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Etwa ein Jahr danach hatte sich der Geschmack der beiden verdüstert, und Clarke war kurioserweise ein großer Fan der Postpunkband The Cure geworden. Perry Bamonte sah sich ihren ersten „Auftritt“ im Double Six, einem Pub in Basildon, an. Das Duo spielte drei Songs, einer davon war „Three Imaginary Boys“ von The Cure. Kurz nach dem Austritt des siebzehnjährigen Fletcher aus der Kirchenjugend sah ein Freund der beiden das Duo bei einem seiner seltenen Auftritte im Jugendklub von Woodlands vor einer Gruppe von vierzehnjährigen Kids musizieren.
Nach zwei Jahren lösten sich No Romance In China auf, und Fletcher ging abends meistens mit seiner neuen Freundin Grainne aus. Clarke gründete für kurze Zeit eine neue Gruppe, The Plan, zusammen mit dem stets einsatzfreudigen Perry Bamonte, der sein Leben lang von einer Band zur anderen wechselte. Clarke indessen wollte nicht immer nur im Hintergrund stehen und lieber alle Fäden in der Hand halten, weshalb er die Gruppe wieder verließ.
Er kam wieder auf Fletcher zurück, und zusammen mit Martin Gore gründeten sie eine weitere Band: Composition of Sound. Fletcher wurde zwangsweise dazu verdonnert, den Bass zu spielen, und er musste sich von seiner Bank einen Kredit von neunzig Pfund für den Kauf des Instruments holen, während die beiden anderen zunächst nur ihre Gitarren spielten. Als Clarke dann aber neue Songs schrieb, wechselten er und Gore zu einfachen Synthesizern von Moog und Yamaha über. Einige Monate später musste sich dann auch Fletcher einen Synthie kaufen, und damit wurden Composition of Sound zur vollelektronischen Band.
„Nach Punk wandten wir alle uns Gruppen wie Kraftwerk und A Certain Ratio zu“, entsinnt sich Perrys kleiner Bruder Daryl, der drei Jahre jünger ist als Fletch, Clarke und Gore. „Ich empfand die Electronic-/Futurismusszene, etwa die frühen Human League, als ziemlich schmutzig und undergroundmäßig“, sagt Daryl. Er kümmerte sich zum Dank dafür, dass die Band ihn in ihrem Kombi durch Basildon kutschierte, wenn er Zeitungen austragen musste, um ihr Equipment. „‚Being Boiled‘ von Human League war ein bisschen Avantgarde und klang recht hart. Ich mochte das Zeug von Some Bizzare und Gary Numan gern. Das war eine dunklere Art von Musik als die übliche Hitparadensoße.“
Gary Numan war 1979 als geheimnisvoller, wasserstoffblond gebleichter Rädelsführer der Gruppe Tubeway Army aufgetaucht, der mit dem dürren, außerirdisch wirkenden Song „Are ‚Friends‘ Electric?“ Platz 1 der UK-Charts erklomm. In den Siebzigerjahren hatte es einige ausgefallene Hits von elektronischen Bands gegeben; am erfolgreichsten davon die Single „Autobahn“ von Kraftwerk, die 1975 Platz 11 der UK-Charts erreichte. Numan aber festigte seinen Platz als erster großer Star des Synthie-Pop, als er die nächste Single, „Cars“, unter seinem eigenen Namen veröffentlichte, die dann ebenfalls die Poleposition der UK-Charts schaffte. In den folgenden drei Jahren hatte Numan fünf Alben in den Top 3 der britischen Charts, und er erreichte sogar die Top 10 in den USA. Die eher flüchtige, aber dennoch bemerkenswerte Bedeutung von Gary Numan für Clarke, Gore und Fletcher war die Erkenntnis, dass man auch als einundzwanzigjähriger Expunk und Nichtmusiker mit Synthesizermusik an die Spitze der Charts gelangen kann.
