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Noch entscheidender: Der globale Kontext, vor dem die Rivalität zwischen den USA und China ablaufen wird, unterscheidet sich sehr von den Zuständen, die während des Kalten Kriegs herrschten. Die Welt ist komplexer geworden. Eines ist klar: Es ist nicht unmöglich, dass Amerika auch künftig die vorherrschende Weltmacht sein wird, aber wenn Amerika sich nicht an die Umstände anpasst, die in der neuen Welt herrschen, wird dieser Ausgang mit der Zeit immer unwahrscheinlicher.
Was die zivilisatorische Dynamik anbelangt, kehrt die Welt zu einer Art historischem Gleichgewicht unterschiedlicher menschlicher Gesellschaften zurück. Mehr als 200 Jahre schnitt die westliche Gesellschaft deutlich besser ab als der Rest der Welt und konnte auf diese Weise historische Präzedenzen abschütteln. Vom Jahr 1 bis 1820 waren China und Indien stets die Gesellschaften mit den weltweit größten Volkswirtschaften gewesen. Insofern waren die vergangenen 200 Jahre eine Abweichung von der Norm.
Dass der Westen die Welt nicht länger dominieren kann, liegt unter anderem daran, dass die restliche Welt so viel vom Westen gelernt hat. In Feldern wie Ökonomie, Politik, Wissenschaft und Technologie haben die anderen Länder vieles übernommen, was sich im Westen zum Standard entwickelt hat. Das Ergebnis: Weite Teile der westlichen Zivilisation (insbesondere Europa) wirken erschöpft, antriebsarm und energielos, während gleichzeitig andere Zivilisationen gerade erst loslegen. In dieser Hinsicht ähneln menschliche Gesellschaften anderen lebenden Organismen. Sie durchlaufen Lebenszyklen.
Chinas Zivilisation hat viele Aufs und Abs hinter sich, insofern sollte es niemanden überraschen, dass sie jetzt wieder erstarkt. China existiert seit mehr als 2.000 Jahren und seine Zivilisation hat im Laufe der Zeit kräftige Sehnen entwickelt. Professor Wang Gungwu merkt an, dass die Welt viele alte Zivilisationen kennt, aber es nur eine einzige gibt, die viermal abgestürzt und wieder auferstanden ist – die chinesische. Als Zivilisation ist China erstaunlich widerstandsfähig, zudem ist das chinesische Volk ausgesprochen talentiert. Blicken die Chinesen auf ihre über 2.000 Jahre währende Geschichte zurück, ist ihnen sehr wohl bewusst, dass es der chinesischen Zivilisation, seit Qin Shi Huang im Jahr 221 vor unserer Zeitrechnung China vereinte, niemals so gut ergangen ist wie während der vergangenen 30 Jahre unter der Herrschaft der KPCh. Unter dem kaiserlichen System der vergangenen 2.000 Jahre ist der gewaltige Pool an zur Verfügung stehender Intelligenz größtenteils nie dermaßen entwickelt worden wie heute, in den vergangenen 30 Jahren wurde er zum ersten Mal in der Geschichte Chinas in enormem Umfang angezapft.
