Brauch Blau

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»Auf meinem Balkon. Das geht so schnell. Gleich brennt hier alles. Die Kinder müssen erst mal in Sicherheit.« Sie stockte. Überlegte. Sagte schnell: »Ich glaube. Ich habe es nicht gesehen. Das heißt also, vielleicht brennt es. Es gibt diese Möglichkeit. Ich habe geraucht. Ich schaue jetzt nach. Setzt euch kurz hier hin.«
Der Kleine war gerade wieder eingeschlafen, ein warmer Sack auf ihrem Arm, jetzt schrie er, als sie ihn weckte, um ihn auf die Treppe zu setzen. Sie konnte ihn doch nicht in den Brand mitnehmen. Und zu der Nachbarin auf den Arm, das hatte sie schon mal probiert, wollte er auf keinen Fall, er wollte nie auf einen fremden Arm, da waren schon einige Leute beleidigt gewesen, die ihr helfen wollten.
»Ich komm mit. Mama! Ich komme mit!« Ihre Tochter krallte ihre Hand. Der Kleine brüllte: »Mit! Mit!« So viel Geschrei, überall. Sie schloss die Augen. Nur Rauch war nicht zu riechen. Langsam ging sie mit den beiden zurück in die Wohnung. Schritt für Schritt. Sie konnten jederzeit wieder umdrehen und wegrennen. Nein. Es brannte nicht. Der Joint im Aschenbecher auf dem Balkon war aus. Sie berührte ihn. Er war kalt.
Die Panikanfälle wurden schlimmer. Meistens hatte sie Angst vor Feuer. Sie konnte sich nicht mehr ins Bett legen, immer wieder stand sie auf und kontrollierte den Aschenbecher, hielt Ausschau nach Rauch, nach versteckten Brandherden.
Oder sie dachte, sie hätte die Tür offen gelassen und es käme jemand herein, der ihr die Kinder wegnähme. Sie legte sich auf den Boden, irgendwo zwischen Balkon und Wohnungstür. Sie musste aufpassen. Sie wäre bereit, sofort zu reagieren. Sie konnte aber nicht einschlafen, weil sie immer noch einmal aufs Klo musste. Direkt nach dem Pinkeln noch ein zweites Mal. Für die Eventualität. Denn wenn sie einschliefe, müsste sie später so stark, dass sie nicht mehr aufstehen könnte, derart kurz davor wäre, zu platzen, es nicht mehr kontrollieren könnte, nicht mehr in der Lage wäre, zu den Kindern zu gehen, wenn die nach ihr riefen. Und so fürchtete sie sich schon, bevor sie einschlief, so sehr vor dem Aufwachen, dass sie lieber jetzt noch ein letztes Mal aufstand und alles an Flüssigkeit aus sich herauspresste. Sie fühlte sich ein bisschen geschwächt von dem Joint. Und trotzdem schob sie ihren übermüdeten Körper vor dem Einschlafen an der Wand entlang in Richtung Badezimmer und wieder zurück, das Blaseninnere permanent abhorchend. Sie musste versuchen, sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Bloß nicht ans Pinkeln denken. Aber auch nicht an Herbert. Viel blieb nicht übrig. Sie hielt sich an Naturbilder. Ein Wald, der steil ansteigt, Moos, sie erklimmt eine Wiese voll Seegras, das wogt und sie in sich saugt. Riesige Blumen umschlingen sie und tragen sie auf ihren Blüten.
Sie zieht die Nase kräftig hoch, wischt sie mit einer frischen Serviette ab und fragt noch einmal.
»Wann sind sie denn los, heute Morgen?«
»Das war nicht heut früh. Das war gestern.«
MUTTER
Sie rast. Schnauft an gegen die Schwerkraft. Die Kita ist verschlossen. Das große Rollo im Ruheraum heruntergelassen. Die Fenster daneben dunkel. Wo sind sie denn?
Sie läuft zwischen den Fenstern hin und her. Sie reibt am Glas. Die müssen hinten sein, in den anderen Räumen. Sie drückt die Klingel. Ihr Atem stöhnt. Sie klingelt. Schwitzt. Klingelt. Kratzt sich an den Armen. Hämmert gegen die Klingel. Mit der Faust gegen die Fenster. Dahin, wo keine Rollos sind, vor dem Geräteraum. Die Kita ist ein ehemaliges Fitnessstudio, deswegen gibt es sogar eine Sauna. Vielleicht sind sie da drin, denkt sie, oder in dem hinteren Gruppenraum. Die können mich nicht hören hier.