„Mein einziges musikalisches Talent besteht im Arrangieren von Geräuschen“, gab der Kommandant der Tubeway Army zu. „Gitarre konnte ich sowieso nicht gut spielen, und der Synthie ließ sich kinderleicht bedienen.“ Gore hatte in etwa dieselbe Einstellung: „Für uns war der Synthesizer ein Punkinstrument, eine Art Do-it-yourself-Sofortwerkzeug. Ohne es zu wissen, begannen wir, etwas ganz Neues zu tun. Wir hatten uns für diese Instrumente entschieden, weil sie praktisch waren. Man konnte sich einen Synthesizer unter den Arm klemmen und zu einem Gig gehen. Dafür brauchte man keinen Verstärker, also brauchten wir auch keinen Kombiwagen. Bald fuhren wir mit der Bahn zu unseren Gigs.“ In den folgenden Monaten eiferten Composition of Sound einer Reihe von mehr weltlichen, an der Kunstszene orientierten Electronic-Pop-Bands wie Soft Cell und Human League nach, die im Kielwasser des krassen Futurismus von Tubeway Army die Charts aufrollten.
Mittlerweile hatte sich Gore auch noch einer anderen lokalen Band angeschlossen, The French Look. Chef dieser Gruppe war Rob Marlow, ein ziemlich bekannter Typ in der Szene von Basildon. (Als einer von Clarkes besten Freunden war er später auch auf dessen Label.) Freunde haben ihn als „ein bisschen wie Gary Numan“ in Erinnerung, „weil er immer der Frontman war, Keyboards, Gitarre und alles andere gleichzeitig spielen wollte“. Bei The French Look bediente Gore im Hintergrund die Keyboards; ein bulliger Typ namens Paul Redman war dazugestoßen, weil er zwei Synthesizer besaß und kräftig genug war, diese herumzuschleppen.
Jeder kannte jeden, nur ein Typ war weniger bekannt. Er mixte bei einer Probe von The French Look in der Woodlands-Schule den Sound – ein magerer Expunk namens Dave Gahan. Auf ihn wurde Vince Clarke eines Tages aufmerksam, als The French Look probten und Gahan anfing, bei David Bowies „Heroes“ mitzusingen. Es war zwar nur eine Jamsession, aber Clarke, der nur äußerst ungern ganz vorn stand, dachte: „Der ist in Ordnung, vielleicht sollten wir ihn in die Band aufnehmen.“ Gahan sang niemals für Composition of Sound zur Probe, er konnte einfach mitmachen, falls er Lust dazu hatte. Clarke lud ihn ein, sich die Band bei einem Auftritt in Scamps, Southend, einmal anzusehen, wo die School Bullies, eine der Gruppen von Perry Bamonte, als Headliner spielten.
Der Auftritt von Composition of Sound fing nicht gerade gut an, weil Fletcher, dem man linkische Bewegungen nachsagt, stolperte und die Stecker aus den Verstärkern riss – ausgenommen den für sein eigenes Instrument. Somit erklang sein Bass während der ersten beiden Nummern als Soloinstrument. Daryl, Perrys jüngerer Bruder, erinnert sich an den Gig: „Das war so etwa im April oder Mai 1980, als ich von der Schule abging. Perry gab damals Composition of Sound eine Chance im Vorprogramm. Daraus wurden Depeche Mode, aber das war noch keine Band, die ausschließlich mit Synthesizern spielte. Fletch zupfte den Bass, Martin spielte Keyboard, Vince bediente die Gitarre und sang. Dave Gahan beobachtete die Band bei diesem Gig, und bei dieser Gelegenheit lernte ich ihn kennen. Sie spielten viele Songs, die sie dann später als Depeche Mode aufnahmen: ‚Photographic‘, ‚Ice Machine‘ und ein paar Instrumentals.“
Bei anderer Gelegenheit spielten Composition of Sound im Vorprogramm von The French Look in der Saint-Nicholas-Gesamtschule. Gore zog sich ein anderes Hemd an und spielte dann auch bei The French Look mit. Dies war auch der allererste Auftritt des neuen Sängers von Composition of Sound, Dave Gahan, der so totenblass und nervös war, dass er erst ein paar Biere trinken musste, ehe er den Mut fand, auf die Bühne zu gehen. Seine bislang einzige Erfahrung als Sänger in der Öffentlichkeit hatte er im zarten Alter von acht Jahren bei der Heilsarmee gemacht. Dann kamen The French Look auf die Bühne, aber während des ersten Songs bekam Rob Marlow Krach mit Paul Redman, und das Konzert musste abgebrochen werden, weil Redman sich weigerte, Keyboards zu spielen. Danach trennten sich die beiden, was keine Überraschung mehr war.
