?“ Erschrocken fuhr der Mann herum und sah erfreut auf die umgekleidete Adelige.
Edelgarde trug jetzt eine tief ausgeschnittene Bluse in unschuldigem Weiß, darunter einen dunkelgrünen, langen Rock zu braunen Stiefeln. Ein atemberaubender Anblick, der ihm ein nicht ganz unbeabsichtigtes Wow entlockte. „Schön, dass Ihnen mein Outfit gefällt“, klang ihre Stimme an sein Ohr, „aber dann verraten Sie mir jetzt auch bitte, was Sie eben gemeint haben?“
„Äh ja“, er grinste jetzt verschmitzt, „und nochmals ja. Ihr Outfit und auch alles darin Verpackte gefällt überaus und ja, verrate ich Ihnen gern, was ich entdeckt habe.“ Die Baronin lachte leise auf und nahm ihm gegenüber Platz, schlug die Beine übereinander und ließ sich Feuer geben. Auch er steckte sich eine weitere Zigarette an und kam dann zur Sache.
„Hier haben wir einen möglichen Kandidaten.“ Während er ihr die Akte hinüberschob, fuhr er fort. „Dieser Alexander Axmann, den Sie vor einem guten halben Jahr entlassen haben. Was war der Grund?“ Edelgarde schlug die Akte auf und blätterte darin, während eine leichte Röte ihr Gesicht überzog. Jetzt frohlockte Tonner innerlich, ohne sich aber nach außen etwas anmerken zu lassen.
„Etwas Persönliches?“ Die Freifrau zuckte zusammen. Fast unmerklich, aber nicht für ihn, der gelernt hatte, auf auch geringste Reaktionen zu achten. Edelgarde v. Toppendorf hatte sich gefangen. „Persönliches? Wie kommen Sie denn darauf?“
„Nun, da hat Sie Ihre Reaktion verraten. Sie sind nicht sonderlich überrascht gewesen, haben dann aber in der Akte, die Sie ja genau kennen, sehr lange geblättert, ohne etwas zu sagen und, als Sie bis zum Passbild auf dem Lebenslauf gekommen sind und darauf geblickt haben, nahmen Ihre Augen für einen Moment einen ganz anderen, irgendwie härteren, Ausdruck an.“
Die Frau blickte halb entsetzt, halb belustigt, auf und musterte sein Gesicht genau. Nein, Schadenfreude oder sonst Nachteiliges konnte sie nicht entdecken. Irgendwie, sie wusste eigentlich selbst nicht warum, war sie nicht unfroh darüber.
„Ich hole uns einen Cognac und brauche auch noch Zigaretten!“ Mit diesen Worten entschwand Edelgarde aus dem Raum. Nachdenklich blickte Berti ihr hinterher. Ganz offenbar war es etwas sehr Persönliches, dass hier zu der Kündigung geführt hatte und die Frau brauchte wohl etwas Zeit, um zu überlegen, wie sie reagieren sollte? Er hoffte nur, dass sie ihm die Wahrheit offenbaren würde. Nicht nur, weil es seine Arbeit erleichtern würde, sondern vielmehr noch, weil er es als Beweis dafür werten könnte, dass diese Frau ihm Vertrauen entgegenbrächte.
Das erschien ihm plötzlich das Wichtigste überhaupt.
Es dauerte einige lange Minuten, vielleicht zehn oder zwölf, die sich für Berti Tonner wie gefühlte Stunden dehnten. Dann endlich erschien Edelgarde mit einer Flasche altem Cognac, die sicherlich den Wochenlohn eines Industriearbeiters gekostet hatte, sowie zwei ebenso teuer wirkenden Schwenkern, aus denen dieser edle Tropfen aus der gleichnamigen französischen Provinz üblicherweise zu sich genommen wird. Auch wenn sich die edle Flüssigkeit in den großen Gläsern fast verlor, war es doch mehr als nur ein guter Schluck, der eingeschenkt wurde, wie Berti dem sinkenden Pegelstand der bauchigen Flasche entnehmen konnte. Aber es dauerte noch etwas, bis er den duftenden Tropfen genießen durfte. „Moment, der Kaffee“, sprach die adlige Dame mit noch etwas belegter Stimme und entschwand aufs Neue, um kurz darauf mit einem Tablett zurückzukehren, auf dem sich Kanne, Tassen und Untertassen nebst Zucker und Kaffeesahne befanden. Als dann auch die dampfenden Tassen vor ihnen standen und er ihr Feuer für ihre Zigarette aus dem silbernen Etui mit dem eingestanzten Wappen reichen durfte, hob die Baronin ihm endlich ihr Glas entgegen. In der Tat, der Cognac war ein Genuss, registrierte er. Weich und samtig und gar nicht so seifig, wie er nach französischen Weinbränden aus der Provinz Cognac immer den Nachgeschmack empfunden hatte.
