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Im Dezember 1981 gaben Mute offiziell bekannt, dass Clarke die Band verlassen habe. Nach der Tour wurde die Stimmung erst richtig schlimm, angeheizt durch die aggressiven und ehrgeizigen Veranlagungen von Gahan und Fletcher. „Die Trennung war alles andere als freundschaftlich“, sagt der hyperaktive, emotionale Gahan. „Auf beiden Seiten herrschten recht böse Gefühle. Es dauerte fast ein Jahr, ehe sich das legte, aber bis dahin war es ziemlich bissig.“
Zur gleichen Zeit schaltete die Gruppe eine Anzeige im Melody Maker: „Bekannte Band sucht Synthesizerspieler unter einundzwanzig Jahren.“ Ihre erste USA-Tournee war für den Januar 1982 gebucht, weil die Single „Just Can’t Get Enough“ in den US-Clubs so erfolgreich war, und dafür brauchte die Band jemanden, der die Melodien von Clarke live spielte. Depeche Mode wollten nicht etwa einen ständigen Ersatz für den abtrünnigen Songwriter einstellen. Unter den Keyboardern, die zum Vorspielen kamen, war auch der zweiundzwanzigjährige Alan Wilder aus Hammersmith, Westlondon.
Wilder, am 1. Juni 1959 geboren, war älter als die Mitglieder von Depeche Mode, und er stammte außerdem aus einer liberaleren Mittelschichtfamilie. „Die Jugend von Hammersmith ist nicht so rebellisch wie die Teenager von Basildon, obwohl meine Eltern weder reich noch arm waren. In der Schule hielt ich mich meist sehr im Hintergrund. Das Einzige, was mich interessierte, waren Musik und Sprachen.“ Als Wilder mit elf Jahren auf die Saint Clement’s Danes Grammar School kam, spielte er bereits Klavier und Flöte, und so wurde er bald Mitglied des Schulorchesters und einer Blaskapelle.
„Meine Eltern wollten, dass ihre Kinder musikalisch erzogen werden“, erzählt Wilder. „Einer meiner Brüder ist Pianist und begleitet alle möglichen Sänger, der andere gibt Musikunterricht in Finnland. Nachdem ich 1975 die Schule verlassen hatte, war ich die ganze Zeit arbeitslos gewesen. Meine Eltern rieten mir, mich bei Tonstudios zu bewerben. Ich wurde, glaube ich, rund vierzigmal abgewiesen. Schließlich wurde ich zum Teekochen in den DJM-Studios im Londoner West End angestellt, wo ich meinen damaligen Idolen, den Rubettes, begegnete. Außerdem spielte ich in einer kleinen Soft-Rock-Band mit, die sich The Dragons nannte. Dann zog ich nach Bristol, um mehr Gelegenheit zum Üben zu haben. Danach spielte ich in mehreren Jazz- und Bluesbands mit, darunter auch in einer Pub-Band namens Real To Real.“ Für kurze Zeit spielte Wilder in der New-Wave-Band Daphne and The Tenderspots, die eine Single, „Disco Hell“, herausbrachte und wo er sich Alan Normal nannte. Später schloss er sich den Hitmen an, deren Sänger Ben Watkins Juno Reactor gründete. Er spielte bei einigen Liveauftritten mit und entdeckte dann die Anzeige im Melody Maker.
