Gesammelte Werke (Über 150 Titel in einem Band)

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2. Die Auflösung des Rätsels wurde aber auch schon dadurch unmöglich gemacht, weil die ganze Diskussion auf ein Nebengeleise geschoben und um das Problem der Krisen konzentriert wurde. Der Ausbruch der ersten Krise beherrschte naturgemäß die Diskussion, verhinderte aber ebenso naturgemäß auf beiden Seiten die Einsicht in die Tatsache, daß Krisen überhaupt nicht das Problem der Akkumulation, sondern bloß deren spezifische äußere Form, bloß ein Moment in der zyklischen Figur der kapitalistischen Reproduktion darstellen. Daraus ergab sich, daß die Debatte schließlich in ein doppeltes Quiproquo auslaufen mußte: Die eine Seite deduzierte dabei direkt aus den Krisen die Unmöglichkeit der Akkumulation, die andere direkt aus dem Warenaustausch die Unmöglichkeit der Krisen. Der weitere Verlauf der kapitalistischen Entwicklung sollte beide Deduktionen gleichermaßen ad absurdum führen.
Bei alledem bleibt Sismondis Kritik als erster theoretischer Alarmruf gegen die Kapitalsherrschaft von hoher historischer Bedeutung: Er zeigt die Auflösung der klassischen Ökonomie an, die mit den von ihr selbst wachgerufenen Problemen nicht fertig werden konnte. Wenn Sismondi gegen die Konsequenzen der kapitalistischen Herrschaft einen Angstschrei ausstößt, so war er sicher nicht ein Reaktionär in dem Sinne, daß er etwa für vorkapitalistische Verhältnisse schwärmte, wenn er auch gelegentlich die patriarchalischen Produktionsformen in Landwirtschaft und Gewerbe mit Wohlgefallen gegen die Kapitalsherrschaft in Vorteil setzt. Er verwahrt sich dagegen wiederholt und sehr energisch, so z.B. in seinem Aufsatz in der "Revue encyclopédique" gegen Ricardo: "Ich höre schon den Einwand erheben, daß ich mich der Vervollkommnung des Landbaues, der Künste und aller Fortschritte des Menschen entgegenstelle, daß ich ohne Zweifel die Barbarei der Gesittung vorziehe, da der Pflug eine Maschine ist und das Grabscheit eine noch ältere, und daß nach meinem System der Mensch die Erde lediglich mit seinen Händen hätte bearbeiten sollen. Ich habe nichts Ähnliches gesagt, und ich muß mich ein für allemal gegen jede Folgerung verwahren, die man meinem System unterlegt und die ich nicht selbst gezogen habe. Ich bin weder von denen, die mich angreifen, noch von denen, die mich verteidigen, verstanden worden, und mir ist ebensooft über meine Verbündeten wie über meine Gegner die Schamröte ins Gesicht gestiegen ... Man beachte wohl, nicht gegen die Maschinen, nicht gegen die fortschreitende Gesittung oder gegen die Erfindungen richten sich meine Einwendungen, sondern gegen die heutige Organisation der Gesellschaft, eine Organisation, die, während sie den Arbeitenden jedes anderen Eigentums beraubt als seiner Arme, ihm nicht die geringste Gewähr gibt gegen einen Wettbewerb, gegen den tollen Handel, der stets zu seinem Nachteil ausschlägt und dessen Opfer er naturgemäß werden muß." Der Ausgangspunkt in der Kritik Sismondis sind zweifellos die Interessen des Proletariats, und er ist vollkommen im Recht, wenn er seine Grundtendenz so formuliert: "Ich wünsche nur nach Mitteln zu suchen, die Früchte der Arbeit denen zu sichern, die die Arbeit leisten, den Nutzen der Maschine dem zuzuwenden, der die Maschine in Tätigkeit setzt." Freilich, wenn er die