Die Kombination aus kulturellem Selbstvertrauen, das die Chinesen seit Jahrhunderten besitzen, und dem vom Westen übernommenen Wissen verleiht der chinesischen Gesellschaft heute eine ganz besondere Vitalität. Jean Fan, eine chinesischstämmige Amerikanerin, die an der Uni Stanford im Bereich Wissenschaft forscht, besuchte 2019 China und merkte anschließend an: „China verändert sich auf eine weitreichende und instinktive Weise und es verändert sich schnell, auf eine Art und Weise, die, wenn man es nicht selbst erlebt, nahezu unverständlich ist. Im Gegensatz zu Amerikas Stagnation sind in China Kultur, Selbstverständnis und Moral einem raschen Wandel unterzogen – größtenteils zum Besseren.“12
Könnte man messen, wie sich die jeweilige Stärke und Widerstandskraft unterschiedlicher menschlicher Zivilisationen über einen Zeitraum von mehr als 2.000 Jahren entwickelt haben, könnte Chinas Zivilisation durchaus auf dem ersten Platz stehen. Die außerordentliche Vitalität von Chinas Gesellschaft ist kein Einzelfall. Auch andere asiatische Gesellschaften blühen auf, weil der Westen ein guter Lehrer für die restliche Welt war und seine Lehren breit gestreut hat.13
Aufgrund einer ungewöhnlichen kulturellen Eigenart kann ich mich kompetent zur zivilisatorischen Vitalität unterschiedlicher asiatischer Gesellschaften äußern. Meine kulturellen Verbindungen reichen in diverse Gesellschaften Asiens hinein, Heimat der einen Hälfte der Menschheit, von Teheran bis Tokio. Geboren wurde ich 1948 in Singapur als Kind zweier hinduistischer Sindhi-Eltern, was mich mit mehr als einer Milliarde Hindus in Südasien verbindet. [Anm. d. Übers.: Sindhi wird vor allem in der südpakistanischen Region Sindh gesprochen.] In neun der zehn südostasiatischen Staaten weist die Kultur indische Wurzeln auf. Wenn ich in Südostasien Zeuge werde, wie Geschichten aus dem Ramayana und dem Mahabharata (ein fester Bestandteil meiner Kindheit) aufgeführt werden, spüre ich meine Verbindung zu ihnen. [Anm. d. Übers.: Es handelt sich um die beiden indischen Nationalepen.] Mehr als 550 Menschen leben in diesem südostasiatisch-indischen Raum. Meine Eltern waren 1947 wegen der schmerzhaften Trennung zwischen dem hinduistisch dominierten Indien und dem islamisch geprägten Pakistan ausgewandert. Als Kind lernte ich, Sindhi mit seiner arabischen Schrift zu lesen und zu schreiben. Mein Name Mahbubani stammt vom arabisch-persischen Wort mahbub ab, was so viel wie „Angebeteter“ bedeutet. Wann immer ich also den arabischen oder iranischen Kulturraum besuche, kann ich dorthin ebenfalls eine kulturelle Verbindung spüren. Und wenn ich buddhistische Tempel in China, Korea und Japan aufsuche, kann ich ebenfalls eine Form der kulturellen Verbundenheit wahrnehmen. Die Ursprünge des Buddhismus mit seinen Wurzeln im Hinduismus liegen in Indien. Als ich klein war, ging meine Mutter zum Beten mit mir genauso in buddhistische Tempel wie in Hindutempel.
Diese persönliche Verbindung zu einer erstaunlich weiten Spanne asiatischer Gesellschaften sowie meine zehn Jahre als Botschafter an den Vereinten Nationen haben mich zu der Überzeugung gebracht, dass sich im Reich der internationalen Angelegenheiten die Textur und die Chemie der Welt auf eine Art und Weise gewandelt haben, von der die meisten Amerikaner nichts mitbekommen haben. 193 Nationalstaaten sind Mitglieder der UNO. Eine einfache Frage, die wir uns in diesem Zusammenhang stellen sollten: China oder die Vereinigten Staaten, welches Land schwimmt in dieselbe Richtung wie die Mehrheit der anderen 191 Staaten?
Die meisten Amerikaner gehen davon aus, dass Amerikas Politik und Amerikas Ziele von Natur aus im Einklang mit dem Rest der Welt stehen, schließlich übt Amerika seit Jahrzehnten eine Führungsrolle gegenüber dem Rest der Welt aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab Amerika die allgemeine Richtung für die liberale internationale Ordnung vor (die „auf Regeln basierende internationale Ordnung“ wäre vermutlich treffender). Die wichtigsten globalen multilateralen Institutionen entstanden allesamt auf dem Höhepunkt der amerikanischen Macht, darunter die Vereinten Nationen, die Welthandelsorganisation (WTO), der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank. Sie spiegeln amerikanische Werte wider und ihre kulturelle Identität ist westlich, nicht asiatisch oder chinesisch. Doch obwohl diese Institutionen westliche Werte und Prioritäten repräsentieren, hat sich Amerika in den vergangenen Jahren von ihnen abgewandt, während sich der Rest der Welt und insbesondere China ihnen zugewandt hat.
