Gesammelte Werke (Über 150 Titel in einem Band)

- -
- 100%
- +
Dies heißt man nur Galimathias. Nach Analogie der Aussaat identifiziert hier Sismondi Produktionsmittel mit Kapital, was in zweifacher Hinsicht falsch ist. Erstens sind die Produktionsmittel nicht an sich, sondern nur unter ganz bestimmten historischen Verhältnissen Kapital, zweitens ist der Begriff des Kapitals mit Produktionsmitteln nicht erschöpft. In der kapitalistischen Gesellschaft - alles andere, was Sismondi außer acht gelassen, vorausgesetzt - sind Produktionsmittel nur ein Teil des Kapitals, nämlich konstantes Kapital.
Was Sismondi hier aus dem Konzept gebracht hat, ist offenbar der Versuch, den Begriff des Kapitals mit sachlichen Gesichtspunkten der gesellschaftlichen Reproduktion in Zusammenhang zu bringen. Solange er oben den Einzelkapitalisten im Auge hatte, zählte er als Bestandteile des Kapitals neben Produktionsmitteln auch die Lebensmittel des Arbeiters auf - was wiederum vom sachlichen Standpunkte der Reproduktion des Einzelkapitals schief ist. Sobald er dann den Versuch macht, die sachlichen Grundlagen der gesellschaftlichen Reproduktion ins Auge zu fassen und den Anlauf zur richtigen Unterscheidung zwischen Konsummitteln und Produktionsmitteln macht, zerrinnt ihm der Begriff des Kapitals unter den Händen.
Sismondi fühlt aber selbst, daß mit Produktionsmitteln allein weder Produktion noch Ausbeutung vonstatten gehen kann, ja, er hat das richtige Empfinden, daß der Schwerpunkt des Ausbeutungsverhältnisses gerade im Austausch mit der lebendigen Arbeitskraft liegt. Und nachdem er soeben das Kapital ganz auf konstantes Kapital reduziert hatte, reduziert er es im nächsten Augenblick ganz auf variables:
"Der Landbebauer, der alles Getreide zurückgelegt hatte, dessen er bis zur nächsten Ernte zu bedürfen glaubte, sah ein, daß es für ihn vorteilhafter wäre, den Überschuß seines Getreides dazu zu benutzen, um andere Menschen, die für ihn die Erde bearbeiteten und neues Getreide entstehen ließen, zu ernähren; ferner die, welche seinen Flachs spinnen und seine Wolle weben" usw. "Bei dieser Tätigkeit tauschte der Landbebauer einen Teil seines Einkommens gegen Kapital ein (so in der entsetzlichen Übersetzung des Herrn Prager; in Wirklichkeit muß es heißen: verwandelte einen Teil seines Einkommens in Kapital - R. L.), und so ist in der Tat der Vorgang, wie neues Kapital sich bildet.76 Das Korn, was er geerntet hatte über das hinaus, dessen er bei seiner eigenen Arbeit zur Ernährung bedurfte, und über das hinaus, was er aussäen mußte, um seinen Betrieb auf der alten Höhe zu erhalten, bildete einen Reichtum, welchen er fortgeben, verschwenden, im Müßiggang verbrauchen konnte, ohne dadurch ärmer zu werden, es war ein Einkommen, aber wenn er es nutzte zur Erhaltung von Neues schaffenden Arbeitern oder es eintauschte gegen Arbeit oder gegen die Früchte von Arbeit seiner Handarbeiter, seiner Weber, seiner Bergleute, wurde es zu einem dauernden Werte, der sich vermehrte und nicht untergehen konnte: Es wurde zum Kapital."