Daryl Bamonte beschreibt diesen Gig als einen „gelungenen Abend. Ich war noch an dieser Schule, und wir staunten alle, denn Dave hatte seine sämtlichen Freunde aus Southend mitgebracht. Plötzlich waren in der Aula unter all den jungen Schülern aus Basildon so dreißig bis vierzig ausgeflippte New Romantics. Da wurde Vince klar, dass er mit Dave eine gute Wahl getroffen hatte.“
Dave Gahan kam am 9. Mai 1962 in Epping zur Welt und war ebenso wie die anderen religiös erzogen worden, da die Familie seiner Mutter in der Heilsarmee mitwirkte. Im Gegensatz zu seinen neuen Bandkameraden hatte sich Gahan völlig von der Kirche losgesagt, und wenn er sonntags mit seiner Schwester das Haus angeblich zum Gottesdienst verließ, verbrachte er in Wirklichkeit die Zeit damit, mit dem Fahrrad herumzugondeln. Sein Vater hatte die Familie verlassen, als Gahan noch ein Kleinkind war, und seine Mutter übersiedelte mit der vaterlosen Familie – Dave, seiner Schwester Sue und seinen Brüdern Peter und Philip – nach Basildon: „Sie heiratete erneut, und ich hielt immer meinen Stiefvater für meinen leiblichen Vater. Und der starb, als ich sieben Jahre alt war.“
Als Gahan zehn war, kam er von der Schule nach Hause und entdeckte „diesen Fremden im Haus meiner Mutter. Sie stellte ihn mir als meinen richtigen Vater vor. Ich weiß noch, dass ich weinend sagte, das sei doch unmöglich, denn mein Vater sei doch tot. Ich war zutiefst empört, und es gab einen riesigen Streit, weil ich fand, man hätte mir die Wahrheit sagen müssen. Erst später wurde mir klar, wie schwer es für Mum gewesen sein musste, uns großzuziehen. Und ich hatte es nur noch bitterer für sie gemacht, indem ich ständig in Schwierigkeiten geriet.“
Gahan hatte angefangen, die Schule zu schwänzen, und war dreimal vor dem Jugendrichter gelandet: wegen Graffitischmierereien, Vandalismus und Autodiebstahls, wobei die Wagen später ausgebrannt irgendwo aufgefunden wurden. „Ich war ein ganz schön wilder Bengel. Ich genoss die Aufregung beim Klauen eines Wagens, beim Davonrasen und der Verfolgung durch die Polizei. Sich mit hämmerndem Herzen hinter irgendeiner Mauer zu verstecken, das gibt einen richtigen Kick – werden sie mich erwischen? Meine Mutter weinte meinetwegen oft bittere Tränen.“
Ein frühes Zeichen seiner übertriebenen Aufsässigkeit war seine erste Tätowierung, die er sich mit vierzehn Jahren am Strand von Southend stechen ließ. Das machte „so ’n alter Seebär namens Clive“, der um seinen Hals eine gestrichelte Linie mit den Wörtern „Hier schneiden“ tätowiert hatte. Im krassen Gegensatz zur fleißigen Kirchgängerfraktion von Composition of Sound, hatte Gahan auch schon Drogen ausprobiert, als er noch zur Schule ging. „Ich hatte jede Menge Freunde, mit denen ich je nach Stimmung zusammen sein konnte. Das waren Gewalttätige, Drogensüchtige oder auch einfach nur Mädchen. In der Gang zogen wir los und kauften einen großen Beutel mit Amphetaminen. Dann fuhren wir die Nacht über nach London und landeten bei irgendeiner Party. Danach kriegten wir morgens den ‚Milk Train‘ von der Liverpool Street nach Billericay. Es war ein verdammt langer Weg nach Hause.“
Gahan behauptet, er habe von den Freundinnen seiner älteren Schwester „ziemlich schnell“ gelernt, was es mit dem Sex auf sich hat, und als er dreizehn Jahre alt war, sei er ein Soulboy gewesen und habe „mit den Typen vom Global Village herumgehangen“, dem Schwulenclub unter dem Londoner Charing-Cross-Bahnhof. Die Schule verließ er im Juli 1978, nachdem er das letzte Schuljahr zum größten Teil geschwänzt hatte. In den folgenden Monaten versuchte sich der rotzfreche Exzentriker in diversen Jobs (er sagt: „so etwa zwanzig“), die alle „danebengingen“: Er füllte Regale in Supermärkten auf, arbeitete auf Baustellen als Hilfsarbeiter und als Packer in der Parfumfabrik Yardley: „Ich brachte gutes Geld nach Hause und gab Mum was davon ab. Dann ging ich runter in den Pub zum Anmachen, um als unternehmungslustiger Knabe mein Vergnügen zu haben.“