Es sind große Scheiben, glänzend und blank, bis zum Boden, in denen sie sich spiegelt. Sie sieht nur diese Frau. Die Frau ist außer sich, die Augen aufgerissen, um sie herum fliegen Federn und Pelz. Sie reißt ihn weg, sie braucht Luft. Presst das Gesicht an die Scheibe, drinnen sieht sie Turnmatten, zum Turm gestapelt. Die Kletterwand. Einen künstlichen Baum, über den man zur Hochebene hinaufkann. Eine lange Rutsche, im Bogen durch den Raum. Ein roter Hausschuh.
Sie klopft. Nichts tut sich. Sie klopft fester. Das Hämmern ist laut. Ihre Fingergelenke schmerzen. Die beiden müssen endlich auftauchen, sie sind doch da drin. Zum Glück sind sie nicht über die Straßen gelaufen, denkt sie, die Stadt ist unübersichtlich. Sie schlägt ihren Kopf gegen die Scheibe, die Scheibe schwingt. Sie sieht den Hausschuh schlingern. Vielleicht sind sie im hinteren Zimmer eingeschlossen, vielleicht hatten sie sich versteckt, als alle anderen nach Hause gegangen sind, und jetzt kommen sie nicht mehr raus. Wenn die Tür sich verkeilt hat. Der Kleine könnte eingequetscht sein, wenn beim Klettern etwas runtergefallen ist, und die Große ist verletzt und kann keine Hilfe holen, im Zimmer ist es dunkel und draußen hört sie keiner.
Sie schlägt mit aller Kraft zu. Das Glas ist hart. Sie nimmt Anlauf und rennt in die Scheibe, aber die schleudert sie zurück, sie fällt. Sie rappelt sich auf, kracht mit dem Kopf dagegen, mit den Schultern, dann sinkt sie am Glas zu Boden. Die Fläche wabert hin und her, dann wird sie wieder zum glatten Spiegel, auf dem nur noch die Schlieren ihrer Fäuste zu sehen sind. Sie ist benommen, stemmt sich hoch, stolpert brüllend zur Seite.
Das Kammerfenster, die einzige Möglichkeit. Neben dem Fitnessstudioraum gibt es eine kleine Abstellkammer mit einem Fensterchen aus Milchglas. Sie spürt, wie alles, was hinter ihr steht, jedes Wort, das sie mit ihren Kindern gesprochen hat, alles, was in ihr ist, jede einzelne Berührung, sich bündelt. Sie holt ihre Kinder. Sie muss einfach, ein Getriebe in ihr konzentriert sich. Sie schnauft. Nimmt Anlauf. Stößt sich ab. Springt. Schlägt mit den Fäusten in das Milchglas, greift in die Scherben, zieht sich hoch. Bricht den Kopf hindurch, hängt im Fenster, die Beine sind zu schwer, ein schwerer Sack in den Splittern, die Luft sticht, das zweite Glas dahinter, sie rutscht langsam voran, das Gewicht drückt sie weiter, sie fällt und kracht durch die Scheibe, reißt Splitter von den Rändern, sie schmeckt Blut, aber bemerkt nichts außer stacheligen Scherben, die am Mund kleben.
Sie schwebt, fühlt keinen Schmerz, da sind nur die stechenden Krümel, sie hört ihre Kinder lachen, Kristall, denkt sie, es geht leicht, der Kopf wird hell, gespickt mit Nadeln, die muss sie später rausziehen.
Sie knallt auf einen Staubsauger, der röhrend angeht. Sie liegt, fühlt sich verbeult. Schaltet das Röhren aus. Kriecht zur Tür. Der Teppich vor der Kammer schmirgelt ihre Knie. Eine Rauheit, die sie schon einmal gespürt hat. Die Ellenbogen zittern.
»Ich bin da, ich komme zu euch!« Ihre Stimme krächzt.