Hier läuft viel Krauses mit Richtigem kunterbunt durcheinander. Zur Erhaltung der Produktion auf alter Höhe, d.h. zur einfachen Reproduktion, scheint noch konstantes Kapital nötig zu sein, wenn dieses konstante Kapital seltsamerweise auch nur auf zirkulierendes (Aussaat) reduziert, die Reproduktion des fixen hingegen ganz vernachlässigt ist. Zur Erweiterung jedoch der Reproduktion, zur Akkumulation, ist auch das zirkulierende Kapital scheinbar überflüssig: Der ganze kapitalisierte Teil des Mehrwerts wird in Löhne für neue Arbeiter verwandelt, die offenbar in der Luft arbeiten, ohne jegliche Produktionsmittel. Dieselbe Ansicht formuliert Sismondi noch deutlicher an einer anderen Stelle: "Der Reiche sorgt also für das Wohl des Armen, wenn er an seinem Einkommen Ersparnisse macht und sie seinem Kapital hinzufügt, denn indem er selbst die Teilung der jährlichen Produktion vornimmt, bewahrt er alles das, was er Einkommen nennt. auf, um es selbst zu verbrauchen, dagegen überläßt er alles das, was er Kapital nennt, dem Armen als Einkommen." (l.c., Bd. I, S. 84.) Zugleich aber hebt Sismondi das Geheimnis der Plusmacherei und den Geburtsakt des Kapitals treffend hervor: Mehrwert entsteht aus dem Austausch von Kapital gegen Arbeit, aus dem variablen Kapital, Kapital entsteht aus der Akkumulation des Mehrwertes.
Bei alledem sind wir jedoch in der Unterscheidung von Kapital und Einkommen nicht viel vorwärtsgekommen. Sismondi macht jetzt den Versuch, die verschiedenen Elemente der Produktion und des Einkommens in entsprechenden Portionen des gesellschaftlichen Gesamtprodukts darzustellen: "Der Unternehmer ebenso wie der Landbebauer verwendet nicht seinen ganzen produktiven Reichtum auf die Aussaat; einen Teil verwendet er auf Gebäude, auf Maschinen, auf Werkzeuge, welche die Arbeit leichter und fruchttragender machen; ebenso wie ein Teil des Reichtums des Landbebauers den dauernden Arbeiten zufließt, welche den Boden fruchtbarer machen. So sehen wir die verschiedenen Arten des Reichtums entstehen und sich nach und nach trennen. Ein Teil des Reichtums, den die Gesellschaft aufgehäuft hat, wird von jedem seiner Inhaber dazu verwandt, die Arbeit lohnender zu machen dadurch, daß er nach und nach aufgezehrt wird, ferner dazu, den blinden Naturkräften die Arbeit des Menschen zu übertragen; dies nennt man das feststehende Kapital und versteht darunter den Neubruch, die Kanäle zur Bewässerung, die Fabriken und die Maschinen jeder Art. Ein anderer Teil des Reichtums ist dazu bestimmt, verzehrt zu werden, um sich in dem Werk, welches er geschaffen hat, zu erneuern, ohne Aufhören seine Gestalt zu wechseln, dabei aber seinen Wert zu bewahren; dieser Teil, den man das umlaufende Kapital nennt, begreift in sich die Aussaat, die zur Verarbeitung bestimmten Rohstoffe und die Löhne. Ein dritter Teil des Reichtums endlich löst sich von diesem zweiten ab: der Wert, um den das fertige Werk die darauf gemachten Vorschüsse übersteigt. Dieser Wert, welchen man das Einkommen von dem Kapital genannt hat, ist dazu bestimmt, ohne Wiedererzeugung verzehrt zu werden."
Nachdem so mit Mühe die Einteilung des gesellschaftlichen Gesamtprodukts nach den inkommensurablen Kategorien: fixes Kapital, zirkulierendes Kapital und Mehrwert, versucht worden ist, zeigt sich im nächsten Moment, daß Sismondi, wenn er vom fixen Kapital spricht, eigentlich konstantes, und wenn er vom zirkulierenden spricht, variables meint, denn "alles, was geschaffen ist", ist zur menschlichen Konsumtion bestimmt, aber das fixe Kapital wird nur "indirekt" verzehrt, das zirkulierende Kapital hingegen "dient dem Fonds, welcher zur Ernährung des Arbeiters bestimmt ist in Form des Lohnes". Wir wären so einigermaßen wieder der Einteilung des Gesamtprodukts in konstantes Kapital (Produktionsmittel), variables Kapital (Lebensmittel der Arbeiter) und Mehrwert (Lebensmittel der Kapitalisten) nähergerückt. Immerhin aber läßt sich bis jetzt den Aufklärungen Sismondis über diesen von ihm selbst als grundlegend bezeichneten Gegenstand keine besondere Klarheit nachrühmen, und man merkt in diesem Wirrwarr jedenfalls keinen Fortschritt über die Smithschen "Gedankenböcke" hinaus.