Schließlich wurde ihm klar, „dass ich so keine Karriere machen konnte. Deshalb bemühte ich mich um eine Lehrstelle als Klempner bei den North-Thames-Gaswerken. Mein Bewährungshelfer riet mir, beim Bewerbungsgespräch ehrlich zu sein und zu sagen, dass ich vorbestraft war, aber dass ich jetzt auf dem rechten Weg sei und all das Blabla. Natürlich bekam ich die Lehrstelle trotzdem nicht. Da bin ich zum Bewährungsbüro gegangen und habe es verwüstet.“
In seinem letzten Jahr an der Gesamtschule entdeckte Gahan Punk und folgte The Damned und The Clash auf ihren Tourneen. „Eigentlich war ich kein richtiger Fan von The Clash, denn deren erstes Album hatte ich nicht wirklich verstanden. Aber ich ging immer zu ihren Auftritten, weil ich ihre Attitüde und ihre Energie toll fand.“ Seinen Hauptinteressen Punk und Kunst konnte er sich widmen, als er sich im Southend Art College einschreiben ließ, wo er „immer wieder zu Konzerten von Generation X und The Damned ging. Ich besaß echte Sexshopklamotten. Deren Etiketten steckten wir außen dran, und so besuchten wir die verruchten Londoner Clubs wie das Studio 21.“
Gahan war durchaus nicht der einzige „Alternative“ in Basildon. Weil es dort aber keine florierende Szene gab, gingen Leute wie er nach London oder nach Southend, wo man toleranter war. „John Lydon und George O’Dowd – Boy George – kamen auch immer nach Southend“, erinnert er sich. „George kam als Dressman und klaute auch Sachen, weshalb er einen Haufen Ärger bekam. Das waren extravagante Leute wie Steven Linnard, jetzt ein erfolgreicher Designer, und sie stellten einen gewaltigen Unterschied zu meinen ungehobelten, grobschlächtigen Kumpels in Basildon dar. Sie waren zwar auch Rowdys, aber kunstbeflissen. Irgendwann wurde mir das aber auch langweilig, obwohl es mir eine Zeit lang ziemlich aufregend vorkam. Ich führte ein Doppelleben, mischte mich unter die Kunstschulleute und begab mich dann nach Hause nach Basildon. Dort ging ich auch mit Make-up in den Pub, aber weil ich die dortigen ‚Beer Boys‘, die Spanners, gut kannte, ließ man mich gewähren.“
Daryl Bamonte, der als Schuljunge in den frühen Achtzigern als eine Art Roadie fungierte, erzählt: „Dave war irgendwie immer wie ein Fisch auf dem Trockenen in Basildon. In den Siebzigerjahren hatte der Ort eine ziemlich wüste Szene. Dave fuhr immer mit dem Zug zu all den Londoner Clubs, und die Kneipe gegenüber vom Bahnhof war der schlimmste Treffpunkt der Schlägertypen. Da stand er dann, ein fünfzehnjähriger Junge mit vollem Make-up. Klar, dass er so gewaltig unter Beschuss geriet. Das dürfte dann wohl seine bleibende Erinnerung an die Menschen in Essex sein, was wahrscheinlich der Grund dafür ist, dass er jetzt in Amerika lebt. Fletch und Martin hingegen waren weitaus unauffälliger. Die gingen oft ins Towngate Theatre, wo die Bar ein bisschen mehr im Bohemestil eingerichtet war, irgendwie hippieorientiert. Leute in Flickenjeans kamen dorthin und spielten auf ihren akustischen Gitarren. Logischerweise sahen Fletch und Martin die Stadt mit ganz anderen Augen als David, der sich immer gegen die Schläger wehren musste.“
1979 lernte Gahan seine Freundin Joanne bei einem Konzert von The Damned kennen. „Sie gehörte zu den Billericay-Punks“, erinnert er sich. Seltsamerweise waren eine ihrer Lieblingsbands die ursprünglich punkorientierten Tubeway Army, weshalb sie immer zu den Auftritten von Gary Numan in und um London ging. Als sich Numan dann der elektronischen Musik zuwandte, wurde auch Gahan ein Fan, und deshalb fuhr das Paar während Numans großer Tournee Ende 1979 quer durchs Land, um seine Auftritte zu erleben.