Der witzige, schlagfertige Wilder erinnert sich: „Bevor ich zu Depeche Mode kam, hatte ich, ehrlich gesagt, keine Ahnung von elektronischer Musik. Zum Vorspielen hatten sich fast nur Fans der Band eingefunden, und ich glaube, es gefiel Dave, Andrew und Martin einfach, dass ich im Gegensatz zu denen ziemlich unbeeindruckt blieb. Außerdem konnte ich gleich von Anfang an bei ihnen problemlos mitspielen. Was mir noch auffiel bei dieser ersten Probe: Sie hatten alle Pullover der britischen Warenhauskette Marks & Spencer an und waren unglaublich schüchtern. Das ist Martin zwar immer noch, aber damals war seine Schüchternheit fast unerträglich. Man kam sich bei ihm richtig beklommen vor, eben weil er selbst so verklemmt war.“
Die Probe war für Alan Wilder gar nicht so einfach, wie sich das vielleicht im Nachhinein anhört: „Ich komme ja eher aus einer Mittelschichtfamilie, doch die anderen waren typische Bengel aus der Arbeiterklasse. Musikalisch fand ich ihre Klänge ein bisschen naiv, aber trotzdem nicht uninteressant. Außerdem war ich damals in einer so verzweifelten Lage, dass ich einfach jeden Gig zum Mitspielen angenommen hätte.“
Wilder fiel auch damals schon die Rolle von Daniel Miller als Inspirator und Mentor auf: „Daniel war damals sehr sorgfältig bei jeder Entscheidung, die mit Depeche Mode zu tun hatte. Ich musste mich vor der Probe zuerst bei Daniel vorstellen; alle mussten das. Er verhörte erst einmal die Leute, danach durften sie zum Vorspielen. Etwa zwanzig Leute spielten vor, danach bat Daniel zwei erneut zur Probe. Ich war einer dieser letzten beiden Aspiranten, und ich war wohl kaum nach Daniels Geschmack. Der andere hatte zwei Songs, die Daniel gefielen, und ich glaube, seiner Ansicht nach passte er besser zur Band. Daniel hatte wohl gemerkt, dass ich einen ganz anderen Hintergrund und außerdem eine musikalische Ausbildung hatte. Aber ich glaube, der Band war das ziemlich egal – sie fanden wohl einfach, dass ich die Songs spielen konnte und darüber hinaus auch noch äußerlich zu ihnen passte, also entschlossen sie sich für mich. Daniel rief mich kurz danach an und sagte mir, dass ich den Job bekäme. Aber er ließ keinen Zweifel daran, dass es nur für diese eine Tournee war.“
Miller bestätigt: „Ich glaube, ich hätte dem anderen Kandidaten den Vorzug gegeben, aber sie wollten Alan haben. Also gab ich meinen Segen dazu. Es ging ja auch nur darum, einen Livemusiker zu haben, und nicht etwa ein ständiges neues Bandmitglied einzustellen. Alan fühlte sich wohl ziemlich überlegen, denn er konnte ihre Songs einhändig spielen. Aber es klappte eben gut, und man brauchte ihm nichts beizubringen.“
„Als ich zu Depeche Mode kam, gefiel mir ihre Musik überhaupt nicht“, gesteht Wilder. „Martin, Dave und Andy waren aber nette Kerle, und so beschloss ich, ein paar Monate bei ihnen mitzumachen. Ich habe das nie bereut“, sagt er ganz ernst.
Ende 1981 gingen die drei Gründungsmitglieder – ohne Clarke und Wilder – wieder ins Blackwing-Studio, um eine neue Single einzuspielen, „See You“. Daniel Miller erzählt: „Es war der erste Track, den wir ohne Vince aufnahmen. Martin hatte sich den Song ausgedacht, und der war ganz einfach: nur eine Melodie auf dem Casio, und Martin tappte dazu den Beat mit dem Fuß. Der Song war insoweit bereit, aber es war nicht zu erkennen, in welche Richtung Arrangement und Sound gehen sollten. Es war ganz anders als mit Vince, der ja immer genau wusste, was er wollte, aber die Atmosphäre im Studio war dennoch recht hoffnungsvoll und positiv. Keiner hatte irgendwelche Zweifel, dass es weitergehen würde.“
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Leave In Silence
1982
Alan Wilder spielte seinen ersten Gig mit Depeche Mode im Januar 1982 im Crocs in Rayleigh, kurz bevor die Band zu ihrer US-Tournee aufbrach. „Daryl Bamonte war immer dabei“, erzählt der Keyboardspieler, „seit die Band in ihren frühen Tagen im Crocs in Hausschuhen und mit gepuderten Haaren aufgetreten war. Und er sah immer noch so aus, als sei er gerade zwölf Jahre alt. Damals waren er und Dave einfach unzertrennlich.“
Inzwischen hatte Daniel Miller amerikanische Visa für die Band beantragt und war dabei auf ein Problem gestoßen – Dave Gahans Jugendstrafregister war es wider Erwarten nicht, aber nun kam heraus, dass Alan Wilder wegen Ladendiebstahl vorbestraft war, wovon er bei seiner Einstellung nichts gesagt hatte. „Als ich siebzehn oder achtzehn war, stahl ich mit meiner Freundin ein paar Lebensmittel, weil wir völlig pleite waren, und dabei wurden wir erwischt“, gestand er zwanzig Jahre später.