soziale Organisation näher angeben soll, die er anstrebt, kneift er aus und bekennt seine Unfähigkeit: "Was wir tun sollen, ist eine Frage von unbegrenzter Schwierigkeit, die wir keineswegs die Absicht haben, heute zu behandeln. Wir wünschen die Nationalökonomen zu überzeugen, so vollständig, wie wir selbst davon überzeugt sind, daß ihre Wissenschaft bis jetzt eine falsche Bahn verfolgt hat. Wir haben aber nicht das nötige Zutrauen zu uns, um ihnen den wahren Weg zu zeigen; es hieße unserem Geiste eine zu große Anstrengung zumuten, die Gestaltung der Gesellschaft, wie sie sein soll, darzulegen. Wo wäre indessen ein Mensch stark genug, um sich eine Organisation zu denken, die noch nicht vorhanden ist, um in die Zukunft zu sehen, da es doch schon Mühe genug kostet, nur das Vorhandene zu sehen?" Dieses offene Bekenntnis der Unfähigkeit, über den Kapitalismus hinaus in die Zukunft zu blicken, gereichte Sismondi um das Jahr 1820 sicher nicht zur Schande - zu einer Zeit, wo die Herrschaft des großindustriellen Kapitals erst die geschichtliche Schwelle überschritten hatte und wo die Idee des Sozialismus nur erst in utopischer Gestalt möglich war. Da indes Sismondi auf diese Weise weder über den Kapitalismus hinaus noch hinter ihn zurückgehen konnte, so blieb für seine Kritik nur der kleinbürgerliche Mittelweg übrig. Die Skepsis in bezug auf die Möglichkeit der vollen Entfaltung des Kapitalismus und somit der Produktivkräfte führte Sismondi zu dem Ruf nach der Dämpfung der Akkumulation, nach der Mäßigung des Sturmschritts in der Expansion der Kapitalsherrschaft. Und hier liegt die reaktionäre Seite seiner Kritik.93
Vierzehntes Kapitel.
Malthus
Inhaltsverzeichnis
Gleichzeitig mit Sismondi führte Malthus einen partiellen Krieg gegen die Schule Ricardos. Sismondi beruft sich in der zweiten Auflage seines Werks wie in seinen Polemiken wiederholt auf Malthus als Kronzeugen. So formuliert er die Gemeinsamkeit seines Feldzugs mit Malthus in der "Revue encyciopédique":
"Andererseits hat Malthus in England (gegen Ricardo und Say) behauptet, wie ich dies auf dem Festlande zu tun Versucht habe, daß die Konsumtion nicht die notwendige Folge der Produktion sei, daß die Bedürfnisse und die Wünsche des Menschen allerdings ohne Grenzen seien, daß aber diese Bedürfnisse und diese Wünsche durch den Verbrauch nur insoweit befriedigt werden könnten, als sie mit Tauschmitteln vereint sind. Wir haben behauptet, daß es nicht ausreicht, diese Tauschmittel zu beschaffen, um sie in die Hände derer übergehen zu lassen, die diese Wünsche oder Bedürfnisse haben, daß es sogar oft der Fall ist, daß die Tauschmittel in der Gesellschaft anwachsen, während die Nachfrage nach Arbeit oder der Lohn sich vermindert; daß dann die Wünsche und die Bedürfnisse eines Teils der Bevölkerung nicht befriedigt werden können und daß der Verbrauch ebenfalls abnimmt. Endlich haben wir behauptet, daß das unzweideutige Zeichen der Wohlfahrt der Gesellschaft nicht die wachsende Produktion von Reichtümern sei, sondern die wachsende Nachfrage nach Arbeit oder ein wachsendes Angebot des Lohnes, der für die Arbeit eine Vergütung bietet. Ricardo und Say haben nicht geleugnet, daß die wachsende Nachfrage nach Arbeit ein Zeichen der Wohlfahrt sei, aber sie haben behauptet, daß die Nachfrage mit Sicherheit aus dem Anwachsen der Produktion entstehen müsse.
