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Anna Malou
STRANDKORB
und weitere Kurzgeschichten
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2016
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016
www.engelsdorfer-verlag.de
Cover
Titel
Impressum
Strandkorb
Vergessen
Fantasiereise
Miteinander
Macht
Mondlicht
Labyrinth
Bolero
Augenblick
Zeit zum Wiedersehen
Ankommen
Mutter
Seitenwechsel
Susan
Eine Reise zwischen zwei Welten
Ferien vom Alltag oder Protokoll eines Tages
Gartenträume
Zufall
Fremde Heimat
Weihnachten
Weihnachtsmarkt: eine Weihnachtsgeschichte der besonderen Art
Biografie
Bibliografie
STRANDKORB
Sommersonne – Sommerpause – Sommerurlaub – jedes Jahr wieder, lang ersehnt und doch jedes Jahr wieder neu entdeckt.
Auf dem Weg zur Standpromenade kann man sie finden, Mutter, Vater, Kinder, eins, zwei, drei, und der Blick geht auf Mutters Bauch mit Kind Nummer vier auf dem Weg zu ihrem Strandkorb. Für die Kinder ist der Strandkorb Nummer 113 Treffpunkt, Heimat und Verpflegungsinsel, eben der sichere Hafen.
Die Kinder, ein Junge mit fast zwölf Jahren, mit blonden Locken, einem spitzbübischen Lachen, grüne Augen unter langen, dunklen Wimpern. Ein Mädchen, kullerrunde, blaue Augen unter einer dunklen, langen Haarmähne, rosa Outfit in zehnjähriger Größe, zierlich, sportlich, lächelnde Grübchen unter glucksendem Lachen. Der Dritte im Bunde, ein Junge, neunjährig, kurze, blonde Haare, blaue Augen, helle Haut, ruhig, friedlich, freundlich, in neunjähriger Zufriedenheit.
Die Nachbarn des Strandkorbs betrachten sie, eine fast schlanke Frau, Ende dreißig, wenn nicht der Sechs-Monate-Kinderbauch wäre, angestrengt mit ihren Kindern, dunkelhaarig, lockig und grünäugig, ernsthaft. Er, ein wenig jünger, der Vater der jungen Familie, ein großer, sportlicher Mann, blauäugig, zärtlich, fröhlich und liebevoll im Kreise seiner Lieben. Da sitzen sie nun, die Eltern im Strandkorb, den Bauch der Mutter nach vorn gewölbt, in ihrem roten Badeanzug, der genug Platz für das werdende Baby lässt. Der Vater, zufrieden, bärtig, schläfrig und auf Ruhe und Pause bedacht. Die Kinder wie kleine Tiere, immer hungrig nach Nähe, Anerkennung und Verpflegung, fröhlich schwatzend, spielend zu ihren Füßen. Eine Bilderbuchfamilie könnte man denken.
Doch dieser Schein trügt. Die Nachbarin sieht nicht, dass die Mutter nach vielen kummervollen Jahren viel allein war, viel Einsamkeit hatte, von ihrem ersten Ehemann im Stich gelassen, viele traurige Stunden mit ihren beiden Kindern verbracht hatte.
Auch sieht die Nachbarin dem Mann nicht an, dass er viele Jahre der Existenznot hinter sich hat, dass er dieses Kind Nummer drei, seinen Sohn, nur leihweise in den Ferien bei sich hat. Diese Zeit muss reichen für ein Leben, für geliebte Nähe, für alles, was ihm von seinem Kind geblieben ist. Diese Tage gilt es auszukosten mit allem, was möglich ist, was dem Vater und dem Kind Freude macht. Da ist nun Kind Nummer vier, neu, auch hier weiß die Nachbarin nicht, dass dieses Kind der Versuch ist, wieder eine Familie zu haben, die heile Welt wieder herzustellen, ein gemeinsames Kind, eine gemeinsame Brücke zueinander, zu leben.
Es wird viel gespielt, viel gelacht, das Wasser ist herrlich, auch wenn die Wellen so mächtig sind, dass sie um ihr Kind Angst hat und der tobenden Brandung nur den Rücken anbietet. Auch die drei Kleinen müssen beschützt werden vor der tobenden Brandung, vor den Wellen des Lebens. Spiel, Spaß, Freude, doch wo fängt es an, ernst zu werden? Die Eltern, beide verunsichert in ihrem Leben, wissen es nicht immer, hoffen, bangen, wünschen und wollen wieder und wieder alles richtig machen.