Neulich, als der Kleine schon schlief, hat ihre Tochter gesagt: »Mama, ich möchte in der Zeit reisen. Weil wenn du wegmusst und ich bei dir sein will, reisen wir einfach dahin, wo du eine alte Oma bist, dann hast du ja Zeit. Und wenn du wieder mit uns Verstecken spielen willst, reisen wir dahin, wo du wieder rennen kannst.«
Sie saß dabei auf dem Badewannenrand. Sie liebte die Zeit am Abend, wenn ihr Bruder schon schlief und es endlich still war im Haus. Dann waren sie die beiden Großen und allein in der Welt. Draußen war die Geschäftigkeit abgereist in andere Länder, wo Tag war. Das hatte sie ihrer Tochter erklärt. Eigentlich sollte die Kleine nur Zähne putzen und dann ab ins Bett. Aber dieses Schrubben jedes einzelnen Zahns wurde zelebriert. Und sollte so schnell nicht vorbei sein.
»Es ist wirklich möglich, in der Zeit zu reisen«, insistierte ihre Tochter.
Klugscheißend mit Zahnbürste dozieren, sie musste lachen. Im hell erleuchteten Badezimmer, mit den Füßen schlenkernd in der Luft. So klein, dass sie noch schwebt, dachte sie.
»Weißt du, wir können uns alles vorstellen, und das ist dann echt, weil wir es ja denken. Aber in andere Zeiten reisen, das können wir leider nicht.«
»Aber das tun wir doch ständig!«, triumphierte die Tochter. »Wir reisen ununterbrochen in der Zeit! Heute sind wir schon wieder gereist, und im Schlafen reisen wir nach Morgen!«
Sie horcht. Keine Kinderstimmen. Der Ruf nach Mama ist verstummt.
Die Saunatür klafft auf und verströmt den Geruch von Holz und Öl, auch Putzmitteln. Der Gruppenraum ist kalt vor Leere. Stühle hängen im Halbdunkel auf den Tischen. Spielzeug in Boxen. Sie richtet sich auf. Ein Turm aus Holzbauklötzen stürzt ein.
Den hatte ihr Kleiner gebaut. Genau so baut er. Sie brüllt.
Eine Frauenstimme überschlägt sich. »Gut, dass Sie so schnell kommen konnten. Das hat, also, unglaublich gekracht. Wir haben uns zuerst gar nicht getraut, zu gucken. Es wird ständig eingebrochen hier. Das ist ganz schlimm.«
Ein Mann unterbricht sie: »Und dieses Gebrüll. Da drin. Jaja. Da ist ziemlich was los gewesen. Wir sind lieber nicht rein. Sie brauchen auf jeden Fall Verstärkung.«
Eine zweite Männerstimme: »Warten Sie doch bitte hier draußen.«
Zwei Füße stehen vor ihr. Sie zittert.
»Hallo«, sagt die zweite Stimme. Schwere schwarze Schuhe vor ihrer Nase. Fast die gleichen, die sie anhat, denkt sie. »Können Sie mich verstehen?«
Ein anderes Paar Schuhe. »Die ist ja völlig drüber. Ich ruf den Krankenwagen.«
Sie will sich aufrichten. Rutscht weg.
»Können Sie mich verstehen?«
Alles ist dumpf. Die Kinder. »Ja.«
Sie sieht sich durch eine rote Höhle kriechen. Immer an der Wand entlang. Die Höhle dreht sich. Wie lange ist sie schon hier drin? Wo ist der Ausgang? Die Kinder sind nirgends zu sehen. Sie holt aus und schlägt mit dem Kopf gegen den Boden.
»Halt, ruhig.« Der Mann spricht ganz langsam. »Wir holen Hilfe. Gleich kommt Hilfe. Die werden sich um Sie kümmern.«
Sie schreit. Will sich hochrappeln. Zwei Polizisten über ihr. Drücken sie nach unten. Sie rutscht zur Seite, der Druck wird stärker, sie windet sich, heult, die greifen nach ihren Armen, pressen ihre Schultern auf den Boden, sie schlägt um sich. Sie riecht die Männer, Hemden, Schweiß, Haare, Atem. Sie erstarrt. Die Polizisten lockern den Griff, atmen schwer.
Dem einen platzt gleich das Hemd an der Brust, denkt sie. Wegen dem gibt es diese Geschäfte mit Muskeldrinks, würde sie Herbert zuflüstern.
Der sieht aus wie jemand, der im Fernsehen einen Polizisten spielt, würde Herbert antworten, das ist ein falscher Bulle.
»Ganz ruhig«, sagt der jetzt. Seine Stimme ist dünn.
Dafür muss der andere echt sein, redet Herbert in ihr weiter, diese triefenden Fischaugen kann man sich nicht ausdenken.