Malthus und ich leugnen dies. Wir behaupten, daß diese beiden Vermehrungen die Folge von Ursachen sind, die vollständig voneinander unabhängig, ja zuweilen sogar Gegensätze sind. Nach unserer Meinung wird der Markt überfüllt, wenn eine Nachfrage nach Arbeit der Produktion nicht vorausgegangen und ihr nicht gefolgt ist: Eine neue Produktion wird dann eine Ursache des Verfalls, nicht des Genusses."
Diese Äußerungen erwecken den Eindruck, als ob zwischen Sismondi und Malthus, wenigstens in ihrer Opposition gegen Ricardo und seine Schule, eine weitgehende Übereinstimmung und Waffengemeinschaft bestanden hätte. Marx betrachtet die "Principles of Political Economy" von Malthus, die 1820 erschienen, direkt als ein Plagiat an den ein Jahr früher erschienenen "Nouveaux principes". In der uns interessierenden Frage besteht jedoch zwischen beiden vielfach ein direkter Gegensatz.
Sismondi kritisiert die kapitalistische Produktion, er greift sie wuchtig an, er ist ihr Ankläger. Malthus ist ihr Apologet. Nicht etwa in dem Sinne daß er ihre Widersprüche leugnete, wie MacCulloch oder Say, sondern umgekehrt, daß er diese Widersprüche brutal zum Naturgesetz erhebt und absolut heiligspricht. Sismondis leitender Gesichtspunkt sind die Interessen der Arbeitenden, das Ziel, auf das er, wenn auch in allgemeiner und vager Form, hinsteuert, durchgreifende Reform der Verteilung zugunsten der Proletarier. Malthus ist der Ideologe der Interessen jener Schicht von Parasiten der kapitalistischen Ausbeutung, die sich von Grundrente und der Staatskrippe nähren, und das Ziel, das er befürwortet, ist die Zuwendung einer möglichst großen Portion Mehrwert an diese "unproduktiven Konsumenten". Sismondis allgemeiner Standpunkt ist vorwiegend ethisch, sozialreformerisch: Er "verbessert" die Klassiker, indem er ihnen gegenüber hervorhebt, "der einzige Zweck der Akkumulation sei die Konsumtion", er plädiert für Dämpfung der Akkumulation. Malthus spricht umgekehrt schroff aus, daß die Akkumulation der einzige Zweck der Produktion sei und befürwortet die schrankenlose Akkumulation auf seiten der Kapitalisten, die er durch die schrankenlose Konsumtion ihrer Parasiten ergänzen und sichern will. Endlich war Sismondis kritischer Ausgangspunkt die Analyse des Reproduktionsprozesses, das Verhältnis von Kapital und Einkommen auf gesellschaftlichem Maßstab. Malthus geht in seiner Opposition gegen Ricardo von einer absurden Werttheorie und einer von ihr abgeleiteten vulgären Mehrwerttheorie aus, die den kapitalistischen Profit aus dem Preisaufschlag auf den Wert der Waren erklären will.94
Malthus wendet sich mit einer ausführlichen Kritik gegen den Satz von der Identität zwischen Angebot und Nachfrage im sechsten Kapitel seines 1827 erschienenen "Definitions in Political Economy", das er James Mill widmet. Mill erklärte in seinen "Elements of Political Economy", S. 233: "Was ist damit notwendigerweise gemeint, wenn wir sagen, daß Angebot und Nachfrage einander angepaßt (accomodated to one another) sind? Es ist dies, daß Güter, die mit einer großen Menge Arbeit hergestellt worden sind, gegen Güter ausgetauscht werden, die mit einer gleichen Menge Arbeit hergestellt worden sind. Wird diese Annahme zugegeben, dann ist alles übrige klar. So, wenn ein Paar Schuhe mit der gleichen Menge Arbeit hergestellt werden wie ein Hut, wird, solange der Hut und die Schuhe gegeneinander ausgetauscht werden, Angebot und Nachfrage einander angepaßt sein. Sollte es vorkommen, daß die Schuhe im Werte fallen im Vergleich zum Hut, so würde dies beweisen, daß mehr Schuhe auf den Markt gebracht worden sind als Hüte. Schuhe wären dann in mehr als nötigem Überfluß vorhanden. Weshalb? Weil ein Produkt einer gewissen Menge Arbeit in Schuhen nicht mehr gegen ein anderes Produkt derselben Menge Arbeit ausgetauscht werden könnte. Aber aus demselben Grunde wären Hüte in unzureichender Menge vorhanden, weil eine gewisse Summe Arbeit, in Hüten dargestellt, jetzt gegen eine größere Summe Arbeit in Schuhen ausgetauscht wäre."
