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Er ging nach Haus; alle schienen schon zu schlafen; nahm das Notwendigste mit und stieg hinunter in den Garten. Er sah sich nicht mehr um, das Vaterhaus sollte vergessen sein. Durch die Pforte entkam er auf die Wiese, dann an das Flußufer, bestieg das Boot und fuhr zu. Er rechnete auf zwei Stunden Ruderns im sternenlosen Dunkel, barhäuptig und den Wind vom Meer auf der Stirn. Statt dessen wäre er, nahe der Flußmündung, beinahe in einen Zug von Lastkähnen hineingefahren. Die Stimme, die ihn anrief, klang bekannt. Dann ward eine Laterne erhoben. »Schlüter?«
»Der junge Herr! Soll ich vielleicht doch noch umkehren?«
»Wohin fahren Sie denn?«
»Und Sie?« fragte der Lagerverwalter mißtrauisch.
»Ich komme zu Ihnen hinauf.« – Als er oben war: »Mein Vater schickt Sie fort? Wegen des Konsuls Ermelin? Nur heraus damit!« Er sah die Kähne entlang: »Getreide?«
»Wegen des Getreides fahre ich,« gestand der Verwalter. »Auch wegen des Herrn Konsuls, damit er in den Reichstag gewählt wird. Aber bei der Gelegenheit schaffen wir gleich das Getreide fort, es ist zu billig.«
»Zu teuer, meinen Sie?«
»Der junge Herr kennt das Geschäft noch nicht. Das Getreide ist noch vor dem neuen hohen Schutzzoll hereingekommen, und viel billiger als das hiesige, es verdirbt den Preis. Es muß aus dem Land, ich fahre es hinüber.«
Der Sohn schwieg hierauf lange im Dunkeln. Als er dies ganz erfaßt hatte: »Sie helfen das Brot zu verteuern, Sie, ein Sozialdemokrat?«
»Grade darum. Ihr Vater kann zu so etwas nur Einen brauchen, der noch mehr auf dem Kerbholz hat. Man will doch wieder zurück dürfen. Ich rede nicht. Sie können beruhigt sein, junger Herr.«
»Ich bin es. Aber Sie müssen allein hinausfahren. Ich gehe in mein Boot zurück und lege an.«
Von unten fragte Terra noch: »Was machen Sie, wenn die Zollwache Sie anhält?«
Der Beauftragte seines Vaters rief herab: »Dann kehre ich um und versenke alles.«
Darauf griff der Sohn noch schneller aus. Er fuhr auf den Meeresstrand auf, und durch das wehende Gras ging er den wohlbekannten Weg in das Dorf, nach dem Wirtshaus, das ihn zu jeder Zeit des Lebens schon aufgenommen hatte, als lachendes Kind mit den freundlichen Eltern, als übermütigen Schüler unter vielen, nicht weniger graden Herzen, als Herangewachsenen mit Seinesgleichen, denen es nicht fehlen konnte. Mißverständnisse, dies Alles. Niemals war so das Leben gewesen. So war nur die Unwissenheit, die besonnte Oberfläche. Eines Tages erfuhr man eine Wahrheit, sie war ungeahnt und so furchtbar, daß Dir für immer Spiel und Lachen verging. Andere Wahrheiten gliedern sich an, die Kette wird schwerer und schwerer. Du trägst sie durch das freieste Leben als Sträfling.
In dem schlechten Zimmer unter der niederen Decke stand der Sohn und durchdachte die Miene seines Vaters, seine Miene in großen Augenblicken, seinen Ausdruck, wenn er mit sich allein war, sein Gesicht bei Nichtigkeiten, die, wer weiß warum, ewig unvergeßlich sind. Die Decke war geschwärzt von der rauchenden Lampe. Jetzt prasselte Regen an das Fenster. Das Meer dort hinten hub Schläge zu rollen an. Das Haus in Wetter und Weite bebte wie ein Schiff. Der Sohn suchte, atemlos und verzerrten Gesichtes, nach dem Gesicht eines schlechten Menschen, der sollte sein Vater sein. Er fand es nicht. Dafür vernahm er in seinem Herzen jenen Tonfall von heute Mittag, der wohlwollend, kundig und sogar schüchtern klang. Das war der Freund des Verbrechers Ermelin? Dann wissen wir um unsere eigenen Taten nicht, und eben dies ist das Hoffnungslose.
