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»Jetzt hast du es bald geschafft«, sagte Anita. Der Junge antwortete erst nicht, dann sagte er:
»Ich will jetzt endlich mal los«, und fügte wenig später hinzu: »Es ist mir zu eng hier und …« Es folgte eine erneute Pause. »Und…« Dann hörte er auf. Mitten im Satz. Das Piepen des Vitaldaten-Monitors wurde tiefer, dunkler – das tat es nur, wenn im Blut zu wenig Sauerstoff war. Anita maß den Blutdruck. Nicht gut.
»Weißt du, wo du hier bist?«
Nichts.
»Du musst mir antworten«, rief sie. Erst sah es so aus, als wollte er trotz Stiffneck versuchen zu nicken, doch sein Kopf sank einfach nur nach vorn. Das Piepen wurde noch dunkler. Und schneller. Sie tastete erneut seinen Bauch ab – nun war er ganz hart. Und Anita folgte einem ganz anderen Plan: Behandle zuerst, was zuerst tötet.
Der menschliche Körper konnte meisterhaft auf Sparflamme schalten. Verlor er Blut, wurden unwichtige Stellen weniger versorgt, Organe heruntergefahren, Gefäße zusammengezogen, es wurde schneller gepumpt. Besonders junge Leute konnten so über lange Zeit eine innere Blutung ausgleichen. Der Nachteil dieser Qualität war, dass es, wenn alles das nichts mehr half, sehr schnell vorbei ging. Anita sprang auf, warf die Decke fort und schrie:
»Stop!« Geblendet von dem Scheinwerferlicht, das den Unfallort unter der U-Bahn-Strecke erhellte wie einen Fußballplatz, stieß sie mit dem Helm gegen das Dach, stolperte aus dem Wagen und rempelte die Feuerwehrleute zur Seite, die gerade an der A-Säule auf der Beifahrerseite ansetzten. Der Staffelführer sah Anita an, als habe sie einen Scherz gemacht.
»Er schmiert ab. Wir müssen ihn herausholen. Sofort.«
»Wir brauchen nur noch ein paar Minuten.«
»Wir haben keine paar Minuten. Er verblutet.«
Sowohl die Feuerwehrleute, als auch der Staffelführer sahen nun auf den Jungen. Blut war nirgendwo zu sehen. Und doch war Anita sich sicher. Irgendwo in ihm musste etwas geplatzt sein, ein Blutgefäß wahrscheinlich. Da war die Energie des Aufpralls geblieben.
»Aber er hat gesagt, er spürt seine Beine nicht mehr«, sagte der Staffelführer. »Der hat doch etwas an der Wirbelsäule.«
»Es ist mir egal, was der an der Wirbelsäule hat. Besser im Rollstuhl als tot«, sagte Anita. »Er muss da sofort raus.«
»Wenn Sie meinen. Sie haben studiert.«
Für einen kurzen Moment passierte nichts. Doch Anita war sich sicher, dieser Junge verlor mit jeder Sekunde, jedem Herzschlag Blut. Als die Feuerwehrleute schon wieder die Hydraulikschere anlegen wollten, kletterte Anita zurück in den Wagen. Sie kniete sich auf den Beifahrersitz und legte einen Arm um den Jungen. Sie musste alle Kraft aufwenden, um überhaupt zwischen seinem Rücken und dem Sitz durchzukommen, doch schließlich schaffte sie es, ertastete auf der anderen Seite einen Hebel, zog daran und die Lehne des Fahrersitzes schoss nach hinten. Obwohl Anita den Jungen hielt so gut sie konnte, sackte sein Oberkörper in sich zusammen. Sie drehte ihn zur Seite, bis er ihr in die Arme fiel und sie seinen Bauch umfassen konnte. Anita ergriff seinen rechten Arm, hielt ihn als Schutz vor seine Leber, rutschte auf dem Beifahrersitz zurück, schob ihn, zog an ihm, vor, zurück, wieder vor, doch er kam nicht frei. Sie griff mit der anderen Hand nach einem seiner Füße, riss einmal daran, zweimal, dann packte sie das Bremspedal und bog es aus dem Weg, was ewig zu dauern schien. Jetzt war er frei. Sie zerrte den fast weißen Körper über Handbremse und Schalthebel hinweg, stellte einen Fuß auf die Straße, stemmte sich mit dem anderen gegen den Wagen und riss so lange weiter an dem Jungen mit der Halskrause, bis sie, ihn im Arm, auf der Straße stand. Voller Schreck sahen die Feuerwehrleute ihr zu, hatten sie doch bisher alles getan, um auch die kleinste Verdrehung seines Körpers um jeden Preis zu vermeiden. Selbst in der Menge der Schaulustigen, die sich inzwischen auf der anderen Seite der Skalitzer Straße angesammelt hatte, kam Unruhe auf. Doch Anita war sich sicher, dass jetzt nur noch eins zählte: Zeit.