Doch die Wellen des Lebens sind teuflisch, tückisch, tosend und traumatisierend. Leben lässt es sich nicht allein, ohne Umfeld.
Und so sitzt die junge Familie im Sonntag ihres Lebens fröhlich, freundlich, fügsam und feinsinnig im und um den Standkorb herum, von der Nachbarin betrachtet, beneidet und liebevoll leidend beguckt. Die Eltern jedoch sind müde von der vielen Sonne im Urlaub, vom Regen des Lebens, von den so stürmischen Zeiten und warten ängstlich auf eine windstill – wunderbare Zeit, die ihre Wunden verheilen lassen soll.
Noch ist es nicht klar, wie sich das noch wundervolle Wetter in den folgenden Monaten und Jahren für sie gestalten wird, um die die kinderlose Nachbarin sie schon heute beneidet.
VERGESSEN
Sommer – Sonne – Strand – jedes Jahr wieder – Urlaub im Märchenland unter Palmen, Vergessen vom Alltag, von Sorgen, Verpflichtung. Schaumkronen verziertes, in sich glitzerndes, schillerndes, smaragdgrünes Wasser, am schier endlosen Horizont begrenzt, schemenhaft von Bergen umzeichnet. Idyllisches Leben im Vakuum, ohne Ziel, ohne Sinn, Entspannung pur, losgelöst von allen Problemen dieser Welt. Samtweiches Wellenrauschen im monotonen Rhythmus der Glückseligkeit, ein Auf und Ab der Gezeiten, der Gefühle. Wärme um mich, lauer Wind und innere Glückseligkeit und doch – ich kann dich nicht vergessen.
Früher, als alles noch einfach war, als der Alltag das Leben – mein Leben – bestimmte, war kein Raum für echte Gefühle. Monotones Ringen, um die Probleme des Alltags zu meistern. Doch jetzt, in zauberhafter Auszeit die Erkenntnis, dass Gedanken nicht aufhören, gedacht zu werden, dass Sehnsucht nicht aufhört, sehnsüchtig zu sein, dass Vergessen von Lebens entscheidenden Ereignissen nicht möglich ist. Eine Liebe lässt sich nicht ausziehen wie eine gebrauchte Strickjacke, eine Liebe wehrt sich gegen das Vergessen.
Gemeinsames Miteinander, von Glückseligkeit umrahmt, lebt und atmet immer und an jedem Ort auch noch nach Jahren. Erinnerung total, an traumhafte Zeiten, Stunden der Nähe in wirklichkeitsfernem Land. Ich bin für dich da – du bist für mich da, und trotzdem vergessen, vorbei, was bleibt übrig nach so langer Zeit? Innere Sehnsucht, Gedanken, Wünsche und Träume von gelebtem Leben ohne jede Schranken.
Ablenkung muss sein, Sightseeing total, fremdes Land, fremde Menschen, Städte, Bauwerke und alles, was dazu gehört – und doch, Vergessen nicht möglich. Der Blick auf die Kathedrale und in mir du – ich denke an dich, als ich die Baukunst der Kathedrale bewundere. Ich denke an dich, wenn ich am Strand zum zehnten Mal unseren Lieblingssong höre, ich sehe dich in dem fremden Mann, der mir gerade entgegenkommt. Ich kämpfe um Abstand, um Zeit zu gewinnen, und doch, du bist da, immer und ständig, und heute und morgen, in Gedanken, in Situationen, im Hier und Jetzt und im Übermorgen.
Ich weiß nicht, wie man Vergessen schreibt, buchstabiert, lebt. Ich arbeite daran, ich versuche es, aber es gelingt mir zum Glück – nicht.
FANTASIEREISE
Schmerzen, Angst, Einsamkeit – Krankheitstage, besonders im Krankenhaus, sind nicht einfach. Und doch bieten sie dir die Chance auf eine Reise in ein fernes Land.