Sismondi fühlt das selbst und versucht mit einem Seufzer, daß "diese Bewegung des Reichtums vollständig abstrakt sei und eine so gespannte Aufmerksamkeit zu seinem Verständnis verlange", nun das Problem "in der einfachsten aller Behandlungen" klarzulegen. Wir begeben uns also wieder in die Ofenecke, d.h. zu Robinson, nur daß Robinson jetzt Pater familias und Pionier der Kolonialpolitik ist.
"Ein einsamer Farmer in einer entfernten Kolonie am Saum der Wüste hat in einem Jahre hundert Sack Getreide geerntet: Kein Markt ist in der Nahe, wohin er sie bringen kann; auf alle Fälle muß dieses Getreide binnen Jahresfrist verzehrt werden, wenn es Wert für den Farmer haben soll; aber dieser kann mit seiner ganzen Familie nicht mehr als dreißig Sack verzehren; dies wird sein Aufwand sein, der Tausch seines Einkommens, diese dreißig Sack erzeugen sich für niemand wieder. Er wird dann Arbeiter heranziehen, er wird sie Wälder ausroden, Sümpfe in seiner Nachbarschaft trockenlegen und einen Teil der Wüste unter Kultur legen lassen. Diese Arbeiter werden weitere dreißig Sack Getreide aufessen; für sie wird dies ein Aufwand sein, sie sind imstande, diesen Aufwand zu machen als Preis ihres Einkommens, will sagen ihrer Arbeit; für den Farmer wird es ein Tausch sein, er wird diese dreißig Sack in fixes Kapital verwandelt haben. (Hier verwandelt Sismondi variables Kapital gar in fixes! Er will sagen: Für diese dreißig Sack, die sie als Lohn kriegten, stellen die Arbeiter Produktionsmittel her, die der Farmer zur Erweiterung seines fixen Kapitals wird verwenden können - R. L.) Es bleiben ihm nun noch vierzig Sack; diese wird er in diesem Jahre aussäen anstatt der zwanzig, die er im vorigen Jahre gesät hat, dies wird sein Umlaufkapital sein, welches er verdoppelt hat. So sind die hundert Sack verzehrt worden, aber von diesen hundert sind siebzig für ihn sicher angelegt worden, welche erheblich vermehrt wiedererscheinen, die einen in der nächsten Ernte, die anderen in den darauffolgenden Ernten. Die Vereinzelung des Farmers, den wir als Beispiel gewählt haben, läßt uns die Schranken einer solchen Tätigkeit noch besser erkennen. Wenn er in diesem Jahre nur sechzig Sack von den hundert, die er geerntet, hat verzehren können, wer wird im folgenden Jahre die zweihundert Sack essen, welche durch die Vermehrung seiner Aussaat gewonnen worden sind? Man wird sagen: seine Familie, welche sich vermehrt hat. Gewiß, aber die menschlichen Generationen vermehren sich nicht so schnell wie die Unterhaltsmittel. Wenn unser Farmer genug Arme hätte, um jedes Jahr die eben erwähnte Tätigkeit zu verdoppeln, würde sich seine Getreideernte jedes Jahr verdoppeln, während sich seine Familie höchstens alle fünfundzwanzig Jahre verdoppeln könnte."
Trotz der Kindlichkeit des Beispiels kommt zum Schluß die entscheidende Frage zum Vorschein: Wo ist der Absatz für den kapitalisierten Mehrwert? Die Akkumulation des Kapitals kann die Produktion der Gesellschaft ins ungemessene steigern. Wie ist es aber mit der Konsumtion der Gesellschaft? Diese ist durch das Einkommen verschiedener Art bestimmt. Der wichtige Gegenstand wird von Sismondi im V. Kapitel des zweiten Buches dargelegt: "Teilung des Nationaleinkommens unter die verschiedenen Klassen der Bürger."