Das Problem ließ sich aber ausräumen, und so spielte die Band am 22. und 23. Januar zwei Gigs im New Yorker Ritz. Beide Auftritte waren gut besucht dank des Underground-Erfolgs von „Just Can’t Get Enough“ und nicht zuletzt auch wegen des Enthusiasmus von Seymour Stein. Speak And Spell kam in den USA offiziell im Frühling 1982 heraus und schaffte es, in den Top 200 auf Platz 192 zu „kriechen“. Das Album erntete jedoch gemischte Kritiken, weil die Amerikaner „Rockdynamik“ vermissten. Die an Kraftwerk erinnernde Kombination von synthetischer Reinheit und eingängigen Popmelodien gefiel zum Beispiel nicht der Trouser Press: „Depeche Mode benutzen kommerzielle Songrezepte mit fast unfehlbarer Präzision. Drei Minuten davon können ganz vergnüglich sein, mehr jedoch zwingt einem die Erkenntnis von deren Begrenztheit auf. Die simple und voraussagbare Tonpalette (nur Synthesizer) erhöht die Schwierigkeiten.“
Die Gruppe kehrte genau zum Zeitpunkt des Erscheinens ihrer vierten Single am 29. Januar 1982 nach England zurück. „Das ist ein richtig schöner, schmusiger Song“, fand Gahan. „Es war das erste rein elektronische Stück.“ Obwohl „See You“ nicht gerade einer ihrer besten Songs ist, war er doch von entscheidender Bedeutung, denn er erreichte mit Platz 6 die bis dahin höchste Position in den Charts – und das ohne Hilfe von Vince Clarke, der ihnen nach seinem Abschied noch einen neuen Song angeboten hatte, „Only You“. Sie hatten ihn mit der Begründung abgelehnt, er klinge allzu sehr wie ein anderes Stück, und Clarke zog beleidigt ab. Später landete er mit „Only You“ und seinem neuen Projekt Yazoo einen Nummer-2-Hit.