Was weiß wohl die Mutter, vornehm und kindlich sicher. Aber jener junge Leutnant, den der Sohn, noch halbwüchsig, einst durch alle Räume jagte, bis er ihn im Musikzimmer der Mutter aus einem Vorhang zog? »Ach! ich glaubte, Dein Vater sei es,« sagte der Leutnant und lachte erleichtert.
Das Haus erbebte, den Sohn kam ein Schauder an. Er selbst hatte mit heiterem Mund seine Eltern bestohlen, um zu Weibern zu gehen oder auch um ein Vergnügen, von dem man hätte sprechen können. Er hatte Freunde verleugnet. Feige Handlungen und unreine Beweggründe waren sein menschlicher Gewinn, noch bevor er einundzwanzig Jahre alt ward.
Auf einem Strohstuhl über sich selbst gebeugt, ließ er die Gesichte heraufsteigen. Unheil und kein Ende, auch die Schwester erschien: in verdächtiger Gasse am Arm seines eigenen Freundes, heimlich fortgetrieben unter fallendem Regen. Das Lachen der Frau von drüben! Er weigerte sich nicht länger, es zu verstehen ... Keine der kindlich verehrten Gestalten stand noch fest – und keiner der alten Glaubenssätze! Mit eben dem Freunde, der ihn jetzt verriet, hatte er an stolzen Tagen und in erhitzten Nächten bezweifelt, was irgend Gesetz war. Entfesselter Geist, erhaben über Sitte, Bekenntnis, Menschenfurcht, hingeflogen, wo nicht mehr Welt und auch nicht Gott war, – um jählings niederzustürzen vor die Füße einer Frau.
Er fuhr auf, ihm brannte das Gesicht. Die Frau, die er liebte, um derenwillen er floh. Alles abbrach. Alles wagte! Kommt sie schon? Die verabredete Stunde! Aber daß sie nur jetzt mich nicht ertappt! Jetzt, da ich die Beute meiner Zweifel bin. Erhabenheit des unbeugsamen Geistes, Empörung noch unerbittlicher Moral – sollten sie nichts weiter gewesen sein, als Fallstricke der Sinne? Flucht! Aufruhr! – aber wann, in welchem Zeitpunkt? Als mein Vater mir den abenteuerlichen Verkehr verbot ... So ist mein Aufruhr Vermessenheit und Lüge. Im Grunde bin ich wie Jedermann. Ich würde zu allem geschwiegen, alles leicht genommen haben, ließ man mir nur die Begehrte. Sie soll nicht kommen, ich schäme mich.
Wie aber? Es wird Tag? Er riß das Fenster auf. Rauhe Stille; erstes Grauen ohne Hoffnung auf Sonne. Wolkenbänke tief auf glanzlosem Meer. Atmen – wir atmen doch. Und hab' ich mich belogen, jetzt weiß ich die Wahrheit, auch diese letzte, daß ich ein schlechter Kerl bin. Ich fliehe mit einer schlechten Frau, so ist es, so bleibt es, ich will es nicht anders. Daß sie noch nicht kam, das hat sie gut gemacht. Jetzt mag sie kommen!
Er ging zu der Haltestelle der Bahn. Sie saß dann also in dem Frühzug, er sollte gleich einsteigen zu ihr, und fort, aus der Nacht des Erkennens und der Abschiede geradenwegs hinein in das Leben, wie es ist. Nur kein Nichtsehen mehr, keine betrügerische Wohlanständigkeit! Mit der Abenteurerin verbündet, ein großer Mann werden, ein Lump oder ein Tropf – »nur wissen um mich! Die einfachste Menschenwürde verlangt die Befreiung meines Gewissens. Man soll mir in das Gesicht schlagen, nur ich selbst will es nicht tun müssen.«
Der Zug, – da bin ich! Aufgerissen die Türen, sie saß hinter keiner. Er trat zurück, betäubt, ganz ratlos. Es war doch hart, sie hätte kommen sollen. Sie verließ ihn genau zu der Stunde, da alles ihn verließ. Jetzt heißt es, ganz allein mit Deinem aufgeklärten Gewissen hinausfahren in das Leben, das noch soeben Reiz und Zauber gehabt hatte durch sie. Auf einmal war es fahl und leer, wie hinter dem wegfahrenden Zug die morgendliche Meeresfläche. Ziehe Deinen Kahn vom Strand, steuere hinaus, kehre nie wieder! Du wirst vom Leben nur den Tod gekannt haben, aber vielleicht hat Mangolf recht, und er ist der bessere Teil ... Auch von der anderen Seite kam ein Zug, Terra stieg ein, ohne zu überlegen, Flüchtling, auch wenn er heimkehrte.