Nach wenigen Buchseiten vergisst du alles: Du weißt nicht mehr, wer du bist, wo du bist und was gerade aktuell um dich herum geschieht. Du atmest tief und tauchst ein in die Welt der Fantasie, begibst dich auf eine Reise in ein fremdes Land, in die Seele von anderen Menschen. Dir wachsen Flügel und du entschwebst in eine andere Welt, die dich fasziniert, interessiert, beeindruckt, bewegt. Du lernst so ganz nebenbei eine Menge von anderen Ländern und Kontinenten und von den Problemen und Lebensumständen anderer Menschen. Und du erfährst, wie andere Menschen ihre persönlichen Probleme auf ihre persönliche Art und Weise lösen, so dass du eine Möglichkeit hast, deine eigenen Probleme in ähnlicher Art und Weise anzugehen.
Du erlebst die Revolution in China, die Safari in Afrika, den Untergang der Aborigines in Australien und das Ganze geschieht nahezu kostenfrei, sozusagen so ganz nebenbei, ohne dass du dich von der Stelle bewegen kannst oder musst.
Sei dankbar für das Buch, das dich auf seinen Schwingen fortträgt in eine andere Welt, das dir die schönen Seiten des Lebens immer wieder nahebringt, auch wenn um dich herum so manches Mal die Sonne untergeht.
Was wäre das Leben ohne die Fantasie, die es dir ermöglicht, viele Leben gleichzeitig zu leben! Das Buch ist die Brücke dazu.
MITEINANDER
Da sitzen sie nun – miteinander – Augen schweifend zusammen allein in der Fremde. Alles haben sie mitgebracht, einen Koffer voller Leben. Jeder trägt ihn mit sich und hält ihn fest, solange er kann. Veränderung an sich ist schon ungewohnt, macht Angst und produziert schlaflose Nächte. Das Leben als Sackgasse, aus dem es keinen Weg zurück mehr gibt. Gerne würde sie weiterfahren, nach vorn, in eine gesicherte Zukunft. Jedoch ist die Sackgasse eng, das Auto schon alt und sie selbst erstickt an den Abgasen.
Blickt sie herum, sieht sie in leere Gesichter, alte Augen, die müde geworden sind vom ständigen Alltag. Fassade ist vieles, Goldkettchen und Gucci, jedoch das Wesentliche bleibt, egal wohin sie gehen. Ständig der Versuch, so zu tun, als ginge es uns gut, doch hinter der gut getünchten Fassade, da bröckelt es überall. Illusionen ins Leben – schon lange weggeworfen – vermögen den Spiegel nicht wegzunehmen vor der Realität, die Falten, sie zeigen ein gelebtes Leben nach vielen Jahren.
Dort sitzt sie, eine Frau in mittleren Jahren, viel zu sehr ausgezogen als es ihrem Alter entspricht. Grell geschminkt und geschmacklos gekleidet, als letzter Versuch, die Aufmerksamkeit doch noch zu erhaschen. Seufzend sieht sie auf viel zu dicke Bäuche, Männer ohne Haare, auf jung getrimmt, ohne Sprache und Ziel.
Die Bar, das Roulette des Lebens, die Kugel als Drink rollt über den Tresen und trifft dort fast jeden. Minuten und Stunden vergehen, gefühlte Lebenszeit als Ausgleich vom Alltag, doch keine bezahlte Rechnung nach den Jahren der vielen Entbehrungen.
Lachen in Gruppen, aufgesetzt, zwischendrängelnd, laut, niveaulos und immer wieder neu. Ein gewechseltes Wort, zwei gewechselte Augenblicke, drei fruchtlose Versuche, ein ernsthaftes Gespräch in der halbseidenen Atmosphäre der Urlaubsglückseligkeit zu beginnen.
Schon wieder eine neue Gemeinsamkeit, die sich wortlos dazugesellt. Zu zweit sind sie unschlagbar, auch wenn sie mit einander schweigen, bis ihnen nichts mehr dazu einfällt. Der Paarlauf des Lebens, alt erprobt und jung bespöttelt, und doch, was würden sie ohne einander tun?
Sie, Ende fünfzig, Haare gefärbt und kosmetisch erprobt, Brille in Gold, aber dafür kräftig geschminkt, so dass ihre Falten am Mund wie die Gletscherspalten über dem Lippenstift verlaufen. Gute Figur, aber etwas füllig, ein kleiner Bauch macht eben schön, aber beengt den Hosenknopf trotz allem. Er, jugendlich wirkend, aber mit müden Augen, noch keine Brille, aber Vollbart gepflegt, modisch geschmackvoll gekleidet, auch wenn die Socken dabei fehlen. Beide – stellvertretend für so viele – im vorprogrammierten Leben.