„See You“ beeindruckte die Beobachter sehr. Aber zu diesem Zeitpunkt durchliefen Depeche Mode eine seltsame Übergangsphase. Die deftigen, missmutigen Keyboardtöne von „See You“ passten nicht recht zum schrecklich banalen Teenagertext. Die Popneulinge wussten außerdem noch immer nicht, wie sie sich oder ihre Musik präsentieren sollten. Manchmal trugen sie einfache Anzüge, dann wieder Pullover, und schließlich waren sie auch mal in Leder gekleidet. Bei einer Fotosession zeigten sie sich gar im weißen Cricketdress und hielten Schläger in den Händen. Der magere, rothaarige Fletcher denkt zurück: „Nach 1982 fingen wir an, einfach ganz normal aufzutreten: Was wir auf der Bühne trugen, war unsere Alltagskleidung. Es war stets ein Problem für uns, kein definitives Image zu haben. Wir wirken zu prätentiös, wenn wir versuchen, etwas zu tun oder zu tragen, was uns nicht entspricht. Aber wenn wir uns ganz natürlich geben, wirken wir ziemlich anonym. Die Band mit dem besten Image in der Welt sind Pink Floyd – eine wahrhaft gesichtslose Gruppe.“
Ein anderes Problem war die ideologische Verwirrung im Depeche-Mode-Kader über die etwaige Nutzung solcher „Wertlosigkeiten“ wie Teenmagazine und Kinderfernsehen – und auf der anderen Seite das wachsende Verlangen, die Karriere der Band mithilfe von Wochenmagazinen wie dem NME und dem Melody Maker und glaubwürdigeren Musikprogrammen aufzubauen. Daniel Miller stellte Chris Carr als Pressesprecher ein, woraufhin die Gruppe eine ähnliche Publicity wie Siouxsie and The Banshees oder The Associates bekam. Carr wusste sehr wohl um das Imageproblem von Depeche Mode. Immerhin gab es schon wegen ihrer farblosen Musik ein Spott- und Schmähgedicht des Punkpoeten Attila the Stockbroker: „Nigel Wants To Go And See Depeche Mode“. „Ich fand viele ihrer frühen Songs einfach grauenhaft“, sagt Carr, womit er nicht allein stand. „Als Band waren sie wirklich schlapp, echte Luschen. Sie waren so unsicher, wer sie wirklich waren und wie sie erscheinen sollten. Nach dem Weggang von Vince kam ein Punkt, an dem wir uns plötzlich darüber klar wurden, dass wir mit dieser Gruppe etwas in der Hand hatten, was gesteuert und in die richtige Richtung gelenkt werden musste, wenn wir es nicht verlieren wollten. Also suchten wir die seriöse Bestätigung ihres Werts durch den NME. Auf der anderen Seite gab es ihren Radiopromoter Neil Ferris und den Sender Radio One, die für Depeche Mode Dauerwerbung machten.“
Wie Gore bestätigt, hatte die Band kaum einen Begriff von ihrem Image und nur wenig Kontrolle: „Als Speak And Spell 1981 herauskam, waren wir achtzehn Jahre alt. Wir waren jung und naiv, wir hatten einfach keine Ahnung. Von einem Tag zum anderen wurden wir ins Fernsehen geholt und der Presse präsentiert, und damals dachten wir, wir müssten jedes Interview geben, um das man uns bat, und wir machten uns keine großen Gedanken um unser Image. Wir brauchten lange, bis wir wirklich begriffen, was Sache war, wie wir unser Image in den Griff bekommen konnten und was wir der Welt mitteilen wollten.“
Alan Wilder erinnert sich an seine ersten Auftritte im Fernsehen mit unverhohlenem Schauder: „Das Schlimmste war die Show, die wir in Alton Towers abziehen mussten. Da mussten wir zu einem Song in den Gärten flanieren und so tun, als ob wir sängen. Wir hatten die Hände in den Hosentaschen und total scheußliche Klamotten an. Das war der übelste Moment von Depeche Mode.“