Wenigstens wussten nun alle, dass sie es ernst meinte.
»Einladen. Losfahren«, rief Anita. Der Staffelführer kam ihr zu Hilfe, fasste dem Jungen unter einen Arm und zog ihn zusammen mit Anita aus dem Wagen. Zwei weitere Feuerwehrleute kamen und halfen, ihn auf die Trage zu legen, in Schocklage, Beine hoch, im nächsten Moment war er bereits im Rettungswagen und sie fuhren los.
Während einer der Rettungsassistenten den RTW zurücksetze, fiel Anitas Blick ein letztes Mal auf den Unfallwagen. Mit den groben Holzbalken, auf die er nun gestützt war und dem halb entfernten Dach, erinnerte der BMW an altmodische, konsumkritische Objektkunst, die die Symbole der Wohlstandsgesellschaft als Schrott darstellte; Anita hatte so etwas in den Hinterhöfen besetzter Häuser von Berlin-Mitte gesehen.
Das Martinshorn ging an und nicht mehr aus, während sie am Schlesischen Tor vorbei, über die Warschauer Brücke zum Frankfurter Tor fuhren und dann abbogen in Richtung Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn.
Anita gab ihm so viel NaCl wie möglich. Wenn schon immer weniger Blut durch seine Adern floss, sollte zumindest Kochsalzlösung an dessen Stelle treten. Als sie das Portemonnaie des Jungen durchsuchte, um seinen Namen herauszufinden, fiel ihr Blick auf das Bild von einem Paar, das nicht wesentlich älter aussah als ihr Ex-Mann Adrian und sie. Sie sah es nicht lange an.
Da Anita den Jungen telefonisch als Polytrauma angekündigt hatte, stand bei ihrer Ankunft im UKB alles bereit, was die Nachtschicht eines Trauma-Zentrums zu bieten hatte, Anästhesie, Radiologie, Unfallchirurgie, Neurochirurgie, Pflegepersonal, eine MTA; ein Dutzend Menschen, die mit ihren bunt gemusterten Röntgenschutz-Schürzen aussahen, als wollten sie gleich an einer Kunst-Performance teilnehmen.
Sobald sie den Jungen in den Schockraum geschoben hatten, rief der Unfallchirurg:
»Alles Ruhe! Übergabe durch den Notarzt«, und Anita berichtete. Dann lief eine Choreographie ab, die Anita schon oft erlebt hatte, aber doch immer aufs Neue faszinierend fand. Der Patient wurde von der Trage auf den Untersuchungstisch gehoben, ein Radiologe hatte das Ultraschallsystem schon in der Hand, mit Gel eingeschmiert und drückte es sofort auf den Bauch, um nach der Blutung zu suchen, eine Krankenschwester schnitt die Kleider auf, während ein Pfleger einen Blasenkathether legte, eine Narkose eingeleitet und Röntgenbilder gemacht wurden. Alle stürzten sich gleichzeitig auf den Jungen wie ein Schwarm Piranhas. Und so schnell es eben noch gehen musste, war für Anita nun alles vorbei.
Sie stellte sich abseits an einen Tisch, schrieb ihr Einsatz-Protokoll und hörte währenddessen mit einem Ohr, dass die Ultraschalluntersuchung ihren Verdacht bestätigt hatte. Die Aorta des Jungen war eingerissen. Ein ursprünglich kleiner Riss hatte sich durch den hohen Druck ausgedeht, und die Blutung war im Nu so stark geworden, dass sie auf die Wirbelsäule drückte. Wenn alles gut lief, hatte er deswegen seine Beine nicht mehr gespürt.