Kurzum: Es ist alles andere als gewiss, dass Amerika den Wettstreit gewinnen wird. Chinas Chancen, als dominierender Einfluss auf der Weltbühne hervorzugehen, sind genauso groß wie die Amerikas. Tatsächlich bereiten sich viele aufmerksame Anführer und Beobachter in strategisch sensiblen Ländern rund um den Globus auf eine Welt vor, in der China die Nummer 1 sein könnte.
Aber genauso wie es ein strategischer Fehler amerikanischer Denker war, einen Erfolg als unumgänglich vorauszusetzen, wäre es ein ebenso kolossaler strategischer Schnitzer Chinas, nun seinerseits einen Erfolg als garantiert zu erachten. Wenn es um die Größe und die Widerstandsfähigkeit seiner Gesellschaft geht, genießt China viele Vorteile, aber Chinas Führung wäre schlecht beraten, würde sie die grundsätzliche Stärke der amerikanischen Wirtschaft und Gesellschaft unterschätzen. Nachdem die Finanzkrise 2008/2009 (die man treffender als „Finanzkrise im Westen“ bezeichnen sollte) die Volkswirtschaften des Westens erschütterte, ließ sich China unvernünftigerweise zu einem arroganten Auftreten hinreißen. Das kam das Land teuer zu stehen. Zum Zeitpunkt der Krise rund um die Bank Lehman Brothers wirkte es, als hinge das viel gerühmte amerikanische Finanzsystem in den Seilen. Chinas Führung war so unklug, sich abfällig über Amerika zu äußern. Zehn Jahre später hat sich Amerika wieder erholt. Wäre ich ein ranghoher Berater von Chinas Präsident Xi Jinping, würde ich Xi dringend ans Herz legen, Amerikas Stärken eher zu überschätzen als zu unterschätzen. Und würde man mich bitten, für Präsident Xi ein Memo über Amerikas große Stärken zu erstellen, würde dieses Schriftstück so aussehen:
Memo an den Genossen Xi Jinping: „Vorbereitung auf die große Auseinandersetzung mit Amerika“
1. Januar 2020
In 20 Jahren jährt sich zum 200. Mal der Jahrestag der erniedrigendsten Phase der chinesischen Geschichte. Wir, das chinesische Volk, wurden von den Briten gezwungen, als Bezahlung für unseren kostbaren Tee Opium zu akzeptieren. Wie Genosse Xi sagte: „Der Opiumkrieg von 1840 stürzte China in die Dunkelheit innerer Unruhen und ausländischer Aggression. Das vom Krieg geplagte Volk musste mitansehen, wie sein Heimatland zerrissen wurde, und es lebte in Armut und Verzweiflung.“14 Wir waren schwach. Wir haben 100 Jahre der Erniedrigung erlitten, bis der Vorsitzende Mao bei der Gründungszeremonie für die Volksrepublik China erklärte: „Das chinesische Volk hat sich erhoben.“15
Heute sind wir stark. Keine Macht kann China erniedrigen. Wir befinden uns auf dem Weg zu einer nationalen Verjüngung. Bei der Eröffnung des 19. Parteitags der KPCh inspirierte Genosse Xi uns mit seiner Erinnerung: „Das Hauptthema dieses Parteitags lautet: Die ursprüngliche Zielvorstellung im Kopf behalten, die Mission beherzigen, das große Banner des Sozialismus chinesischer Prägung hochhalten, den entscheidenden Sieg der umfassenden Vollendung des Aufbaus einer Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand erringen, um große Siege des Sozialismus chinesischer Prägung im neuen Zeitalter kämpfen und ununterbrochen nach Verwirklichung des chinesischen Traums des großartigen Wiederauflebens der chinesischen Nation streben.“16
Dennoch sehen wir uns jetzt der größten Herausforderung auf dem Weg zu Chinas Verjüngung ausgesetzt. Wir hatten gehofft, dass das „schöne Land“ weiterschlafen würde, während China aufsteigt. [Anm. d. Übers.: Auf Mandarin heißt Amerika meiguo (

Es wäre ein gewaltiger strategischer Fehler, die großen Stärken Amerikas zu unterschätzen. Das chinesische Volk fürchtet Chaos. Es ist die eine Kraft, die China in der Vergangenheit in die Knie gezwungen hat und großes Leid über das chinesische Volk brachte. Ganz offenkundig erleidet Amerika derzeit Chaos. Präsident Donald Trump war eine polarisierende und spaltende Persönlichkeit. Seit dem Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 war die amerikanische Gesellschaft niemals derart gespalten.