Gegen diese faden Tautologien führt Malthus zweierlei ins Feld. Zunächst macht er Mill darauf aufmerksam, daß seine Konstruktion in der Luft hänge. Tatsächlich könne die Austauschproportion zwischen Hüten und Schuhen ganz unverändert bleiben, beide können aber trotzdem in einer zu großen Menge im Vergleich zur Nachtrage vorhanden sein. Und dies wird sich darin äußern, daß beide zu Preisen verkauft werden, die unter den Produktionskosten (mit einem angemessenen Profit) stehen. "Kann man aber in diesem Fall sagen", fragt er, "daß das Angebot von Hüten der Nachfrage nach Hüten oder das Angebot an Schuhen der Nachfrage nach Schuhen entspräche, wenn sowohl diese wie jene in solchem Überfluß vorhanden sind, daß sie sich nicht unter den Bedingungen austauschen können, die ihr fortlaufendes Angebot sichern?"95
Malthus stellt also hier Mill die Möglichkeit einer allgemeinen Überproduktion entgegen: "Im Vergleich mit den Produktionskosten können alle Waren steigen oder fallen (im Angebot) zu gleicher Zeit."96
Zweitens protestiert er gegen die ganze bei Mill wie Ricardo und deren Epigonen beliebte Manier, ihre Thesen auf direkten Produktenaustausch zuzuschneiden. "Der Hopfenpflanzer", sagt er, "der etwa hundert Sack Hopfen zu Markt bringt, denkt soviel an das Angebot von Hüten und Schuhen wie an Sonnenflecke. Woran denkt er alsdann? Und was will er in Austausch für seinen Hopfen kriegen? Mr. Mill scheint der Meinung zu sein, daß es die größte Ignoranz in der politischen Ökonomie verraten hieße, zu sagen, er wolle Geld. Dennoch habe ich keine Bedenken, auf die Gefahr hin, dieser großen Ignoranz geziehen zu werden, zu erklären, daß es gerade Geld ist, was er (der Pflanzer) braucht."
Denn sowohl die Rente, die er dem Grundherrn, wie die Löhne, die er den Arbeitern zahlen muß, wie endlich der Ankauf seiner Rohstoffe und Werkzeuge, die er zur Fortführung seiner Pflanzungen braucht, können nur mit Geld gedeckt werden. Auf diesem Punkt besteht Malthus mit großer Ausführlichkeit; er findet es direkt "erstaunlich", daß Nationalökonomen von Ruf zu den gewagtesten und unmöglichsten Beispielen lieber Zuflucht nehmen als zu der Annahme des Geldaustausches."97
Im übrigen begnügt sich Malthus damit, den Mechanismus zu schildern, wie ein zu großes Angebot durch die Senkung der Preise unter die Produktionskosten von selbst eine Einschränkung der Produktion herbeiführe und umgekehrt. "Aber diese Tendenz, durch den natürlichen Lauf der Dinge die Überproduktion oder die Unterproduktion zu kurieren, ist kein Beweis, daß diese Übel nicht existieren."
Man sieht, Malthus bewegt sich, trotz seines entgegengesetzten Standpunktes in der Frage der Krisen, genau in demselben Geleise wie Ricardo, Mill, Say und MacCulloch: Für ihn existiert gleichfalls nur der Warenaustausch. Der gesellschaftliche Reproduktionsprozeß mit seinen großen Kategorien und Zusammenhängen, der Sismondi ganz in Anspruch nahm, wird hier nicht im geringsten berücksichtigt.