»Ihr schickt uns dann ein Fax mit der Diagnose?«, fragte Anita, schon auf dem Weg zur Tür.
»Aber klar. Wie immer«, sagte der Unfallchirurg. »Vielen Dank und bis zum nächsten Mal. »
Als Anita das Unfallkrankenhaus verließ, wartete Maik bereits mit dem NEF auf sie. So konnten sie bereits auf der Rückfahrt zum Stützpunkt auf dem Funkmeldesystem die Eins drücken und waren wieder einsatzbereit über Funk, doch den Rest der Nacht blieb es ruhig. Kein Alarm mehr, sodass Anita nun wirklich einschlafen konnte, erst kurz vor Schichtwechsel wieder aufwachte und das Fax vom Unfallkrankenhaus Marzahn vorfand: Der Junge war notoperiert worden und nun stabil, die Wirbelsäule unverletzt. So verließ Anita um kurz nach acht das Urban-Krankenhaus in bester Laune.
Die Nacht hatte kaum Abkühlung gebracht. Jetzt schien es sogar schon wieder heißer zu werden, die Sonne war längst aufgegangen, der Morgen voll da. Anita Cornelius ging auf ihrem Heimweg an der Suffmanufaktur vorbei, einer Kneipe, die nie schloss. Im Laufe der Jahre waren immer mehr Fensterscheiben durch Sperrholzplatten ersetzt worden, dennoch konnte Anita erkennen, dass die Kneipe rappelvoll war, da flog die Tür auf, zwei junge Männer in engen Jeans, Baseball-Caps und Feinripp-Unterhemden wankten heraus, und der eine sagte zu dem anderen:
»And now, let’s get drunk.«
Anita ging weiter. So wie jede Nachtschicht mit der Tagesschau begann, ging sie jeden Morgen nach ihrer Ablösung hier vorbei, denn sie fühlte sich auf merkwürdige Art mit diesen Menschen verbunden, die ebenso die Nacht durchwacht hatten wie sie. Erst wenn sie die Suffmanufaktur passierte hatte, war die Nacht für sie vorbei; sie sah das Licht, spürte die Sonne, hörte die Mauersegler, die sirrend an den Hauswänden hinabstürzten und dann wieder in einen Himmel hinaufstiegen, der sich weiß in Richtung Sonne streckte.
Sie schlief noch einige Stunden und stand gegen Mittag wieder auf, um aufzuräumen. Ihr Sohn kam heute zu ihr, und Anita wollte nicht, dass ihre Wohnung einen unordentlichen Eindruck machte. Also ging sie in ihr Wohnzimmer, hob zwei Eispackungen, eine Weinflasche und eine fast leere Tüte Erdnuss-Flips vom Boden auf und tat sie in die Plastiktüte des China-Imbisses Glück, in der sie gestern eine Siebenundvierzig-mit-Reis nach Hause getragen hatte.
Auch ein Jahr nach der Trennung glich Anitas Wohnzimmer einem Möbellager. Als sie die gemeinsame Wohnung auflösten, hatte Adrian kaum etwas mitnehmen wollen – seine neue Lebensgefährtin Heidi besaß eine so perfekt eingerichtete Wohnung, dass neue Einrichtungsgegenstände ohnehin nur gestört hätten. Adrian hatte nur die Kaffeemaschine und ein gerahmtes Miles-Davis-Poster behalten, alle anderen Möbel waren bei Anita gelandet, doch deren neues Wohnzimmer war ziemlich klein, sodass man nun kaum auftreten konnte zwischen den zwei Sofas, drei Sesseln und den ganzen Bildern, die in ihrer alten Wohnung gehangen hatten und nun hier auf dem Boden standen, an die Wände gelehnt.
Anita war klar, dass sie irgendwann einmal ausmisten musste, doch sie hatte erst Möbel für Lukas gekauft, das hatte Vorrang, schließlich hatte er alles mit in sein neues Zimmer bei Heidi genommen; dann hatte ihr Elan nur noch für ein paar neue Küchenmöbel und einen Kaffeevollautomaten gereicht.