Viele der Frauen, allein und in Gruppen, redend, wartend, mit ihren suchenden Augen, traurig trotz allem, vom Leben allein gelassen und nicht immer umsorgt, letzter Versuch in den letzten Jahren, Versuch für ein letztes Miteinander auf der Verzweiflungsspur der permanenten Einsamkeit. Im Roulette der Eitelkeiten angekommen, belauern sie jede als Konkurrentin am Gegenüber der Bar. Lachen trotz allem – auch wenn es schwer fällt, denn es gilt einfach wie immer, den Schein zu wahren.
Wir sitzen zusammen – wie schön – und genießen den Abend. Entspannende Momente nach getaner Arbeit der letzten Monate. Und doch – was bleibt, wenn die Tage vergehen, wenn wieder ein neuer Traum vorbei, zerplatzt wie eine Seifenblase und davongetragen vom Wind, der permanent am Strand zu kräftig weht?
Wir genießen die Zeit, wir verbringen sie mit einander, wir freuen uns auf sie und doch – was werden wir tun, wenn auch diese zu Ende? Werden wir weitermachen wie bisher oder werden wir einen neuen Traum träumen, ein neues Miteinander leben, bis die Realität uns einholt?
MACHT
Stürmischer Applaus dröhnt durch die Aula, alle stehen und freuen sich, als die neue Chefin ihren Dienst antritt. Kommunikatives, seichtes Wortgeplänkel kreist allenthalben, leicht Witz und Spaß unterlegt, entspannte, aber auch erwartungsvolle Atmosphäre.
Doch schon am nächsten Morgen beginnt der Alltag, ein neuer Alltag mit neuen Maßgaben und Vorzeichen und neuen Verordnungen.
Herr K. muss ins Chefzimmer zum Gespräch unter vier Augen. Was sie wohl von mir will? denkt er sich. Mit Unbehagen betritt er das Vorzimmer, fieberhaft in seinem Inneren nach Verfehlungen irgendwelcher Art suchend. Doch es ist nichts zu finden, bei ihm jedenfalls nicht, da ist er sich sicher, völlig sicher. Trotz allem betritt er etwas verunsichert das Zimmer seiner neuen Chefin, die er zurzeit noch so gar nicht einschätzen kann. Sie verwickelt ihn schnell in ein Gespräch, fragt ihn nach seiner Einschätzung eines Sachverhaltes, gibt sich locker und freundlich, was dazu führt, dass auch er sich entspannt und anfängt, freizügig mit ihr zu plaudern. Schön, es gibt eine Atmosphäre zum Wohlfühlen.
Schließlich, die nächste Stunde beginnt, und er ist Dienst beflissen und erhebt sich. Beim Herausgehen sagt sie noch etwas, so ganz nebenbei, was ihm den Atem stocken lässt, was er so nicht auf sich sitzen lassen will und kann. Jedoch ist es Zeit, er muss gehen, was sie ihm auch eindeutig mitteilt. Auf einmal reicht die Zeit nicht einmal mehr für einen weiteren Satz, seinen Satz, den er braucht, um nicht an dem Sachverhalt zu ersticken. Doch sie schickt ihn zügig und bestimmt zur Tür hinaus und ist bei Weitem nicht mehr an seiner Meinung interessiert.
Da geht er nun und es brodelt der Sachverhalt, eben gesagt, lebt in ihm weiter, läuft hoch und runter, hin und her und schließlich hat er Magendrücken, als er mittags erschöpft von seiner Arbeit nach Hause fährt. Noch immer kreist die Mitteilung seiner Chefin – so nebenbei gesagt – in ihm, packt ihn, würgt ihn und lässt ihn einfach nicht los. In der Nacht wird er wach, träumt von dieser Situation mit seiner Chefin, kann nicht wieder einschlafen.
Morgens, unausgeschlafen, verunsichert, geht er noch pünktlicher als sonst zur Arbeit, begrüßt seine Chefin höflich und distanziert und tut so, als sei nichts vorgefallen. Und immer noch leben in ihm die Gedanken an die gestrige Situation.