Nach dem ersten Top-10-Erfolg fing die Band mit den Proben für ihre zweite britische Tournee im Februar an. „An dieser Tour war Daniel sehr aktiv beteiligt“, sagt Wilder, der nun vom Mute-Chef auch mehr in die Synthesizer- und die elektronische Musik eingeweiht wurde. „Er hatte viel vom analogen Sound auf Speak And Spell programmiert, und er programmierte auch alle Keyboards für die Auftritte auf der Tournee. Wir probten in den Blackwing-Studios, wo wir das Vierspurbandgerät und zwei Lautsprecher vor uns aufstellten, die Tapes des Albums abspielten und dazu drei Keyboards bedienten. Martin sagte mir, welche Teile der Musik ich auf meiner ersten Tour zu spielen hatte – und das war eigentlich schon alles.“
Am 10. Februar 1982 spielten Depeche Mode zunächst in der Sendung In Concert von Radio One, ehe sie zum offiziellen Auftakt der Tournee im Top Rank in Cardiff auftraten. Die Fünfzehn-Tage-Tour durch ganz Großbritannien entwickelte sich zu einer wahren Orgie an Teenagerhysterie; die zwei Konzerte im Londoner Hammersmith Odeon waren ausverkauft. Gahan, der im Mittelpunkt der Bewunderung stand, erlebte zum ersten Mal die hemmungslose Verzückung und das Gekreische der Teenies, die über ihn herfielen, als er sich im Londoner Camden Palace zeigte: „Die haben mich beinahe in Stücke gerissen, es war beängstigend. Ich wurde sofort umringt und konnte kaum entkommen. Sie grapschten nach mir, rissen an meinen Klamotten, zerrten mich an den Haaren – ich bekam solche Angst, dass ich davonrannte und mich im Klo versteckte. Es war eines meiner schlimmsten Erlebnisse – diese Kids können einen umbringen.“
Auch Wilder erzählt: „Die Reaktion der Fans war einfach überwältigend. Wir kamen auf die Bühne und fingen an, unsere simplen Popsongs zu spielen – und schon drehte das Publikum völlig durch. Da wusste ich, dass das nicht einfach nach einer Nacht vorbeigehen würde.“ Der angeheuerte Wilder hatte nun reichlich Gelegenheit, sich mit seinen neuen Kollegen anzufreunden, nachdem er bei der Einspielung von „See You“ noch nicht dabei gewesen war. „Auf diese Tour nahmen sie alle ihre Freundinnen mit“, erinnert er sich. „Dave wurde richtig fett, denn er saß immer im Tourbus zusammen mit Joanne, und sie stopften pausenlos Mars-Riegel und andere Süßigkeiten in sich hinein. Alle hatten ihre Wollpulloverphase, als ich sie kennenlernte. Ich war als Neuling natürlich lieb und nett zu ihnen, aber eben auch ein bisschen normaler und lebenserfahrener.“ Grinsend kommentiert Daryl Bamonte: „Auch Alan trug damals ständig Pullis, und er hatte immer einen lächerlichen, endlos langen Doctor Who-Schal um, den wir alle nicht ausstehen konnten. Den haben wir ihm geklaut und weggeschmissen.“
Ohne Schal und zwanzig Jahre später sagt Wilder: „Es war nicht so einfach, sich ihnen anzupassen. Ich würde sogar behaupten, dass ich im Grunde nie zu ihnen gepasst habe. Sie bildeten eine eng verschworene Einheit, und das sind sie eigentlich heute noch, zumindest Martin und Fletch. Aufgrund ihrer besonderen Herkunft – als Kids der Arbeiterklasse waren sie alle gemeinsam zur Schule gegangen – klebten sie förmlich aneinander und waren irgendwie nicht von dieser Welt.“
Dazu sagt Daryl Bamonte: „Alan war so ein ‚Nouveau Hippie‘ aus Hammersmith. Er war aufs Gymnasium gegangen, während die anderen aus der Volksschule von Basildon kamen. Er fand uns einfach nicht erwachsen genug. Ich weiß noch, wie wir im Lyceum spielen sollten und die Bühne noch nicht fertig war. Da spielten wir Fangen miteinander, und die Bühnencrew fragte sich: ‚Wer zum Henker sind denn diese Kids?‘ Ich glaube, diese Seite unseres Benehmens hat Alan nie recht verstanden. Nicht dass es ihn störte, aber unserer bescheuerten Mentalität konnte er sich nie ganz anpassen.“