Im Schlafzimmer zog sie die Schublade ihres Nachttisches auf, in der sie vor ungefähr einem Jahr, kurz nach ihrer Trennung von Adrian, drei Kondome bereitgelegt hatte, die dort noch immer lagen. Sie nahm die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Der Notarzt und bedeckte die Kondome damit, dann schob sie die Schublade mit einer energischen Bewegung wieder zu. Erledigt.
Im Zimmer ihres Sohnes gab es, im Gegensatz zu ihrem Wohnzimmer, überhaupt nichts aufzuräumen. Lukas hatte seinen Drehstuhl unter den Schreibtisch geschoben, die Maus lag genau in der Mitte des Mousepads mit dem Bild von Bart Simpson, das wiederum bündig mit der Tastatur abschloss. Sogar das Bett war gemacht, auf dem Nachttisch lag ein Stapel Karteikarten mit Englisch-Vokabeln. Anita schüttelte den Kopf. Lukas’ Zimmer war derart ordentlich, dass sie sich regelrecht über die halb volle Flasche Apfelschorle freute, die unter das Bett gerollt war, sonst hätte dieser Raum gar nicht mehr wie ein Kinderzimmer gewirkt, sondern nur noch wie ein Büro, das ihr vierzehnjähriger Sohn drei Tage in der Woche nutzte, bevor er einige Termine bei seinem Vater und dessen neuer Freundin wahrnahm.
Auch bei Trennungen ohne Schlammschlacht traten zwangsläufig zwei Wohnungen in einen Wettbewerb um die Gunst des Kindes. Die Frage, wie Lukas dieses von Anita neu eingerichtete Zimmer gefiel, war zu einem Symbol dafür geworden, wie es mit der Trennung klappte. Sicher, der PC hatte mehr Arbeitsspeicher als sein alter, und der Monitor war zwei Zoll größer, doch die Gemütlichkeit eines Kinderzimmers mit all den im Laufe der Jahre angesammelten Dingen, vom ersten Teddy bis zum Harry-Potter-Poster, konnte sie nicht erzeugen. Und dennoch hatte es geklappt. Lukas war gern in seinem Zimmer. Anita und Adrian hatten die Trennung gut gemanagt, ein besseres Wort gab es dafür nicht.
Als Lukas eine Viertelstunde nach Schulschluss noch nicht geklingelt hatte, sah sie aus dem Fenster, rückte ein Kissen zurecht, sah wieder aus dem Fenster und dann auf die Uhr. Sie freute sich auf ihren Sohn und fast ebenso sehr freute sie sich auf das, was er mitbrachte: Ein paar Tage ihres früheren Lebens, des Lebens als Frau mit Familie, in dem sie sich um einiges besser auskannte als in dem, was jetzt war.
Wenig später öffnete Anita ihrem Sohn die Tür. Lukas hatte eine neue Frisur. Er trug sein Haar jetzt an den Seiten kurz und oben so lang, dass er es mit einem Seitenscheitel einmal quer über den Kopf kämmen konnte, genauso wie der Junge in dem Unfallwagen letzte Nacht. Dies war die erste Frisur, die sie nicht für ihren Sohn ausgesucht hatte, sein erster selbstbestimmter Haarschnitt, dachte sie und drückte Lukas derart fest an sich, dass seine Stimme ganz gedämpft klang, als er sagte:
»Hallo, Mama.«
Anita trat einen Schritt zurück.
»Schicke Frisur.«
»Es müsste nur oben noch ein bisschen länger sein. Eigentlich soll das bis hier rübergehen.« Lukas stellte den Rucksack im Flur ab und fuhr sich durch die Haare. Dann ging er in die Knie, wie sonst, um sich die Schuhe auszuziehen, doch heute hatte er nur einen kleinen Fleck auf dem leuchtenden Weiß der Turnschuhe entdeckt und wischte daran herum.
»Die Schuhe sind auch neu, oder?«
»Am Samstag gekauft. Ich wollte unbedingt die in weiß mit dem Swoosh in orange, da mussten Heidi und ich ganz schön nach suchen.«
»Lass uns auch mal wieder was einkaufen gehen«, sagte Anita.