Dann endlich kam Edelgarde v. Toppendorf zur Sache. Sie berichtete, dass sie den Mann auf Empfehlung einer älteren Freundin ihres verstorbenen Vaters vor drei Jahren eingestellt hatte und in der Tat sich auch bald ein enges persönliches Verhältnis entwickelte. Vor gut sechs Monaten war sie dann dahintergekommen, dass dieser Alexander Axmann sie massiv hinterging und auch noch zwei Freundinnen in Hamburg hatte, denen er von ihrem Geld teure Geschenke machte und auch nicht davor zurückschreckte, sich mit zahlenden Kursteilnehmerinnen einzulassen, als sie für vier Wochen in Amerika weilte. Nachdem sie dann auch noch feststellen musste, dass er Geld von den Gestütskonten für sich abgezweigt hatte, feuerte sie ihn schließlich fristlos. Im Nachhinein, so versicherte die schöne Freifrau mit Nachdruck, habe sie überhaupt nicht mehr verstehen können, wie sie auf diesen Blender hereinfallen konnte? „Nun, ich habe mich wie jede andere dumme Pute verhalten, die merkt, dass sie langsam älter wird und meint, Versäumtes nachholen zu können“, schloss sie ihre Schilderung und ihrer Stimme war die Verbitterung anzumerken.
So ungefähr hatte es sich der Detektiv vorgestellt. Gerade wollte er ihr nahelegen, doch nicht so hart mit sich selbst ins Gericht zu gehen, da kam sie ihm zuvor. „Sagen Sie es nicht, auch wenn es gut gemeint ist. Ich weiß schon, dass ich mich ziemlich dumm verhalten habe. Sagen Sie mir lieber, wie Sie jetzt vorgehen wollen?“
Dieses Verhalten war in der Tat beeindruckend, wie eigentlich alles an der Frau. Also fügte er sich und erläuterte sein angedachtes weiteres Vorgehen.
Helga Altmann hatte Glück gehabt, wie schon der herbeigerufene Notarzt meinte und die Ärzte im Krankenhaus bestätigten, nachdem sie die Frau näher untersucht hatten. Woher der Ohnmachtsanfall rührte, müssten zwar nähere Untersuchungen ergeben, aber die Kopfverletzung hatte lediglich die Kopfhaut aufgerissen, was bekanntlich immer schlimmer aussieht, als es ist. Schließlich ist die den Kopf umspannende Haut besonders stark durchblutet, so dass immer der Eindruck einer viel gefährlicheren Verletzung bei medizinischen Laien entsteht.
Aber Helga ging es gar nicht gut, was keinesfalls an ihren Verletzungen lag. Außer der Kopfplatzwunde, die von der Vitrine im Flur herrührte, auf deren Kante sie gefallen war, hatte sie auch noch eine Prellung der rechten Schulter davongetragen. Sorge bereitete ihr vielmehr die Tatsache, dass sie nicht recht wusste, wie sie ihrer Tochter ihre neue Tätigkeit erklären sollte? Aber irgendwie musste ihr dieses gelingen, denn diese aufzugeben kam schon aus finanziellen Gründen nicht infrage. Zudem machte es ihr gehörigen Spaß, zu sehen, auf was für abartige Gedanken gerade die Leute offenbar kamen, von denen man es wohl nie erwartet hätte. Aber würde Doreen es verstehen? Wohl kaum! Also, was sollte sie tun? Da klopfte es an der Tür und herein traten, neben der behandelnden Ärztin, Doreen und mit ihr Henriette alias Madam Chantal und – was war denn das? Beide lächelten sie an.
Nachdem die beiden sich vergewissert hatten, dass sie sich nicht schwer verletzt hatte, schmiegte sich Doreen eng an sie und sagte leise, so dass die noch immer im Raum verweilende Ärztin nichts mitbekam: „Alles ist gut, Mama. Henni hat mir erzählt, was du machst. Ist ja nicht das, was ich gedacht habe. Alles ist gut!“
Etta v. Tarla-Hippenstedt hatte sich richtig in Szene gesetzt, wie drei Tage nach dem denkwürdigen Interview aus der „Wochen-News“ nicht nur für die anderen Members des Damenstammtisches zu entnehmen war, sondern auch für diejenigen Damen, denen die Aufnahme in diesen illusteren Kreis nach wie vor verwehrt wurde.
Aber auch die Members reagierten, zumindest viele von ihnen, alles andere als begeistert.
