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Den Schauspieler Kurschmied, der ihn unverwandt musterte, übersah er. »Nun zu uns Beiden«, verhieß er und trank Mangolf zu. Das Trinken geschah ausführlich, mit kostenden Lippen und in besonders energischer Haltung. Wo hatte er es gelernt, mit Menschen so umzuspringen? Und sah er nicht, daß er auffiel? Mangolf stellte beunruhigt fest, daß die beiden Maler ihn schon karikierten; mit dem rötlichen, geteilten Bart, den er sich hatte wachsen lassen, seinen feurigen schwarzen Augen, dem Mund, dessen Winkel die Tatkraft förmlich ballte, – und alles doch nur das Gesicht eines Halbzwergen, der sich angestrengt größer macht.
Nach beendigtem Trinkakt erhob Terra das Glas nochmals gegen den Mittrinker, setzte es liebevoll hin und fragte mit plötzlich betonter Wiedersehensfreude:
»Womit, mein lieber Wolf, hast Du Dir also die Zeit vertrieben?«
»Wenn dies das entsprechende Wort wäre, dann, scheint es, hättest Du mehr zu berichten«, erwiderte Mangolf.
»Ich habe mir nicht die Zeit vertrieben«, sagte Terra; und hell trompetend: »Ich habe mich blamiert.«
»Du faßt die Blamage als Beruf auf?«
»Was könnte ein junger Hund, sofern er nicht schwachsinnig zur Welt gekommen ist, in ihr sonst tun, als sich blamieren.« Weiter, zu Kurschmied: »Wir sehen uns nicht das erste Mal, mein Herr.«
»Es wäre möglich.« Kurschmied wechselte mit Mangolf einen besorgten Blick. Terra fing ihn ab, worauf er sich, von der Vorfreude gehoben, an Pilz wandte. »Auch wir kennen uns. Die junge Dame, die Sie hinter einer Budenreihe des Volksfestes Ihrer Verehrung versicherten, verdient sie auf mein Wort. Sie hat eine Haut, so blendend, daß die Schlange, womit die Dame sich berufsmäßig umwickelt, im Schillern es mit ihr nicht aufnimmt. Schwarze Fingernägel stören Sie bei einer Frau nicht?«
Der Reiche verneinte es sachlich. Graf Lannas fragte nachlässig: »Sind Sie beim Varieté, Herr –?«
»Terra.« Und stotternd: »Herr Graf schmeicheln mir. Obwohl ich mancherlei Berufe –«
Sogar die Maler, die aufhörten sich anzustoßen, sahen mit Staunen, wie wehrlos jener Mensch war, sobald einer seinen Angriffen zuvorkam. Schon aber setzte Terra sich zurecht. Lannas begegnete seinem Blick nicht, – obwohl es immer ungewiß war, wohin die Augen des jungen Edelmannes, undurchsichtige Augen vom Glanz der Halbedelsteine, zielten. So blickte Terra von Lannas zu Mangolf; er begann feierlich:
»Mein verehrter Herr Graf! Ihr verehrter Herr Vater –«
»Was wollen Sie nur immer mit meinem Vater.« Der Edelmann zog vor dem unzarten Menschen die Schultern zusammen, als ob es ihn fröre.
»Ist mir der unwiderlegbarste Bürge Ihrer großen staatsmännischen Zukunft.« Gedämpft aber scharf: »Der Graf ist im Begriff, Minister zu werden.«
Der junge Lannas zuckte zusammen, bei der Nennung des streng behüteten Familiengeheimnisses. Er überzeugte sich, ob Mangolf gehört habe. Mangolf sah peinlich berührt aus. Terra, der nur darauf los behauptet hatte, ging sogleich daran, seine jetzt erworbene Vertrauenswürdigkeit auszunützen.
»Eben darum wagt meine obskure Wenigkeit es. Ihnen den Gedanken nahe zu legen, daß Sie es nicht eilig haben. In Ihrem Wesen, Ihrer Erscheinung macht sich selbst dem Uneingeweihtesten jene besondere und, das Wort sei erlaubt, verhängnisvolle Glut bemerkbar, die auf Erden nun einmal nur beim Theater ihre geeignete Verwendung findet.«
Wobei er die korrekte Gestalt des jungen Edelmannes ehrfurchtsvoll erstaunt überblickte. Die anderen bekamen hierauf neugierige Mienen, sogar Mangolf. Terra beachtete dies nicht. Er zog sich, als habe er die gräfliche Aufmerksamkeit schon zu lange mißbraucht, mit Zartgefühl ein wenig vom Tisch zurück.