Hier macht Sismondi einen neuen Versuch, das Gesamtprodukt der Gesellschaft in Teilen darzustellen: "Unter diesem Gesichtspunkt besteht das Nationaleinkommen aus zwei Teilen: Der eine begreift die jährliche Produktion, dies ist der Nutzen, welcher aus dem Reichtum entsteht; der zweite ist die Fähigkeit zu arbeiten, die sich aus dem Leben selbst ergibt. Unter dem Namen Reichtum verstehen wir jetzt ebenso das Grundeigentum wie das Kapital, und unter dem Namen Nutzen begreifen wir ebenso das Nettoeinkommen, welches den Eigentümern gegeben wird, wie den Gewinn des Kapitalisten." Also sämtliche Produktionsmittel werden als "Reichtum" aus dem "Nationaleinkommen" ausgeschieden; [welch] letzteres aber in Mehrwert und in Arbeitskraft oder richtiger deren Äquivalent - variables Kapital - zerfällt. Wir hätten hier also, wenn auch nicht deutlich genug herausgehoben, die Einteilung in konstantes Kapital, variables Kapital und Mehrwert. Im nächsten Augenblick stellt sich aber heraus, daß Sismondi unter "Nationaleinkommen" das jährliche gesellschaftliche Gesamtprodukt versteht: "Ebenso besteht die jährliche Produktion oder das Ergebnis aller Jahresarbeiten aus zwei Teilen; der eine ist der Nutzen, der sich aus dem Reichtum ergibt, der andere ist die Fähigkeit zu arbeiten, den wir dem Teil des Reichtums gleichsetzen, gegen welchen er in Tausch gegeben wird, oder den Unterhaltsmitteln der Arbeiter." Hier wird das Gesamtprodukt der Gesellschaft dem Werte nach in zwei Teile, variables Kapital und Mehrwert. aufgelöst, das konstante Kapital verschwindet, und wir sind angelangt bei dem Smithschen Dogma, wonach der Preis aller Waren sich in v + m auflöst (oder aus v + m zusammensetzt) oder, mit anderen Worten, das Gesamtprodukt nur aus Konsummitteln (für Arbeiter und Kapitalisten) besteht.
Von hier aus tritt Sismondi an die Frage der Realisierung des Gesamtprodukts heran. Da einerseits die Summe der Einkommen in der Gesellschaft aus Löhnen und Profiten vom Kapital sowie aus Grundrente besteht, also v + m darstellt, andererseits das Gesamtprodukt der Gesellschaft sich gleichfalls dem Werte nach in v + m auflöst, so "halten sich das Nationaleinkommen und die jährliche Produktion gegenseitig die Waage" und müssen einander (an Wert) gleich sein: "Die ganze jährliche Produktion wird jährlich verzehrt, aber da dies zum Teil durch Arbeiter geschieht, welche ihre Arbeit dagegen in Tausch geben, verwandeln sie sie in (variables) Kapital und erzeugen sie aufs neue; der andere Teil wird von den Kapitalisten, welche dagegen ihr Einkommen eintauschen, verbraucht." "Die Gesamtheit des jährlichen Einkommens ist dazu bestimmt, gegen die Gesamtheit der jährlichen Produktion eingetauscht zu werden." Daraus konstruiert Sismondi endlich im VI. Kapitel des zweiten Buches: "Wechselseitige Bestimmung der Produktion durch die Konsumtion und der Ausgaben durch das Einkommen", das folgende exakte Gesetz der Reproduktion: "Das Einkommen des vergangenen Jahres muß die Produktion dieses Jahres bezahlen." Wie soll nun unter solchen Voraussetzungen die kapitalistische Akkumulation stattfinden? Wenn das Gesamtprodukt von den Arbeitern und den Kapitalisten restlos verzehrt werden muß, so kommen wir offenbar aus der einfachen Reproduktion nicht heraus, und daß Problem der Akkumulation wird unlösbar. In der Tat läuft die Sismondische Theorie darauf hinaus, die Akkumulation für unmöglich zu erklären. Denn wer soll das überschüssige Produkt im Falle der Erweiterung der Reproduktion kaufen, da die gesamte gesellschaftliche Nachfrage durch die Lohnsumme der Arbeiter und durch den persönlichen Konsum der Kapitalisten dargestellt ist? Sismondi formuliert auch die objektive Unmöglichkeit der