Brauch Blau

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»Beschimpf mich«, sagte sie.
»Wie meinst du das?« Er verstand sie nicht.
»Erniedrige mich, mach mich fertig, beleidige mich! Dann weine ich auch für dich.«
Er sah sie erschüttert an. »Nein, nein, das muss doch aus dir kommen.«
»Ich will aber nicht leiden!«, schnauzte sie ihn an.
Er stand auf und verließ die Oper. Die Vorstellungen für die nächsten Tage wurden abgesagt und sie nicht mehr besetzt. Wo sie sich so sehr gewünscht hatte, einmal die Aida zu singen. Nie mehr die Aida, und auch nichts anderes. Nie wieder ein Engagement. Sie konnte plötzlich gar nicht mehr aufhören zu heulen.
Im Hotel stellte sie sich unter die warme Dusche, das tat gut. Sie würde einfach unter dem Wasser stehen bleiben. Nie wieder rauskommen. Der Regen würde niemals aufhören. Sie konnte nicht einmal den Babysitter für diese Nacht bezahlen. Sie würde verhungern. Ohne Herberts Videospiele wäre sie das ohnehin längst. Von den wenigen Auftritten konnte man nicht leben. Aber sie wollte einfach nichts anderes machen. Die Drosseln und die anderen dicken Vögel, alle krakeelten herum und hatten nichts zu sagen. Sie hingegen wusste genau, wovon sie sang. Bloß spürte sie in den entscheidenden Momenten dann ihr inneres Licht ausgehen. Stattdessen den taxierenden Blick ihrer Mutter. Die bei Vorsingen immer zuerst den Lehrer angeschaut hatte. Was er sagte, fand die Mutter auch. Was sie sagte oder wollte, war nicht so wichtig. »Du musst deinen Schweinehund überwinden«, hatte die Mutter gesagt. »Wenn du es selbst gut findest, dann ist es schon falsch.«
Sie saß regungslos in der Dusche, sie fror. Stellte das Wasser, das auf sie einprasselte, immer heißer. Die heißeste Stufe. Mehr können wir leider nicht für Sie tun. Der Regen hörte niemals auf.
»Überhaupt das einzige Mal, dass ich in der Oper war. Ich will aber wieder hin. Das hat mich total beeindruckt. Es regnete stundenlang, die Wüste war zu Schlamm geworden. Nur die Aida blieb unberührt, als ob das Wasser ihr nichts anhaben könnte. Irre. Dann rutschte sie in ein tiefes Loch. Ich hab das so verstanden: Die Tante lässt sich nichts sagen, reagiert nicht, man hat ihr das Kleid zerrissen, aber sie steht stumm da. Obwohl sie vorher echt Stimme hatte. Übrigens sehen Sie der ähnlich, also nicht die Stimme natürlich, aber, nee, die sah cool aus. Wahrscheinlich, na ja, Sie sind ja auch etwas abgerissen.«
Soll sie sagen, dass sie es ist, zufällig zwar wieder abgerissen, aber weder Psychiatrie noch Wache zuzuteilen, steigt dann ihre Glaubwürdigkeit? In den Bullenaugen?
»Als ich am nächsten Morgen aufgewacht bin, also im Hotel, verkatert, da hab ich von der Rezeption aus meine Mutter angerufen. Die musste in meine Wohnung fahren und meine PIN, nee, dann sogar meine PUK raussuchen.«
Er überlegt. »Wollen Sie vielleicht Ihre Mutter anrufen?«, fragt er.
Als sie das letzte Mal mit ihr telefoniert hatte, hörte sie die Mutter sagen: »Du klingst schlimm, ganz müde. Schläfst du denn nie? Ich kann kaum was verstehen, so laut, wie es bei dir ist. Sind die Kinder denn immer noch wach? Es ist übrigens schon halb neun. Kein Wunder. Die müssen ja vollkommen übermüdet sein. Warum hast du denn kein Erbarmen und bringst deine Kinder nicht endlich mal ins Bett?«
Denkt sie an die Mutter, spürt sie einen Nadelschwarm in ihrem Hals.
Sie hatte sofort begonnen, sich zu rechtfertigen. Wie immer. Das wollte ich ja gerade. Da waren wir gerade dabei. Aber dann hast du angerufen.
Sogar die Beschwichtigungen der Mutter waren Beleidigungen. »Na ja. Mach dir keine Vorwürfe. Das bringt niemandem etwas. Es ist, wie es ist. Ich hätte das allein mit dir ja auch nicht geschafft. Ohne deinen Vater hätte ich das nicht geschafft, nie und nimmer. Aber im Gegensatz zu dir hab ich ja auch immer richtig gearbeitet.«
Sie schaut die Polizisten an.