Unvermittelt überkam ihn nochmals die Wiedersehensfreude, er trank wieder dem Freunde zu. Der Freund suchte zu erraten, welches neue Unheil bevorstehe, da kam schon die Frage: »Wann warst Du das letztemal bei meiner Schwester?« Und bevor Mangolf eine unanstößige Antwort geben konnte: »Meine Schwester befindet sich in einem öffentlichen Hause«, – klar und zu allen. Mangolf griff ein. »Der Witz ist gut. Auch ein Stadttheater ist mehr oder weniger ein öffentliches Gebäude.« Worauf die Mienen Erleichterung ausdrückten. Graf Lannas zeigte sogar Teilnahme.
»Hat Ihr Fräulein Schwester Talent? Glauben Sie, Herr, Pilz solle das Theater gründen, von dem er immer spricht? Ist ein Theater ein gutes Geschäft? Würden Sie die Leitung übernehmen und vielleicht auch Ihr Fräulein Schwester engagieren, falls sie Talent hat?« – wobei der junge Herr die Schultern zusammenzog.
Terra beantwortete diese hilflosen Fragen wie ein Vater. Er unterrichtete die Herren über die laufenden Gründungspläne, verriet ihnen einen erstrangigen, von Niemand noch erkannten Bauplatz und stellte sich ihnen persönlich zur Verfügung. »Was meine Schwester betrifft, ein pompöses Weib, werde ich mir erlauben, sie den Herren bei der ersten Gelegenheit hierselbst vorzuführen.« – »Ah!« machte der reiche Pilz und lebte auf.
Unverzüglich wollten die beiden Maler nach den Angaben Terras die Pläne entwerfen für das künftige Theater. »Ich glaube doch, Herr Mangolf wollte Ihnen noch einen Witz erzählen«, sagte Terra teuflisch. Aber Mangolf und Kurschmied, an dem Zeitvertreib unbeteiligt, setzten sich weiterhin, im schon geleerten Lokal – Mangolf schweigsam und gelb. Er sah gramvoll vor sich hin, sein plötzlich gealtertes Gesicht bebte leise.
»Ich verstehe Sie«, begann Kurschmied; und auf einen fremd fragenden Blick: »Welche Enttäuschung erleben Sie an Ihrem Jugendfreunde.« Zufolge einer Bewegung Mangolfs: »Sie wollen nicht, daß man es sieht, aber ich sehe alles. Ihr Freund macht seine Geschäfte auf Ihre Kosten«.
»Wer weiß«, sagte Mangolf, »ob im Grunde nicht mehr vorgeht, als eine einmalige Fopperei.« Er runzelte die Stirn, weil er bereute, laut gedacht zu haben, und lenkte ab.
Als Mangolf dann aufbrach, erhob sich auch Terra. »Meine Herren, so sehr ich Ihre vielversprechende Leidenschaft noch weiter mit meinen schwachen Talenten zu unterhalten wünschte, hier ist mein Freund. Wir entbehren einander seit Jahren. Trennen Sie uns an diesem ersten Abend nicht!«
Und er nahm den Arm seines Freundes, um mit ihm fortzugehen.
Der Freund sagte: »Du bist mitteilsamer geworden. Ich wollte nicht sagen: zynischer.«
»Das Meiste hab' ich allerdings schon mitgemacht.«
»Mit der Frau von drüben? Ihr habt euch in der Welt umgesehen?«
»Sie hatte besseres zu tun. Statt ihrer sahen sich zwei volle Dutzend jener Damen, deren Urtyp sie war, in meinem Hirn und meiner Tasche um. Ich hatte alle Hände voll zu tun. Und Du, mein lieber Wolf?«
Da bekannte Mangolf, plötzlich vertraulich wie einst, was ihm der Ehrgeiz sei. Kein Drang, sich zu versorgen und groß dazustehen. Eine Leidenschaft, dem Gelichter unbekannt, aber wirkend aus geheimer Tiefe, und darum in steter, geheimnisvoller Verbindung mit dunklen Kräften. »Man hat ein Auge auf mich.«
Terra blies durch die Nase und schwieg. Von der Seite stellte er fest, der Freund habe gerötete Backenknochen. »Darauf möchte ich Dir vorschlagen, eine gute Flasche Wein zu trinken«, sagte er zeremoniös wie bei einer ersten Vorstellung.