Aber Herkules ist schlimmer als tot, denkt sie, obwohl Herkules jede Situation verwandeln konnte, wurde er von der Vigräne missioniert.
Sie muss die Kinder jetzt allein finden. Und alles allein denken. Ohne Herbert.
Die Ausrüstung des echten Polizisten scheppert am Gürtel. »Die sollen sich beeilen«, sagt er leise zum falschen. Dann bellt er sie an: »Sie sind also hier eingedrungen!«
Sie liegt unter ihm auf dem Boden.
»Warum sind Sie in den Kindergarten eingebrochen?«
»Meine Kinder.« Sie spricht langsam. Versucht, sich aufzusetzen. Stößt gegen seine Beine. Er schubst sie wieder zu Boden.
Sie sieht ihre Kinder. Auf einer Straße. Sie gehen, ohne zu schauen, hüpfen herum und rennen auf die andere Seite. Es dröhnt. Die Straßenbahn. Sie schreit. »Halt!«
Er fummelt an seinen Handschellen.
»Nein!« Sie brüllt. »Nicht, bitte nicht! Nicht festnehmen!« Schlägt gegen seine Beine. Sie bekommt kaum noch Luft. Die Haut an ihren Händen ist aufgerissen.
»Eher einweisen. Ganz ruhig mal«, sagt der falsche Bulle. Sie greift nach seinem Arm und zieht sich hoch. Er schaut sie verwundert an, die Verrückte will was sagen, aha, er saugt an seiner Unterlippe.
Sie keucht: »Wenn ich so eine Stimme hätte wie Sie, würde ich mich einweisen lassen.«
Er schaut zu seinem Kollegen, zieht die Augenbrauen hoch, rümpft die Nase und schüttelt angewidert den Kopf.
»Und auf Ihrem Bauch können Sie Bier abstellen.«
Jetzt glotzt ein ganzer Fischschwarm.
»Ich suche meine Kinder. Ich habe meine Kinder verloren. Die sind hier in der Kita. Also, die wollten gestern früh in die Kita gehen. Aus dem Hotel Hedwig, da haben wir übernachtet. Und jetzt müssen die hier sein, und sie sind hier nicht!«
Sie steht vor den Polizisten.
»Wir müssen die ganz schnell suchen. Sie müssen mir helfen, bitte. Ich habe solche Angst um die Kinder. Sie sind noch klein. Vielleicht passen sie an der Straße nicht auf.«
Der Fischmann schaut sie mit zusammengekniffenen Augen an. »Also, Sie haben hier ein Fenster im Kindergarten zerschlagen? Und Ihre angeblichen Kinder sollen seit gestern allein unterwegs sein, und Sie suchen sie erst jetzt? Und Sie haben im Hotel übernachtet, Sie kommen also gar nicht aus Berlin. Wir brauchen bitte mal Ihre Personalien!«
Sie reißt den Mund auf. »Sie müssen sie suchen! Sofort!« Sie schaut den falschen Bullen an. »Sie müssen meine Kinder suchen. Sofort. Bitte. Sonst passiert ihnen was. Oder es ist schon was passiert.« Sie hört ein lautes Schluchzen. Sie schreit. »Sie stehen hier ja nur rum!«
»Sie kommen gleich mit auf die Wache, und wir klären das da. Und Sie müssen ja auch noch versorgt werden.« Fischauge greift sie an der Schulter. Dieses Schluchzen. Wo kommt das her? Sie reißt den Kopf herum. Reißt sich los. Der Polizist hat Blut auf seinem Hemd. Blutige Wolken im hellblauen Polizeihimmel, würde Herbert sagen. Der falsche Bulle hält sie an den Schultern, sie schüttelt sich.
»Mein Gott, reißen Sie sich bitte mal zusammen.«
Sie starrt ihn an. Seine Augen sind türkiser als blau. Ein glatter Pool.
So hatte Herbert sie angesehen. So glatt und geschlossen. »Du warst immer meine Sonne. Aber jetzt liebe ich eine andere. Ich habe jetzt zwei Sonnen. Ich liebe sie genauso sehr wie dich. Ich muss bei ihr sein.«
Als er ihr das sagte. Ihr ganzes Leben gefror in seinem Mund. Und dann: »Schnullita, reiß dich doch bitte mal zusammen.«
»Wie heißen denn Ihre Kinder?«
Dieses Blau. Sein Blick. Glatt und geschlossen.
