Gesammelte Werke (Über 150 Titel in einem Band)

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Für den Bedarf dieses Produktionszweigs werden ferner Produktionsmittel im Wertbetrage von 71,5 und Lebensmittel im Wertbetrage von zirka 13 (entsprechend der nunmehr auch für diese Arbeiter geltenden Verminderung ihres Reallohns um zirka 1/13) hergestellt werden müssen.
Darauf kann sofort erwidert werden, daß der aus dieser neuen Absatzerweiterung sich ergebende Gewinn für das Kapital nur ein scheinbarer sei, denn die Verringerung der tatsächlichen Konsumtion der Arbeiterklasse wird die entsprechende Einschränkung der Lebensmittelproduktion zur unvermeidlichen Folge haben. Diese Einschränkung wird sich für die Abteilung II in der folgenden Proportion ausdrücken. 71,5 c + 14,25 v + 14,25 m = 100.
Dementsprechend wird aber ferner auch die Abteilung der Produktionsmittel ihren Umfang einschränken müssen, so daß beide Abteilungen infolge der Verringerung der Konsumtion der Arbeiterklasse sich wie folgt gestalten werden:
I. 4.949,00 c + 989,75 v + 989,75 m = 6.928,50 II: 1.358,50 c + 270,75 v + 270,75 m = 1.900,00Wenn jetzt dieselben 100 durch die Vermittlung des Staates eine Produktion von Kriegsmitteln zum gleichen Wertbetrage ins Leben rufen und dementsprechend auch die Produktion von Produktionsmitteln wieder beleben, so erscheint das auf den ersten Blick nur eine äußere Verschiebung in der Sachgestalt der gesellschaftlichen Produktion: Statt einer Menge Lebensmittel produziere man eine Menge Kriegsmittel. Das Kapital habe mit der einen Hand nur gewonnen, was es aus der anderen verloren habe. Oder die Sache kann auch so gefaßt werden: Was der großen Anzahl Kapitalisten, die Lebensmittel für die Arbeitermasse produzieren, an Absatz abgehe, komme einer kleinen Gruppe von Großindustriellen der Kriegsmittelbranche zugute.
Doch so stellt sich die Sache dar, nur solange man auf dem Standpunkt des Einzelkapitals steht. Von diesem Standpunkt ist es freilich gehupft wie gesprungen, ob die Produktion sich auf dieses oder jenes Gebiet wendet. Für das Einzelkapital existieren überhaupt die Abteilungen der Gesamtproduktion, wie sie das Schema unterscheidet, nicht, sondern einfach Waren und Käufer, und für den Einzelkapitalisten ist es deshalb an sich völlig gleichgültig, ob er Lebensmittel oder Todesmittel, Fleischkonserven oder Panzerplatten produziert.
Dieser Standpunkt wird häufig von Gegnern des Militarismus ins Feld geführt, um darzutun, daß die Kriegsrüstungen als wirtschaftliche Anlage für das Kapital nur den einen Kapitalisten zugute kommen lassen, was sie den anderen genommen haben.264 Auf der anderen Seite suchen das Kapital und sein Apologet diesen Standpunkt der Arbeiterklasse zu oktroyieren, indem sie ihr einreden, durch die indirekten Steuern und den Staatsbedarf trete nur eine Verschiebung in der sachlichen Form der Reproduktion ein; statt anderer Waren produziere man Kreuzer und Kanonen, dank denen der Arbeiter seine Beschäftigung und sein Brot im gleichen oder noch größeren Maße, ob hier oder dort, finde.
Was die Arbeiter betrifft, so zeigt ein Blick auf das Schema, was daran Wahres ist. Angenommen zur Erleichterung des Vergleichs, daß die Produktion der Kriegsmittel genausoviel Arbeiter wie früher die Herstellung von Lebensmitteln für die Lohnarbeiter beschäftige, ergibt sich, daß sie jetzt bei einer Arbeitsleistung, die dem Lohn von 1.285 v entspricht, Lebensmittel für 1.185 kriegen.