Mangolf war nicht geneigt, länger aufzubleiben, immerhin begleitete er Terra noch ein Stück Weges nach seiner erstaunlich abgelegenen Wohnung. Terra fragte: »Sollte Dir der Abenteurer Wiborg aus seinen Taten bekannt sein?«
»Wenn Du mich als Juristen fragst.«
»Er war mein Lehrer. Ein teurer Lehrer, aber es hat sich gelohnt. Dank seinem praktischen Unterricht stehe ich den verschiedenartigsten Zumutungen des Lebens nicht mehr mit solcher gottverdammten Hilflosigkeit gegenüber. Ich finde mich in Palästen und Spelunken zurecht. Dabei fällt mir ein, daß Du mich heute in einer Verkleidung gesehen hast.«
Indes Terra für seinen Aufzug von Nachmittags eine verblüffende Erklärung gab, bedachte Mangolf, daß sie schon wieder nicht fern von dem Festplatz seien. »Todmüde, und weit und breit kein Wagen – nimm mich mit auf Deine Bude!«
Hiegegen sträubte sich Terra, mit Gründen, die nicht überzeugten. Zum Schein machte Mangolf sich auf den langen Heimweg. Er wartete aber unter dem Hause gegenüber, bis bei Terra das Licht ausging, dann läutete er gegenüber, schlief in einer Pension, und am Morgen rief er Kurschmied herbei. »Lieber Kurschmied, hier stimmt etwas nicht, man hält mich zum Besten. Ich würde schweigen; aber Ihre Teilnahme gestern Abend schien ehrlich. Sie haben Ihren photographischen Apparat mit?«
Als Terra das Haus verließ, war er in dem Aufzug wie gestern. Sie folgten ihm, – wahrhaftig, auf die Wiese ging er. Mangolf, dem erschütternde Zusammenhänge aufdämmerten, sprach kein Wort. Hinter dem großen, flirrenden und dröhnenden Karussell, wie ausgelöscht von der Übermacht seines Glanzes, drehte sich ein Kleines. Sie waren immer daran vorbeigegangen, nicht einmal seine Musik war zu hören, in dem Gebrüll der anderen. Dort hinauf sprang Terra, während es sich drehte, sprang drinnen wieder ab, sprach mit dem zerlumpten Buben, der den Sammelteller hielt, und stellte sich statt seiner selbst hin.
Das Karussell lief ab, der Knabe ging, die zuschauenden Kinder anzulocken, Terra ermunterte die Mädchen. Als alle Mitreisenden bezahlt hatten, setzte er das bescheidene Musikwerk in Bewegung, und der hölzerne, grell bemalte Zauber nahm von neuem seinen Lauf. Die Kinder in einem heftig schaukelnden Postwagen machten eine bewegte Reise, der Junge auf dem Schimmel fühlte sich als General, und die Mädchen, die der goldene Schlitten trug, lebten, wenn auch die Hände ihrer Liebhaber ihnen um den Leib lagen, in einer Wirklichkeit, die nicht weniger trügerisch war. Dem Allen sah Terra zu, stand in der Mitte und verteilte es sozusagen – flüchtiges Glück für arme Menschen, denen übrigens nicht zu trauen war; hier aber drehte er sie, teuflisch lächelnd, um seine eigene Person.
Er lächelte zeitweilig mit einem Hohn, der an Irrsinn erinnerte; Mangolf und Kurschmied traten unwillkürlich näher zu einander. Dann aber bekam er ein Vatergesicht, sah gutmütig dem Traum nach, der seine Kinder entführte, um schließlich, indes das Karussell schon langsamer ging, als der gewöhnliche Aufpasser an seinem Posten zu stehen, plump, schofel und mit Geschäftsmiene.