Bei so vielfachen Gegensätzen in der grundsätzlichen Auffassung bestand das Gemeinsame zwischen der Kritik Sismondis und derjenigen Malthus' lediglich im folgenden:
1. Beide lehnen gegen die Ricardianer und Say den Satz von dem prästabilierten Gleichgewicht zwischen Konsumtion und Produktion ab.
2. Beide behaupten die Möglichkeit nicht bloß partieller, sondern allgemeiner Krisen.
Hier hört aber die Gemeinsamkeit auf. Wenn Sismondi die Ursache der Krisen in dem niedrigen Stand der Löhne und in der beschränkten Konsumtionsfähigkeit der Kapitalisten sucht, so verwandelt Malthus umgekehrt die niedrigen Löhne in ein Naturgesetz der Bevölkerungsbewegung, für die beschränkte Konsumtion der Kapitalisten findet er aber Ersatz in der Konsumtion der Parasiten des Mehrwerts, wie Landadel, Klerus, deren Aufnahmefähigkeit für Reichtum und Luxus keine Schranken hat: Die Kirche hat einen guten Magen.
Und wenn beide, Malthus wie Sismondi, für das Heil der kapitalistischen Akkumulation und ihre Rettung aus der Klemme nach einer Kategorie von Konsumenten suchen, die kaufen ohne zu verkaufen, so sucht sie Sismondi zu dem Zwecke, um den Überschuß des gesellschaftlichen Produkts über die Konsumtion der Arbeiter und der Kapitalisten, also den kapitalisierten Teil des Mehrwerts, abzusetzen, Malthus - um den Profit überhaupt zu schaffen. Wie übrigens die Rentenempfänger und die Pfründner des Staates, die ja selbst erst ihre Kaufmittel hauptsächlich aus der Hand der Kapitalisten kriegen müssen, diesen letzteren durch das Abkaufen von Waren mit einem Preisaufschlag zur Aneignung des Profits verhelfen können, bleibt natürlich ein Geheimnis von Malthus. Bei so weitgehenden Gegensätzen ist die Waffengemeinschaft zwischen Malthus und Sismondi ziemlich oberflächlicher Natur gewesen. Und wenn Malthus die Sismondischen "Nouveaux principes", wie Marx sagt, zum malthusianischen Zerrbild gemacht hat, so macht Sismondi die Kritiken von Malthus gegen Ricardo etwas stark sismondisch, indem er nur das Gemeinsame hervorhebt und ihn als Kronzeugen zitiert. Andererseits unterliegt er freilich gelegentlich dem Malthusschen Einfluß, so, wenn er zum Teil dessen Theorie der staatlichen Verschwendung als eines Notbehelfs der Akkumulation übernimmt, die seinem eigenen Ausgangspunkt direkt zuwiderläuft.
Im ganzen hat Malthus weder zum Problem der Reproduktion etwas Eigenes beigetragen noch es begriffen, er dreht sich in seiner Kontroverse mit den Ricardianern wie diese in ihrer Kontroverse mit Sismondi hauptsächlich in den Begriffen der einfachen Warenzirkulation. Im Streit zwischen ihm und der Schule Ricardos handelte es sich um die unproduktive Konsumtion der Parasiten des Mehrwerts, es war ein Zank um die Verteilung des Mehrwerts, nicht ein Streit um die gesellschaftlichen Grundlagen der kapitalistischen Reproduktion. Die Malthussche Konstruktion fällt zu Boden, sobald man ihn auf seine absurden Schnitzer in der Theorie des Profits festgenagelt hat. Die Sismondische Kritik behauptet sich, und sein Problem bleibt ungelöst auch bei der Annahme der Ricardoschen Werttheorie mit allen ihren Konsequenzen.
Zweiter Waffengang.