Chaos sollte ein Zeichen von Schwäche sein, doch für Amerika ist es ein Zeichen von Stärke. Das Chaos ist die Folge davon, dass die Menschen lautstark darüber streiten, welche Richtung Amerika einschlagen sollte. Dass die Menschen so laut streiten, liegt daran, dass sie glauben, das Land gehöre ihnen und nicht der Regierung. Dieses Besitzgefühl sorgt beim amerikanischen Volk für ein gewaltiges Maß an individueller Befähigung. Die chinesische Kultur schätzt gesellschaftliche Harmonie höher als die Befähigung des Einzelnen. In Amerikas Kultur ist es genau andersherum.
Dieses Gefühl der individuellen Befähigung hat es der amerikanischen Gesellschaft erlaubt, einige der mächtigsten Personen auf dem Planeten Erde hervorzubringen. In vielen Gesellschaften wird der Nagel, der hervorsteht, flach gehämmert. Ein chinesisches Sprichwort besagt: „Ein hoher Baum steht im Wind“ (shù dà zhāo fēng,

Selbst Mark Zuckerberg und Elon Musk werden weiterhin bewundert, obwohl doch ihre Unternehmen Facebook beziehungsweise Tesla viel Kritik einstecken müssen. Wenn es darum geht, starke Individuen hervorzubringen, verfügt keine Gesellschaft über ein dermaßen förderliches Klima wie Amerika.
Diese große Stärke Amerikas kann unsere Gesellschaft nicht kopieren. Dass sich China nach 100 Jahren wieder erhoben hat, liegt an einer alles überragenden Figur wie Mao Zedong. Amerikas Gesellschaft bringt viele Mao Zedongs hervor.
Amerikas zweiter großer strategischer Vorteil besteht darin, dass das Land Zugriff auf die klügsten Köpfe der Menschheit hat. Mit 1,4 Milliarden Menschen ist Chinas Bevölkerung viermal so groß wie Amerikas, theoretisch kann sich China also aus einem größeren Pool an Talenten bedienen als Amerika. Doch wie Lee Kuan Yew so klug anmerkte, verfügt Amerika über die Fähigkeit, die besten Talente aus der ganzen Welt anzulocken. Anders als die meisten Länder akzeptiert Amerika im Ausland geborene Menschen bereitwillig, wenn diese in Amerika erfolgreich sind. Das ist der Grund, warum in den vergangenen Jahren viele große Unternehmen Chefs hatten, die zwar amerikanische Staatsbürger waren, aber nicht in den USA geboren sind, beispielsweise Indra Nooyi von PepsiCo, Sundar Pichai von Google, Satya Nadella von Microsoft und Andy Grove von Intel. Es ist kein Nachteil, im Ausland geboren zu sein. Ganz anders die Situation in China: Keine größere chinesische Firma oder Institution wird von einer nicht in China geborenen Person geführt.