Innerhalb von kurzer Zeit war er ein anderer geworden. Ihren geliebten Herkules gab es nicht mehr. Es gab nur noch Herbert.
Den harten, ihr fremden Herbert.
»Ich weiß es nicht«, flüstert sie.
Sie greift nach den Kindern, sie kann sie nicht berühren.
Sie sieht den Teppich, alles ist trocken, beißt ihr ins Gesicht. Sie weiß ihre Namen nicht. Vielleicht erkennt sie sie nicht einmal mehr.
»Wie heißen Ihre Kinder?«
Sie greift in ihr Gesicht, an ihre Kehle, sucht ihren Körper ab, kratzt sich den blutigen Arm. Irgendwo müssen sie sein.
»Sie haben sehr schöne Namen. Ich weiß sie nur gerade nicht. Mein Kopf, mir ist was passiert. Meine Tochter hat Elfenhaare, fein und lang. Sie ist ganz aus Licht. Ihre Haut, ihre Haare. Nur ihre Augen sind grün, wie meine. Sie ist eine Wildkatze. Sie liebt es, morgens allein wach zu sein. Ich stelle ihr etwas zu essen hin, wie einem Kätzchen, und Malsachen, und dann baut sie sich eine eigene Ecke, sie kann alles Schöne finden und um sich herum drapieren, das hat sie schon immer gemacht, schon seit sie krabbeln kann. Sie will, dass ich beim Einschlafen ihre Hand halte. Dann sagt sie: Hand muss sein. Jeden Abend sagt sie das. Hand muss sein. Sie mag keine Befehle bekommen. Sie wehrt sich mit Händen und Füßen, stemmt sich überall dagegen. Sie möchte lieber zusehen, wie ich es mache, und dann kann sie es auch. Sie liebt Schnecken und baut ihnen Paläste aus Gras.
Mein Sohn möchte die Welt verstehen.
Er fragt, seit er reden kann: Was ist unter uns?
Ich sage: Die Steine.
Er sagt: Nein, darunter.
Ich sage: Die Erde.
Er sagt: Nein, darunter.
Ich sage, irgendwann kommt die große Wärme, im Inneren der Erde, wo es glüht. Dann schaut er mich an, ein bisschen wütend, aber auch mit einem Lächeln, weil ich einfach nicht verstehe, und dann sagt er ganz ernst: Mama. Was ist unter uns?
Er hat Bauchweh, wenn es ihm zu schnell geht. Er isst ganz langsam und konzentriert. Auf seinem Teller ist alles sauber geordnet und wird sorgfältig genossen. Er ist wie ein Opa mit seinem Tablettenschächtelchen.
Ich kann meine Kinder spüren, sogar jetzt.
Ich hab sie schon gespürt, bevor sie auf die Welt gekommen sind. Genau ihre Energie, also, wie sie jetzt sind. Schon bevor ich schwanger war, konnte ich meine Tochter fühlen, habe ihre Schönheit und Freude empfunden. Ich bin ihr kurz vor ihrer Geburt in einem Traum begegnet, in dem sie das Gesicht einer alten Frau hatte und in bester Laune sagte: Mit uns ist eh alles gut.«
Sie verstummt. Sie ballt ihre Hände zusammen. Drückt sich eine vor den Mund.
Die Polizisten sehen sie an.
Der falsche kratzt sich an der Brust und zögert. Sie schaut ihn an.
»Was denn?«, fragt sie.
Er mustert den eingestürzten Bauklotzturm. »Ich war mal mit Kumpels in Prag, und na ja, ich hab mich mittags hingelegt«, sagt er und streicht über seine Haare, sein Kollege hört mit gesenktem Kopf zu. »Und als ich aufgewacht bin, also, mein Handy war vorher komplett leer gewesen, der Akku, und vorm Schlafengehen hab ich’s aufgeladen, und als ich aufgewacht bin, wollte ich das Telefon anschalten, aber das ging nicht. Nichts! Ich hab die PIN nicht mehr gewusst. Ich hab das Handy weggelegt, an was anderes gedacht und es neu versucht. Alles weg! Dabei hatte ich jahrelang die gleiche PIN-Nummer. Als hätte mein Gehirn alles gelöscht. Das war schlimm.«
Sie sieht ihn an. Er schaut noch immer auf die Bausteine.
»Und dann?«, fragt sie.