Akkumulation in folgendem Satz: "Nach allem diesem muß man sagen, daß es niemals möglich ist, die Gesamtheit der Erzeugung des Jahres (bei erweiterter Reproduktion - R. L.) gegen die Gesamtheit des vorhergehenden Jahres auszutauschen. Wenn die Erzeugung stufenweise fortschreitend wächst, muß der Austausch jedes Jahres einen kleinen Verlust verursachen, welcher zu gleicher Zeit eine Vergütung der zukünftigen Lage darstellt." Mit anderen Worten, die Akkumulation muß jedes Jahr bei der Realisierung des Gesamtprodukts einen unabsetzbaren Überschuß in die Welt setzen. Sismondi schreckt aber vor der letzten Konsequenz zurück und rettet sich sofort "auf die mittlere Linie" durch eine wenig verständliche Ausflucht: "Wenn dieser Verlust gering ist und gut verteilt wird, so erträgt ihn jeder, ohne sich über sein Einkommen zu beklagen. Hierin gerade besteht die Wirtschaftlichkeit des Volkes, und die Reihe dieser kleinen Opfer vermehrt das Kapital und das Nationalvermögen." Wird hingegen die Akkumulation rücksichtslos betrieben, dann wächst sich der unabsetzbare Überschuß zur öffentlichen Kalamität aus, und wir haben die Krise. So bildet die kleinbürgerliche Ausflucht der Dämpfung der Akkumulation die Lösung Sismondis. Die Polemik gegen die klassische Schule, die die unumschränkte Entfaltung der Produktivkräfte und Erweiterung der Produktion befürwortete, ist ein ständiger Kehrreim Sismondis, und der Warnung vor den fatalen Folgen des unumschränkten Dranges zur Akkumulation ist sein ganzes Werk gewidmet.
Die Darlegung Sismondis hat seine Unfähigkeit bewiesen, den Prozeß der Reproduktion als Ganzes zu begreifen. Von seinem mißlungenen Versuch abgesehen, die Kategorien Kapital und Einkommen gesellschaftlich auseinanderzuhalten, leidet seine Reproduktionstheorie an dem fundamentalen Irrtum, den er von Ad. Smith übernommen, nämlich an der Vorstellung, daß das jährliche Gesamtprodukt in persönlicher Konsumtion restlos auf gehe, ohne für die Erneuerung des konstanten Kapitals der Gesellschaft einen Wertteil übrigzulassen, desgleichen, daß die Akkumulation nur in der Verwandlung des kapitalisierten Mehrwerts in zuschüssiges variables Kapital bestehe. Wenn jedoch spätere Kritiker Sismondis, wie z.B. der russische Marxist Iljin 77, mit dem Hinweis auf diesen fundamentalen Schnitzer in der Wertanalyse des Gesamtprodukts die ganze Akkumulationstheorie Sismondis als hinfällig, als "Unsinn" mit einem überlegenen Lächeln abtun zu können glaubten, so bewiesen sie dadurch nur, daß sie ihrerseits das eigentliche Problem gar nicht bemerkten, um das es sich bei Sismondi handelte. Daß durch die Beachtung des Wertteils im Gesamtprodukt, der dem konstanten Kapital entspricht, das Problem der Akkumulation noch bei weitem nicht gelöst ist, bewies am besten später die eigene Analyse von Marx, der als erster jenen groben Schnitzer Ad. Smith' aufgedeckt hatte. Noch drastischer bewies dies aber ein Umstand in den Schicksalen der Sismondischen Theorie selbst. Durch seine Auffassung ist Sismondi in die schärfste Kontroverse mit den Vertretern und Verflachern der klassischen Schule geraten: mit Ricardo, Say und MacCulloch. Die beiden Seiten vertraten hier zwei entgegengesetzte Standpunkte: Sismondi die Unmöglichkeit der Akkumulation, Ricardo, Say und MacCulloch hingegen deren schrankenlose Möglichkeit. Nun standen aber in bezug auf jenen Smithschen Schnitzer beide Seiten genau auf demselben Boden: Wie Sismondi, so sahen auch seine Widersacher von dem konstanten Kapital bei der Reproduktion ab, und niemand hat die Smithsche Konfusion in bezug auf die Auflösung des Gesamtprodukts in v + m in so pretentiöser Weise zu einem unerschütterlichen Dogma gestempelt wie gerade Say.