Amerikas dritter großer strategischer Vorteil sind seine starken Institutionen. Amerika glaubt an die Befähigung des Einzelnen und ermutigt dazu, aber es verlässt sich nicht auf starke individuelle Anführer, sondern darauf, dass starke Institutionen die Gesellschaft schützen. Es war wirklich brillant von den Gründern der amerikanischen Republik, eine Verfassung mit dem System von Checks and Balances zu entwerfen. Präsident und Kongress werden demokratisch gewählt und besitzen viel Macht, aber ihr Handeln wird von anderen Institutionen beobachtet, etwa den freiesten Medien der Welt und dem Obersten Gerichtshof. Als der Oberste Gerichtshof erklärte, das Einreiseverbot, das Präsident Donald Trump gegen Muslime verhängte, verstoße gegen die Verfassung, konnte Trump nicht mithilfe des Militärs das Oberste Gericht stürzen (wie es viele Präsidenten in vielen anderen Ländern getan haben). In Amerika ist die Rechtsstaatlichkeit stärker als die jeweils amtierende Regierung.
Die Stärke der amerikanischen Institutionen und der Rechtstaatlichkeit erklären, warum die ganze Welt dem amerikanischen Dollar vertraut. Auf diesem Glauben an den US-Dollar beruht sein Status als primäre globale Leitwährung. Auf diese Weise kommt Amerika in den Genuss des „exorbitanten Privilegs“, zum Finanzieren seiner Haushaltsdefizite und Leistungsbilanzdefizite einfach Geld drucken zu können. In den vergangenen Jahren hat Amerika darüber hinaus den Dollar als mächtige Waffe dafür eingesetzt, andere Länder zu sanktionieren oder unter Druck zu setzen. China verfügt über keine derartige Waffe.
Unsere Wirtschaft war früher nur ein Zehntel so groß wie die amerikanische. Inzwischen sind es über 60 Prozent.17 Unser Land betriebt mehr Handel mit dem Rest der Welt als Amerika. Wir haben einen Anteil von 10,22 Prozent an den globalen Gesamtimporten und 12,77 Prozent an den globalen Gesamtexporten, während der Anteil der USA an den globalen Importen 13,37 Prozent und an den globalen Exporten 8,72 Prozent beträgt.18,19 Betrachtet man hingegen die globalen Handelstransaktionen, entfallen noch immer 41,27 Prozent aller Transaktionen auf den Dollar, während der Renminbi (RMB) 0,98 Prozent ausmacht.20
Warum ist das so? Weil Länder und wohlhabende Personen an den Dollar glauben. Der Renminbi kann den Dollar bei globalen finanziellen Transaktionen nicht ablösen, denn dazu müssten wir den Renminbi zu einer frei konvertierbaren Währung machen. Dieser Schritt ist auf absehbare Zeit für unsere Volkswirtschaft nicht zu realisieren, insofern wird der Dollar noch auf viele Jahrzehnte hinaus die wichtigste globale Währung darstellen.
Amerikas vierter großer strategischer Vorteil besteht darin, dass das Land über die besten Universitäten der Welt verfügt. In der langen Geschichte der Menschheit waren die erfolgreichsten Gesellschaften stets jene, die unterschiedliche Gedankenschulen gefördert haben.
In Chinas kreativster Periode entstanden viele Gedankenschulen gleichzeitig – Konfuzianismus, Taoismus, Legalismus. Heute ist Amerika weltweit führend, wenn es darum geht, unterschiedliche Ansichten zu fördern. Amerikas Universitäten haben die stärksten intellektuellen Ökosysteme der Welt erschaffen. Diese Kultur, althergebrachtes Wissen infrage zu stellen und zu kritisieren, fördert wiederum Kreativität und Innovation. Auf einem Gebiet nach dem anderen bringt Amerika aus diesem Grund mehr Nobelpreisträger hervor als jedes andere Land. In den 1980er-Jahren gab es eine Phase, da schien es, als ob Japan wirtschaftlich an Amerika vorbeiziehen könnte. Doch selbst auf dem Höhepunkt seiner Erfolge brachte Japan vergleichsweise wenige Nobelpreisträger hervor. An amerikanischen Universitäten lehren Hunderte Wissenschaftler, die mit einem Nobelpreis ausgezeichnet wurden.