Der gewandte Westlondoner beobachtete auch die seltsame Dynamik innerhalb der Band: „Fletch und Martin hatten eine merkwürdige Beziehung, die ich gar nicht richtig zu beschreiben weiß. Sie gingen wie Laurel und Hardy miteinander um. Die Rolle von Fletch schien darin zu bestehen, der Kumpel von Martin, gelegentlich sogar seine Stimme zu sein. Die beiden sind unzertrennlich. Ich glaube, Martin könnte gar nicht bei Depeche Mode sein, wenn Fletch nicht wäre. Und das ist die Rolle, die Fletch zu spielen hat – er muss für Martin da sein. Das ist auch bitter nötig, denn es ist äußerst schwierig, zu Martin durchzudringen. Das darf man nicht missverstehen, denn ich mag Martin sehr gern, er ist in vielerlei Hinsicht ein prima Kerl. Aber er ist nun mal sehr introvertiert und lässt niemanden an sich heran. Er ist unheimlich schüchtern, es sei denn, er ist stockbetrunken, dann wird er sehr extrovertiert. Wenn er ein Problem hat, kann man nicht mit ihm darüber sprechen, und er würde auch nie sagen, was ihn nun eigentlich bedrückt, sondern nur ein trauriges Gesicht machen. Also muss man herauskriegen, was er hat, indem man Fletch danach fragt, und dann wird Andy eben manchmal zu seinem Sprachrohr. Martin hat große Probleme, sich verbal auszudrücken, und ich habe mich mit ihm nie so recht wohlgefühlt. Ich glaube, ich habe ihn trotz all der Zeit niemals richtig kennengelernt. Eine normale Unterhaltung habe ich, soweit ich mich erinnere, nie mit ihm geführt.“
„Zwischen Martin und Fletch besteht eine regelrechte Abhängigkeit“, sagt ihr alter Schulfreund Daryl. „Allerdings aus ganz unterschiedlichen Gründen und in sehr verschiedenen Ausmaßen. Sie sind einander total treu ergeben. Ich glaube, den anderen Mitgliedern der Gruppe muss es manchmal wohl so vorkommen, als bildeten die beiden eine eigene Fraktion.“
Für Alan Wilder ist auch Daniel Miller jemand, an den man nur schwer herankommt. „Wenn Leute den Song ‚Warm Leatherette‘ anhören, den er als The Normal aufnahm, dann machen sie sich von ihm eine bestimmte Vorstellung, aber in Wirklichkeit ist er das genaue Gegenteil davon – ein Riesenkerl, der immer ein bisschen ungepflegt aussieht. Wie einer, der in Bahnhöfen auf dem Boden sitzt und bettelt. Und ausgerechnet er ist Mentor und Vaterfigur für die anderen. Er war für sie die Richtschnur, ohne sie zu manipulieren; er organisierte und regelte einfach alles für sie. Alles, was mit der Band zu tun hatte, lief über Daniel, und eine Zeit lang hatte ich fast keine direkten Kontakte mit den anderen Musikern. Freilich sprachen wir miteinander während der Tour – aber Fragen, die vor den Auftritten aufkamen – welche Songs wir spielen würden, was ich anziehen sollte und so weiter –, wurden nur mit Daniel besprochen. Das war schon sehr seltsam, und dieses Gefühl des Abstands zwischen ihnen und mir herrschte noch lange Zeit vor.“ Es war auch Daniel Miller, der zu Wilder sagte: „Eigentlich brauchen sie dich nicht im Studio für ihre nächste Single.“
Wilder empfand Dave Gahan offener als die anderen. „Er kann dir stundenlang von seinen Gefühlen und Empfindungen erzählen und am Ende sogar in Tränen ausbrechen; er ist das genaue Gegenteil von Martin. Ich konnte mit Dave viel besser sprechen und mich austauschen als mit Martin oder Fletch, weil er nun mal viel zugänglicher und aufgeschlossener ist. Welche Fehler er auch immer haben mag – er hat eine sehr liebenswerte Seite. Außerdem ist er auch sehr witzig, was viele Leute gar nicht vermuten. Er ist ein brillanter Mimiker, richtig toll – nicht in Worten, aber in visueller Hinsicht. Wir haben uns gekrümmt vor Lachen, wenn er Tony Hadley von Spandau Ballet imitierte. Er konnte auch unseren Promoter Neil Ferris gut nachahmen – es war einfach irre. Neil trug die allerweißesten Hosen und enge Jeans – so wie Peter Powell, der DJ von Radio One. Neil kam immer voller Energie hereingeschneit, und Dave konnte das wunderbar nachmachen. Ich kam mit Dave am besten aus, und wir hatten beide immer mal wieder ein Problem mit Fletch, also waren wir in dieser Hinsicht wirklich einig.“