Schließlich spricht er mit wenigen Vertrauten, Kollegen, darüber, möchte deren Meinung wissen und zeigt sich sehr erstaunt, dass andere anders darüber urteilen. Andere fühlen nicht seine Gefühle, andere fühlen nicht seine gefühlten Verletzungen. Was ist zu tun?
Immer wieder fragt er sich, ob er zu empfindlich sei, weil er das empfindet, was er empfindet. Tage vergehen und fast schon Wochen, doch seine Empfindlichkeit bleibt. Schließlich fasst er sich ein Herz und beschließt, mit ihr zu sprechen, mit ihr, die seiner Meinung nach die Schuld an seiner Misere trägt. Doch vorerst hat sie keine Zeit- jedenfalls nicht für ihn- was er erneut als Kränkung empfindet.
Schließlich, nach Tagen, sitzt er ihr gegenüber und versucht, an der Situation von vor Monaten wieder anzuknüpfen. Sie jedoch weiß nichts mehr, kann oder will sich einfach nicht mehr erinnern. Er fühlt sich unverstanden, lächerlich, traurig und deprimiert. Trotz aller Widerstände bringt er sein Anliegen vor. Sie lächelt, will verstehen, ist sich aber keiner Schuld bewusst, wiegelt ab und versucht, aus der für sie unsympathischen Situation zu entfliehen. Schließlich, es klingelt, sie atmet auf, erleichtert, dieser für sie unbequemen Situation entledigt zu sein. Er, frustriert von seinem vergeblichen Versuch, seine Beschwerde abzuladen, seine Albträume loszuwerden, geht seiner Wege, doch es bleibt etwas in ihm zurück. Er behält seine Gedanken, seine Gefühle und seine Verzweiflung. Weiterhin fühlt er sich unverstanden und gedemütigt und machtlos, und es macht ihm doch etwas aus.
Machtspiele sind eben nicht jedermanns Sache.
MONDLICHT
Sie treffen sich – wieder – nach vielen Jahren. Jetzt nicht mehr jung, sondern Falten umlegt, verändert, aber mit mehr Lebenserfahrung. Noch immer kennen sie sich gut – zu gut – es ist, als ob die Welt stehen geblieben sei.
Noch immer blickt er in ihr Herz, in ihre Seele, noch immer klopft ihr Herz, wenn sie ihn trifft. Vielleicht waren sie doch für einander bestimmt gewesen, vielleicht waren sie nur zu jung, um es zu merken. Vielleicht wären sie gemeinsam andere Wege gegangen, vielleicht gäbe es dann das Wort „wenn“ in ihrem Leben nicht. Kann man nachholen, was vorbei ist? Kann man nachleben, was bereits gewesen ist? So recht wissen sie es beide nicht, verunsichert in ihrem Leben, in dem es zwar immer Bezugsmenschen gab, aber vielleicht nie die Richtigen. Gedanken laufen zurück und voraus, leben ein eigenständiges Leben. Vertane Chancen auf neue Gemeinsamkeit mit einem ungewissen Morgen. Jedoch in jedem Treffen wohnt ein Leuchten, scheint die Sonne für beide in einem hoffnungsvollen Frühling.
Und irgendwann treffen sie sich regelmäßig, warten auf einander und wollen ein regelmäßiges Miteinander. Überraschung gewünscht, keiner von beiden weiß, wohin ihr – gemeinsamer? – Weg gehen wird. Nach Jahren hat jeder sein Leben, lebt jeder an unterschiedlichen Orten mit unterschiedlichen Menschen. Und doch suchen sie Wege zueinander, miteinander, füreinander. Und das Glück ist auf ihrer Seite, wann immer sie sich treffen.
Jedoch, unwahrscheinlich ist die gemeinsame Zukunft in einem Alter, in dem es schwer fällt, bei romantischem Mondschein an eine Zukunft zu glauben.
LABYRINTH
Manchmal steckst du mittendrin, siehst keinen Weg, kein Ziel, keinen Horizont, keinen Ausweg. Mauern umgeben dich, so hoch, dass du einfach nicht mehr über sie hinweg blicken kannst. Du findest jedoch keinen Ariadne-Faden, der dich herausbringt aus diesem Labyrinth. Du bist voller Angst und Verwirrung, du hast völlig die Orientierung verloren, du fühlst dich einsam und so sehr von der Welt abgeschnitten.