Dieser erheiternde Umstand sollte eigentlich genügen, um zu beweisen, daß wir das Problem der Akkumulation des Kapitals noch lange nicht zu lösen imstande sind, wenn wir bloß dank Marx wissen, daß das gesellschaftliche Gesamtprodukt außer Lebensmitteln zur Konsumtion der Arbeiter und Kapitalisten (v + m) noch Produktionsmittel (c) zur Erneuerung des Verbrauchten enthalten muß und daß dementsprechend die Akkumulation nicht bloß in der Vergrößerung des variablen, sondern auch in der Vergrößerung des konstanten Kapitals besteht. Wir werden später sehen, zu welchem neuen Irrtum in bezug auf die Akkumulation diese nachdrückliche Betonung des konstanten Kapitalteils im Reproduktionsprozeß geführt hat. Hier jedoch mag die Konstatierung der Tatsache genügen, daß der Smithsche Irrtum in bezug auf die Reproduktion des Gesamtkapitals nicht etwa eine spezielle Schwäche in der Position Sismondis darstellte, sondern vielmehr den gemeinsamen Boden, auf dem die erste Kontroverse um das Problem der Akkumulation ausgefochten wurde. Daraus folgt nur, daß die bürgerliche Ökonomie sich an das verwickelte Problem der Akkumulation heranwagte, ohne mit dem elementaren Problem der einfachen Reproduktion fertig geworden zu sein, wie denn die wissenschaftliche Forschung nicht bloß auf diesem Gebiete in seltsamen Zickzacklinien schreitet und häufig gleichsam die obersten Stockwerke des Gebäudes in Angriff nimmt, bevor das Fundament noch zu Ende ausgeführt ist. Es zeugt jedenfalls dafür, eine wie harte Nuß Sismondi mit seiner Kritik der Akkumulation der bürgerlichen Ökonomie zum Knacken aufgegeben hat, wenn sie trotz all der durchsichtigen Schwächen und Unbeholfenheiten seiner Deduktion mit ihm doch nicht fertig zu werden vermochte.
Elftes Kapitel.
MacCulloch gegen Sismondi
Inhaltsverzeichnis
Die Sismondischen Kassandrarufe gegen die rücksichtslose Ausbreitung der Kapitalsherrschaft in Europa riefen gegen ihn von drei Seiten eine scharfe Opposition auf den Plan: in England die Schule Ricardos, in Frankreich den Verflacher Smith', J. B. Say, und die St-Simonisten. Während die Gedankengänge Owens in England, der den Nachdruck auf die Schattenseiten des Industriesystems und namentlich die Krise legte, sich vielfach mit denen Sismondis begegnen, fühlte sich die Schule des anderen großen Utopisten, St-Simons, die den Nachdruck auf den weltumspannenden Gedanken der großindustriellen Expansion, auf die schrankenlose Entfaltung der Produktivkräfte der menschlichen Arbeit legte, durch den Angstruf Sismondis lebhaft beunruhigt. Uns interessiert hier aber die vom theoretischen Standpunkt fruchtbarere Kontroverse zwischen Sismondi und den Ricardianern. Im Namen letzterer richtete zuerst MacCulloch im Oktober 1819, also gleich nach Erscheinen der "Nouveaux principes", in der "Edinburgh Review" eine anonyme Polemik gegen Sismondi, die, wie man sagte, von Ricardo selbst gebilligt wurde.78 Auf diese Polemik replizierte Sismondi 1820 in Rossis "Annales de jurisprudence" unter dem Titel: "Untersuchung der Frage: Wächst in der Gesellschaft zugleich mit der Fähigkeit zu produzieren, auch die Fähigkeit zu verbrauchen?"79
Sismondi konstatiert selbst in seiner Antwort, daß es die Schatten der Handelskrise sind, in deren Zeichen seine damalige Polemik stand: "Diese Wahrheit, die wir beide suchen (Sismondi wußte übrigens, als er antwortete, nicht, wer der Anonymus der "Edinburgh Review" war - R. L.), ist in den gegenwärtigen Zeitläufen von der höchsten Wichtigkeit. Sie kann als grundlegend für die politische Ökonomie gelten. Ein allgemeiner Niedergang macht sich im Handel geltend, in den Manufakturen und sogar, wenigstens in einigen Ländern, in der Landwirtschaft. Das Leiden ist ein so langwieriges, ein so außerordentliches, das Unglück ist in so zahlreiche Familien eingekehrt, Unruhe und Entmutigung in alle, daß die Grundlagen der wirtschaftlichen Ordnung gefährdet erscheinen ... Man hat zwei Erklärungen, die einander entgegengesetzt sind, für diesen staatlichen Niedergang gegeben, der eine so große Gärung hervorgerufen hat. Ihr habt zuviel gearbeitet, sagen die einen; ihr habt zuwenig gearbeitet, sagen die anderen. Das Gleichgewicht, sagen die ersteren, wird sich erst dann wiederherstellen, Friede und Wohlstand werden erst dann wiederkehren, wenn ihr den ganzen Überschuß der Waren verbraucht habt, der unverkauft den Markt bedrückt, und wenn ihr in Zukunft eure Produktion nach der Nachfrage der Käufer richtet; das Gleichgewicht wird sich nur einstellen, sagen die anderen, wenn ihr eure Anstrengungen, aufzuhäufen und zu reproduzieren, verdoppelt. Ihr täuscht euch, wenn ihr glaubt, daß unsere Märkte überfüllt sind, nur die Hälfte unserer Magazine ist gefüllt, füllen wir auch die andere Hälfte: Diese neuen Reichtümer werden sich, die einen gegen die anderen, eintauschen und neues Leben dem Handel einflößen." Hier hat Sismondi mit ausgezeichneter Klarheit den wirklichen Brennpunkt der Kontroverse herausgehoben und formuliert.