»Ja, klar«, meinte Lukas. »Aber ich dachte, du gehst nicht so gern shoppen.«
»Doch, natürlich. Wie kommst du denn darauf? Ich habe nur nicht immer Zeit. Aber jetzt habe ich eh ein paar Tage frei.«
»Wie lief eigentlich dein Nachtdienst?«
»Das war echt wild. Wir mussten einen jungen Typen aus einem BMW schneiden, der ist voll gegen einen dieser Pfeiler von der U-Bahn am Schlesischen Tor geknallt.«
»Schneiden?«
»Das Auto aufschneiden.«
»Krass«, sagte Lukas und folgte ihr in die Küche. Er setzte sich ihr gegenüber an den Küchentisch und lächelte sie an, als sie ihm eine Flasche Apfelschorle zuschob.
»Erst haben wir die Beifahrertür abgeschnitten. Dann wollten wir eigentlich das Dach abmachen und ihn ganz vorsichtig rausheben, doch da haben wir gemerkt, er hat eine riesige intraabdominelle Blutung! Da haben wir ihn einfach über die Beifahrerseite rausgezerrt und sind wie die Blöden ab in’s Unfallkrankenhaus nach Marzahn.«
Anita wusste, dass ihr Sohn sie trotz dieser Fachworte verstand. Seit er klein war, hatten sie zu fast jedem Tischgespräch zwischen Anita und ihrem Ex-Mann gehört, Worte wie intraabdominell waren quasi Familienmitglieder. Sie wusste, wie spannend Lukas diese Geschichten fand und freute sich, in seinem Blick auch jetzt diese kindliche Begeisterung für alles Medizinische zu sehen, die sie seit Jahren mit ihren Geschichten in ihm auslöste:
»Nun mach es nicht so spannend, Mama. Hat es geklappt? Hat er überlebt?«
»Ja«, sagte Anita und hielt ihrem Sohn die offene rechte Hand hin. Lukas zögerte einen kurzen Moment, dann klatschte er mit seiner Hand in ihre, wie es Sportler derselben Mannschaft bei einem Erfolg taten und sagte:
»Genial.«
»Was wollen wir denn essen?«, fragte Anita. Sie wollte nicht von ihrer normalen Routine abweichen. Alles sollte laufen wie immer in den letzten Monaten: Sie würde Lukas das Telefon geben. Die besten Lieferdienste waren gespeichert, die Bestellnummern seiner Lieblingsgerichte kannte Lukas inzwischen auswendig. Sie würde den Tisch decken, und wenn der Lieferservice klingelte, würde sie Lukas mit ihrem Portemonnaie zur Tür schicken, ihm einschärfen, zehn Prozent Trinkgeld zu geben und währenddessen die Soja-Sauce oder den Pizzaschneider holen, je nachdem. Nach dem Essen würde Lukas Klavier üben, den Computer anschalten, Hausaufgaben machen und dabei mit seinen Freunden chatten. Irgendwann würde sie mit einem Stück Kuchen in sein Zimmer kommen, sie würden ein bisschen reden. So sollte es weitergehen. Wie geplant.
»Pizza? Vietnamesisch? Steak?«
»Kann ich gleich zu Matthäus?«, fragte Lukas. Anita sah auf das Telefon in ihrer Hand. »Weil, das haben wir uns so gedacht, er hat einen neuen Computer, gerade erst gekauft. Da wollen wir ein paar Sachen installieren.«
»Willst du nicht erst was essen?«
»Wir holen uns einen Döner.«
Anita steckte das Telefon wieder ein. Natürlich konnte Lukas zu Matthäus. Anita kannte die Eltern, die Mutter arbeitete im Finanzministerium, der Mann im Entwicklungshilfeministerium. Langweilige Leute, aber Langweiligsein war nun wirklich der letzte Grund, aus dem man seinem Sohn den Umgang mit einer Familie verbieten konnte.
»Ich könnte dann auch bei Matthäus schlafen, er hat schon gefragt, wäre echt toll, wenn das ginge. Außerdem ist seine Mutter gut in Mathe, die kann uns für die Klausur am Freitag helfen.«
Anita wollte erst antworten, dass auch sie gut in Mathe sei, hielt sich jedoch zurück und sagte stattdessen:
»Und seine Eltern haben wirklich nichts dagegen?«
»Nein«, antwortete Lukas, zwar nicht so gehetzt, dass es unhöflich klang, aber doch eilig genug, damit seine Mutter mitbekam, dass er ihr genau das eben bereits gesagt hatte.