Am Bahnhof sah er, es war erst sieben. Er ging nach Hause, das Fenster im Zimmer seiner Schwester stand schon offen; es zog ihn zu ihr, er eilte hinauf, er riß die Tür auf, – da fuhr er zurück.
Die Wut verzerrte sein Gesicht so ungeheuerlich, daß die Schwester, schon bereit, gegen ihn vorzugehen, ergriffen stillhielt. Der Freund, abwechselnd bleich und rot, rang mit der Scham, dem Hochmut, der Lust zu schaden. Das Paar suchte sich nicht, als der Bruder nun dastand; es trennte sich.
Terra, mit wildem Hohn: »Die Lage berechtigt mich, zu fragen, ob Du Lea zu heiraten gedenkst.«
Worauf Mangolf: »Ich befinde mich in Übereinstimmung mit Lea, wenn ich Nein sage.« Und die Schwester nickte dazu trotzig.
Terra zog erst jetzt die Tür zu. Er trat vor, als nähme er einen Anlauf; mit Blicken von ihm zu ihr schien er auszumachen, wen von Beiden er anspringe. Da er sich nicht entschloß, sagte Mangolf ruhig, fast demütig: »Wäre es nicht vorzuziehen, daß ich gehe? Ich bin sicher, mit Deiner Schwester verständigst Du Dich dann alsbald.«
Terra knirschte, noch immer in geduckter Haltung. »Meine Zustimmung zu Deinem Abgang bekommst Du nur gegen Dein feierliches Ehrenwort, daß dies im ganzen Leben unsere letzte Begegnung gewesen sein soll.«
»Das dürfen wir nicht hoffen. Wir dürfen es auch nicht wünschen.«
»Ich erflehe es vom Schicksal.« Terra schlug sich auf die Brust. Mangolf, traurig und ironisch:
»Ich fühle, wie das Schicksal nein sagt. Lebt Beide wohl!«
Die Schwester schloß das Fenster, sie blieb davor stehen. Da sie ihn aber keuchen hörte, als liege er und sterbe, erschrak sie und sah hin. Er stand, die Stirn am Kleiderschrank, und hielt sich die Schläfen. Als er ihre Stimme hörte, »Klaus«, fuhr er herum wie gestochen. »Achte wenigstens meine Erniedrigung!« Scharf schreiend: »Lauf ihm nach! Bezähme Deinen namenlosen Drang nur nicht! Wirf Dich ihm schnell noch einmal vor die Räder, bevor der Feigling Dir durchgeht!«
Er hörte nicht, daß sie Einspruch erhob.
»Ich sah euch in der Hafenstraße. Gott gnade Dir, er schlenderte nur so als Anhang mit, der Verrat stand ihm auf der Stirn.«
Mit verzweifeltem Gelächter und vor Augen die Frau von drüben: »Das kennt man! Laß Deine Würde hier nicht verschimmeln, lauf' ihm nach!«
Erschöpft fiel er auf einen Stuhl, sie kam zu Wort:
»Es handelt sich um meine Würde nicht. Ich bin keine Verlassene. Ich will zum Theater.«
Der Bruder, erschöpft: »War dies die Vorbereitung?«
»Höhne nicht. Du weißt nicht, wie wahr Du sprichst. Ich habe letzthin so viel erfahren, daß selbst die vollsten Häuser von mir noch werden lernen können.«
Sie stand ausdrucksvoll gereckt; das weiße Gesicht, die roten Lippen verkündeten von oben ihren Schmerz und ihren Mut. Der Bruder sah von unten zu, der Mund blieb ihm offen. Dann begann er vertraulicher. »Wenn wir denn Ausnahmen wären, – man ist es doch nur in gehobenen Stunden. Dazwischen aber liegt das Leben, mitsamt dem Theater, das ein einfacher Broterwerb ist.«
Hochmütiges Lachen, und sie sagte: »Ich fühle mich stark genug, um über die toten Stunden glücklich hinwegzukommen.«
»Du? Mit einem Gewissen, wie das unsere?«
Mochte sie sich noch stolzer recken, er sagte: »Auch Du wirst zu Kreuz kriechen. Noch vor einer Stunde glaubte ich mich gewappnet gegen das Leben der Mittelmäßigen. Es hat mich wieder gründlich in der Zange.«
Die Schwester sah seinen Mund zucken, sanft sagte sie: »Jemand hat Dich enttäuscht. Gib nicht Dir und mir die Schuld. Wollen wir zusammenhalten?« Sie näherte ihm ihre schöne und noch kindliche Hand.