Das Karussell hielt ganz, keine Musik mehr, da hörte Mangolf neben sich das Knipsen. »Sie haben ihn auf der Platte?« – »Ihn und seinen Betrieb.« – »Dann gehen wir.«
Aber jetzt brach durch die Menge das Mädchen mit dem Flitterröckchen. Ein karierter Mantel verdeckte heute das Röckchen, und zu dem alten Mantel paßte nicht der gepuderte Kopf, mit dem reichen roten Haar. Sie sprang entschlossen auf das Karussell, drüben half Terra ihr ritterlich, abzusteigen. Er ließ den Jungen allein einsammeln und führte sie nach der Mitte, in den bunt bewimpelten Verschlag aus Holz und Segeltuch. Da er die Tür schloß, sagte Kurschmied: »Wir müssen durch das Fenster sehen, steigen wir auf den Elefanten!«
Sie saßen droben und drehten sich schon, da ging durch das Volk hinter ihnen ein hörbarer Ruck. Geschrei, – und gegen das Karussell her wälzte sich etwas, zwei starke Männer, in Trikots aus ihrer Bude entwichen. Einer wollte den andern verhindern, aufzuspringen. Inzwischen erlangte das Karussell seine volle Geschwindigkeit, sie wurden fortgeschleudert und trollten sich, einander beschimpfend.
In dem Verschlag ward Geld hingezählt, man sah Hände auf dem Tisch. Nur Teile ihrer Bewegungen erfaßte man im Vorbeisausen; welche Hand gab, welche nahm? Kurschmied war dennoch seiner Sache sicher. »Er läßt sich von dem Mädchen bezahlen«, sagte er empört. »Das hätte ich denn doch nicht von ihm gedacht.« Hierzu schwieg Mangolf.
»Jetzt können Sie verschwinden«, bedeutete er kurzer Hand dem Schauspieler, als sie standen; und Kurschmied, enttäuscht aber gefaßt, verschwand.
Aus dem Verschlag trat das Mädchen, eine Hand hatte sie noch drinnen bei dem Mann, vielleicht an seinem Mund, vielleicht um seinen Hals. Sie sah schon von ihm weg, ihr Gesicht trug noch die Leidenschaft der Umarmung und schon die Angst des Abschiedes. Sie zog die soeben geliebkoste Hand an sich, an ihr Herz, und ging hinaus in das Leere. Aber schon an der nächsten Ecke ward sie erwartet von dem einen der starken Männer, einem gelben Menschen, der im Zustand der Ruhe, mit schlotterndem Trikot, nicht mehr stark, nur noch krank aussah. Er nahm sie sorgenvoll in Empfang, er zog, ängstlich verhandelnd, mit ihr ab.
Mangolf sagte eindringend: »Du bist entlarvt.«
»Wer sagt das!« rief ihm Terra, fast gleichzeitig, entgegen. Er war hochrot, er nahm eine Zigarette und paffte aus verzerrtem Munde. Ebenso plötzlich entspannte er sich wieder. »Nimm Platz, mein lieber Wolf!« und er wies auf eine Kiste.
Dann: »Dein bewährter Scharfsinn läßt Dich natürlich nicht einen Augenblick im Zweifel über Wesen und Bedeutung meiner öffentlichen Stellung. Die Menschen richtig lenken, wie sie es gewohnt sind, nämlich im Kreise; sie in Bewegung setzen, berauschen, beschwindeln, ihnen ihr Geld abnehmen und sie zum Teufel schicken: – tu' als Staatsmann mehr für sie, wenn Du kannst! Oder bin ich ein Dichter?«
»Mit geringeren Kosten«, sagte Mangolf, die Mundwinkel gesenkt. »Wo willst Du hinaus, mit Deiner unheimlichen Spielerei?«
»Mich hat das Leben gleich bei meinen ersten Gehversuchen dafür bestraft, daß ich es ernst nahm. Gott in seiner Güte bewahre mich davor, daß ich dem Leben je noch einmal auf den Leim krieche.«
Um sie her klingelte das Karussell. Jauchzen kreiste zur Musikbegleitung.
»Du entgehst ihm nicht. Komm wieder in die Welt mit! Es ist feige, dem Leiden auszuweichen«, sagte der Freund von unten, auf seiner Kiste.