Das Einzige, was du in einer solchen Situation, in deiner Situation, hast, das sind die Kinder, deine Kinder, die mit ihren leuchtenden Augen etwas von dem fernen und so sehr vermissten Horizont erahnen lassen. Du drehst dich im Kreis und läufst los, doch das nur, um immer wieder in dem nächsten Irrweg anzukommen. Dein Verstand sagt dir, für alles gibt es einen Ausweg, eine Lösung, doch du hast dich so sehr verlaufen, dass dir schwindelig ist, dass du jede Perspektive verloren hast, dass dir zunehmend mehr der Mut fehlt, einfach noch einmal loszulaufen und den Ausgang aus deiner Misere zu suchen.
Also, was machst du? Du bleibst stehen, verharrst mit klopfendem Herzen, fieberhaft arbeitet dein Geist und schon breitet sich die nächste Fata Morgana vor dir aus. Du zögerst, du wartest, du glaubst nicht mehr an Wunder, das hat dein Leben dir abgewöhnt. Und doch, du hast Hunger nach Nähe, du verdurstest vor Einsamkeit, du bist leblos geworden und ringst mit dem spirituellen Tode.
In dieser Situation erwachen jedoch deine Selbstheilungskräfte wieder, sie lassen dich prüfen, was an dieser so fernen Fata Morgana wohl dran sei. So läufst du schließlich doch, plötzlich und unerwartet los, in kleinen, vorsichtigen Schritten, dich langsam vorantastend, dich selber bestärkend, dass es immer einen Weg, einen Ausweg aus der noch so verfahrenen Situation, gibt. Es stürmt, es regnet, doch du versuchst, dem Sturm zu trotzen, dem Regen die Stirn zu bieten, dich nicht unterkriegen zu lassen. Du bist kalt und nass und vor lauter Zittern, vor Angst und Kälte kommst du kaum voran, immer deine beiden Kinder an deinen Händen, diese Kleinen, die du so sehr beschützen willst. Du versuchst dir so sehr den Weg zu merken, du, der jede Art von Orientierung so schwer fällt, jedoch was bleibt dir anderes übrig, wenn du deine Kinder behalten, beschützen willst?
So vergehen die Stunden, die Tage, die Wochen und Monate, und du bist am Leben geblieben, du stellst fest, dass es auch hier in diesem Labyrinth von Pflichten und Verantwortung manchmal Sonnenstrahlen gibt, die beginnen, dir den Weg zu weisen. Du lächelst endlich wieder, das erste Mal nach Monaten, weil du merkst, dass du bereits in den Außenirrwegen des Labyrinthes umherwanderst. Wieder bleibst du stehen, wieder musst du tief Luft holen und verschnaufen, weil der Weg und das Ziel dich derartig anstrengen. Immer wieder musst du über neue Hindernisse steigen, immer wieder ist dein Weg von Kakteen gesäumt, die dir fürchterliche Schmerzen bereiten. Schließlich lauert eine Klapperschlange und will dir eine Falle stellen, jedoch du zeigst deine Angst nicht, sondern nimmst schließlich dein Küchenmesser und tötest sie. Jetzt kannst du feststellen, dass auch diese Kreatur nur ein armer Wurm war, jemand, vor dem du eigentlich hättest keine Angst haben müssen.
So vergehen wieder die Tage, Wochen und Monate und schließlich stellst du fest, dass offensichtlich die Richtung stimmt und du dich immer weniger häufig verläufst. Deine Schritte werden größer, dein Tempo wird schneller und endlich erscheint ein Licht, ein Leuchten am Ende des langen Ganges. Noch immer hältst du deine Kinder krampfhaft fest, hast Angst sie alleine laufen zu lassen, sie zu verlieren, als du schließlich am Ausgang in der warmen Sonne stehst. Du bist ganz geblendet von ihrer Schönheit und traust dich nur langsam, ihr in die Augen zu sehen, denn zu lange hast du deinen neuen Weg aus der Finsternis gesucht.
Du hörst Reden und Lachen, viele liebevolle Menschen haben sich um dich herum versammelt und du genießt es, dass du wieder im Leben angekommen bist.
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