»Nur keine übereilten Vertraulichkeiten!« sagte er scharf.
»Wir haben uns nicht sehr beeilt. Mußt Du böse sein, weil Du jetzt wieder als kleiner Junge dastehst?«
Seine Brust hob sich. Schluchzen wollte aufsteigen, er fühlte: »Es zog mich zu Dir, drum bin ich noch da. Zu Dir allein auf der Welt.« Aber er dachte: »Um Gotteswillen, dezent bleiben!« Er nahm ihre Hand, um sie wohlwollend zu streicheln.
Sie beugte sich ihm in den Nacken, damit er sich nicht schämen sollte, ließ den Arm, um ihn zärtlicher zu stimmen, über seine Schulter hängen, und murmelte: »Wie? Du hast mit ihr abreisen wollen ... Jemand sagte es.«
Der Bruder war nicht im Zweifel, wer dieser zögernd erwähnte Jemand sei. Und ihr Arm, ihre lockende Stimme! Sie benahm sich wie eine Frau, wie – Jene. Er hielt still, und er schwieg.
»Ich wußte auch. Du wartetest dort draußen vergebens.«
»Warum?«
»Weil sie drüben sitzen blieb, bis lange nach Abgang des Zuges, und erst spät das Haus verließ.«
Er wandte sich schnell um. »Ich sehe, wir sind Beide bestimmt, manches Stückchen zu erleben ... Ich gehe hinüber.«
»Sie ist doch ausgezogen«, rief die Schwester ihm nach. Er kehrte um. »Du weißt wohl, was Du sagst?«
»Sie ist ins Hotel gezogen, ich weiß nicht in welches. Wie siehst Du aus. Tu' mir nichts!«
Er stürmte die Straße hinan. Sie war steil, der Wind strich her, ihm stockte der Atem. Der Körper meinte zu erstarren, so weit voraus lief ihm die Seele. Am Markt dahinter ein Wagen, noch hält er, ihn einholen! Das Gepäck darauf, – und als sie hervortrat und einstieg, war auch er da. Er schwang sich von drüben in den fahrenden Wagen, sogleich ergriff er ihre beiden Handgelenke, er bog sie. »Du wolltest abreisen, gestehe!«
»Was ist da zu gestehen.« Sie suchte ihr Gesicht dem Fenster zu nähern, sie hatte Furcht!
»Ich zerbreche Dir die Hände.«
Sie schrie auf, unvermittelt aber sagte sie mit ihrer gewöhnlichen klaren Stimme: »Der Fürst hat geschrieben. Er versöhnt sich mit mir. Was kannst Du danach noch wollen?«
»Dich«, sagte er, bog ihre Gelenke und küßte sie, in ihren Mund gewühlt, wie gestern Nacht am Hafen.
»Zum Hafen!« rief er hinaus. Die Schenke von gestern! – und darüber im Hause ein Zimmer für die Verrichtungen der Hafendirnen, unter denen sie gestern sich verloren hatte, denen sie glich! Fühlst Du, wer Du nun bist? Dies tat Dir not, um unter meinen Händen weich zu werden.
In das Zimmer ließ sie sich tragen, auf das Bett ließ sie sich werfen. Das Zimmer roch wie eine leere wattierte Schachtel, nach einem verbrauchten Inhalt. Das Bett hatte Vorhänge, und oben vereinigte sie ein Spiegel.
Der Zwanzigjährige sagte ihr rachsüchtig in den Mund: »Und jetzt? Kommst Du jetzt mit mir?«
Glücklich seufzend sagte die Frau von drüben: »Dummer Mann, das hättest Du früher haben können.«
»Ich will, daß Du mit mir kommst.«
»Der Fürst hat aber geschrieben« – gähnend.