»Gott hat mir die unvergleichliche Gabe versagt, unter meiner eigenen Schlechtigkeit so leiden zu können, als sei sie der ganze Schmerz der Welt.« Mit eherner Stimme sprach Terra. Der Freund aber, von unten:
»Das Mädchen, das hier war, sah nicht aus, als dächte es wie Du. Der ist es ernst.«
»Sie ist tausendmal wertvoller als ich«, sagte Terra durchdrungen. »Einzig mit Demütigen läßt es sich auskommen. Meine Verbindung mit dem Leben der Menschen sind die Töchter des Volkes, besonders die Rothaarigen.« Unvermittelt bekam er zornige Augen. »Kannst Du den Haß verstehen, dessen Menschen fähig sind? Warum lastet er so furchtbar auf mir? Ich trage diese Maskerade«, er berührte seine Kleider, »weil ich vorübergehend ohne größere Barmittel bin. Sie sehen es mir an, daß ich für eine solche Verfassung nicht gedacht war; das ist Grund genug für ihre teuflische Bosheit, sich zu belustigen, wo immer sie meiner ansichtig werden.«
Mangolf stutzte. »Irrst Du Dich nicht?« Terra sah ihn scharf an. »Als wäre es bei Euch in der Kneipe anders gewesen. Der ganze Theaterplan war eine Erfindung der Deinen, um mich im Atem zu halten und Euch etwas zum Lachen zu geben.«
»Mich dünkt doch –«. Aber Mangolf stockte. Die Augen Terras waren gerötet, und sie flackerten. Das Gesicht hatte seine ganze Zucht verloren. In diesen Zügen wankte der Wille.
Da sagte Mangolf gesenkt, und nun selbst erhitzt: »In der Kneipe trugst Du freilich bessere Kleider. Aber der Grund weshalb sie uns hassen, sind nicht unsere ärmeren Kleider, es ist unser reicherer Geist.«
Terra, auch gesenkt: »Sie zwingen uns, da sie uns unterdrücken wollen, herrschsüchtig zu sein.«
»Wir haben den Trieb, zu herrschen«, blies der Freund ein. »Habe Erfolg!«
»Ich sträube mich noch«, gestand Terra ganz leise. »Ich will noch rein bleiben. Aber als ich unlängst von dem Bankrott meines Vaters erfuhr, den ich doch leidenschaftlich ersehnt hatte, da hat mich zu meiner ewigen Schande das Entsetzen gepackt, daß ich nun also ganz im Ernste ein Deklassierter sei.«
Der Freund nickte. Wo waren eherne Stimme und überlegene Vernunft, wo auch das Mißtrauen beider. Eine Wolke verdunkelte das Fenster, in dem engen Verlies sahen sie ihre Gesichter nicht mehr. Jeder für sich litt köstlich unter seiner tiefen Ähnlichkeit mit dem andern.
Draußen war es vorbei mit Jauchzen und Musik, ein Streit brach aus, Terra mußte dazwischentreten. Als er zurückkam, hatte er nur den einen Gedanken, sich zu rächen für den Augenblick der Selbstentblößung. Aber Mangolf kam ihm zuvor. »Hat das Mädchen Dir nicht, als sie hier war, Geld gegeben?«
Terra wankte wie von einem Stoß. Er stotterte lange, verzerrte das Gesicht, brachte aber dann klar geformt hervor:
»Ich muß es bekennen, da ich nun doch einmal von Dir durchschaut bin. Ja, Dein Jugendfreund ist ein so tief gesunkenes Subjekt, daß er nur noch von dem Schandgeld einer Dirne sein bejammernswertes Dasein fristet.«
Mit stark übertriebenem Ausdruck. Der Freund fragte sich: Was will er. Terra aber beruhigte ihn: »Deine tiefe Seelenkenntnis kann an der Echtheit meiner Zerknirschung unmöglich zweifeln.« Worauf Mangolf gehen wollte. Jetzt aber kam Terra mit seiner Überraschung. »Gibt es hienieden einen mildernden Umstand für meine Verworfenheit, dann suche ihn bitte einzig in der feststehenden Vernunftwidrigkeit des Lebens, die grade einen Mann wie mich zum politischen Agenten ausersehen mußte.«
Da Mangolf ihn nur ansah:
»Das würdest Du nicht denken, wenn Du es um mich her klingeln und jauchzen hörst. Eben dies aber –« er flüsterte durchdringend – »wünschen die Herren, die hinter mir stehen. Es lenkt ab, es schläfert den Argwohn ein. Man kommt in vertrauter Begleitung, man fährt im Kreise, und ahnt nicht, daß an verborgener Stelle ein Bericht einläuft. Hier stellt das geheime Wesen unseres deutschen Staates mit seinen tiefen Beziehungen zu der Weltenunvernunft sich bildhaft dar. Jeder Einzelne, so frei er seine Schritte zu lenken glaubt, gilt dem unsichtbaren Auge, das ihm folgt, nur gerade, insofern er brauchbar scheint.«
Mangolf, mit gefalteten Brauen und gesenkten Mundwinkeln, wandte sich schon ab, da brachte Terra ihn nochmals zum Stehen. »Mache die Probe! Ich verrate zu viel, ich tue es um Deiner Achtung willen. Geh' ins Hotel Karlsbad, sieh die Tafel beim Portier nach großen Herren durch. Du findest keinen, Du wirst hören, auch angemeldet sei keiner. Morgen aber um fünf –«
Terra betonte alles.