Diese großartigen Universitäten erfüllen eine weitere wichtige Aufgabe für Amerika. Sie sind der Kanal, über den die klügsten Köpfe der Welt angelockt werden, nach Amerika zu kommen, um dort zu leben und zu arbeiten. Diese großartigen Universitäten, Hochschulen wie Harvard, Yale, Stanford und Columbia, schauen, wenn sie Lehrkräfte einstellen, nicht auf die Nationalität oder ethnische Zugehörigkeit einer Person. Sie wählen die Besten ihres Fachs aus, egal woher sie kommen. Wenn es darum geht, Talente aus aller Welt anzulocken und zu halten, können im Rest der Welt nur wenige Universitäten mit den amerikanischen Unis mithalten. Das einzige Land, das eines Tages eine größere Bevölkerung als China haben könnte, ist Indien. China wird nicht imstande sein, die besten Talente aus Indien anzulocken. Amerika ist das gelungen und wird es auch weiterhin gelingen. Das wird eines Tages zu einem symbiotischen Verhältnis zwischen Indien und Amerika führen. Amerika und Indien sind die größten Wettbewerber, mit denen sich China in Zukunft wird auseinandersetzen müssen, und diese beiden Länder finden möglicherweise zusammen und kooperieren. Wir müssen jetzt hart daran arbeiten, dass es nicht so weit kommt.
Amerikas fünfter großer strategischer Vorteil erklärt auch den außergewöhnlichen Erfolg seiner Hochschulen: Amerika ist Teil einer großen Zivilisation – der westlichen Zivilisation.
Seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte war unsere Zivilisation auf Augenhöhe zu vielen westlichen Zivilisationen. Tatsächlich haben wir mehr Produkte erfunden als sie – das Schießpulver, den Kompass, das Papier, die Druckkunst.21 Dennoch fiel unsere Zivilisation hinter den Westen zurück, während dieser die großartige Renaissance durchlebte, die Aufklärung und schließlich die Industrielle Revolution. All dies mündete nach dem Opiumkrieg von 1840 in das große Jahrhundert der Erniedrigung. Insofern wäre es ein strategischer Fehler, die Stärke und die Vitalität der westlichen Zivilisation zu unterschätzen.
Mitglied der großen westlichen Zivilisation zu sein, bringt für das amerikanische Volk viele Vorteile mit sich. Es verleiht ihm ein genauso großes kulturelles Selbstvertrauen, wie es bei unserem Volk der Fall ist. Amerika ist jedoch nicht das einzige Mitglied dieser Zivilisation.
Die großen Staaten Europas sowie Australien, Kanada und Neuseeland gehören ihr ebenfalls an. Insofern wird Amerika bei einer geopolitischen Auseinandersetzung nicht allein dastehen. Zwischen allen Mitgliedern der westlichen Zivilisation herrscht ein großes gegenseitiges Vertrauen und das gilt im Speziellen für die angelsächsischen Mitglieder der „Five Eyes“-Allianz, einer Kooperation der Geheimdienste von Australien, Kanada, Neuseeland, Vereinigtem Königreich und Vereinigten Staaten. Wenn sich der geopolitische Konkurrenzkampf zwischen unseren Ländern aufheizt, werden sich die anderen Mitglieder des Westens hinter Amerika stellen und ihm helfen, indirekt oder direkt.