In der Tat steht und fällt die ganze Position MacCullochs mit der Behauptung, der Austausch sei in Wirklichkeit Austausch von Waren gegen Waren. Jede Ware stelle also nicht nur ein Angebot, sondern ihrerseits eine Nachfrage dar. Das Zwiegespräch gestaltete sich darauf in folgender Weise: MacCulloch: "Nachfrage und Angebot sind Ausdrücke, die nur korrelativ und wandelbar sind. Das Angebot einer Art von Gut bestimmt die Nachfrage nach einem anderen. So entsteht eine Nachfrage nach einer gegebenen Menge landwirtschaftlicher Produkte, wenn eine Menge Industrieprodukte, deren Herstellung ebensoviel gekostet hat, dagegen in Tausch angeboten wird, und es entsteht andererseits eine tatsächliche Nachfrage nach dieser Menge Industrieprodukte, wenn eine Menge landwirtschaftlicher Produkte, die dieselben Ausgaben verursacht haben, als Gegenwert angeboten wird."80 Die Finte des Ricardianers liegt auf der Hand: Er beliebt von der Geldzirkulation abzusehen und so zu tun, als ob Waren unmittelbar mit Waren gekauft und bezahlt wären.
Aus den Bedingungen hochentwickelter kapitalistischer Produktion sind wir plötzlich versetzt in die Zeiten des primitiven Tauschhandels, wie er noch heute im Innern Afrikas gedeihen mag. Der entfernt richtige Kern der Mystifikation besteht darin, daß in der einfachen Warenzirkulation das Geld lediglich die Rolle des Vermittlers spielt. Aber gerade die Dazwischenkunft dieses Vermittlers, die in der Zirkulation W - G - W (Ware - Geld - Ware) die beiden Akte, den Verkauf und den Kauf, getrennt und zeitlich und örtlich voneinander unabhängig gemacht hat, bringt es mit sich, daß jeder Verkauf durchaus nicht gleich vom Kauf gefolgt zu werden braucht, und zweitens, daß Kauf und Verkauf durchaus nicht an dieselben Personen gebunden sind, ja nur in seltenen Ausnahmefällen zwischen denselben "Personae dramatis" sich abspielen werden. Diese widersinnige Unterstellung macht aber gerade MacCulloch, indem er einerseits Industrie, andererseits Landwirtschaft als Käufer und Verkäufer zugleich einander entgegenstellt. Die Allgemeinheit der Kategorien, die auch noch in ihrer Totalität als Austauschende aufgeführt werden, maskiert hier die wirkliche Zersplitterung dieser gesellschaftlichen Arbeitsteilung, die zu zahllosen privaten Austauschakten führt, bei denen das Zusammenfallen der Käufe mit Verkäufen der gegenseitigen Waren zu den seltensten Ausnahmefällen gehört. Die MacCullochsche simplistische Auffassung des Warenaustausches macht überhaupt die ökonomische Bedeutung und das historische Auftreten des Geldes ganz unbegreiflich, indem sie die Ware direkt zum Gelde macht, ihr unmittelbare Austauschbarkeit andichtet.