Kurz nachdem Dave Gahan zu Composition of Sound gestoßen war, schlug der modebesessene Sänger als neuen Bandnamen den Titel eines französischen Modemagazins vor: Depeche Mode, was sich frei mit „schnelle Mode“ übersetzen lässt. Clarke räumt ein: „Wir mochten einfach den Klang der beiden Wörter.“ Um noch exotischer und künstlicher zu wirken, sprachen die Bandmitglieder das erste Wort zunächst nicht wie „Dipäsch“, sondern wie „Dipäschej“ aus. Auf den neuen Namen einigten sie sich, wie Freunde der Band behaupten, nachdem Gahan bei sechs oder sieben Gigs mit Composition of Sound musiziert hatte, aber niemand kann sich an das genaue Datum des Namenswechsels erinnern. Sich Depeche Mode zu nennen war schon eine recht seltsame Affektiertheit für eine Gruppe von Arbeitersöhnen aus Basildon. Aber Gahan hatte nun einmal Gefallen an auffälligem und wichtigtuerischem Gehabe gefunden, als er sich 1980 in den entsprechenden Londoner Clubs herumtrieb.
„Depeche Mode waren sehr naiv, wie nun einmal alle achtzehnjährigen Bengel sind“, sagt Daryl Bamonte. „Die vier waren wirklich eine recht bizarre Mischung. Dave kam eigentlich aus der Punkszene, Fletch schwärmte stets von Graham Parker. Martin stand auf Kraftwerk, Jonathan Richman und viele andere Idole. Dave erlebte The Clash, als er vierzehn war, und zischte gleich ab in Clubs wie Billy’s oder Studio 21. Ich glaube, Vince sah etwas Besonderes in Dave, der nun mal eine Menge Aufsehen erregte.“
Die Welt der Underground-Clubs, die Gahan so genoss, gab ihm einen ziemlichen Vorsprung gegenüber seinen Freunden aus Basildon, obschon auch die Vorstädte bald aufholten, als sich der sogenannte Cult With No Name zu einem lächerlichen Mainstream-Kult wandelte, den New Romantics. Diese Szene entstand im Frühling 1978, als das Billy’s in der Nähe der Dean Street im West End eröffnet wurde. Zunächst hatte das Billy’s nur freitags geöffnet und wurde vor allem von einem schwulen, kunstbeflissenen Publikum besucht, aber dann machten sich die beiden Stammgäste Rusty Egan und Steve Strange daran, den Dienstagabend als „Club for Heroes“ zu etablieren. Auf Handzetteln warben sie für diese Bowie-Nacht. Auf den Flyern stand zu lesen: „Fame, Fame, Fame, What’s Your Name? A Club for Heroes.“
Man spielte dort zwar Platten von David Bowie, aber ebenso wichtig war Bowies modische Imagepflege für die Clubgäste. Der selbst ernannte Modeguru Peter York schrieb darüber in den Achtzigerjahren: „Die Musik von Bowie ging Hand in Hand mit dem Look. Seine nächste Inkarnation wurde von den Boys und Girls ebenso nervös erwartet, wie die Modewelt auf Paris wartete. Der Bowie-Look war zu einem Lebensstil geworden.“ Das Billy’s etablierte schon durch die sehr exklusive Einlasskontrolle einen besonderen Way of Life. Die Ethik aus der Mod-Zeit der Sechzigerjahre wurde nun zur neuen Voraussetzung dandyhafter Extravaganz aufpoliert, und deren Erfüllung setzte der selbst ernannte Modepolizist Steve Strange – mit bürgerlichem Namen Steve Harrington, einst Sänger bei den Moor Murderers – als Türsteher gnadenlos durch. Bowie kam auch tatsächlich eines Nachts in den Club, und er übernahm eine Art Schirmherrschaft, indem er das Transvestiten-Promotionvideo für seine Single „Boys Keep Swinging“ 1979 im Billy’s drehen ließ. Ein Jahr später erwies sich Bowies Pierrot-Clownoutfit im Promotionvideo für „Ashes To Ashes“ als deutlich von den seltsamen Erscheinungen im Billy’s beeinflusst, wobei Bowie allerdings seine überlegene Position dadurch demonstrierte, dass er Steve Strange als Komparsen einsetzte.