Inzwischen hatte sich die Beziehung zwischen Dave Gahan und dem nervigen, unberechenbaren Fletcher nach einem Muster entwickelt, das sich zwischen freundlichem Geplauder und echtem Ärger bewegte. Daniel Miller: „Es stimmt schon, dass es zwischen Dave und Fletch gelegentlich zu heftigen Auseinandersetzungen kommt. Meist geht es dabei um absolut nichts oder um irgendein Missverständnis. Und oftmals sind sie sich hinterher völlig einig. Ich habe einige wirklich lächerliche Unterhaltungen der beiden mit angehört, bei denen sie erbittert miteinander stritten, denn das ist die einzige Art, wie sie miteinander reden können – mit Streit und Argumenten. Bei jeder gemeinsamen Besprechung ist es dasselbe: Innerhalb von Sekunden geraten sich die beiden in die Haare. Vom allerersten Tag an herrschte zwischen Dave und Fletch Spannung. Aber so schlimm kann es auch wieder nicht sein, denn sonst würden sie ja nicht mehr zusammenarbeiten. Würde man sie fragen, worüber sie gerade gestritten haben, dann wüssten sie es wahrscheinlich gar nicht mehr. Mit der Zeit sind sie aber beide viel vorsichtiger und zurückhaltender in ihren Konfrontationen geworden. Wir versuchen, gefährlichen Situationen aus dem Weg zu gehen, damit es gar nicht erst zu Streit kommen kann – aber selbst nach achtzehn Jahren giften sie sich immer noch gelegentlich an.“
Am Ende der Tournee spielten Depeche Mode ein „Geheimkonzert“ im alten Club der Jungs, dem Bridgehouse. Paul Colbert vom Melody Maker war dabei: „Der Club war knallvoll bis in die Toiletten. Wilde Aufgeregtheit und stampfende Füße – und das war doch erst das Personal hinter der Bar.“ Der Promoter des Konzerts, Terry Murphy, wollte eintausend Pfund Gage zahlen, aber Depeche Mode bestanden darauf, dass er das Geld für die Renovierung des Pubs verwenden sollte.
Die erste Europatournee begann im Rock-Ola in Madrid am 4. März 1982, es folgten Shows in Stockholm, Hamburg, Hannover, Berlin, Rotterdam, Oberkorn, Paris und Mechelen sowie zwei Termine auf den Kanalinseln. Das Konzert im Le Palace in Paris war für zweieinhalb Jahre das letzte in Frankreich. „Die Franzosen sind so unfreundlich zu uns, bestimmt hat das etwas mit unserem Namen zu tun“, sagte Gahan. „Mir würde es wahrscheinlich genauso gehen, wenn bei uns eine französische Band mit dem Namen Woman’s Own aufträte.“
Anne Berning, die später bei der Stuttgarter Intercord, dem deutschen Partner von Mute, arbeitete, erinnert sich, wie die jungen Synthie-Popper zum ersten Mal nach Deutschland kamen: „Sie tauchten mit ‚Just Can’t Get Enough‘ zuerst in der deutschen Poppresse auf. Das Teenagermusikmagazin Bravo war auf sie aufmerksam geworden und brachte eine Reihe von Features. Zunächst galten Depeche Mode als ausgesprochene Teenieband. Sie waren bei den Mainstream-Teenagern sehr angesagt, aber das war auch alles.“ Doch immerhin stellte das Hi-Fi-Magazin Audio das Album Speak And Spell seinen Lesern schon im Januar 1982 als Platte des Monats vor, nachdem die Band im November 1981 zum ersten Mal für Promotiontermine nach Deutschland gekommen war. Damals verweigerte ihnen das Münchner Park Hilton noch den Zugang zum Restaurant, weil sie keine Krawatten trugen.