»Natürlich kannst du das. Spricht absolut nichts dagegen«, sagte Anita und brachte Lukas mit einem merkwürdigen Gefühl der Enttäuschung zur Tür. Doch dann sah er sich auf dem Treppenabsatz noch einmal nach ihr um, rief ihr über das Geländer hinweg ein »Danke« zu, lächelte sie an, und wie immer, wenn er das tat, verflog ihr Ärger. Dieses Lächeln war eine seiner ersten Reaktionen in diesem Leben gewesen, sie war der erste Mensch, der es je gesehen hatte; mit diesem Lächeln hatte er ihr zum ersten Mal gesagt: Ich bin dein Sohn.
Anita blieb noch einen Moment im Türrahmen stehen, Lukas’ Schritte im Treppenhaus wurden langsam leiser.
»Viel Spaß«, rief Anita ihm hinterher, als wäre das die normalste Sache der Welt. Und eigentlich war es das ja auch.
Anita drehte eine ratlose Runde durch die eigens für Lukas aufgeräumte Wohnung. Was nun? Seit ihre beiden besten Freundinnen aus dem Studium sich in Speckgürtel-Praxen in Hamburg und Düsseldorf eingekauft hatten, kannte sie hier eigentlich fast nur noch Leute, die sie durch Lukas kennengelernt hatte, Familienfreunde. Sie kam sich vor, als hätte sie auf ein Date gewartet und sei versetzt worden. Normalerweise war sie nicht so. Oder wollte zumindest nicht so sein. Natürlich wurde ihr Sohn erwachsen, im Allgemeinen konnte sie das gut hinnehmen. Doch mit der Erinnerung an die vergangene Nacht hätte sie an diesem Tag die Zeit gern etwas festgehalten, die Zeit der Kindheit, die Zeit, die Zeit.
Sie beschloss, sich wieder hinzulegen. Doch als sie in ihrem Schlafzimmer stand, in dem sie auch tagsüber Licht machen musste, weil sie die Fenster mit Alufolie zugeklebt hatte, und dann auch noch ihre zwei Wecker und die maßgefertigten, rosafarbenen Ohrstöpsel sah, war ihr jede Lust vergangen, sich hier aufzuhalten – viel zu sehr fühlte sie sich durch all das an ihren Alltag erinnert, der ihr nach Lukas’ Abgang wie eine aus der Kurve geflogene Seifenkiste vorkam, die sich nicht mehr fortbewegte, auch wenn die Räder sich in der Luft noch etwas drehten. Sie öffnete die Nachttischschublade, nahm die Ausgabe der Zeitschrift Der Notarzt heraus, mit der sie ihren Kondomvorrat vor ihrem Sohn hatte verbergen wollen und verließ das Haus.
Es war nicht einmal fünfzehn Uhr. Auf ihrem Weg die Graefestraße hinunter zum Landwehrkanal gingen vor ihr zwei Männer mit abgeschnittenen schwarzen Cargo-Hosen. Einer trug ein ausgewaschenes Band-T-Shirt, New Model Army Impurity Tour 1990, sein grau melierter Pferdeschwanz verdeckte die ersten Tourdaten. Ihr Blick wanderte hinab bis zu den blassen Kniekehlen und weiter, sie registrierte kurz eine für sein Alter schon recht ausgeprägte Varikose, Krampfadern, rechts femoral, dann zog sie an ihnen vorbei und ging Richtung Norden.
Auf der Skalitzer Straße floss der Verkehr wieder. Das BMW-Wrack war entfernt, nichts erinnerte die Autofahrer auf dem Weg zum Schlesischen Tor daran, was letzte Nacht hier passiert war. Anita ging weiter, schlug einen Bogen zum Landwehrkanal und setzte sich am Ufer in ein Café, in dem sie schon einige Male gewesen war, ohne sich jemals den Namen merken zu können. Nun, wo ihr Tag nicht so verlief wie geplant, konnte sie wenigstens etwas trinken. Schon auf dem Weg hatte sie das Bild eines Glases mit kaltem Weißwein im Kopf gehabt, da stand die Kellnerin auch schon vor ihr und fragte:
»Und?«
»Ich hätte gern ein Glas Pfefferminztee«, sagte Anita.