»Ich bin rausgegangen und hab mich treiben lassen. Da bin ich an der Oper vorbeigekommen, wo so eine Frau stand, die ’ne Karte loswerden wollte. Und das war echt gut.«
»Was wurde denn gespielt?«
»Ist jetzt schon länger her. Werd ich aber nicht vergessen. Aida. Falls Sie das kennen.«
Was glaubst du denn, denkt sie. Das einzige Mal, dass sie die gesungen hat. Obwohl Aida in der Hochschule zu ihren besten Partien gehörte. Und dann musste sie in Prag diese Übernahme machen. Die Kollegin, die eigentlich hätte singen sollen, war in Sydney an der Oper und hatte über Nacht unüberwindliche Flugangst bekommen. Sie könne nicht anreisen, unmöglich. Also musste, sollte, durfte sie einspringen. Abends der Anruf, die Nacht hindurch die Aufzeichnung geglotzt, natürlich nichts behalten, frühmorgens los, der Flug wurde gecancelt, also über Zürich, es dauerte ewig. Und dann Kostümprobe, dafür war immer Zeit, Hauptsache, das Kleid passt. Aber es passte nicht, es war am Busen zu eng, es drückte ihr jede Luft ab, ein anderes Kleid war aber nicht möglich, denn dieses Kleid war nicht nur ein Kleid, es bestand aus zwei mal zwölf Metern Seide, eine komplizierte Komposition, und wie Aida war eben auch dieses Kleid schon durch die internationale Presse gegangen, die Zuschauer mussten dieses Kleid sehen, eine Oper ist doch kein Konzert, sondern ein visuelles Erlebnis.
Nach der Kostümprobe blieb nur noch Zeit für eine kleine Verständigungsprobe mit dem Schweizer Dirigenten und dem Regisseur, der in ihrer Garderobe auf sie einredete. Neben ihr kniend. Sie müsse unbedingt weinen, an dieser einen bestimmten Stelle, das sei das Wichtigste in der ganzen Oper. In dem Moment, in dem der Regen aufhört, da lösten sich Aidas Emotionen, und dann könne sie weinen, zum ersten Mal, dann übernehme Aida nämlich die Gezeiten.
Sie fragte: »Das Weinen übernimmt die Gezeiten?«
»Nein, nein«, sagte der Regisseur hektisch, »die Gestirne.«
»Gestirne regnen?« Sie verstand ihn nicht gut, er sprach Französisch. Zwei Garderobieren zerrten an ihrer Korsage, sie bekam keine Luft mehr.
»Nein, natürlich nicht!«
Aida löse sich von den Formen, werde selbst zu Natur, sie müsse weinen, unbedingt, das sei wie gesagt das Wichtigste in der ganzen Oper, die befreite Frau, die wütende Frau, die Frau, die nichts mehr erfüllen muss, nicht mehr bereit sei, höchstens sich selbst bekämpfend irgendwie zu funktionieren in einer von anderen entworfenen Maschinerie.
Die Inspizientin kam und zog sie auf die Bühne. Den Text als Knopf ins Ohr, immerhin kannte sie den noch ein bisschen. Die Arien hatte sie früher so gut gesungen, wo war das jetzt? Sie wurde von den Kollegen über die Bühne geschoben, bis der Chor auftrat, der ihr dauernd den Weg versperrte. Oder sie ihm, weil sie sich auf dieser Bühne nicht auskannte. Dann rannte sie panisch durch die Unterbühne und suchte den Auftritt von unten, sollte sie nicht, kurz bevor der Regen endete, von dort emporkommen? Aber wo war denn diese verdammte Treppe? Überall nur Staub auf Requisitentischen und Staub auf Möbeln, sie konnte keine Stufen sehen, bis sie endlich eine hölzerne Wendeltreppe erreichte, die nach oben führte, ihre Schleppe hochhaltend rannte sie Richtung Ausgang, aber oben angekommen, war dort alles zugemauert. Oder sollte sie hier etwas aufschieben? Sie drückte gegen die Mauer, bekam aber nur Staub in die Augen und verhedderte sich mit dem Kleid am Geländer, so dass sie beim Runtersteigen stolperte, aufs Gesicht fiel und in zwei mal zwölf Metern Seide vollkommen gefangen lag.