»Punkt fünf kannst Du durch die Halle den Höchsten Deiner geheimen Gönner schreiten sehen.«
Terra sah ihm bezwingend in die Augen, ein Schauer überlief Mangolf.
»Daß Du ihn nicht ansprichst!« flüsterte Terra. »Alles wäre verloren.«
Mangolf wartete noch, er hob die Schultern, wollte etwas hervorbringen, – aber dann ging er wortlos, wie verzaubert, durch eine große Stille von dannen.
Terra, völlig aufgeheitert, setzte sich händereibend vor seinen Verschlag. Der Junge brachte ihm das Mittagessen und lief weiter. Der Festplatz stand für eine Stunde leer, das große Karussell sogar hatte sein Flirren und Dröhnen eingestellt. Aber die schwüle Luft roch weiter nach Menschen.
Terra stellte grade den Topf weg, da vernahm er ein Schnaufen, und hinter ihm ward der hölzerne Boden erschüttert. Er sah sich um. Verdammt, der Athlet! Der Stärkere der beiden, sein Feind! Terra gab sich eine eherne Maske, er wartete. Der starke Mann kam schaukelnd herbei, jeder Schritt ein schweres Ereignis. Er schnaufte nicht nur vor Hitze, auch von den Vorsätzen, die in seiner Miene standen. »Jetzt wird Schluß gemacht«, sprach er aus. »Du gibst Ruhe oder –«
»Nehmen Sie eine Zigarette?« fragte Terra kalt. »Übrigens wen meinen Sie? Ich bin mir nicht bewußt –«
Der starke Mann nahm plötzlich seinen Hut ab. Als Terra ihn eingeschüchtert sah, wies er leutselig auf einen Stuhl. Gehorsam setzte sich der starke Mann. »Herr Hähnle«, begann Terra. »Sie sehen, Sie sind mir nicht fremd. Ich kenne Sie durch Ihren Freund Schunk.«
»Schunk ist mein Freund nicht«, murrte Hähnle, mit verhaltener Kraft. »Ich kann ihn nur nicht loswerden.«
»Das ist eben Freundschaft, Herr Hähnle.«
»Fein reden kann ich nicht« – immer verhalten. »Ich rede gradezu. Sie sollen dem Schunk kein Geld mehr geben, Herr.«
»Ich gebe ihm keins.«
»Wem Sie es geben, ist gleich. Er kriegt es.«
»Er ist ein kranker Mann, er macht schlechte Geschäfte.«
»Wer krank ist, soll fort«, entschied Hähnle, »und mir das Brot nicht nehmen.«
»Sie sind Darwinist, wie ich sehe.«
»Witze mag ich nicht« – immer verhalten, aber mit rotem Kopf. »Der Schunk und ich haben früher das Geschäft zusammen gehabt. Ich hab' ihn auch behalten, als er krank wurde, und ringen mußte er nicht mehr im Ernst, wir taten nur so. Ist das ein Freund, der mir fortläuft mit einem Mädchen?«
»Das Mädchen ist der springende Punkt«, bemerkte Terra. Hähnle hielt es wohl für einen Witz. »Springen Sie selbst!« brüllte er entfesselt und trat Terra auf beide Füße. Terra sprang wirklich, dann brach er sogar in die Knie. »Hund!« brüllte Hähnle, »gibst Du dem Mädchen kein Geld mehr?«
Terra schützte mit dem gebogenen Arm sein Gesicht; hinter dem Arm sagte er fest: »Es steht vollständig in meinem eigenen Belieben.«
»Das sollst du nicht noch einmal sagen«, – womit Hähnle ihn auch schon bei den Schultern hatte. Er schickte sich an, sie gegeneinander zu drücken, daß nichts übrig blieb. Terra fühlte seine Sinne schwinden, da rief eine weibliche Stimme »Achtung!« – und Hähnle mußte wohl unterbrochen sein, er ließ sein Opfer und machte einen Satz. Terra sah sich um nach der weiblichen Stimme. Ein junges Mädchen stand auf dem Karussell, zwischen dem Löwen und dem Kamel, ihr gestreckter Arm hielt einen kleinen schwarzen Revolver.