Die teilnahmslos wirkenden Augen in ihrem blass geschminkten Gesicht, die dunkelroten Lippen und die Frisur, der wie mit dem Rasiermesser präzis gezogene Pony, ließen die Kellnerin derart streng aussehen, dass Anita sich nicht getraut hatte, mitten am Tag ein Glas Wein zu bestellen, wenngleich sie wusste, dass es der Kellnerin herzlich egal gewesen wäre. Die Kellnerin hatte eine Windrose auf die linke Schulter tätowiert, die bei allen Bewegungen ihre kreisrunde Form behielt, sogar als sie sich wenig später nach vorn beugte, um den Tee vor Anita hinzustellen. Er kam in einem Latte-Macchiato-Glas, sodass Anita eine gefühlte Ewigkeit warten musste, bis sie, das Glas vorsichtig am obersten Rand anhebend, den ersten Schluck nehmen konnte. Als sie sich auch dann noch die Zunge verbrannte, winkte sie die strenge Kellnerin wieder heran und sagte:
»Und vielleicht noch einen Weißwein dazu.«
»Chardonnay? Veltliner? Riesling?«
»Eigentlich egal.«
»Dann Chardonnay«, sagte die Kellnerin, verschwand ohne eine Antwort abzuwarten und kehrte wenig später mit einem Glas zurück. Anita nahm einen ersten, für ihre Verhältnisse ziemlich großen Schluck. Sie wohnte jetzt seit einem Jahr wieder allein und war sich bei den Freiheiten, die sie sich in dieser Zeit genommen hatte, oft zehn Jahre jünger vorgekommen. Doch nun, nach dem ersten Schluck Wein am helllichten Tag, fühlte sie sich plötzlich zehn Jahre älter. Wie eine Frau mittleren Alters, deren Kinder gerade ausgezogen waren und sie mit dem Familienhund zurückgelassen hatten.
Kaum eine Viertelstunde später winkte Anita schon viel weniger zögerlich erneut nach der Kellnerin, und als sie das zweite Glas Wein trank, verschwanden diese Gedanken wie die Klumpen einer Tütensuppe in heißem Wasser. Manche schwammen länger an der Oberfläche als andere, doch schließlich waren sie alle weg.
Gegenüber stand ein Miet-Transporter, auf dessen Plane ein Seehund aufgedruckt war. Der Seehund hob den Kopf, sah Anita direkt in die Augen und wirkte dabei so aufgekratzt heiter, dass Anita sich nicht nur beobachtet, sondern dazu noch verhöhnt vorkam. Offensichtlich zog jemand im Haus gegenüber ein. Wie jedes Jahr brachte das Ende des Sommers nicht nur eine neue Herbstkollektion in die Modeläden, sondern auch mit dem beginnenden Wintersemester eine neue Kollektion von jungen Männern in ihre Nachbarschaft – ein Phänomen, das sie mit einer Mischung aus Amüsement und Melancholie betrachtete, wobei der Melancholie-Anteil in den letzten Jahren deutlich zugenommen hatte.
Anita schlug ihre Ausgabe von Der Notarzt auf, überflog die Zusammenfassungen der Artikel und begann ein Quiz, bei dem man verschiedene EKGs den passenden Diagnosen zuordnen sollte, vertiefte sich in die verschiedenen Ableitungen, die Feinheiten von Erregung und Erregungsrückbildung, Wellen, Flattern und Flimmern.
»Hey, wir kennen uns doch«, sagte jemand hinter ihr. Ein Mann, der sich an einem der anderen freien Tische niedergelassen haben musste. Anita legte eine Pause in ihrem EKG-Rätsel ein. Sie hatte diese Stimme schon einmal gehört, eine Stimme, die weder besonders hoch noch besonders tief klang, und doch in ihrem Gedächtnis geblieben war durch die Weise, wie sie in einem Moment verlebt und kratzig geklungen hatte, in nächsten jungenhaft klar. Sie drehte sich um.
»Hallo Rio. Das ist ja eine Überraschung.«
»Wirklich, so ein Zufall. Geht’s dir gut?«
»Bestens«, sagte Anita. »Wir haben uns ja ewig nicht mehr gesehen.«