Kontoverse zwischen Rodbertus und v. Kirchmann
Inhaltsverzeichnis
Fünfzehntes Kapitel.
v. Kirchmanns Reproduktionstheorie
Inhaltsverzeichnis
Auch die zweite theoretische Polemik um das Problem der Akkumulation hat ihren Anstoß von aktuellen Ereignissen bekommen. Wenn Sismondi zu seiner Opposition gegen die klassische Schule durch die erste englische Krise und die von ihr ausgelösten Leiden der Arbeiterklasse angeregt war, so schöpft Rodbertus fast fünfundzwanzig Jahre später den Anstoß zu seiner Kritik der kapitalistischen Produktion von der inzwischen aufgekommenen revolutionären Arbeiterbewegung. Die Aufstände der Seidenweber in Lyon, die Chartistenbewegung in England gellten ihre Kritik auf die herrlichste aller Gesellschaftsformen in die Ohren der Bourgeoisie noch ganz anders als die unbestimmten Gespenster, die die erste Krise auf den Plan gerufen hatte. Die früheste sozialökonomische Schrift Rodbertus', die wahrscheinlich aus dem Ende der 30er Jahre stammt und die, für die "Augsburger Allgemeine Zeitung" geschrieben, von dem genannten Blatte aber nicht aufgenommen war, trägt den bezeichnenden Titel "Die Forderungen der arbeitenden Classen" und beginnt mit den Worten: "Was wollen die arbeitenden Klassen? Werden die andern ihnen dies vorenthalten können? Wird das, was sie wollen, das Grab der modernen Kultur sein? - Daß einst mit großer Zudringlichkeit die Geschichte diese Fragen tun würde, wußte der Denkende längst, durch die Chartistenversammlungen und die Birminghamszenen hat es auch die Alltagswelt erfahren." Bald sollte in Frankreich in den 40er Jahren die lebhafteste Gärung der revolutionären Ideen in den verschiedensten geheimen Gesellschaften und sozialistischen Schulen der Proudhonisten, Blanquisten, der Anhänger Cabets, Louis Blancs usw. - zum Ausdruck kommen und in der Februarrevolution, in der Proklamierung des "Rechts auf Arbeit", in den Junitagen, in einer ersten Generalschlacht zwischen den zwei Welten der kapitalistischen Gesellschaft eine epochemachende Explosion der in ihrem Schoße verborgenen Widersprüche herbeiführen. Was die andere sichtbare Form dieser Widersprüche, die Krisen, betrifft, so verfügt man zu den Zeiten der zweiten Kontroverse über ein unvergleichlich reicheres Beobachtungsmaterial als zu Beginn der 20er Jahre des Jahrhunderts. Die Debatte zwischen Rodbertus und v. Kirchmann fand statt unter den unmittelbaren Eindrücken der Krisen von 1837, 1839, 1847, ja der ersten Weltkrise 1857 (die interessante Schrift Rodbertus' "Die Handelskrisen und die Hypothekennoth der Grundbesitzer" stammt aus dem Jahre 1858). Die inneren Widersprüche der kapitalistischen Wirtschaft gaben also vor den Augen Rodbertus' noch ganz anders eine grelle Kritik auf die Harmonielehren der englischen Klassiker und ihrer Vulgarisatoren in England wie auf dem Kontinent ab als zu den Zeiten, da Sismondi seine Stimme erhob.