„Das hast du ja fein hingekriegt, Etta“, schimpfte Ute Hollmann, „nun geht die ganze Kacke wieder von vorn los. Albert hat mir dieses dämliche Blatt auf den Tisch geknallt und gesagt, jetzt hat er wieder Probleme mit den großen Autohäusern und Werkstätten, bei denen seine Gesellschaft die Abnahmen der Autos durchführt und die Plaketten vergibt. Du weißt doch, dass ich, genau wie Helga, Anne und du ja auch, Probleme mit meinem Mann bekommen habe, weil wir die Frauen von ihren Geschäftsfreunden nicht aufnehmen.“
„Hach, ich habe keine Probleme mit meinem Kerl. Der hat höchstens welche mit mir!“, versetzte Etta, die bereits mehrere ähnliche Anrufe entgegennehmen durfte.
„Außerdem hast du ja wieder einmal derart auf die Tonne gehauen, dass wir jetzt auch in der Politik unsere Stimme erheben werden; und was nicht alles sonst noch. Merkst du denn gar nicht, dass dein Verhalten immer mehr Probleme für uns heraufbeschwört? Nicht alle sind so unabhängig wie du und“, fügte sie nach einer kleinen Pause noch hinzu, „manche von uns wollen auch keinen Stress mit ihrem Mann und ihm auch keinen Kummer bereiten. Denn es soll auch noch Frauen geben, die ihre Ehemänner lieben. Kannst du dich wohl nicht mehr dran erinnern – oder?“
In der Tat hatte es Etta v. Tarla-Hippenstedt für einen Moment die Sprache verschlagen, was bei ihr selten vorkam. Sie stärkte sich mit einem weiteren Drink. Wodka mit etwas Bitter Lemon.
Was die Tante nur hatte? Fahrzeug-Überwachungs-Gesellschaft mbH. So ein kleines, unbedeutendes Unternehmen, das dem TÜV Konkurrenz machen wollte und wo ihr Albert, ein kleiner Dipl.-Ing. es zum Geschäftsführer gebracht hatte. Pah, was war das schon? Sie nahm noch einen größeren Schluck. „Hä, wenn ihr eure Männer liebt, dann sollten sie euch auch lieben und nicht vor ihren Geschäftskarren spannen. Ist doch einfach lächerlich, mich dafür verantwortlich zu machen, dass ihr eure Kerle nicht im Griff habt.“
„Sag mal, bist du schon wieder betrunken? Jetzt wird mir einiges klar. Du hast dieses Interview wohl auch angesoffen gegeben, was?“
Etta wäre fast das schon wieder geleerte Glas aus der Hand gefallen. Was fiel denn dieser Ute ein? Ausgerechnet Ute, die doch nie Probleme gemacht hatte. Wie war die überhaupt zu ihrem Kreis gestoßen? Sie überlegte, aber auf die Schnelle wollte es ihr nicht einfallen. Egal befand sie, so einen Anwurf musste sie sich nicht bieten lassen. Wer war sie denn? Doch keine Ute Hollmann oder so.
„Du vergreifst dich im Ton. So nicht mit mir! Nicht mit einer Etta v. Tarla-Hippenstedt. Dankbar solltet ihr alle mir sein. Wer hat denn ‚Ladies Power‘ gegründet? Ich und niemand sonst. Und wer hat dafür gesorgt, dass wir heute in aller Munde sind? Dass unsere Stimme gehört wird? Auch ich … na ja, und ein paar andere Ladies. Du hingegen hast doch nur davon profitiert. Also spiel dich jetzt bloß nicht auf!“ Mit diesen Worten warf Etta den Hörer auf die Gabel.
Da hörte sich doch wohl alles auf. So eine bodenlose Frechheit. Aber sie war ja nicht nachtragend. Mit einem weiteren Drink würde sie ihre mehr als berechtigte Empörung hinunterspülen und dann hoffentlich bald eine sich zerknirscht entschuldigende Ute am Telefon haben und ihr, edel, hilfreich und gut, wie sie ja nun einmal von Natur aus war, die ersehnte Absolution nicht verweigern, nahm sie sich vor.
„Na, das passt ja“, freute sich Berti Tonner, als er den Hörer auflegte.
„Was passt, großer Meister?“, fragte die allgegenwärtige Sekretärin Karin Thomas, genannt „Tommie“ und linste ihrem Chef über die Schulter.
„Aha, also hat er ihn am Haken, den bösen Buben, der die schöne Tante um ihre Kohle bringen will.“
Berti grinste: „Noch nicht ganz, Tommie-Maus, aber es sieht ganz so aus, als wenn mein erster Eindruck richtig ist.“ Der Detektiv deutete auf die von ihm anlässlich des Telefonates notierten Aktenzeichen der Staatsanwaltschaft auf dem Blatt Papier vor sich. „Fünf Ermittlungsverfahren wegen Betruges, Heiratsschwindel, Urkundenfälschung. Aber nur eine Verurteilung vor acht Jahren und danach nichts mehr.“
„Tommie kombiniert, der Typ ist klüger geworden und hat sich nicht mehr erwischen lassen.“
„Mag sein, oder er hat sich immer rechtzeitig aus dem Staub gemacht. Schließlich war er die letzten Jahre vor seiner Einstellung bei Frau Baronin angeblich in Amerika. Außerdem ist die einzige Verurteilung wegen Urkundenfälschung erfolgt. Ich hoffe mal, dass ich noch nähere Infos über die einzelnen Taten und die Umstände der Einstellung und auch der Verurteilung bekomme.“
„Soll ich mal anfragen, wegen Eintragungen im Schuldnerverzeichnis und Insolvenzregister?“, dachte Tommie mit.