Alan Wilder erinnert sich: „Wir wurden ständig gebeten, Popmagazinen wie Bravo Interviews und Fotosessions zu gewähren. Blöde Fotos und Mist kamen dabei heraus. Die deutsche Plattenfirma wollte so viel Kapital aus uns herausschlagen wie nur möglich.“ Aber die Intercord akzeptierte auch, dass die Musiker der Bravo einige Jahre lang keine Interviews mehr geben wollten – was ihnen bei „seriöseren“ und erwachseneren Magazinen viel Respekt verschaffte.
Im Monat nach der Europatour gingen Depeche Mode, wieder ohne Alan Wilder, erneut ins Plattenstudio. „Ich verstand durchaus, dass sie nicht den Anschein erwecken wollten, als würden sie Vince Clarke durch mich ersetzen“, sagt Wilder ein wenig reserviert. „Sie wollten der Welt zeigen, dass sie auch ohne ihn weitermachen konnten. Das war mir klar, aber es war für mich trotzdem ziemlich frustrierend.“
Am 26. April erschien die recht belanglose Single „Meaning Of Love“, die in den Charts auf Platz 12 kam. Das war zwar eine gute Position, aber zur gleichen Zeit kletterte „Only You“ von Vince Clarkes neuer Formation Yazoo, einem Duo, auf Platz 2 – ausgerechnet jener Titel, den er zum Abschied angeboten hatte und den sie abgelehnt hatten. Bei Yazoo sang Alf alias Alison Moyet, ein Mädchen aus Essex. Natürlich freute sich Clarke darüber ebenso sehr, wie sich seine früheren Kollegen ärgerten, und die Medien heizten die Rivalität noch weiter an. Das Magazin The Face besprach beide Singles und kam zu dem Schluss: „Depeche Mode könnten eine Lektion daraus lernen.“ Am schlimmsten war, dass „Meaning Of Love“ tatsächlich wie eine müde Imitation von „Only You“ klang, weil Gore versucht hatte, den melancholischen Stil von Vince Clarke nachzuahmen. Angesichts der Verwirrung und Unsicherheit, die in der Gefühlswelt von Depeche Mode hinter den Fassaden herrschten, überraschte es nicht, dass die Wut auf ihren Exsongwriter 1982 noch eine ganze Weile in ihnen kochte. „Es gab eine gewisse Rivalität, und ich wollte allen gegenüber fair sein“, rekapituliert Daniel Miller, der auch Yazoo unter Ver-trag hatte, diplomatisch. „Depeche Mode machten großartige Platten und Yazoo auch. Damals nahm ich etwa zwei Jahre lang keine neuen Künstler mehr unter Vertrag – von dem Zeitpunkt an, als ich anfing, mit Depeche Mode zu arbeiten, bis 1983, als Birthday Party zu mir kamen. Ich konnte keine neuen Bands unter Vertrag nehmen, weil ich einfach nicht die Zeit oder die Energie dafür gehabt hätte – die ging restlos für die Gruppen drauf, die ich schon hatte. Es gab zwar Probleme, aber keine der beiden Seiten trieb die Situation auf die Spitze. Niemand sagte: ‚Wenn der auf deinem Label ist, dann gehen wir.‘ So schlimm wurde es nie.“