Anders vom Standpunkte des Gesamtkapitals. Für dieses erscheinen die 100 in der Hand des Staates, die eine Nachfrage nach Kriegsmitteln darstellen, als neues Absatzgebiet. Diese Geldsumme war ursprünglich variables Kapital. Sie hat als solche ihren Dienst getan, sich gegen lebendige Arbeit ausgetauscht, die Mehrwert erzeugt hat. Hinterdrein unterbricht sie die Zirkulation des variablen Kapitals, löst sich von ihr ab und erscheint im Besitze des Staates als neue Kaufkraft wieder. Gleichsam aus nichts erschaffen, wirkt sie genauso wie ein neuerschlossenes Absatzgebiet. Freilich, das Kapital wird zunächst um 100 geringeren Absatz an Lebensmitteln für die Arbeiter haben. Für den Einzelkapitalisten ist der Arbeiter auch ein ebenso guter Konsument und Warenabnehmer wie jeder andere, wie ein Kapitalist, der Staat, der Bauer, "das Ausland" usw. Vergessen wir jedoch nicht, daß für das Gesamtkapital die Ernährung der Arbeiterklasse nur Malum necessarium, nur ein Umweg zum eigentlichen Zweck der Produktion: zur Erzeugung und Realisierung des Mehrwerts, ist. Gelingt es, dieselbe Menge Mehrwert herauszupressen, ohne der Arbeitskraft dieselbe Menge Lebensmittel zuführen zu müssen, um so glänzender das Geschäft. Es läuft zunächst auf dasselbe hinaus, wie wenn es - ohne Lebensmittelteuerung - dem Kapital gelungen wäre, die Geldlöhne entsprechend herabzudrücken, ohne die Leistung der Arbeiter zu verringern. Zieht doch dauernde Lohnreduktion gleichfalls im weiteten Gefolge die Einschränkung der Lebensmittelproduktion nach sich. Sowenig sich das Kapital graue Haare wachsen laßt, daß es weniger Lebensmittel für die Arbeiter wird produzieren müssen, wenn es an ihren Löhnen Beutelschneiderei treibt, vielmehr diesem Geschäft bei jeder Gelegenheit mit Lust und Liebe nachgeht, ebensowenig verursacht es dem Kapital im ganzen Beschwerden, daß die Arbeiterklasse dank der indirekten Besteuerung, die nicht durch Lohnerhöhungen wettgemacht wird, eine geringere Nachfrage nach Lebensmitteln darstellt. Freilich bleibt bei direkten Lohnreduktionen die Differenz an variablem Kapital in der Tasche des Kapitalisten und vergrößert, bei gleichbleibenden Warenpreisen, den relativen Mehrwert, während sie jetzt in die Staatskasse wandert. Allein andererseits sind allgemeine und dauernde Reduktionen an Geldlöhnen zu allen Zeiten, namentlich aber bei hoher Entwicklung der gewerkschaftlichen Organisationen, nur selten durchführbar. Der fromme Wunsch des Kapitals stößt hier auf starke Schranken sozialer und politischer Natur. Hingegen setzt sich die Herabdrückung der Reallöhne vermittelst der indirekten Besteuerung prompt, glatt und generell durch, worauf sich der Widerstand meist erst nach längerer Zeit, auf politischem Gebiete und ohne unmittelbares ökonomisches Resultat zu äußern pflegt. Ergibt sich daraus hinterdrein eine Einschränkung der Lebensmittelproduktion, so erscheint das Geschäft vom Standpunkte des Gesamtkapitals nicht als ein Verlust an Absatz, sondern als eine Ersparnis an Unkosten bei der Produktion von Mehrwert. Die Herstellung von Lebensmitteln für Arbeiter ist eine Bedingung sine qua non der Produktion des Mehrwerts, nämlich die Reproduktion der lebendigen Arbeitskraft, niemals aber ein Mittel der Realisierung des Mehrwerts.
Nehmen wir unser Beispiel wieder auf:
I. 5.000 c + 1.000 v + 1.000 m = 7.000 Produktionsmittel. II: 1.430 c + 285 v + 285 m = 2.000 Konsummittel.Auf den ersten Blick scheint es, als ob hier die Abteilung II auch bei der Herstellung der Konsumtionsmittel für die Arbeiter Mehrwert erzeugen und realisieren würde, ebenso die Abteilung I, sofern sie Produktionsmittel herstellt, die zu jener Produktion von Lebensmitteln erforderlich sind. Doch der Schein verschwindet, wenn wir das gesellschaftliche Gesamtprodukt betrachten. Dieses stellt sich so dar: 6.430 c + 1.285 v + 1.285 m = 9.000.