Der Reißverschluss der Korsage hatte sich verdreht und schnitt ihr in einen Nerv an der Wirbelsäule. Sie versuchte, sich zu befreien, aber es ging nicht. Sie hing fest. Versuchte, den Reißverschluss zu öffnen, dabei rutschte sie auf den zwei mal zwölf Metern Seide aus und strangulierte sich fast. Sie schrie mit letztem Atem um Hilfe, aber dort unten war man wirklich in Sicherheit vor der Menschheit. Von Ferne hörte sie das Orchester den Einsatz zu ihrer Arie spielen. Sie hatte sich im Wissen, bald unbedingt weinen zu müssen, den ganzen Abend darauf konzentriert, auf jeden Fall auch weinen zu können, hatte mühevoll eine Blase der Traurigkeit erschaffen, die beim kleinsten Anstechen zu einem Wasserfall platzen und zerfließen würde, weithin sichtbar, quer durch alle Ränge, darin war sie gut, und jetzt war alles vorbei, sie heulte, die Tränen sprudelten ihr eindrucksvoll symmetrisch aus beiden Augen, bis jedes Reservoir erschöpft war.
Als sie einen Beleuchter pfeifend durch die Unterbühne gehen hörte, machte sie panische Armbewegungen, zeigte nach oben, schrie ihn an: »I have to get on stage!« Da riss er die Schleppen ab und trug sie zur Seitentreppe, damit sie über die Seitengasse auf die Bühne hecheln konnte. Der Regen war schon lange vorbei, sie stürmte schwer atmend auf die Bühne, sie hatte tatsächlich eine wichtige Arie verpasst, musste also direkt zum Heulen übergehen, aber wo waren die Tränen? Ihr war jetzt nach Sofa und Kuscheln zumute, nach dem langen Kampf in den ozeanischen Fluten wollte sie in eine Decke eingewickelt mit angezogenen Beinen wärmende Brühe schlürfen. Kakao ginge auch. Sie stand auf der Bühne und war doch Tausende Kilometer von sich entfernt. Noch nie hatte sie auf einer Bühne so versagt, noch nie war jemals auf irgendeiner Bühne derart versagt worden, sie hätte lieber mit den Damen und Herren aus der ersten Reihe Kochrezepte ausgetauscht, die Aida war ihr auf einmal so schrecklich egal, und trotzdem versuchte sie weiterhin krampfhaft, alle traurigen Stationen ihres Lebens abzuklappern, um ihrem Körper wenigstens eine einzige Träne abzuringen.
Sie dachte an ihre Mutter, das half sonst immer, aber auf einmal war ihr sogar die völlig egal. Sie bekam keine Luft, sie fror. Das Kleid hatte sich komplett aufgelöst, da war nur noch ein Teil der klemmenden Korsage übrig, der Bauch quoll unten raus, ihre Unterhose war zu weit und rutschte, und am Rücken hing als schlaffer Schwanz der zerrissene Rest ihres Kleides.
Der Regisseur fuchtelte auf der anderen Seite neben der Bühne mit den Armen, er brüllte sie an, sie konnte ihn nicht hören, der Dirigent fuchtelte auch, das Orchester spielte fortissimo, sie musste jetzt wieder singen, versuchte noch mehr, zu weinen, sie schaffte es, schlimme Dinge zu denken, dass Herbert, der sie damals noch nicht verlassen hatte, sie verlassen würde, sie weinte aber trotzdem nicht, und der Regisseur hatte ein komisches rotes Gesicht. Sie dachte an die Kinder und dass sie sie in Marrakesch auf einem großen Markt verlieren könnte, der Regisseur winkte jetzt, sie dachte, was will er denn, soll sie zu ihm rüberkommen, und sie rutschte aus und fiel von oben in die Treppe zur Unterbühne.
Und da war sie einfach liegen geblieben.
Nach der Vorstellung hatte der Regisseur neben ihr gehockt, sie gefragt, was er denn tun solle, damit sie endlich mal heule, sie sei ja eine spröde Jungfrau, mit der nichts anzufangen sei. Was solle er denn sagen, morgen, damit sie endlich weine? Sie sah ihn an, wie er da kniete, neben ihr, mit seinem Tränenproblem. Mein Gott, dachte sie, wenn die Qualität der Kunst daran hinge, ob sich jemand innerlich selbst so vergewaltigen könne, zu einem von außen festgelegten Zeitpunkt echten Schmerz zu empfinden, wenn es ihm darum gehe, dann solle er wenigstens mitmachen.