»Du wärest fähig, hinzugehen?«
»Selbstverständlich.«
Er hob die Fäuste. Sie sagte in der Abwehr: »Es ist nun so.«
»Daß Du mich quälst? Daß Du Dich verkaufst? Daß Du uns um unser ganzes Glück bringst?«
»Daß wir vernünftig sind«, schloß sie und zog ihn zu sich herab.
Er hatte gewütet, hatte vor Schmerz gebrüllt, vor Trauer geweint, – nun denke nicht mehr, genieße! Ihr Leib ist weiß, wie eine Ampel, geschmeidig, wie ein kämpfendes Tier. Er breitet aus der Armut dieses verdächtigen Gelasses sich hinaus und wächst Dir in das All, Du bist von ihm voll. Schweige, trink', gebannt an ihr dämmerndes Gesicht, fließende Ahnungen in Dich hinein. »Sie ist eine fremde Frau, und hat das Haar meiner Schwester. Eine Dirne, und hat, gereifter, ihren Mund. Ich küsse ihren Mund, jetzt kenne ich erst meine Schwester. Verschwistert ist diese ihr und mir. Wir alle sind eins.«
Sie fragte: »Wovon ist Dein Gesicht so schön?« denn es war schwärmend, war selig aufgelöst.
»Von Dir ein Kind!« sagte er glühend; und wie sehr sie ihn auslachte, sich empörte und ihm ihren unversehrten Leib zeigte: »Von Dir ein Kind!« – bis sie an ihm hing, bittend und ergeben.
Endlich nochmals: »So soll ich ohne Dich hinausgehen.« Darauf sagte sie: es klinge schlimm und sei doch nur das Leben. Man gewöhne sich, allein zu sein und dennoch überall abzuhängen. Dieses Beides sei es. »Mir kann es nichts anhaben.«
»Ist denn das Leben nur geschaffen, um uns nichts anzuhaben? Welchen Zweck hat es?«
»Diesen!« sagte sie im Kuß.
Zweites Kapitel. Die Ringer
Nach einigen Semestern an Universitäten, deren absichtsvoll erhaltene Romantik ihn in seiner modernen Geistesverfassung nur bestärkt hatte, ging Wolf Mangolf, um seine Studien abzuschließen, 1894 nach München. Dieser junge Doktor verkehrte bald bei mehreren Professoren und mit ihrer Hilfe noch weiter oben. Er glänzte nicht weniger auf Faschings- oder Sommerfesten, als bei den ernsteren Veranstaltungen der kunst- und bildungsbeflissenen Jugend.
Aber in seinen beiden elegant möblierten Parterrezimmern, wo der Lebenskämpfer unbeachtet nur die bescheidenste kalte Mahlzeit aß, streifte er sogleich seinen gutgeschnittenen Rock ab, und in alten, engen Schülerkleidern, die Stirn in Falten, rechnete er und zog die Bilanz. Die glühenden Wangen der Mädchen, die sich hatten küssen lassen, wurden genau so hoch veranschlagt, wie der Einfluß ihrer Väter reichte. Der kalte Händedruck eines jungen Adeligen wog schwerer. Der Beifall, nachdem wir »Tristan« gespielt hatten, ward auf seinen praktischen Gehalt untersucht. Wie viele Beziehungen hatte der Sommer uns eingetragen, wohin führte jene Einladung auf das Land, welche Aussichten auf offizielle Beachtung eröffnete solch' eine rechtzeitige Heuchelei?