„Ja, Spatzl, gute Idee, mach das. Der Brief hat ja leider nichts hergegeben, wie das Labor gemeldet hat.“
Einen wahren Wutanfall erlitt Dr. Sieglinde Hammerschmidt-Blume, als sie auf dem Weg in die Vorstandsetage des Bankhauses „Blume, Silberzweig, Kropf Nachf. KG a. A.“ am altehrwürdigen Ballindamm noch einen kurzen Blick auf die andere Seite des Korridors warf, wo sich die kleine Sitznische für wartende Kunden vor den Besprechungsräumen befand. Wie immer waren dort die neuesten Tageszeitungen und auch Zeitschriften ausgelegt. Ihr Blick fiel auf die „Wochen-News“, die obenauf lag und ihr längliches Gesicht verzerrte sich in die Breite, was ihr ein noch hässlicheres Aussehen verlieh. Ursache hierfür war der im Innenteil angekündigte Bericht:
„ Ein Damenstammtisch bewegt Hamburg “
Sie riss das Blatt förmlich an sich, schlug die Seite fünfzig auf und sah das Konterfei ihrer derzeitigen Lieblingsfeindin Etta v. Tarla-Hippenstedt breit lächelnd und in Farbe. Im ersten Impuls wollte sie die Illustrierte zusammenknüllen und in den nächsten Papierkorb werfen. Im letzten Moment beherrschte sie sich und steckte sich das Druckerzeugnis unter den Arm und verschwand, ohne die Damen im Vorstandssekretariat auch nur eines Blickes zu würdigen, geschweige denn vielleicht zu grüßen, in ihrem Büro. Mantel und Schal achtlos auf das Sofa ihrer Besprechungsecke werfend, sank sie in ihren Schreibtischstuhl und vertiefte sich in den Artikel.
Zweimal las sie die erneute Lobhudelei der Presse für diesen Klub. Besonders die Tatsache, dass diese Weiber sich jetzt auch noch zu politischen Themen äußern wollten, brachte sie innerlich zum Kochen.
Was bildeten sich diese Tratschen eigentlich ein? Ja, wenn Frauen wie sie, die es zu etwas gebracht hatten, etwas darstellten im Leben, sich berechtigterweise Gedanken über das Allgemeinwohl machten, dann war das schon in Ordnung und wohl auch überfällig. Aber die wahre weibliche Intelligenz, also Frauen ihres Kalibers, die blieben ja draußen vor.
Erneut blätterte sie die dritte Seite des ausführlichen Artikels auf, wo die einzelnen Members mit Namen und Beruf aufgelistet waren. Vor Wut knirschte sie mit den teuren Implantaten, die so gar nicht zu ihrem wenig ausdrucksvollen Gesicht passen wollten; strahlend weiß und makellos hinter dünnen, verkniffenen Lippen, die freiwillig wohl kein Mann küssen würde. „Members, hach, dass ich nicht lache“, brach es aus ihr hervor. Und Ladies, welch hochgestochene Bezeichnung für Anwalts- und Notariatsgehilfinnen, Krankenschwestern oder gar eine Friseuse. Naja, gut, diese Pferdefrau, diese Edelgarde v. Toppendorf, die Frau mag ja ihr vielleicht gerade das Wasser reichen können. Aber eine Etta v. Tarla-Hippenstedt wohl kaum, trotz angeheiratetem Adelstitel doch eher eine Habenichts, zumindest im Vergleich zu ihr. Vorsitzende Richterin, mmh, aber doch weit unter ihr einzuordnen. Anwältin, Journalistin und, was war das denn, ging es ihr durch den knochigen Schädel, Henriette Hähnlein, schon der Name ein Witz. Selbstständige Unternehmerin, dümmer geht´s ja gar nicht. Was die wohl unternimmt? Nein, jetzt war Schluss! Jetzt hatte sie genug von diesem Verein. War nicht auch die Frau von dem Kaufhauskönig Köster abgelehnt worden? Hochangesehener Geldadel der Hansestadt. Na gut, kein Vergleich zu der Familie Blume, aber immerhin keine Niemands. Und die Frau von diesem Degen, dem Strafverteidiger, der sie da rausgepaukt hatte, die wollte doch auch unbedingt in diesen Verein. Da müsste sich doch was machen lassen!
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