»Meine Mutter sagt manchmal: Das ist so schön, dass du das Singen hast, trotz der Kinder. Singen ist so was Schönes. Und die anderen Leute sagen: Ich singe ja auch wahnsinnig gerne. Unter der Dusche. Meine Arbeit sieht niemand. Mein Mann zum Beispiel hat mich Nutte genannt.«
Die Polizisten schauen weg. Der eine fragt noch mal: »Wollen Sie vielleicht Ihre Mutter anrufen?«
»Ich bin Opernsängerin. Ja, genau, richtig erkannt. Nach einer Vorstellung sagen die Zuschauer oft: Ach, also ich könnte das ja nicht. Mir all diese Töne merken! Ich würde dann gern antworten: Aber singen können Sie schon, oder? Die Arien singen, meine ich? Intonation? Rhythmus? Eine Figur spielen, sich ihr öffnen und durch sich hindurchfließen lassen? Das könnten Sie alles, schon klar. Sie hätten bestimmt genug Stimme, um neben diesem riesigen Orchester zu bestehen. Stellen Sie sich nur ein einziges Mal neben ein Siebzig-Mann-Orchester, und versuchen Sie, nur zwei Takte lang gehört zu werden! Das ist Knochenarbeit, körperliche Schwerstarbeit. Und erfordert allerhöchste Konzentration. Diese Arien sind unglaublich schwer! Man muss die genau verstehen, inhaltlich und musikalisch. Das wird über Wochen vorbereitet. Das sind ja nicht nur diese paar Stunden auf der Bühne!«
Die Hüfte des echten Polizisten bewegt sich, seine Handschellen glitzern. Er sagt: »Das klingt wirklich nicht einfach, ich verstehe das. Ich singe ja freitags beim Karaoke.«
Er gibt ihr sein Telefon. Sie wählt langsam die Nummer, die ist in ihren Fingerknochen gespeichert, diese Bewegungen werden sie für immer alleine durchführen können. Ein Piepsen bei jeder Ziffer. Sie kann noch zurück.
»Mama? Ich bin’s.« Ihre Stimme ist hochgerutscht. Sobald sie mit ihrer Mutter spricht, wird sie wieder klein.
Sie weiß nicht mehr genau, wann es war, sie muss neun Jahre alt gewesen sein, ungefähr. Ihre Mutter hatte einen gelben Zettel an den Badezimmerspiegel geklebt: »Deine Kinder sind nicht deine Kinder.«
»Mama, warum bin ich denn nicht mehr dein Kind?«, fragte sie die Mutter.
Die Mutter sagte ihr: »Du kannst doch lesen. Streng dich einfach mal an. Es steht alles auf dem Zettel. So schwer ist das wirklich nicht zu verstehen. Es geht nur um dich. Dauernd. Immer nur um dich. Aber ich kann nicht mehr. Ich muss mich jetzt um mich selbst kümmern. Ich werde mich von dir zurückziehen, das ist für dich auch mal ganz gut. Du kannst mich ja auch nicht retten.«
Die Mutter wurde höhnisch. Sie hatte das Gefühl, die Mutter freute sich, wenn ihre Tochter sich mit einer Freundin zerstritt oder beim Singen schlechte Noten bekam.
Aha. Nicht genug angestrengt.
»Ja, was ist denn?«, fragt die Mutter jetzt am Telefon. »Ich muss noch ins Schwimmbad.«
Was sie der Mutter jetzt sagt, fühlt sich an wie eine Beichte. Sie spricht langsam, jedes Wort hinter sich herziehend.
Sie brauche ihre Hilfe. Es sei was Schlimmes passiert. Sie habe die Kinder verloren. Erst ganz kurz nur, natürlich. Und sie habe solche Kopfschmerzen, sie sei krank, und die Polizei sei bei ihr, es sei so, dass sie sich im Moment einfach nicht an die Namen der Kinder erinnern könne, da sei irgendwas zu, beim besten Willen, sie wisse es nicht. Ihr Kopf sei heute die Hölle.
»Weißt du, als du klein warst, vier oder fünf, du erinnerst dich vielleicht, da sind dein Vater und ich mit dir zu einem See gefahren. Du konntest noch nicht schwimmen. Aber du warst mit ein paar anderen Kindern im Wasser. In einem Schwimmreifen. Nein, einem Autoreifen, also diesem Autoreifenschlauch. Der lag da, und wir dachten, dass du dich daran festhalten würdest. Die anderen konnten schon schwimmen, und du bist in dem Reifenschlauch hinterhergepaddelt, du warst immer zu faul, die Schwimmbewegungen richtig auszuführen, obwohl ich es dir ja wirklich oft gezeigt hatte. Nein, du hast immer nur dein Hundekraulen gemacht. Und als ihr ziemlich weit draußen im See wart, bist du durch diesen Schlauch gerutscht. Du bist sofort untergegangen. Ich hatte das so oft geübt mit dir, die richtigen Schwimmbewegungen. Aber du warst halt faul. Oder hattest Angst, was weiß ich. Gründe gibt es ja immer. Wenn ich nach der Arbeit abends müde war, selbst nur schwimmen wollte und gefroren habe, weil ich neben dir im Becken rumstehen musste, dann hast du zweimal das Wasserwegschieben gemacht mit den Händen, und schon war Schluss. Ja, und dann bist du da reingerutscht, weit draußen auf dem See, und da hab ich gedacht, nein, ich helfe nicht, jetzt muss sie es mal selbst machen. Da zeigt sich jetzt, ob sie stark ist.
Ich musste mein eigenes Kind ertrinken lassen. Weißt du, wie schlimm das für eine Mutter ist? Ihr eigenes Kind ertrinken zu lassen? Es wäre ja fast passiert. So etwas ist kaum auszuhalten. Aber ich musste hart sein zu mir. Und du kannst mir dankbar sein, du hast es nämlich geschafft. Auf einmal ging es dann. Hast dich selbst irgendwie über Wasser gekriegt. Es ist immer das Gleiche mit dir. Du kannst ja funktionieren.«
Sie kann sehen, wie ihre Mutter sich noch etwas gerader nach oben reckt. Den schwarzgefärbten Pony aus dem Gesicht zupft. Den Mund zusammenkneift. Wenn sie mit ihr zusammen ist, presst sie meistens den linken Handrücken gegen den Mund, der muss dann alles zusammenhalten, denkt sie und fragt noch mal.
»Mama, wie heißen meine Kinder?«
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