Graf Lannas, »mein Kollege Graf Lannas«, hatte wörtlich gesagt: »Jeder junge Mann, der unsere tatsächlichen Zustände heute richtig beurteilt, darf annehmen, daß irgendwo gewisse Personen, die hierzu in der Lage sind, ein Auge auf ihn haben.«
Langsam und deutlich, vorigen Dienstag sieben Uhr, auf der Toilette. War es dennoch nur so hingesagt? »Am Mittwoch nahm er meine Einladung zum Frühstück an, am Donnerstag kam er. Er schien nicht verwundert, daß es Kaviar gab. Die Bürgschaft auf dem Wechsel verlangte er wahrhaftig von gleich zu gleich. Ich bin felsenfest überzeugt, daß er mich nicht mit ihr hängen läßt. Ein Graf Lannas, Sohn des Botschafters! Früher oder später erfährt es der Vater. Man hat ein Auge auf mich.«
Was nicht hinderte, daß die Bürgschaft den Hals kosten konnte! »Ich bin harmlos wie ein Kind. Was machen sich jene Leute noch aus dem Plebejer, der ihnen gedient hat.« Heiß emporsteigend der Haß gegen die Mächtigen, – aber selbst den Haß übertäubte der durchbohrende Schmerz: Du bist klein, bist abhängig von Wesen, die nach dem Recht der Natur Dir untergeben wären. Du mußt Dich in ihre Art einfühlen, Dein besseres Wissen hat sich auszugleichen mit ihrer Gesinnung, Du verleugnest Dich täglich. Wie lebst Du!
Den Brechreiz aufhalten, sich hinstrecken und die Augen schließen. Da erschien hinter den Lidern der Freund, verloren, ausgemerzt seit Jahren, von fern wie sehr verachtet, – aber träte er jetzt ein, Du fielest auf die Knie. Er würde sein maskenloses Gesicht haben, das die wahren Gefühle furchten, und es würde Reinheit fordern, auch von Dir. »Von mir! Was weiß er von mir. So einer fährt wie ein Tor durch die Welt, er will nichts, ihn brennt nichts, ihn reißt nichts hinab. Den Zwiespalt, worin Verzweiflung und Tod lauern, er sieht ihn garnicht. Der hat es leicht, der ist kein Ehrgeiziger!«
Und der Ehrgeizige neigte sich gegen sein Spiegelbild, diese bestgekannten Züge. Zu solcher Stunde waren sie von Selbstqual vertieft und zurückgesunken unter der breiten gelben Stirn, einer erschlafften Greisenstirn. Die Augen begegneten sich selbst mit bangem Haß. So saß er, und sein Geist durchmaß nun glühend, nun mit Schaudern, Erfolg, Macht und Tod, – bis endlich von allem Irdischen das Beste kam, der Schlaf, so heißgeliebt von einem süchtigen Ich, das sich vergessen darf.
Am Morgen erinnerte er sich dann: »Ich war noch immer nicht bei Lea. Die Bahnfahrt ist kurz, und sie wartet.« Er brach ab. Liebte man denn eine erfolglose Schauspielerin?
Dann also hinaus unter Menschen, heiter und nützlich sein, und gefallen. Schön gelenkig, auf den Händen durch das Zimmer! Einem so gewandten jungen Mann sieht niemand das Gesicht an, das er gestern zur Nacht hatte. Fratzen vor dem Spiegel! Das stimmt gelassen. Ist der Anzug einwandfrei in den Augen des Gecken wie des Spießers?
Schon war er unterwegs und in Gang gesetzt, der unbefangene junge Mann namens Wolf Mangolf; – da kreuzte seinen beschwingten Weg der Gedanke an eine unpassend gewählte Kravatte, und nichts half, er mußte nochmals umkehren.
An solchem schönen Septembertag begegnete er einem gewissen Kurschmied, einem unbeträchtlichen Bekannten. Mangolf wußte zuerst nicht einmal, wo er den geringelten Blondkopf schon gesehen habe. In der Umgebung eines Stadttheaters offenbar. Ganz recht, bei Lea. Ein Kollege, der ihr seine Verse vorlas. Aussichtsloses Mittel, ihr die Besinnung zu rauben.
Dieser Kurschmied überbrachte Grüße von ihr, und zwar in einer betretenen und anzüglichen Art. Es sollte bedeuten: »Sie ruft nach Dir, warum kommst Du nicht. Ich, der ich sie ehrlicher liebe als Du, habe von ihr den Auftrag, Dich zu holen. Da bin ich mit meinem tragischen Weh, was sagst Du.«
Mangolf nahm ihn einfach auf die Oktoberwiese mit, zur Erheiterung im Glanz der Buden, Karussells und Bierhallen. Zwei launige Maler waren noch dabei, ein reicher Junge, und dann Graf Lannas. Frauen fehlten, der Reiche bemerkte es schmerzlich, indes er um zwei Köpfe höher als Andere, dort oben sein Monokel einklemmte. Da stürmte er langbeinig in das Gedränge. Die Musik, von allen Seiten zusammendröhnend, verschlang seinen Schlachtruf, aber es war klar, er hatte ein Weib gesichtet. Die Übrigen folgten, Kurschmied immer bei Mangolf, immer beflissen für den Bevorzugten, als sei es ein Vorgesetzter.