Inzwischen hatte sich Strange zum „Face“ des Cult With No Name entwickelt, worüber Molly Parkin in der Sunday Times schrieb: „Seine überlebensgroße Attitüde war sein Erfolgsgeheimnis. Während die britische Wirtschaft um ihr Überleben kämpft, feuert Steve Strange aus allen Rohren – und liefert ein Exempel glänzender Selbstpromotion.“ Im New Musical Express schrieb die Punkjournalistin Julie Burchill weniger enthusiastisch: „Diese neue Masche, Steve Strange et cetera, ist mehr oder minder nichts anderes als Glam-Rock, der zufällig das Lexikon bei ‚romantisch‘ statt bei ‚bisexuell‘ aufgeschlagen hat.“
Aus dem Billy’s wanderte Strange ab ins Blitz, wo eine neue Gruppierung entstand: die Blitz Kids. Boy George war Mittelpunkt dieses nur aus Oberfläche bestehenden Lebensstils, dessen Klamotten und elitäres Gehabe nach Mod-Vorbild eine Flucht aus dem Stempelgelddasein der Arbeitslosen ermöglichten. „Punk bedeutete Sicherheit – wir lebten in einem Wirbel von Augenschatten und Rüschen“, sagt der zu Erfolg gekommene Popstar. „Letztlich war das Ziel, eine Reaktion zu provozieren. Solange ich fotografiert und zur Kenntnis genommen wurde, hatte ich einen Lebenszweck, einen Grund, auszugehen und mich aufzudonnern. Zunächst Tönung und Puder aufs Gesicht, dann eine Tasse Tee trinken, um das einziehen zu lassen. Augen- und Lidschatten wurden mit den Fingern aufgetragen, denn eine Wimpernbürste konnte ich mir nicht leisten. Zuletzt kamen Toupet, Hut und Ohrringe. Danach drehte ich mich eine Ewigkeit vor dem Spiegel hin und her.“
In krassem Gegensatz dazu zeigte sich Georges Liebhaber und Bandkollege in der Gruppe Culture Club, John Moss, entsetzt über die geschwätzige Leere hinter den kokett flatternden Augenwimpern der Clubgäste. „Hübsches Exterieur, tolle Outfits – aber darunter nichts als Schmutz. Da waren kein Esprit, keine gefestigten Überzeugungen und keine Religiosität zu finden. Es war einfach verrucht. Dieses Blitz war wie ein Marsch in die Hölle, es war wie im Berlin der Dreißigerjahre.“ Auch John Foxx, ein ehemaliger Kunststudent und Gründer der britischen Gruppe Ultravox, war nicht beeindruckt: „Zum Rock ’n’ Roll gehört der Geist der Music Hall. Am besten ist in dieser Hinsicht Ray Davies und am schlimmsten die Komödienclownerie der New Romantics. Einmal ging ich selbst ins Blitz, und irgendwie fand ich es auch interessant. Aber weiter ging meine Anteilnahme nicht. Natürlich hieß es hinterher, ich sei auch ein Teil dieser Szene.“
Tony Hadley von Spandau Ballet, eine Zeit lang die Hausband des Blitz, sieht es aus einer anderen Perspektive: „Die Szene im Blitz bestand eben nicht aus einem Rudel hübscher, weibischer Typen, die sich in Pose setzten und über Kunst und Literatur sprachen. Solche Klischees waren doch nur Quatsch. Ins Blitz kamen nur junge Bengels, die total ihren Verstand verloren hatten und nichts anderes wollten, als Tussis abzuschleppen. Wir zogen uns halt zufällig anders an als die Leute in der normalen Popdisco.“
Rotzfrech, gassenschlau, bisexuell, extravagant und realitätsfremd – für eine kurze Zeit war diese namenlose Clubszene eine Art kreativer Absprung aus der zerbröckelnden, stagnierenden Punkszene. Als die Medien erst einmal begannen, die Protagonisten als „New Romantics“ zu etikettieren, blieb für diejenigen, die sich ein bisschen „seltsam“ und „anders“ darzustellen wünschten, als einziger Anreiz dieser Szene nur noch ein Besuch im Boots-Kosmetikladen. Fletcher, Gore und Clarke brachten zwar eine gewisse Toleranz für die aufgedonnerte, populär gewordene Klamottenshow auf – mehr nicht –, aber sie waren doch immerhin so beeindruckt vom kalten, exklusiven Glamour der damaligen Londoner Szene, dass sie Gahan erlaubten, die gemeinsame Band auf einen neuen, pseudoexotischen Namen zu taufen.