Nun träte eine Verringerung der Konsumtion der Arbeiter um 100 ein. Die Verschiebung in der Reproduktion infolge der entsprechenden Einschränkung beider Abteilungen wird sich so ausdrücken:
I. 4.949,00 c + 989,75 v + 989,75 m = 6.928,50 II: 1.358,50 c + 270,75 v + 270,75 m = 1.900,00Und das gesellschaftliche Gesamtprodukt: 6.307,5 c + 1.260,5 v + 1.260,5 m = 8.828,5.
Es ist auf den ersten Blick ein allgemeiner Ausfall in dem Produktionsumfang und auch in der Produktion von Mehrwert zu konstatieren. Dies aber nur, solange wir abstrakte Wertgrößen in der Gliederung des Gesamtprodukts, nicht seine sachlichen Zusammenhänge im Auge haben. Sehen wir näher zu, dann stellt sich heraus, daß der Ausfall gänzlich die Erhaltungskosten der Arbeitskraft und nur diese berührt. Es werden nunmehr weniger Lebensmittel und Produktionsmittel hergestellt, diese dienten aber ausschließlich dazu, Arbeiter zu erhalten. Es wird jetzt ein geringeres Kapital beschäftigt und ein geringeres Produkt hergestellt. Aber Zweck der kapitalistischen Produktion ist nicht, schlechthin ein möglichst großes Kapital zu beschäftigen, sondern einen möglichst großen Mehrwert zu erzielen. Das Defizit an Kapital ist aber hier nur dadurch entstanden, daß die Erhaltung der Arbeiter ein geringeres Kapital erfordert. Wenn früher 1.285 der Wertausdruck der gesamten Erhaltungskosten der beschäftigten Arbeiter in der Gesellschaft war, so muß der nun entstandene Ausfall im Gesamtprodukt = 171,5 (9.000 - 8.828,5) ganz von diesen Erhaltungskosten abgezogen werden, und wir bekommen dann die veränderte Zusammensetzung des gesellschaftlichen Produkts: 6.430 c + 1.113,5 v + 1.285 m = 8.828,5.
Das konstante Kapital und der Mehrwert blieben unverändert, das variable Kapital der Gesellschaft, die bezahlte Arbeit allein hat sich verringert. Oder, da die unveränderte Größe des konstanten Kapitals frappieren mag, nehmen wir, wie es auch exakt dem Vorgang entspricht, eine der Verringerung der Lebensmittel der Arbeiter entsprechende Verringerung des konstanten Kapitals an, dann erhalten wir die folgende Gliederung des gesellschaftlichen Gesamtprodukts: 6.307,5 c + 1.236 v + 1.285 m = 8.828,5.
Der Mehrwert bleibt in beiden Fällen unverändert, trotz der Verringerung des Gesamtprodukts, denn die Erhaltungskosten der Arbeiter und nur diese haben sich verringert.
Die Sache läßt sich auch so darstellen. Das gesellschaftliche Gesamtprodukt kann seinem Werte nach in drei proportionelle Teile eingeteilt werden, die jeweilig ausschließlich das gesamte konstante Kapital der Gesellschaft, das gesamte variable Kapital und den gesamten Mehrwert repräsentieren. Und zwar so, wie wenn in der ersten Portion Produkte nicht ein Atom neu hinzugetretene Arbeit, in der zweiten und dritten nicht ein Atom Produktionsmittel erhalten wäre. Da diese Produktenmasse als solche, ihrer Sachgestalt nach, ganz das Ergebnis der gegebenen Produktionsperiode, aus der sie hervorgegangen ist, so kann man - obwohl das konstante Kapital als Wertgröße Resultat früherer Produktionsperioden ist und nur auf neue Produkte übertragen wird - auch die gesamte Anzahl der beschäftigten Arbeiter in drei Kategorien einteilen: in solche, die ausschließlich das gesamte konstante Kapital der Gesellschaft herstellen, in solche, deren ausschließlicher Beruf es ist, für die Erhaltung sämtlicher Arbeiter zu sorgen, endlich in solche, die ausschließlich den gesamten Mehrwert der Kapitalistenklasse schaffen.
Erfolgt eine Einschränkung der Konsumtion der Arbeiter, dann wird nur aus der zweiten Kategorie eine entsprechende Anzahl Arbeiter entlassen. Aber diese Arbeiter schaffen von vornherein keinen Mehrwert für das Kapital, ihre Entlassung ist also vom Standpunkt des Kapitals kein Verlust, sondern ein Gewinn, Verminderung der Kosten der Mehrwertproduktion.
Hingegen winkt der gleichzeitig entstehende Absatz auf seiten des Staates mit allen Reizen eines neuen Gebietes zur Realisierung des Mehrwerts. Ein Teil der in der Zirkulation des variablen Kapitals begriffenen Geldsumme springt aus der Bahn dieser Zirkulation heraus und stellt in der Hand des Staates eine neue Nachfrage dar. Daß steuertechnisch der Vorgang ein anderer, nämlich der Betrag der indirekten Steuern faktisch von dem Kapital dem Staate vorgestreckt und erst bei dem Warenkauf im Preis vom Konsumenten dem Kapitalisten zurückerstattet wird, ändert nichts an der ökonomischen Seite des Vorgangs. Ökonomisch ist es entscheidend, daß die als variables Kapital fungierende Geldsumme erst den Austausch zwischen Kapital und Arbeitskraft vermittelt, um hinterher, bei dem Austausch zwischen Arbeiter als Konsumenten und Kapitalist als Warenverkäufer, zu einem Teil aus der Hand des Arbeiters an den Staat als Steuer zu wandern. Die von dem Kapital in die Zirkulation geworfene Geldsumme erfüllt damit erst vollauf ihre Funktion im Austausch mit der Arbeitskraft, um darauf in der Hand des Staates eine ganz neue Laufbahn zu beginnen, nämlich als fremde, dem Kapital wie dem Arbeiter äußerliche Kaufkraft, die sich auf neue Produkte, auf einen besonderen Zweig der Produktion richtet, der weder zur Erhaltung der Kapitalistenklasse noch zur Erhaltung der Arbeiterklasse dient und in dem das Kapital daher eine neue Gelegenheit findet, Mehrwert sowohl zu erzeugen wie zu realisieren. Früher, als wir die Verwendung der aus dem Arbeiter ausgepreßten indirekten Steuern zu Gehältern für Staatsbeamte und zur Versorgung des Heeres betrachteten, hat sich herausgestellt, daß die "Ersparnis" an der Konsumtion der Arbeiterklasse ökonomisch dazu führt, die Kosten der persönlichen Konsumtion des Anhangs der Kapitalistenklasse und der Werkzeuge ihrer Klassenherrschaft von den Kapitalisten auf die Arbeiter, vom Mehrwert auf das variable Kapital abzuschieben und im gleichen Maße den Mehrwert für Kapitalisierungszwecke frei zu machen. Jetzt sehen wir, wie die Verwendung der dem Arbeiter abgepreßten Steuern zur Herstellung von Kriegsmitteln dem Kapital eine neue Möglichkeit der Akkumulation bietet.
Praktisch wirkt der Militarismus auf Grundlage der indirekten Steuern nach beiden Richtungen, indem er auf Kosten der normalen Lebensbedingungen der Arbeiterklasse sowohl die Erhaltung der Organe der Kapitalsherrschaft, der stehenden Heere, wie das großartigste Akkumulationsgebiet des Kapitals sichert.265
Wenden wir uns an die zweite Quelle der Kaufkraft des Staates, in unserem Beispiel die 150 von dem Gesamtbetrag der 250, die in Kriegsmitteln angelegt werden. Die 150 unterscheiden sich wesentlich von der bis jetzt betrachteten Summe von 100. Sie rühren nicht von den Arbeitern, sondern vom Kleinbürgertum - Handwerkern und Bauern - her. (Von dem relativ kleinen Anteil der Kapitalistenklasse selbst an den Steuern sehen wir hier ab.)
Die von der Bauernmasse - die wir hier als Vertreterin der nichtproletarischen Konsumentenmasse nehmen wollen - an den Staat in Gestalt von Steuern abgeführte Geldsumme ist nicht ursprünglich vom Kapital vorgeschossen und löst sich nicht von der Kapitalzirkulation ab. Sie ist in der Hand der Bauernmasse das Äquivalent realisierter Waren, Wertniederschlag der einfachen Warenproduktion. Was hier auf den Staat übertragen wird, ist ein Teil der Kaufkraft nichtkapitalistischer Konsumenten, also Kaufkraft, die von vornherein dem Kapital dazu dient, für Zwecke der Akkumulation den Mehrwert zu realisieren. Es fragt sich, ob sich für das Kapital aus der Übertragung der Kaufkraft dieser Schichten auf den Staat zu militaristischen Zwecken ökonomische Veränderungen ergeben und welcher Art. Auf den ersten Blick handelt es sich auch hier um Verschiebungen in der sachlichen Gestalt der Reproduktion. Statt einer Menge Produktionsmittel und Lebensmittel für die bäuerlichen Konsumenten wird das Kapital im gleichen Wertbetrage Kriegsmittel für den Staat produzieren. Tatsächlich ist die Verschiebung eine tiefergreifende. Vor allem wird die durch den Mechanismus der Besteuerung vom Staate flüssig gemachte Kaufkraft der nichtkapitalistischen Konsumenten quantitativ eine viel größere sein als die, welche für ihre eigene Konsumtion tatsächlich auftreten würde.
Es ist ja das moderne Steuersystem selbst, das in hohem Maße bei den Bauern die Warenwirtschaft erst erzwingt. Der Druck der Besteuerung zwingt den Bauern, fortschreitend einen immer größeren Teil seines Produkts in Ware zu verwandeln, macht ihn aber auch gleichzeitig immer mehr zum Käufer, treibt das Produkt der Bauernwirtschaft durch die Zirkulation und verwandelt zwangsweise die Bauern erst in Abnehmer auch für Kapitalprodukte. Ferner auch unter der Voraussetzung der bäuerlichen Warenproduktion entlockt das Steuersystem der Bauernwirtschaft eine größere Kaufkraft, als sie sich ohnehin aktiv betätigen würde.
Was sonst als Ersparnis der Bauern, des kleinen Mittelstandes aufgeschatzt wäre, um in Sparkassen und Banken das anlagesuchende Kapital zu vergrößern, wird jetzt im Besitze des Staates umgekehrt eine Nachfrage und Anlagemöglichkeit für das Kapital. Ferner tritt hier an Stelle einer großen Anzahl kleiner zersplitterter und zeitlich auseinanderfallender Warennachfragen, die vielfach auch durch die einfache Warenproduktion befriedigt wären, also für die Kapitalakkumulation nicht in Betracht kämen, eine zur großen einheitlichen kompakten Potenz zusammengefaßte Nachfrage des Staates. Diese setzt aber zu ihrer Befriedigung von vornherein die Großindustrie auf höchster Stufenleiter, also für die Mehrwertproduktion und Akkumulation günstigste Bedingungen voraus. In Gestalt der militaristischen Aufträge des Staates wird die zu einer gewaltigen Größe konzentrierte Kaufkraft der Konsumentenmassen außerdem der Willkür, den subjektiven Schwankungen der persönlichen Konsumtion entrückt und mit einer fast automatischen Regelmäßigkeit, mit einem rhythmischen Wachstum begabt. Endlich befindet sich der Hebel dieser automatischen und rhythmischen Bewegung der militaristischen Kapitalproduktion in der Hand des Kapitals selbst - durch den Apparat der parlamentarischen Gesetzgebung und des zur Herstellung der sogenannten öffentlichen Meinung bestimmten Zeitungswesens. Dadurch scheint dieses spezifische Gebiet der Kapitalakkumulation zunächst von unbestimmter Ausdehnungsfähigkeit. Während jede andere Gebietserweiterung des Absatzes und der Operationsbasis für das Kapital in hohem Maße von geschichtlichen, sozialen, politischen Momenten abhängig ist, die außerhalb der Willenssphäre des Kapitals spielen, stellt die Produktion für den Militarismus ein Gebiet dar, dessen regelmäßige stoßweise Erweiterung in erster Linie in den bestimmenden Willen des Kapitals selbst gegeben zu sein scheint.
Die geschichtlichen Notwendigkeiten der verschärften Weltkonkurrenz des Kapitals um seine Akkumulationsbedingungen verwandeln sich so für das Kapital selbst in ein erstklassiges Akkumulationsfeld. Je energischer das Kapital den Militarismus gebraucht, um die Produktionsmittel und Arbeitskräfte nichtkapitalistischer Länder und Gesellschaften durch die Welt- und Kolonialpolitik sich selbst zu assimilieren, um so energischer arbeitet derselbe Militarismus daheim, in den kapitalistischen Ländern, dahin, den nichtkapitalistischen Schichten dieser Länder, d.h. den Vertretern der einfachen Warenproduktion, sowie der Arbeiterklasse fortschreitend die Kaufkraft zu entziehen, d.h., die ersteren immer mehr der Produktivkräfte zu berauben, die letztere in ihrer Lebenshaltung herabzudrücken, um auf beider Kosten die Kapitalakkumulation gewaltig zu steigern. Von beiden Seiten schlagen aber die Bedingungen der Akkumulation auf einer gewissen Höhe in Bedingungen des Untergangs für das Kapital um.
Je gewalttätiger das Kapital vermittelst des Militarismus draußen in der Welt wie bei sich daheim mit der Existenz nichtkapitalistischer Schichten aufräumt und die Existenzbedingungen aller arbeitenden Schichten herabdrückt, um so mehr verwandelt sich die Tagesgeschichte der Kapitalakkumulation auf der Weltbühne in eine fortlaufende Kette politischer und sozialer Katastrophen und Konvulsionen, die zusammen mit den periodischen wirtschaftlichen Katastrophen in Gestalt der Krisen die Fortsetzung der Akkumulation zur Unmöglichkeit, die Rebellion der internationalen Arbeiterklasse gegen die Kapitalsherrschaft zur Notwendigkeit machen werden, selbst ehe sie noch ökonomisch auf ihre natürliche selbstgeschaffene Schranke gestoßen ist.
Der Kapitalismus ist die erste Wirtschaftsform mit propagandistischer Kraft, eine Form, die die Tendenz hat, sich auf dem Erdrund auszubreiten und alle anderen Wirtschaftsformen zu verdrängen, die keine andere neben sich duldet. Er ist aber zugleich die erste, die allein, ohne andere Wirtschaftsformen als ihr Milieu und ihren Nährboden, nicht zu existieren vermag, die also gleichzeitig mit der Tendenz, zur Weltform zu werden, an der inneren Unfähigkeit zerschellt, eine Weltform der Produktion zu sein. Er ist ein lebendiger historischer Widerspruch in sich selbst, seine Akkumulationsbewegung ist der Ausdruck, die fortlaufende Lösung und zugleich Potenzierung des Widerspruchs. Auf einer gewissen Höhe der Entwicklung kann dieser Widerspruch nicht anders gelöst werden als durch die Anwendung der Grundlagen des Sozialismus - derjenigen Wirtschaftsform, die zugleich von Hause aus Weltform und in sich ein harmonisches System, weil sie nicht auf die Akkumulation, sondern auf die Befriedigung der Lebensbedürfnisse der arbeitenden Menschheit selbst durch die Entfaltung aller Produktivkräfte des Erdrundes gerichtet sein wird.
Fußnoten:
1 K. Marx. Das Kapital. Bd. I, 4. Auf., 1890, S. 529. [Karl Marx: Das Kapital, Erster Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 591.
2 In dieser Darstellung nehmen wir Mehrwert als identisch mit Profit an, was ja für die Gesamtproduktion, auf die es weiter allein ankommt, zutrifft. Auch sehen wir von der Spaltung des Mehrwerts in seine Einzelteile: Unternehmensgewinn, Kapitalzins, Rente, ab, da sie für das Problem der Reproduktion zunächst belanglos ist.
3 Das Kapital. Bd. II. 2 Aufl., 1893. S. 332. [Karl Marx. Das Kapital. Zweiter Band. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 24, S. 359.]
4 Siehe Analyse du Tableau économique. In Journal de l'Agriculture, du Commerce et des Finances, hrsg. von Du Pont 1766; S. 305 ff der Onckenschen Ausgabe der "Œvres de Quesnay". Quesnay bemerkt ausdrücklich, daß die von ihm geschilderte Zirkulation zwei Bedingungen zur Voraussetzung hat: einen ungehinderten Handelsverkehr und ein System von Steuern, die nur auf die Rente gelegt sind: "Mais ces données ont des conditions sine quabus non, elles supposent que la liberté du commerce soutient le débit de productions à un bon prix ... elles supposent d'ailleurs que le cultivateur n'ait à payer directement ou indirectement d'autre charges que le revenu, dont une partie, par exemple les deux septièmes, doit former le revenu du souverain." (l.c. S. 311.)
5 Adam Smith: Natur und Ursache des Volkswohlstandes. Übersetzung von Loewenthal. Band I, 2. Aufl. S. 53.
6 l.c., S. 291/292.
7 l.c., S. 95
8 Über Rodbertus mit seinem spezifischen Begriff des "Nationalkapitals" weiter unten im zweiten Abschnitt.
9 J. B. Say: Traité d'économie politique. 8. Aufl. 2 Buch, Kapitel V, Paris 1876, S. 376.
10 Es ist übrigens zu bemerken, daß Mirabeau in seinen "Explicacions" zum "Tableau" an einer Stelle ausdrücklich das fixe Kapital der sterilen Klasse erwähnt: "Les avances primitives de cette classe pour établissement de manufactures, pour instruments, machines, moulins, forges et autres usines ... 2.000.000 l." Tableau économique avec ses Explications, 1760, S. 82.) In seinem sinnverwirrenden Entwurf des Tableau selbst zieht freilich auch Mirabeau dieses fixe Kapital der sterilen Klasse nicht in Anrechnung.
11 Smith formuliert denn auch ganz allgemein : "Der Wert (nicht der "Mehrwert", wie Herr Loewenthal willkürlich übersetzt - R. L.), welchen die Arbeiter den Arbeitsstoffen hinzufügen, zerfällt somit hierbei in zwei Teile, in einen, der ihre Arbeitslöhne bestreitet und in einen andern, welcher den Gewinn ihres Arbeitgebers auf das gesamte für Stoffe und Löhne vorgestreckte Kapital darstellt." (Adam Smith: l.c., Bd. I, S. 51) Im Original: "The value which the workmen add to the materials, therefore, resolves itself in the case into two parts, of which the one pays their wages, the other the profits of their employer upon the whole stock of materials and wages which he advanced." (Wealth of Nations, hrsg. von MacCulloch, 1828, Bd. I, S. 83.) Und im zweiten Buch, Kapitel III, speziell über die Industriearbeit: "Dir Arbeit eines Fabrikarbeiters (fügt) dem Werte der von ihm verarbeiteten Rohstoffe den seines eigenen Unterhalts und des Gewinns seines Brotherrn hinzu; die eines Dienstboten dagegen erhöht den Wert von nichts. Obgleich der Fabrikarbeiter den Arbeitslohn von seinem Brotherrn vorgestreckt erhält, verursacht er diesem in Wirklichkeit doch keine Kosten, da er sie ihm in der Regel zuzüglich eines Gewinnes durch den erhöhten Wert des bearbeiteten Gegenstandes wiedererstattet." (l.c., Bd. I., S. 541.)
12 "Die zur landwirtschaftlichen Arbeit verwendeten Menschen ... reproduzieren mithin nicht nur, wie die Fabrikarbeiter, einem ihrem eigenen Verbrauche oder dem sie beschäftigenden Kapitale samt dem Gewinne des Kapitalisten gleichen Wert, sondern einen viel größeren. Außer dem Kapitale des Pächters samt seinem ganzen Gewinne reproduzieren sie auch regelmäßig die Rente für den Grundbesitzer." (l.c., Bd. I., S. 377)