Abschließend möchte ich sagen: Während wir unser großes Ringen mit Amerika beginnen, wäre unser größter strategischer Fehler der, die Macht und Stärke des Landes zu unterschätzen. Dieses Land tauchte vor 250 Jahren aus dem Nichts auf. Es ist viel jünger als wir. Doch trotz seiner Jugend (oder vielleicht auch deshalb) besitzt Amerika eine der dynamischsten Gesellschaften, die die Menschheit je gesehen hat. Bereiten wir uns auf den größten geopolitischen Wettstreit aller Zeiten vor. Wollen wir unser historisches Ziel erreichen und bis 2049 unsere nationale Verjüngung abgeschlossen haben, werden wir diesen Wettstreit für uns entscheiden müssen.22
Dieses Memo mag fiktiv sein, aber ich denke, es gibt exakt wieder, wie die chinesische Elite Amerika sieht. Es herrscht dort echter Respekt für die großen Stärken, über die Amerika verfügt. Selbst Huawei-Gründer Ren Zhengfei hat öffentlich seinen Respekt für Amerika bekundet, obwohl die Amerikaner seine Tochter verhaftet haben und sein Unternehmen in Amerika massiv Prügel einstecken musste. Infolgedessen wird die chinesische Führung gewaltige Anstrengungen unternehmen, einen ausgewachsenen geopolitischen Wettstreit mit Amerika so lang wie möglich hinauszuzögern. Es ist ein Paradoxon des großen geopolitischen Wettstreits, der sich in den kommenden Jahrzehnten zwischen Amerika und China abspielen wird, dass diese Auseinandersetzung genauso unvermeidlich wie vermeidbar ist. Unvermeidlich ist sie, weil viele der politischen Entscheider, die für das taktische Vorgehen verantwortlich sind, von einer Psychologie besessen sind, laut der Wettbewerb zwischen großen Mächten stets ein Nullsummenspiel ist. Das bedeutet: Wenn China seine Marinepräsenz im angrenzenden Südchinesischen Meer verstärkt, wird die US Navy dies als Niederlage ansehen und ihrerseits ihre Präsenz in der Region verstärken. Ich hoffe, hier aufzeigen zu können, dass es keinen grundlegenden Interessenkonflikt zwischen den Vereinigten Staaten und China gibt, wenn es darum geht, die Freiheit der Schifffahrt in den internationalen Gewässern zu gewährleisten. Tatsächlich hat China sogar ein stärkeres Interesse an der Freiheit der Schifffahrt als Amerika.
Ein zentrales Ziel dieses Buchs ist es, den dichten Nebel der Missverständnisse, der die chinesisch-amerikanischen Beziehungen einhüllt, fortzublasen, damit beide Seiten besser die zentralen Interessen der anderen Seite begreifen (wenn schon nicht gutheißen) können.
Nun sorgt ein besseres Verständnis nicht automatisch für Frieden und Harmonie. Aus rein ideologischen Gründen muss jede amerikanische Regierung Sympathie für die Demonstranten in Hongkong bekunden, die mehr Rechte einfordern. Die öffentliche Meinung in Amerika verlangt, dass die Vereinigten Staaten die Demonstrationen unterstützen. Eine gewiefte amerikanische Regierung sollte der öffentlichen Meinung jedoch als Gegengewicht ein fundiertes Verständnis für die zentralen Interessen der chinesischen Führung entgegenstellen. Ein chinesischer Anführer, der den Anschein erweckt, Schwäche im Umgang mit Territorien zu zeigen, die China im 19. Jahrhundert im Augenblick seiner größten Schwäche entrissen wurden, wird von seinem Volk abgeurteilt werden und rasch sein Amt verlieren.
Insofern hoffe ich, dass die Leser meines Buchs nach der Lektüre ein besseres Verständnis der Dynamiken besitzen, die beide Seiten antreibt. Das Buch lässt Raum für einen möglicherweise optimistischen Abschluss. Wenn wir daran glauben, dass wir in einem Zeitalter der Vernunft leben, in dem nüchterne, rationale Schlussfolgerungen und ein geopolitisches Verständnis für die zentralen Interessen des Gegenübers die öffentliche Politik bestimmen, dann ist es beiden Seiten möglich, eine Langzeitpolitik auszuarbeiten, die verhindert, dass die Länder unaufhaltsam auf einen so schmerzhaften wie unnötigen Zusammenstoß zusteuern.