Hähnle zog sich ehrerbietig zurück. Bei dem Boden des Karussells angelangt, machte er noch einen Satz, war hinüber und verschwand laufend. Terra bemerkte auf einmal, daß er selbst, auf seine Hände gestützt, an der Erde sitze und den Mund offen halte. Er schloß ihn, stand auf und säuberte sich, mit Bewegungen, die ihn verstecken sollten. »Verdammt, eine junge Dame hat meine Feigheit vor dem Feind mitangesehen!« Er beeilte sich nicht; vielleicht war sie jetzt schon fort? Ach nein, sie hatte noch eine zweite dabei, und beide lachten. Es blieb nichts übrig, er machte mitten in seiner runden Arena eine tiefe Verbeugung und sagte schon im Näherkommen, großartig und munter zugleich: »Gnädigste haben mir gradezu das Leben gerettet.«
Bei seiner Ansprache stutzte die Person, errötete und äußerte eine Art von Entschuldigung, wobei sie ihn aber prüfte. Er seinerseits hatte einen ungünstigen Eindruck: die Nase zu lang, und das anmaßende Lachen. »Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen«, sagte er umso förmlicher. »Darf ich Sie bitten, anzunehmen, was meine Hütte bietet.«
»Was bietet sie denn?« – so spöttisch, daß es anzüglich klang. Er aber, ohne Übergang frech: »Eine Freifahrt.« Da bekam sie ein Gesicht, verlegen wie ein Kind. Er sah erst jetzt, wie jung sie war. Augenscheinlich hatte sie Lust und wagte nicht. »Kommst Du mit?« fragte sie die andere, in deren Miene Bedenken standen. Terra mißbilligte die andere, weil sie störte, im übrigen verdiente sie keine Beachtung.
»Steigen wir ein!« rief seine Dame tapfer. »Meiner Freundin wird es schwindlich. Lisa, Du holst mich dann ab.«
Sie saß schon in dem Schwanenschlitten, Terra setzte das Karussell in Gang und blieb, peinlich besorgt, sich nichts zu vergeben, in der Mitte stehen. »Nun?« rief sie, im Vorüberfahren. Da sprang er hinauf zu ihr, wie ein Wilder. Sie wich doch in die andere Ecke, – wo seine Blicke sie verschlangen.
Denn sie hatte dunkle Augen zu dem hellen Haar, und noch die ersten frischen Farben, obwohl so geistreiche Augen. Da war es hinzunehmen, daß ihre Gestalt noch unreif wirkte. Die Nase, die Spott ausdrückte, ward ausgeglichen von den Augen. Merkwürdige Augen, was hatten sie? »Wie kommen Sie hierher?« fragte die junge Dame. Er bemerkte unruhig: sie hatten Strahlen in der Pupille, sie hatten schwarzgeränderte Lider. Jetzt schlossen sie sich halb und sahen aus wie ein glänzender Witz. Hatte die Dame etwas gefragt?
»Auf Umwegen«, antwortete er.
»Ich auch«, sagte sie, und von ihren Augen ward damit viel gesagt. Aber was konnte es schon heißen. Er vermutete:
»Wohl geradeswegs vom Elternhaus? Es steht etwa auf einem ländlichen Pfarrhof, sagen wir an der Elbe?«