Daß die Kritik von Rodbertus übrigens unter dem direkten Einfluß der Sismondischen stand, bezeugt ein Zitat aus Sismondi in seiner ältesten Schrift. Mit der französischen zeitgenössischen Literatur der Opposition gegen die klassische Schule war Rodbertus also wohl vertraut, vielleicht weniger mit der viel zahlreicheren englischen, in welchem Umstand bekanntlich die Legende der deutschen Professorenwelt über die sogenannte "Priorität" Rodbertus' vor Marx in der "Begründung des Sozialismus" ihre einzige schwache Wurzel hat. So schreibt Professor Diehl in seiner Skizze über Rodbertus im "Handwörterbuch der Staatswissenschaften":
"Rodbertus ist als der eigentliche Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus in Deutschland zu bezeichnen, denn schon vor Marx und Lassalle hatte er in seinen Schriften aus den Jahren 1839 und 1842 ein vollständiges sozialistisches System geliefert, eine Kritik des Smithianismus, eine neue theoretische Grundlage und soziale Reformvorschläge." Dies bieder, fromm und gottesfürchtig im Jahre 1901 (2. Auflage) - nach allem und trotz allem, was Engels, Kautsky und Mehring zur Zerstörung der professoralen Legende geschrieben hatten. Daß übrigens der monarchisch, national und preußisch gesinnte "Sozialist" Rodbertus, der Kommunist für die Zukunft nach 500 Jahren und für die Gegenwart Anhänger einer festen Ausbeutungsrate von 200 Prozent, gegenüber dem internationalen "Umstürzler" Marx in den Augen aller deutschen Gelehrten der Nationalökonomie ein für allemal die Palme der "Priorität" erringen mußte, versteht sich von selbst und kann durch die triftigsten Nachweise nicht erschüttert werden. Doch uns interessiert hier eine andere Seite der Rodbertusschen Analyse. Derselbe Diehl setzt seinen Panegyrikus folgendermaßen fort: "Doch nicht nur für den Sozialismus hat Rodbertus bahnbrechend gewirkt, sondern die gesamte nationalökonomische Wissenschaft verdankt ihm große Anregung und Förderung, die theoretische Nationalökonomie besonders durch die Kritik der klassischen Nationalökonomen, durch die neue Theorie der Einkommensverteilung, durch die Unterscheidung der logischen und historischen Kategorien von Kapital usw." Mit diesen letzteren Großtaten Rodbertus" namentlich mit den "usw.", wollen wir uns hier befassen.
Die Kontroverse zwischen Rodbertus und v. Kirchmann wurde angeregt durch die grundlegende Schrift des ersteren "Zur Erkenntniß unserer staatswirthschaftlichen Zustände" aus dem Jahre 1842. v. Kirchmann antwortete darauf in den "Demokratischen Blättern" in zwei Abhandlungen: "Über die Grundrente in socialer Beziehung" und "Die Tauschgesellschaft", worauf Rodbertus 1850 und 1851 mit den "Socialen Briefen" replizierte. Damit kam die Diskussion auf jenes theoretische Gebiet, auf dem dreißig Jahre früher die Polemik zwischen Malthus-Sismondi und Say-Ricardo-MacCulloch ausgefochten wurde. Rodbertus hatte bereits in seiner frühesten Schrift jenen Gedanken ausgesprochen, daß in der heutigen Gesellschaft bei der steigenden Produktivität der Arbeit der Arbeitslohn eine immer kleinere Quote des Nationalprodukts wird - ein Gedanke, den er als den seinigen "in Anspruch nahm", den er aber auch seitdem und bis zu seinem Tode, also während dreier Jahrzehnte, immer nur zu wiederholen und zu variieren verstand. In dieser fallenden Lohnquote erblickt Rodbertus die gemeinsame Wurzel aller Übel der heutigen Wirtschaft, namentlich des Pauperismus und der Krisen, die er zusammen als "die soziale Frage der Gegenwart" bezeichnet.