Endlich zeigte es sich, was der Reiche vorhatte. An einem großen, wild flirrenden und brüllenden Karussell vorbei stürzte er sich hinter eine Budenreihe und auf ein nichts ahnendes Geschöpf. Es stand in kurzen Flitterröckchen, hielt frierend ein armes Tuch am Hals zusammen und erwartete irgendwen, zwischen Latten und flatterndem Sackleinen, an der Kehrseite des Festglanzes.
Die Freunde des Reichen ließen ihn gewähren, von drüben aber nahte schnell und sicher eine gedrungene Gestalt, befreite kurzer Hand das Flitterröckchen und ging mit ihm ab. Unter einer Lampe waren sie zu sehen, sie hatte viel rotes Haar, er aber ein überaus entschlossenes Profil. Hiebei ließen die Herren es bewenden, nur Mangolf nicht. Er verlor absichtlich die Anderen. Kurschmied freilich war unverlierbar, Mangolf mußte sich ihm halbwegs anvertrauen. Jener Mann – es beunruhigte ihn, ob es wirklich ein alter Bekannter sei. Nicht, daß er, unter solchen Umständen, die Bekanntschaft zu erneuern wünschte. Kurschmied werde es verstehen.
Kurschmied verstand noch mehr. Sein schonender Ton besagte, er ahne Hintergründe. So suchten sie gemeinsam rund um das große, wild flirrende Karussell und auf den dunklen Rückseiten nach Claudius Terra.
Aber einmal, in der Helligkeit der größten Budengasse, begegnete der Freund ihm wirklich. Während Kurschmied in der Menge suchte, sah Mangolf den Freund dort hinten durch einen freien Kreis schreiten. Halstuch und helles Jäckchen, die Hand in der Tasche der schwarzen Hose, heruntergekommen, aber den Kopf im Nacken. Mangolf wußte, der ablehnende Blick des Freundes habe ihn schon gestreift, er werde nicht mehr hersehen, so konnte er ihn lange betrachten. Im Betrachten aber ward sein Ausdruck demütig, – und als er dessen bewußt ward, war es zu spät; Kurschmied stand da und nickte, als wisse er alles.
Worauf Mangolf ihn kurz entließ und seiner Wege ging. Wer wollte sich zwischen ihn und Terra drängen! Er suchte den Rest des Tages nach ihm, wo er hinkam, gespannt, wie zum Zweikampf. Er lehnte es ab, Auskünfte einzuholen; von ihm selbst, aus eigenem Mund, wollte er wissen, auf welcher schiefen Bahn der Freund begriffen sei, wohin das ungebundene, ehrgeizlose Leben führte. Terra hatte ihn erblickt; er war nicht der Verräter, ihm dauernd auszuweichen.
Am Abend in der Kneipe ging die Tür auf, – er stand da. Mangolf hatte gerade einen Witz gemacht. Aus seinem Erfolg heraus begrüßte er Terra wie einen Erwarteten, aber gönnerhaft. »Gottlob«, dachte er dabei, »er hat sich anständig angezogen.« Terra ließ sich mit Selbstbewußtsein und einer gewissen Strenge die Gesellschaft vorstellen, den Grafen Lannas, den reichen Pilz, die beiden Maler und Kurschmied. Zeremoniös, unter scharfem Mienenspiel erkundigte er sich bei dem Grafen Lannas nach dem Befinden seines Herrn Vaters. Ob er ihn kenne? – »Aus seinen Taten«, sagte er klangvoll durch die Nase – und wandte sich an den reichen Pilz, dessen Millionen er auch schon kannte. »Die Seifen Ihres Herrn Vaters werden teurer, was ist denn da geschehen«, bemerkte er, machte aber sogleich die beiden Maler darauf aufmerksam, daß ein Nachbartisch sich offenbar für ihre berühmten Gesichter interessiere. »Es geht vorwärts«, sagte er und zog die Brauen hinauf.