Inzwischen probten Composition of Sound schon fast jeden Abend in Vince Clarkes Garage, wobei dessen Mutter sich über das „verdammte Klappern“ der Finger auf den Keyboards beschwerte, an denen sie nur mit Kopfhörern übten, um niemanden mit der Lautstärke zu belästigen. Gahan kam stets dazu, um mit den anderen zu proben und immer wieder auf dem gemeinsamen Skateboard herumzualbern, dazwischen aber auch ernsthaft mit ihnen zu arbeiten. Später durfte die Band in einem Lagerraum der Kirche proben. Fletcher erinnert sich: „Der Vikar erlaubte uns das einfach. Man brauchte nur nett und höflich darum zu bitten und durfte nicht zu laut spielen.“
Der nächste Auftritt der Band nach Gahans höchst nervösem Debüt in der Saint-Nicholas-Schule fand bei einem Bikertreffen im Alexandra Pub in Southend statt. Sie waren schon ein bizarrer Anblick, als sie mit ihren Synthesizern und ihren Futuristenfreunden dort eintrafen, aber sie lösten Begeisterungsstürme aus – sogar die Biker waren hingerissen. Zum frühen Programm von Composition of Sound gehörten viele Songs, die nie auf Platten erschienen, wie „Reason Man“, „Price Of Love“ von den Everly Brothers, „Tomorrow’s Dance“, „Television Set“, „I Like It“ und „Closer All The Time“ (später oft wegen des ähnlichen Klangs fälschlicherweise „Ghost Of Modern Time“ genannt; Anm. d. Lektors). Ein Highlight war „Photographic“, ein Song von seltsamer Atmosphäre, den Gahan merkwürdig und roboterhaft monoton brachte, was seinen früheren Enthusiasmus für Tubeway Army verriet. Gerade dieser Track war ein Favorit des jungen Fans Daryl Bamonte, der für seine Arbeit als Roadie nach einem ausverkauften Abend im Londoner The Venue erstmals Geld bekam: „‚Photographic‘ wirkte ziemlich düster. Und dann gab es noch harte Electro-Stücke wie ‚Television Set‘, ‚Reason Man‘ und ‚Addiction‘.“
Die Band der aufstrebenden jungen Musiker aus Basildon war gerade drei Monate alt, als sie ihre ersten drei Stücke von Vince Clarke, darunter „Photographic“, im Studio aufnahm. Sie beschlossen, mit diesen Songs ihr erstes Demo-Tape zu bestücken. Nachdem sie das Tape verschickt hatten, meldeten sich die Booking-Agenten von zwei winzigen, aber wichtigen Musikclubs bei ihnen. Einer war das Bridgehouse in Canning Town, ein Treffpunkt der Punks. „An den ersten Abenden im Bridgehouse war die Bude fast leer“, sagt Daryl Bamonte. „Mittwochabend waren Depeche Mode die Hausband dort, aber da spielte die Band buchstäblich vor nur einem halben Dutzend Leuten.“