v. Kirchmann ist mit dieser Erklärung nicht einverstanden. Er führt den Pauperismus auf die Wirkungen der steigenden Grundrente zurück, die Krisen aber auf den Mangel an Absatzwegen. Von diesem behauptet er namentlich, daß "der größte Teil der sozialen Übel nicht in der mangelnden Produktion, sondern in dem mangelnden Absatze der Produkte liege; daß ein Land, je mehr es zu produzieren vermöge, je mehr es Mittel habe, alle Bedürfnisse zu befriedigen, desto mehr der Gefahr des Elends und Mangels ausgesetzt sei". Auch die Arbeiterfrage ist hier mit begriffen, denn "das berüchtigte Recht auf Arbeit löse sich am Ende auf in eine Frage der Absatzwege". "Man sieht", folgert v. Kirchmann, "daß die soziale Frage beinahe identisch ist mit der Frage nach den Absatzwegen. Selbst die Übel der vielgeschmähten Konkurrenz werden mit sicheren Absatzwegen verschwinden; es wird nur das Gute an ihr bleiben; es wird der Wetteifer bleiben, gute und billige Waren zu liefern, aber es wird der Kampf auf Tod und Leben verschwinden, der nur in den für alle ungenügenden Absatzwegen seinen Grund hat."98
Der Unterschied zwischen dem Gesichtswinkel Rodbertus' und v. Kirchmanns springt in die Augen. Rodbertus sieht die Wurzel des Übels in einer fehlerhaften Verteilung des Nationalprodukts, v. Kirchmann in den Marktschranken der kapitalistischen Produktion. Bei allem Konfusen in den Ausführungen v. Kirchmanns, namentlich in seiner idyllischen Vorstellung von einer auf löblichen Wetteifer um die beste und billigste Ware reduzierten kapitalistischen Konkurrenz sowie in der Auflösung des "berüchtigten Rechts auf Arbeit" in die Frage der Absatzmärkte, zeigt er doch zum Teil mehr Verständnis für den wunden Punkt der kapitalistischen Produktion: ihre Marktschranken, als Rodbertus, der an der Frage der Verteilung haftet. Es ist also v. Kirchmann, der diesmal das Problem wieder aufnimmt, das früher von Sismondi auf die Tagesordnung gestellt war. Bei alledem ist v. Kirchmann mit der Beleuchtung und Lösung des Problems durch Sismondi keineswegs einverstanden, er steht eher auf seiten der Opponenten Sismondis. Er akzeptiert nicht nur die Ricardosche Theorie der Grundrente, nicht nur das Smithsche Dogma, "daß die Preise der Waren sich nur aus den zwei Teilen, aus dem Kapitalzins und dem Arbeitslohn, zusammensetzen" (v. Kirchmann verwandelt den Mehrwert in "Kapitalzins"), sondern auch den Say-Ricardoschen Satz, daß Produkte nur mit Produkten gekauft werden und die Produktion ihren eigenen Absatz bilde, so daß, wo auf der einen Seite zuviel produziert zu sein scheine, auf der anderen Seite nur zuwenig produziert sei. Man sieht, v. Kirchmann folgt den Spuren der Klassiker, aber allerdings ist das eine "deutsche Klassikerausgabe" - mit allerlei Wenn und Aber. So findet v. Kirchmann zunächst, daß das Saysche Gesetz des natürlichen Gleichgewichts zwischen Produktion und Nachfrage "die Wirklichkeit noch nicht erschöpfe", und er fügt hinzu: "Es liegen noch andere Gesetze in dem Verkehr verborgen, welche die reine Verwirklichung dieser Sätze verhindern und durch deren Auffindung allein die gegenwärtige Überfüllung der Märkte erklärt werden kann, durch deren Auffindung aber vielleicht auch der Weg entdeckt werden kann, diesem großen Übel aus dem Wege zu gehen. Wir glauben, daß drei Verhältnisse in dem gegenwärtigen Systeme der Gesellschaft es sind, welche diese Widersprüche zwischen jenem unzweifelhaften Gesetze Says und der Wirklichkeit herbeiführen." Diese Verhältnisse sind: die "zu ungleiche Verteilung der Produkte" - hier neigt sich v. Kirchmann, wie wir sehen, in gewissem Maße dem Standpunkt Sismondis zu -, die Schwierigkeiten, welche die Natur der menschlichen Arbeit in der Rohproduktion bereitet, endlich die Mangelhaftigkeit des Handels als der vermittelnden Operation zwischen Produktion und Konsumtion. Ohne uns auf die beiden letzten "Hindernisse" des Sayschen Gesetzes näher einzulassen, betrachten wir die Argumentation v. Kirchmanns im Zusammenhang mit dem ersten Punkt:


