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Unsere Gastgeber erklärten uns – immer gedolmetscht von der endlos geduldigen Gordana –, wie diese unglaubliche Kette von Ereignissen in ihrem Dorf abgelaufen war, und sie erzählten uns auch von den vielen außerordentlichen Wundern, deren Zeugen sie zusammen mit vielen anderen Einheimischen geworden waren. So hatten sie beispielsweise häufig gesehen, wie sich die Sonne am Himmel drehte (was an das berühmte Wunder erinnerte, das Zehntausende in Fatima fast siebzig Jahre zuvor erlebt hatten). Außerdem waren viele Menschen von allen möglichen Leiden geheilt worden.
Wir waren völlig fasziniert von diesen Berichten, die uns in einer ganz sachlichen Art geschildert wurden, von einer offensichtlich vernünftigen, ausgeglichenen Familie. Sie sagten, es gäbe noch viele weitere Wundergeschichten und auch einige wilde Gerüchte, aber sie würden uns nur Dinge erzählen, von denen sie wüssten, dass sie stimmten. Wir waren von der Freundlichkeit dieser Familie völlig überwältigt. Erst nach der ersten Nacht bemerkten wir zu unserer größten Verlegenheit, dass sie uns ihre eigenen Betten zum Schlafen überlassen und selbst auf dem Boden übernachtet hatten. In den nächsten Nächten unseres kurzen Aufenthalts gelang es uns nicht, sie dazu zu überreden, uns auf dem Boden schlafen zu lassen, so sehr wir uns auch bemühten.
Die Familie kannte die Seher gut. Marko, einer der Brüder, erklärte uns, dass Mirjana, die Älteste der sechs, sogar seine feste Freundin war. Sie bestanden darauf, es für uns zu organisieren, dass wir in den kleinen Seitenraum der Kirche kommen könnten, wenn die Seher die Erscheinung hätten. Und tatsächlich waren wir dann an den nächsten beiden Abenden in einem kleinen, dicht besetzten Raum direkt neben dem Altar. Gemeinsam mit der größeren Menschenmenge im Kirchenschiff beteten wir zusammen mit den jungen Sehern, die ungefähr in unserem Alter waren, den Rosenkranz. Dann plötzlich hörten die Seher auf zu beten und schauten gleichzeitig zur Wand hoch. Schweigen breitete sich aus. Wir sahen, wie sie glücklich lächelten und sprachen, konnten aber ihre Worte nicht hören. Sie waren offenbar in einem tiefen Gespräch mit jemandem, den wir nicht sehen konnten. Ich saß so nah bei ihnen, dass ich Marija hätte berühren können, während sie für jemanden lautlos Worte mit den Lippen formte und offenbar ganz und gar ergriffen und beseligt war. Das dauerte einige wenige Minuten, dann hörten die Jugendlichen auf, nach oben zu schauen, und nahmen wieder die Menschen um sich herum wahr. Zusammen setzten wir den Rosenkranz fort.
Während dieser wenigen Tage in Medjugorje empfand ich eine tiefe Freude, wie ich sie noch nie zuvor verspürt hatte. Ich fühlte mich wie berauscht. Die Gottesmutter war gekommen, um uns mitzuteilen, dass Gott existiert. Ich glaubte ihr mit jeder Faser meines Wesens. Ich beschloss, auf die Einladung der Muttergottes so gut ich konnte mit meinem Leben zu antworten.
Die anderen in unserer kleinen Gruppe machten offenbar ganz ähnliche Erfahrungen. Wir lachten viel in dieser Woche, und wir weinten auch. Es fühlte sich an, als würden wir herausfinden, wer wir wirklich waren.
Im weiteren Verlauf der Woche sahen wir selbst, wie sich die Sonne drehte und kräftige Farben von ihr ausgingen und sich über den ganzen Himmel verbreiteten. Das war ein unglaublicher Anblick, aber bei all dem, was sich in unseren Herzen ereignete, war es mit Sicherheit nicht die faszinierendste Erfahrung dieser Woche.
Als wir nach Schottland zurückkehrten, waren wir sehr müde und sehr glücklich. Mum und Dad und unsere Großeltern, die bei uns lebten, sowie zwei mit uns befreundete Priester erwarteten uns – bewaffnet mit einem Tonbandgerät und vielen bohrenden Fragen. Sie bestanden darauf, dass wir sie beantworteten, bevor wir ins Bett gingen. Sie wollten absolut sichergehen, dass wir nicht Opfer irgendwelcher böser Streiche oder noch schlimmerer Dinge geworden waren, und sie wollten unsere Eindrücke sorgfältig mit den Lehren der Kirche abgleichen. Mum und Dad waren allerdings überhaupt nicht skeptisch. Tatsächlich glaube ich im Nachhinein, dass wir wahrscheinlich alle von dem Augenblick an, als Ruth damals beim Frühstück den kleinen Artikel vorgelesen hatte, tief in unserem Herzen wussten, dass es alles stimmte. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Mum und Dad uns sonst hätten ermutigen können, hinzufahren und selbst nachzuschauen. Aber jetzt wollten sie einfach selber sicher sein, und sie wollten gut auf die Fragen anderer vorbereitet sein, die bestimmt auf uns zukommen würden.
Sie waren beeindruckt von den Informationen und Antworten, die sie von uns erhielten, aber noch mehr von den Veränderungen, die mit uns passiert waren, wie sie in den Tagen darauf ganz deutlich sehen konnten. Ihre Teenager-Sprösslinge waren jetzt diejenigen, die sie dazu aufforderten, gemeinsam zu beten – davor war es immer umgekehrt gewesen. Sie sahen ganz deutlich, dass wir tiefe Erfahrungen gemacht hatten.
Ruth hatte mittlerweile einen Artikel über unsere Reise geschrieben, der im Catholic Herald publiziert wurde. Am Ende des Artikels gab die Redaktion unsere Adresse an, und wir bekamen viele Briefe, in denen wir um weitere Informationen gebeten wurden. Über tausend Briefe trudelten in den nächsten Wochen bei uns ein, und während wir zurück an die Universität und zur Schule gingen, verfassten Mum und Dad auf jeden Brief handschriftlich eine Antwort. Ein Brief kam von einer Frau namens Gay Russell in Malawi. Sie schrieb, sie sei eine Pilotin, die mit einem kleinen Flugzeug in Südafrika unterwegs sei, und bat um weitere Informationen. Mum schrieb ihr einen Brief. Von all den Briefen war das derjenige, an den wir uns am deutlichsten erinnerten, obwohl wir dann nicht wieder von ihr hörten. Das Bild von einer Frau, die kreuz und quer durch Südafrika fliegt und jedem von Medjugorje erzählt, wurde zu einem Familienwitz. Wir konnten damals nicht wissen, dass wir zwanzig Jahre später unter ganz anderen Umständen Gay tatsächlich in ihrer afrikanischen Heimat treffen würden, und dass sich aufgrund dieses Treffens etwas ganz Außerordentliches ereignen sollte.
Zwei Monate später, nachdem alle Antworten geschrieben waren, besuchten auch Mum und Dad Medjugorje. Sie machten dort ähnliche Erfahrungen wie wir. Als sie zurückkehrten, waren sie ebenfalls davon überzeugt, dass Maria, die Mutter Jesu, tatsächlich in unserer Gegenwart auf der Erde erschien, mit einer Botschaft für die Menschen. Sie spürten, dass Gott sie bat, unser Haus und das Gästehaus in ein „Gebetshaus“ umzuwandeln, einen Ort, wohin Menschen sich zurückziehen und Zeit mit Gott verbringen konnten. Sie fingen an, gewisse Zeiten für normale zahlende Gäste zu blockieren (die meisten waren bisher gekommen, um zu fischen und zu jagen) und Einkehrtage zu organisieren. Unser größter Raum wurde bald zur Kapelle, der Billardtisch wurde durch einen Altar ersetzt und wenige Monate später war aus dem Gästehaus Craig Lodge das Familien-Gebetshaus Craig Lodge geworden. Viele Besucher kamen für einen oder zwei Tage, andere blieben länger. Bald war eine kleine Gemeinschaft entstanden, die Krizevac-Gemeinschaft, benannt nach dem Kreuzberg in Medjugorje. Sie bestand aus jungen Leuten, die kamen, um mit uns zu leben, die eine gewisse Zeit dafür verwenden wollten, um ihr geistiges Leben zu vertiefen und herauszufinden, wozu sie berufen waren, oder die vielleicht auch einfach nur einen Zufluchtsort brauchten, um sich von dem zu erholen, was ihnen das Leben bislang zugemutet hatte.
Nun verwandelte sich also unser idyllisches Landhaus in einen wahren Bienenstock. Seit ich denken kann, habe ich in einem Gästehaus, in einem Hotel gelebt, und ich war daran gewöhnt, dass daheim immer auch fremde Menschen waren. Es war auch nicht das erste Mal, dass Mum und Dad eine Entscheidung fällten, die das Leben der Familie grundlegend veränderte. Zwei Jahre davor hatten wir Mark in die Familie aufgenommen, einen siebenjährigen Jungen mit einer fürchterlichen Hautkrankheit, der in einem Krankenhaus in Glasgow ausgesetzt worden war. Ich war damals zwölf, und es war neu und unangenehm für mich, nicht mehr länger das „Nesthäkchen“ zu sein. Plötzlich hatten wir einen kleinen Jungen mit gravierenden Verhaltensproblemen in unserer Mitte, der zu ungeheuerlichen Wutanfällen neigte. Wir lernten von diesem Stadtkind schnell eine ganze Bandbreite von Flüchen und diverse Methoden, Leute zu beleidigen. Aber bald wurde Mark unser heiß geliebter kleiner Bruder, und es dauerte nicht lang, bis wir ihn adoptierten. Er wurde nicht nur zu einem ständigen Mitglied unserer Familie, sondern auch für uns alle zu einem unglaublichen Segen.
Mums und Dads aktuelle Entscheidung, ihre Türen zu öffnen, hatte nun allerdings eine neue Art von Invasion in unseren Familienkreis zur Folge; eine angenehme, freundliche Invasion, die ich trotzdem nicht immer leicht fand. Unaufhörlich strömten Besucher ins Haus, und die Grenzen um den privaten Familienraum herum wurden manchmal ziemlich undeutlich. Mein soziales Leben spielte sich hauptsächlich mit Freunden ab, mit denen ich im Dorf Dalmally aufgewachsen war. Als Teenager verbrachte ich die meiste Zeit außerhalb von Craig Lodge, entweder beim Sport oder im Dorf-Pub. In dieser Gesellschaft sprach ich praktisch nie von meinem Glauben, vom Einkehrhaus oder von meinen Erfahrungen in Medjugorje. Es fühlte sich fast so an, als würde ich beginnen, zwei voneinander getrennte Leben zu führen. Ich verlor nie meinen Glauben und betete immer noch jeden Tag, aber außer meiner Familie gab es niemanden, mit dem ich darüber reden konnte.
Mein engster Gefährte war mein Bruder Fergus. Wir gehörten beide zu einer eng verbundenen Gruppe von Freunden, die zusammen im Dorf aufgewachsen waren. Bereits in frühester Jugend waren wir alle fanatische Shinty-Spieler (Shinty ist ein für die schottischen Highlands typischer Sport, der eigentlich zu Unrecht den Ruf hat, brutal zu sein), und die meisten Samstage waren wir für unser Dorf-Team Glenorchy unterwegs. Shinty ist eng verwandt mit dem irischen Spiel Hurling und wird von denen, die es zum ersten Mal miterleben, gern als Feldhockey ohne Regeln bezeichnet. Aber Shinty war meine absolute Leidenschaft. Ich liebte sowohl das Spiel selbst als auch die Tatsache, dass fast alle meine Mannschaftskameraden Jungen waren, mit denen ich aufgewachsen war. Wir hatten in der Grundschule einmal den Scottish Cup gewonnen und waren seither eine eingeschworene Gemeinschaft. Unser früher Ruhm hatte uns glauben lassen, dass wir eines Tages Landesmeister werden könnten, was unser Dorf bislang noch nie geschafft hatte. Doch als die Jahre vergingen, ließ unser Erfolg nach. Wahrscheinlich lag das vor allem daran, dass wir mehr Zeit im Pub verbrachten als beim Training auf dem Shinty-Feld.
Nach dem Spiel saßen wir die meisten Samstagabende in unserem Dorf-Pub, oder wir fuhren in eine der umliegenden Ortschaften zu einem Ceilidh (einer Veranstaltung, bei der schottische Tänze getanzt werden) oder einer Party. Sonntagmorgens schafften es Fergus und ich häufig nicht, rechtzeitig zum Gottesdienst bei uns im Dorf aufzustehen, sodass wir die Sonntagnachmittage häufig im Auto unterwegs waren, um eine Abendmesse zu finden, da es in unserer Nähe keine gab. Verpasst haben wir den Sonntagsgottesdienst nie, aber meistens nahmen wir mit Kopfweh und trockener Kehle daran teil. Oft redeten wir miteinander über unseren Glauben und beteten zusammen – wir hatten das schon seit meiner frühesten Kindheit getan, als wir noch ein gemeinsames Kinderzimmer hatten –, aber mit unseren anderen Freunden sprachen wir über diesen Teil unseres Lebens nie, obwohl sie uns so nahestanden.
Es wurde immer schwieriger, dieses Doppelleben zu führen, und mich machte das immer unglücklicher. Dabei habe ich meinen Glauben oder meinen tiefen Respekt vor meinen Eltern und ihren Entscheidungen nie verloren. Ich konnte sehen, dass das, was sie taten, etwas sehr Schönes war, etwas, das das Leben vieler Menschen veränderte. Unter weltlichen oder wirtschaftlichen Gesichtspunkten waren ihre Entscheidungen sinnlos; wer zu uns kam, war eingeladen, einen Betrag zur Deckung der Kosten zu spenden, aber nie wurden Menschen weggeschickt, die nichts geben konnten. Um finanziell über die Runden zu kommen, verkauften sie irgendwann die Lachsfischerei, die ihnen am Orchy gehörte, und hießen weiterhin jeden mit einem Lächeln willkommen. Mums hausgemachte Suppe wurde weit und breit berühmt, und noch mehr Dads „Bären-Umarmungen“.
Mittlerweile immatrikulierte ich mich an der Stirling University für ein Geschichtsstudium, obwohl ich eigentlich Argyll gar nicht verlassen wollte. Einen Großteil meiner Kindheit und Jugend hatte ich mit Jagen und Arbeiten im Freien verbracht, ich hatte auch nie das Bedürfnis verspürt, in eine Stadt umzuziehen, und genauere Karrierepläne hatte ich sowieso nicht. Außerdem blieben meine besten Freunde alle in Dalmally und fanden dort Jobs. Aber ich hatte einen guten Schulabschluss, und weil man es offenbar von mir erwartete, bewarb ich mich eben an der Universität. Geschichte war mein Lieblingsfach gewesen, also beschloss ich, Geschichte zu studieren.
Aber ich hielt es in Stirling nicht lange aus. Es stellte sich heraus, dass meine Schüchternheit, mit der ich bisher ganz gut hatte leben können, indem ich immer in Gesellschaft meiner engen Freunde blieb, in dieser neuen Umgebung zu einem argen Hindernis wurde. Ich konnte mit den anderen Studenten einfach nicht reden, ganz zu schweigen davon, dass ich mich mit ihnen angefreundet hätte. So trampte ich jedes Wochenende nach Hause, um meine Freunde zu treffen und Shinty zu spielen. Mit meinen geliebten Glenorchy-Streifen und dem Shinty-Stock in den Händen wurde ich für neunzig Minuten wieder glücklich und selbstbewusst. „Klasse gespielt, großer Mann!“, riefen die älteren Männer, die von der Seitenlinie aus zuschauten, wenn ich einen Zweikampf gewann oder den Ball über das Feld schlug (glücklicherweise hatten Mannschaftskameraden wie Foxy, Heekor und Pele fantasievollere Spitznamen bekommen). Dann fuhr ich zurück zum Universitätscampus und verkroch mich in meinem Zimmer.
Nach sechs Monaten brach ich meiner Mutter fast das Herz, indem ich aufgab und mich exmatrikulierte. Ich kam nach Argyll zurück, um wieder draußen zu arbeiten. Ich pflanzte Bäume für die Forstverwaltung, stapelte Bretter in einer Sägemühle und wurde dann irgendwann Lachszüchter. Sechs Jahre lang gehörte ich zu einem kleinen Team, das nach den Lachsen schaute, die im Loch Craignish, einem fernab gelegenen tiefen See, vier Meilen von der nächsten Asphaltstraße entfernt, in riesigen, treibenden Netzkäfigen schwammen. Es war ein Ort großen Friedens, und ich genoss die zwar anstrengende, doch stille tägliche Routine. Ein guter Ort zum Nachdenken und zum Beten war es außerdem, und die Jungs, mit denen ich zusammenarbeitete, wurden mir auch gute Freunde. Ich nahm an, dass ich wahrscheinlich den Rest meiner Tage in diesem Teil von Schottland leben und arbeiten würde, und war eigentlich ganz zufrieden mit dieser Perspektive, obwohl die langen, dunklen, kalten Winter häufig eine Sehnsucht nach exotischen, wärmeren Ländern und neuen Erfahrungen aufkommen ließen.
Doch dann, eines regnerischen Abends im November 1992, gingen Fergus und ich in unsere Stammkneipe auf ein Bier. Es war ungewöhnlich still. An diesem Tag hatte es kein Shinty-Match gegeben, weil das Spielfeld vom Regen völlig durchweicht war, und nur wenige von unseren Kumpeln waren aufgetaucht. Wir redeten über das, was wir am frühen Abend im Fernsehen gesehen hatten. Eine Reportage hatte das Leid der Menschen in Bosnien-Herzegowina gezeigt, die vor ethnischen Säuberungsaktionen geflohen waren und jetzt in Flüchtlingslagern lebten. Das Jugoslawien, das wir als Teenager besucht hatten, riss sich selbst in Stücke. Im Jahr 1991 hatten Slowenien und Kroatien ihre Unabhängigkeit erklärt; ein Schritt, der einen Krieg zwischen den Serben, der im jugoslawischen Staat dominierenden Volksgruppe, und denjenigen entfachte, die sich davon lösen wollten. Ein Jahr später brach in Bosnien-Herzegowina, Heimat von Kroaten, Muslimen und Serben, ein Bürgerkrieg aus – vor den Kameras der Welt nahm ein entsetzlicher Konflikt seinen Lauf. In Medjugorje erschien die Gottesmutter, die Königin des Friedens, den sechs jungen Leuten immer noch. Der Titel, mit dem sie sich selbst bezeichnet hatte, gewann nun eine neue Bedeutung. Über die Jahre hinweg handelten ihre Botschaften immer wieder vom Weg zum Frieden, darüber, wie Kriege vermeidbar wären, wenn wir nach der Botschaft des Evangeliums lebten. Auf den Tag genau zehn Jahre, nachdem sie diesen sechs Kindern in Medjugorje erschienen war, fielen die ersten Schüsse dieses Krieges. Während der Horror sich ausbreitete und ein Strom von Reportagen über blutige Massaker, ethnische Säuberungen und Massenvergewaltigungen das moderne Europa schockierte, wurden der Grund für einige Botschaften der Gottesmutter und die Dringlichkeit, mit der sie sie formuliert hatte, sehr viel klarer. Vielleicht hatten einfach zu wenige von uns, die wir das Privileg gehabt hatten, ihre Botschaften zu hören und zu glauben, diese in ihrem Leben praktisch umgesetzt.
Dieser eine Bericht hatte sich auf ein Lager in der Nähe von Medjugorje konzentriert. Das war wohl der Grund dafür, dass wir anfingen, darüber zu reden, wie gern wir den Menschen dort helfen wollten. Wir kannten eine Gruppe in London, die Hilfsgütertransporte nach Medjugorje organisierte, und wir begannen, darüber zu sprechen, eine Hilfsaktion in unserer Gegend zu organisieren und sie von einem dieser Konvois mitnehmen zu lassen. Als das Pub dann zugemacht hatte und wir den schwarzen Fluss entlang zurückgingen, der uns vor so vielen Jahren fast davon abgehalten hätte, Medjugorje zu besuchen, redeten wir immer enthusiastischer von einem neuerlichen Besuch.
Am nächsten Tag besprachen wir unsere Idee mit den anderen Familienmitgliedern, und bevor wir noch länger darüber nachdenken konnten, wurde unser kleiner Aufruf gestartet. Mum und Dad riefen diverse Freunde und regelmäßige Besucher des Exerzitienhauses an und fragten nach, ob sie helfen könnten, und es dauerte nicht lang, bis Pakete mit Lebensmitteln, Kleidung und Medikamenten bei uns daheim eintrudelten. Zu unserer Überraschung trafen mit der Post auch Geldspenden ein. Schnell nahmen Fergus und ich eine Woche Urlaub von den Fischfarmen, in denen wir arbeiteten. Wir verwendeten die Geldspenden, um einen gebrauchten Landrover zu kaufen. Von denen, die die Konvois in London organisierten, hatten wir gehört, dass dringend Autos für die Verteilung der Hilfsgüter in den Bergen von Bosnien-Herzegowina gebraucht wurden. Wir hatten daher vor, mit dem Konvoi von London aus aufzubrechen, sowohl die Spenden als auch den Landrover in Medjugorje zu lassen und dann mit dem Flugzeug wieder heimzukehren.
Nicht einmal drei Wochen nach unserem Gespräch im Pub fuhren wir dann tatsächlich in einem gefährlich überladenen Landrover von London Richtung Dover und dann weiter nach Bosnien-Herzegowina. Unsere Arbeitgeber konnten uns so kurzfristig nicht mehr als eine Woche Urlaub geben. Damit wir also in der Zeit, die uns zur Verfügung stand, dorthin und wieder zurück kämen, hatten wir ein paar Freunde gebeten, den ersten Abschnitt der Reise von Dalmally nach London zu fahren, und wir flogen runter, um einen Tag zu gewinnen.
So kam es also, dass wir wieder in Medjugorje eintrafen, mit einem Landrover vollgefüllt mit Geschenken für Leute, die wir gar nicht kannten; viele von ihnen lebten in aufgegebenen Eisenbahnwaggons in einem Flüchtlingslager in der Nähe. Wir waren alle zum ersten Mal seit unserem Besuch in den frühen 1980er-Jahren wieder hier – zum ersten Mal als erwachsene Männer –, und wir waren zunächst irritiert von all den Gästehäusern und Hotels an Orten, wo früher nur Weinberge gewesen waren. Aber als wir auf den Krizevac gingen und dabei die Kreuzwegstationen beteten und zusammen am Fuß des riesigen weißen Kreuzes am Gipfel saßen, wussten wir, dass all der Segen und die Gnaden, die wir hier als Teenager erfahren hatten, erneut über uns ausgegossen wurden.
Mit dankbarem Herzen kehrten wir nach Hause zurück. Daheim machte ich dann eine erstaunliche Entdeckung: Die Spenden von Hilfsgütern und Geld, die auf unseren ersten kleinen Aufruf hin in Craig Lodge eingelangt waren, hatten nicht nachgelassen – aus dem kleinen Bach war mittlerweile geradezu eine Sintflut geworden. Die Schuppen neben Craig Lodge, die ich von meinem Vater ausgeborgt hatte, waren jetzt bis unter die Decke voll mit medizinischen Hilfsmitteln, Nahrungsmitteln, Decken und Kleidung. Mum und ihre Freundinnen hatten alle Hände voll zu tun, alles zu ordnen und einzupacken.
Mir wurde klar, dass ich jetzt eine Entscheidung zu treffen hatte. Nach mehreren Tagen des Gebets und Nachdenkens reichte ich meine Kündigung bei der Fischfarm ein und bot mein Haus zum Verkauf an. Es war keine schwere Entscheidung. Ich hatte schon eine Weile nach etwas anderem in meinem Leben gesucht. Nun bot sich hier, ganz unerwartet, eine Gelegenheit. Mum hatte vor Kurzem von einer entfernten Verwandten ein ziemlich wertvolles Gemälde geerbt, das sie verkaufte, damit wir Geld hatten, einen kleinen Lastwagen zu kaufen. Wenn ich nicht unterwegs war, könnte ich zu Hause in Craig Lodge schlafen, sagte sie mir. Und so war ich plötzlich, ohne genaueren Zeitrahmen oder „Masterplan“ im Kopf und ohne irgendwelche diesbezüglichen Erfahrungen in der Position, Hilfsgüter für die Menschen in Bosnien-Herzegowina zu sammeln und zu verteilen.
III.
Kleine Akte der Liebe
Gib demjenigen etwas, der in Not ist, und sei es noch so wenig. Denn es ist nicht wenig für den, der nichts hat. Und es ist nicht wenig für Gott, wenn wir gegeben haben, was wir konnten.
(Gregor von Nazianz)
Währenddessen waren Mum und Dad zu Hause damit beschäftigt, jeden anzurufen, den sie kannten. Im Lauf der Jahre waren Tausende Leute bei ihnen im Einkehrzentrum gewesen, und viele waren gute Freunde geworden. Über die Anrufe, mit denen sie von unserer Initiative für die Menschen in Bosnien-Herzegowina erfuhren, wurde schnell ein ganzes Heer von Mitarbeitern mobilisiert. Mum war noch nicht zufrieden – sie schrieb außerdem jede katholische Gemeinde in Schottland an und bat um Hilfe. Die Reaktion war unglaublich. Den ganzen Tag über riefen Leute an, die ihre Hilfe anboten. Jeden Morgen brachte der Briefträger stapelweise Briefe mit Schecks über persönliche Spenden, Kirchenkollekten oder die Erträge von Wohltätigkeitsveranstaltungen. Julie saß stundenlang an ihrer Schreibmaschine und schrieb Dankesbriefe, und ich fuhr die meiste Zeit durch die Gegend, um Materialspenden einzuladen und in die Schuppen bei der Craig Lodge zu bringen, wo wir die Sachen dann sortierten und zum Transport verpackten. Es war harte Arbeit, die wir ohne die zahlreichen Freunde, die uns regelmäßig halfen, nie bewältigt hätten.
Eine meiner Lieblingstätigkeiten war das Beladen der Lastwagen, die nach Bosnien-Herzegowina fahren sollten. Ich sah es als große Verantwortung an, sicherzustellen, dass auch noch der letzte Quadratzentimeter vollständig ausgenutzt war, sodass mit jeder teuren, zeitaufwendigen Reise so viel wie möglich zu den notleidenden Menschen gebracht werden konnte. All die diversen Hilfsgüter mit ihren unterschiedlichen Größen, Gewichten und Zerbrechlichkeitsgraden in den vorhandenen Laderaum einzupassen war wie eine Art riesiges 3-D-Puzzle. Es war außerdem harte körperliche Arbeit, aber das hatte ich eigentlich auch vermisst, seit ich nicht mehr bei der Fischfarm arbeitete, wo ich sechs Jahre lang täglich körperlich anspruchsvolle Arbeit geleistet hatte. Am wenigsten lag mir, vor Menschen Vorträge zu halten und Präsentationen durchzuführen, die verständlicherweise an Berichten und Feedback interessiert waren. Oder sagen wir genauer: Ich dachte, das läge mir am wenigsten. Eine ganze Zeitlang schaffte ich es nämlich, solchen Einladungen aus dem Weg zu gehen, indem ich Mum oder Julie bat, diese Gespräche und Vorträge in Kirchen, Schulen oder vor anderen Unterstützergruppen zu übernehmen, während ich es im Vorfeld so organisierte, dass ich in irgendeiner entfernten Ecke des Landes eine Sachspende abholen musste.
In Glasgow, der größten Stadt Schottlands, halfen uns John und Anne Boyle, ein wunderbares älteres Ehepaar. Sie organisierten in der Stadt eine freiwillige Helfergruppe und bekamen außerdem vom Gemeinderat eine kostenlose Lagerhalle sowie einen Lastwagen zur Verfügung gestellt, mit dem die Sammlungen transportiert werden konnten. Es dauerte nicht lang, bis hier der Großteil unserer Aktivitäten ablief. Das kostenlose Lager war eine hochwillkommene Gabe, allerdings war es aufgrund seiner Lage nicht so ganz ideal. Die Halle war im vierten Stock, und sämtliche Sachen mussten mit einem sehr alten Lift dorthin und von dort wieder wegtransportiert werden. An den Tagen, wenn wir den Lastwagen für den Transport ins Ausland beluden, füllte ein Team im vierten Stock den Lift immer wieder auf und schickte ihn an das Team im Erdgeschoss, das die Ladung dann in den Lastwagen trug. Mehr als einmal machte der Lift schlapp. Wir begriffen schnell, dass die städtischen Behörden nur dann sofort einen Techniker schickten, um den Lift zu reparieren, wenn sich in dem steckengebliebenen Lift eine Person befand, andernfalls konnte es Stunden oder sogar Tage dauern, bis wir mit dem Beladen weitermachen konnten. Irgendwann entdeckten wir, dass wir in den steckengebliebenen Lift durchs Dach hineinklettern konnten, und manchmal machten wir das auch tatsächlich, bevor wir bei der Stadt anriefen. Dann konnten wir die ehrliche Antwort geben: „Ja, es ist jemand drin.“ Ich glaube, ihnen war schon klar, was dahintersteckte, wenn sie ankamen und einen von uns in der Liftkabine vorfanden, mit hochrotem Gesicht und neben einen Stapel Kisten gequetscht, aber wir hatten den Eindruck, dass sie wie alle anderen in der Stadt einfach Teil unserer Bemühungen sein und dafür sorgen wollten, dass die Aktion erfolgreich weiterlief.




